Skip to main content

Full text of "Seekriege und Seekriegswesen in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts"

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



LMU 



h 



Harvard Law Library' 

Itecsi«»» StP2I 1927 




iTi«a n, " 



Michael de Ruyter. 



Seekriege 
und Seekriegswesen 



GC 



in ihrer 



weltgeschichtlichen Entwicklung 



Mit besonderer Berücksichtigung der grofsen Seekri^e 

des XVII. und XVIII. Jahrhunderts 



von 



Rudolph gittmeyer 

Kontre-Admiral z. D. 




Erster Band 

Von den Anfängen bis 1740 

Mit zahlreichen Porträts, Abbildungen und Skizzen 



^ <•» ^ 



1907 

Ernst Siegfried Mittler und Sohn 

Königliche Hofbuchhandluni; 



AUe Rechte aus dem Gesetz vom 19. Juni 1901 
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten. 



SCP 2 1 1927 



Vorwort. 




^ t^^^^ ^^ Literatur über Seekriegsgeschichte ist in deutscher Sprache 

sehr gering. In fremden Sprachen ist sie reichhaltiger und 
besonders in den letzten Jahren angewachsen. Aber auch 
J hier gibt es kaum ein Werk, das die gesamte Seekriegs- 
geschichte behandelt. Es sind Geschichten der einzelnen Marinen, Lebens- 
beschreibungen berühmter Seeleute, Bearbeitungen einzelner Kriege, Be- 
trachtungen über das Wesen und die Bedeutung des Seekrieges an der 
Hand einzelner Kriege oder kriegerischer Ereignisse; Arbeiten der letzten 
Art finden wir jetzt auch häufiger in Deutschland. 

Als Sammelwerk besteht nur das des französischen Autors du Sein: 
„Histoire de la marine de tous les peuples", in dem zwar alle Kriege und 
ihre wichtigsten Ereignisse aufgenommen sind, jedoch mehr aufzählend, 
nur selten genau beschreibend. Ein ähnliches Werk, Randaccio: „Storia 
navale universale antica e modema" ist noch kürzer gefaßt. 

Ein vollständigeres derartiges Werk habe ich besonders während meiner 
Tätigkeit als Lehrer der Seekriegsgeschichte an der Marine-Akademie sehr 
vermißt. Auch sonst ist der Mangel empfunden worden. So griff ich gern 
die mir im Jahre 1898 von seiten der Inspektion des Bildungswesens der 
Marine zu teil gewordene Anregung auf, eine allgemeine Geschichte der 
Seekriege zu verfassen. Um so mehr wuchs mir die Arbeit ans Herz, als der 
Herr Staatssekretär des Reichs-Marine- Amts, Admiral v. T i r p i t z , der Ver- 
wirklichung des Planes, von seiner Nützlichkeit überzeugt, lebhaftes Interesse 
und wertvolle Förderung schenkte. 

Eine Seekriegsgeschichte aller Völker und aller Zeiten würde eine Arbeit 
erfordert haben, die nur in langen Jahren von einer Person zu bewältigen 
gewesen sein würde. Deshalb habe ich mir in dem vorliegenden Buche engere 
Grenzen gesteckt und die Hauptaufgabe gestellt, die großen 



IV Vorwort. 

Kriege der Segelschiffszeit von der Mitte des 17. bis zum Beginn des 
19. Jahrhunderts genauer zu schildern, die von den seemächtigen Staaten dieser 
Zeiten um die Herrschaft auf dem Meere geführt sind : von Holland, England 
und Frankreich. Diese Kriege haben eine große Rolle in der Weltgeschichte 
gespielt und den größten Einfluß auf das Seekriegswesen geübt, denn ihnen ver- 
danken die modernen stehenden Marinen ihren Ursprung und zugleich den 
Antrieb zu ihrer Entwicklung auf allen Gebieten: im Schiffbau, in der Be- 
waffnung, dem Personal und der Taktik. Die Kenntnis dieser Kriege ist 
mithin am notwendigsten, ihre Betrachtung am lehrreichsten. 

Um den Leser in den Stand zu setzen, zu jeder Zeit die Kriegsmittel, 
ihre Gefechtskraft und (auf Grund dessen) die Kriegstaten beurteüen zu 
können, schicke ich jedem Abschnitt eine Betrachtung des Standes 
des Seekriegswesens und jedem Kriege eine Schilderung des jeweiligen 
Zustandes der beteiligten Marinen voraus. 

Bei dem großen Mangel in unserer Literatur erschien es jedoch wünschens- 
wert, sowohl auf die früheren Zeiten zurückzugreifen als auch die kleineren 
Kriege des 17. und 18. Jahrhunderts in die Darstellung mit hineinzuziehen, 
ja die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien von 1588 (der 
Zug der „Armada") bis 1648 schon genauer zu behandeln, weil in 
ihnen eine neue Kriegführung zur See auftritt und durch diese Kriege 
die bisherige Seeherrschaft Spanien -Portugals gebrochen wird. So wird 
das Buch doch gewissermaßen eine Gesamt -Seekriegsgeschichte und ver- 
mag Anregung und Fingerzeige zu Sonderstudien über andere Kriege 
oder Fragen des Seekriegswesens zu bieten. Zu diesem Zweck füge 
ich ein Verzeichnis aller mir bekannten wichtigeren Quellen bei. 

In den Auslassungen über die Entwicklung des Seekriegswesens mußte 
auf Kürzung imd Zusammenfassung besonderes Gewicht gelegt werden, 
so daß Un Vollständigkeiten sich hier nicht vermeiden ließen. Auch ist 
der Anlage des Buches entsprechend die Entwicklung der Marinen nur 
für die drei großen Seemächte genauer durchgeführt, über die der anderen 
Staaten sind nur die notwendigsten Angaben gebracht. 

Um noch größere Nachsicht muß ich in Betreff der Betrachtungen 
bitten, die sich auf die politischen Verhältnisse beziehen. Dem Einfluß, 
den die Seekriege auf die Geschichte gehabt haben, wird in den allgemeinen 
Geschichtswerken kaum je genügend Rechnung getragen, anderseits sind 
in den Werken über Seekriegsgeschichte die politischen Verhältnisse meist 
völlig übergangen; erst in neuerer Zeit ist jene Wirkung der Seekriege 
zum Gegenstand eingehender Forschung geworden, wie vor allem die be- 



Vorwort. V 

kannten Werke des Captain Mahan über den „Einfluß der Seemacht auf 
die Geschichte" bezeugen. Seinem Beispiel folgend habe ich versucht, die 
politischen Verhältnisse, unter denen die Seekriege geführt sind, und ihre 
Folgen klarzulegen; wohl wissend, daß meine Kenntnisse nicht hinreichen, 
hierin Vollkonmienes oder auch nur Neues zu bieten. 

Bei der Bearbeitung der Kriege war ich bestrebt, die Quellenwerke 
— englische, französische und auch holländische — die häufig national gefärbt 
erscheinen, sorgfältig gegeneinander abzuwägen, um ein unparteiisches Urteil 
zu gewinnen; waren Auslassimgen oder Angaben in zwei sonst schätzbaren 
Werken nicht in Einklang zu bringen, so gebe ich sie aus beiden. Außer- 
gewöhnlich hohe Angaben über Stärke und Verluste der Streitkräfte, wie 
sie besonders in den ersten großen Kriegen von einigen Autoren der gegne- 
rischen Seite gemacht werden, schließe ich von der Wiedergabe ganz aus. 

Den zweiten Band, der die Zeit von 1740 — 1815 umfassen wird, hoffe ich 
in nicht zu langer Frist folgen lassen zu können. 

Wenn auch der Inhalt des Werkes in erster Linie allen denen, die in 
enger Beziehung zu maritimen Berufen stehen, Interesse bieten dürfte, so 
geht mein Wunsch doch auch dahin, daß es gleichfalls im .Laien- 
pubhkum, dessen Verständnis für alle maritimen Fragen in erfreulichem 
Wachsen begriffen ist, Aufnahme finden und Belehrung und Aufklärung 
ermöglichen möchte. 

Hannover, Herbst 1906. 

Rittmeyer 

Kontre-Admiral z. D. 



Inhaltsverzeichnis. 



Vorwort III 

^Vichtigste Quellen-Literatur XVIII 

Verzeichnis der Abbildungen XXIX 



Erster Abschnitt 
Altertum und Mittelalter. 

Erstes Kapitel: Das Seewesen Im AHerlum 



Eisleituiig S. 3. — Ausdehnung der Schiffahrt. Nautik S. 4-6. — Schiffe 
im allgemeinen 5. 7-9. — Kriegsschiffe der Phönizier und Griechen S, 9-13. — 
Zur römischen Zeit S. 13-17. — Die Seekriege S. 17-zi. — Kampfweise und 
Taktik S. 31-24. — SchluDbemerkung S. 35. 



Zweites Kapitel: Das Seewesen Im Mittelalter 26—53 

Ausdehnung der Schiffahrt. Die ersten Entdeckungsfahrten der 
Portugiesen. Nautik (Kompaß, Karten, Instrumente) S. 26-31. — Die 
Schiffe! im Mittelmeer S. 32—34; im Norden bis 1300 S. 34-3S- — Entwicklung 
der S^elscbiffe 1300—1500. Werften S. 36-40. — Waffen (Auftreten 
der Pulverwaffen} S. 40-42. — Die Seekriege: im Mittelmeer, der Hansa 
S. 42-43. — Englisch- französische Kriege S. 44-47. — Kampf weise und Taktik 
S. 47-^9. — Starke und Zusammensetzung der Flotten S. 50-51. — Be- 
mannung. Admirale S. 51 — 52, 



Zweiter Abschnitt. 
Die Zeit von 1492— 1648. 

Erstes Kapitel: Einleitung. Die grossen Entdeckungen. Das Heraus- 
treten der Englander und Holländer (Franzosen) in die Ozeane. 
Die Unsichertieit auf den Meeren 

Einleitung S. 55. — Die großen Entdeckungen; Stand der 
Geographie um 1492 S. 57-58. — Der Weg der Portugiesen nach Südosten. 



VIII Inhaltsverzeichnis. 

Sdte 

Teilung der Welt; Vertrag von Tordesillas. Vasco de Gamas erste Reise 
S. 59-60. — Das Festsetzen der Portugiesen im Osten. Ausdehnung ihrer 
Macht bis 1 540. Ihr Rückgang S. 61-64. — I^^r Weg der Spanier nach Westen. 
Die Reisen des Kolumbus S. 65-68. — Spanische Entdeckungen und Kolonien 
in Westindien und Südamerika ; ihre Verwaltung S. 69-70. — Der Südwest- 
weg nach Indien. Magalhaes' Weltumsegelung S. 71—73. — Kolonien der 
Portugiesen in Brasilien, der Spanier in den La Plata- Staaten, auf den 
Molukken und Phihppinen S. 74-75. — Der Nordwest- und der Nordost- 
weg, Entdeckungen und Niederlassungen in Nordamerika, Weißen Meer, 
Spitzbergen (Fischerei) S. 76-77. 

Das Heraustreten der Engländer und Holländer 
(Franzosen) in die Ozeane. Niedergang der Hansa. Engländer und 
Holländer gehen nach dem Süden S. 78-79. — Fahrten und Freibeuterei 
der Engländer (Francis Drake) ; ihre Niederlassungen in Indien (ostindische 
Kompagnie), Nordamerika und Westindien S. 80-85. — I^^ HoU ander in 
Indien (ostindische Kompagnie) ; in Afrika, Nordamerika, Westindien und Süd- 
amerika (westindische Kompagnie) S. 85-88. — Die Franzosen in Brasilien, 
Nordamerika, Westindien und Afrika. Dänen und Schweden S. 89-90. 

Die Unsicherheit auf den Meeren: Seeraub, Korsaren der 
Barbareskenstaaten, Flibustier S. 91-92. — Freibeuter und Kaper; das 
Convoiwesen. Einfluß der Unsicherheit auf Schiffe und Seeleute S. 93—95. 



Zweites Kapttel: Schiffe, Waffen, Nautik: 96—106 

Die Schiffe von 1492 — 1648. Weiterentwicklung an Größe und 
Gefechtskraft (Beispiele „Regent" und „Great Harry**) S. 96-97. — Schiffs- 
bestand Englands 1522, 1548» 1603, 1649 (die ersten Zwei- und Dreidecker 
„Royal Prince" und „Royal Sovereign") S. 98-101. — Galeren und 
Galeassen S. 102. — Staatswerften S. 103. 

Die Waffen. Vermehrung ^er schwereren Artillerie (die Kaliber 
Englands 1580). Handwaffen S. 104-105. 

Fortschritte der Nautik im lö.Jahrh. (Karten, Instrumente usw.) S. 106. 



Drittes Kapitel: Die Seekriege, Kampfw^e und Taktik, die 

wiclitigsten Kriegsmarinen 1492—1648 107—154 

Die Seekriege von 1492 — 1648. Was muß man unter einem See- 
kriege verstehen ? (Kennzeichnung der älteren Kriegführung) S. 107. — Kriege 
im Mittelmeer: Türkei, Venedig, Frankreich, Spanien S. 108-109. — Kriege 
in der Ostsee: Hansa, Schweden, Dänemark S. 109-111. — Kriege Eng- 
lands und Frankreichs S. 111-112. — Kriege Englands und Hollands gegen 
Spanien. Aufstand der Niederlande S. 113. — Vorgeschichte der Armada 
(Drake gegen Cadiz) S. 114— 116. — Die Instruktion für die Armada S. 117 
bis 118. — Stärke und Zusammensetzung der Armada, Hollands und Englands 
Rüstungen (die englische Flotte) S. 1 19-122. — Abwägung der Kräfte der 
Gegner S. 125-124. — Fahrt der Armada zum Kanal S. 125. — Die Armada- 
Woche: Beabsichtigte Strategie und Taktik der Gegner S. 124. — Gefechte 
bei Pljrmouth (21. Juli 1588), bei Portland (23. Juli) S. 126 bis 127. — 
Gefecht bei Wight (25. Juli), Armada ankert vor Calais (27. Juli), wird von 
dort durch Branderangriff vertrieben (28. Juli) S. 128-130. — Niederlage" 



Inhaltsverzeichnis. IX 

Seite 

der Armada bei Gravclines (29. Juli) S. 130. — Rückfahrt der Armada, 
ihre Verluste S. 131— 132. ' — Gründe des Mißerfolges der Armada S. 132. 

Die Kriegführung Englands nach Abwehr der Armada: Eng- 
land in den spanischen Gewässern; Belagerung von Lissabon; Cliffords 
Züge; die Cadiz-Expedition ; Frieden mit Spanien 1604 S. 133-137. — 
Hugenottenkriege; zweite Expedition gegen Cadiz; die englische Marine 
bei Ausbruch der Revolution 1649 S. 138-139. — Die Kriegführung 
Hollands nach Abwehr der Armada: Expeditionengegen Spanien; Waffen- 
stillstand 1609-162 1 S. 139. — Blutiger Krieg mit Dünkirchen von 162 1 
ab (Streitkräfte Dünkirchens) ; Sieg über die Spanier auf der Scheide (1631) 
und in den Downs (Tromp über d'Oquendo 1639, eine zweite Armada- 
Affäre) S. 140- 141. — Unterstützung Portugals 164 1 ; Holland in der Ostsee 
S. 142. — Schlußbetrachtung über die Seekriege 1492 — 1648: Anfang einer 
neuen Seekriegführung S. 143. 

Kampfweise und Taktik 1492 — 1648 : Ruderschiffe ; die 
Schlachten bei Lepanto (1571) und Genua (1638) S. 144-145. — Segel- 
schiffe: der Kampf in der Querabrichtung, die Kiellinie, Gefechtsgruppen 
S. 146. 

Die wichtigsten Kriegsmarinen 1492 — 1648. Portugal- 
Spanien, Schweden, Dänemark S. 147—148. — Holland S. 149-150. — 
England S. 151- 152. — Frankreich S. 153. — Kriegsschiffspersonal dieser 
Zeit S. 154. 



Dritter Abschnitt. 

Die Zeit von 1648— 1739. 

Erstes Kapitel: Geschichtlicher Oberblick fiber den Abschnitt . . 157—159 

Bedeutung des Abschnittes für die Entwicklung 
des Seekriegswesens S. i6o. 

Zweites Kapitel: Die Entwicklung des Seekriegswesens .... 161— iss 

Weiterentwicklung der Schiffe von 1648 — 1739: Zu- 
nahme und Vervollkommnung des Kriegschiffsbaues („Constant Warwick", 
„Speaker", „Royal Louis"). Beiboote. Wichtige Verbesserungen (Zwischen- 
deck, Schiffsbodenschutz, Ruderrad). Nautische Hilfsmittel S. 1 61-167. 

Waffen: Geschützarten. Geschosse. Handwaffen. Aufstellung 
und Verteilung der Geschütze an Bord S. 168-170. — Planmäßige Armierung 
der Schiffe S. 171— 172. — Brander und Mörserboote S. 173-174. 

Schiffsklassen: Ihre Entwicklung, Schiffsbestände der eng- 
lischen Marine nach solchen um 1624, 1653, 1688, 1727. Das Linienschiff 
und Schiffe zu besonderen Zwecken (Kreuzer) S. 174—179. 

Das Personal: Entstehung des Seeoffizier-, Deckoffizier- und 
Unteroffizier- Korps ; letztere beide für die verschiedenen Dienstzweige. Die 
Mannschaft (Werben, Pressen, Seesoldaten) S. 180-182. — Geist des Per- 
sonals S. 183. 

Kampfweise und Taktik. Weiterentwicklung: Kampf in 
der Querabrichtung, Luvstellung, Flottenkiellinic aus Gruppen, Einteilung 



X Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

einer Flotte, Gruppentaktik. Kiellinie aus Einzelschiffen, Einteilung einer 
Flotte, Kiellinie beim Winde S. 184-187. — .Das Gefecht nimmt einen andern 
Verlauf. Wert der Brander S. 188. 

Drittes Kapitel: Der erste eogliscli-lioliandische Krieg 1652—1654 189—235 

Die Kriegsgründe (Navigationsakte, Flaggengruß, der erste 
Zusammenstoß) S. 1 89-191. 

Die Streitmittel der Gegner (Entwicklung der hollän- 
dischen und englischen Marine). Holland: Die ersten Rüstungen, Schiffs- 
bestand, Neubauten, Personal S. 192-194. England: Vergleichende An- 
gaben. Abwägung S. 195-197. — Verwendung der Flotten Englands und 
Hollands 1648 — 1652 S. 198. 

Der Verlauf des Krieges. Mängel in den Quellen über die 
Kriege S. 199. — Das Gefecht bei Dover 29. Mai 1652 (Tromp gegen Blake) 
S. 200-203. — Ereignisse vor der Kriegserklärung S. 204. — Das Gefecht bei 
Plymouth 26. August 1652 (Ruyter gegen Ayscue) S. 205-207. — Blake ver- 
nichtet ein französisches Geschwader 7. September 1652 S. 208. — Der 
Krieg im Mittelmeer. Gefecht bei Elba 6. September 1652 (van Galen gegen 
Badiley). „Phönix** vor Livorno durch Boote genommen S. 208-209. 
Die Schlacht bei Kentish Knock 8. Oktober 1652 (Witte de Witt gegen Blake) 
S. 210-211. — Niederlage der Engländer bei Dungeness 10. Dezember 1652 
(Tromp gegen Blake) S. 212-213. — England räumt das Mittelmeer. Ge- 
fecht vor Livorno 14. März 1653 (van Galen gegen Appleton) S. 214. — Die 
Schlacht bei Portland 28. Februar 1653 (Tromp gegen Blake), die Engländer 
verfolgen Tromp mit seinem Convoi S. 215-218. — Rüstungen und Unter- 
nehmungen im Frühjahr 1653 S. 219-220. — Zusammensetzung der engl. 
Flotte im Juni 1653 (als Beispiel einer großen Flotte jener Zeit) S. 220—221. 
— Die Schlacht bei Northforeland-Nieuport 12./13. Juni 1653 (Tromp gegen 
Monck), die erste Schlacht mit taktischen Bewegungen S. 222-224. — I^i^ 
Gegner suchen den Entscheidungskampf, Gefecht bei Kattwijk 8. August 
und Schlacht bei Scheveningen 10. August 1653 (Tromp gegen Monck). Tromps 
Tod S. 225-227. — Folgen der Schlacht. Frieden von Westminster 1654 
S. 228—229. 

Bemerkenswertes im ersten Kriege, Umschwung in der Krieg- 
führung S. 229-231. — über Strategie, Rückblick auf den Krieg. 
Schlußfolgerung S. 232-235. 

Viertes Kapitel: Nebenicriege 1654—1665 236—247 

England: Krieg mit Spanien 1654 — 1659. Penn erobert 
Jamaica (1655) S. 236. — Blake vernichtet eine tunesische Flotte (1655) 
und die Silberflotte vor Teneriffa (1657), beide im Schutz von Befestigungen 
S. 237-238. — England bei Dünkirchen, in der Ostsee, in Tanger S. 238. 

Holland: Kriegmit Portugal 1656 — 1661 S. 239. 

Der s c h w e d i s c h - p o 1 n i s c h e ( - b r a n d e n b u r g - d ä - 
nische) Krieg 165 5-1660. Allgemeiner Verlauf des Krieges. (Das 
Haager-Concert. Frieden von Roeskild 1658, Frieden von Kopenhagen 1660) 
S. 240. — Beteiligung Hollands: Entsatz Danzigs 1656. Die Schlacht im 
Sunde 8. November 1658 (Wassenaer gegen Wrangel). England in der 
Ostsee S. 241-244. — Eroberung Fünens, Beschießung Xyborgs (Ru\-ter) 
1659 S. 245. 



Inhaltsverzeichnis. XI 

Seite 



Holland im Mittelmeer 1661 — 1664 S. 246. 

Krieg Frankreichs gegen Spanien 1635 — 1659. Dün- 
kirchen in spanischem, englischem, dann französischem Besitz. Der Pyre- 
näische Frieden S. 246—247. 

Venedig und die Türken 1645 — 1669 S. 247. 



Ffinftes Kapitel : Der zweite englisch-holländische Krieg 1665—1667 248—306 

Die politische Lage um 1662. Kriegsgründe S. 248—250. — 
Die äußeren Anlässe zum Kriege. Gegenseitige Angriffe in den Kolonien 
(Holmes und Ruyter in Westafrika und Nordamerika 1663— 1665) S. 251-253. — 
England greift den Smyrna-Convoi an 1664. Die Kriegserklärung S. 254. 

DieStreitmittelderGegner (Entwicklung der holländischen 
und englischen Marine). Holland: Neubauten von 1654 — 1666; Verbesserung 
der Armierung ; Personal (Vermehrung der Admirale) S. 255-257. — England: 
Schiffsbestand 1654, 1665, 1666. Vergleich der Armierungs- und Beman- 
nungsstärke. Werften S. 258—260. — Stand der Taktik (Gefechtsinstruktionen) 
S. 260-261. — Abwägende Beurteilung des Personals S. 262. — Hinweis auf 
die Marine Frankreichs S. 263. 

DerVerlaufdes Krieges. Die ersten Bewegungen S. 263—265. 
— Die Schlacht bei Lowestoft 13. Juni 1665 (Herzog von York gegen 
Wassenaer), die erste Schlacht mit Kielünien beim Winde, Schilderung und 
Beurteilung S. 266-268. — Weitere Ereignisse 1665. (Verdienste Jan de Witts; 
Ruyter Oberbefehlshaber) S. 269-270. — Englischer Angriff auf Kauffahrer in 
Bergen 12. August 1665 S. 271. — Verhalten Frankreichs und Dänemarks 
S. 272. — Stärke der Flotten 1666 S. 273. — Die Viertage- Schlacht 11. bis 
14. Juni 1666 (Ruyter gegen Prinz Rupert und Monck): Strategischer Fehler 
der Engländer, Schilderung der Schlacht (Moncks berühmter Angriff am 
II., Tromps Fehler am 12., Verfolgungsgefecht am 13., Niederlage der Eng- 
länder am 14. S. 273-282. — Die zweite Schlacht bei Northforeland 4. bis 
5. August 1666 (Schlacht vor der Themse; St. James Fight. Die gleichen 
Führer wie vorher) : Ruyter erkundet die Themse ; Niederlage der Holländer 
am 4., Ruyters Rückzug am 5. S. 283-286. — Weitere Ereignisse 1666: Die 
Engländer im Vliestrome 19. August; Ruyters Versuch, sich mit den Fran- 
zosen zu vereinigen; erfolglose Friedensverhandlungen S. 287-289. — Das 
Jahr 1667. England beabsichtigt, nur Kreuzerkrieg zu führen, Holland die 
Themse anzugreifen S. 289-291. — Ruyters Angriff auf Themse und Medway 
'^7'1'^Z' Juni (Order, Disposition und Ausführung) S. 292-294. — Blockade 
der Themse und Beunruhigung der englischen Küsten, Sommer 1667 S. 295 
bis 296. — Frieden zu Breda 21. Juü 1667. S. 296. 

Bemerkenswertes beim zweiten Kriege : Unterlegenheit Hollands 
in Material und Personal. Fortschritte in der Taktik (die Kiellinie beim W^inde) 
S. 297—299. — Über Strategie in diesem Kriege, Rückblick S. 300-304. — 
Militärischer Wert des Kreuzerkrieges S. 305. — Über die Angriffe auf 
das feindliche Land S. 305. 

Vergleich des ersten und zweiten Krieges S. 306. 



Sechstes Kapitel: Der dritte englisch-holländische Krieg 1672—1674 307—361 

Diepolitischen Verhältnisse vordem Kriege: Lud- 
wigs XIV. Devolutionskrieg, Dreibund gegen ihn, seine strategische Politik 



XII Inhaltsverzeichnis. 

zu dessen Lösung und zur Isolierung Hollands. (Leibniz' Concilium Aegyp- 
tiacum.) Kriegserklärung Englands und Frankreichs gegen Holland S. 307 
bis 312. 

Die Streitmittel der Gegner (Entwicklung der englischen, 
holländischen und französischen Marine). Holland und England : Bestand der 
Flotten 1666 und 1672; Organisationsänderungen; Disziplin und Geist S. 312 
bis 314. — Die französische Marine: Schnelle Entwicklung unter Colbert 
<Colberts Wohlfahrtspolitik); Schiffsbestand 1640, 1666, 1669; Schiffe, 
Armierung, Bemannung; das Kontingent zum Kriege 1672; Kennzeichnung 
des Offizierkorps S. 315-319. — Verwendung der drei Marinen 1667 — 1672 
S. 319. 

DerVerlaufdes Krieges. Kriegspläne der Verbündeten (Lan- 
dung). Holland in Not S. 320. — England greift vor Kriegserklärung den 
Smyrna-Convoi an 23. März 1672 S. 321. — Hollands Pläne und Unter- 
nehmungen im Frühjahr 1672 S. 322-324. — Die Schlacht bei Solebay 
7. Juni 1672 (Ruyter gegen York und d'Estrdes) verhindert Landungs versuch 
S. 325—328. — Verlauf des Landkrieges 1672 (neuer Landungsversuch). Innere 
Zustände Hollands (Volkserhebung, Ermordung de Witts, Deiche durch- 
stochen) S. 329-332. — Wendepunkt im Landkriege, Holland erhält Hilfe 
S. 333. — Bas Jahr 1673. Neue Bedrängnis Hollands. Ruyter versucht, 
die Themse zu sperren, nimmt dann eine offensive Defensive auf S. 334-335. 
— Erste Schlacht bei Schooneveld 7. Juni 1673 (Ruyter gegen Prinz Rupert 
und d'Estr^es) S. 336—338. — Zweite Schlacht bei Schooneveld 14. Juni; 
beide Schlachten strategische Erfolge Ruyters S. 339 — 341. — Die Schlacht 
bei Texel 21. August 1673 ; Ruyter vor der Themse, dann wieder in Defensiv- 
stellung, Verbündete haben Landung vorbereitet; werden bei Texel ge- 
schlagen (Ruyters überlegene Taktik) S. 342-348. — Verhalten der Franzosen 
(d'Estr6es) S. 349. — Die Schlacht führt zum Frieden S. 350. — Der kleine 
Krieg S. 350. — Verlauf des See- und Landkrieges 1673 — 1674. Der Frieden 
von Westminster Februar 1674 S. 351-352. 

Bemerkenswertes im dritten Kriege in Hinsicht auf Material 
und Taktik (Ruyters Verdienste) S. 353-355. — Verhalten der Franzosen. 
Schwächen von Bündnissen S. 3 56. — XJber Strategie: Wie die Gegner 
ihre Aufgaben lösten (ihre Kriegführung; Ruyters Strategie) S. 357-360. — 
Zusammenstellung der Hauptereignisse des Krieges S. 361. 



Seite 



Siebentes Kapitel: Nebenlcriege 1674—1688 362—409 

Verlauf des zweiten Eroberungskrieges Ludwigs XIV. von 1674 bis zu 
dem Frieden von Nymwegen 1678 und Fontainebleau 1679; er bringt zwei 
große Nebenkriege S. 362-363. 

Der französisch-holländische (spanische) Krieg 
1674 — 1678 (die Fortsetzung des Krieges 1672 — 1674 seitens Frankreichs 
und Hollands). Tromp an der französischen Küste und im Mittelmeer 1674 
Si 364—367. — Ruyter in Westindien 1674 (Martinique) S. 368-369. — West- 
indien 1676 — 1677. Der Kampf um Tabago. Angriffe auf die Insel (Binckes 
gegen d'Estrees) S. 370-371. — Der Krieg im Mittelmeer 1675 — 1678. Kampf 
der Franzosen und Spanier um Sicilien (Gefecht bei Stromboli 1675) S. 372 
bis 373. — Holland (Ruyter) unterstützt Spanien. Die Schlacht bei Strom- 
boli 8. Januar 1676 (Rujrter gegen du Quesne, Vorteile der Leestellung) S. 374 
bis 380. — Der Kampf um Messina. Schlacht bei Agosta 22. April 1676 



Inhaltsverzeichnis. XIII 

Seite 

(Ruyter gegen du Quesne. Ruyters Tod. Angaben über Ruyter) S. 381-384. 

— Die Schlacht bei Palermo 2. Juni 1676 (den Haen und d'Ybara gegen 
Graf V. Vivonne. Größter Erfolg der Brander) S. 385-386. — Die weiteren 
Ereignisse 1676 — 1678 (der Seekrieg lau) S. 387. — Frankreich räumt Sicilien 
S. 388. — Der kleine Krieg gegen den Handel (Dünkirchen) S. 389. — Rück- 
blick auf den Krieg 1 674- 1 67 8: Über die Kriegführung der Gegner. Mittel- 
bare Folgen des Krieges für England, HoUand, Frankreich S. 390-393. 

Der schwedisch-dänische (holländisch-branden- 
burgische Krieg) 1675 — 1679. Stand der dänischen, schwedischen 
und brandenburgischen Marine; Stärke der holländischen Hilfsgeschwäder 
(Tromp in dänischen Diensten) S. 394-395. — Die Schlacht bei Bomholm 
5. Juni 1676 (de Almonde und Niels Juel gegen Creutz und Ugla) S. 396. — 
Die Schlacht bei Ertholm 1 1 . Juni (Tromp gegen Creutz). Dänische Landung 
in Schonen S. 397. — Dänische Siege unter Niels Juel bei Gjedser und in der 
Kjögebucht 1677 S. 398. — Tromp und Niels Juel greifen Kalmar an, Ver- 
wüstung der Küsten 1677. Dänemark beherrscht die Ostsee S. 399. — Der 
Krieg in Pommern 1677 — 1678: Erste Eroberung Rügens unter Christian V. 
und Tromp. Tätigkeit der brandenburgischen Flottille 1676 — 1677. Holland 
tritt zurück, Tromp entlassen S. 400. — Die zweite Eroberung Rügens 1678 
(der Große Kurfürst, Derfflinger, Tromp, Niels Juel) und seine Folgen. 
Friedensschluß S. 40 1 . — Weitere Geschichte der brandenburgischen Marine 
S. 402. 

Kämpfe gegen die Barbaresken 1674 — 1688. Vorgehen 
Englands (gibt Tanger auf) und Hollands S. .402-403. — Unternehmungen 
der Franzosen: du Quesne vernichtet Schiffe in Chios 1681; bombardiert 
Algier 1682 und 1683 (neue Mörserboote von Renau-d'Eli9agarey) S. 403—407. 

— d'Estrees gegen Tunis, Tripoüs und Algier 1685 — 1688 S. 408. 

Angriff der Franzosen auf Genua 1684 S. 408. 
Venetianisch-türkischer Krieg 1684 — 1699. S. 409, 



Achtes Kapttei: Der franzSstech-englisch-hoUändische Krieg 1688—1697 

d. i. die Kriegführung zur See im Pfälzischen Erbschaftskriege 410 — 485 

Die politischen Verhältnisse, die denKriegherbei- 
führten. Ludwigs XIV. Reunionen und Ansprüche auf die Pfalz ; der 
Augsburger Bund 1686 j Wilhelm von Oranien König von England; die 
Wiener Allianz 1689 S. 410-412. — Fehler der Könige Ludwig und Jakob 
S. 413. — Allgemeiner Verlauf des Pfälzischen Erbschaftskrieges, Frieden 
von Ryswijk (Gründe der Erschöpfung Frankreichs). Die Verwendung der 
Flottea S. 413-417. 

Die Streitmittel (Entwicklung der englischen, holländischen 
und französischen Marine). England: Mißstände in der Verwaltung; Stellung 
der Marine zur Revolution; Schiffsbestand 1688 und 1692 S. 417—419. 

Holland: Neubauten unter Wilhelm von Oranien; Bestand 1692; Ar- 
mierung ; Indienststellungen während des Krieges ; über den Vorwurf, Oranien 
habe die Marine vernachlässigt S. 419-422. 

Frankreich: Fortschritte unter Colbert, Bestand 1681 ; Beginn des Ver- 
falls nach 1683; die Amtstätigkeit der Minister de Seignelay und de Pont- 
chartrin; Schiffsbestande bis 1696 S. 422-425. 

Der Verlauf des Seekrieges. Wilhelm von Oraniens Über- 
gang nach England 1688 S. 425-427. — Jakobs IL Einfall in Irland und die 



XI y Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Operationen 1689 S. 428-429. — Gefecht bei Bantrybay am 11. Mai 1689 
(Herbert gegen Chäteau -Renault). Rooke in der Irischen See. Laue Tätig- 
keit der Gegner im Kampfe um Irland S. 430-431. — Das Jahr 1690: 
Rüstungen der Gegner ; Admiral Killigrew versucht vergeblich das Toulon- 
geschwader festzuhalten; Wilhelm III. landet in Irland (Sorglosigkeit beider 
Gegner in Hinsicht auf Verbindung mit Irland) S. 432-434. — Tourville 
sucht die Flotte der Verbündeten, Herbert weicht aus, bis er Befehl zum 
Schlagen erhält (seine Einwendungen) S. 435—436. — Die Schlacht bei Beachy 
Head 10. Juli 1690 (Tourville gegen Herbert); Gründe der Niederlage der 
Verbündeten; Tourville nutzt seinen Sieg nicht aus S. 437-439. — Folgen 
der Schlacht; weitere Ereignisse 1690 S. 440. — Das Jahr 1691: Tourvilles 
Hochsee-Kreuztour und ihre Folgen. Frankreich im Mittelmeer S. 441—444. 
— Ludwig XIV. plant Einfall in England 1692, Vorbereitungen und Befehle 
an Tourville; Rüstungen der Verbündeten S. 445-446. — Die Schlacht bei 
Cap Barfleur 29. Mai 1692 (Tourville gegen Russell). Gegenbefehle erreichen 
Tourville nicht; Stärke der Gegner; Tourvilles Gründe zum Angriff; Be- 
schreibung der Schlacht. Rückzug der Franzosen S. 447—453. — Vernichtung 
vieler französischer Schiffe bei La Hogue und Cherbourg i. — 3. Juni 1692 
S. 454-455. — Die Ereignisse der Jahre 1693 — 1697. Art der Kriegführung. 
Vertrag der Verbündeten mit Spanien S. 456. — 1693: Rüstungen; Tourville 
vernichtet den Smyma-Convoi bei Lagos; die Engländer vor St. Malo (In- 
femals) S. 457—460. — 1694: Die Verbündeten im Mittelmeer und vor 
französischen Häfen ( Brest, Dieppe, Dünkirchen, Calais) S. 461-462. — 1695: 
Ähnliche Unternehmen (St. Malo, Dünkirchen [Rauchschiffe und Infernals] 
Calais) S. 463-464. — 1696: Die Verbündeten geben das Mittelmeer auf. 
Ludwig XIV. plant Landung in England. Die Verbündeten greifen 
Frankreichs Westküste an S. 465— 466. — 1697: Friedensunterhandlungen. 
Frankreichs Erfolge in Spanien und Westindien (de Pointis vor Cartagena) 
S. 466 bis 467. 

DerkleineKrieg: Dünkirchen ; Eigenart des französischen Kreuzer- 
krieges (Taten Jean Barts) S. 467—470. — Über das Wesen des Kreuzer- 
krieges S. 471—472. — Die Zusammenstöße in den Kolonien (West- 
indien, Nordamerika) S. 472-473. 

Bemerkenswertes in diesem Kriege (Material und Taktik S. 474.) 
Über Strategie: RückbUck auf die Kriegführung zur See (Herberts 
Verhalten bei Beachy Head), Schlußbetrachtungen S. 475—485. 



Neuntes Kapitel: Der^Spanische Erbfolgekrieg 1702—1713 .... 4S6— 576 

Die politischen Verhältnisse vor dem Kriege: Ver- 
handlungen über die Thronfolge in Spanien; Philipp von Anjou König von 
Spanien; Bund der Seemächte und des Kaisers gegen Ludwig XIV., Kriegs- 
plan ; Karl von Österreich als Gegenkönig aufgestellt, Änderung im Kriegs- 
plan; Stellung Portugals (Methuen- Vertrag) und Savoyens S. 486—491. — 
Der allgemeine Verlauf des Krieges und die Tätigkeit der Seestreitkräfte in 
ihm S. 491—496. — Die Bedingungen des Friedens von Utrecht S. 497. 

Die Streitmittel (innere Geschichte der drei großen Marinen 

bis 1739)- 

Die holländische Marine: Beginn des Verfalls; Indienststellungen 
während des Krieges ; Verfall nach Utrecht ; Schiffsbestand 1 740 ; über Personal 
S. 498—501. — Die französische Marine: Amtstätigkeit Jerome de Pont- 
chartrins von 1699 J Tätigkeit der Flotte während des Krieges ; Entwertung 



InhaltsverzeVclmis. XV 

Seite 

des Personals ; Schiffsbestand 1712. Weiterer Rückgang während der Regent- 
schaft (17 15— 1723; Schiffsbestand 1729) und unter Minister Maurepas (1723 
bis 1742); Starke 1742 S. 502—504. — Die engUsche Marine: Schiffsbestande 
1688, 1702, 1727, 1740. Personal (Kennzeichnung der Seeoffiziere des 
18. Jahrh.) S. 505-507. 

Der Verlauf des Seekrieges. 1701 : Rüstungen, Absichten 
und Bewegungen der Gegner S. 507—509. — Das Jahr 1702: Der Angriff 
auf Cadiz, Vorgeschichte S. 509-510. — Rüstungen der Verbündeten (lau; 
Hinhalten der Unternehmungen durch Rooke), Rüstungen der Franzosen 
S. 511— 512. — Erfolgloser Angriff der Verbündeten auf Cadiz (unter Rooke); 
Rooke beschließt Heimkehr; Befehle für ihn S. 513—515. — Vernichtung der 
Silberflotte in Vigo 23. Oktober 1702. Wirkung dieses Erfolges S. 516-518. 

— Die Jahre 1703 — 1704: Plan der Verbündeten für 1703, laue Tätigkeit und 
geringe Erfolge, Verluste durch Sturm S. 519-521. — 1704: Vertrag der See- 
mächte mit Portugal; Karl III. nach Portugal; Rüstungen und Pläne der 
Gegner (letzte große Rüstung Frankreichs) S. 522—523. — Angriff der Ver- 
bündeten auf Barcelona; Graf Toulouse vereinigt die Brest- und Toulon- 
Flotte S. 524—525. — Rooke erobert Gibraltar 3. August 1704. Beurteilung 
Rookes S. 526-528. — Graf Toulouse naht zur. Wiedemahme, Rooke deckt 
Gibraltar S. 529-530. — Die Schlacht bei Malaga 24. August 1704 (Rooke 
gegen Toulouse): Stärke der Flotten ; Bedeutung der Schlacht für die Taktik 
(Corbett über den Stand der Taktik) ; die Schlacht und ihre Folgen S. 530-536. 

— Gibraltar belagert, durch Leake 1 704 verstärkt und 1705 entsetzt (de Pointis 
vernichtet) S. 536-539. — Die Jahre 1705 — 1706: Barcelona durch Prinz 
von Hessen, Peterborough und Shovel erobert 1705 S. 540-541. — Die Stadt 
von Marschall Tesse und Toulouse belagert, durch Leake entsetzt 1706. Eine 
Landung in Rochefort geplant S. 541—544. — 1706: Erfolge der Verbündeten 
im Mittelmeer S. 545. — Die Jahre 1707 — 1708: Angriff auf Toulon (Shovel 
und Prinz Eugen); Gefecht am Var; Erfolglose Belagerung Toulons (Shovels 
Unglück bei den Scillys) 1707 S. 546-549. — Die Verbündeten besetzen Sar- 
dinien und erobern Port Mahon (Leake und Stanhope) 1708 S. 550-552. — 
Einfallsversuch der Franzosen in Schottland (Forbin) 1708 S. 552. — Die 
letzten Kriegs jähre 1709 — 1712: Stilles Wirken der Seestreitkräfte; Miß- 
erfolge der Franzosen gegen Sardinien, der Verbündeten gegen Cette 17 10 
—Ende des Seekrieges im Mittelmeer 1 7 1 2 S. 5 5 3-5 5 5 . — FranzösischeExpedition 
gegen Rio (Tronin) 1712 S. 556. — Der Verlust an Schiffen im Kriege S. 557. 

Der kleine Krieg: Tätigkeit, Verluste und Erfolge der Gegner; 
Taten berühmter französischer Freibeuter (Saint Pol; Forbin; Tronin; du 
Gasse; Cassard) S. 558-562. — Die Zusammenstöße in den Kolonien: West- 
indien (Gefecht vor Cartagena: Benbow gegen du Gasse 29. August bis 3. Sep- 
tember 1702), Nordamerika (Walkers Angriff auf Quebec 171 1) S. 562 — 566. 

Schlußbetrachtungen: Unzulänglichkeit der Streitmittel 
für die Aufgaben; Englands Klage über Hollands geringe Leistung; Stand 
der Taktik S. 566—567. — Über Strategie: die Aufgaben der Marinen und 
w^ie sie diese lösten (Rückblick auf den Krieg), Frankreichs Kriegführung 
S. 568—570. — Die Kriegführung der Verbündeten S. 570-574. 

Die Ergebnisse des Krieges für die Teilnehmer S. 575-576. 

Zehntes Kapttel: Nebenkriege 1689—1739 577-593 

Die Quadrupel-Allianz zurAufrechterhaltung des 
Friedens von Utrecht 1718 — 1720: Spanien (Kardinal Alberoni) 



X VI lahaltsverzeichnis. 

S«tce 

wdll die verlorenen Provinzen wiedergewinnen, besetzt Sardinien ; Bund Eng- 
lands, Frankreichs, Hollands und des Kaisers S. 577-578. — Spanien besetzt 
Sicilien; Admiral Byng vernichtet die spanische Flotte bei Cap Passaro 
II. August 17 18. Spanien aus Sicilien vertrieben; spanische Unternehmen 
gegen englische und französische Küsten, Einfälle dieser Staaten in Spanien ; 
der Haager Frieden 1720 S. 581-582. 

Der Nordische Krieg 1700^1 721 : Die dänische und schwe- 
dische Marine S. 582-583. — Gründung der russischen Marine (Peter der 
Große) S. 583—585. — Der Verlauf des Krieges 1700: Rußland, Polen, Däne- 
mark bedrohen Schweden; Karl XII. wirft Dänemark mit Hilfe einer eng- 
lisch-holländischen Flotte nieder (Belagerung Kopenhagens, Frieden von 
Travendal) S. 585-586. — Karls XII. Landkrieg 1700 — 1709 (sein Aufenthalt 
in der Türkei) S. 587. — Erfolge der Gegner Karls 1709 — 17 15 (Beteiligung 
der Seestreitkräfte in diesen Jahren ; Schweden verüert seinen festländischen 
Besitz) S. 588-589. — Karls XII. Feldzüge gegen Norwegen 17 16 — 17 18 
(Karls Tod; Tordenskiold) S. 589. — Rußlands Einfälle in Schweden 17 19 
bis 1721 S. 589. — Die Haltung Englands und Hollands im Nordischen Kriege. 
Tätigkeit ihrer Flotten 1715 — 1721 S. 590-591. 

Venedig und die Türken: Kriege 1645 — 1669 um Greta, 
1684 — 1699 und 17 14 — 17 18 um Morea. Venedig auf das Adriatische Meer 
beschränkt S. 591-592. 

DieBarbaresken-Staaten 171 5 — 1740: Hollands, Englands 
und Frankreichs Maßnahmen gegen den Seeraub S. 592. 

Hinweis auf: Angriff Spaniens auf Gibraltar (1727) und Polnischer 
Erbfolgekrieg (i733— 1735) S. 593. 



Elftes Kapitel: Die Zeit von 1721-1739. (Übergang zum Abschnitt IV, 

Band II) 594— 59S 

Die politischen Verhältnisse bleiben gespannt: 
Gründe (Pragmatische Sanktion); Friedenspolitik Fleurys und Walpoles 
(Wirken Laws in Frankreich) S. 594—595. 

Bedrohung des Friedens 17^5 : Bund Österreich- Spanien 
gegen Frankreich-England-Holland-Preußen ; wirkungsvolles Auftreten Eng- 
lands zur See (spanischer Angriff auf Gibraltar 1727) S. 596. 

Der Polnisch eThronfolgekrieg und seine Folgen S. 597. 

Der Bourbonische Familienvertrag und die Spannung 
Spaniens und Englands in Westindien führen zum nächsten großen See- 
kriege 1739 S. 598. 



Zwölftes Kapitel: Oeschichte der Kolonien von 1648—1740 . . . 599—622 

Mittel- und Südamerika, Westindien. Die spanischen 
Kolonien: Schlechte Verwaltung; Belästigung durch die Kriege; Flibustier; 
englischer Schmuggelhandel; Stärke der Bevölkerung; der spanische Besitz 
um 1740 S. 599-601. — Die englischen Kolonien: Angaben über ihre Ent- 
wicklung, Einwohnerzahl und Handel S. 602. — Die französischen Kolonien; 
desgleichen S. 603-604. — Holland, Dänemark, Portugal S. 604-605. 

Nordamerika. Die englischen Kolonien : Innere Entwicklung ; 
Ausbreitung; Stärke der Bevölkerung zu den Zeiten der Kriege mit Frank- 



Inhaltsverzeichnis. XVII 

Seite 

reich S. 605-607. — Die französischen Kolonien in Kanada und Louisiana: 
desgleichen S. 608-611. 

Ostindien. Niedergang der Macht Portugals, Wachsen der Hollands 
(hoUändisch-ostindische Kompagnie) S. 61 1-6 14. — Kurze Geschichte der 
englisch-ostindischen Kompagnie S. 614-616. — Die Ostender Kompagnie 
des deutschen Kaisers S. 616. — Frankreichs Kolonien in Indien S. 617-618. 
— Spanien auf den Philippinen S. 618. 

Afrika. Verlust der Portugiesen an Kolonien S. 619. — Besitzungen 
Hollands (Kapland) S. 619-620. — Niederlassungen Englands (westafrika- 
nische Kompagnien) S. 620. — Besitzungen Frankreichs (Senegambien; Miß- 
erfolg in Madagaskar; Bourbon und Isle de France) S. 621-622. 



Verzeichnis der Seekriege und Seeschlachten 623 

Sach- und Namensverzeichnis 627 

Berichtigungen 642 




Rittmeyer, Seekriege. 



Wichtigste Quellen -Literatur. 

A. Werke allgemeinen Inhalts. Abkünuns, i-n 

■f A. du Sein, Professeur de Pecole navale : Histoire de la Marine du Sein, 
de tous les peuples depuis les temps les plus reculfe jusqu'ä 
nos jours, Paris 1879, 2 Bde. 

Nach Völkern geordnet; Aufzählung sämtlicher Operationen, 
Beschreibung einiger Schlachten usw. ; die Unterabteitungen der 
Geschichte einer jeden Marine durch kurzen ÜberbUck der politischen 
Verhältnisse eingeleitet. Im ersten Kapitel „du Navire" Angaben 
über die Schiffe des Altertums und Mittelalters, besonders die ver- 
schiedenen Ansichten über Einrichtungen der mehrreihigen Ruder- 
schiffe betreffend, mit Abbildungen. Geeignet für allgemeinen Über- 
blick; nicht immer zuverlässig. 

C. Randaccio: Storia navale universale antica e modema. 
Roma 1891. 

Übersicht aller Seekriege, der Zeit nach durchlaufend geordnet. 
Kürzer als du Sein, Aktionen nicht beschrieben. 

■|:L. V. Henk, Vizeadmiral z. D. : Die Kriegführung zur See v. Henk, 
in ihren wichtigsten Epochen. Berlin 1881. 

Nach Zeitaltem und Völkern geordnet, eine kurze Schilderung 
der Tätigkeit aller Marinen; Hauptschlachten beschrieben, 

•\'W. Laird Clowes; The Royal Navy. A history from Clowes. 
the earliest times to the present. London 1897 '1901. 6 Bde. 
Nach Zeitabschnitten geordnet: Bd. I 60 v. Chr. bis 1603; 
Bd. II 1604— 1714; Bd. III 1715— 1783. 

Neueste, genaueste und unparteiischste Geschichte der 
englischen Marine; die Unterabschnitte — Military History, Voyagea 
and Discoveries, Civil History — jedes Zeitraumes schildern die Tätig- 
keit der Marine an der Hand der englischen Geschichte, mit Benutzung 
früher nicht zugänglicher amtlicher Urkunden, sowie ihre innere 
Entwicklung und damit die des Seewesens überhaupt ; reiche Quellen- 
angabe besonders über das Material (Schiffe, Artillerie usw.). 



t) Die auf diese Weise gekennzeichneten Werke seekriegsgeschichtlichen Inhalts 
enthalten auch bemerkenswerte Angaben über das Seekriegswesen. 



Wichtigste Quellen-Literatur. XIX 

Abkurcuog, im 
Text gebraucht: 

tP. H. Colomb, Rearadmiral: Naval Warfare. Its ruling Colomb. 
principles and practice historically treated. London 1891. 
Abhandlungen über die Kriegführung zur See. Die Kapitel I — IV, 
„Struggle for the command of the sea," und VI — IX, „Attempts to 
gain command of the sea with definite ulterior purpose", beschreiben 
die großen Seekriege oder besondere Lagen in diesen. Die Kapitel 
X — XV, „The conditions under which attacks on territory from the 
sea succeed or fall," geben die Schilderung des Armadazuges sowie 
vieler Unternehmungen gegen feindliches Land im 17. und 18. Jahrh. 
Im Kapitel V, „The differentiation of naval force", die Entwicklung 
der Schiffsklassen für die verschiedenen Kriegszwecke. 

Julian S. Corbett: England in the Meditreranean, a study Corbctt 
of the rise and influence of british power within the streets. ».Mediterra- 
London 1904. nean". 

Die Betrachtungen umfassen die Zeit von 1603 — 17 13, zeigen 
das Bestreben Englands, im Mittelmeer festen Fuß zu fassen ; lesens- 
wert und wichtig für die Kriege des 17. Jahrh., aber besonders für den 
Spanischen Erbfolgekrieg 1702 — 17 13. (Nach früher nicht zugäng- 
hchen Urkunden in englischen Archiven.) 

•fj. C. de Jonge: Geschiedenis van het Nederlandsche Zee- de Jonge, 
wezen. Haarlem 1858. 10 Bde. 

Wohl das bedeutendste Werk über die holländische Marine, be- 
ginnend im Mittelalter, genau von 1665 (zweiter englisch-holländischer 
Krieg) an. Kriege unparteiisch behandelt; innere Geschichte der 
Marine (Material und Personal) sehr eingehend und lehrreich; reiche 
Quellenangabe. Für Deutsche nach einiger Übung leicht zu lesen. 

Comte de Lapeyrouse Bonfils: Histoire de la Marine Bonfils. 
Fran^aise. Paris 1845. 3 Bde. 

Genaue Geschichte von 1643 an. 

C. Chabaud-Arnault, Capitaine de Fregate : Histoire 

des flottes militaires. Paris et Nancy 1889. 

Kurze (500 Seiten) aber sehr übersichtliche Geschichte der wich- 
tigsten Marinen, ihre Entwicklung und Verwendung; gut für Über- 
blick, genauer und sehr lesenswert in Hinsicht auf die französische 
Marine. 

fO. T r o u d e (public par P. L e v o t) : Batailles navales de la 
France. Paris 1867 — 1868. 4 Bde. 

Seeschlachten vom Jahre 520 an ; in der Einführung Angaben über 
Artillerie und Schiffsklassen der französischen Marine zu verschiedenen 
Zeiten. 

A. T. M a h a n , Captain U. S. Navy: Der Einfluß der Seemacht 
auf die Geschichte. Erster Band 1660 — 1783. 2. Aufl. 
Übersetzung Berlin 1898. 

Lehrreich in Hinsicht auf die politischen Verhältnisse vor, während 
und nach den großen Seekriegen sowie auf die Strategie in diesen; 
die Kriege werden mehr in großen Zügen behandelt, jedoch auch ver- 
schiedene Schlachten beschrieben. 



Chab.- 
Arnault. 



Troude. 



Mahan. 



« 



XX Wichtigste Quellen-Literatur. 

Abkürzunf, im 
Text gebraucht ■ 

P. Hoste, Kaplan des französischen Admirals Tourville : L'art Hoste, 
des ann^es navales, ou trait6 des 6volutions navales. Lyon 1697. 

Dieses erste Werk über. Seetaktik, nach Anweisung Tourvilles 
geschrieben, gibt den Stand der Taktik um 1700 nach den Erfahrungen 
der großen Kriege des 17. Jahrh. Es enthalt Regeln über: Marsch- 
und Gefechtsordnungen, Übergänge ; Manövrieren um die Luvstellung ; 
Kampf vermeiden, den Gegner zum Kampf zwingen; Dublieren und 
dieses hindern; Durchbrechen usw. (ein Flotten-Exerzier-Reglement). 
Zur Erläuterung der Lehren sowie zum Beweise aufgestellter Grund- 
sätze sind verschiedene Schlachten beschrieben. 

Julian S. Corbett: Fighting Instructions 1530 — 1816. 
Publications of the Navy Records Society. Vol. XXIX. 
London 1905. 

Die Entwicklung der Gefechtsvorschriften in der englischen Marine. 

E. K. Rawson: Twenty famous naval battles, Salamis to 
Santiago. London 1900. 

Für den ersten Band: Salamis; Aktium; Lepanto; Gravelines 
(Armada); Dungeness; Kap Barfleur-La Hogue. 

tFrancis Steinitz: The Ship, its origin and progress.„The Ship 
Being a general history from its first invention to the latest 
improvements; forming a complete account of the naval 
events of the ancients, the middle ages and the modern epochs, 
to the close of 1848. London 1898. 

Bemerkenswert durch zahlreiche Abbildungen von Fahrzeugen 
aller Zeiten, durch einen Anhang mit Erklärung der Namen vieler 
Schiffsarten aller Völker. In Hinsicht auf die „naval events" nur 
genauer für die englische Marine und für die Kriege Venedigs mit den 
Türken, die sonst selten zu linden sind. 

J. Campbell und seine Fortsetzer : Lives of the british admirals 
and naval history of Great-Britain from the day's of Caesar 
to the present time. London 1873. 

Von neueren Schriftstellern oft angezogenes Werk schon frühen 
Ursprungs, mehrfach neu herausgegeben. (In der Bibliothek der 
Marineakademie eine deutsche X3bersetzung von 1755, Leipzig, und 
eine englische Ausgabe von 18 13.) 

R. Southey: Lives of the british admirals with an intro- 
ductory view of the naval history of England. London 
1833 — 1840. (5 Bände.) 

Isaac Schomberg*, Captain R. N. : Naval chronology ; 
or an historical sunmiary of naval and maritime events, from 
the time of the Romans to the treaty of peace 1802. London 
1802. 5 Bde. 



*) Diese älteren englischen Werke sind wohl von Laird Clowes überholt, der z. B. 
Schomberg den Vorwurf großer Ungenauigkeit macht, aber immerhin noch bemerkenswert. 



Wichtigste Quellen- Literatur. XXI 

Abkürzung, im 
Text gebraucht: 

JosephAllen*, R. N.: Battles of the british navy. London Allen. 
1852. Von 1200 an. 

C. D. Y o n g e * : The history of the British Navy from the earliest Yonge. 
period (700) to the present time. 2. ed. London 1866. 

■fCh. delaRoncidre: Histoire de la Marine fran9aise. Paris. Roncißre. 
Teil I 1899, Teil II 1900. 

Teil I, „Les Origines," umfaßt die Zeit vom Altertum (römische 
Zeit) bis 1360; Teil II, „La guerre de cent ans/* die Zeit bis 1483 und 
„Revolution maritime," d. i. die Veränderungen im Seewesen, durch 
die großen Entdeckungen und die Einführung der Artillerie hervorge- 
rufen. Verspricht bei Fortsetzung das genaueste Werk über die franzö- 
sische Marine zu werden. 

E. Chevalier: Histoire de la marine frangaise depuis les 
d^buts de la monarchie jusqu'au trait^ de paix de 1763. Paris 
1902. 

Nur 405 Seiten. 

EugfeneSue: Histoire de la marine fran9aise. Paris 1835 — 1837. ^"®' 
Fünf Teile. 

Von neueren, besonders französischen, Schriftstellern oft angezogen, 
aber auch mehrfach als ungenau in einzelnen Angaben (romantisch) 
bezeichnet. 

L. Guerin: Histoire maritime de France. Paris 1851. 6 Bde. 

Wird oft angezogen, besonders z. B. von de Jonge**). 

Prince de Joinville: Histoire generale de la marine, 
comprenant les naufrages cel^bres, les voyages autour du 
monde, les decouvertes et colonisations, l'histoire des pirates 
et corsaires, exploits des marins illustres, guerres et batailles 
navales jusqu'au bombardement de Tanger et la prise de 
Mogador. Paris. 4 Teile in 2 Bdn. 

Das Werk gibt die Geschichte der Schiffahrt aller Völker, die der 
Marinen unter Hauptberücksichtigung der französischen. 

A. B a r b o u : Les Grands Marins de France. Histoire popu- 
laire de la marine franfaise depuis les temps anciens jusqu'ä 
nos jours. Paris 1885. 

Kurz gefaßt ($yy Seiten), gut illustriert. 



♦) Diese älteren englischen Werke sind wohl von Laird Clowes überholt, der z. B. 
Schomberg den Vorwurf großerUngenauigkeit macht, aber immerhin noch bemerkenswert. 

♦♦) Von anderen Schriftstellern werden femer noch folgende französische Werke 
angezogen: de Boismele: histoire generale de la marine; Poncet de la Grave: pr^cise 
histoire de la milice fran9aise; Daniel: histoire de la milice fran9aise. 



XXII Wichtigste Quellen-Literatur. 

Abkurxumg, im 
Text gcbr»ucht : 

F. C. D u r o : Armada Espanola desde la uniön de los reinos de 
Castilla y de L^on et Aragon. Madrid 1895 — 1903. 9 Bde. 
Genaueste Geschichte der spanischen Marine. 

C. A. Gyllengranat: Sveriges sjökrigs-historia i samman- Gyllen- 
drag. Carlskrona 1840. 2 Bde. granat. 

H. G. Garde: Den Danske og Norske Sömagts historie 1535 bis Garde. 
1814. Kjöbenhavn 1852 — 1861. 2 Bde. 

J. G. Tuxen: Den Danske og Norske Sömagt fra de aeldste Taxen. 
Tider indtil vose Dage. laere Skildringer. Kjöbenhavn 1875. 

Nauticus: Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen. Berlin. Nauticus. 
Aufsatze im Jahrgang 1900: Entwicklung der enghschen Seemacht; 
Blüte und Verfall der holländischen Seemacht; die skandinavischen 
Völker als Seemächte; aus der Geschichte Venedigs. Jahrgang 1901 : 
Frankreichs Blütezeit als See- und Kolonialmacht; Blüte und Verfall 
der spanischen Seemacht. Jahrgang 1902: Blütezeit der dänischen 
Seemacht; Seemacht Rußlands unter Peter dem Großen. 

CarlRodenberg, Professor der Geschichte an der Universität 
Kiel: Seemacht in der Geschichte. Stuttgart 1900. 

Bespricht kurz (33 Seiten), aber fesselnd den Einfluß des Besitzes 
der Seemacht durch eine starke Marine auf die Geschichte von der 
Zeit der Hansa an; die hohe Bedeutung der großen Seekriege wird 
veranschaulicht. 

Dr. A. Zimmermann: Die Europäischen Kolonien. Schil- Zimmer- 
derung ihrer Entstehung, Entwicklung, Erfolge und Aus- 
sichten. Band I: Portugal und Spanien. Band II und III: 
England. Band IV: Frankreich. Band V: Holland. Berlin 
1896 (I), 1898/9 (II, III), 1902 (IV), 1903 (V). 

Bemerkenswert für die zunehmende Ausdehnung der Schiffahrt 
und für die Kämpfe um die Kolonien. 

L. Arenhold, Marinemaler und Kapitänleutnant der Reserve : Arenhold. 

Die historische Entwicklung der Schiffstypen vom römischen 

Kriegsschiff bis zur Gegenwart. Kiel und Leipzig 1891. 

30 Heliogravüren mit erläuterndem Text veranschaulichen die 
Entwicklung des Schiffbaues, der Takelage und der Armierung. 

J. Charnock: A History of marine architecture, including 
an enlarged and progressive view of the nautical regulations 
and naval history, both civil and military, of all nations, 
especially of Great-Britain. London 1800 — 1802. 3 Bde. 

In den besten Werken über Seekriegsgeschichte als Quelle für 
Entwicklung des Seewesens vielfach benutzt. 

A. J al: Archeologie navale. Paris 1840. 2 Bde. 



Wichtigste Quellen-Literatur. 

B. Werke besonderen Inhalte« 

I. Altertum und Mittelalter. 



XXIII 

Abküriung, im 
lext gcbiaucht: 



Adolf Ermann: Äg5^ten und ägyptisches Leben im Alter- 
tum. Tübingen 1885. 

In den Kapiteln XIX und XX bemerkenswerte Angaben über 
das Seewesen der alten Ägypter. 

Dr. F. C. M o V e r s : Die Phönizier. BerUn 1856. Movere. 

Band II, Teil III, Kapitel VIII: Seehandel, Seewesen und Schiff- 
iahrt der Phönizier. 

Otto Meltzer: Geschichte der Karthager. Berlin 1896. 2 Bde. Meltzer. 
Band II, Kapitel VII: Angaben über die Kriegsflotte der Karthager. 

Dr. Iwanvon Müller: Handbuch der klassischen Altertums- 
Wissenschaft. München 1893. 

Band IV, Abteilung I, Hälfte II: Seite 330 ff. Angaben über die 
Flotte Spartas und seiner Bundesgenossen (Korinth). Seite 359 ff. 
sehr genau über die Flotte Athens, Organisation, Taktik, Schiffbau 
(ähnlich wie in du Sein eine Zusammenstellung aller Ansichten über 
die Rudereinrichtung auf mehrreihigen Schiffen). Seite 417 die Flotte 
Siciliens (Syrakus). Seite 440 die Marine zur Zeit Alexanders des 
Großen und Seite 458 zur Zeit seiner Nachfolger (größere Schiffe 
als Penteren). Band IV, Abteilung II: Seite 425 Angaben über die 
römische Flotte. 

A. Cartault: La trifire athfeienne. Paris 1881. 

Dr. A. Breusing: Die Nautik der Alten. Bremen 1866. Breusing, 

Schiffahrt, Steuermannskunst, Bau und Takelung, die Reise des Nautik. 
Paulus (als Schilderung einer Seereise, aus der man Schlüsse über 
Handhabung der Schiffe ziehen kann). 

Dr. A. Breusing: Die Lösimg des Trierenrätsels. Bremen 1889. Breusing, 

TrifiFA 
Berichtigungen zu vorstehendem Werke, Ansicht des Verfassers 

(sehr bemerkenswert) über die Rudereinrichtung der Triercn. 

R. H a a k : In Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, R- Haak. 
Jahrgang 1895: Über attische Trieren. 

Seite 165 — 174 die Rudereinrichtung eingehend besprochen. 

S e r r e , Kontreadmiral : Les marines de guerre de Tantiquite et Serre. 
moyen age. 2 Bde. Paris 1885, 1891. 

Teil I: Die verschiedenen Ruderschiffstypen des Altertums (seine 
Ansicht über Rudereinrichtung) ; Galeren des Mittelalters (mit einem 
Auszug aus Fincati). Teil II: Eingehender über dasselbe Thema; 
Angaben über Takelung und Ausrüstung. 

Fincati, Kontreadmiral : Triremi Veneziani. Roma 1881. Fincati. 

Schiffe des späteren Mittelaltere; über Rudereinrichtung im Alter- 
tum (hiervon ein Auszug in Serre). 



XXIV 



Wichtigste Quellen-Literatur. 



AbkuRung, im 
Text gebraucht: 



Dr. E. H e y k: Genua und seine Marine im Zeitalter der Kreuz- 
züge. Innsbruck 1886. 

t}ber die Schiffe zur Zeit der Kreuzzüge» ihre Besatzung und 
Kampfweise. 

tjurien de la Graviore: La marine des anciens, la 

bataille de Salamine et Texp^dition de Sicile. Paris 1886/87. 

Die Hauptschlachten der griechischen Zeit (auch z. B. karthagische 

Expeditionen nach Sicilien) mit vergleichenden Schlüssen zu späteren 

Zeiten. 

"{■Derselbe: La marine des Ptol6m6es et des Romains. Paris 

1885. 2 Bde. 

Die römische Marine und ihre Haupttaten vom Punischen Kriege 
bis Aktium ; einiges über die Kaiserzeit und die gotischen Flotten. 

fC. Manfroni: Storia della Marina Italiana dalle invasioni 
barbariche al trattato di Ninfeo. Livomo 1899. 

Die maritimen Verhältnisse im Mittelmeer 400 — 1 261 ; Begebenheiten 
bei der Völkerwanderung, zwischen den neuen Reichen, Araber und 
Normannen, Aufblühen der Städte und ihre Kämpfe, Kreuzzüge; 
über Schiffe, Personal, Nautik, Taktik usw. 

G. d e V e e r : Prinz Heinrich der Seefahrer und seine Zeit. Danzig 
1864. 

Kurz die Unternehmungen und Kriege Portugals zur See von 
iioo an; die Entdeckungen unter Prinz H. 1420 — 1460. 

Th. Lindner: Die deutsche Hansa. Leipzig 1899. 

Ihre Geschichte und Bedeutung; kurz ihre Kriege gegen Däne- 
mark und Schweden. 

Dr. A. S c h a e f e r: Die Hansa und die Norddeutsche Marine. 

Bonn 1869. 

Gründung, Stellung und Kriege der Hansa. Von demselben Autor 
auch spätere Werke über die Hansa. 



Lindner. 



Schaefer« 



2. Neuere Zeit bis 1740. 

D a s s i 6 : L'Architecture navale, contenant la maniöre de con- 
struire des navires, galferes et chaloupes et la definition de 
plusieurs autre especes de vaisseaux. Paris 1677. 

Mit Plänen und Bildern; Erklärung technischer Ausdrücke; alte 
Segelanweisungen. 

Jos. Furttenbach: Architectura navalis. Ulm 1629. 

Über Galea, Bergan tino, Fregatta, nave usw., alte Schiifstypen. 

tJurien de la Graviore: Les marins du XV e et du XVI e ^ J^jJ^^^ 
siecle. Paris 1879. 2 Bde. du XV. 

Ausdehnung der Schiffahrt im 15. und 16. Jahrh. Angaben über 
Schiffbau, Nautik, Personal verschiedener Marinen; „Die Grund- 
legung zu den modernen Marinen." 



Wichtigste Quellen-Literatur. 



XXV 

Ab kiirzung, im 
Te xt gebraucht: 



fC. Manfroni: Storia della marina italiana dalla caduta di 
Constantinopoli alla battaglia di Lepanto. Roma 1897. 

Kurzer Rückblick auf das 13. Jahrh., dann Fortsetzung des vorigen 
Werkes (siehe Seite XXIV), Kriege der Städte- hintereinander und gegen 
die Türken im 15. und 16. Jahrh.; Angaben über das Seekriegswesen. 

Juriende laGravi^re: Doria et Barberousse. Paris 1886. 

Teil I: Ereignisse im Mittelmeer 1250 — 1500: Kampf der Städte, 
Vordringen der Türken. Teil II: Franzosen und Spanier in Italien, 
Türken in Afrika (Kampf um die Herrschaft im Mittelmeer), repräsen- 
tiert durch Doria (Genua) und Barberousse (Herrscher in den Raub- 
staaten und türkischer Großadmiral). 

Derselbe: Les corsaires barbaresques et la marine de Soliman 
le Grand. Paris 1887. 

Blicke auf die Ereignisse im Mittelmeer um die Mitte des 16. Jahrh. 

Derselbe : Les Chevaliers de Malte et la marine de Philipp IL 

Paris 1887. 

Ebenso, besonders die Belagerung Maltas durch die Türken. 

Derselbe: La guerre de Ch5T)re et la bataille de Lepante. 
Paris 1888. 

Ebenso, besonders die Schlacht bei Lepanto 1571. 

M. Rieh er: Vie d'Andr^e Doria, Gen6ral des Arm^es de 
Fran5ois I ensuite de l'Emp^reur Charles- Quint. Paris 1789. 

J. Mitchell: 'The history of the maritime wars of the Turks. 
Translated from the turkish. London 1831. 

J. P. Contarino, verdeutscht von G. v. B a r t f e 1 d. Historie 
von dem Krieg, welchen der türkische Kaiser Selim IL wider 
die Venediger erzeugt hat. Basel 1623. 

Lepanto 1571 usw. 

Jurien de la Graviore: Les Anglais et les Hollandais 
dans les mers polaires et dans la mer des Indes. Paris 1890. 
2 Bde. 

Rivalität beider Völker auf dem Nordwege nach Indien, 16. und 
17. Jahrh. und in Ostindien. 

Derselbe: Les gueux de mer. Paris 1893. 2. Ed. 

Abfall der Niederlande bis 1573. 

Derselbe: Le sifege de la Rochelle. Paris 1891. 

Hugenottenkrieg 1628. 

W. Stebbing: Sir Walter Raleigh, a biographie. Oxford 1891. 
Die Zeit 1552 — 1618. 

C. F. Duro: La Armada invencible. Madrid 1884/85. 

Genaue Schilderung der Armada-Expedition, der Laird Clowes 
viele Briefe und Berichte wörtlich entnommen hat. 



Jurien : 
Türken. 



Jurien: 
Malta. 



Jurien: 
Lepanto. 



Jurien : 
Geusen. 

Jurien: 
Rochelle. 



Abkürzung, im 
Text gebrauche: 



XXVI Wichtigste Quellen-Literatur. 

Sheltema: De uitrusting en ondergang der onoverwynnlyke 
vloot. 

Eine Schilderung der Armada- Expedition, die de Jonge oft anzieht. 

Julian S. Corbett: Drake and the Tudor navy. With 
a History of the Rise of England as a maritime power. London 
1898. 2 Bde. 

Derselbe: The successors of Drake. London igoo. 

Robert Southey: English Seamen. London 1904. 

Teil I: Howard, Clifford, Hawkins, Drake, Cavendish. Teil II: 
Hawkins, Greenville, Devereux, Raleigh. 

J. W. V. Archenholz: Die Geschichte der Flibustier. Tü- 
bingen 1803. 

Veranlassung des Entstehens der RepubUk der Flibustier im 
17. Jahrh. ; ihr Wesen usw. 

H. Pyle: The buccaneers and marooners of America. London 
1892. 

Taten berühmter Flibustier. 

J. Bourney: History of the buccaneers of America. London 
1891. 

Les Flibustiers au XVII siecle. Limoges 1884. 

Dr. E. B a a s c h: Hamburgs Kon voyschif fahrt und Konvoywesen. 
Ein Beitrag zur Geschichte der Schiffahrt im XVII. und 
XVIII. Jahrhundert. Hamburg 1896. 

G. Brandt*: Leben und Thaten des fürtrefflichen und sonder- »Xeben 
bahren Seehelden Michael de Ru5i:er. Amsterdam 1687. 

Ursprünglich in holländischer Sprache geschrieben, von den Söhnen 
des Verfassers ins Deutsche (und ins Französische) übersetzt, gibt 
nicht nur die Biographie Ruyters sondern auch eine genaue Beschrei- 
bung der Kriege HoUands von 1652 — 1676 (Seitenangaben im Text 
beziehen sxh auf diese deutsche Ausgabe). 

La vie de Corneille Tromp* (Verfasser nicht genannt). „Vie de 

Haag 1694. '^^•"P" 

Auch ursprünglich in hollandischer Sprache, ins Französische 
(darauf beziehen sich die im Text angezogenen Seitenzahlen) und 
auch ins Englische übersetzt. Neben der Biographie eine genaue 
Schilderung der hollandischen Kriege von 1652 — 1692. 



* „Leben Ruyters" und „Vie de Tromp" sind die wichtigsten alten Quellen über 
die drei großen englisch-hollandischen Kriege. Aus ihnen haben die meisten späteren 
Schriftsteller geschöpft; insbesondere soU „Vie de Tromp" einem wicl^tigen alten eng- 
lischen Werke, „(}olumna rostrata by Samuel Colliber, London 1783," als Hauptquelle 
gedient haben, das wiederum für spätere englische Autoren die Grundlage gewesen ist. 
In beiden Werken finden wir auch die Beteiligung Hollands am schwedisch-polnischen 
Kriege 1655 — 1660 und im „Vie de Tromp" am schwedisch-dänisch (brandenburgischen) 
Kriege 1675 — 1679. 



Wichtigste Quellen-Literatur. XXVII 

Abkürzung, im 
Text gebraucht: 

Dr. O. Klopp: Leben und Taten des Admirals de Ruiter. 
Hannover 1852. 

Von Laird Clowes öfters angezogen. 

H. D i X o n : Robert Blake, Admiral and General at sea. London 
1852. 

Führer der englischen Flotte 1649 — 1657 (erster englisch-hoUänd. 
Krieg). 

G. Penn: Memorials of the professional life and times of Sir 
William Penn. London 1833. 2 Bde. 

t Englischer Admiral 1650 — 1670 (erster und zweiter englisch- 
holländischer Krieg). 

S. R. Gardiner: Letters and papers relating to the First Diitch 
War (1652 — 1654). London 1899/1900. 2 Bde. 

Chabaud-Arnault, Revue maritime et coloniale, Jahr- Revue 

^««« ^Qö^ maritime 85. 

gang 1885. ^ 

Im Teil II, Seite 497, und Teil III, Seite 74, Aufsätze: Les batailics 
navales au milieu du XVII. si^cle; Die Schlachten der drei englisch- 
holländischen Kriege, kritisch bearbeitet nach den hier angeführten 
Quellen, aber auch nach alten, erst kürzlich aufgefundenen Urkunden. 

A. J al: Abraham du Quesne et la marine de son temps. Paris Jal: 

^^73- Quesne." 

Leben des Admirals und die Kriegsereignisse 1630 — 1688; Akten- 
auszüge, Privatbriefe und Notizen über Leben und Laufbahn anderer 
französischer Seeoffiziere gewähren Einblicke in die Verhältnisse der 
Marine. 

J. Delarbre: Tourville et la marine de son temps; notes, Delarbre: 
lettres et documents 1642— 1701. Paris 1889. ,,TourviUe**. 

Auch hierin lesenswerte Einblicke in die Verhältnisse der Marine, 
besonders wichtig für den Krieg 1688 — 1697. 

A. B a d i n : Jean Bart. Paris 1887. 
2^it 1672 — 1679. 

M6moires demonsieur Duguay Tronin (1672 — 1736), lieute- 
nant general des arm^es navales de France. Amsterdam 1740. 

Enthält u. a. ein kurzes Verzeichnis technischer Ausdrücke und 
Angaben über Anzahl der Offiziere und der verschiedenen Besatzungs- 
teile auf den damahgen Schiffen. 

Le Baron R. du Casse: L'Admiral du Casse 1646 — 1715. 
Etüde sur la France maritime et coloniale. Paris 1876. 

Burchett: M6moires de tout ce, qui s'est pass6 sur mer, 
durant la guerre avec la France 1688 — 1697. Amsterdam 1704. 

Aus dem Englischen übersetzt. 
H. C. Garde: Niels Juel. Kjöbenhavn 1842. 
J. C. Tuxen: Niels Juel og Tordenskjold. Kjöbenhavn 1875. 



XXVIII Wichtigste QueUen-Utcratur. 

A 

Leben des berühmten königl. dänischen Vizeadmirals Herrn 
Just V. Juels, nebst einer Nachricht von dem Bom- 
bardement dreyer feindlicher Flotten gegen die dänische 
Flotte Anno 1700. Kojienhagen und Leipzig 1756. 

A. Petersen: Om Orlogsskibet Dannebrogs. Deeltagelse 
i Kampen i Kjöge Bugt den 4. October 1710. Kjöbenhavn 
1867. 

C. A, G. B r i d g e : History of the Russian Fleet during the reign 

of Peter the Great by a contemporary Englishman {1724). 

London 1899. 
Sir G. S. Clarke: Russia's Sea-Power past and present or 

the Rise of the nissian navy. London 1898. 
Zählt kurz Rußlands Engagements zur See auf. 
O. Wesselajo: Kurze Geschichte der russischen Flotte. St. 

Petersburg 1893/95. 

Zwei Bände in russischer Sprache. 
Dr. P. F. S t u h r: Die Geschichte der See- und Kolonialmacht 

des Großen Kurfürsten. Berlin 183g. 

B. E, K.: Die Marine des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm 

von Brandenburg und die erste deutsche Expedition nach 

Westafrika. Leipzig 1895. 
Graf von Borcke: Die brandenburg-preußische Marine und 

die Africanische Compagnie, Köln 1864. 
R o e ß e 1 , Generalleutnant a. D. : Die erste brandenburgische 

Flotte im schwedisch-pohlischen Kriege 1658 — 1660. Berlin 

1903. 



psvxvs^ 



Fa^a^a^aI 



Verzeichnis der Abbildungen« 



Bildnisse« 

Seite 

Michael de Ruyter. Nach G. Brandt, Leben und Taten des fürtrefflichen 

und sonderbaren Seehelden Michael de Ruyter (Holl.) Amsterdam 1687 Titelbild 

P r i n z Heinrich der Seefahrer. Nach dem Miniaturgemälde in der 
1448 — 1453 entstandenen Handschrift »»Chronica do descobrimento econquista 
de Guine etc." in der National-Bibliothek zu Paris. Nach Rüge, Geschichte des 
Zeitalters der Entdeckungen. Berhn 1881, G. Grotesche Verlagsbuchhand- 
lung 28 

Vasco de Gama. Nach Rüge, Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen. 

Berlin 1881, G. Grotesche Verlagsbuchhandlung . 59 

ChristofelColonus (Christoph Columbus). Nach einem Stich in einer 

alten Porträtsammlung der Königl. Bibliothek zu Hannover 65 

Ferdinand Magellanus. Ebendaher 71 

Francis Drake. Nach Wm. Laird Clowes, The Royal Navy. A history 
from the earUest times to the present. Bd. I. London 1897. Sampson, 
Low, Marston & Co 80 

Lord Howard of Effingham. Nach J. Campbell, Life of the British 
admirals and naval history of Great-Britain from the days of Casear to the 
present time. London 1873 121 

RobertBlake. Nach Wm. Laird Clowes, The Royal Navy. A history from the 
earliest times to the present. Bd. IL London 1897. Sampson, Low, Mar- 
ston & Co .... 200 

MartinTromp,derÄltere. Nach J. C. de Jonge, Geschiedenis van het 

Nederlandsche Zeewezen, Teü I. Haarlem 1858 201 

Jacob van Wassenaer. Ebendaher, Teil II 241 

Herzog von York. Nach Wm. Laird Clowes, The Royal Navy. A history 
fiom the earUest times to the present. Bd. IL London 1897. Sampson, 
Low, Marston & Co . . 264 

HerzogvonAlbemarle(Monck). Nach J. Campbell, Life of the British 
admirals and naval history of Great-Britain from the days of Caesar to the 
present time. London 1873 274 

Prinz Rupert (Ruprecht von der Pfalz). Nach Wm. Laird Clowes, The 
Royal Navy. A history from the earliest times to the present. Bd. IL 
London 1897. Sampson, Low, Marston & Co 337 

Cornelis Tromp. Nach J. C. de Jonge, Geschiedenis van het Nederlandsche 

Zeewezen, Teil I. Haarlem 1858 365 

Abraham duQuesne. Nach Girard Edelinck gezeichnet von Th. Gide. Nach 
A. Jal, Abraham du Quesne et la marine de son temps. Paris 1873, Henry 
Plön m 



XXX Veraeichnis der Abbildungen. 

Seite 

Niels Jucl. Nach Wm. Laird Clowes, The Royat Navy. A hktory from the 
earliest times to the present. Bd. II. London 1897. Sampson, Low, 
Marston & Co 39S 

Marschall de Tourville. Nach Delarbre, Tourville et la marine de 

sontemps; notes, lettres et documents 1642 — 1701. Paris 1889 432 

EdwardRussell (Earl of Oxford, Viscount Barfleur). NachWm. Laird Clowes, 
The Royal Navy. A history from the earliest times to the present. Bd. II. 
London 1897. Sampson, Low, Marston & Co 447 

JeanBart. Nach L. Gu6rin, Histoire maritime de France. Teil III. Paris 1858. 

Dufour, Mulat et Boulanger ..... 470 

JohnLeake. Nach Fabers Mezzotinto-Bildnis nach dem Porträt von G. Kneller 
(17 12) in Wm. Laird Clowes, The Royal Navy. A history from the earliest 
times to the present. Bd. IL London 1897. Sampson, Low, Marston & Co. 549 

George Byng (Viscount Forrington). Ebendaher Bd. III 580 



Abbildungen von Schiffen« 

Segelschiff der ältesten Zeit mit halbem Winde. Nach 
D. A. Breusing, Die Nautik der Alten. Bremen 1886. Verlag von Carl 
Schünemann 8 

Trier e. Längsschnitt, Teil des Längsschnittes, Teil des 
Querschnittes. Nach der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 
Berlin 1895. Selbstverlag des Vereins deutscher Ingenieure 11 

Kleines römisches Kriegsschiff um etwa 50 v. Chr. Nach L. 
Arenhold, Die historische Entwicklung der Schiffstypen vom römischen Kriegs- 
schiff bis zur Gegenwart. Kiel und Leipzig 1891. Lipsius und Tischer . . 16 

Galeredes XVI. Jahrhunderts. Nach Jurien de la Graviore, LesMarins 

du XV. et du XVI. si^le. Paris 1879. Plön & Cie 33 

Wikingerschiff etwa 1000 n. Chr. Nach L. Arenhold, Die historische Ent- 
wicklung der Schiffstypen vom römischen Kriegsschiff bis zur Gegenwart. 
Kiel und Leipzig 1891. Lipsius und Tischer 34 

Englisches Fahrzeug um etwa 1190 (Kreuzfahrer). Eben- 
daher 36 

Hansa- Kogge um etwa 1380. Ebendaher 37 

Holländische Kogge des XV. Jahrhunderts. Ebendaher. . . 38 

Karavelle des XV. Jahrhunderts. Nach Jurien de la Graviore, Les 

Marins du XV. et du XVI. siöcle. Paris 1879. Plön & Cie 39 

Galeon des XV. Jahrhunderts. Ebendaher 39 

Englisches Kriegsschiff „Henry Grace ä Dieu**. Nach Wm. Laird 
Clowes, The Royal Navy. A history from the earhest times to the present. 
Bd. IL London 1897. Sampson, Low, Marston & Co 97 

EnglischesKriegsschiff„TheRoyalPrinc e". Nach J. Chamock, 

A history of marine architecture. London 1800 — 1802 100 

Englisches Kriegsschiff „The Sovereign of the Seas". 

Nach W. van der Velde. Ebendaher loi 

Englisches Schlachtschiff „The Speake r". Nach Wm. Laird 
Qowes, The Royal Navy. A history from the earliest times to the present. 
Bd. IL London 1897. Sampson, Low, Marston & Co. . . . . . 164 

Französisches Linienschiff „R oyal Loui s". Nach Arenhold, 
Die historische Entwicklung der Schi^stypen vom römischen Kriegsschiff 
bis zur Gegenwart. Kiel und Leipzig 1891. Lipsius und Tischer . . . . 166 



Verzeichnis der' Abbildungen. XXXI 

Seite 

Geschützaufstellung beiDrei-undZweideckern. Nach einer 

Skizze des Verfassers 169 

Englischer Dreidecker „Royal Charles**. Nach Wm. Laird 
Clowes, The Royal Navy. A history from the earliest times to the present. 
Bd. II. London 1897. Sampson, Low, Marston & Co 172 

Fr a n zösi sehe r D reid ec ker „Le S ol eil Ro y al". Ebendaher . . 172 



Schlachtpläne und Übersichtsskizzen« 

(Nach Skizzen des Verfassers.) 

Hafen von Cadiz 1596 136 

Gefecht bei Dover, 29. Mai 1652 . 202 

Schlacht bei Kentish Knock, 8. Oktober 1652 210 

Schlacht bei Portland, 28. Februar 1653. Erster Zusammenstoß . . 215 

Schlacht bei Portland, 28. Februar 1653. Hauptmoment .... 217 
Schauplatz des ersten e n gl isc h - holl an d i sehe n Krieges 

1652—1654 233 

Der II. Juni der Viertageschlacht 1666 275 

Der 12. Juni der Viertageschlacht 1666 278 

Der 14. Juni der Viertageschlacht 1666 281 

Ruyter im Medway, 20. — 23. Juni 1667 293 

Schauplatz des zweiten und dritten e n gl i sc h - holla n - 

dischenKrieges 301 

Schlacht bei Solebay, 7. Juni 1672 326 

Schlacht bei Texel, 21. August 1673 346 

AngriffaufTabago, 3. März 1677 37 1 

Schlacht bei Stromboli , 8. Januar 1676 378 

Bombardement von Algier, 1683 405 

Schlacht bei BeachyHead, 10. Juh 1690 437 

Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692 451 

Vigo, 23. Oktober 1702 517 

BaivonGibraltar 526 




Erster Abschnitt. 



Altertum und Mittelalter 



• » • » »I 



Rittmeyer, Seekriege. 



Erstes Kapitel. 

Das Seewesen im Altertum. 




Einleitung« 

Altertum hat sich das Seewesen zu einer hohen Blüte entwickelt. 
Der Seehandel verband alle Völker am Mittelmeer auf das engste, 
die Herrschaft auf ihm spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte 
der Staaten, und infolgedessen wurden auch Seekriege geführt, die 
von großer Bedeutung waren. Der Bau von Kriegsschiffen — Ruderschiffen 
— erreichte eine bemerkenswerte Höhe, stehende Marinen wurden ge- 
schaffen, in denen die Ausbildung des Personals und die Taktik eine gewisse 
Vollendung erlangten. 

Im Mittelalter tritt das Seekriegswesen gegen das Altertum zurück. 
Es stand im allgemeinen nicht auf gleicher Höhe, Seekriege von solcher 
Bedeutung wie dort sind im Mittelalter nicht geführt worden. 

Zwischen dem Altertum und dem Mittelalter wurde die Entwcklung 
des Seewesens durch die Völkerwanderung gewaltsam unterbrochen ; es mußte 
sich fast ganz von neuem ausbilden. Von dort an aber geht die Ent- 
wicklung ununterbrochen weiter bis zur Gegenwart, und es tritt, besonders 
auch für die Kriegsschiffe, die Segelschiffahrt nach und nach in den 
Vordergrund. 

In den letzten Jahrhunderten (dem 14. und 15.) dieses Zeitabschnittes 
bereitet sich die Ausdehnung der Schiffahrt auf die Ozeane vor. Es 
erscheinen die Völker auf dem Meere, die seit der neueren Zeit als Seemächte 
eine Rolle spielen; es wird schließlich gegen das Ende des Mittelalters die 
Hauptwaffe der Gegenwart, die Artillerie, in größerem Maße an Bord der 
Schiffe eingeführt. So wird der Abschluß des Mittelalters auch in Hinsicht 
auf das Seewesen ein Zeitpunkt von höchster Bedeutung. 



4 Das Seewesen im Altertum. 

Die Ausdehnung der Schiffahrt Schon in der frühesten Zeit haben 
die Phönizier den Grund zu einer umfangreichen Schiffahrt gelegt. Von 
etwa 1500 bis iioo v. Chr. blühte ihr Handel unter der Führung der Stadt 
Sidon im Ostmittelmeer, sie waren aber auch schon ins Westmittelmeer 
vorgedrungen; von iioo bis 800, zur Zeit der Vorherrschaft der Stadt T5n:os. 
beherrschten sie die Seefahrt im Westmittelmeer durch harte Maßregeln. 
Von etwa iioo an wurden sie im Osten nach und nach von den Griechen 
überflügelt, und als sie sich von 800 an, geschwächt durch beständige Kriege 
im Heimatlande, im Westmittelmeer nicht mehr halten konnten, traten dort 
ihre Pflanzstädte, besonders Karthago, an ihre Stelle. — Aber auch über 
das Mittelmeer hinaus erstreckte sich die Seefahrt. Die Phönizier schon 
und später ihre sowie griechische Pflanzstädte im Westen befuhren die 
Küsten des Atlantik, nach Süden bis zum Senegal und Gambia, wobei auch 
die Kanarischen Inseln entdeckt wurden (Karthago), nach Norden bis zum 
Englischen Kanal. Im weiteren Verlauf ging die Schiffahrt bis zum Norden 
Englands und in die Nordsee (der Massüier Pytheas umsegelte bereits um 
die Mitte des 4. Jahrh. v. Chr. Großbritannien). 

Im Osten besuchten die Ägypter schon um 2100 v. Chr. die Küsten 
Afrikas südlich vom Roten Meere; dieser Verkehr, durch Verfall des Reichs 
unterbrochen, wurde in der 18. Dynastie, etwa 1600 v. Chr., wieder auf- 
genommen und später durch Phönizier unter dem Schutz arabischer und 
ägyptischer Herrscher nach Osten bis Indien ausgedehnt ; zur Ptolemäerzeit 
betrieben die griechischen Kaufleute Ägyptens regelmäßigen Seehandel nach 
Indien, sie sind wahrscheinlich sogar im i. Jahrh. n. Chr. bis zur Mündung 
des Jangtsekjang vorgedrungen. Dieser Seeverkehr mit den Küsten Asiens 
— dem ,, Indien" des Altertums und Mittelalters — ist bis in die byzantinische 
Zeit aufrecht erhalten, der von den Ptolemäem vollendete Kanal zwischen 
dem Mittelmeere und dem Roten Meere war mindestens bis ins 6. Jahrh. n. Chr. 
in brauchbarem Zustande; erst die Eroberung Ägyptens durch die Araber 
640 n. Chr. brach die unmittelbare See Verbindung der Byzantiner und damit 
auch des Abendlandes mit Indien ab. 

Beim Ausgang des Altertums war den Kulturvölkern durch diesen Seeverkehr 
nach Norden und Osten, durch die Eroberungszüge Alexanders und der Römer und 
durch den uralten Landhandel über Persien usw. in das Innere Asiens ein großer Teil 
der Alten Welt bekannt ; freilich hatte man infolge der mangelhaften Ortsbestimmungen 
von vielen Ländern und Küsten, besonders im Osten, nur unklare geographische Vor- 
stellungen. 

Die Nautik im Altertum.*) Die Schiffahrt war zunächst reine Küsten- 
fahrt, nur tiefe Buchten kürzte man ab und wagte Überfahrten nur, wo 
eine Insel in absehbarer Feme lag. Diese Küstenfahrt erforderte umsichtige 
und tüchtige Seeleute, um den Gefahren der Untiefen und des Wetters beim 



♦) Hauptquelle: Breusing, Nautik. 



Ausdehnung der Schiffahrt. Nautik. ^ 

Fahren auf Legerwall (d.h. Land gefahrdrohend in Lee)*) zu begegnen. Zeitig 
kam der Gebrauch des Lotes auf, das Bezeichnen von Untiefen durch ein- 
gerammte Pfähle in eigenen oder oft besuchten und die Verwendung von 
Eingeborenen als Lotsen in fremden Gewässern, femer die Benutzung von 
Landmarken, deren auch künstliche, z. B.Türme, auch Leuchttürme vor den 
Häfen, errichtet wurden. Frühzeitig auch gab es Segelanweisungen, welche die 
Entfernungen von Ort zu Ort, Beschreibungen der Küste, Angaben über 
Häfen, Rheden, Strandverhältnisse, Ankerplätze, Ankergrund, Wasserver- 
sorgung u. dgl. enthielten. 

Zum Landen lief man anfangs, auch wohl später noch häufig, auf den 
Strand und schleppte bei längerem Aufenthalt die Fahrzeuge auf; wenn die 
Größe und Belastung der Schiffe oder sonstige Verhältnisse, z. B. Beschaffen- 
heit des Strandes, Verhalten der Einwohner usw., solches verboten, wurde 
geankert; zweifellos hat es in einzelnen Häfen bald Bollwerke zum Fest- 
machen gegeben; später wurden, besonders für Kriegszwecke, künstlich 
geschützte Häfen mit eingeteüten Bassins (Docks), Magazinen, Arsenalen und 
Einrichtungen zum Trockenlegen der Fahrzeuge gebaut. 

Als man das ganze Mittelmeer kannte, sich vom Lande freizumachen 
verstand und kürzende weitere Überfahrten wagte, bei denen das Land aus 
Sicht kam, bestimmte man den Kurs nach dem Stand der Sonne und der 
Gestirne. Schon die Phönizier benutzten den Polarstem und schätzten die 
Fahrt nach dem Bugwasser und nach der Schnelligkeit des am Schiff vorbei- 
fließenden Wassers, wie man es bei der Küstenfahrt zu beurteüen gelernt 
hatte. Da keine genauen Stundenmesser vorhanden, wurde die Fahrt für 
Tage angegeben; um einen Begriff von der Leistungsfähigkeit der Schiffe 
zu erhalten, sei erwähnt, daß das Etmal (d. h. der Weg in 24 Stunden) im 
Durchschnitt bei guten Schiffen zu 120 Seemeilen (1200 Stadien) angegeben 
ist, es entspricht dies einer Fahrt von 5 Knoten für die Stunde, auch solche 
zu 7 Knoten werden aufgeführt, doch der allgemeine Durchschnitt ist nur 
2 bis 3 Knoten. Diese Art der Besteckführung war natürlich sehr ungenau 
und versagte ganz bei anhaltend trübem oder stürmischem Wetter, deshalb 
wurde die Schiffahrt im allgemeinen während der Wintermonate geschlossen. 
Zur Unterstützung dieser ungenauen Besteckführung sammelte man jedoch 
auch Erfahrungen, man nahm Tieflotungen mit Grundproben vor wie jetzt, 
man beobachtete die Wasserfarbe bei Annäherung an die Küste namentlich 
vor großen Strömen usw. Durch die Fahrten im Atlantik lernte man Ebbe 
und Flut und durch die nach Indien die Monsune kennen ; die Schiffe nach 
Indien fuhren im Sommer mit N.W.-Monsun vom Roten Meere ab und kehrten, 
auch wenn sie dort im ersten Winter ihre Geschäfte erledigt hatten, erst 
im nächsten Herbst mit S.O.-Monsun von Indien zurück. 

Die wissenschaftliche Nautik konnte aber erst größere Fortschritte 
machen, als ihre Hilfswissenschaften, die messende Erd- und Himmelskunde, 

*) Lee (leewärts): die Seite, wohin der Wind bläst, im Gegensatz von Luv (zu Lu- 
ward), woher der Wind kommt. 



5 Das Seewesen im Altertum. 

ZU einer gewissen Reife gelangt waren ; auch hierzu ist im Altertum der Grund 
gelegt. Thaies (600 v. Chr.), Pythagoras (550), Aristoteles (350) entwickelten 
die Theorie von der Kugelgestalt der Erde; Eratosthenes (Alexandria 250), 
Posidonius (Rhodus 100) berechneten den Erdumfang und Hipparch (Alexan- 
dria 150) überzog die Erdoberfläche mit dem Gradnetze von Meridianen und 
Breitenparallelen, dessen wir uns noch jetzt bedienen. Letzterer drang darauf, 
die Lage der Orte nach Länge und Breite festzustellen, bestimmte selbst 
mehrere Polhöhen und empfahl zur Längenbestimmung die genaue Beob- 
achtimg der Sonnen- und Mondfinstemisse. Wenn es bis dahin nur 
möglich war, rohe Darstellungen der Ländergestaltung und der Lage be- 
kannter Orte nach ihrer ungefähren Richtung und Entfernung voneinander 
herzustellen, so konnten jetzt einigermaßen richtige Karten angefertigt 
werden. 

Aber erst Marinus (Tyrus 100 n. Chr.) entwarf Karten nach wissen- 
schaftlichen Grundsätzen und einer ihm eigentümlichen Projektion. Er zog 
Breitenparallele und Meridiane als gerade Linien aus, die sich rechtwinklig 
schnitten. Der Kugelgestalt der Erde trug er dadurch Rechnung, daß er 
den Abstand der Meridiane voneinander so ordnete, wie es dem Breitenparallel 
von 36® N. — im Altertum als die Mittelbreite der bewohnten Welt ange- 
sehen — entsprach, und sammelte sorgfältig aus den Tagebüchern der 
Reisenden Angaben zur Berechnung der Länge und Breite vieler Orte. Er 
ist also der Schöpfer der platten Karte. 

Ptolemäus (Alexandria 150 n. Chr.) berichtigte und erweiterte diese 
Arbeit; an 8000 Orte sind in seinem geographischen Buche mit Länge und 
Breite verzeichnet, und 27 Karten sind ihm beigegeben ; bei den Spezialkarten 
hat er als Mittelbreite die des betreffenden Landes angenommen; es sind 
dies die einzigen uns überlieferten Karten des Altertums. Mit Ptolemäus 
erreichte die messende Erd- und Himmelskunde für lange Zeit ihren Höhe- 
punkt. Sein geographisches Werk hat leider während des ganzen Mittel- 
alters in Vergessenheit geruht; sein zweites, astronomisches Werk (Almagest) 
aber, in dem er das nach ihm benannte astronomische System, das erst nach 
anderthalb Jahrtausenden vom Kopernikanischen verdrängt wurde, nieder- 
legte, hat beim Wiederaufleben der Wissenschaft im Mittelalter der Erd- 
kunde die größten Dienste geleistet. 

Die praktische Navigation konnte jedoch im Altertum aus allen diesen 
wissenschaftHchen Fortschritten noch keinen Nutzen ziehen, solange wegen 
mangelnder Instrumente keine astronomischen Beobachtungen auf See (an 
Land wurden die Breitenbestimmungen mit dem Gnomon, dem Schatten- 
zeiger, angestellt) gemacht werden konnten und man kein Mittel hatte, den 
Kurs jederzeit mit Sicherheit zu bestimmen — nämlich ohne Kompaß; man 
blieb auf ein nur ungenau geschätztes Besteck und somit auf Küstenfahrt 
angewiesen. 

Es sei liier vorgreifend noch erwähnt, daß im Altertum die Ausdehnung der Alten 
Welt von West nach Ost auf den bekannten Breiten — also von Spanien bis China — 



Nautik. Die Schiffe im allgemeinen. j 

viel zu groß angenommen wurde infolge der ungenauen Längenbestimmungen namentlich 
in Asien. Marinus nahm sie zu 225"*, Ptolemäus zu 180° an gegen etwa 130*^ in Wirk- 
lichkeit; die erstere Zahl hat wesentlich dazu beigetragen, Kolumbus zu seinem Plane 
zu ermutigen, die Ostküste Asiens auf dem Wege nach West zu erreichen. 

Die Sehiffe im allgemeinen und die Handelsschiffe.*) Wie die Phöni- 
zier das erste Volk gewesen sind, das seine Seefahrt über das ganze Mittel- 
meer ausdehnte, so waren sie auch grundlegend für die Entwicklung des 
Seewesens aller Völker am Mittelmeer; auch die Ägypter, die schon früh 
das Rote Meer usw. befuhren, büdeten ihr Seewesen nicht weiter aus, sondern 
bedienten sich später ebenfalls in diesen Gewässern der Phönizier und dann 
der Griechen. Wenn auch wohl naturgemäß die anderen Küsten Völker, 
ehe sie mit den Phöniziern in Berührung kamen, aufs Wasser gegangen 
sind, so haben doch zweifellos die frühzeitiger technisch entwickelten 
Fahrzeuge der letzten überall zur Ausbildung des Schiffbaues den Anstoß 
gegeben. 

Die Griechen haben sodann allerdings viel zur Entwicklung, besonders 
der Kriegsschiffe, beigetragen, aber alle griechischen Schriftsteller von Homer 
bis auf die spätesten stellen die Phönizier als Vorbild hin, was deren Schiffe, 
seemännische Umsicht, Genauigkeit und Erfahrung sowie ihre nautischen 
Kenntnisse anbetrifft; noch Xenophon lobt die praktische Einrichtung, die 
musterhafte Ordnung und Disziplin, die er auf phönizischen Schiffen — 
und zwar Handelsschiffen — gesehen hat. Im Westmittelmeer haben dann 
später auch die phönizischen Pflanzstädte (Karthago) im Verein mit den 
Griechen Sicüiens die Entwicklung des Seewesens beeinflußt. 

Die ersten Fortschritte im Schiffbau betrafen die Handelsschiffe. 
Aus den einfachen offenen Booten zum Rudern und Segeln, mit denen die 
Phönizier die ersten Fahrten an naher Küste und im Agäischen Meer 
unternommen hatten, entwickelten sich gedeckte, größere Seeschiffe, 
namentUch als man die Fahrten nach Spanien aufnahm. (Die Tharsis- 
fahrten, daher ist' „Tharsisschiffe" bald die Bezeichnung für alle größeren 
Seeschiffe.) 

Diese Schiffe wurden tiefergehend, voller und somit seefähiger, hoch- 
bordiger, breiter und seefester gebaut, sogenannte ,, runde Schiffe" im Gegen- 
satz zu den später ausgebUdeten „langen" Kriegsschiffen; bei ihnen wurde 
die Menschenkraft an den Riemen (Rudern) als Hauptmotor zu teuer 
und nahm zu viel Platz fort; so waren die größeren in erster Linie zum 
Segeln bestimmt und besaßen nur einige Riemen, hauptsächlich zum Ein- 
und Auslaufen beim Besuch der Häfen; kleinere Handelsschiffe für kurze 
Küstenfahrt blieben wohl mehr Ruderfahr zeuge. 

Die Takelage der Segelschiffe war während des ganzen Altertums sehr 
einfach. Die Schiffe hatten anfangs und lange Zeit nur einen Mast mit einem 



♦) Hauptquellen: Breusing, Nautik; Movers. 



8 Das Seewesen im Altertum. 

breiten, viereckigen Raasegel,*) später trat bei den größeren Schiffen ein 
zweiter Mast hinzu, ganz vom im Schiff, stark vomübergeneigt, mit losem 
(gewissermaßen breitfockähnlich) Raasegel; erst in der römischen Kaiserzeit 
ist noch eine Art dreieckigen Toppsegels über dem Raasegel des Hauptmastes 
hinzugekommen. Gesteuert wurden die Segelschiffe wie auch die Ruderschiffe 
mit zwei Riemen am Heck. 

Verbesserungen kleinerer Art werden nach und nach in der Takelage 
und im Schiffbau stattgefunden haben, immerhin aber haben die Segelschiffe 



Segelschiff der ältesten Zeit mit halbem Winde, 

sich wenig entwickelt und gestatteten, unvollkommen in Bau, Takelage 
und Steuervorrichtung, keine gründliche Ausnutzung des Windes; man nimmt 
an, daß sie höchstens 8 Strich beim Winde (also mit halbem Winde) steuern 
konnten, auch müssen Steuervorrichtung und Takelage bei stürmischem 
Wetter bald versagt haben. 

Der Grund dieser geringen Entwicklung des Segelschiffbaues und der 
Segelkunst ist wohl in den besonderen Verhältnissen des Mittelmeeres zu 
suchen. Bei dem niedrigen Stande der Nautik mußte die Schiffahrt mehr 
oder weniger Küstenfahrt bleiben, und die begrenzten Gewässer des Mittel- 
meeres mit ihren vielen Inseln und langvorgestreckten Halbinseln erlaubten 
dies; die vielen Zufluchtsorte, die die Küsten boten, sowie die im größten 
Teile des Jahres günstigen Wetter- und Seeverhältnisse zwangen nicht so 
dringend zur Erfindung von Verbesserungen, durch die langwierige und 



•) Die soßenannten „lateinischen" Segel des Mittelmeeres stammen erst aus dem 
Mittelalter. 



Handelsschiffe. Kriegsschiffe der Phönizier und Griechen. g 

beschwerliche Seereisen leichter zu überwinden gewesen wären; in der 
schlechten Jahreszeit legte man die Schiffe ja schon aus navigatorischen 
Gründen auf. 

Was die Größe der Handelsschiffe anbetrifft, so kann man nach der 
Größe der Kriegsschiffe, die uns besser bekannt ist, nach den Angaben über 
Ladung, Passagiere und Truppentransporte wohl annehmen, daß solche 
von 100 bis 600 tons Deplacement gebräuchlich waren; man findet aber auch 
in späterer Zeit Angaben, die auf gelegentliche Verwendung (regelmäßige 
Getreide- und Passagier-Fahrten, Transporter) weit größerer Schiffe, ja bis 
zu 2000 tons, schließen lassen. 

Um endlich noch einen Begriff von der Stärke alter Handelsflotten 
zu geben, seien die Mitteilungen Herodots über den Zug des Xerxes gegen 
Griechenland erwähnt. Die Kriegsflotte bestand aus 1200 Trieren und 3000 
kleineren Kriegsfahrzeugen, die meisten waren gerade für diese Expedition 
außergewöhnlich stark bemannt. Da nun Herodot für die begleitende Trans- 
portflotte „mindestens" die gleiche Besatzung wie für die Kriegsschiffe an- 
nimmt, und da das einzelne Handelsschiff doch schwächer bemannt gewesen 
sein wird als das einzelne Kriegsschiff, muß die Zahl der Handelsschiffe eine 
ungeheuere gewesen sein; nach dem Verhältnis der Trieren, von 1200 waren 
300 phönizische, fällt mindestens ein Viertel der Transporter allein auf die 
phönizischen Städte des Mutterlandes. 

Die Kriegsschiffe der Phönizier und Griechen. Die Kriegsschiffe der 
Alten waren Ruderschiffe, deren Bau eine hohe Blüte erlangte. Ihr Typ hat zu 
verschiedenen Malen große grundsätzliche Änderungen erfahren. 

Die Phönizier besaßen anfangs keine eigentliche Kriegsflotte, da 
sie in den ersten Zeiten ihrer Macht nicht mit seetüchtigen Gegnern zu rechnen 
hatten; die größeren Handelsschiffe waren zu ihrem Schutz gegen Seeräuber 
und sich feindlich stellende Einwohner der besuchten Küsten genügend 
bemannt und armiert. Sie hatten aber auch in ihrer Begleitung große flache 
Ruderboote, denn sie selbst waren wegen ihres Tiefgangs nicht überall ^ur 
Küstenfahrt und zum Löschen und Laden der Waren geeignet; diese stärker 
bemannten Ruderfahrzeuge dienten gleichzeitig zur Bedeckung und zur 
Ausführung von Gewaltstreichen: See- und Küstenraub. Ahnliche Ruder- 
schiffe waren auch wohl an den eigenen Küsten vorhanden, um die Städte 
gegen Seeräuber zu schützen. 

Als nun aber die phönizischen Städte vom 9. Jahrh. an in die assyrisch- 
babylonischen und ägyptischen Kriege verwickelt wurden und von diesen 
Völkern, die sich selbst eine Seemacht zu gründen bestrebt waren, mittels 
der lonier, Karier und schon unterworfenen Phönizier auch zur See bedroht 
wurden, bedurften beide Parteien einer wirklichen Kriegsflotte, und jetzt 
machte bei ihnen, im Verein mit den zu derselben Zeit aufblühenden Seestaaten 
der Griechen, besonders den asiatischen Kolonien, der Kriegsschiffbau 
schnelle Fortschritte. 



10 Das Seewesen im Altertum. 

Die erwähnten Ruderboote wurden im Vergleich zu den Kauffahrtei- 
schiffen weniger tiefgehend, länger, leichter, schlanker mit immer schöneren 
Wasserlinien gebaut; während die Frachtschiffe dreimal so lang als breit 
waren, wird bei den Kriegsschiffen das Verhältnis mindestens das Doppelte 
gewesen sein, wie man aus den Maßen der griechischen Schiffsschuppen 
schließen kann; mit diesen „Langschiffen" erreichte man unter Riemen eine 
große Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit. Zunächst waren es offene, 
niederbordige, leicht zu rudernde und leicht aufzuschleppende Fahrzeuge, 
also große Boote, aber schon mit einem Deck vom und hinten, zum Kampf 
und zur Unterkunft, versehen. Sie hatten eine Reihe Riemen auf jeder Seite 
und wurden benannt nach der Anzahl der Rudermannschaften: Eikosoren, 
Triakontoren, Pentekontoren. Die Pentekontore, den Fünfzig- 
ruderer, nimmt Kontre-Admiral Serre an als ein Fahrzeug von i8 m Länge, 
22 tons Deplacement, 13 Ruderbänken = 26 Riemen, an jedem Riemen 
2 Mann (am Bugriemen nur i Mann), also: (24 x 2) + (2 x i) =50 Ruderer.*) 
Sie führte am Bug einen Sporn über Wasser. Diese Einreihenschiffe, be- 
sonders die Pentekontoren, die zuerst von den Phokäem erbaut sein sollen, 
blieben auch bei späterer Vergrößerung der Schlachtschiffe stets als Schiffe 
für Aufklärungs- und Nachrichtendienst im Gebrauch. 

Mit zunehmender Größe der Fahrzeuge fügte man die Einrichtung für 
eine zweite und später für eine dritte Riemenreihe hinzu, so entstanden die 
Dieren und Trieren. Letztere sollen zuerst um 700 v. Chr. von den Korinthem 
erbaut sein, doch schreiben einige Forscher die Erfindung sowohl der Trieren 
wie auch der Pentekontoren den Phöniziern zu. Die Triere war in den Perser- 
kriegen und im Peloponnesischen Kriege das Hauptschlachtschiff und er- 
reichte im letzteren durch die Athener ihre höchste Vollendung, was Leichtig- 
keit, Formenschönheit und somit Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit an- 
belangt. 

Die Trieren waren anfangs auch nur vorn und hinten, später jedoch 
ganz gedeckt ; die Takelage, sonst wie bei den Handelsschiffen der entsprechen- 
den 2^it, war nur eine Hilfstakelage für den Marsch, zum Gefecht wurde sie 
niedergelegt,**) auch oft von Bord gegeben; die Schiffe konnten leicht auf- 
geschleppt werden, häufig sind sie sogar kurze Strecken über Land trans- 
portiert oder auch zur Herstellung befestigter Stellungen am Lande (Lager) 
benutzt. 

Nach Serre war die gebräuchlichste attische Triere im 5. Jahrh. ein 
Fahrzeug von 40 m Länge über Deck, 4,4 m größter Breite und 1,1 m Tief- 



♦) Andere Forscher nehmen an: 25 Ruderbänke und nur i Mann am Riemen; 
die Fahrzeuge müßten dann wohl länger gewesen sein. 

**) Der kleinere vordere Mast blieb stehen, um von ihm schwere Gewichte (Del-^ 
phine) auf das Deck des Feindes fallen zu lassen, auch diente sein leicht zu setzendes 
Segel zur Unterstützung der Ruderer besonders bei der Verfolgung od6r der 
Flucht. 



Kriegsschiffe der Phönizier und Griechen. 

gang, 130 tons mit 200 Mann Besatzung. Sie hatte 
an jeder Seite und in jeder Reihe 24 Riemen, 
also = 144 Riemen und ebensoviel Ruderer. Andere 
Quellen geben die Triere etwas größer an bis zu 
230 tons, 150 Ruderer, ganze Besatzung 220 Mann; 
doch hat es wohl auch größere und kleinere gegeben, 
besonders in anderen Staaten. Der geringe Rest der 
Besatzung nach Abzug der Ruderer enthielt die Offi- 
ziere, Matrosen und Soldaten (Hopliten). Zur Zeit 
des Pelof)onnesischen Krieges war eben das Schiff 
selbst, die schnelle und manövrierfähige Triere, die 



Triere, Teil des Längsschnittes. 



Triere. Teil des Querschnittes. 
Zeichnung der_ Rudereinrichtung nach R. Haaclc. 

Hauptwaife ; der Sporn befand sich eine Zeitlang unter 
Wasser, wurde aber später aus seemännischen Grün- 
den wieder über Wasser gelegt. 

Die Bedeutung der Namen der Vielreiher, Trieren, 
Penteren usw. richtig zu lösen, hat seit langem die Forscher 
beschäftigt. Die Schwierigkeit, festzustellen, wie die 
Ruderer, namentlich bei den Fünf- und noch höheren 
Ruder- Reihern, übercinandergesessen haben, hat zu der 



12 Das Seewesen im Altertum. 

Annahme anderer Anordnung der Riemen als gerade in parallelen Reihen über- 
einander geführt, um den betreffenden Namen zu erklären: Eine der Namens- 
zahl entsprechende Anzahl von Gruppen der Riemen an verschiedenen Stellen 
des Schiffes in gleicher Höhenlage, in verschiedener Höhenlage, aber nicht über- 
einander, und Kombinationen davon mit teilweiser Lage von Reihen übereinander. 
Seemännisch erfahrene Forscher heben aber außerdem die Schwierigkeit, ja teilweise 
Unmögüchkeit, mit verschieden langen Riemen übereinander in gleichem Takt zu 
rudern und ihre Kraft gleichmäßig auszunutzen, hervor. 

Es darf wohl als bewiesen angesehen werden, daß die Vielreiher mehrere Ein- 
richtungen zum Gebrauch der Riemen übereinander gehabt haben, aber nicht mit dem 
Zweck, sie gleichzeitig zu benützen; man wollte sich vielmehr mit ihnen verschiedenen 
Verhältnissen anpassen können. 

Nach Breusing hatte die Triere für einen jeden Riemen jeder der drei Reihen 
einen Ruderer, es wurde aber stets nur eine Reihe bemannt, den Verhältnissen ent- 
sprechend, d. h. je nach dem Seegang, oder der Geschwindigkeit, die man erzielen wollte: 
bei ganz glattem Wasser oder bei wenig Eile die unterste Reihe mit den kurzen, leicht 
zu bedienenden Riemen; bei etwas Seegang, wenn die Riemen und vor allem auch die 
Offnungen für sie in der Schiffsseite zu nahe über Wasser kamen, die höher liegende 
zweite Reihe; bei viel Seegang oder wenn die höchste Fahrt erwünscht war, also stets 
im Gefecht, die oberste Reihe mit den längsten Riemen. Bei den Penteren glaubte 
man sich durch Einführung von noch mehr Reihen den Verhältnissen noch besser 
anschUeßen zu können. 

Serre's Ansicht ist fast dieselbe, doch läßt er die unterste Riemenreihe von einem, 
die zweite von zwei und die oberste von drei Mann an jedem Riemen bedient werden. 
Bei den Penteren nimmt er auch nur drei Riemenreihen an und bezieht den Namen 
darauf, daß zur Bedienung der obersten Reihe fünf Mann am Riemen verwendet seien ; 
ebenso bei noch höheren Riemenreihen, hier gibt er aber zu, daß mehrere Reihen gleich- 
zeitig benutzt seien, da es infolge der Größe der Schiffe möghch gewesen sei, aber nie 
über drei Reihen. 

Die Hypothesen Breusings und Serres sind auch insofern bemerkenswert, als 
durch sie andere, sonst zweifelhafte Punkte befriedigende Antwort erhalten. So ist 
bei ihnen eine regelmäßige Ablösung der Ruderer auf längeren Fahrten möglich, die 
sonst bei gleichzeitigem Gebrauch aller Riemen ausgeschlossen wäre, und es ist zu er- 
klären, namentlich nach Breusing, daß Staaten imstande waren, so viele Trieren zu 
bemannen, wie es in einzelnen Fällen angegeben wird ; wenn man in der Nähe der eigenen 
Küste focht, konnte man von Ablösung ganz oder teilweise absehen und brauchte nicht 
den vollen Etat der Ruderer einzuschiffen. Alte Reliefs zeigen zwar Schiffe mit drei 
Ruderreihen im Gebrauch, es ist aber möglich, daß man diese hierdurch nur als Drei- 
reiher kennzeichnen wollte, oder daß „zur Parade" alle Riemen ausgelegt wurden.*) 

Mit Beginn des 4. Jahrh. fing man an, die Schiffeseiten gegen den Ramm- 
stoß zu verstärken, femer führte man die nach dem Peloponnesischen 
Kriege erfundenen Wurfmaschinen (Katapulte: große Bogen, die Lanzen, 



♦) Hauptquellen: Breusing, Trier enrätsel ; Serre mit dem Auszuge Fincatis, 
der annimmt, daß die Vielreiher des Altertums vielleicht die gleiche Rudereinrichtung 
gehabt haben wie die späteren Galeren ä zenzile (vgl. Mittelalter Seite 32); Arenhold, 
der sich Breusing anschließt; L. Müller; du Sein, Teil i, Kapitel i. Die beiden letzt- 
genannten Verfasser geben eine Zusammenstellung der verschiedenen sonstigen Annahmen 
über die Rudereinrichtung der Trieren sowie vieler Quellen darüber. Die vielen ver- 
schiedenen Ansichten zeigen, wie wenig wir von den Schiffen des Altertums wissen; 
vollständige Beschreibungen sind nicht überliefert, und den künstlerischen Darstellungen 
ist nicht unbedingt zu trauen. 



Triere. — Kriegsschiffe zur römischen Zeit. 13 

Pfeilbündel, Balken schössen; Ballisten: Vorrichtungen, die mit Hebelkraft 
schwere Gewichte warfen) auch nach und nach an Bord ein, es mußten jetzt 
die Decks sowohl behufs deren Aufstellung als auch zum Schutz gegen ihre 
Projektile verstärkt werden. Die Schiffe wurden größer imd schwerer; man 
schritt zum Bau von Tetreren und Penteren; letztere ist wahrscheinlich 
zuerst in Syrakus, wo auch die Konstruktion der Wurfmaschinen besonders 
ausgebildet wurde, etwas nach 400 v. Chr. erbaut; jetzt wird die Pentere 
das Hauptschlachtschiff. 

Nach Serre war die Pentere ein Schiff von 300 tons, 50 m Länge, 6,2 m 
Breite, 1,5 m Tiefgang mit 400 bis 500 Mann Besatzung, darunter 300 Ruderer 
für 60 Riemen in jeder Reihe. Andere Angaben sagen 550 tons, 168' lang, 
26' breit 13 bis 14' tiefgehend; sie mögen auch später größer geworden bzw. 
verschieden groß gewesen sein; auch die Besatzungsangaben schwanken, doch 
mehr was die Nichtruderer anbetrifft, die Anzahl der einzuschiffenden Soldaten 
war aber wohl überhaupt nicht unbedingt festgestellt. Die Pentere war nicht 
so handlich und schnell wie die attische Triere, so bleibt denn auch, abgesehen 
von der Einführung der Wurfmaschinen, der Sporn nicht mehr allein Haupt- 
waffe wie bei dieser, und wir sehen die Zahl der Kämpfer an Bord bedeutend 
gewachsen. 

Zu noch höheren Ruderreihem sind die Griechen wahrscheinlich nicht 
gegangen; in Ägypten aber, wo unter den Ptolemäem das Seewesen sehr 
gepflegt wurde, sind im 3. Jahrh. Vielreiher bis zu Okteren und Dekeren 
(nach Serre 800 tons, 840 Mann, 560 Ruderer bzw. 1000 tons, 1080 Mann, 
worunter 800 Ruderer) gebaut; noch größere Schiffe, die erwähnt werden, 
waren wohl nur unpraktische Luxusbauten, auch die Okteren verschwanden 
wieder. 

Die größeren Schiffe waren aber sehr unbeholfen, weil sie allmählich 
mit Schutz- und Trutzwaffen überlastet wurden; denn die Wurfmaschinen 
und ihre Projektile, die man anfangs nur gegen Menschen verwendete, 
wurden immer schwerer, weU sie später auch zum Durchschlagen der Decks 
und Schiffswandungen bestimmt waren. Bei ihrem verstärkten Bau reichten 
auch Menschen als Triebkraft nicht mehr aus, den Gegner mit dem Sporn 
zu durchstoßen. So waren aus der Triere mit höchstem Offensivzweck 
Schiffe mehr defensiven Charakters geworden. 

Die Kriegsschiffe zur römischen Zeit.*) Phönizier und Griechen sind auch 
auf die Entwicklung des Kriegsschiffbaues im Westmittelmeer von Einfluß 
gewesen. Die Karthager und sonstigen phönizischen Pflanzstädte haben 
die Errungenschaften des Seewesens von Phönizien mitgebracht, und bei 
ihrer ständigen Verbindung mit dem Mutterlande und mit den griechischen 
Städten Siciliens und Unteritaliens sind sie natürlich auch in betreff der 
späteren Vervollkommnungen und Veränderungen auf diesem Gebiet im 



*) Die Angaben über Karthager nach Meltzer; im übrigen die auf S. 12 an- 
gegebenen Quellen. 



I^ Das Seewesen im Altertum. 

Ostmittelmeer auf dem laufenden geblieben, ebenso die ebenerwähnten 
griechischen- Kolonien ; beide haben die Wandlungen mitgemacht, wenn auch 
vielleicht mit kleinen Abweichungen, wie auch in Griechenland die Schiffs- 
typen, Trieren z. B., nicht immer in allen Staaten ganz gleich gewesen sind. 
Es ist wahrscheinlich, daß die Karthager ihre Trieren nicht so schnell, so 
formvollendet gebaut haben wie die Griechen im Laufe des 5. Jahrb., sondern 
mehr auf größere Seetüchtigkeit und größeres Fassungsvermögen Gewicht 
gelegt haben. Zur Zeit des höchsten Standes der attischen Triere wurde 
den Karthagern die Seeherrschaft in ihrem Bereich von keinem ebenbürtigen 
Nebenbuhler streitig gemacht, seefähigere Fahrzeuge waren dort aber er- 
wünschter, namenthch bei den Expeditionen außerhalb des Mittelmeeres. 

Von Sjnrakus nahmen die Punier frühzeitig die Penteren an, einen Schiffs- 
typ, den der Tyrann dieser Stadt (Dionysius I.) gerade gegen sie selbst um 
400 zuerst erbaut hatte. Auch bei ihnen wird die Pentere im 4. und 3. Jahrh. 
das Hauptschlachtschiff, wie aus den Angaben über die Zusammensetzung 
karthagischer Flotten hervorgeht. Zum Bau noch höherer Reihenschiffe zu 
schreiten, hat auch sie ihr seemännisch-praktischer Sinn gehindert ; das Flagg- 
schiff bei Mylae, eine Heptere, wird ausdrücklich als vorher dem König 
Pyrrhus abgenommen erwähnt. Die Karthager widmeten ihrer Flotte große 
Sorgfalt, die Bemannung scheint sich im Gegensatz zum Landheere stets 
der Hauptsache nach aus Stadt-Karthagern ergänzt zu haben, namentlich 
die Chargen und die Kämpfer. 

Die Römer hatten während der ersten Jahrhunderte ihres Bestehens 
keine nennenswerte Kriegsflotte, sondern nur kleinere Fahrzeuge für den 
Küstendienst; die Unterwerfung Italiens vollzog sich ganz durch Landkriege. 
Als der Zusammenstoß mit Karthago sie zwang, eine Flotte zu schaffen, 
standen ihnen der Hauptsache nach nur die Schiffe der süditalienischen 
Bundesgenossen zur Verfügung, auch nur solche bis zur Größe der Trieren. 
Sie bauten deshalb nach dem Muster einer gestrandeten punischen Pentere 
die ersten Schiffe dieser Art. Daß sie diesen T)t> nicht von ihren Bundes- 
genossen, den Syrakusem, entlehnten, muß politische Gründe gehabt 
haben, vielleicht wichen auch die punischen *) Penteren etwas von den grie- 
chischen ab, und man wollte dem Feinde mit gleichen Waffen entgegentreten. 

Aber unerfahren auf dem neuen Gebiet, war man dem Feinde in der 
Führung der Schiffe nicht gewachsen und unterlag der Taktik des seegewandten 
Gegners, nämlich der Ausnutzung des Manövrierens zum Riemenzerbrechen 



*) Serre nimmt die punische Quinquereme zur Zeit des ersten Punischen Krieges 
als einen rein karthagischen Typ an: zu 50 tons, 70 Mann, 40 Ruderern, also Fahrzeuge 
von sehr geringen Abmessungen. Es widerspricht dies allen anderen Angaben. Außerdem 
sagen die Verfasser von Spezialgeschichtswerken unabhängig voneinander, daß die 
Pentere von Syrakus nach Griechenland und von Syrakus nach Karthago zur Ver- 
größerung des bis dahin dort üblichen Schiffstyps gekommen sei, was doch auf gleiche 
Penteren und auf gleiche vorherige kleinere Schiffe im Ost- und Westmittelmeer 
schließen läßt. 



Kriegsschiffe zur römischen Zeit. 15 

und Rammen. Um diese Schwäche auszugleichen, erfanden die Römer die 
Enterbrücke (manus genannt, vulg. corvus). Es war dies eine im Bug auf- 
gestellte, drehbare Fallbrücke, die nach vom tmd den Seiten fallen gelassen 
werden konnte, mit einem schweren, eisernen Haken in das Deck des sich 
nähernden feindlichen Schiffes einschlug und dies festhielt; über die Brücke 
hin stürmten die Legionäre. Wenn die Pentere (Quinquereme der Römer) 
bis dahin ungefähr dieselbe Besatzung gehabt hatte wie bei den Griechen^ 
so erhöhten die Römer zu dieser neuen Kampfweise die Zahl der Soldaten 
bedeutend, nämlich auf 120 Mann Schwerbewaffnete. Diesem Vorgang wurde 
auch dort gefolgt, wo man die Enterbrücke nicht einführte; somit trat 
der Enterkampf in den Vordergrund. 

Mit der weiteren Ausbreitimg der Weltherrschaft der Römer ist dann 
wohl die Entwicklung des Kriegsschiffbaues im ganzen Mittelmeer dieselbe 
gewesen. Wie schon (Seite 12) gesagt, bildeten sich die Schiffe im allgemeinen 
in der Hinsicht weiter aus, daß Schutz- und Femtrutzwaffen stetig ver- 
stärkt wurden. Der Femkampf gewinnt an Bedeutung. 

Der Schutz der Schiffsseiten wurde immer mächtiger, die Schiffe wurden behufs 
Überhöhung und Erschwerung des Entems hochbordiger. Man schützte die Kämpfer 
und die Wurfmaschinen durch Brustwehren und Türme, vorn und hinten sowie an den 
Seiten auf Deck erbaut. Die Wurfmaschinen wurden vergrößert und vermehrt, neben 
Pfeilen und Lanzen gegen Leute sowie Balken und schweren Gewichten zum Durch- 
schlagen der Schiffsseiten und Decks auch Brandprojektile eingeführt. Zum Heran- 
holen des feindlichen Schiffes schleuderte man auch Enterdraggen, mit Leinen ver- 
sehen, aus den Maschinen (harpax).*) 

Ganz stetig war diese Richtung in ihrer Entwicklung jedoch nicht. Als 
die Römer nach dem Falle Karthagos (146 v. Chr.) die Seeherrschaft unbe- 
stritten errungen hatten, vernachlässigten sie die Marine. Bei der durch 
Pompejus (67 V. Chr.) zur Ausrottung der Seeräuber neu ausgebauten Flotte 
wurde dem Zweck entsprechend wieder mehr auf Schnelligkeit der Schiffe 
gegeben; sie waren kleiner. 

Auch Cäsar haute gegen die Veneter in der Bretagne eine besondere Art von 
Schiffen. Wenn sie auch kleine Türme hatten, so scheinen sie doch ähnlich den alten 
Pentekontoren gewesen zu sein; niedrig über Wasser, die Schiffe der Veneter über- 
höhten sie. Sie können nur klein gewesen sein, denn bei der Landung in Britannien 
liefen sie auf den Strand» um mit ihren Wurfmaschinen die Ausschiffung zu decken. 

Gegen diese Flotte, die später der pompejanischen Partei diente, baute 
Oktavian sehr schwere Schiffe, solche, wie sie vorhin in ihrer höchs^ten Vollen- 
dung geschildert sind ; diese wurden dann auch im Osten der Haupttyp. Wahr- 
scheinlich waren es Penteren, jedoch baute Kleopatra auch wieder Okterea 
und Dekeren. Aber schon wenige Jahre später ist Agrippa (der Feldherr 
Oktavians) im Besitz ganz anderer Schiffe, der L i b u r n en, die er bei einem 
Seeräubervolk an der illjrischen Küste kennen gelernt hatte. Es waren leich- 
tere, kleinere, sehr bewegliche Schiffe — nicht so schnell wie die attische 
Triere, aber segel- und seefähiger als diese — mit starker Besatzung und nament- 



*) Draggen, ein kleiner Anker mit 3 oder 4 Armen zum Greifen. 



l6 Das Seewesen im Altertum. 

lieh mit BrandprojektÜen ausgerüstet ; mit ihnen schlägt Agrippa bei Aktium 
(31 V. Chr.) die Kolosse des Antinous. 

Die Liburnen waren nach einigen Ansichten Zwei- höchstens Dreireiher, nach 
anderen sogar nur Einreiher mit einem Mann am Riemen. Nach letzterer Annahme 
(Admiral Fincati) haben sich aus ihnen schon im Altertum die Ruderboote k zenzUe 
entwickelt, die wir im Mittelalter bei den italienischen Staaten wiederfinden; bei solchen 
wurden bei schräg eingebauten Ruderbänken mehrere Riemen von einer Bank aus 
bedient. Serre rekonstruiert danach die Liburnen der späteren Kaberzeit: Länge 31 m; 



Kleines römisches Kriegsschiff um etwa 50 v. Chr. 

Breite 4,4 m; Tiefgang 1,3 m; Deplacement 80 tons; Besatzung 120 Mann; 84 Ruderer 
auf 14 Ruderbänken, 42 Riemen an jeder Seite. 

Nach Aktium verschwinden die großen Schiffe. Zur römischen Kaiserzeit 
bestand die Flotte nur aus Trieren und Liburnen, da der Marine nur noch 
Nebenaufgaben zufielen (vgl. Seite 21), besonders die Liburnen waren zur 
Ausübung der Seepolizei geeignet; bis zum Untergange des weströmischen 
Reiches ist sonst keine wichtige Änderung im Schiffbau zu verzeichnen. 

Erwähnt sei noch, daß bei den Römern der Dienst in der Flotte nie dem 
im Heere an Ansehen gleichgestellt war. Die Mannschaft, seit dem 
zweiten Punischen Kriege besondere Seesoldaten, war stets die schlechtest 



Kriegsschiffe zur römischen Zeit. Die Seekriege. 17 

besoldete und wenigst geachtete; bis zur späteren' Kaiserzeit gab es keine 

eigene Laufbahn für die höheren Offizierstellen, erst Claudius hat die Marine 

militärisch organisiert. 

Vorstehender kurzer Abriß gibt die Erklärung für den häufigen auffallenden 
Wechsel der Schiffstypen bei den Römern. Bis zur Kaiserzeit bauten sie, im all- 
gemeinen dem Seewesen fremd gegenüberstehend, ihre Flotte immer nur aus, wenn sie 
ihrer bedurften, und dann dem augenblicklichen Zwecke entsprechend. 

Die Seekriege des Altertums.*) Entsprechend der Lage der Völker am 
Mittelmeer zueinander spielte bei ihren Kriegen auch die Kriegführung zur 
See eine große Rolle. 

Die Phönizier haben zwar eigentlich als selbständiges Volk mili- 
tärisch nie die See beherrscht. Als ihr Handel und ihre Gründung von Nieder- 
lassungen in der Hauptblüte standen, hatten sie keine Nebenbuhler zur See ; 
im Osten sind sie dann von den Griechen hauptsächlich durch friedlichen 
Wettbewerb verdrängt; im Westen nahmen in ähnlicher Weise die eigenen 
Pflanzstädte (Karthago) ihre Stelle ein, als das Mutterland infolge innerer 
Wirren und äußerer Kriege diese nicht mehr halten konnte. So fallen in die 
ältesten Zeiten nur Raubzüge zur See und Völkerbewegungen, die auch zur 
See unterstützt wurden. 

Aber mit den assyrisch-babylonisch-ägyptischen Kriegen, deren Kampf- 
objekt nicht zum geringsten Teil gerade Phönizien war, indem alle aufblühenden 
Staaten des Orients dieses reiche und seemächtige Land in ihre Gewalt zu 
bekommen und sich mit ihm und den sonstigen kleinasiatischen Küstenländern, 
Karien und lonien, selbst eine Seemacht zu gründen strebten, beginnt die 
regelrechte Kriegführung zur See. Jetzt beginnt die Entwicklung des 
Seekriegswesens. Flotten beteiligen sich in den genannten Kriegen an den 
Heereszügen längs der Küste besonders zur Eroberung von Küstenstädten 
und Inseln und spielen auch gleichzeitig eine Rolle in den Fehden der grie- 
chischen Staaten und Kolonien. Hier sei nur auf die wichtigsten Kriege und 
Schlachten hingewiesen. 

Bei den Ereignissen, die uns genauer überliefert sind, treten Seestreit- 
kräfte zum ersten Male mit besonderer Wichtigkeit hervor, als die Flotte der 
ionischen Städte der gescheiterten Expedition des Darius gegen die 
Skythen (513 v. Chr.) den Rückzug über die untere Donau sichert; als 
die erste, in ihren Einzelheiten bekannte Seeschlacht gilt die Schlacht bei der 
Insel Lade (vor Milet, 494 v, Chr.), in der die phönizische Flotte im Dienst 
der Perser die der ionischen Städte schlägt. Durch sie wird die völlige Unter- 
werfung der Städte nach ihrem Aufstande gegen die persische Ober- 



*) Es ist eine reiche Literatur über die Seekriege im Altertum vorhanden vom 
Vater der Geschichte Herodot (Perserkrieg) an über Tukydides (Peloponnesischer Krieg) 
bis in die neueste Zeit. Von neueren Schriftstellern seien hervorgehoben: Jurien de la 
Graviore mit verschiedenen Werken (vgl. Quellenverzeichnis), und du Sein, die eine 
reiche Quellenangabe der klassischen Autoren enthalten ; v. Henk gibt die Beschreibung 
der Hauptereignisse. Über Karthago auch Meltzer. 

Rittmeyer, Seekriege. ^ 



l8 I^as Seewesen im Altertum. 

herrscliaf t besiegelt. Diese Schlacht ist noch insofern bemerkenswert, als hier zum 
ersten Male von der damals üblichen Kampfweise und Taktik berichtet 
sowie hervorgehoben wird, daß ein genialer Führer es versucht, die schwächere 
ionische Flotte durch Übungen dem überlegenen Feinde gewachsen zu machen. 

Bekannt ist die Mitwirkung und Wichtigkeit der Flotten in den Perser- 
kriegen. Wenn der erste Zug der Perser unter Mardonius (493 v. Chr.) 
an den Grenzen Griechenlands zum Stillstande kam, so hat der Verlust eines 
großen Teils der Flotte durch höhere Gewalt nicht wenig dazu beigetragen; 
das Landheer war in hohem Maße auf die Unterstützung der Flotte angewiesen, 
auch besonders was Zufuhren anbetraf. Der zweite Zug des Darius unter 
D a t i s und Artaphernes (490 v. Chr.) war ganz auf die Flotte gegründet. 
Daß es den Persem gelang, völlig unbehindert bis Euböa zu kommen und dort 
zu landen, ist nur der Uneinigkeit der Griechen, ihrer Schwäche zur See und 
vielleicht noch mehr ihrem Mangel an Vertrauen auf ihre schwachen See- 
streitkräfte gegenüber dem übermächtigen Feinde zuzuschreiben; dieser 
teilweise Erfolg der Perser gab aber den Anlaß zur Verstärkung und Vervoll- 
kommnung der griechischen Flotten namentlich in Athen. 

Der große Heereszug des X e r x e s (480 v. Chr.), zwar für den Marsch 
des Landheeres durch Anlage fester Stützpunkte und Verpflegungsstationen 
gut vorbereitet, war wieder auf die Mitwirkung einer großen Flotte aufge- 
baut, indem diese die rückwärtigen Verbindungen aufrecht erhalten und 
die Offensive unterstützen sollte. Bei energischerer und richtigerer Ver- 
wendung der Flotte hätte der Kriegszug wohl einen günstigeren Verlauf 
genommen. Mit ganzer Kraft hätten die Perser schon bei Artemisium die 
Vernichtung der griechischen Flotte anstreben und später durch Ein- 
marsch in den Peloponnes die Griechen aus der günstigen Stellung bei Salamis 
herausziehen und zur Schlacht im offenen Wasser zwingen müssen. Die 
Gefechte bei Artemisium und die Schlacht bei Salamis, jene 
die Feuertaufe der griechischen Flotten, diese die den Krieg entscheidende 
Schlacht, sind außerdem von hoher Bedeutung, da sie die Überlegenheit 
schnellerer und beweglicherer Schiffe und den Wert genialer Führer durch Wahl 
geeigneter taktischer Formationen und günstiger Aufstellung einem sonst 
überlegenen Feinde gegenüber zeigen. 

Die weiteren Perserkriege (479 bis 449 v. Chr.), in denen die Griechen 
angriffsweise vorgehen und ihre Stammesgenossen auf den Inseln und an deri 
Gestaden Asiens von der Oberhoheit Persiens befreien, wurden naturgemäß 
auf See und über See geführt. In diesen und den sie unterbrechenden Fehden 
der griechischen Staaten untereinander gewann Athen als Vorort des See- 
bundes der meisten Küsten- und Inselstädte des Ägäischen Meeres die Hege- 
monie zur See in Griechenland und überhaupt eine außerordentliche Macht 
im Verhältnis zu der Größe des Landes. Die Entwicklung Athens in dieser 
Hinsicht ist sehr lehrreich. Der Schöpfer der athenischen Flotte, der weit- 
sehende Themistokles, hatte trotz der Erfolge der Perser unter Datis 
und Artaphernes schwer zu kämpfen, seine Pläne zu verwirkhchen, da sonst 



Die Seekriege. ig 

einsichtige Männer das Heil des Landes nur in den Lanzen der Hopliten 
sahen, die bis dahin und so auch bei Marathon alles entschieden hatten; auch 
war es anfangs schwer, das Volk zu einer Weltpolitik zu begeistern. Als 
Athen sich nachher überall Stützpunkte für maritime Unternehmungen und 
für den Handel errungen hatte, war sein Einfluß auf die Politik aUer Staaten 
des Ostmittelmeeres ein ungeheuerer; wir haben für alle diese Verhältnisse 
Analogien in der Jetztzeit. 

Von höchster Bedeutung für die Seekriegsgeschichte ist aber die größte 
innere Fehde der Griechen, der Kampf Athens und Spartas um die Hegemonie, 
in den diegesamtegriechische Welt verwickelt war, der P eloponnesische 
Krieg (431 bis 404 v. Chr.). In diesem Kriege fällt die Entscheidung in 
erster Linie dem Seekriege zu, man kann wohl sagen, daß in ihm Seekriegs- 
wesen und Seekriegführung ihren höchsten Stand im Altertum erreichen. 
Mit Hilfe der Flotten, großer Expeditionen (z. B. Athens Unternehmung 
gegen Syrakus 415 bis 413 v. Chr.) wird der Krieg auf verschiedenen weit 
auseinanderliegenden Kriegstheatem geführt; viele Gefechte zeigen den Wert 
einer ausgebildeten Taktik der Flotten und der Güte und Schulung des Einzel- 
schiffs. (Das Schiff selbst ist Hauptwaffe.) 

In den weiteren inneren und äußeren Kriegen der Griechen während 
des 4. Jahrh. und der makedonischen Zeit bis zur Herrschaft der Römer 
über die griechische Welt wird die erreichte Höhe nicht gehalten, wenn auch 
die Flotten immer eine wichtige Rolle spielen und einzelne größere Unter- 
nehmungen vorkommen. 

Im Westmittelmeer beginnen die Seekriege für genaue Betrach- 
tung gerade zu der Zeit wertvoll zu werden, zu welcher sie im Ostmittelmeer 
hierfür an Interesse verlieren, etwa von 400 v. Chr. an. 

Zwar wird die karthagische Flotte von der Zeit an, in der 
Karthago im Westen an die Stelle des Mutterlandes trat und die phönizischen 
Kolonien zusammenfaßte (etwa 600 v. Chr.), schon eine Rolle gespielt haben 
zur Erringung und Erhaltung der Handelsherrschaft, zur Bekämpfung 
griechischer Pflanzstädte im Westen und vor allem in den Kämpfen gegen das 
Vordringen der Griechen auf Sicihen; aber genauere Aufzeichnimgen über 
Stärke und Verwendung der karthagischen Flotten finden wir erst für die 
Kämpfe mit Syrakus (480, 405, 310 v. Chr.) und mit dem, von dieser Stadt 
zur Hilfe gerufenen König Pyrrhus von Epirus (278 v. Chr.). (Aus den Kriegen 
mit S5nrakus um 400 v. Chr. stammen die Penteren in der punischen Flotte.) 

Beim Zusammenstoß der Karthager mit den Römern tritt die bemerkens- 
werte Erscheinung auf, daß eine Landmacht, eigentlich dem Seewesen ab- 
geneigt, gezwungen wird, zur Seemacht zu werden. Als Rom eine gebietende 
Macht in Itaüen geworden war, mußte es in Nebenbuhlerschaft mit der herr- 
schenden Seemacht des Westens treten; wenn man die Karthager nicht in 
Sicilien angriff, mußte man gewärtig sein, sich ihrer in Italien zu erwehren, 
jedenfalls aber seine Interessensphäre in jeder Hinsicht auf Italien beschränkt 
zu sehen. 



2* 



20 I^2is Seewesen im Altertum. 

Rom schafft sich eine Flotte, und schon der erste Punische Krieg 
(264 bis 241 V. Chr.) wird der Hauptsache nach zur See entschieden; in ihm 
brechen die Römer, wenn auch mit ungeheuren Verlusten infolge ihrer see- 
männischen und militärisch-seemännischen Ungeübtheit, eigentlich schon die 
Seemacht Karthagos und eröffnen sich damit den Eintritt in die damalige 
Welt. 

Auch hier kostete es der Partei, die den weitersehenden Standpunkt 
vertrat, große Mühe, durchzudringen und eine zur Ausführung ihrer Pläne 
nötige Flotte zu beschaffen; eine am Alten hängende Partei warnte nach- 
drücklich vor dem Hinaustreten in nicht ganz klar und nahe vor ihr liegende 
Verhältnisse. Ja, als die Flotte geschaffen war, aber nach anfangs großen 
militärischen Erfolgen bei der Unerfahrenheit auf dem neuen Gebiet un- 
geheure Verluste, besonders durch höhere Gewalt, erlitten hatte, wurde ihre 
Unterhaltung sogar wieder aufgegeben; sechs Jahre ungünstigster Krieg- 
führung waren die Folge, bis eine Anzahl reicher Privatleute aus eigenen 
Mitteln eine Flotte baute, die die Entscheidung brachte und den ersten 
Grund zur Beherrschung des Mittelmeeres durch Rom legte. 

Im ersten Punischen Kriege werden große Seeschlachten mit wechselndem 
Erfolge geschlagen, darunter E k n o m o s , die größte Schlacht des Alter- 
tums nach Salamis, zugunsten der Römer infolge der Einführung einer 
neuen Kampfweise: des Enterkampfes mittels der Enterbrücke an Stelle des 
Kampfes mit dem Sporn als Haupt waffe. 

In den späteren Punischen Kriegen, in den makedonischen imd den 
sonst zur Erringung der Weltherrschaft von den Römern geführten Kriegen 
werden Seeschlachten von solcher Bedeutung wie im ersten Punischen Kriege 
nicht geschlagen, da so starke Gegner zur See nicht wieder gegenüberstanden ; 
immerhin waren diese Unternehmungen solche über See zum Teil mit 
Landungen in größtem Maßstabe und erforderten die Beihilfe einer starken 
Flotte. 

Der zweite Punische Krieg gibt aber auch ein Beispiel für die strategische 
Wichtigkeit der Herrschaft über die See. Captain Mahan führt in seinem Werke „Der 
Einfluß der Seemacht auf die Geschichte" (S. IV und 14 ff) eingehend und sehr einleuchtend 
aus, welche Rolle jene in genanntem Kriege gespielt hat. Er beweist, daß die 
römische Flotte die Meere nördlich einer I jnie beherrscht hat, die man von Tarragona 
in Spanien nach Lilibaeum auf Sicilien, von da um die Nordseite der Insel herum bis 
Syrakus und endlich bis Brindisi ziehen kann. Er schließt dann, daß möglicherweise 
Hannibal dadurch gezwungen worden sei, seinen verlustreichen Zug durch Galüen und 
über die Alpen zu machen, daß jedenfalls die Römer infolge dieser Seeherrschaft imstande 
waren, den Krieg mit wichtigem Erfolge nach Spanien zu tragen, während es Karthago 
nur gelegentlich glückte, Hannibal in Italien kleinere Verstärkungen über See zuzu- 
führen. 

Zum zweiten Male aber tritt die Kriegführung zur See wieder besonders 
hervor zur Zeit der inneren Bürgerkriege unmittelbar vor der 
Schaffung des Kaiserreiches. Nach der Zerstörung Karthagos (146 v. Chr.) 
war die Flotte vernachlässigt, und ein Seeräuberunwesen herrschte im ganzen 
Mittelmeer. Es war im 3. Jahrh. an der Küste CUiciens aufgetaucht und 



Kampf weise und Taktik. 21 

erstreckte sich anfangs auf das Ostmittelmeer, dehnte sich aber dann, be- 
sonders nach dem Niederwerfen der anderen Seemächte im Westen wie im 
Osten durch die Römer, noch auf das Westmittelmeer aus. Die Seeräuber 
hatten große Flotten, Heere, Städte, Arsenale und legten schließlich den 
ganzen Seehandel lahm. Im Jahre 87/86 v.Chr. schritten die Römer zum 
ersten Male gegen sie ein, erzielten jedoch trotz großer Opfer nur Teilerfolge. 
Als. aber sogar der Stadt Rom die nötigen Zufuhren abgeschnitten wurden, 
reorganisierte P o m p e j u s die Flotte (leichte Schiffe) und säuberte in kurzer 
Zeit (67 V. Chr.) durch eine sehr geschickte Verwendung seiner, wenn auch 
noch immer an Zahl den Seeräuberschiffen nicht gleichkommenden, See- 
streitkräfte das ganze Mittelmeer. Auf diese Flotte stützte sich später die 
pompejanische Partei in den Kämpfen gegen Caesar, und S e x t u s 
P o m p e j u s gründete mit ihr eine Seemacht von Sicilien aus gegen 
Oktavian. 

Diese Macht wird durch A g r i p p ä , den auch zur See tüchtigen Feld- 
lierm Oktavians, in der Schlacht bei M y 1 a e (Naulochus 36 v. Chr.) vernichtet, 
und derselbe Führer bringt durch den Sieg bei Aktium (31 v. Chr.) über 
Antonius und Kleopatra die Bürgerkriege zum Abschluß. Lehr- 
reich ist, daß Agrippa bei diesen beiden Vorgängen ganz verschiedene Schiffs- 
typen benutzte (vergl. S. 15). Der Entwicklung des Schiffbaus entsprechend 
hat nach dem ersten Punischen Kriege nach und nach der Femkampf mit 
Wurfmaschinen an Bedeutung gewonnen und tritt in diesen letzten Schlachten 
sogar in den Vordergrund. 

Während der Kaiserzeit wurden zwar stehende und jetzt in jeder 
Hinsicht wohl organisierte Flotten unterhalten, aber ihre Verwendung war nur 
imtergeordneter Natur; von zwei Hauptstationen aus, Neapel und Ravenna, 
üben Geschwader und Flottillen in allen Meeren und Flüssen die Seepolizei 
aus, sichern den Handel durch Konvoiieren und unterstützen die Heere durch 
Transporte und Verbindungen. Infolgedessen fehlt von dieser Zeit an eine 
weitere Entwicklung des Schiffbaus und der Kampfweise. 

Kampfweise und Taktik. Die ursprünglichste Kampfweise war wohl der 
Kampf der starken Besatzungen mit Bogen, Speer und Schwert Bord an 
Bord, die Ruderer beteiligten sich nach dem Zusammenstoß am Kampf, 
wie dies auch später beim wiedereingeführten Enterkampfe teilweise gebräuch- 
lich war; die Schiffe bildeten also nur den Kampfplatz. Schon frühzeitig 
wurde aber auch versucht, gelegentlich zu rammen, die Buge der Fahrzeuge 
waren stets zum Schutz beim Aufschleppen verstärkt gebaut bezw. auch mit 
Metall beschlagen; bald trat der Sporn hinzu. Diese Kampfweise mit dem 
Sporn bildeten die Griechen aus; schon bei Artemisium wird die Aufstellung 
mit besonderer Rücksicht darauf genommen, mit dem Sporn anzugreifen, 
denn schon um die Zeit der Perserkriege waren die neuen griechischen Schiffe 
den kleinasiatischen und phönizischen Schiffen an Manövrierfähigkeit über- 
legen. Im Peloponnesischen Kriege steht das Schiff selbst, die ganz auf 
Manövrierfähigkeit und Schnelligkeit gebaute Triere, als Hauptwaffe da; 



22 I^2us Seewesen im Altertum. 

man strebt zunächst nur dahin, das feindliche Schiff zu rammen oder ihm 
die Riemen zu zerbrechen und das dann unbewegliche mit dem Sporn zu 
vernichten; die Zahl der Kämpfer an Bord ist bedeutend geringer geworden. 
Bug und Heck sind offensiv und defensiv wesentlich stärker als die Seiten ; 
sie sind stärker gebaut und hier ist der Platz für die Kämpfer, am Bug auch 
noch der Sporn. Die Seiten sind schwächer gehalten, um ein leichtes Schiff 
zu haben, an ihnen liegt der leicht verletzliche Motor; der Angegriffene ver- 
sucht deshalb, den Stoß durch Ausweichen oder Entgegendrehen des eigenen 
Buges zu parieren. Die Kampfrichtung liegt also in der Kielrichtung. Gerammte 
Schiffe sanken oder fielen den Siegern in die Hände, da sie ohne Riemen und voll 
Wasser oder genötigt, auf den Strand zu laufen, leichtgenommen werden konnten. 

Mit der Verstärkung der Seiten, mit der Vergrößerung der Schiffe, mit 
der Aufstellung von Wurfgeschützen nimmt die Wirkung des Spornes ab; 
die Schiffe werden widerstandsfähiger gegen ihn und ungeeigneter zu seiner 
Verwendung. Im Westmittelmeer trat noch ein anderer Umstand hinzu, 
der in derselben Hinsicht wirkte. Die geübten karthagischen Seeleute ge- 
brauchten den Sporn mit großem Erfolge, wenn auch ihre Schiffe wohl nicht 
von der Güte der attischen Trieren waren. Die seemännisch unerfahrenen 
Römer erfanden dagegen die Enterbrücke; wenn das feindliche Schiff zum 
Stoß herankam, fiel sie, hielt den Feind fest, Pilum und Schwert der Legionäre 
entschieden. Die Römer verpflanzten die Landkampfweise auf die Schiffe; 
die kämpfende Besatzung wurde naturgemäß nun auf beiden Seiten wieder 
wesentlich vermehrt. 

Auch hier im Westen wurden die Schiffe mächtiger; Wurfgeschütze aller 
Art, auch auf weitere Entfernungen leistungsfähig, wurden eingeführt, die 
Vorrichtungen zur Ermöglichung des Enterkampfes vermehrt. (Enterhaken 
zum Festhalten, Wurfenterdraggen zum Heranholen des Feindes.) Gleiche 
Schiffe dieser Art fochten also auf weitere Entfernung mit Fernwaffen und 
versuchten die Entscheidung dann durch Entern herbeizuführen, vom Sporn 
nur mehr gelegentlich Gebrauch machend. 

Mit solchen Schiffen besiegt Agrippa bei N a u 1 o c h u s die kleineren 
Schiffe des S. Pompejus; seine Schiffe sind defensiv stärker, mit Gürtelpanzer, 
hohem Bord und hohen Türmen, sie eröffnen das Gefecht mit Wurfgeschossen 
auf weitere Entfernungen, holen die feindlichen Schiffe heran und entern sie. 
Derselbe Führer erringt aber wenige Jahre später bei Aktium mit einem ganz 
anderen Typ den Sieg. Hier hat Antonius in seiner ägyptischen Flotte die 
schweren Schiffe und Agrippa in den Libumen leichte, manövrierfähige und 
schnelle Fahrzeuge, allerdings auch stark bemannt. Diese, an Zahl überlegen, 
umschwärmen die schwerfälligen Kolosse, zerbrechen ihre Riemen und be- 
kämpfen sie mit Wurfgeschossen, besonders Brandprojektilen. Zum Entern 
kam es weniger, da die großen Schiffe zu hochbordig waren, auch weniger zum 
Rammen, weil sie zu schwerfäUig dazu waren und die Liburnen nicht schwer 
genug, um einen Erfolg gegen die massiven Kolosse zu versprechen. In 
beiden Schlachten haben wohl die Fähigkeit des Führers, die Güte und Schulung 



i 



Kampfweise und Taktik. 23 

der Besatzungen das meiste zum Siege beigetragen, aber man muß doch an- 
nehmen, daß der einsichtige A g r i p p a den Vorteil von wieder zur Offensive 
geeigneten Schiffen erkannt hatte. 

So haben wir von den Trieren bis zu den Liburnen gewissermaßen einen 
Kreislauf; die Triere führte den offensiven Nahkampf, dann folgen Schiffe 
mit zunehmend defensivem Charakter, die Libume ist für den offensiven 
Femkampf, Sponi und Entern gelegentlich benutzend. Stets aber blieben 
Bug und Heck defensiv und offensiv stärker, die Seiten schwächer, haupt- 
sächlich wegen der Lage des Motors hier, und dementsprechend mußte der 
Taktik des Einzelschiffes und der Verbände von Schiffen der Hauptsache nach 
stets der Kajnpf in der Kielrichtung zu Grunde liegen. 

Die Gefechtsformation der Schiffsverbände war 
deshalb bei den Ruderschiffen des Altertums grundsätzlich eine breite, die 
„Dwarslinie" oder mehrere solcher hintereinander, in der alle Schiffe dem 
Feinde den Bug zukehrten und sich gegenseitig die Seiten deckten. Tiefe 
Aufstellungen würden ein Umfassen seitens des Feindes leichter möglich ge- 
macht und mehr schwache Schiffsseiten dem Angriff ausgesetzt haben. Bei 
numerischer Überzahl wurden häufig die Flügel vorgezogen, um den Feind 

zu umfassen (die Sichelformation ., a ,0 ; der Schwächere versuchte sich dadurch 
zu schützen, daß er die Flügel zurückzog (die Halbmond- oder Kreisfor- 
mation ß^^ , welche die Deckung des einzelnen Schiffes durch seinen Hinter- 
mann erleichtert). Die Taktik bestand im übrigen darin, daß die Flotte 
auf Signal zugleich angriff, die feindliche Linie durchbrach, zurückwendete 
und wieder durchbrach; die Schiffe benutzten beim Passieren jede Ge- 
legenheit zum Rammen, Riemenzerbrechen und in späteren Zeiten zum 
Bekämpfen mit Wurfgeschossen. Diese Kampf art mußte stets bald 
zur Mel^e führen, d. h. zu Einzel- oder Gruppeiikämpfen mit allen Kampf- 
weisen, bei denen jede Gefechtsleitung aufhörte. Zum Marsch wurden 
eine oder mehrere Kolonnen in Kiellinie formiert, da man aus dieser Auf- 
stellung durch Wendung um 90^ sofort die breite Gefechtsformation her- 
stellen konnte. 

An dieser Taktik ist im allgemeinen w-ährend des Altertums (und auch 
noch im Mittelalter) starr festgehalten, doch wichen auch geniale Führer 
davon ab in dem Bestreben, eigene Schwächen (Minderzahl, Deckung von 
Transportern u. s. w.) aufzuheben, eigene Stärken zur Geltung zu bringen 
(gute Schulung ihrer Schiffe), oder um das Gefecht möglichst lange nach be- 
stimmtem Plane durchzuführen, indem sie ihre Kräfte länger in der Hand 
behielten oder einzelnen Unterverbänden besondere Aufgaben zuteilten. 
Solche Ausnahmen finden wir in den Gefechten bei Artemisium 
(480 v^Chr.), in den Gefechten bei R h i u m (429 v. Chr.), in der Schlacht bei 
E k n o m o s (256 v. Chr.). Bemerkenswert, aber nicht zu verwundern, ist, 
daß Befehlshaber der Völker, die weniger seetüchtig und mehr Landkrieger 
sind, häufig defensiv stärkere Formationen einnehmen; aus Mangel an see- 



2^ Das Seewesen im Altertum. 

männischer Erfahrung solche, bei denen sie eine Hauptkraft aller Seestreit- 
kräfte — die Bewegung — aus der Hand geben, oder solche, die sich infolge 
von Wind- oder Seegangseinflüssen nicht halten lassen; sie übertragen die 
Gefechtsweise des Landkrieges — damals auch vorzugsweise defensiven 
Charakters — auf die Seeschlacht. Zuweilen geschieht dies mit Erfolg (z. B. 
der Spartaner Eurybiadesbei Artemisium), meist zum Nachteil (z.B. der 
Spartaner Brasidasim ersten Gefecht beiRhium; die Römer bei Eknomos). 

Die Schiffe des Altertums waren als Ruderschiffe nicht imstande, 
Proviant und Wasser etc. in genügender Menge an Bord zu nehmen, die Ein- 
richtung zum Rudern und die große Zahl der Ruderer beanspruchten im Ver- 
hältnis zur Größe des Fahrzeuges zu viel Platz. Sie konnten deshalb größere 
Expeditionen nicht ohne Transporter oder Anlaufen von Ausrüstungspunkten 
ausführen, mußten überhaupt öfters ankern oder anlegen schon zur Erholung 
der Besatzungen namentlich der Ruderer; deshalb sind die meisten See- 
schlachten in der Nähe der Küsten geschlagen. 

Auch dieser Umstand wird von befähigten Führern verschieden verwertet. 
Bei Salamis wählt Themistokles das enge Gewässer zur Schlacht, um 
die Kenntnis der örtlichkeiten, der Strömungen, der Windverhältnisse aus- 
zunutzen und um den übermächtigen Feind an der Entfaltung seiner Kräfte 
zu hindern, obgleich er die beweglicheren und besser geschulten Schiffe hat. 
In beiden Gefechten bei Rhium sucht P h o r m i o den Kampf im freien 
Wasser herbeizuführen, um die Tüchtigkeit seiner Schiffe zu verwerten, 
obgleich er weit in der Minderzahl ist. Er erläßt folgenden Befehl an seine 
Kommandanten, um seine Kräfte in der Hand zu behalten: „Weil ich an 
Zahl stärkere, aber wenig geübte Gegner habe, werde ich nicht in engen Ge- 
wässern fechten, in welchen ich nicht manövrieren kann. Dort kommt es 
bald zum ungeordneten Kampf und die Überzahl siegt. Ich fechte im freien 
Wasser; an euch ist es, euere Plätze zu halten und auf Befehle zu achten. 
Ordnung und Ruhe ist stets die Losung im Kriege, ganz besonders in der 
Seeschlacht." Im zweiten Gefecht bei Rhium erringt sein Gegner Brasidas 
anfangs Erfolge dadurch, daß er durch Manövrieren einen Teil der athenischen 
Schiffe auf den nahen Strand drängt. A g r i p p a lockt bei Aktium den Feind 
aus der durch Land geschützten Stellung, um die größere Zahl und größere 
Beweghchkeit seiner kleineren Schiffe auszunutzen. 

Die Transporter folgten den Kriegsschiffen, wenn angängig, unter Segel, 
bei ungünstigem Winde griffen sie zu den Riemen; da sie damit aber weit 
langsamer waren, mußten sie oft von den Kriegsschiffen in Schlepp genommen 
werden. Sie waren also eine große Last für die Flotte, ihre Begleitung und die 
Notwendigkeit, sie zu schützen, hat oft die betreffende Flotte beim Angriff 
des Feindes in ungünstige Lage gebracht ; hiermit zusammenhängend sei noch 
darauf hingewiesen, daß sich schon im Altertum mehrfach zeigt, wie schwierig 
es ist, größere Expeditionen über See zu unternehmen, solange aktionsfähige 
feindliche Streitkräfte, wenn auch sonst schwächer als die eigenen, auf dem 
Meere vorhanden sind. 



Schi uQbe merk ung. 25 

Die Seekriegsgeschichte des Altertums birgt wertvolles Material für ein eingehen- 
deres Studium. Auch bieten die Verhältnisse in ihr manche Vergleichspunkte mit 
denen der Dampfschiffszeit. Die Führer der Ruderschiffe und Flotten waren weit 
mehr Herr über die Bewegungen ihrer Streitkräfte auf dem Marsch und im Gefecht, 
ab zur Zeit der Segelschiffahrt, da sie wie bei den Dampfschiffen unabhängiger vom 
Winde waren. Anderseits waren die Ruderschiffe abhängig von Transportern, Stütz- 
punkten und Ausrüstungsstellen zur Auffüllung von Proviant, Wasser und zur Erholung 
der Besatzungen, wie es jetzt die Dampfschiffe zur Ergänzung von Kohlen und Ma- 
schinenmaterial sind ; die Segelschiffe späterer Zeiten konnten weit leichter für längere 
Dauer mit allen Vorräten versehen werden und unabhängig von Transportern und 
Stützpunkten ihre Aufgaben durchführen. 



PSfS^^Al 



FaTaTaTaI 



Zweites Kapitel. 

Das Seewesen im Mittelalter. 

Ausdehnung der Schiffahrt.'*') Das im Altertum zu hoher Blüte ent- 
wickelte Seewesen wurde durch die Völkerwanderung größtenteils vernichtet. 
Die weströmische Kriegsflotte war verschwunden, die germanischen Staaten 
in Italien, Spanien und Afrika haben wohl Flotten besessen, doch sind sie bei 
der kurzen Lebensdauer der Reiche kaum zu hohem Stande gelangt, wenigstens 
wissen wir nicht viel davon. Schifflbau und Nautik waren im Westen verlernt; 
wenn diese Wissenschaften sich auch bei den Byzantinern erhalten hatten, 
so wachte man hier eifersüchtig darüber, sie nicht zu verbreiten, um sich die 
Herrschaft über das Meer zu bewahren. Ihre Kriegsflotten spielten weiter 
eine Rolle in dem Kampfe gegen die germanischen Staaten und später gegen 
mohammedanische Feinde, aber Seekriege von solcher Bedeutung für die 
Seekriegsgeschichte, wie sie von der griechischen Zeit bis Aktium geführt 
waren, kamen nicht vor, es handelte sich nur um Expeditionen über See und 
Abwehr solcher. Auch der Seehandel, der im Altertum alle Länder am Mittel- 
meer eng verknüpfte, war wesentlich zurückgegangen. Die Verbindung des 
Westens mit dem Osten war nur noch schwach, die Fahrten außerhalb des 
Mittelmeeres durch die Straße von Gibraltar hatten ganz aufgehört, der von 
den Byzantinern noch länger aufrecht erhaltene Handel nach Indien brach 
mit der Besetzung Ägyptens durch die Araber um 640 ab. Die Araber über- 
nahmen zwar den Seehandel mit Indien bis China und längs der afrikanischen 
Ostküste von Ägypten und Persien aus, sie entlehnten manche nautischen 
Verbesserungen — so den Gebrauch der Magnetnadel — von China, aber es 
hatte dies vorläufig keinen Einfluß auf die Verhältnisse und geographischen 
Kenntnisse des Abendlandes. 

Die Schiffahrt im Mittelmeer wurde wieder belebt mit dem Auftreten der 
italienischen Handelsstädte : Amalfi, Pisa, Genua^ Venedig 
etwa im 9. und 10. Jahrh., sowie durch die Araber in Spanien, als im 
10. Jahrh. das Kalifat von Cordova mächtig dastand, hier trat 



*) Besonders benutzte Quellen: Oncken, Bd. IX, Zeitalter der Entdeckungen; 
Zimmermann, Bd. I; Nauticus, 1900 und 1901 ; Clowes, Tl. I. 



Ausdehnung der Schiffahrt. 27 

später dann noch Aragonien (Barcelona) hinzu. Auch im Norden fing 
um diese Zeit das Seewesen an sich zu regen, beginnend mit den Raub- und 
Eroberungszügen der Normannen, die um das Jahr looo schon in Italien 
erscheinen. Vor allem nehmen die italienischen Städte während der Kreuz- 
züge die Verbindung mit dem Osten auf, und die Kriegszüge der nordischen 
Nationen zum heüigen Lande, auch zur See ausgeführt, bringen den Norden 
und das Mittelmeer einander näher, was gewiß durch Austausch der Erfahrungen 
dem Seewesen auf beiden Seiten von großem Nutzen wurde; ebenso werden 
Nord- und Ostsee, besonders in der Hand der Hansa, bald Wege für den 
Seehandel. 

Aber immer noch blieb die Seefahrt der Hauptsache nach auf die Binnen- 
meere beschränkt. Zwar hatten Streifzüge der Normannen um das 
Nordkap geführt, die Faröer, Island und Grönland entdeckt, selbst Amerika 
(an der Küste von Massachusetts) berührt; der Atlantische Ozean belebte 
sich in Anlehnung an Legenden des Altertums mit phantastischen Insel- 
gebilden ; es mögen auch Fahrten, wie die der Normannen im hohen Norden, 
ins Ungewisse nach solchen „insDunkelmeer hinein" unternommen worden sein; 
greifbare Ergebnisse mußten jedoch ausbleiben, solange man eines sicheren 
Führers im freien Meer entbehrte : war doch selbst der Verkehr am Rande des 
Ozeans nur ein gefährliches Tasten die Küsten entlang. 

Erst als die polare Richtkraft des Magneten erkannt war und gegen 
das Ende des 13. Jahrh. als Magnetnadel allgemeiner verwendet wurde, 
konnte sich der Seemann freier bewegen. So ist um 1300 einwichtiger 
Ausgangspunkt für die Entwicklung des Seewesens 
zu datieren. Denn nun erwacht allmählich der Verkehr auf dem Ozean, die 
Völker des Nordens treten mit denen des Mittelmeeres auf dem Seewege 
in engere Verbindung, überall hebt sich der Seehandel, man beginnt neue 
Länder zu suchen ; alles dieses ist wiederum von großem Einfluß auf die Aus- 
bildung der Segelschiffahrt. 

Zunächst eröffnen um diese Zeit die italienischen Städte den unmittel- 
baren Seeweg nach den Niederlanden, sie berühren dabei Portugal, Frankreich 
und England, ihr Beispiel spornt hier zur Nacheiferung an. Die Kanaren, 
Madeira und die Azoren werden gefunden, zuerst von verschlagenen Schiffen 
durch Zufall entdeckt, dann planmäßig wieder aufgesucht; die italienischen 
Städte Genua und Venedig dringen von Konstantinopel aus ins Schwarze Meer 
ein ; von hier und von Syrien aus ziehen Missions- und Handels-Reisen in das 
Innere Asiens. Die berühmteste ist die 25 jährige Handelsreise des Venetianers 
Marco Polo 1271 — 1295 nach China, Japan und Indien. Sie bringen 
die verloren gegangene Kenntnis vom südlichen und östlichen Asien 
wieder, so daß man um 1350 den Stand der Kenntnis der Alten Welt, wie er 
im Altertum vorhanden gewesen war, wieder erreicht hatte. 

Im weiteren Verlauf des Mittelalters nimmt nun der Seeverkehr in den 
bekannten Gewässern zu. In Nord- und Ostsee betreiben vor allem die Hansa- 
städte mit ihren Kontoren an allen wichtigen Hafenstädten des Auslandes 



28 1^3.3 Seewesen im Mittelalter. 

die Seefahrt, aber auch Engländer, Holländer und Dänen befahren schon eifrig 
diese Meere. Alle diese Völker liegen in großem Maßstabe der Seefischerei 
in den nordischen Gewässern bis nach Island hin ob. Wie die italienischen 
Städte zum Norden, so gehen auch die nordischen Nationen nach Portugal 
und selbst ins Mittelmeer — 1413 das erste englische Schiff nach Marokko, 
1458 nach der Levante — , ihre Schiffe, besonders die Hansen, versorgten 
ganz Europa mit getrockneten Fischen und brachten vom Süden die Waren 
des Orients heim; schon im 14. Jahrh. sollen in Lissabon 400 — 500 Schiffe 
der verschiedenen Nationen des Nordens und Südens im Jahre verkehrt haben. 
Der Hauptseehandel mit dem Orient im Mittelmeer lag in den Händen 
Genuas über Konstantinopel und Kleinasien und Venedigs über Ägypten und 
brachte diesen Städten großen Gewinn, 
bis die Eroberung Konstantinopels 
1453 und Ägyptens 1517 durch die 
Türken den Verkehr mit dem Innern 
Asiens und Afrikas sehr erschwerten, 
wenn auch Venedig mit seinen Besit- 
zungen im Ostmittelmeer noch längere 
Zeit großen Nutzen aus dem Orient- 
handel zog. Indien und Ostafrika 
waren durch weitere Missions- und 
Handelsreisen bekannter geworden, 
letzteres bis Sansibar, vielleicht bis 
zu den Komoren hin, wodurch später 
die Hoffnung, Afrika umschiffen zu 
können, wesentlich bestärkt wurde. 
Denn auch mit der planmäßigen 
Aufsuchung neuer reicher Länder 
wurde schon im Mittelalter begonnen 
und zwar war es Portugal, das den 
Drang dazu erweckte. Die ersten 
Prinz Heinrich der Seefahrer. Unternehmungen gingen hiernicht von 

Kaufleuten aus, sondern von einem 
einzelnen, weitblickenden Manne, dem Infanten Dom Enrique. Prinz 
Heinrich, der Seefahrer, 1394 als fünftes Kind des Königs 
Joäo I. geboren, beschäftigte sich eingehend mit mathematischen und 
geographischen Studien, er zog alle erreichbaren Nachrichten alter und 
neuerer Zeit ein und faßte den Plan, das goldreiche Guinea, das aller- 
dings nur durch dunkle Gerüchte bekannt war, zu erreichen; politische 
und religiöse Erwägungen bestärkten ihn hierin. Er fand zunächst wenig 
Beifall. Den Seeleuten schienen die Gefahren an der Nordwestküste Afrikas 
zu groß — Portugals Schiffahrt war erst im Entstehen — , die Kaufleute 
versprachen sich nichts von Entdeckungen weiter im Süden, da nach den 
Überlieferungen des Altertums (Aristoteles, Ptolemäus) angenommen wurde, 



Entdeckungsfahrten der Portugiesen. 29 

daß der heiße Erdgürtel unbewohnbar sei. Die ersten Fahrten schienen diese 
Einwürfe zu bestätigen: Mangel an Häfen, unsichtige Atmosphäre (Dunkel- 
meer), trauriges, dürres Aussehen des Landes, je weiter man nach Süden kam. 
Man hielt es für unmöglich, das Kap Bojador zu umschiffen. 

Aber der Prinz ließ sich nicht abschrecken; seine Mittel als Großmeister 
des Christusordens setzten ihn in den Stand, immer neue Expeditionen aus- 
zurüsten, wenn auch die ersten wenig Erfolg brachten. Seine Ausdauer 
wurde belohnt : 1434 wurde Kap Bojador umschifft, 1441 Kap Branco erreicht, 
1443 brachte man aus der Bucht von Arguin reiche Produkte und auch Grold- 
staub heim. Nun schlug die Stimmung um, und schon 1444 wurde eine Handels- 
gesellschaft für Westafrika gegründet. 1445 erreichte man Kap 
Verde, und die tropische Pracht, die man hier vorfand, stieß die alte Theorie 
von der Unwirtlichkeit der Tropenländer um, die Entdeckungen wurden nun 
eifrig weiter gefördert. Die Tatsache, daß sich die Küste vom genannten 
Vorgebirge nach Südosten zieht, scheint nun auch dem Prinzen Heinrich die 
Überzeugung gegeben zu haben, daß es möglich sei, auf diesem Wege Indien zu 
erreichen; ob ihn dieser Gedanke schon vorher geleitet, ist fraglich. Der 
Prinz starb 1460, er hatte seine Mittel völlig erschöpft, aber wahrlich nicht 
vergeudet: Portugal war zu einer leitenden Seemacht geworden, und schon 
Joäo II. (1481 — 1495) bezog ansehnliche Einkünfte aus Afrika. 

Päpstliche Bullen von 1441, 1454 und 1481 sprachen alle Entdeckungen 
zwischen Kap Bojador und Indien den Portugiesen zu, diese bauten an ge- 
eigneten Stellen Forts und errichteten Steinkreuze als Zeichen ihrer Hoheit, 
so 1484 am Kongo und bei Kap Groß; an dieser Reise nahm der deutsche 
Kosmograph Martin Behaim teU, man kam bis zu 22 ® Süd -Breite. 
i486 87 passierte Bartolomeu Dias mit zwei kleinen Karavellen von 
50 tons, von der St. Helenabucht weiter segelnd, das Kap der Guten 
Hoffnung, ohne es zu sichten. In einem Sturm südlich vertrieben, suchte 
er bei besserem Wetter die Küste mit Ostkurs wieder zu treffen, da er sie 
nicht fand, steuerte er nördlich und erreichte so die Fleshbay. Dann segelte 
er östlich weiter, errichtete auf der Insel St. Cruz in der Algoabay den letzten 
Wappenpfeüer und gelangte noch bis zum Greatfishfluß. Hier mußte er wegen 
Mangel an Proviant und wegen Unzufriedenheit seiner Mannschaft infolge 
der schweren Stürme bei Umsegelung des Kaps umkehren, bei der Rückfahrt 
sichtete er dieses und taufte es Cabo tormentoso. Aber der König änderte 
den Namen in Cabo da boa esperanza, denn der Umstand, daß sich die Küste 
vom Greatfishfluß nach Norden zog, gab ihm die feste Überzeugung, daß der Weg 
nach Indien — zu den Gold- und Gewürzländem — nun offen stehe; bald 
darauf eingehende Berichte von Portugiesen, die im Auftrage des Königs 
von Aden aus auf arabischen Schiffen Indien und die Ostküste Afrikas bis 
Sofala hin besucht hatten, bestätigten dies. 

„I n d i e n" war im Altertum und Mittelalter ein sehr weiter und un- 
bestimmter Begriff, er umfaßte eigentlich alle Länder am Indischen Ozean 
bis nach China hin, die Ostküste Afrikas eingerechnet ; der Hauptwunsch aller 



30 Das Seewesen im Mittelalter. 

Entdeckungsfahrten war, die „Gewürzinseln" zu erreichen. Neuen Anstoß, 
auf dem beschrittenen Wege fortzuschreiten, gaben für Portugal die ersten 
Entdeckungen Spaniens im Westen, es galt nun, diesem in Indien zuvorzu- 
kommen. Mit den Fahrten der Spanier und den nun weiter folgenden der 
Portugiesen treten wir in die eigentliche Epoche der großen Entdeckungen; 
die Seefahrt der westlichen Völker Europas verläßt die Küsten und durch- 
quert die Ozeane, eines der Kennzeichen des nächsten Zeitabschnittes. 

Die Nautik. Mit der Vernichtung des Seewesens im Westen des Mittel- 
meeres war auch die bisher erreichte Kenntnis der Nautik und ihrer Hilfs- 
wissenschaften verloren gegangen. Die Byzantiner, bei denen sie erhalten 
blieb, hielten sie geheim, und die Fortschritte der Araber in dieser Wissenschaft 
waren zunächst den Völkern am Mittelmeer noch nicht zugänglich. So stand 
die Nautik derjenigen Nationen, die erst mit der Seefahrt begannen, wohl 
lange auf der niedrigsten Stufe und entwickelte sich nur langsam aufs neue 
wie im Altertum, bis die Völker des Ostens, des Westens und des Nordens 
mehr miteinander in Verbindung traten und ihre Erfahrungen austauschten. 
Hierzu kam dann bald die Entdeckung der R ichtkraftdes Magneten. 

Sicher dürfte sein, daß die Chinesen diese Kraft seit langer Zeit kannten und be- 
nutzten, und daß die Araber von ihnen am Indischen Ozean frühzeitig, \delleicht schon 
im 8. Jahrh., den Gebrauch übernahmen. Aber nicht sicher ist, ob diese Kenntnis dem 
Abendlande durch die Araber überkommen ist. Denn zum ersten Male wird ihrer in 
Frankreich um 1200 Erwähnung getan. Möglich ist also, daß die Entdeckung selbst- 
standig auch im Westen der Alten Welt gemacht ist, wo um diese Zeit mit der Aufnahme 
des Studiums der Schriften des Aristoteles den Naturwissenschaften wieder Aufmerk- 
samkeit zugewandt wurde. Die Verwendung des Magneten als Nadel mit Windrose 
findet sich zuerst Ende des 13. Jahrh. und um die Mitte des 14. ist der Kompaß, zu- 
nächst mit dem holländischen Ausdruck „Bussole" bezeichnet, auf großen Schiffen 
vielfach im Gebrauch. Um diese Zeit scheint Flavio Gioja aus Amalfi irgend 
eine wesentliche Verbesserung, wohl zum praktischen Gebrauch an Bord, eingeführt 
zu haben, und deshalb wurde er lange als Erfinder des Kompasses genannt. Daß aber 
die Magnetnadel schon vor seiner Zeit benutzt ist, geht aus genauen Karten des Mittel- 
meeres, von 1320 überliefert, hervor; sie können nur mit diesem Hilfsmittel in längerer 
Zeitdauer aufgenommen sein. 

Der Kompaß war ein großer Gewinn für die Navigation, aber auch in 
anderen Hinsichten machte diese große Fortschritte. Das Studium der 
Alten, besonders des Ptolemäus (vergl. S. 6) brachte die Erdkunde und die 
Astronomie wieder auf den Standpunkt des Altertums und bildete die Grund- 
lage zur weiteren Entwicklung, auch der Nautik ; durch diese Wissenschaften 
im Verein mit dem Kompaß wurde die Kartographie wesenthch 
gefördert, besonders zunächst bei den Portugiesen. 

Bereits im 13. Jahrh. war man nach den Schwankungen im früheren 
Mittelalter wieder allgemein zur Annahme der Kugelgestalt der Erde zurück- 
gekehrt. Von den Arabern hatte man den Gebrauch des Astrolabs — zur 
Messung von Höhen der Gestirne, schon von Hipparch erfunden — kennen 
gelernt ; Regiomontanus verbesserte dieses Instrument und berechnete 
Ephemeriden für die Sonnendeklination von 1473 — 1505, ebenso wurden in 



Die Nautik. Die Schiffe. 



31 



Portugal um diese Zeit Hilfstabellen zur Berechnung der Breite nach Polar- 
stemhöhen und, als die Portugiesen weiter nach dem Süden vordrangen, 
auch Deklinationstabellen für südliche Breiten ausgearbeitet. Gute Breiten- 
bestimmungen am Lande und der Kompaß ermöglichten die Herstellung 
immer besserer Seekarten, bei denen wieder die Marinische Projektion (durch 
die Portugiesen im 15. Jahrh.) benutzt wurde. Bei diesen „platten Karten" 
wählten die Portugiesen den Äquator als Mittelbreite, da sich ihre Reisen 
etwa gerade soweit südlich wie nördlich von ihm erstreckten. Für Spezial- 
karten nahm man die entsprechende Mittelbreite als solche, für Karten der 
gesamten europäischen Gewässer behielt man nach Marinus den 36. Breiten- 
grad bei, wohl weil das Verhältnis des Breiten- zum Längengrade, 4:5, am 
einfachsten war. 

Die Ausrüstung der Schiffe mit Seekarten wurde mehr und mehr gebräuchlich. 
Zuerst erwähnt werden sie bei Mittelmeerschiffen um die Mitte des 12. Jahrh. ; in Spanien 
sollte um 1359 jedes Kriegsschiff solche besitzen; von 1448 sind uns die älteste eng- 
lische Karte von den britischen Inseln bis zu den Kapverden sowie Segelanweisungen 
für die Küsten von Schottland bis Gibraltar erhalten. 

Bei Fahrten über die hohe See wurde aber noch länger dem Globus der 
Vorzug gegeben wegen der durch die Fehler der platten Karte hervorgerufenen 
Gefahren, bis diese durch Einführung der Mercator-Projektion (1537) gehoben 
wurden; auch ist erwähnenswert, daß die Hanseaten ihre Fahrten in den 
nordischen Gewässern scheinbar nur nach Segelanweisungen und Küsten- 
beschreibungen vornahmen. Seit etwa 1480 wurde das Astrolab, zu diesem 
Zwecke von B e h a i m verbessert, auch an Bord verwendet, und bald darauf 
konstruierte derselbe Gelehrte den Jakobsstab (croßstaff; auch schon von 
Regiomantanus erfunden) als ein für den Bordgebrauch einfacheres und ge- 
eigneteres Instrument für Höhenmessungen. 

Mit allen diesen Hilfsmitteln wurde die Seefahrt frei von der Küste und 
konnte ins Weltmeer hinausgehen. Größere Sicherheit gewann sie allerdings 
erst durch Verbesserung der Karten und Instrumente im nächsten Zeitab- 
schnitt; zeigten doch die Breitenbestimmungen auf See immer noch unver- 
meidliche Fehler bis zu 3 Graden. 

Die Sehiffe.*) Der Mangel an zuverlässigen Überlieferungen läßt uns die 
Entwicklung des Schiffbaues, besonders der Segelschiffe, erst etwa vom 
Jahre 1000 an verfolgen, genauere Angaben erst von weit späterer Zeit machen ; 
erschwert wird die Aufgabe dadurch, daß bei den verschiedenen Völkern 
und zu verschiedenen Zeiten die Namen für ähnliche Schiffstypen verschieden 
sind oder umgekehrt die gleiche Bezeichnung für verschiedene Typen ge- 
braucht wird. Es soll hier deshalb nur soweit darauf eingegangen werden, 
wie nötig ist, um den Wert der in den Kriegen zu den verschiedenen Zeiten 



*) Hauptquellen: Arenhold; du Sein; Serre; Jurien; Clowes TL I; The ship. In 
allen Angaben von mehr technischen Quellen, aus denen sie geschöpft haben, so besonders 
Clowes. — Bei Clowes und in The Ship finden sich Angaben über die vielen Schiffstypen 
der verschiedenen Völker, die hier nicht erwähnt werden. 



32 



Das Seewesen im Mittelalter. 



gebräuchlichsten größeren Schiffe beurteilen und außerdem verfolgen zukönnen, 
wie sich aus den Haupttypen des Mittelalters nach und nach das spätere 
Segelkriegsschiff herausgebildet hat. 

Im Mitteimeer war, wie erwähnt, das Seewesen nach der Völkerwanderung 
nur im Osten auf dem Standpunkt des Altertums stehen geblieben, im Westen 
war es vernichtet, die Kunst des Schiffbaues verlernt. Der Haupttyp der 
Kriegsschiffe im Osten (Byzanz) wurde die D r o m o n e. Sie ist scheinbar 
ein Mittelding zwischen dem griechischen Vielreiher und der römischen Li- 
bume gewesen, in der Größe mehr der letzteren entsprechend: Länge 36 m; 
Breite 4,4 m; Tiefgang 1,1 m Deplacement 100 tons. Zwei Ruderreihen zu 
25 Riemen an jeder Seite, also in Summa 100 Ruderer, die obersten Ruderer 
waren nicht gedeckt; Gesamtbesatzung 130 — 150 Mann. Die Dromone war 
noch im Gebrauch bis ins 10. Jahrh., dann wurde sie verdrängt durch die 
Galere des Westmittelmeers, ein Erzeugnis des hier bei den italienischen 
Städten wieder gehobenen Seewesens. 

Die Galere wird uns bekannt als das Kriegsfahrzeug dieser Städte, 
zunächst Venedigs, etwa seit dem Jahre 1000. Auch sie ist als eine Tochter 
der römischen Libume anzusehen. Sie verdankt vielleicht ihren Ursprung 
den Überlieferungen aus altrömischer Zeit, es haben ja auch zur Zeit der 
Völkerwanderung in den germanischen Staaten am Mittelmeer Flotten be- 
standen, aber zu größerer Ausbildung ist der Schiffbau wohl nicht gekommen. 
Gerade das Seewesen braucht geordnete Verhältnisse, um zu gedeihen, und 
so blieb der Bau tüchtiger Kriegsschiffe erst wieder den aufblühenden Städten 
vorbehalten. Die Galere war ein Ruderfahrzeug mit einer Reihe Riemen. 
Zur Blütezeit Venedigs im 13. und 14. Jahrh. hatte sie sich dort zur Galere 
ä zenzile ausgebüdet (vergl. Libumen und Anm. dazu S. 15), d.h. von 
jeder der schräg zur Kielrichtung eingebauten Ruderbänke wurden mehrere 
Riemen von verschiedener Länge bedient. Die gebräuchlichste Galere dieser 
Art war, nach Serre, 41 m lang, 5 m breit, 180 — 200 tons, 25 Ruderbänke 
mit je einer Gruppe von 3 Riemen, für letztere je ein Ruderer. Da auf jeder 
Seite eine Gruppe ausfiel — an B. B. zur Unterbringung des Beibootes, an 
St. B. zur Aufstellung der Kombüse — , hatte man 48 Gruppen, also 
144 Ruderer; Gesamtbesatzung etatsmäßig 220, jedoch wurden häufig mehr 
Soldaten eingeschifft. 

Die an anderen Orten gebräuchliche, gewöhnliche Galere war 
im allgemeinen von denselben Größen Verhältnissen. Sie führte auf jeder 
Bank nur einen langen Riemen, Summa 50 bezw. 48, der von 3 Mann bedient 
wurde. Sie war leichter durch weniger geübte Mannschaften oder angekettete 
Sklaven zu rudern, deshalb kehrten auch die Venetianer notgedrungen zu 
ihr zurück, als sie im 16. Jahrh. Mietlinge an Stelle der Bürger als Ruderer 
verwenden mußten. Die Galere ä zenzile verschwand ganz im 17. Jahrh. 
Alle Ruderer der Galere waren von oben unbeschützt, nur seitlich durch eine 
leichte Brustwehr gedeckt; zum Schutz gegen das Wetter wurde bei Ruhe 
ein Zelt ausgespannt. Vom und hinten hatten die Fahrzeuge eine Plattform für 



Die Schiffe des Mittelmeeres. ^9 

die Kämpfer und die Wurfmaschinen, später die Kanonen; wie im Altertum 
waren sie mit einem Sporn, später mit einem weit vorspringenden Gallion ver- 
sehen, das als Enterbrücke, aber auch wohl weiter zum Rammen diente. Die 
Takelage bestand aus zwei Masten mit großem Lateinsegel, später trat ein kleiner 
dritter hinzu (mezzana, daher wohl der englische mizzen-mast); die Fahrzeuge 
waren sehr wenig stabil. Gegen Ende des Mittelalters, namentlich auch infolge 
der Einführung der Artillerie, wurden auch vereinzelt größere Galeren ge- 
baut, bei denen die Riemen von 5 Mann, ja sogar bis zu 8, bedient wurden, 
auch ä zenzile mit 4 Riemen kamen vor ; sie hatten 500 — 600 Mann Besatzung, 
führten etwa 3 schwere Geschütze{36- und 24-Pfünder) und 4leichte(6-Pfünder) 
auf den Plattformen, besonders nach vom, und nach und nach auch eine 



Galere des XVI. Jahrhunderts. 

große Zahl leichter Geschütze an den Seiten, die zwischen den Riemen durch 
Pforten feuerten. Ihre Takelage ist nur als Hilfsmotor anzusehen. Die Galeren 
waren wie die Kriegsschiffe im Altertum vorwiegend Ruderschiffe; unter 
Riemen liefen sie 3 — 4 Seemeilen, sie sollen aber 10 — 12 Stunden haben 
rudern können, ja bis zu 20 Stunden wird angegeben (ohne Ablösung? oder 
wurden dann die Riemen nicht voll besetzt?}. 

Die Galeren blieben im Mittelmeer noch lange Zeit im Gebrauch, sie spielen aber 
auch in den Kämpfen der ersten Periode der neueren Zeit eine Bolle im Atlantik und 
Kanal, obgleich sie sich stets in der Nähe der Küste halten mußten. Hier waren es 
zunächst von den italienischen Städten gemietete, aber auch die Franzosen und selbst 
die Engländer bauten sie nach. Erstere hatten vom Ende des 15. Jahrh. bis 1749 im 
Mittelmeer eine Galerenflotte mit eigener Organisation, Etat und Offizierskorps. Die 
erwähnten, vollständiger armierten Galeren gehören diesen späteren Zeiten*) an, die 

•) Genauere Angaben über die Galeren des 16, und 17. Jahrh., auch über den 
XMenst an Bord derselben u. s. w, in Jurien: „Les demiers jours". 



34 Das Seewesen im Mittelalter. 

Armierung im Mittelalter entsprach natürlich der der anderen Schiffe dieser Zeit. Die 
G a 1 e a s s e , die sich aus der Galere entwickelte, behandle ich im nächsten Abschnitt. 
Über den Stand der Sogelsohiffe, Kauffahrer, Im Mittelmeer Anfang des 
Mittelalters sind Angaben nicht vorhanden. Da Byzanz während der Völker- 
wanderung den Seehandel aufrecht erhielt, ist anzunehmen, daß das über die 
Segelschiffe im Altertum Gesagte auch für diese Zeit zunächst noch Gültig- 
keit hat. Verbesserungen mögen eingetreten sein, so die Einführung der 
lateinischen Segel. Wesentliche Fortschritte scheinen erst gemacht zu sein, 
als man mit dem Norden mehr in Verbindung trat. Jedenfalls haben die 



Wikingerschiff etwa looo n. Chr. 

Nordvölker einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Segelschiffahrt 
gehabt, waren sie doch durch Wetter- und Seeverhältnisse ihrer Gewässer 
mehr auf diese hingewiesen; bei ihnen ist eine vorwiegende Ruderschiffs- 
periode nur sehr kurz gewesen. Die Segelschiffe von 1300 an sollen deshalb 
später gemeinschaftlich betrachtet werden. 

Die Schilfe im Norden bis 1300. Von den ältesten Fahrzeugen des Nordens 
haben wir durch Ausgrabungen einige Originale erhalten, so das 1863 in 
Nydam ausgegrabene Boot, das sich im Vaterländischen Museum zu Kiel 
befindet (Abbildung in Arenhold). Es wird als aus dem 3. Jahrh, n, Chr. 
stammend angenommen, ist 22,5 m lang, 3,2 m breit, 1,2 m hoch und führt 
30 Riemen. Fast dieselben Größenverhältnisse hat ein am Sandfjord gefundenes 



Schiffe des Nordens bis 1300. 35 

Boot aus der Zeit etwa 900 n.Chr. stammend (Abbildung in Clöwes I). Jenes 
hat sehr elegante Formen und ist nicht zum Segeln eingerichtet, dieses ist 
merklich breiter und hat einen Mast mit Raasegel. Übereinstimmend mit 
anderen Überüeferungen geben uns diese Boote einen Begriff von den Fahr- 
zeugen, auf denen die Normannen (W i k i n g e r) ihre Raub- und Eroberungs- 
züge bis zum II. Jahrh. unternommen haben. Sie benutzten die Riemen zum 
Ein- und Auslaufen sowie im Kampf, der Mast wurde dann niedergelegt. 
Die Fahrzeuge waren ungedeckt, hatten aber vom und hinten ein Halb- 
deck für Aufstellung der Krieger im Gefecht, die Reeling wurde durch die 
dort aufgehängten Schilde erhöht und verstärkt. Ihre Besatzung betrug 
50 — 100 Mann; größer waren sie nicht, ein Beweis dafür dürfte sein, daß 
Wilhelm der Eroberer 60000 Mann auf 700 — 1400 Fahrzeugen — soweit 
schwanken die Angaben — nach England hinüberführte. 

Ahnlich bleiben die S c h i f f e d e s 12. und 13. J a h r h. Durch ihren 
spitzen Bau vom und hinten zeigen sie immer noch ihren Ursprung aus 
Ruderbooten an, noch sind sie auf den Gebrauch von Riemen angewiesen, 
sobald es auf sicheres Manövrieren ankonomt. Jedoch werden auch schon 
größere Schiffe gebaut, plumper und nun wohl schon ganz gedeckt und, 
wenn sie vorzugsweise zum Kampf bestimmt sind, mit Plattformen auf Pfählen 
für Kämpfer und Wurfmaschinen versehen; diese Gerüste wurden um 
1300 zu festen Kastellen, die gleichzeitig der Besatzung als Unterkunfts- 
räume dienten. 

Dieser Art waren die 9 „größeren Schiffe", die neben etwa 200 anderen in 
Richard Löwenherz* Kreuzfahrerflotte genannt werden. Sie hatten eine Besatzung von 
I Kapitän, 14 Seeleuten, 40 Rittern mit ihren Pferden, 14 Dienern, 40 Fußknechten 
und konnten für längere Zeit Proviant nehmen. 

Auch die Takelage wurde verstärkt, der Mast war nicht mehr zum Nieder- 
legen, sondern trug feste Mastkörbe zur Aufnahme von Schützen; die Zahl 
der Riemen wurde nicht vermehrt. Im Norden blieb noch länger nur ein Mast 
mit einem oder mehreren viereckigen Segeln in Gebrauch, während im Mittel- 
meer um diese Zeit schon zwei Masten mit lateinischen Segeln vorkommen, 
von denen der vordere sehr weit vorn stand und starken Fall nach vorn hatte. 

Diese größeren Schiffe, wie sie der auf Seite 36 abgebüdete Kreuzfahrer 
zeigt, müssen wir wohl als den Typ der Hochseeschiffe betrachten, auf dem 
sich die Entwicklung des Segelschiffes im Norden weiter aufbaut; ihre Größe 
war um die Mitte des 13. Jahrh. auf 80 tons, gegen das Ende vereinzelt schon 
bis zu 200 tons gewachsen. Neben diesem Typ gab es verschiedene andere 
für kleinere Fahrzeuge der Küstenfahrt und Fischerei u. s. w., und muß be- 
sonders erwähnt werden, daß auch im Norden die wenigen Schiffe, die die 
Staaten ausschließlich für ihre Zwecke — Kriegsdienst, vor allem aber Zolldienst, 
Seepolizei, Hafenverteidigung — bauten und hielten, vorwiegend noch Ruder- 
fahrzeuge waren. Dementsprechend waren sie länger im Verhältnis zur Breite 
als die großen Segelschiffe und stärker bemannt ; auch Richards Kreuzfahrer- 
flotte enthielt 50 solcher galleys (Galeren?). 

3* 



36 Das Seewesen im Mittelalter. 

Dl« Entwloklung d«r SsgelsehUI« von 1300 — 1600. EiDeTrenoung der Schiffe 
in Kri^s- und Handelsschiffe eracheint in dieser Zeit nicht mehr am Platze. 
Die Staaten des Altertums, die Städte und Staaten des Mittelalters am Mittelmeer 
unterhielten große stehende Flotten von Ruderkriegsschiffen. Größere stehende 
Flotten von Segelkriegsschiffen werden in den jetzt aufblühenden Staaten des Westens 
und Nordens erst langsam im Laufe der nächsten Periode geschaffen. Zu Kriegszwecken 
griff man hier hauptsächlich auf Kauffahrer zurück, die man aushob, kaufte oder mietete. 
Wenn nötig, wurden sie dazu hergerichtet, indem man sie verstärkte, Kastelle aufbaute, 
sie stärker armierte. Der eigens für den Krieg gebauten Segelschiffe waren nur wenige 



Englisches Fahrzeug um etwa i igo (Kreuzfahrer). 

und sie unterschieden sich zunächst kaum von den Handelsschiffen, da auch diese, 
wenigstens die größeren, zum eigenen Schutz stets armiert waren. Die Schiffe des Staates 
für sonstige Hoheitszwecke waren auch nach 1300 noch lange vorwiegend Ruderfahr- 
zeuge. ZeitweiUg wächst die Zahl der Kriegsschiffe in einzelnen Staaten, aber immer 
geht sie bald wieder zurück. So ist denn vorläufig die Entwicklung der Segelkriegs- 
schiffe die gleiche wie die der Kauffahrteischiffe, erst im Laufe der nächsten Periode 
geht sie einen andern Weg. 

Bedeutendere Fortschritte machte der Segelschiffbau von 1300 an aus den 
S. 27 u. 34 angeführten Gründen. Eine große Errungenschaft war zunächst die 
Erfindung des festen Ruders mit der Pinne am Achtersteven etwa um 1300, 



Entwicklung der Segelschiffe 1300 — 1500. 3^ 

Mit den alten Steuerriemen an der Seite des Schiffes hinten war das Steuern 
eines von den Segebi gepreßten Schiffes bei einigeimaülen bewegter See nicht 
möglich, erst mit dem neuen Ruder konote an eine Vergrößerung der Takelage 
gegangen werden. Die neue Rudereinrichtung hat sich sehr schnell allgemein 
eingeführt, schon um 1356 war sie auf allen größeren englischen Schiffen 
im Gebrauch. Nun werden zwei Masten mit viereckigen Raasegeln und 
einem Toppsegel gebräuchlich; bald schon kommen drei Masten vor, am hin- 
tersten Mast ein lateinisches Segel, um das Schiff besser am Winde zu halten. 



Hansa-Kogge um etwa 1380. 

Es ist dies der Vorläufer des Besan; das Bugspriet führt noch keine Segel, 
es dient nur zur Stütze des weit nach vorn stehenden Fockmastes. Die Schiffe 
werden höher und seefähiger, die Kastelle wachsen; die Mitte des Schiffes 
blieb niedrig, solange man noch nicht ganz vom Gebrauch der Riemen ab- 
sehen konnte. Auf den Kastellen standen kleine Wurfmaschinen, mittschiffs 
schwerere. Das gebräuchlichste Hochseeschiff im Norden war die Kogge, 
als Beispiel ist eine Hansa-Kogge von 1380 hier abgebildet; ca. 250 tons, 
50 Seeleute, 100 Bewaffnete, 20 Pferde, 

Um die Mitte des 14, Jahrh. werden im Mittelmeer die ersten leichten 
Geschütze an Bord eingeführt. Ende des Jahrhunderts auch im Norden. 
Im 15. Jahrh. nimmt mit ihrer Vervollkommnung die Verwendung der 



38 D^ Seewesen im Mittelalter. 

Artillerie zu, allerdings zunächst hauptsächlich nur an Anzahl der leichten 
Geschütze. Die Schiffe werden nun größer und tragfähiger, sie werden vom 
lind hinten rund. Die Kastelle, bisher turmähnlich, werden länger und reichen 
vom Heck bis zum Großmast, vom Bug bis zum Fockmast, das vordere ragt 
weit über den Vorsteven hinaus, sie erhalten Etagen mit Geschützpforten: 
alles, um die ArtUlerie vermehren zu können, besonders in der Breitseite. 



Holländische Kogge, 15. Jahrb., 600 tons, 300 Mann. 

Die Takelage wird weiter vervollständigt durch Stangen mit kleinen 
Marssegeln, der dritte Mast wird allgemeiner. Aber der Ausbau der Kastelle, 
ihre Höhe besonders, beeinträchtigte sehr die Segel- und Seefähigkeit; die 
Schiffe trieben stark vor ihnen. Wegen des hervorragenden Vorderkastells 
und des so weit vom stehenden Fockmastes waren sie schlecht am Winde 
zu halten, man findet deshalb nun oft 4 Masten, an den beiden letzten Latein- 
segel. 400 — 700 tons dürfte die Größe der großen Schiffe Ende des 15. Jahrh. 
gewesen sein. Die Namen dieses Typs der großen Seeschiffe waren, allgemein 
gesagt : im Norden ,, Kogge" (engl. Cog), später bald ,, Schiff ' (Ship), in Spanien 
und Portugal ,, Galeon" (auch Gallion), in Venedig und Genua ,,Karrak". 
Vereinzelt kommen schon Fahrzeuge bis zu 1000 tons vor; Spanien (vorläufig 



Entwicklung der Segelschiffe 1300 — 1500. 35 

Kastilien) und Portugal gingen hierin 
voran, doch müsen wir solche besser 
zur nächsten Periode rechnen. 

Segel- und Seefähigkeit der gröBeren, 
stark armierten Schiffe war sehr gering. 
Portugiesen und Spanier benutzten zu ihren 
ersten Entdeckungsreisen nicht einmal Fahr- 
zeuge der sonst schon allgemeiner ge- 
bräuchlichen Größen sondern kleinere. Die 
„K aravellen" des Kolumbus waren 
Fahrzeuge von 120 — ijotons, 80 — 90' lang, 
50 Mann, 3 oder 4 Masten, nur der Fock- 
mast mit Raaen. 

Kolumbus rühmt sie als gute Segler, 
auch beim Winde, als handliche und bequeme 
Seeschiffe. 

Die vorzugsweise leichten Ge- 
schütze — noch 1514 führte der 
„Great Harry", wenn man von den 
schweren Geschützen seiner zweiten 

Batterie absieht, nur 8 Geschütze über Karavelle des 15. Jahrhunderts. 

3- Pf ünder bei einer ungeheueren Zahl 

leichterer — waren also mit ihrer Vermehrung auf dem Deck, besonders 
aber in den Etagen der verlängerten Kastelle aufgestellt und zwar so, daß 

man nach vorn, nach hinten, 
nach den Seiten und gegen 
Entern über das Mittschiffsdeck 
feuern konnte; diese Verteilung 
ist gut zu ersehen aus der 
auf Seite 97 wiedergegebenen 
Abbildung des ebengenannten 
Schiffes. Noch im Mittelalter 
begann man aber, die Schiffe 
mit schwereren Geschützen zu 
armieren, scheinbar besonders 
in den südlichen Ländern. 
Diese fanden jetzt Aufstellung 
aufdem Hauptdeck des Schiffes, 
zuerst vorn und hinten, dann 
nach den Seiten, ja bald 
brachte man sie auch im Schiffs- 
rumpf unter und feuerte durch 
Pforten in der Schiffswand. Wie 
durch die Verlängerung der 
Kastelle, so wird auch hierdurch 
Galeon des 15. Jahrhunderts. d'e Kraft der Artillerie immer 



40 



Das Seewesen im Mittelalter. 



mehr in die Breitseiten verlegt, die neue Waffe wird durch ihre Vermehrung 
und Verstärkung mehr und mehr zur Hauptwaffe: zwei Punkte, die für den 
nächsten Zeitabschnitt kennzeichnend sind. Schiffe der neueren Art waren 
im Mittelalter noch sehr selten, im Norden kamegn sie kaum vor ; der Beginn 
der Fortbildung in dieser Hinsicht (vergl. Abschnitt II „Schiffe") fällt aber 
schon an das Ende des 15. Jahrh. Die Abbildung auf S. 39 zeigt eine 
Galeon um die Wende des Jahrhunekerts. 

Wie auf die Belebung der Seefahrt überhaupt , so haben die italienischen Städte 
auch großen Einfluß auf die Entwicklung des Schiffbaues gehabt. Schon die christlichen 
Königreiche Spaniens zogen Genuesen und Venetianer zur Anlage von Werften heran, 
als sie im 12* Jahrh. anfingen, Schiffe für den Seehandel und seinen Schutz zu bauen, 
ebenso waren solche die Lehrmeister der Portugiesen, als diese im 14. Jahrh. zur See 
gingen. Die Schiffe der italienischen Städte werden auch als Muster zur Vervollkomm- 
nung der größeren Seeschiffe im Norden gedient haben, als sie von 1300 an häufiger 
in. diesen Gewässern erschienen. Lange noch galten ihre Schiffe als besonders gut und 
wurden häufig nach dem Norden vermietet oder verkauft. Zu Ende des Mittelalters 
hatten die Niederländer im Norden einen hohen Ruf im Schiffbau errungen, ihre Schiffe 
und ihr Schiffbaupersonal waren jetzt gesucht, besonders in Schweden und Frankreich 
in der nächsten Periode, als in diesen Ländern das Seewesen staatUch begünstigt wurde. 

Von staatlichenWerften hören wir im Mittelalter wenig; dies 
erklärt sich daher, daß keine Kriegsmarinen von Bedeutung bestanden. 
Wo größere stehende Ruderschiffsflotten vorhanden waren, also in erster 
Linie wieder in den italienischen Städten, hatte man natürlich auch Werft- 
anlagen für diese, wie wir sie für das Altertum erwähnten : künstliche Häfen 
mit eingeteüten Liegebassins (nasse Docks), Vorrichtungen zum Trockenlegen 
der Schiffe, Arsenale für die Ausrüstung. Ahnhches wird auch in den anderen 
Staaten für die wenigen Regienmgsschiffe vorhanden gewesen sein. So wissen 
wir von England, daß hier schon etwa um 1300 nasse Docks, schützende 
Schuppen und Ausrüstungshäuser für die königlichen Galleys in Portsmouth, 
Rye, Winchelsea, Storeham bestanden. Von eigentlichen Kriegswerften ist 
aber auch mit dem zunehmenden Gebrauch größerer Segelschiffe noch nicht 
die Rede, der Bau der staatlichen Schiffe blieb wohl fast ganz in Privathänd^; 
überall werden nur Arsenale für Geschütze, Ausrüstungs- und Kriegsmaterial 
erwähnt, so in Portugal das Arsenal Heinrich des Seefahrers in Sagres, in 
England seit Heinrich VIII. die Arsenale in Woolwich und Deptford an der 
Themse, in Portsmouth, in Frankreich dort, wo die Küstenadmirale ihren 
Sitz hatten, und ähnlich in Holland; Kriegswerften erscheinen erst im nächsten 
Zeitabschnitt. 

Waffen. Im Mittelalter finden wir, auch im Norden, sobald hier die 
erste Zeit des Kampfes nur mit Handwaffen überstanden war, überall die 
Waffen des Altertums wieder. Kleinere und größere Wurfmaschinen, größere 
Armbrüste, die sämtlich brennende Pfeile, Lanzen, Steine, eisenbeschlagene 
Pfähle und Wurfdraggen schleudern, sind auf den Kastellen, die schwereren 
Maschinen bei Segelschiffen auch mittschiffs, aufgestellt; Stinktöpfe und 
Gefäße mit ungelöschtem Kalk werden, besonders aus den Mastkörben, 
auf das feindliche Deck geworfen. Manche der Wurfmaschinen scheinen 



Werften. Waffen. 



4r 



durch die Kreuzzüge nach dem Norden gekommen zu sein, wie denn auch 
erwähnt wird, daß die Schiffe von Richard Löwenherz das berühmte griechische 
Feuer*) verwendet hätten. Die Bewaffnung der Kriegsleute war wie am Lande. 
Ritter und Knappen, durch HeUn, Harnisch und Schild geschützt, führten 
Schwerter, Lanzen und Äxte, die Leichtbewaffneten Armbrüste, Hand- und 
Fußbogen. Berühmt waren die venetianischen und genuesischen Armbrust- 
schützen, oft von anderen Ländern (Frankreich) gemietet, sowie die englischen 
Bogenschützen, die jenen noch überlegen gewesen sein sollen. 

Die seit etwa 1325 im Landkriege verwendeten Pulvergeschütze 
wurden auch bald auf den Schiffen in Gebrauch genommen. Sie finden zuerst 
Erwähnung im Westmittelmeer, 1333 in einem Gefechte des Bey von Tunis 
gegen spanische Mauren, und bei den italienischen Städten, bald darauf auch 
bei den Hanseaten. Für England sind 1338 einige wenige Schiffe mit 2 bis 
3 Geschützen, für Holland die ersten um 1396 angeführt. Die ersten schwereren 
Geschütze am Lande waren Mörser, dann etwas verlängert Bombarden, die 
mit geringer Ladung Steinkugeln bis zu 100 Pfund warfen. Lange Feuer- 
waffen waren zunächst nur kleineren Kalibers, eigentlich unbehilfliche Hand- 
feuerwaffen von I — 2 Mann zu bedienen. Beide Arten wurden anfangs aus 
der Länge nach zusammengeschweißten und dann umringten Eisenstäben 
hergestellt, sie wurden von hinten geladen und durch Keile oder eine Lade- 
büchse, ein besonderes Verschlußstück, geschlossen. Um 1400 kam der Guß 
der Rohre aus Bronze auf, und die Stabeisengeschütze wichen mehr und mehr 
den später auch aus Eisen gegossenen. Nun konnte man den hinteren Ab- 
schluß des Rohres mit dem vorderen Teil in einem Gusse herstellen, infolge- 
dessen die Ladung verstärken, und es entwickelten sich die längeren Geschütze 
auch schwereren Kalibers, die Kanonen. Bei leichteren Geschützen blieb die 
Hinterladung noch länger im Gebrauch, oft waren dann zur schnelleren 
Bedienung zwei Bodenverschlußstücke mit Ladekammer vorhanden. 

Während des 14. Jahrh. machte die Einführung der Artillerie an Bord 
nur sehr geringe Fortschritte; 142 1 hatten englische Schiffe von 400 bis 
700 tons nur 3 — 6, kleinere nur 2 Geschütze, und wenn auch von der Mitte 
des 15. Jahrh. an überall häufiger solche — von Bronze und Eisen, mit Stein^ 
Blei- und Eisengeschossen — erwähnt werden, sowie auch Handfeuerwaffen^ 
so hatten doch die neuen Waffen die alten noch nicht verdrängt. Pulver- 
geschütze und Wurfmaschinen stehen nebeneinander auf den Schiffen, Hand- 
feuerwaffen und Bogen werden gleichmäßig gebraucht. Die alten Waffen 
waren noch lange, bis ins 16. Jahrh. hinein, an Schußweite und Treffähigkeit 
überlegen; Geschütze, Lafetten und Pulver waren noch mangelhaft. 

Wie gering die Bedeutung der Artillerie noch im Anfange des 15. Jahrh. war, kann 
man daraus ersehen, daß um diese Zeit zuweilen besonders hervorgehoben wird, es seien 



•) „Griechisches Feuer": wahrscheinlich eine flüssige Masse aus Schwefel, Salpeter, 
Naphtha, Pech gemischt, entzündhch durch Zutritt von Luft ; durch Wasser nicht zu 
löschen, nur durch Essig oder Erde. Verwendet: Aus Spritzen; mittels umwickelter 
Pfeile; in Gefäßen als Handgranaten oder mit Wurfmaschinen geworfen. 



42 Das Seewesen im Mittelalter. 

in einem Gefecht auch Kanonen ven;i'endet; sowie auch daraus, daß bei der Schlacht 
von Harfleur 14 16 alle Waffen erwähnt werden, nur diese nicht, obgleich einige englische 
Schiffe dabei sicher Geschütze führten und vor allem die beteiligten genuesischen Karraks ; 
von diesen wird nur gesagt , daß sie durch ihre Höhe im Gefecht Bord an Bord im Vor- 
teil gewesen seien. 

Immerhin aber nahm die Verwendung der Artillerie in der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrh. bedeutend zu; wir haben gehört, daß zu Ende des Mittelalters 
erbaute Schiffe eine große Zahl leichter Geschütze führten, und daß auch 
schon schwerere an Bord genommen wurden. Da aber die Artillerie 
eigentlich erst eine Waffe des nächsten Zeitabschnittes ist, so soll erst von 
dort ab näher auf sie eingegangen werden. 

Ebenso verhält es sich mit einer Spezialwaffe, den Brandern. Auch 
diese werden schon im Mittelalter vereinzelt verwendet, so z. B. 1304 in einem 
Gefecht zwischen Franzosen und Flamändern gegen festgelaufene Schiffe, 
doch scheinen sie noch wenig Erfolg gehabt zu haben; ihre Blüte fällt gar 
erst in die Zeit unseres Abschnitts III. 

Die Seekriege.*) Daß im Mittelalter keine Seekriege von großer Bedeutung 
vorkommen, ist erklärlich. Das Seewesen im Mittelmeer war durch die Völker- 
Wanderung größtenteils vernichtet, es konnte sich erst wieder heben, als die 
Völker zur Ruhe und wieder zu einer gewissen Kultur kamen; im Norden 
Europas wurde es jetzt erst geboren. Seemächte im eigentlichen Sinne gab es 
nicht. Die Kriegführung zur See beschränkte sich auf allerdings oft ganz 
bedeutende Eroberungszüge über See, sowie auf Raubzüge; später, als der 
Handel wieder eine größere Rolle spielte, wurde sie auch ein Mittel, um durch 
Störung der Schiffahrt und durch Brandschatzimg von Küstenstädten dem 
Feinde Abbruch zu tun oder um für erlittene Unbill Repressalien zu nehmen. 
Auch hierbei kam es zu Kämpfen zur See, ja großen Seeschlachten, aber 
über ihren Verlauf bieten die Quellen selten genaueres. 

Im Mittelmeer**) fand die o s t r ö m i s c h e Flotte, die die Völker- 
wanderung überdauert hatte, im 5. und 6. Jahrh. Ven\'endung bei den großen 
Expeditionen gegen Vandalen und Goten in Italien und Afrika, die zu ihren 
Eroberungen ebenfalls Flotten geschaffen hatten; sie wirkte mit zur Abwehr 
der Barbaren im Osten und vor allem später gegen Araber und Türken, als 
diese auf den Inseln und längs der Küste sich ausbreiteten ; sie mußte endlich 
auch den nach Osten vordringenden Normannen und den aufblühenden 
Seemächten Venedig und Genua entgegentreten. Während der Kreuzzüge 
und der Kämpfe der Türken gegen das oströmische Reich hatte sich Venedig 
eines großen Teils Griechenlands und der griechischen Inseln bemächtigt. 



*) Quellen: Das Sammelwerk du Seins gibt den besten Überblick aller wichtigen 
Ereignisse; Henk führt die Hauptereignisse auf. 

♦*) Hauptquellen: Junen, „gotische Flottillen", „Doria"; Manfroni, I und II, 
über Zeit der Völkerwanderung, neue Reiche, Kreuzzüge, itaUenische Städte; 
The Ship über Venedig; de Veer über Portugal; Nauticus 1900 und 1901 über Venedig 
und die spanischen Königreiche; Clowes I, England in den Kreuzzügen; in Roncidre 
über die Franzosen im Mittelmeer. 



. I 



Seekriege: Mittelmeer, Hansa. j.3 

Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1452 ging das oströmische 
Reich zu Ende. 

Seestreitkräfte, besonders Fahrzeuge der italienischen Städte, aber auch 
französische und selbst nordische — englische und hanseatische — spielten 
eine Rolle während der Kreuzzüge durch Überführung der Heere, durch 
Unterstützung der Belagerungen von Küstenstädten und durch Abwehr 
sarazenischer Flotten. 

Als die wichtigsten Seekriege im Mittelmeer sind die Kämpfe der 
italienischen Städte unter sich — besonders Genuas gegen Pisa ; 
Venedigs gegen Genua — im 12., 13. und 14. Jahrh. anzusehen, weil sie vor- 
wiegend zur See und um die Vormacht auf der See ausgefochten wurden; 
sodann später die Kämpfe Venedigs mit den Türken um ihre Besitzungen 
im Osten, die noch in dem nächsten Zeitabschnitt, in den die Glanzzeit der 
türkischen Seemacht fällt, weitergeführt werden, femer Kriege Genuas gegen 
die Mauren in Spanien, gegen die Raubstaaten in Afrika und gegen Aragonien. 

Schließlich sind noch die Staaten auf der Pyrenäischen 
Halbinsel zu erwähnen. Als sich im 10. Jahrh. der Seehandel des Kalifats 
von Cordova entwickelte, wurde dort eine Kriegsflotte nötig, um ihn gegen 
die Seeräuber, die das Mittelmeer von Sardinien, SizUien und der Nordküste 
Afrikas aus unsicher machten, zu schützen. Etwa zwei Jahrhunderte später 
entstanden aus demselben Grunde Flotten in den christlichen Reichen Kastilien 
und Aragonien, die Verwendung fanden in den Kämpfen der christlichen 
Staaten untereinander und mit den Mauren, bei der Eroberung der Balearen, 
Sardiniens und Siziliens durch das Königreich Aragonien, in Fehden mit 
den italienischen Städten und mit den Franzosen, von Kastilien aus sogar im 
Atlantik im Kampfe mit England als Nachbar der englischen Besitzimgen in 
Frankreich. Auch Portugal bedurfte der Seestreitkräfte gegen die Ungläubigen. 

Alle Kriegsschiffe im Mittelmeer waren Ruderschiffe, nur Portugal und 
die baskischen Provinzen Kastiliens verwandten, weil am Ozean gelegen, 
schon einige Segelschiffe; größere stehende Kriegsflotten besaßen eigentlich 
nur die Genuesen und Venetianer. 

Im Norden Europas kann zunächst von einer Kriegführung 
zur See nicht die Rede sein. In die frühesten Zeiten vom 9. bis 11. Jahrh. 
fallen die Raub- und Eroberungszüge der Skandinavier, besonders 
von Dänemark und Norwegen ausgehend, nach allen Küsten der Ost- und 
Nordsee, nach England und Frankreich, nach Spanien und Portugal und bis 
ins Mittelmeer. Diese Volksflotten fanden im Norden nirgends nennenswerte 
gegnerische Seestreitkräfte vor, bis die Hansa sich des Handels im Norden 
bemächtigte, und in ihr ihnen ein überlegener Gegner erwuchs. Erst mit 
dem allmählichen Erstarken der nordischen Reiche war die Hansa ge- 
zwungen, um ihre wirtschaftliche Herrschaft zu kämpfen. Nur durch blutige 
Fehden zur See und über See, besonders gegen Dänemark, konnte sie diese 
behaupten; durch geschickte Einmischung in die inneren Kämpfe der Völker, 
hauptsächlich durch Unterstützung Schwedens gegen den Plan einer skandi- 



44 



Das Seewesen im Mittelalter. 



navischen Union unter Dänemarks Führung, errang sie sogar eine politisch 
leitende bedeutende Stellung im Norden ; diese Zeit der aufreibenden Kämpfe 
der beiden nordischen Nationen um die Aufrechterhaltung der Union, an 
denen sich auch schon niederländische Städte, anfangs auf Seiten der Hansen, 
später auf der der nordischen Herrscher beteiligten, war die Periode der 
höchsten Blüte der Hansa. Über stehende Flotten geboten aber weder die 
nordischen Reiche noch die Hansa. Für besondere Gelegenheiten wurden 
die Streitkräfte erst aufgebracht, und so haben auch diese Kriege mehr den 
Charakter von Expeditionen, Überrumpelimgen, Brandschatzungen und 
Repressalien.*) 

In der Geschichte Englands und Frankreichs wird der See- 
krieg von Bedeutung in den Kriegen zwischen beiden Nationen um die Be- 
sitzungen Englands auf dem Festlande während des 13., 14. und 15. Jahrh. 
Die dänische Invasion vorher, der Alfred der Große durch eine bedeutende, 
aber bald wieder verfallende Flotte ein Ende machte, und die Eroberung 
Englands durch die Normannen sind gleichfalls unter die Eroberungszüge 
der Skandinavier zu rechnen. In diesen Kriegen, mit kürzeren oder längeren 
Pausen und wechselnden Erfolgen fast drei Jahrhunderte hindurch geführt, 
finden wir eine fortlaufende Reihe von Expeditionen über See. In erster 
Linie gehen diese natürlich von England aus, aber auch die Franzosen unter- 
nehmen oft größere Einfälle an der englischen Küste; der kleine Krieg, 
Brandschat Zungen an den Küsten und Wegnahme von Schiffen, läuft diu"ch 
die ganze Zeit ; von 1243 an sind auch die ersten Freibriefe an einzelne Schiffe 
zur Schädigung des Feindes zu Wasser und zu Lande bekannt. Die Kriegs- 
führung zur See ist des öfteren von großem Einfluß auf den Verlauf der Kriege. 
Es zeigt sich hier schon früh, daß große Ziele über See nur er- 
reicht werden können, wenn man die See beherrscht, 
die feindlichen Seestreitkräfte vernichtet oder völlig lahm gelegt hat: fran- 
zösische Expeditionen scheitern oder werden im Keime erstickt, wenn englische 
Flotten, oft nur verhältnismäßig kleine, ihnen entgegentreten; der englische 
Krieg auf dem Festlande erlahmt infolge unsicherer Verbindung mit der Heimat, 
sobald die französischen Seestreitkräfte die mächtigeren sind. 

Einige hervorragende Beispiele**) aus dem 13. Jahrh. 
seien angeführt: 1212 sammdfte P h i 1 i p p II. in der Seine eine große Flotte 
von 1700 Segeln und führte sie nach Damme in Flandern, um von dort 
eine Exekutionsarmee gegen den vom Papst in den Bann getanen Johann 
nach England überzusetzen. Eine englische Flotte von nur 500 Segeln über- 



*) Quellen: Über die Hansa: Schaf er. Lindner. Über die skandinavischen Völker: 
Tuxen (dänische), Gyllengranat (schwedische Flotte); über beide: Nauticus 1900. 

♦♦) In Clowes I sind die kriegerischen Ereignisse der englischen Marine im Mittel- 
alter samtlich behandelt. Gerade vom Beginn des 13. Jahrh. an werden die Quellen für 
diese Marine reichhaltiger. In Clowes auch die Verwendung der Seestreitkräfte in den 
Kämpfen mit Schottland und zur Eroberung Irlands. Französischerseits für die Ge- 
schichte der Marine im Mittelalter Ronciere I und II sehr eingehend. 



Englisch-Französische Kriege. a^ 

raschle sie im Hafen und auf der Rhede, zum Teil von Mannschaften entblößt, 
vor Anker liegend imd tat ihr solchen Abbruch, daß Philipp II. sein Unter- 
nehmen aufgeben mußte. 1216 dagegen, als Johann, mit seinen großen Vasallen 
im Streit, über keine Schiffe gebot, gelingt es den Franzosen, mit 700 Fahr- 
zeugen ein Heer zur Unterstützung der Empörer und zur Einsetzung des von 
ihnen herbeigerufenen Prinzen Louis von Frankreich überzuführen ; wiederum 
aber wird 1217 ein Transport von 180 Schiffen, der nach einer Niederlage 
der Barone und der Franzosen (bei Lincoln, nach Johanns Tode) Verstär- 
kungen nach England bringen soll, von nur 40 englischen Schiffen unter 
Hubert de Burgh bei South-Foreland vollständig vernichtet. 
Dieses erste große Gefecht auf offener See, auch sonst in Hinsicht auf Taktik 
und Kampfweise bemerkenswert, zwang den Prinzen Louis zum Rückzug 
aus England und führte zu einem für England günstigen Frieden. 

In den weiteren Kriegen Heinrichs III. und Eduards I. 12 17 — 1307 gegen Frank- 
reich finden wir keine so wichtigen Ereignisse. Die Seestreitkräfte wurden nur in dem 
allgemein gekennzeichneten Sinne verwendet; gegen Ende genannter Zeit und unter 
Eduard II. war England vorwiegend mit Schottland und Irland beschäftigt. Einige 
Begebenheiten seien aber angeführt, da sie einen BUck in die eigentümlichen damaligen 
Verhältnisse auf der See geben. Die Cinque-Ports Englands, der Hauptrückhalt der 
Krone in Beziehung auf Seestreitkräfte, trieben zur Zeit der Kämpfe der Barone gegen 
den König offene Piraterie und führten Privatkriege in Handelsinteressen gegen andere 
Nationen, auch wenn sonst Friede war; im Jahre 1275 herrschte sogar ein Freibeuter- 
krieg zwischen ihnen und den Bayonnesen, obgleich diese auch Untertanen Englands 
waren. Infolge eines Privatstreites englischer Seeleute in einem Hafen der Normandie 
wurde im Jahre 1293 in der Mitte des Kanals eine Seeschlacht geschlagen, in der 60 eng- 
lische Schiffe — teilweis in Holland und Irland geworben — unter dem Gouverneur 
vonNottingham-Castle 240 normannische, französische, flämische und genuesische Schiffe 
unter dem Grafen von Valois, Bruder des Königs von Frankreich, völlig besiegten und 
reiche Beute machten. Die Folgen dieses Ereignisses, Verhandlungen und Repressalien, 
führten zu einem neuen Kriege. 

S e e r a u b und völlige Nichtachtung fremden Eigentums auf See war überhaupt 
bei fast allen Küstenvölkem gebräuchlich ; man liest von Seeräubern der Schotten und 
Iren, der Niederlande, der Bretagne, der Normandie und der Basken. Unterdrückung 
des Seeraubes war die Hauptaufgabe der wenigen Kriegsschiffe. 

In den englisch-französischen Kriegen des 14. und 15. J a h r h. — 
dem sog. HundertjährigenKriege — zeigt sich aufs neue der 
Einfluß der jeweilig überlegenen Seemacht. In der ersten Zeit seiner Re- 
gierung führte Eduard III., selbst ein Seemann, den Seekrieg energisch. 
Während vor und zu Beginn des Krieges (1339) die Franzosen zur See stark 
gewesen zu sein und den Engländern viel Schaden getan zu haben scheinen, 
hob Eduard 1340 eine große Flotte aus und versetzte den Feinden einen 
schweren Schlag. Frankreich hatte im Hafen von S 1 u y s , jetzt einer hol- 
ländischen Binnenstadt, nach den niedrigsten Angaben eine Macht von 190 
Segeln, deren Kern eine größere Abteilung genuesischer Galeren bildete, 
und 35 000 Mann versammelt. Der Platz war als geeignet gewählt, um dem 
in Flandern stehenden englischen Heere die rückwärtigen Verbindungen 
abzuschneiden und auch um einen Einfall nach England zu unternehmen. 



^6 I^as Seewesen im Mittelalter. 

Eduard griff diese Flotte mit 250 Fahrzeugen aller Größen am 24. Juni 1340 
an und vernichtete sie. Fin kurzer Friede war die unmittelbare Folge, aber 
wichtiger noch war das durch den Sieg gewonnene Übergewicht zur See. 
Nun gelang es den Engländern, 1347 C a 1 a i s zu erobern und sich hierdurch, 
sowie durch einen neuen Sieg im Kanal 1350 über die 40 große und reich- 
beladene Schiffe starke Flotte des kastilischen Freibeuters Don Carlos 
de la Cerda die Seeherrschaft wieder dauernd zu sichern. Ihr Besitz, 
das Zusammenwirken von See- und Landstreitkräften hat viel zu dem 
günstigen Verlauf des Krieges in Frankreich bis zum Jahre 1360 beigetragen. 

Lehrreich ist, daß Eduard — ähnlich wie wir es im Altertum in Athen 
und in Rom fanden — erst den Widerstand des Parlaments überwinden muß, 
als er die Flotte zu großen Offensivuntemehmungen, dem Angriff auf Calais, 
heranziehen will; das Parlament ist anfemgs noch der Ansicht, diese sei nur 
zur Verteidigung der Küsten da. 

Nach diesen Erfolgen vernachlässigte aber Eduard IIL die Krieg- 
führung zur See, und die Folge davon war, daß sich schon 1360 die Franzosen 
wieder regten und die englische Küste brandschatzten. 

Laird Clowes sagt darüber, dem Sinne nach: der Krieg von 1359 — 1360 zu Lande 
war nur eine Reihe von bei der Erschöpfung Frankreichs leicht errungenen Triumphen. 
Dies entsprach dem hitzigen Charakter Eduards mehr, als durch eine langsame, syste- 
matische Kriegführung auf dem Wasser, ohne große ruhmreiche Ereignisse, den Feind 
zur See weiter bis zur vöUigen Vernichtung niederzuwerfen. Trotz der Erkenntnis der 
Wichtigkeit der Seeherrschaft für England vernachlässigte er den Seekrieg und die 
Seestreitkräfte. 

In den letzten Kriegen Eduards III. von 1369 an, wo Frankreich in 
Kastilien einen trefflichen Bundesgenossen zur See hat, zeigen sich dann 
weiter die Folgen dieses schweren Fehlers. Eine englische Flotte, die 1372 
das belagerte La Rochelle entsetzen soll, wird dort von einer 40 Schiffe starken 
kastilischen Flotte vernichtet, und die Blockade der Stadt durch den in- 
zwischen um 8 Galeren verstärkten Sieger beschleunigt ihren Fall. 1374 durfte 
eine nach Guyenne bestimmte Armee es nicht wagen, dorthin zu segeln, 
sondern war gezwungen, in Calais zu landen und einen verlustreichen Marsch 
durch Frankreich zu machen ; so gingen denn auch bis 1374 fast alle englischen 
Besitzungen in Südfrankreich, außer Bordeaux und Bayonne, verloren. 

Seit 1374 baute nun Frankreich auf Anregung Jeans de Vienne 
sogar zum ersten Male selbst eigens für den Krieg bestimmte Schiffe und 
erhielt dadurch ein Übergewicht, das sich während der lässig und ergebnislos 
geführten Kriege Richards II. besonders im kleinen Kriege im Kanal zeigte, 
wo Franzosen und Spanier die bei weitem größeren Erfolge aufzuweisen haben. 
Sie beherrschen soweit die See, daß es den Engländern oft nicht mehr mög- 
lich ist, Verstärkungen nur über den Kanal zu werfen. Während der Friedens- 
zeit unter Heinrich IV. muß sogar die Verfügung erlassen werden, daß 
englische Schiffe nach Bordeaux nur in größeren Konvois segeln dürfen. 

Noch einmal endlich spielt die englische Flotte unter dem tatkräftigen 
Heinrich V. {1413 — 1422) eine Rolle. Er geht im August 1415 mit 



Englisch- Französische Kriege. 47 

1400 Fahrzeugen aller Größen nach Harfleur, belagert und nimmt es im 
September, wobei die gefechtsfähigen Schiffe durch Blockade und Aufrecht- 
erhai tung der Verbindung mit England mitwirken — am 25. Oktober wird 
die Schlacht von Agincourt geschlagen. Als die Fransosen 141 6 ihrerseits 
Harfleur belagern, wird ihre Blockade-Flotte vor dem Hafen durch die eng- 
lische vernichtet. 

Von besonderem Interesse ist eine Expedition Heinrichs V. 
i m J a h r e 1417. Eine Transportflotte von 230 Schiffen war in Southampton 
versammelt, aber vor dem Absegeln sendet der König erst ein Geschwader 
aus, um ein auf See befindliches feindliches zu suchen und zu schlagen. Die 
Schlacht fand am 25. Juli statt (Ort des Zusammentreffens und Stärke der 
Gegner ist unbekannt). Die Engländer siegten, und sofort nach Eintreffen der 
Nachricht geht die Transportflotte am 29. Juli in See und landet wohl- 
behalten in Frankreich. Heinrich zeigt hierbei volles Verständnis für die 
Wichtigkeit der Seeherrschaft und für die Schwierigkeit eines größeren Ein- 
falles in Feindesland, solange eine feindliche Flotte die See halten kann. 
Um sich nicht mit dem Transport einer Schlacht auszusetzen, in der dieser 
gefährdet und seine Streitkräfte behindert gewesen wären, läßt er sich vorher 
den Weg freimachen; Clowes bezeichnet (Tl. I, S. 380) diese Expedition als 
das erste derartige Unternehmen, das auf wissenschaftlichen Grundsätzen 
beruhe. Mit der neu errungenen Seeherrschaft stellten sich auch die Erfolge 
am Lande wieder ein. 

Nach des Königs frühem Tode 1422 trat völliger Verfall der Seemacht 
Englands ein, 1423 wurden sogar alle königlichen Schiffe bis auf zwei verkauft. 
Die englischen Besitzungen in Frankreich gingen bis 1456 mit Ausnahme 
von Calais sämtlich verloren. Die Bürgerkriege der beiden Rosen taten 
das übrige; England war ohnmächtig zur See, Einfälle von allen Seiten ge- 
langen. 1472 plünderte auch eine hanseatische Flotte die Küsten und erzwang 
den Städten weitgehende neue Vergünstigungen. Erst unter den Tudors 
sollte sich die englische Seemacht wieder heben. 

Kampf weise und Taktik. Die Kampfweise der Ruderschiffe im 
Mittelmeer war naturgemäß dieselbe wie im Altertum. Mit dem Motor 
an den Seiten, den Kämpfern und Wurfmaschinen hauptsächlich auf Bug und 
Heck, der Bug selbst durch Sporn oder langes Entergallion armiert — also 
die Seiten offensiv und defensiv schwach, die Schiffsenden stark — , lag die 
Kampfrichtung in der Kielrichtung. Da die Fahrzeuge nicht auf der Höhe der 
attischen Triere standen und auch sonst mit ihrer Armierung und starken 
Besatzung mehr den Schiffen des Altertums zur römischen Zeit entsprachen, 
so war ihre Kampfweise mehr dieser gleich: Eröffnungsgefecht mit Fern- 
waffen; Versuch, beim Anlauf die feindlichen Riemen zu zerbrechen, baldiges 
Entern, Verwendung des Rammstoßes, wenn die Gelegenheit günstig. Auch 
die Einführung der Artillerie, während des Mittelalters ja nur in geringem 
Maße, änderte nichts an der Kampfweise; die wenigen Geschütze waren 
gleichfalls im Bug und Heck aufgestellt. 



^8 I^^ Seewesen im Mittelalter. 

Eine Taktik für Schiffsverbände gab es nach Ansicht aller Schriftsteller 
noch nicht. Wir finden die vom Altertum überlieferten breiten Gefechts- 
iormationen — Dwarslinie, Sichel, Halbmond — formal angewendet mit dem 
Bestreben, möglichst bald ins Gefecht und zur Mel^e zu konmif n. Von Bei- 
spielen angewandter Taktik, wie sie das Altertum zeigt, eine vorzügliche 
Ausbildung der Schiffe zu benutzen, um an einer Stelle das Übergewicht 
zu erringen, oder im Gefecht eigene eigentümliche Waffen (z. B. besondere 
Schiffstypen) mit Vorteil zu verwenden, wird nirgends berichtet. Alte Er- 
iahrungen scheinen verloren zu sein, der Sinn für Taktik geschlummert zu 
haben. Vielleicht ist der Grund darin zu suchen, daß den jeweilig starken 
Seemächten, erst den oströmischen Flotten, später denen der italienischen 
Städte, keine ebenbürtigen Gegner gegenüberstanden, oder auch darin, daß 
sich die Kriegführung mehr auf Expeditionen über See als auf Schlagen 
auf See erstreckte. 

Im Norden standen Kampfweise und Taktik am niedrigsten; die Flotten 
des Mittelmeeres waren wenigstens stehende Marinen mit größerer Erfahrung 
<ier Führer und mit beweglicheren Schiffen. Noch lange brauchten die Schiffe 
des Nordens auch im Gefechte die Riemen, ohne aber den Galeren als Ruder- 
schiffe gleichzukommen ; die ersten Segelschiffe aber waren für eine 
entsprechende Kampfweise und Taktik noch zu unbeholfen und unhandlich. 
Ihre Kraft lag allein in ihrer Größe, ihrer Höhe — je höher, desto günstiger 
für den Enterkampf, offensiv wie defensiv — , ihrer starken Besatzung. 
Auch ihre Kampfrichtung lag in der Kielrichtung; man trachtete danach, 
so schnell wie möglich den Nahkampf mit Rammen, Indengrundsegeln und 
vor allem Entern herbeizuführen. 

Die Flottentaktik bestand auch nur darin, die Streitkräfte, in drei oder 

vier Geschwader geteilt, nach Möglichkeit geordnet an den Feind zu bringen; 

das vierte diente als Reserve und Verstärkung. Dann suchte sich jedes Schiff 

seinen Gegner, gebrauchte Enterdraggen und Enterhaken, und das blutige 

Handgemenge, bei dem kein Pardon gegeben wurde, begann. Es ist also 

derselbe Gefechtsverlauf wie bei den Ruderschiffen, ja bei den unhandlicheren 

Fahrzeugen wird von einer Verwendung der Schiffe selbst als Waffe noch 

mehr abgesehen, sie bilden eigentlich nur den Kampfplatz. 

De Jonge gibt (I, S. 17) nach dem Bericht eines Zeitgenossen über den Verlauf 
-einer Schlacht auf der Maas im Jahre 135 1 etwa folgende Schilderung: „Das 
Anstimmen des Kriegsgeschreis — bei den Holländern: Holland! Holland! — gab das 
Zeichen zum Beginn des Kampfes. Unter dem Kampfruf, dem Schmettern der Trom- 
l^eten und dem Schall der Posaunen gingen die Schiffe aufeinander los. Nach Abschießen 
<ier Wurf maschinen sucht jedes Schiff einen Gegner ; die Armbrüste und Bogen spielen, 
Draggen und Enterhaken werden geworfen und so der Feind festgehalten. Von diesem 
Augenblick an hörte sozusagen der Kampf auf ein Schiffskampf zu sein; nun mußte 
Zahl und Tapferkeit der Besatzung im Kampfe Mann gegen Mann entscheiden. Das 
Schwirren der Armbrüste, das Klirren der Schwerter, das Aneinanderschlagen der Schilde, 
das Brechen der Lanzen, das Krachen der geschleuderten Steine und das Kriegsgeschrei 
der Streitenden war schreckUch." — Da kein Pardon gegeben wurde, so war der Ver- 
lust in den Schlachten weit größer als in den späteren Zeiten. 



Kampfweise und Taktik. Ag 

Aber einige lehrreiche Ereignisse überliefert uns die 
Geschichte doch. Zunächst eins, das den wichtigsten Einfluß der Segel auf 
die Kampfweise zur See zeigt, nämlich den Vorteil des Gegners, der „zu 
Luward" steht — d. h. „über dem Winde", der den Wind zuerst empfängt. 
Dieser hat Beginn und Entfernung des Gefechtes in der Hand, ein Vorteil, 
der bald erkannt werden mußte. Daß ein Flottenführer auf das Gewinnen 
der Luvstellung vor dem Gefechte manövriert, wird uns zum ersten Male 
bei der Schlacht von Southforeland 1217 berichtet. In dieser 
ersten Schlacht, die England auf offener See ausfocht, steuerte Hubert de 
Bourgh so, daß die Franzosen glaubten, er wolle den Kampf vermeiden. 
Als er aber den Wind gewonnen hatte, hielt er ab und griff mit seinen Ruder- 
und Segelschiffen vor raumem Winde zunächst die feindliche Nachhut an, 
wobei mehrere feindliche Schiffe gerammt und übersegelt wurden. Er benutzte 
also die Luvstellung zur Verstärkung seines Stoßes und zur Wahl des Angriffs- 
punktes in der feindlichen Aufstellung. 

In der großen Schlacht bei Sluys 1340 ereignete sich ähnliches. 
Die französische Flotte, die in und vor dem Hafen gelegen hatte, lichtete bei 
Annäherung der Engländer Anker und ging in See. Sie war in vier Geschwader 
formiert, die einzelnen Schiffe der Geschwader waren miteinander durch 
Ketten und Kabel verbunden, um nicht durchbrochen zu werden — ein Be- 
weis, wie sehr die Schiffe als Kampf platz und nicht als Waffe angesehen wurden. 
Als Eduard III. auf das Gewinnen der Luvstellung manövrierte, nahmen 
<iie Franzosen auch hier wieder an, er wolle das Gefecht vermeiden, warfen 
die Ketten los und folgten. 

Eduard wirft sich nun von Luward aus auf die Vorhut des Feindes, die 
aus den stärksten Schiffen besteht, und vernichtet diese ; auch das zweite und 
dritte Geschwader, die anstatt einzugreifen entmutigt fliehen, werden einzeln 
geschlagen, nur das Geschwader der genuesischen Galeren entkommt. Be- 
merkenswert ist bei dieser Schlacht eine zweite taktische Maßnahme Eduards. 
Er hatte in seine erste Schlachtlinie die schwersten Schiffe gestellt, ab- 
wechselnd bemannt mit einer großen Zahl Bogenschützen und mit Schwer- 
bewaffneten; jene erschütterten den Feind durch ihr Feuer, diese schritten 
dann zum Entern. Die leichteren Schiffe mit Bogenschützen standen in einer 
zweiten Linie als Reserve und griffen ein , sobald der erste Anprall erfolgt war. End- 
lich sollen auch bei dieser Schlacht zum ersten Male im Norden Wurfgeschütze 
in großem Maßstabe verwendet sein, dagegen keine Ruderschiffe mit Sporn. 

Der Angriff von Luward in derselben Weise, d. h. zum Stoß, wird von 
jetzt an öfter erwähnt. Es fehlen aber alle Andeutungen, daß der Wind sonst 
zu taktischen Zwecken ausgenützt sei oder daß die aufkommende Artillerie 
Einfluß auf Kampfweise und Taktik gehabt habe. Wie gering die Bedeutung 
dieser noch im 15. Jahrh. war, ist schon früher (S. 42, Bemerkung über die 
Schlacht bei Harfleur) gekennzeichnet; Artillerie und Segelmanöver ge- 
wannen erst Einfluß, als die Geschütze in den Breitseiten aufgestellt waren 
und die Schiffe größere Segel- und Manövrierfähigkeit besaßen. 

Rittmeyer, Seekriege. 4 



50 ^a^ Seewesen im Mittelalter. 

Stärke, Zusammensetzung und Bemannung der Flotten. Es ist ver- 
schiedentlich hervorgehoben, daß es im Mittelalter stehende Flotten nur in den 
italienischen Städten und vielleicht in einzelnen anderen Staaten am Mittel- 
n^eer gab. 

Diese Städte, insbesondere Genua und Venedig, bedurften solcher, da 
ihre Interessen vorwiegend und andauernd auf der See lagen. Sie hielten 
ständig eine Flotte von Galeren im Dienst. Um 1472, die Zeit der höchsten 
Blüte, besaß Venedig einen festen Bestand von 45 Galeren mit 11 000 
Mann (daneben 3300 Kauffahrer mit 25 000 Matrosen), doch haben sowohl 
Venedig wie Genua zu großen Unternehmungen 100, ja bis zu 200 Galeren 
aufgestellt. Auch die wohl nur kleinen Flotten Aragoniens und Kastiliens 
im Mittelmeer setzten sich, was die wirklichen Kriegsschiffe anbetrifft, aus 
Galeren und einigen kleineren Schnellseglem zusammen. 

Bei den Völkern des Westens und Nordens kann vorläufig von stehenden 
Marinen nicht die Rede sein. Die Hansa, die einzige Macht mit großem 
Interesse auf See, gebot über keine feste einheitliche Marine, sie konnte selbst 
ihren Städten rechtlich nicht die Gestellung von Seestreitkräften auferlegen; 
freiwillige Bündnisse scharten die zum Kampf geeigneten Schiffe der einzelnen 
Gemeinwesen im Bedarfsfalle zusammen. In den anderen Staaten verfügte 
man über einzelne staatliche Schiffe für gewisse Zwecke — Hafenschutz, Zoll- 
und Polizeidienst — , kaum aber in erster Linie für den Krieg. Zunächst 
waren es meist Ruderschiffe, aber auch als sich später die Segelschiffahrt von 
1300 an mehr entwickelte, sind Kriegsschiffe nur in geringer Zahl vorhanden 
gewesen. 

So hören wir in England zwar frühzeitig von „Kings"- Schiffen, 
zuerst galleys, die indessen auch an Private vermietet wurden, selbst ,,the Kings 
great ship". Viele können es nicht gewesen sein, denn anderseits wurden 
wieder von den Städten Schiffe für den königlichen Dienst ausgehoben,, 
und nicht nur für den Kriegsdienst, sondern auch für den Transport von 
Passagieren und Gütern. Für den Kriegsdienst war man nahezu ganz auf 
die Einstellung von Kauffahrem angewiesen; selbst schon zum Küstenschutz 
und gegen Seeraub brauchte man ihre Unterstützung. In erster Linie lag 
ihre Gestellung bei den Cinque Ports, den wichtigsten Häfen : Dover, 
Sandwich, Hythe, Romney, Hastings (später traten noch andere hinzu), 
die seit Wilhelm dem Eroberer gegen Bewilligung verschiedener Vorrechte 
verpflichtet waren, eine bestimmte Anzahl von Schiffen zu stellen (einige 
fünfzig). Bei Mehrbedarf wurden noch andere Fahrzeuge geheuert oder man 
legte Beschlag auf alle in den Häfen befindlichen, selbst fremde. 

Die ungeheure Zahl von Fahrzeugen, aus denen die Flotten in den englisch-fran- 
zösischen Kriegen bisweilen bestanden, darf uns nicht verwundern. Wenn es sich um 
eine Expedition mit einer Armee über den Kanal oder um Abwehr eines solchen Einfalls 
handelte, wurden die Fahrzeuge bis zu 50 tons, ja selbst bis zu 20 tons hinunter, aus- 
gehoben. Handelte es sich um eine Flotte zum Schlagen, so finden wir weit kleinere 
Zahlen (z. B. Engländer bei Southforeland 12 17 und Kastilier bei La Rochelle 1372 
nur 40 Schiffe) ; zu solchem Zweck waren eben nur größere Schiffe zu gebrauchen. Gewal- 



starke und Zusammensetzung der Flotten. 5I 

tige Flotten größerer Schiffe, aber immerhin doch weit kleiner als die erwähnten 
Expeditionsflotten, treten erst im 17. Jahrh. auf, als die Schiffahrt und damit der 
Bestand größerer Kauffahrer ungemein zugenommen hatte. 

Wie gering die Zahl der königlichen Kriegsschiffe war, zeigt der kleine Bestand 
um 1421 (vergl. Clowesl., S.347), ^tls Heinrich V. großen Wert auf die Krieg- 
führung zur See legte, nämlich : 17 ships, darunter nur 6 von 400 — 1000 tons ; 
7 Karraks von 500 — 600, Schiffe südlichen Ursprungs, dem Feinde abge- 
nommen; 14 kleinere Fahrzeuge von 50 — 120 tons. Die 1416 vor Harfleur 
genommenen Karraks sollen als Muster beim Bau größerer Schiffe in England 
gedient haben. 1417 war nur etwa die Hälfte dieser Schiffe vorhanden ge- 
wesen und 1423 wurden nach Heinrichs Tode wieder alle bis auf zwei verkauft, 
so daß unter Heinrich VI. selbst die Aufrechterhaltung der Sicherheit an den 
Küsten und in den Küstengewässem kontraktlich an Private vergeben und 
dann wieder die Städte zu ihrer Unterstützung herangezogen werden mußten. 
Möglich, daß im 14. Jahrh. schon mehr Kriegsschiff e vorhanden gewesen waren, 
das Haus Lancaster hat im allgemeinen Seefahrt und Handel vernachlässigt. 
Erst unter den Yorks baute man wieder Kriegsschiffe, bis 1485 werden nach und 
nach II aufgeführt. Heinrich VII. übernahm (1485) 7 ,,große" Schiffe und baute 
selbst das erste epochemachende Schiff des Nordens „Regent" (vergl. S. 97). 

In Frankreich hört man bis 1374 gar nichts von königlichen Kriegs- 
schiffen. Das Land war ja auch häufig ganz oder doch fast ganz von den Küsten 
abgeschnitten, so daß selbst die Aufstellung von Flotten aus Kauffahrern 
schwierig und beschränkt war. Zur Verstärkung mußte man Schiffe in Holland 
und Flandern heuern, und eine Hauptkraft bildeten vielfach genuesische 
Kriegsgaleren, im 15. Jahrh. auch Karraks. 1374 begann der Admiral Jean 
de Vienne in Rouen die ersten Kriegsschiffe zu bauen und trat schon 1377 mit 
35 für damalige Zeit großen und wohl armierten auf. Diese erste königliche 
Marine hat jedoch keine Dauer gehabt, erst unter Richelieu wurde eine 
neue geschaffen. 

Auch Portugal und Kastilien scheinen keine nennenswerte 
Zahl von Segelkriegsschiffen besessen zu haben. Die Schiffe Prinz Heinrichs 
des Seefahrers trieben, wie wir sahen, bei ihren Entdeckungsreisen Handel; 
die von den Engländern 1350 geschlagene Flotte de la Gerdas befand sich 
„reich beladen" auf der Rückreise von Flandern; die vor La Rochelle 1372 
mit Erfolg tätige kastilische Flotte war (vergl. du Sein II, S. 450) mit fran- 
zösischer Besatzung bemannt. Alle diese Schiffe waren also wohl geheuerte 
Kauffahrer. 

Über die Bemannung der Schiffe im Mittelalter haben wir wenig 
genaue Angaben, einige sind bei der Besprechung der Schiffe angeführt. 
Wie es keine stehenden Marinen gab, so gab es auch kein Marinepersonal im 
Sinne der späteren Zeit. Die seemännische Führung und die Bedienung der 
Fahrzeuge lagen in der Hand des kleinen seemännischen Personals, das wohl 
meist mit den Schiffen geheuert oder ausgehoben wurde. Zum Kampf 
schifften sich Kriegsleute — Ritter, sonstige Schwerbewaffnete und Leicht- 

4* 



52 



Das Seewesen im Mittelalter. 



bewaffnete, besonders Bogenschützen — ein. Die Seeleute beteiligten sich 
wohl am Kampf, doch war es eben nicht ihre Hauptaufgabe. Nach Quellen 
aus verschiedenen Nationen dürften im Durchschnitt geführt haben: 
Schiffe von 120 tons: 25 Seeleute, gesamt 75 Mann 
„ 200 „ 50 „ „ 150 

„ 250 „ 60 „ „ 200 

M 300 „ 80 „ „ 250 

In den Seeleuten waren inbegriffen: Der Schiffer, ein oder zwei Steuerleute und 
Zimmerleute, Matrosen und Schiffsjungen; Kriegsleute waren etwa doppelt so viel vor- 
handen. Mit dem Größerwerden der Schiffe wuchs die Besatzung nicht in demselben 
Verhältnis wie in vorstehender Tabelle weiter; ein Schiff von 600 tons hatte am Ende 
der Periode nur etwa 300 Mann. Wir werden sehen, daß die Besatzung relativ immer 
geringer wird, daß dagegen die Zähl der Seeleute mit Zunahme der Armierung mit 
Geschützen, und wohl auch infolge der Entwicklung der Takelage, absolut und im 
Verhältnis zur Gesamtbesatzung wächst. 

Eingeschiffte Landungstruppen nahmen natürlich bei einem Zusammen- 
stoß auf See am Kampfe teil, aber auch sonst findet man öfters eine beträcht- 
liche Vermehrung der Kriegsleute an Bord, wenn eine Flotte zu einem Schlage 
auf See entsendet wird, wie z. B. auf der englischen, die 1416 zur Vernich- 
tung der französischen Blockadeflotte vor Harfleur in See ging. Die Sol- 
daten wurden wie zu den Landheeren ausgehoben oder geworben. Es ist 
anzunehmen, daß, da auch die Kauffahrer dieser Zeit zum eigenen Schutz 
meist mit Kriegern besetzt waren, sich unter den Soldaten der Schiffsbesatzung 
viele befanden, die gewerbsmäßig vorwiegend zur See dienten. 

Die Schiffe standen unter dem militärischen Kommandanten, dem 
Kapitän ; dem Schiffer fiel nur die seemännische Leitung zu. Den Befehl 
über mehrere Schiffe führten Admirale. Dieser Titel, aus dem Mittelmeer 
schon seit den Kreuzzügen übernommen und vom arabischen Amir oder 
Emir stammend, bezeichnet zunächst nur die Tätigkeit für bestimmte 
Gelegenheiten; auch Kauffahrteischiffe waren, wenn sie im Konvoi segelten, 

einem der Schiffsführer als Admiral unterstellt. 

In England standen die Küsten und der Küstenschutz unter einem Admiral des 
Nordens und einem des Westens (seit 1300 mit diesem Titel, die Einrichtung ist älter; 
vorher werden derartige Stellungen Captain of the kings saüors oder keeper of the sea 
coast genannt), die Grenze der Machtbefugnisse beider war die Themse. Sie mobilisierten 
die Flotte ihres Bereichs und führten sie ; doch wurden für besondere Zwecke auch andere 
Admirale bestellt, und zeitweise stand über ihnen ein Admiral von England. Seit 1406 
war ein solcher stets vorhanden und wurde später Lordhighadmiral benannt, ihm unter- 
standen das ganze Seewesen und alle sonst zeitweis bestellten Admirale ; die festen Küsten- 
admirale fielen weg. Auch in Frankreich finden wir stets einen Admiral von Frankreich 
und unter ihm solche für die verschiedenen Küstenbezirke. 

Die Admiralstellungen bekleideten wie die Feldhermstellungen der Landheere 
im Mittelalter im allgemeinen hochgestellte Edelleute. Es finden sich bei großen Flotten, 
entsprechend der Einteilung in Geschwader, schon die Funktionen der Vize- und Kontre- 
Admirale als Führer der Vorhut (rechter Flügel) und der Nachhut (linker Flügel); diese 
Stellungen wurden durch den Flottenchef mit den geeignetsten Kommandanten besetzt. Die 
Kommandanten der größeren Kriegsschiffe waren aber gleichfalls selten Seeleute von Beruf . 



Zweiter Abschnitt. 



Die Zeit von 1492— 1648. 



Kennzeichen des Abschnittes. 

Die großen Entdeckungen erschließen die Erde, Seefahrt und Seehandei 
treten in die Weltmeere. Die Völker Westeuropas werden die Träger der 
Schiffahrt ; wesentliche Vervollkommnung der Segelschiffe ; die Ruderschiffe 
verschwinden auch als Kriegsschiffe. Die Artillerie wird, auch als schwere 
in den Breitseiten aufgestellt, die Hauptwaffe der Schiffe. Der Seehandei 
auf den Weltmeeren und die fernen Kolonien werden Angriffsobjekte des 

Seekrieges. 



Erstes Kapitel. 
Einleitung. Die grofien Entdeckungen. Das Heraus- 
treten der Engländer und Holländer (Franzosen) 
in die Ozeane. Die Unsicherheit auf den Meeren. 



Einleitung. 

1 er Anfang der „Neueren Zeit" ist auch ein Wendepunkt von 
ichster Bedeutung für die Entwicklung des Seewesens. 
^ Mit dem Beginn der großen Entdeckungen gegen Ablauf des 
15. Jahrh. tritt die Seefahrt, die bis dahin in ihrer Allgemeinheit nur 
in „Küstenfahrt" und in „kleiner Fahrt" innerhalb begrenzter Gewässer be- 
standen hatte, ins offene Weltmeer hinaus. Die großen Entdeckungen gehen 
aus von den Völkern an der Westküste Europas, deren Staaten gerade um 
diese Zeit genügend in sich entwickelt und gefestigt sind; diese Völker werden 
nun die Hauptträger der Schiffahrt, die des Mittelalters, die Städte Italiens 
und der Hansa, verlieren an Bedeutung. Die Segelschiffahrt, die sich, 
solange es sich um Fahrten in den begrenzten Gewässern des Mittel- 
meeres, der Ost- und Nordsee oder um Küstenfahrten an den Ostgestadeii 
des Atlantik handelte, nur in geringem Maße im Vergleich zu ihrem Stand 
im Altertum eigentüch erst seit dem 13. Jahrh. entwickelt hatte, tritt im 
16. Jahrh, aus den Kinderschuhen. Das Hinausgehen auf den Ozean stellte 
andere Anforderungen an das Material und zeitigte eine schnelle Vervoll- 
kommnung des Schiffbaues und der Takelung; see- und segeltüchtigere 
Schiffe werden geschaffen und in der Nautik, Geographie, Kartographie und 
ähnlichen Hilfswissenschaften bedeutsame Fortschritte gemacht. 

Auf dem Ozean unbrauchbar, verschwinden mit der Vervollkommnung 
der S^elschiffe die Ruderkriegsschiffe bei den jetzt führenden Staaten all- 
mählich, nur im Mittelmeer bleiben sie neben Segelschiffen noch weiter im 
Gebrauch. Die Artillerie, die allerdings schon vom 14, Jahrh. an mehr und 
mehr an Bord verwendet wurde, wird Hauptwaffe und erhält infolge ihrer 



56 Die Zeit von 1492 bis 1648. 

Vermehrung und Freiwerdens der Schiffsseiten durch Wegfall der Riemen, 
eine andere Aufstellung: Die Breitseitaufstellung an Stelle der Bug- und 
Heckaufstellung auf den Ruder- und unvollkommneren Segelschiffen. Hier- 
durch ändert sich die ganze Kampfweise und Taktik zur See. 

Die Gründung von Kolonien und die Ausbreitung des Seehandels über 
die ganze Erde tragen zur schnellen Weiterentwicklung der dabei beteiligten 
Staaten bei, sie führen aber auch zu großen Kämpfen zwischen den Neben- 
buhlern. Diese Kriege werden in erster Linie, ja fast ausschließlich, zur See 
ausgefochten ; der Sieger erreicht das Ziel des Krieges — dem Feinde seinen 
Willen aufzuzwingen — durch die Folgen seiner Übermacht zur See, Momente, 
die wir in den älteren Zeiten, namentlich im Mittelalter, nur in beschränktem 
Maße vorfanden. Seekriege, Beschützung des Seehandels und der Kolonien 
rufen endlich große, wohlorganisierte Kriegsflotten ins Leben ; in ihnen findet 
die Weiterausbildung des Seewesens ihre Hauptpflege. 

Vom Beginn der neueren Zeit an spielt das Seewesen eine hervorragende 
Rolle in der Geschichte und hat sich von hier ab bis zur Gegenwart ununter- 
brochen weiterentwickelt, zunächst in der Segelschiffahrt und durch diese. 
In dem Zeitabschnitt von 1492 bis 1648 entstehen allmählich die poli- 
tischen Verhältnisse, die später zu den großen Seekriegen des 17. und 18. Jahrh. 
führten. An größeren kriegerischen Unternehmungen zur See ist er arm, 
da Angriffsobjekte und Waffen noch fehlen, ebenso wie das Verständnis 
für Anlage und Durchführung eines Seekrieges, das sich erst während der 
nächsten Periode ausbildet. Wir werden sehen, wie zunächst die Seefahrt 
in die Ozeane hinaustritt, welche Ergebnisse und Folgen dies hat und wie 
sich die Seestreitkräfte der beteiligten Völker vervollkommnen. Die kriege- 
rischen Ereignisse der ersten Hälfte sollen, weil weniger wichtig, nur kurz 
behandelt werden ; erst auf die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien 
von der „Armada" an muß näher eingegangen werden, weil sich in ihnen 
der Übergang zu einer neuen Kriegführung zeigt. 

Das Heraustreten der Seefahrt auf die Ozeane und 
die Zunahme der Seefahrt überhaupt läßt sich in drei Phasen zerlegen. 

In die erste fallen die großen Entdeckungen der Portugiesen und Spanier. 
Beide Nationen werden durch die Ausbeutung dieser, durch Handel oder 
Kolonialgründung, reich und zu ansehnlichen Seemächten; Spanien im be- 
sonderen gewinnt die Mittel, seine europäische Großmachtspolitik zu treiben. 
Aber auch Hollands und Englands Handel nimmt zu; diese Völker, zumal 
Holland, dehnen ihn auf Kosten der Hansa in der Nord- und Ostsee aus, 
doch fühlen sie sich im allgemeinen noch nicht stark genug, den beiden süd- 
lichen Nationen das beanspruchte Monopol in deren Gewässern streitig zu 
machen, und versuchen deshalb, auf eigenen Wegen Indien, d. h. reiche Länder 
in Asien, zu erreichen. Auch Frankreich beteiligt sich zeitweise an solchen 
Bestrebungen. 

In der zweiten Phase erscheinen aber auch diese Völker häufiger in den 
südlichen Gewässern, um ihren Anteil an Handel und Besitz dort zu nehmen ; 



Einleitung. • Stand der. Geographie um 1492. 57 

der heftige Widerstand, der ihnen überall entgegengesetzt wird, führt zu 
blutigen Zusammenstößen. Besonders die Engländer schlagen sich in West- 
indien mit den Spaniern (die Franzosen in Brasilien mit den Portugiesen) 
herum und greifen ihren Handel im Atlantik an, ohne daß erklärter Krieg 
herrscht. Die Holländer führen um diese Zeit zunächst ihren Unabhängig- 
keitskrieg an der eigenen Küste. Nachdem aber 1585 der offene Krieg zwischen 
Spanien und England ausgebrochen war — schon lange hatte er gedroht, 
da England unter Elisabeth überall in der äußeren Politik als protestantische 
Macht der katholischen Vormacht Spanien entgegentrat, so auch zugunsten 
der Niederlande — und nachdem in diesem Kriege die spanisch-portugiesische 
Seemacht — beide Länder seit 1580 vereinigt — durch die Vernichtung der 
Armada an Macht und Schrecken verloren hatte, wird das Übergreifen der 
Engländer in die feindlichen Gewässer planmäßiger und kräftiger betrieben, 
und auch die Holländer suchen ihre Unterdrücker auf dem Ozean auf. 

In der dritten Phase endlich, der ersten Hälfte des 17. Jahrb., führen 
in erster Linie die Holländer den offenen Krieg auf den Weltmeeren weiter, 
England tritt nach dem Frieden 1604 und dem Tode Elisabeths, der eifrigen 
Förderin des Seewesens, unter den Stuarts mehr zurück. Macht und Ansehen 
der südlichen Völker auf dem Meere sind aber schon gebrochen, so daß es den 
anderen Nationen gelingt, in den fernen Ländern jener festen Fuß zu fassen 
und den eigenen Welthandel auszudehnen. Holland legt in dieser Zeit Portugal 
in Ostindien sogar schon lahm, und England gründet seine Kolonien in Amerika. 

Die großen Entdeckungen« 

Gegen das Ende des 15. Jahrh. war die Geographie soweit vorgeschritten, 
daß der Wunsch, mit Indien — d. h. zunächst den Gewürzinseln, aber auch 
dem Festland Indiens, mit China und Japan — über See in Verbindung zu 
treten, wohl erfüllbar erschien. Karten und Globen (Behaim 1492) berühmter 
Gelehrter zeigten die Erde als eine Kugel, auf der die Alte Welt, roh der Wirk- 
lichkeit entsprechend, von einem großen Weltmeer umflutet dargestellt war. 
Da Nautik und Seemannschaft ebenfalls derartige Fortschritte gemacht 
hatten, daß der Seemann es wagen konnte, die Küsten zu verlassen und ins 
offene Meer zu steuern, mußten Pläne auftauchen, nun auch von der West- 
küste Europas quer über diesen Ozean hin nach West segelnd Indien zu 
erreichen und nicht nur wie die Portugiesen bisher, nach mittelalterlicher 
Weise in langer Küstenfahrt um Afrika herum, den Weg zu suchen. Diesem 
neuen Wege wendete man jetzt um so größere Aufmerksamkeit zu, als man 
die Ausdehnung der Alten Welt nach Osten hin weit größer als in WirkHchkeit 
annahm. Auf dem Globus von Behaim liegt Japan auf der Länge von Mexiko; 
man hätte denmach also von den Azoren und Kapverden dahin nur etwa 
60 Längengrade zu segeln gehabt ; alte, unter Seeleuten und Gelehrten laufende 
Gerüchte erzählten von gar nicht fem im Westen liegenden Inseln, so z. B. 
von einer großen Insel „Antilia", die auf genanntem Globus in etwa 60® W. 



58 I^ie großen Entdeckungen. Der Weg nach Südosten. 

Greenwich unter dem Wendekreis des Krebses eingezeichnet war. Es war auch 
wohl anzunehmen, daß Portugal, das auf dem betretenen Wege weiter ging 
und sich auf diesem alle Rechte durch päpstliche Bullen hatte sichern lassen, 
hier keine Mitbewerber dulden würde. 

Wieder haben die Italiener großen Einfluß auf den Aufschwung der 
Nautik und Seefahrt geübt. Italiener wurden als theoretische und praktische 
Lehrmeister herangezogen, als Portugal zur See ging, in anderen Staaten 
gleichfalls ; ein Italiener, der Gelehrte Toscanelli in Florenz, gab den 
Hauptanstoß zu der Westfahrt nach Indien. Er unterbreitete schon etwa 
um 1474 dem König von Portugal einen Plan dafür nebst einer Weltkarte, 
die auch wahrscheinlich Behaim bei seinem Globus vielfach benutzt hat; 
Plan und Karte übersandte er später dem Kolumbus auf seine Bitte. Dieser, 
wiederum ein Italiener, führte das kühne Unternehmen im Dienste Spaniens 
aus. Italiener wurden die Leiter der ersten Unternehmungen Englands 
und Frankreichs nach Nordwesten. Aber außer den Fahrten in den 
Ozean nach dem Kanal und nach den Kapverden im 14. Jahrh. haben die 
italienischen Seestädte selbst keine Rolle mehr bei dem Eröffnen der 
Meere gespielt, es Wieb dies den Völkern am Atlantik vorbehalten. Wie nun 
diese in einer verhältnismäßig kurzen Zeit durch kühne Seefahrten fast die 
ganze Erde erschlossen, den Welthandel schufen und sich in den fernen Ländern 
festsetzten, soll nur soweit geschildert werden, als nötig ist, um die großen see- 
männischen Leistungen, die erreichte Ausdehnung der Schiffahrt, die Macht 
der europäischen Staaten in fernen Ländern und Gewässern sowie die ersten 
Reibungen und Zusammenstöße dort kennen zu lernen.*) 

Da diese Unternehmungen überall zuerst nur von dem Gedanken, Indien 
zu finden, geleitet wurden, sollen sie an der Hand der Wege betrachtet 
werden, auf denen die verschiedenen Völker das Ziel zu erreichen strebten. 
Wenn nun auch der Zeit nach die Spanier auf dem Wege nach Westen zuerst 
und vor Fortsetzung der bisherigen portugiesischen Entdeckungen einen 
großen Erfolg durch die Auffindung Amerikas erzielten, so beginnen wir doch 
mit den Portugiesen, da wir ihren Weg nach Südosten schon bis zum Eintritt 
in den Indischen Ozean verfolgt haben und sie auch tatsächlich „Indien" 
als erste erreichten. Ihnen war also der Plan Toscanellis vorgelegt worden, und 
auch Kolumbus hat ihnen seine Dienste angeboten. Daß sie beides ablehnten, 
ist ihnen vorgeworfen worden; man muß aber bedenken, daß sie schon 
viel zur See erreicht hatten, aus ihrem Handel nüt Guinea bereits Vorteil 
zogen, daß ihr Weg ihnen begründete Aussicht auf Erfolg bot, und daß sie 
endlich schon zu sehr in Anspruch genommen waren, um sich auf weitere, vor- 
läufig noch unsichere und kostspielige Unternehmungen einlassen zu können. 

Der Weg der Portugiesen nach Südosten. Der Erfolg des Kolumbus 
spornte Portugal an, nach einer Pause von einigen Jahren die Entdeckungs- 
fahrten wieder aufzunehmen, jedoch der Tod des Königs J o a o II. verzögerte 



♦) Besonders benutzte Quellen: Oncken Teil IX; Zimmermann. 



Die Teilung der Welt. Vasco de Gama. gg 

sie noch einige Zeit. Dagegen war es diesem noch gelungen, eine vorläufige 
Einigung mit Spanien über die beiderseitigen Rechte auf die zu entdeckenden 
Länder — die Teilung der Welt zwischen Portugal und 
Spanien — herbeizuführen. Spanien hatte sich gleich nach der Rückkehr 
des Kolumbus von seiner ersten Reise 1493 vom Papste die gefundenen und 
noch zu findenden transatlantischen Gebiete zusprechen lassen. Da man aber 
allgemein die Entdeckungen des Kolumbus für „Indien" hielt, so verstieß 
dies gegen die Rechte Portugals nach den älteren Bullen (Seite 29), und Por- 
tugal ging deshalb sogar damit um, weitere Fahrten Spaniens durch seine 
Seestreitkräfte zu verhindern. Nach längeren Verhandlungen, in denen 
Portugal seine Forderungen mehr und mehr abschwächte, kam 1494 der 
Vertrag von Tordesillas zustande, wonach Spanien die Länder 
westlich von etwa 4814" W. Greenwich er- 
hielt; diese Grenzlinie überlieferte, wie sich 
später zeigen sollte, auf dernoch unbekannten 
Erdhälfte durchgeführt, den Portugiesen 
ganz Indien und den indischen Archipel, 
führte aber bei den noch lange unsicheren 
Längenbestimmungen zu manchen Ver- 
wicklungen. 

Im Jahre 1497, unter der Regierung 
Dom Manoels, gingen dann 3 Schiffe 
je von 100 — 120 tons mit 150 — 170 Mann 
Gesamtbesatzung, und ein Proviantschiff 
unter dem Kommando Vasco de Gamas 
aufs neue in See. Nach vier- oder gar 
sechsmonatiger, beschwerlicher Fahrt wurde 
im November das Kap der Guten Hoffnung 

passiert; das schon geleerte Pro\'iantschiff Vasco de Gama. 

hatte man an der Westküste Afrikas, wahr- 
scheinlich Inder St.Helenabay,wo man zu Breitenbestimmungen gelandet war, 
als seeuntüchtig verbrannt. Ende Januar 1498 erreichte man den Sambesi, wo ein 
längerer Aufenthalt zur Ausbesserung der Schiffe und Erholung der Mannschaft 
genommen wurde, am i.März Mozambique und Ende April Mombas. Vom Sambesi 
an war man in den Bereich des arabischen Handels getreten, in beiden Städten 
traf man auf arabische Niederlassungen und fühlte hier schon, daß die Araber 
einen Handelswettbewerb nicht ohne Kampf zulassen würden. Es kam auch 
zu Zusammenstößen, und der in Mozambique aufgenommene arabische Lotse 
versuchte mehrfach, die Schiffe auflaufen zu lassen. Erst in Melinde, einer 
damals reichen Stadt, fand Vasco de Gama freundliche Aufnahme. Er traf 
hier auch die ersten Schiffe aus Indien und erhielt genaue Nachrichten über 
dieses Land; von hier erreichte er nach Verlassen der Küste unter Führung 
eines zuverlässigen Lotsen nach einer Fahrt von 25 Tagen am 20. Mai K a 1 i - 
k u t , die wichtigste Handelsstadt Indiens. 



6o IWe großen Entdeckungen. Der Weg nach Südosten. 

Indien zerfiel damals in eine größere Zahl selbständiger mohammedanischer oder 
Hindu-Reiche. Eines davon war M a 1 a b a r , der Küstenstrich vom Südkap Vorder- 
indiens bis zum Mount Dellij auf 8^ N. Breite; es bestand aus verschiedenen kleineren 
Herrschaften unter Radschahs, über die der Samorin (Herr der See) von Kahkut 
die Oberhoheit besaß. Das Übergewicht dieser Stadt lag in ihrem Handel nach 
Ägypten und Persien. Ihn vermittelten in der Hauptsache arabische Kaufleute und 
Schiffer, doch auch Mauren aus Tunis und Algier sowie Juden des Mittelmeeres waren 
daran beteiligt. Im Mittelmeer aber standen sich Christen und Mohammedaner feindlich 
gegenüber, und die Verdrängung dieser von der Pyrenaischen Halbinsel hatte die ganze 
mohammedanische Welt bis nach Indien hin erregt. 

Da die Portugiesen hier in den Mohammedanern Erbfeinde vorfanden, 
war es begreiflich, daß diese überall ihr bisheriges Handelsmonopol gegen 
die christlichen Eindringlinge verteidigten. Die Fremdlinge wurden beim 
Samorin, der ihnen zuerst günstig gesinnt war und die Erlaubnis zum Handel 
gegeben hatte, und bei den Indem überhaupt als Seeräuber und Kundschafter 
für spätere Eroberungen verdächtigt. Die Lage der Portugiesen wurde hier- 
durch in Kalikut bald unhaltbar; nicht nur der Handel mußte wieder ab- 
gebrochen werden, sondern man ging auch gewalttätig gegen sie vor, und 
iVasco selbst wurde hier kurze Zeit gefangen gehalten. Man verließ deshalb 
den Hafen, besuchte noch die Stadt Kananor, deren Herrscher, auch 
ein Vasall des Samorin, die Fremden gut aufnahm, und rüstete dann auf 
den Anjediven-Inseln die Schiffe zur Rückreise aus. Auch hier wurde vom 
benachbarten Goa, dem Haupthafen des Reiches Bidschapur, ein durch Wach- 
samkeit jedoch glücklich vereitelter Überfall auf sie versucht. Im Dezember 
1498 wurde mit dem Einsetzen des NO.-Monsune die Rückreise über Mog- 
dischuh, Melinde, \Sansibar angetreten und im Hochsommer 1499 Lissabon 
erreicht. 

Der Jubel in Portugal war groß. Der Weg nach Indien war gefunden, 
und die mitgebrachten Waren versprachen reichen Handelsgewinn; man sah 
aber auch, daß der Handel wegen der Mohammedaner nur mit den Waffen 
in der Hand und mit Rüstungen für ernste Kriegsfälle betrieben werden 
könne. Dementsprechend wurden die nächsten Expeditionen ins Werk 
gesetzt.*) 

Schon am 9. März 1500 lief ein Geschwader von 13 Schiffen unter Pedro 
Alvarez Cabral aus. Nach Anweisung Vascos beabsichtigte Cabral, 
von der Guineaküste direkt südlich bis /zur Breite des Kaps zu steuern und 
dieses dann mit den Westwinden zu umsegeln. Durch den Aquatorialstrom 
und östliche Winde stark nach Westen versetzt, sichtete er im April unter 
14® S. Breite die Küste Brasiliens; er nahm das Land in Besitz und 
sandte ein Schiff mit der Meldung heim, worauf auch schon 1501 eine Expe- 
dition zur näheren Erforschung dahin abging. Auf dem Wege zum Kap 
kenterten in einem Sturme 4 Schiffe, 2 wurden versprengt, und nur mit 
6 Schiffen langte man Ende August in Kalikut an. Hier spielte sich derselbe 



*) Genaueres über diese Expeditionen, über Ausbreitung der portugiesischen 
Macht und die damit verbundenen Kämpfe in Zimmermann. Band i. 



Das Festsetzen der Portugiescfn im Osten. 6l 

Vorgang wie bei der ersten Fahrt ab; zuerst wurde man gut aufgenommen, 
dann aber führten die Umtriebe der Araber wieder zu Feindseligkeiten, die 
schließlich die Zerstörung von 13 großen arabischen Schiffen, das Bombardement 
der Stadt und den Abbruch aller Verhandlungen zur Folge hatten. Aber 
verschiedene Fürsten der Malabarküste, Vasallen vom Samorin und eifer- 
süchtig auf ihren Oberherm, erlaubten nun gerade den Handel in ihren Städten, 
ja sogar die Anlage von Faktoreien, so in Kananor und C o c h i n. Mit 
reichen Gewürzladungen trafen die Schiffe am 31. Juli 1501 in der Heimat 
ein, so daß die Reise trotz der großen Verluste — auf der Rückreise blieb 
noch ein Schiff — ungeheuren Gewinn abwarf. Einem kleinen, auch im 
ganzen erfolgreichen Geschwader von 4 Schiffen, das bereits im März 1501 
abgegangen war und auf seiner Fahrt Ascension und die wichtige Trink- 
wasserstation St. Helena entdeckt hatte, folgte nun im Frühjahr 1502 eine 
mächtige Flotte von 20 wirklichen Kriegsschiffen mit 800 Soldaten unter 
Vascode Gama, um in Indien dauernd festen Fuß zu fassen. Auf der 
Hinreise wurden Faktoreien an der Ostküste Afrikas inSofala,Mozam- 
b i q u e und K i 1 w a gegründet, in Indien wurden die erlittenen Schädigungen 
an Kalikut und Goa gerächt, die portugiesische Stellung in Kananor und 
Cochin gestärkt, der arabische Handel nach Möglichkeit geschädigt und bei 
der Rückkehr 1503 zu diesem Zwecke und zum Schutz der Faktoreien zum 
ersten Male eine Flottenabteilung als ständige Macht in den indischen Ge- 
wässern zurückgelassen. Die Unternehmungen der nächsten Jahre brachten 
die Erbauung von steinernen Forts in den genannten Städten Ostafrikas, die 
Besetzung der Insel Socotora (jetzt Sokotra) am Eingang des Roten 
Meeres, Festungsbauten auch in Kananor, Cochin, KoUum, deren Radschahs 
sich von Kalikut losgesagt und sich zu Vasallen Portugals erklärt hatten, 
sowie die Inbesitznahme der Anjediven-Inseln, die einen be- 
sonders günstigen Platz als Treff- und Sammelpunkt der Schiffe büdeten; 
damit waren auch Stützpunkte für den Handel und die weitere Ausdehnung 
der Macht geschaffen, und in derselben Weise schritt man nun durch Anlage 
neuer Stützpunkte über Malabar hinaus nach Norden und nach Osten in den 
indischen Archipel hinein fort. 

Eine Gründung eigentlicher Kolonien, d. h. die Inbesitznahme weiter 
Ländereien, ist fast nirgend erfolgt, es blieb nur das Bestreben maßgebend, 
den Gewürzhandel ganz in die Hand zu bekommen. Dazu war es vorteilhaft, 
mit den einheimischen Fürsten nach Möglichkeit in Frieden zu leben, aber 
notwendig, die Araber zu verdrängen. Diejenigen indischen Herrscher, die 
die Errichtung von Forts in ihren Städten zuließen oder sich doch den An- 
ordnungen Portugals fügten und die Anlage von Faktoreien erlaubten, traten 
in das Verhältnis der Bundesgenossenschaft, die anderen waren beständigen 
Belästigungen und Angriffen ausgesetzt. In den von Portugal beherrschten 
Häfen wurden Handelsvorschriften erlassen, Maße, Gewichte und Preise 
für die Waren festgesetzt und die Araber vom Geschäft ausgeschlossen. 
Man hob den Handel dieser Plätze dadurch, daß man ihre Schiffahrt schützte. 



62 I^ie großen Entdeckungen. Der Weg nach Südosten. 

die Schiffe aller indischen Städte zuließ, ja sie sogar, wenn sie auch für 
andere Häfen bestimmt waren, zum Anlaufen zwang, während man den 
Handel der Orte, die • sich widerspenstig zeigten und wo die Araber noch 
Zutritt hatten, schädigte. 

Der ausgedehnte Sicherheitsdienst zum Schutz des eigenen Handels 
und des der begünstigten Städte in den indischen Gewässern, die Vernichtung 
des arabischen Handels und die Unternehmungen zur Gründung neuer Stütz- 
punkte zur Erweiterung und Erhaltung der Macht erforderten ständige See- 
streitkräfte; die Besetzung der Forts und die Kämpfe am Lande machten 
die Einrichtung von Garnisonen und die Aufspeicherung von Kriegsmaterial 
notwendig. Die Mittel zu allem diesem zu liefern, war die Aufgabe der Flotten, 
die mit immer größeren Schiffen nun ununterbrochen nach Indien ausliefen 
und die Waren des Ostens heimbrachten. 

Verhältnismäßig schnell, in etwa 40 Jahren, aber in ununterbrochenen 
Kämpfen mit bedeutenden Streitmitteln auf beiden Seiten, erweiterte sich 
die portugiesische Macht bis zur höchsten Blüte. Flotten von 30 — 40 Kriegs- 
schiffen wurden zur Eroberung großer Städte, wie z. B. Goas, Malakkas, 
zusammengezogen; gegen das Reich Kambaya, nördlich vom Reiche Bid- 
schapur, wurde im Jahre 1529 eine Expedition von 400 Fahrzeugen aufgeboten. 
Einheimische Fürsten stellten ähnliche Flotten und Heere bis zu 40 000 Mann, 
einmal sogar 90 000, zur Vertreibung der Portugiesen auf. Außer den Ein- 
geborenen zeigte sich auch ein anderer mächtiger Feind, die Ägypter. 
Nach der Festsetzung der Portugiesen in Malabar konnten die arabischen 
und persischen Händler die Gewürze nur auf dem viel weiteren Wege aus 
Malakka und Sumatra beziehen, jedoch auch am Eingang zu diesen Gewässern, 
vor den Malediven und Ceylon, erschienen schon 1505 die Eindring- 
linge; den Eingang zum Roten Meere hatten sie besetzt und 1507 den 
ersten Versuch gemacht, sich der Stadt O r m u z am Eingang des persischen 
Golfes zu bemächtigen. Da wandten sich die Herrscher von Kahkut, Kam- 
baya, Ormuz und Aden um Beistand an Ägypten und fanden hier, unterstützt 
durch die Genueser und Venetianer, volles Entgegenkommen, denn Ägypten, 
Venedig und Genua litten gleichfalls unter dem Abschneiden des alten Ver- 
kehrsweges mit Indien. Der Sultan Ägyptens führte infolgedessen beim Papst 
Klage über „Verfolgung des Mohammedanismus durch die Portugiesen" unter 
Androhung^ von Gewaltmaßregeln in Palästina. Der Papst schickte den Brief 
nach Lissabon, aber Portugal antwortete, es sei Ägypten lediglich um seinen 
Handel zu tun, und im übrigen sei es nur Christenpflicht, den Ungläubigen 
alle früheren Greueltaten zu vergelten. Da sandte 1508 Ägypten eine Flotte 
von 12 Schiffen nach Indien; sie wurde jedoch, trotz Vereinigung mit der 
Flotte vom Kambaya und nach einem ersten Erfolge einer schwächeren 
portugiesischen gegenüber, im Februar 1509 bei Diu durch 19 portugiesische 
Schiffe vollständig vernichtet. Auch spätere Unterstützungen von ägyptischer 
Seite in den Jahren 1510 und 1515^ (27 Schiffe) und 1538 eine Expedition 
— nunmehr türkische, da die Türken inzwischen Ägypten unterworfen hatten — 



Ausdehnung der Macht Portugals bis T540. 63 

von 70 Segeln mit 7000 Mann konnten die Fortschritte Portugals nicht 
aufhalten. Zwar blieben Rückschläge infolge von Empörungen und mißglückte 
Unternehmungen nicht aus : in Malabar selbst mußte bis 1540 immer wieder 
mit dem Samorin gekämpft werden ; manche Niederlassungen in Vorder- wie 
Hinterindien und im Archipel gingen zeitweise wieder verloren; die endgültige 
Festsetzung im Reiche Kambaya erforderte andauernde Kämpfe, bis si^ schließ- 
lich auf friedlichem Wege durch Unterstützung des Landes gegen das sich im 
Norden ausbreitende Reich der Mongolen (des Großmoguls in Delhi), gelang — 
um das Jahr 1540 konnte sich Portugal aber doch als Herr des Handels im 
Indischen Ozean ansehen. 

Seit 1505 waren Vizekönige von Indien bestellt; von ihnen haben am 
meisten zur Gründung der Macht beigetragen: Alm ei da 1505 — 1509> 
A 1 f o n s o d'A Ibuquerque („der Große" genannt) 150g — 1515 und 
NuriodaCunha 1529 — 1539. Bei dem Tode des letztgenannten lag der 
Mittelpunkt der portugiesischen Macht im Osten auf der 
Westküste Vorderindiens, wo starke Festungen in Kananor (1504), Cochin 
(1504), Kalikut (1514), Goa (1511), Bassein und Diu (1534) erbaut waren 
imd alle Küstenstaaten die Oberherrschaft anerkannt hatten. 

Bassein mit der Insel Salsette und Goa waren sogar abgetretener Landbesitz. 
Goa war eine nach allen Regeln der Kunst befestigte Stadt mit Magazinen und Werften 
und die Hauptstation der Seestreitkräfte für den Spezialdienst in den indischen Ge- 
wässern. Man hielt zu diesem Zweck eine beträchtliche Kriegsflotte, schon 1 5 1 5 war sie 
50 Segel stark von teilweise für die damaligen Zeiten großen Schiffe; englische und 
holländische Quellen sagen wenigstens, als ihre indischen Kompagnien dort im Anfange 
des 17. Jahrh. mit Schiffen von 500 — 800 tons aufgetreten seien, hätten die Portugiesen 
weit größere gehabt. Es ist allerdings dabei zu bemerken, daß die portugie- 
sisch-spanischen Kriegsschiffe an Gefechtskraft den englischen und holländischen, auch 
den Schiffen der großen Kompagnien, dem Größenverhältnis entsprechend nicht 
gleichwertig waren, wie wir auch später sehen werden. Außerdem besaßen die Portu- 
giesen eine große Zahl großer, offener Ruderschaluppen, Fregatten genannt, mit starker 
Bemannung von Eingeborenen; wenn auch ohne Geschütze, konnten diese Fahrzeuge 
bei Windstille dem Feinde sehr gefährhch werden. 

Der Indische Ozean wurde im Westen beherrscht durch den Besitz von 
Ormuz (1516 erobert), durch die Stützpunkte in Kilwa, Mozambique, Sofala 
(1504) und auf der Insel Sokotora (1506) ; auch der Emir von Aden hatte (1530) 
die Oberherrschaft anerkannt. Im Osten und im indischen Archipel stützte 
sich die Macht Portugals auf den Besitz von Malakka (1511 erobert), 
von festen Plätzen auf Ceylon (z. B. Kolombo 1513), Sumatra, Java und auf 
den eigentlichen Gewürzinseln, den Sundainseln und Molukken (erste Nieder- 
lassung auf Ternate 1522). 

DieMolukken waren von den Portugiesen 1 5 13 zuerst erreicht worden, aber bald 
darauf {1521) auch von den Spaniern durch Magalhaes' Expedition. Beide Nationen 
betrachteten sie als in ihrem Machtbereich Hegend und versuchten, sich festzusetzen, 
bis durch Vertrag von 1529 die Inseln gegen eine Abschlagssumme an Portugal fielen 
(vergl. Seite 77). 

Den damaligen Machtbereich Portugals zeigen ferner seine Faktoreien an 

der Westküste Afrikas, an den Küsten Guineas, der Goldküste, Benins, Kongos, 



64 ^ic großen Entdeckungen. Der Weg nach Südosten. 

Anguelas und Benguelas — das Kapland war nicht besiedelt — , und auch 
Brasilien war vom Amazonenstrom bis zum La Plata in Besitz genommen. 

Auch Slam, China und Japan besuchten die Portugiesen. Mit Chinesen war man in 
Malakka zusammengetroffen, China selbst wurde 15 15 zuerst erreicht, doch hatten die 
Versuche, einen regeren Verkehr mit China und Japan anzuknüpfen, keinen Bestand, 
weil diese Lander ihnen immer wieder verschlossen wurden ; nur in Makao hielt sich eine 
Niederlassung. Auch die durch Zufall herbeigeführte Entdeckung Neu-Guineas, das 
man für die Nordküste eines großen Südpolkontinents hielt, hatte für den Handel keine 
weiteren Folgen. 

Auf dem Südostwege waren also die Küsten und Gewässer Afrikas und Asiens bis 
nach China hin bekannt geworden; die Spanier hatten schon auf dem Südwestwege 
die Philippinen erreicht sowie einen Teil der Südseeinseln entdeckt, und der Schleier 
des fernsten Ostens war gelüftet. Von diesem, von China und Japan bis zu den Kurilen 
hinauf und von AustraUen der Welt nähere Kenntnis zu geben, blieb den Holländern im 
17. Jahrh. beschieden. 

Die Blüte der Macht Portugals in Indien war von keiner 
langen Dauer, schon von der Mitte des 16. Jahrh. an kann man den Rück- 
gang erkennen. 

Seine Ursachen sind zurückzuführen auf die Mißwirtschaft in der Verwaltung 
infolge zu häufigen Wechsels der Vizekönige und der Beamten, auf die Besetzung dieser 
Stellen mit unfähigen und unredhchen Günstlingen; ferner auf eine falsche, engherzige 
HandelspoUtik, die nur auf Ausbeutung der Kolonien im Interesse der Regierung — und 
der Beamten! — bedacht war. Einfuhr upd Ausfuhr hatte die Regierung zu ihrem 
Monopol gemacht und betrieb sie nur mit verhältnismäßig wenigen großen Schiffen, 
auch der Handel der Eingeborenen war stark eingeschränkt, was neben anderen Über- 
griffen ihren Haß erregen mußte. Mit der inneren Schwächung der Verwaltung nahmen 
deshalb auch die Empörungen, die Versuche zur Vertreibung der Bedrücker, zu. Schon 
in den Jahren 1570/71 stellte ein Aufstand in fast allen Besitzungen die ganze Herrschaft 
in Frage und wurde nur mühsam niedergeworfen. Im Norden wurde das Reich des 
Großmoguls immer mächtiger, die Türken entsandten wieder Flotten nach Indien und 
drangen gegen die Besitzungen in Ostafrika vor ; ein Seeräuberunwesen nahm überhand. 
Auch das Glück verUeß die Portugiesen; in den Jahren 1579 — 1591 gingen 22 Schiffe 
von bis dahin unerhörter Größe auf den Fahrten nach Indien unter. Alle diese Mißstände, 
verbunden mit kostspieUgen Kriegen in der Heimat gegen Marokko, erschöpften das 
kleine Mutterland. 

Von 1580 an war Portugal mit Spanien vereinigt; wenn ihm nun auch 
die Verwaltung seiner Kolonien und selbst das Handelsmonopol mit diesen 
belassen wurde, so mußte es doch die Folgen der spanischen Politik mit tragen. 
Es erschienen die Engländer und Holländer in seinen Gewässern, anfangs 
als Freibeuter, später, im Anfang des 17. Jahrh., mit ihren großen indischen 
Kompagnien als Nebenbuhler im Handel und als Eroberer. Nun hatten sich 
die Portugiesen auch dieser zu erwehren, und dies ging vollends über ihre 
Kräfte. Der Geldmangel wurde immer größer, Schiffe und Festungen konnten 
nicht mehr im Stande gehalten werden, oft fehlten selbst die Mittel, Waren 
aufzukaufen. Von 1640 vermochte der Vizekönig wegen Mangels an Geld und 
Schiffen keine Frachtenflotte mehr nach Hause zu senden, und am Ende 
unseres Zeitabschnittes hatten die genannten Nationen den Handel der 
Portugiesen in Indien völlig lahmgelegt, von den Holländern war ihnen sogar 



Rückgang der Macht Portugals. Kolumbus. 65 

schon ein großer Teil der Besitzungen abgenommen (vgl. Seite 82 und 
Seite 86). 

Der Weg der Spanier nach Westen. Während man in Portugal seit der 
Zeit Prinz Heinrichs des Seefahrers schon planmäßig mit Erweiterung des 
Handels und der Schiffahrt, mit dem Suchen nach fernen Ländern vorge- 
gangen war, wo man Gold, Edelsteine und kostbare Gewürze zu finden hoffte, 
dachte man in Spanien zu Ende des 15. Jahrh. noch nicht an große über- 
seeische Unternehmungen. Das Land war schwach bevölkert, Industrie und 
Handel waren wenig vorhanden, und 
der Ackerbau deckte kaum den eigenen 
Bedarf. Es ist wohl unbedingt dem 
Auftreten und Drängen des Ko- 
lumbus zuzuschreiben , daß 
Ferdinand und Isabella sich 
unter diesen Umständen plötzlich und 
frühzeitig auf ein so weit aussehendes 
Unternehmen, den Seeweg nach Indien 
auf dem Westwege zu suchen, ein- 
gelassen haben, in der Hoffnung, 
dieselben Vorteile über See einzu- 
heimsen wie Portugal. 

Die Überlieferung erzählt, daß Kolum- 
bus, ein tüchtiger und befahrener Seemann, 
mit besonderer Vorliebe allen Sagen und 
Gerüchten über im Westen liegende Inseln 
gelauscht, mit Eifer die geographischen 
Werke seiner Zeit studiert habe und den 
Fortschritten der Portugiesen mit Auf- 
merksamkeit gefolgt sei. Toscanellis Plan*) 
scheint ihn zuletzt, vor allem von einer 
verhältnismäßig leichten Ausfuhrung seines 
Vorhabens, überzeugt zu haben. Von ver- 
schiedenen Staaten, wahrscheinlich von 
Genua, Venedig, England, Frankreich, 
sicher von Portugal abgewiesen, gelang 

es ihm, aber erst nach längerer Zeit, die Herrscher Spaniens für sich zu gewinnen; 
die hohen Forderungen, die er für seine Person im Falle des Gelingens stellte, haben 
ihm wohl überall geschadet. 

Im Jahre 1492 erhielt Kolumbus 3 kleine Karavellen von je 120 — 130 tons 
mit ingesamt 120 Mann Besatzung und ging am 3. August von Palos aus in 
See. Zunächst steuerte er die Kanaren an, um dann auf der Breite dieser 
Inseln über die sagenhafte Insel Antilia und über Cipangu (Japan) Indien zu 
erreichen. Bei den Kanaren mußte man wegen Ruderausbesserung des einen 
Fahrzeuges vier Wochen liegen und konnte erst am 6. September, nun aber 

*) Näheres über diesen Plan, teils wörtUch, in Oncken Bd. IX. 

Ritimcr". Sulifleie. 5 



66 I^ie großen Entdeckungen. Der Weg nach Westen. 

bald im günstigen Nordost-Passat, die Reise fortsetzen. Vom 9. September an 
gab der Admiral in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal die an einem 
Tage abgelaufene Meilenzahl um ein Viertel geringer an, als er sie in der Tat 
schätzte, um die Besatzungen nicht durch die Größe der Entfernung von 
Europa zu erschrecken. Schon vom 16. September an, als die Schiffe ins 
Sargassomeer eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes 
zu bemerken, wie im Journal verzeichnet ist: dunkler Horizont, ohne Wind 
eintretender Nebel, selbst die schwimmenden Tangmassen wurden als An- 
zeichen dafür gehalten ; man glaubte sogar einmal, Antilia gesehen zu haben, 
und hielt einen Tag daraufhin ab. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je 
länger die Fahrt dauerte, die Mannschaft um so lauter ihre Besorgnisse 
äußerte; gerade der günstige Wind ließ eine Rückkehr schwierig, wo nicht 
unmöglich, erscheinen. Es mögen auch Drohungen laut geworden sein, 
aber die Erzählung von dem Vertrage des Admirals mit der Mannschaft, nach 
drei Tagen umzukehren, falls das gesuchte Land nicht gesichtet sei, ist doch 
wohl später erfunden. Durch den Zug zahlreicher Vögel bewogen, steuerte 
er vom 7. Oktober an südwestlich, weil er wußte, daß die Portugiesen diesem 
Umstände häufig die Entdeckung von Inseln verdankt hatten. Am 9. Oktober 
glaubte man den Duft von Blütenbäumen in der Luft zu spüren, am 11. 
fischte man einen frischgrünen Zweig, einen weiteren mit Beeren und einen 
mit Feuer bearbeiteten Stab auf; am Abend desselben Tages sah man einen Licht- 
schein und einige Stunden später, am 12. Oktober 2 Uhr morgens, im Mond- 
schein einen flachen sandigen Strand, dem man sich schon bis auf 2 Seemeilen 
genähert hatte. Es war eine der Bahama-Inseln, von den Eingeborenen 
Guanahani genannt, von Kolumbus S. Salvador getauft, wahrscheinlich 
das jetzige Watlings-Island. Die Insel bot nichts, aber aus den Gebärden 
der harmlosen E nwohner, von denen man kärgliche Goldschmuckstücke 
erhandelte, schloß Kolumbus auf die Nachbarschaft größerer goldreicher 
Inseln im Südwesten. So fuhr er am 14. weiter und fand verschiedene andere 
Eilande mit üppiger Vegetation; jedoch nirgends zeigten sich Spuren der 
erwarteten indischen Kultur, auch nicht, als er am 28. Oktober Cuba imd am 
4. Dezember Haiti erreichte. Aber immer noch waren Kolumbus und auch 
seine Kapitäne der Ansicht, in den indischen Gewässern zu sein ; verschiedene 
falsch gedeutete Namen bestärkten diese Annahme. An der Küste von Haiti, 
von Kolumbus Hispaniola getauft, lief das Flaggschiff am 24. Dezember 
auf und mußte verlassen werden, jedoch wurden Mannschaft und Ladung 
an Land geborgen. Da man auf dieser Insel größere Mengen Gold bei den 
Indianern fand, die Bewohner sehr gutmütig erschienen und der Boden des 
Küstenlandes üppige Fruchtbarkeit zeigte, beschloß der Admiral, hier eine Nie- 
derlassung zu gründen, zumal da er nicht alle Leute an Bord seines letzten 
Schiffes nehmen konnte. Das dritte Fahrzeug hatte sich nämlich einige Zeit 
zuvor heimlich entfernt, um auf eigene Hand das Goldland zu suchen, doch 
wurde es am dritten Tage der Rückreise wieder angetroffen ; auch dieses hatte 
viel Gold auf Haiti eingetauscht. 



Die Reisen des Kolumbus. Spanische Kolonisierungsweise. -ßj 

Es wurde eine kleine Befestigung, Navidad genannt, erbaut und mit 
40 Freiwilligen besetzt. Kolumbus selbst trat am 4. Januar 1493 die Rück- 
reise nach Europa an, auf der er noch bis zum 16. längs der Küste Haitis 
weitere Forschungen anstellte. Nach einem mehrtägigen schweren Sturme dicht 
vor den Azoren wurde am 18. Februar Santa Maria erreicht, wo der portugiesische 
Gouverneur an Land gesandte Leute verhaften ließ und erst nach einigen 
Tagen freigab; am 4. März zwang ein neuer Sturm, Lissabon anzulaufen, 
und am 15. März ankerte man im Ausgangshafen Palos. Kolumbus begab 
sich zum Hof lager in Barcelona ; seine Reise durch Spanien glich einem Triumph- 
zuge. Nach seinen glänzenden Schilderungen der Neuen Welt blieb man 
überall mit ihm überzeugt, daß der Weg nach Indien gefunden sei, wenn 
auch die mitgebrachten Gegenstände — nur zweifelhafte Gewürze und auch 
nicht allzuviel Gold — noch nicht den gehegten Erwartungen entsprachen und 
auch die gesuchten Kulturländer noch nicht angetroffen waren. Während 
noch die Verhandlungen (Seite 59) mit Portugal über die ,, Teilung der Welt" 
schwebten, wurde sofort eine neue Expedition ausgerüstet, um auf dem 
betretenen Wege schleunigst Fortschritte zu machen und die entdeckten 
Länder in Besitz zu nehmen.*) 

Es sei hier gleich auf einen großen Unterschied zwischen dem Vorgehen 
Spaniens und Portugals hingewiesen. Während Portugal eigentlich nur 
Stützpunkte für den Handel und die Beherrschung des Meeres schuf, gründete 
Spanien wirkliche Kolonien. Die spanische Rasse nahm die entdeckten und 
mit Waffengewalt eroberten Länder völlig in Besitz und in Kultur; sie wurde 
dort zur Hauptbevölkerung, indem sie die Eingeborenen entweder durch Kriege 
und schlechte Behandlung vernichtete oder sich zum Teil mit ihnen ver- 
mischte; sind doch aus den ehemaligen spanischen Kolonien die jetzigen süd- 
und mittelamerikanischen Staaten mit spanischer Bevölkerung hervorgegangen. 

Schon die zweite Expedition des Kolumbus, die im Herbst 1493 Spanien 
verließ, führte auf 14 Karavellen und 3 großen Lastschiffen außer den Matrosen 
und Soldaten 1500 Auswanderer — Ackerbauer mit Sämereien, Weinreben, 
Zuchtvieh — mit sich. Auf Haiti, wo die zurückgelassenen Kolonisten der 
ersten Reise infolge ihrer Ausschreitungen gegen die Eingeborenen ermordet 
waren, wurde aufs neue fester Fuß gefaßt, indem man eine größere Niederlassung, 
Isabella, gründete. Als sich der Ort später gesundheitlich ungeeignet erwies, 
verlegte man den Sitz der Regierung nach St. Domingo. Die Insel Haiti 
wurde nun gewaltsam in Besitz genommen und hier zuerst eine Kolonie, 
die eigene Einkünfte brachte, geschaffen. 

Ein jeder Eingeborene Haitis wurde verpflichtet, vierteljährlich eine gewisse 
Menge Goldstaub (in den Minenbezirken) oder Baumwolle (in den anderen Bezirken) 
abzuliefern; Saumselige oder Empörer wurden zur Zwangsarbeit auf den von Spaniern 
in Besitz genommenen Landereien verurteilt oder als Sklaven nach Spanien gesandt. — 
System der Kepartimientos. — Als bei dem Wachsen der spanischen Einwanderung 



♦) Genaueres über die weiteren Expeditionen, die Gründung und Entwicklung 
der spanischen Kolonien in Zimmermann, Band i. 



68 I^ie großen Entdeckungen. Der Weg nach Westen. 

und der Urbarmachung des Landes Arbeitskräfte mangelten, wurde einfach ein Teil 
der Indianer als Sklaven an die weißen Besitzer verteilt — System der Encomiendas — , 
obgleich von Spanien aus der Befehl gegeben war, die Eingeborenen als Freie zu behandeln, 
sie zur Arbeit nur durch ihre Kaziken anhalten zu lassen und sie zu löhnen. Ähnlich 
ist später bei der Inbesitznahme der anderen Inseln und der Länder des Festlandes 
verfahren worden. Mit unerbitthcher Härte wurden die beiden Systeme nebeneinander 
durchgeführt, wenn auch weiterhin die Regierung im Mutterlande häufig auf den Rat 
und die Vorstellung einsichtiger und menschlich fühlender Männer Gesetze und Be- 
stimmungen erüeß, um das Los der Indianer zu mildern. Diese Härte und die Grausam- 
keit, mit der Empörungen niedergeschlagen wurden, haben die Abnahme der eingeborenen 
Bevölkerung, auf den westindischen Inseln sogar ihre völUge Vernichtung, zur Folge 
gehabt. Der Mangel an Arbeitern veranlaßte dann die Einführung von Negersklaven, 
schon von 1501 an für die Goldwäschereien auf Haiti, die bekanntlich später nach allen 
Kolonien in großem Maßstabe betrieben wurde. 

Kolumbus kehrte im Herbst 1496 von seiner zweiten Reise, auf der er noch 
Cuba genauer erforscht und Guadeloupe, Puerto Rico,. Jamaica gefunden 
hatte, nach Spanien zurück. Für kurze Zeit erlahmte hier das Interesse an 
der Sache, da ein Teil der Auswanderer unbefriedigt mit ihm zurückgekommen 
war. Sie hatten sich in ihrer Erwartung, schnell ungeheuren Reichtum zu 
erlangen, getäuscht gesehen: Nur Ackerbauer fanden ihre Rechnung, nicht 
aber Goldsucher; die Einwanderer litten, besonders an der Küste, unter 
dem Klima; die Verhältnisse der neuen Kolonie entwickelten sich nur 
langsam infolge der häufigen Empörungen der Eingeborenen, der Unbot- 
mäßigkeit der Kolonisten selbst und der Intriguen der Beamten gegeneinander. 
So konnte Kolumbus für seine dritte Expedition, auf der er bei der Ausreise 
Trinidad entdeckte, nur wenig Kolonisten gewinnen, obgleich die Auswanderung 
allen Spaniern erlaubt und denjenigen sogar ein Jahr Verpflegung zugesichert 
war, die sich zur Abgabe von ^/g des zu findenden Goldes und ^lo ^^^ sonstigen 
Produkte verpflichteten. 

Nun wurde aber, gegen das dem Kolumbus versprochene Recht, von 1499 
an auch anderen Männern die Erlaubnis zu Entdeckungen erteilt, sowie der 
Handel nach den Kolonien unter Aufsicht der Regierung und gegen Abgaben 
vom Gewinn überhaupt freigegeben. Alonso de Hojeda, begleitet 
vom Italiener Amerigo Vespucci, erreichte 1499 Südamerika 
beim Amazonenstrom und erforschte von dort die Küste bis Venezuela; 
Pedro Nino brachte bald darauf von hier eine reiche Perlenladung heim; 
Rodrigo de Bastidas entdeckte den Spuren Hojedas folgend den 
Golf von Darien und kehrte mit Gold, Brasilholz und Sklaven zurück. Da 
um dieselbe Zeit auch in Haiti reichere Goldlager gefunden wurden, stieg 
der Unternehmungsgeist wieder, und es begann jetzt eine Periode von Ent- 
deckungsfahrten, Auswanderungszügen und Kolonisierungen, unternommen 
von Abenteurern, oft auch Verbrechern, aber auch besseren Elementen mit 
Famüie, in der sich in verhältnismäßig kurzer Zeit die Macht Spaniens un- 
gemein ausdehnte. Kolumbus selbst besuchte auf seiner vierten und letzten 
Reise 1502 Yucatan, Honduras und die Bai von Chiriqui, wo er von neuen 
Goldländem und zuerst vom Stillen Ozean hörte; er war überzeugt, hier 



Spanische Entdeckungen und Kolonien in Amerika. 6o 

in der Nähe einer Wasserstraße nach Westen zu sein, wie er denn überhaupt 
bis zu seinem Tode glaubte, Ostasien gefunden zu haben. 

Bald wurden auf vielen westindischen Inseln, besonders den Großen 
Antillen, an den Küsten Süd- und Mittelamerikas Niederlassungen gegründet ; 
von einer dieser erreichte B a 1 b a o am 25. September 1513 den Stillen Ozean 
beim Golf von St. Miguel und erhielt hier genauere Kunde über das Goldland 
Peru. 

Seit 15 II war die Kolonisation Kubas energisch in die Hand genommen 
und brachte reichen Gewinn, aber nirgends war man mit dem Ertrage zu- 
frieden, sondern suchte neue Goldländer. Von Kuba aus wurden die Küsten 
von Florida und Mexiko erforscht und dieses 1519 — 1521 durch C o r t e z 
erobert. An der Westküste Mittelamerikas wurden Schiffe erbaut, mit denen 
man w- eiter vordrang, bald auch über den Stillen Ozean, was später bei Schilderung 
desSüdwestweges mit betrachtet werden soll. Von Mexiko aus wurde Kalifornien 
aufgesucht, von Panama aus, wohin Kolonisten vom Golf von Darien hinüber- 
gegangen waren, strebte man nach Peru. P i z a r r o erforschte 1524 die 
Küste Kolumbiens, erreichte 1526 die Bucht von Guayaquil und eroberte 
153 1 — 1536 das langersehnte Peru; von hier aus wurde Chile in Besitz 
genommen. 

So sehen wir um die Mitte des 16. Jahrh. Westindien, Mittelamerika, 
die nördlichen und westlichen Küstenländer Südamerikas bis Patagonien 
hinunter in den Händen der Spanier. Waren die Eroberungen der wichtigen 
Reiche des Festlandes auch nur mit geringen Streitmitteln ausgeführt, so 
folgten doch bald Ströme von Einwanderern. Ein wahres Auswanderungs- 
fieber, das das Mutterland zu entvölkern drohte, hatte Spanien ergriffen, 
und die Forschung und die Kolonisation drangen schnell von den Küsten ins 
Innere vor. Schon 1541 wurde der Amazonenstrom zum ersten Male von 
Peru aus bis zur Mündung befahren und von Chile aus stieß man bald auf die 
von dem La Plata ausgehenden Kolonisten (vgl. Seite 74). 

Anfangs war Haiti der Haupt- und Mittelpunkt der Verwaltung 
der Kolonien gewesen ; später stellte man die einzelnen selbständigen Ver- 
waltungsbezirke unter Vizekönige (Gouverneure, Generalkapitäne), die un- 
mittelbar unter dem ,,A m t (Rat) von Indien" in Sevilla standen. 

Die Spanier haben durch ihre verkehrte Kolonialpolitik während der ersten Jahr- 
hunderte die reichen überseeischen Besitzungen lange nicht zu einer ihren Anlagen ent- 
sprechenden Blüte gebracht. Für sie war nur die dauernd sichere Ausbeutung der Metall- 
schatze im Interesse der Krone die Hauptsache, eine planmäßige Entwicklung der Kolonien 
war weder beabsichtigt noch erwünscht. Bald schon wurde die Auswanderung nicht 
mehr begünstigt, sondern sehr erschwert, und der Handel der Kolonien mit Spanien 
und unter sich durch allerhand Maßnahmen eingeschränkt: Durch hohe Ein- und Aus- 
fuhrzölle hüben und drüben, durch eine lästige Kontrolle der Regierung und durch 
Ausschluß aller fremden Schiffe vom Handel, die bis zur Mitte des 17. Jahrh. ohne 
weiteres als feindlich behandelt wurden; gestrandete Seeleute tötete man sogar oder 
sandte sie in die Bergwerke. 

Trotzdem ist diese Kolonialpolitik nicht ausschließlich auf Unfähigkeit oder Kurz- 
sichtigkeit zurückzuführen, sie dürfte den Verhältnissen und Bedürfnissen des Mutter- 



yo Die großen Entdeckungen. Der Weg nach Westen. 

landes lange Zeit entsprochen haben. Spanien war durch die reichen Erwerbungen 
eine Großmacht geworden und hatte eine WeltpoHtik begonnen, die nur weiter durch- 
geführt werden konnte, wenn die Geldquellen in gleicher Starke weiter flössen; im 
übrigen besaß das Land weder eine Überproduktion an Waren noch an Menschen, 
brauchte also keine großen Absatzmärkte und Aus Wanderungsgebiete, ja durfte diese 
nicht einmal voll ausnutzen. Es kam wie gesagt nur darauf an, mögUchst große Ein- 
künfte für die Krone aus dem Minenbetrieb und dem Handel zu ziehen, sowie dafür zu 
sorgen, daß die Lander dem Mutterlande erhalten bUeben. Eine Folge dieser Politik 
war zunächst, daß die westindischen Kolonien und auch die an der Nordküste Südamerikas, 
die in ihren Erträgen nicht mit Mexiko, Peru usw. zu vergleichen wareif, für lange Zeit 
vernachlässigt wurden und zurückgingen. Viele der Weißen zogen nach dem Festlande, 
Arbeitermangel trat mit Ausrottung der Indianer ein, und Neger wurden nicht genug 
eingeführt. Die westindischen Gewässer wurden der Tummelplatz von Schmugglern, 
Seeräuber machten Meer und Küsten unsicher, und andere Nationen setzten sich un- 
gehindert in Besitz von noch nicht oder nur schwach besiedelten Inseln. Für die reichen 
Festlandsbesitzungen lag aber die Gefahr nahe, daß sich hier bei zu großer selbständiger 
innerer Entwicklung ünabhängigkeitsgelüste regen könnten: deshalb griff man zur Be- 
schränkung der Einwanderung. Aus demselben Grunde wurden die Klassen der Kreolen (d.h. 
Eingeborene von spanischen Eltern stammend) und der Mischbevölkerung, die ständig 
zunahmen und zum Teil über große Vermögen verfügten, soweit möglich in Unbildung 
erhalten, der Gegensatz und die Eifersucht zwischen den verschiedenen Klassen (Spanier, 
Kreolen, Mischünge der verschiedenen Grade) genährt und die amtlichen Stellungen, 
besonders die höheren Posten, fast nur mit Spaniern besetzt. Die Ansiedelung Fremder 
wurde tunUchst erschwert, wo sie nicht zu vermeiden war, wurde ihnen durch die In- 
quisition das Leben verbittert. — Alles Maßnahmen, um Intelligenz, Einigkeit und Selbst- 
bewußtsein von der Bevölkerung fern zu halten ; die Regierung der Länder lag in den 
Händen der wenigen Spanier. 

Über die Durchführung dieser PoUtik wachte der „Rat von Indien" mit unnach- 
sichtlicher Strenge, in seiner Hand lag die oberste Gerichtsbarkeit und die ganze Ver- 
waltung der Kolonien; selbst die Inquisition wirkte in seinem Dienste, wie denn wie 
überall unter spanischem Zepter auch in den Kolonien die Kirche eine übergroße Macht 
darstellte und ungeheure Reichtümer erwarb. Die Stellung der Vizekönige war zwar mit 
großen Ehren und reichen Einkünften bedacht, aber ihre Machtbefugnisse waren sehr 
durch die ihnen beigegebenen Gerichts- und Verwaltungshöfe beschnitten. Wie die 
Vizekönige, so wechselten auch die Mitglieder dieser Höfe häufig; waren für jene Be- 
stimmungen erlassen, daß sie nicht zu populär wurden, so durften auch diese keine 
Familienbeziehungen und keinen Grundbesitz in den Kolonien haben. Alle Einrich- 
tungen zielten darauf hin, die Beamten nicht selbständig walten und auch nicht zu festen 
Fuß fassen zu lassen. Diese Bevormundung führte zur Verknöcherung der Verwaltung 
und hinderte doch nicht, daß bei den Beamten Willkür und Unredlichkeit einrissen. Die 
Kolonien haben aber lange Zeit ihren Zweck erfüllt; allein die Gewinnung von Gold 
und Silber soll von 1493 — i^>oo einen Wert von 4027 MilUonen Mark gehabt haben. 

Von der 2. Hälfte des 16. Jahrh. an wurden auch die spanischen Kolo- 
nien und der Handel mit ihnen, wie die der Portugiesen in Indien, durch die 
Angriffe der Engländer und Holländer schwer geschädigt. Die Absperrung 
und die feindhche Behandlung der Fremden führten diese zu Versuchen, den 
Verkehr durch Gewaltmaßregeln zu erzwingen, was sich zimächst und haupt- 
sächlich durch Überfälle und Wegnahme der mit den Schätzen Amerikas 
heimkehrenden Schiffe zeigte. Der Verkehr Spaniens mit Amerika durch 
nur einmal jährhch ausgesandte Flotten hatte bei der Unsicherheit der Meere 
eine gewisse Berechtigung. Aber gerade die Regelmäßigkeit dieser Fahrten 



Verwaltung der spanischen Kolonien. Der Südwestweg nach Indien. ^n 

gab den Feinden die Möglichkeit, große Operationen zum Abfangen dieser 
Flotten vorzubereiten und durchzuführen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt 
im Jahre versammelten sich in Sevilla zwei starke Geschwader, aus den größten 
Schiffen der Zeit bestehend, zur Verschiffung von Waren nach Amerika. 
Die eine (Galeonenflotte) ging mit Ausfuhrartikeln für Mexiko und Mittel- 
amerika nach Veracruz, die andere (Silberflotte) mit Waren für Peru 
und Chile, die auf Maultieren über den Isthmus nach Panama geschafft wurden, 
nach Portobello (oder Nombre de Dios). Am Bestimmungsort hielten beide 
Flotten große Messen ab, nahmen 
die dort aufgespeicherten Naturer- 
zeugnisse und Metallschätze als Rück- 
fracht ein und vereinigten sich in Ha- 
vanna, von woaus sie als Silber flotte 
gemeinsam die Rückreise antraten. 
Der Südwestweg nach IndleD. Auf 
der zweiten portugiesischen Reisenach 
Indien {Cabral 1500; vgl. Seite 60) 
war Brasilien entdeckt und in Besitz 
genommen. In Lissabon erkannte 
man sofort, daß dieses Land als 
Station für die Reisen nach Indien 
von großem Vorteil sein würde, und 
sandte 1501 eine Expedition, für die 
Vespucci als Teilnehmer ge- 
wonnen war, zur näheren Erforschung 
aus. Aus einer Küstenfahrt vom Kap 
S. Roque bis zu 32" S. Breite und 
der der Spanier vom Amazonenstrom 
bis zum Golf von Darien (Seite 68) 
gewann man die Überzeugung, daß 
man einen großen Kontinent vor 
sich habe, und Vespucci wies zuerst 
auf die Möglichkeit hin, durch seine 

Umsegelung Indien zu erreichen. Er unternahm selbst in portugiesischem 
Dienst 1503 eine Reise zu diesem Zweck, kam jedoch nur bis zur Bai von 
Bahia, veranlaßte aber 1508, als Reichspilot in spanischen Dienst zurück- 
getreten, ein gleiches Unternehmen von dort aus. Ungünstige Umstände, 
besonders Unfähigkeit und Uneinigkeit der Führer, vereitelten den Erfolg; 
man kam nicht viel weiter als früher. Es war aber doch festgestellt worden, 
daß die Küste Südamerikas bis 40" S. südwestlich lief. Dies und die Ent- 
deckung des Stillen Ozeans durch Balbao 1513 ließ den Plan Vespuccis durch- 
führbar eiBcheinen und ermutigte den Spanier Dias de Solis zu einem neuen 
Versuch ; er kam indes nur bis zum La Plata, wo er von Eingeborenen getötet 
wurde. Ihm folgte Fernao de Magalhaes. 



72 I^ie großen Entdeckungen. Der Südwestweg. 

Magalhaes, ein Portugiese, hatte mehrfach Fahrten nach Indien ausgeführt und 
als Offizier in Marokko gefochten; in Ungnade gefallen, trat er aus dem Dienste und 
beschäftigte sich mit Kosmographie und Nautik. Er verfolgte mit Aufmerksamkeit die 
ebengenannten Expeditionen sowie die Fahrten der Portugiesen in Indien nach Osten, 
auf denen diese die Molukken erreicht hatten. Da die portugiesischen Seeleute aus 
Ruhmredigkeit die Entfernung von Malakka nach den Molukken sehr übertrieben, kam 
Magalhaes auf den Gedanken, daß die allseitig ersehnten Inseln schon in spanischem 
I\Iachtbereich lägen, und erbot sich, sie für Spanien auf dem Südwestwege aufzusuchen. 

Am 20. September 151g trat Magalhaes mit 5 Schiffen — 2 zu 130 tons, 
2 zu 90 tons, I zu 60 tons — die Reise an. Er verfolgte die brasilianische 
Küste vom Kap Augustin ab südlich und erforschte sie genauer — besonders 
die Bucht von Rio de Janeiro und die La Platamündung — , in der Hoffnung, 
eine Straße nach dem von Balbao gefundenen Westmeere anzutreffen. Vom 
31. März bis 24. August 1520 überwinterte er im St. Julian-Hafen (49® 15' S.). 
Wie alle seine Vorgänger auf ihren ersten großen Entdeckungsfahrten hatte 
auch er mit der Zaghaftigkeit seiner Besatzungen zu kämpfen; während des 
Winterquartiers kam es sogar zur offenen Meuterei eines Teiles. Am 21. Ok- 
tober erreichte er nach Verlust eines Schiffes durch Strandung das Kap 
Virgines und damit den Eingang der nach ihm benannten Straße, deren 
Tiefenverhältnisse es bald nach dem Einsegeln wahrscheinlich erscheinen 
ließen, daß man es diesesmal nicht mit einer Bucht, sondern mit einer 
Durchfahrt zu tun habe. Wiederum verlangte jetzt ein Teil seiner Unter- 
gebenen umzukehren und die weitere Lösung der Aufgabe einer neu und 
besser ausgerüsteten Expedition zu überlassen, aber Magalhaes blieb fest und 
setzte die Reise fort. Eines seiner besten Schiffe, das er zur Untersuchung 
eines Nebenkanals entsendet hatte, verließ ihn hier und kehrte nach Spanien 
zurück, während der Admiral schon nach zwölf Tagen — den Zeitverbrauch 
durch Untersuchung der verschiedenen Wasserstraßen und Wiedersammeln 
der Flottille abgerechnet — ,am 28. November, bei Kap Pillar den Stillen 
Ozean erreichte. 

Vom Kap Pillar aus richtete Magalhaes seinen Kurs gerade nach Norden, 
behielt bis zu 47° S. Breite die Küste in Sicht und setzte erst auf 37^ S. seinen 
Kurs nach Nordwesten. Die westliche Begrenzung des südamerikanischen 
Festlandes war hierdurch erkannt. 

Bei schönem Wetter und günstigem Winde, deshalb „Stiller Ozean" 
benannt, aber unter harten Entbehrungen wurde das große Weltmeer durch- 
fahren. Wasser und Proviant wurden knapp und kaum noch genießbar; 
Ratten und selbst das zum Schutz in der Takelage angebrachte Scham- 
fielingsleder wurden gegessen, Skorbut trat infolgedessen auf und forderte 
Opfer. Der Kurs führte zwischen den Paumotu- und Markesas-Inseln hin- 
durch; von den ersten wurde am 24. Januar 1521 ein unbewohntes Eiland 
(Puka-Puka?) besucht und am 4. Februar auf einem zweiten (Flint?) eine 
zweitägige Rast zum Fischen gemacht. Dann wurde die Reise zwischen 
den Gilbert- und Marschall-Inseln und zwischen diesen und den Karolinen 
hindurch fortgesetzt und nun der Kurs wieder nach Westen aufgenommen, 



Magalhaes' Erdumsegelung. 72 

bis man am 6. März auf die Ladronen (Guam und St. Rosa) stieß. Wohl 
wußte Magalhaes, daß sein Ziel, die Molukken, unter dem Äquator lag, aber 
er zog es vor, sich zunächst an Orten zu verproviantieren, die Schiffe auszubessern 
und auszuruhen, wo er voraussichtlich noch nicht die Portugiesen antraf. Erbe- 
hielt deshalb den Westkurs bei und gelangte nach Ansegelung einiger kleinen 
Inseln zu den Philippinen (Zebu). Die Kaufleute dort waren bereits 
mit Portugiesen zusammengekommen, und man fand auch schon arabische 
Händler vor. Obgleich von den Arabern als Portugiese verdächtigt, wurde 
der Admiral doch von dem malaiischen Häuptling gut aufgenommen, fiel aber 
beim Versuche, hier festen Fuß zu fassen und den Häuptling als Vasallen Spaniens 
zum Oberherrscher der benachbarten Inseln zu machen, in einem Kampfe 
auf der kleinen Insel Mactun. 

Wenn Magalhaes auch sein Ziel nicht mehr erreicht hat, so ist seine Expedition 
doch wohl die größte nautische Tat jener Zeit. Vasco de Gamas Reise 
bildete nur den Abschluß einer Reihe von Unternehmungen, die ihm schon tüchtig 
vorgearbeitet hatten, und die einzige große Fahrt über See unternahm er mit Hilfe 
geübter Lotsen. Kolumbus fuhr zwar wagemutig ins offene Meer, aber mit frischen 
Kräften und von Anfang bis zu Ende unter günstigen Wind- und Wetterverhältnissen. 
Magalhaes dagegen trat seine Reise in ein unbekanntes Weltmeer mit Schiffen an, die 
schon eine für damalige Zeit ungeheuere Leistung hinter sich hatten. So steht er von den 
drei kühnen Seeleuten wohl am höchsten da, und er fand auch, während die Fahrten der 
beiden anderen sofort und dann ununterbrochen wiederholt wurden, erst 5oJahre 
spater einen Nachfolger in Drake durch dessen Weltumsegelung. 

Nach des Admirals Tode verließ das Glück die Expedition, deren Führung 
Sebastian de Elcano übernommen hatte. Infolge Verrates mußten 
die Schiffe nach großem Verluste Zebu verlassen; das seeuntüchtigste Schiff 
wurde wegen Mannschaftsmangels verbrannt, die beiden letzten Fahrzeuge 
erreichten unter Führung Eingeborener Bomeo (Stadt Brunei). Trotz guter 
Aufnahme zuerst mußten sie auch von hier mit Zurücklassung einiger Ge- 
fangener fliehen, segelten östlich um die Insel und kamen am 8. November 1521 
bei den Molukken (Insel Tidor) an. Hier stießen sie mit den Portugiesen, 
die um diese Zeit auf der benachbarten Insel Temate Fuß faßten, zusammen, 
doch setzte man sich vorläufig friedlich auseinander, und die beiden Schiffe 
nahmen reiche Ladung an Bord. Als man Mitte Dezember die Weiterfahrt 
antrat, mußte ein Schiff wegen Seeuntüchtigkeit zurückbleiben. Das letzte, 
die „Viktoria", segelte am 21. Dezember mit einer Besatzung von 47 Spaniern 
und 13 Indiem ab, erreichte über Timor und Neu-Amsterdam die afrikanische 
Küste, umschiffte am 18. und 19. Mai 1522 das Kap und traf, nach den größten 
Strapazen und Entbehrungen, Verlusten an Toten durch Krankheit und an 
Gefangenen (zuletzt noch beim Besuch der Kapverden von den Portugiesen 
gemacht), am 6. September in Spanien ein. Die erste Erdumsegelung war 
vollführt, nur 18 Europäer hatten die nahezu drei Jahre dauernde Reise 
überstanden, jedoch soll die Fracht an Gewürznelken des einen Schiffes die 
Kosten der ganzen Expedition gedeckt haben. 

Das auf Tidor zurückgebliebene Schiff verließ die Insel am 6. April 1522 mit einer 
Besatzung von 50 Spaniern. Man beabsichtigte, durch den Stillen Ozean zurückzukehren, 



y^ Die großen Entdeckungen. Der Südwest weg. 

und steuerte nach Nordosten. Nach monatelangem Umherirren war man aber genötigt, 
zu den Molukken zurückzugehen und sich in den Schutz der Portugiesen zu begeben. 
Das Schiff war wrack und nur noch 17 Spanier lebten. Sie und 12 Mann, die als Ansiedler 
auf Tidor zurückgelassen und bei der endgültigen Inbesitznahme Ternates durch die 
Portugiesen gefangen genommen waren, wurden absichtlich in ungesunden Orten fest- 
gehalten und erst nach langer Zeit nach Europa befördert. Nur drei Mann erreichten 
nach mehreren Jahren Spanien. 

Die Kolonisation der auf dem Südwest wege ent- 
deckten Länder war zunächst ziemlich bedeutungslos. Brasilien 
wurde von den Portugiesen im wesentlichen nur als eine Station für 
ihre indischen Flotten geschätzt. Der Handel dorthin war nur gering und 
wurde mehr von Franzosen betrieben, die sogar um 1516 auf kurze Zeit festen 
Fuß gefaßt hatten. Erst als 1530 die Spanier am La Plata reiche Minen 
entdeckten, wuchs in Portugal das Interesse für Brasilien. Man trat schärfer gegen 
fremden Handel auf und gründete planmäßig Niederlassungen, indem man 
große Lehen (capitanias) an Private gegen entsprechende Abgaben überließ. 
Jetzt begann die Kolonie sich zu entwickeln. Das Land wurde in Kultur ge- 
nommen; die Eingeborenen behandelte man dabei ähnlich, wie die Spanier 
in ihren Besitzungen es taten, auch führte man wie diese Neger ein. Städte 
wurden gebaut, und nach und nach büdete sich ein lebhafter Handel mit 
dem Mutterlande aus. Auch diese Kolonie hatte von der Mitte des 16. Jahrh. 
an unter Angriffen der Engländer, Holländer und Franzosen zu leiden und 
Versuche der beiden letzten, sich festzusetzen, abzuwehren. 

Im Südosten Amerikas nahmen die Spanier vom La Plata aus 
die Länder in Besitz. Die Kolonisierung begann mit der Gründung von 
Buenos-Ayres (1534) und Asuncion (1537) und machte rasche Fortschritte, 
so daß bald die Verbindung mit Peru und Chile hergestellt war und die Be- 
siedelung der La Plata-Staaten teilweise auch von dort geschah. 

Der ,, Stille Ozean" gehörte zweifellos in den Machtbereich Spaniens, 
auf die Molukken aber machten beide Nationen Anspruch. Eine 1524 
zur Regelung dieser Frage eingesetzte Kommission kam zu keinem Ergebnis, 
da beide Parteien bei ihrer Ansicht über die Lage der Inseln zur Demarkations- 
linie blieben und keine die Mittel besaß, der anderen ihre Fehler zu beweisen; 
die Differenz der Ansichten betrug 46 Längengrade.*) 

Die Portugiesen hatten sich schon auf Temate festgesetzt, die Spanier 
beabsichtigten ein gleiches auf Tidor. In Mittelamerika wurde eifrig nach 
einer Durchfahrt geforscht, um den weiten Weg abzukürzen, aber auch eine 
Expedition zur Besitzergreifung wurde 1525 von Spanien durch die Magalhaes- 
straße gesandt. Von sieben Schiffen gelangte jedoch nur eins, an Mannschaft ge- 
schwächt und völlig seeuntüchtig, am i. Januar 1527 nach Tidor; die übrigen 
waren verloren oder versprengt; eins war nach Mexiko gekommen, gewisser- 
maßen auch ein Erfolg, weil hierdurch die westHche Begrenzung Südamerikas 
mehr bekannt wurde. Die schwache Besatzung des wohlbehalten eingetroffenen 

♦) Die Insel Tidor liegt tatsächlich auf 127 1^2° O. Greenwich; die Demarkationslinie 
war 131 y2^ O. Greenwich; Spanien nahm für Tidor 158°, Portugal 112° O. Greenwich an. 



Brasilien, La Plata-Staaten, Molukken, Philippinen. 75 

Schiffes befestigte sich auf Tidor und hielt sich auch einige Zeit, da sie von 
Mexiko aus Unterstützung bekam ; aber von den drei dazu entsandten Schiffen 
war ebenfalls nur eins angekommen, und sein Versuch, dann noch weitere 
Unterstützungen heranzuholen, mißlang. Mehrfach versuchte es, nach Osten 
zurückzusegeln, immer mußte es widriger Winde wegen umkehren und fiel 
schließlich den Portugiesen in die Hände. Der Rest der Spanier, 16 Mann, 
wurde von Tidor nach Hamalhera vertrieben und behauptete sich hier bis 
zum Abschluß eines Vertrages. 1529 verzichtete nämlich Spanien gegen eine 
Summe von 350 000 Dukaten auf die Inseln, die Demarkationslinie wurde auf 
17 Längengrade östUch davon angenommen. So war Portugal im alleinigen 
Besitz des Gewürzhandels und blieb es bis zu seiner Verdrängung durch die 
Holländer. Die bedeutende von Portugal gezahlte Abfindungssumme muß 
man aber wohl als einen Erfolg der ersten Erdumsegelung für Spanien ansehen. 
Die Philippinen hätten nach dem letzten Vertrage zur Erdhälfte 
Portugals gehört, dennoch fielen sie S p a n i e n zu. Von Mexiko aus wurden 
von 1536 an Expeditionen dorthin entsendet, die auch verschiedene neue 
Inselgruppen der Südsee und sogar {1545) Neuguinea berührten. Diese Ent- 
deckungen hatten aber weiter keine Folgen, und auch auf den Philippinen 
wurde zunächst nichts erreicht. Den sich feindlich stellenden Eingeborenen 
gegenüber waren die Unternehmungen zu schwach; man war stets zur Pro- 
viantierung auf die Molukken und somit auf die Güte der Portugiesen 
angewiesen, und die Schiffe fielen schließlich immer diesen in die Hände, 
weil alle Versuche, nach Mexiko zurückzukehren, wie früher an den widrigen 
Winden scheiterten ; durch den Indischen Ozean aber nach Europa zu segeln, 
verbot der Vertrag. Erst 1565 gelang es einer größeren Flotte, auf Zebu 
festen Fuß zu fassen, und gleichzeitig ward der Rückweg gefunden. Ein ver- 
sprengtes Schiff entdeckte nämlich durch Zufall nördlich von 40« N. Breite 
den günstigen Wind nach Mexiko; der Führer der Flotte hatte diesen Weg 
gesucht in der Überzeugung, wie beim Atlantik nördlich vom Passat westliche 
Winde anzutreffen. Damrt war die Verbindung zwischen Mexiko und den 
Philippinen hin und zurück gesichert; bald wurden alle Inseln unterworfen, 
1570 Luzon erobert und Manila gegründet; Portugal fürchtete man auch 
nicht mehr, denn um diese Zeit war das kleine Nachbarland erschöpft und 
seine Macht in Indien schon im Rückgange. 

Für den Südwestweg nach Indien sind noch einige Punkte von nur geogra- 
phischer Bedeutung zu erwähnen. Die Berührung Neuguineas regte an, 
den vermuteten großen Südkontinent zu suchen, als dessen Nordküste 
man Neuguinea ansah. Am Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahrh. entdeckten zu 
diesem Zweck von Peru ausgesandte Expeditionen neue Inselgruppen der Südsee und 
auch die Torresstraße, doch sollten erst spätere Zeiten diese Entdeckung wiederholen 
und verwerten ; die Kunde über die Torresstraße blieb sogar überhaupt ein in den Archiven 
Manilas begrabenes Geheimnis (Cook entdeckte die Straße 1770 neu). 16 16 umsegelten 
die Holländer zuerst das Kap Hoorn und fanden damit einen günstigeren Weg zur 
Umschiff ung Amerikas von Osten als die Magalhaesstraße mit ihren beständigen West- 
winden; 1642 umsegelte der Holländer Abel Tasman von Mauritius aus Australien 
(und Tasmanien) und stellte damit fest, daß dieser Kontinent, Neuholland getauft. 



76 I^ie großen Entdeckungen. Nordwest- und Nordostweg. 

nicht mit dem großen Südpolkontinent zusammenhinge; das gleichfalls gesichtete 
Neuseeland wurde nun lange Zeit (bis zu Cook 1770) für den Ausläufer eines solchen 
gehalten. 

Der Nordwest- und der Nordost-Weg nach Indien. Der Gedanke, Indien 
auf nordwestlicher Bahn zu finden, wurde zuerst in England gefördert, aber 
die Anregung hierzu gab wieder ein Italiener. Giovanni Cabotto 
(John Cabot), Genueser von Geburt, später venetianischer Bürger, 
ließ sich 1490 in Bristol nieder. Bristol war durch seinen Stockfischhandel 
nach Südeuropa schon ein berühmter Hafen geworden. Enghsche und dänische 
Fischer besuchten seit Anfang des 15. Jahrh. bereits regelmäßig Island, und 
aus Island stammten Überlieferungen von den alten Normannenfahrten 
nach Ländern im Westen des Atlantischen Ozeans. Schon von 1491 an unter- 
nahmen Bristoler Kaufleute auf Anregung Cabots Entdeckungsfahrten nach 
dem Westen, 1496 erhielt er auch vom König Unterstützung und ein Patent, 
das ihn gegen eine Abgabe ermächtigte, unter königlicher Flagge zu fahren, 
zu entdeckende Länder in Besitz zu nehmen und sie im Namen des Königs 
zu regieren. Im Mai 1497 trat er die Reise an und erreichte Amerika am 
Johannistage wahrscheinlich beim Kap Bonavista; er segelte dann die Küste 
von Labrador entlang, bis ihn Treibeis zur Umkehr zwang. Schon Anfang 
August traf er wieder in Bristol ein. 1498 folgte eine zweite Fahrt mit 5 Schiffen, 
doch ist von ihrem Ergebnis nichts Sicheres bekannt, ebensowenig von einer 
späteren seines Sohnes Sebastian, der nachher für lange Jahre in spanische 
Dienste trat. In den nächsten J?ihren folgten andere Schiffe, auch franzö- 
sische und portugiesische, den Spuren Cabots nach Neuschottland, 
Neufundland und Labrador. Man lernte den Fischreichtum dieser 
Küsten kennen, und Fischer der genannten Nationen begannen dort ihre 
Tätigkeit. Zur eigentlichen Besiedlung erschien das Land aber zu rauh und 
zu arm. Größere Unternehmungen ruhten etwa 20 Jahre, bis die Erfolge 
Magalhaes' wieder den Wunsch nach einer nördlichen Durchfahrt bei den 
Völkern wachriefen, die sich noch nicht recht in den Machtbereich der Spanier 
und Portugiesen wagten. Wir finden dann neue Versuche Frankreichs (z. B. 
1524 der Florentiner Verrazano in französischem Dienste) und Englands 
(von 1527 an) zur Erforschung der Küste; alle erreichten nur etwa 53® N. 
Breite, jedoch wurde die Küste von hier bis zu 34® N. Breite (besonders durch 
den Franzosen C a r t i e r 1534) genauer bekannt. 

So war man bis an die Entdeckungen der Spanier im Süden heran- 
gekommen ; die Ostküste Nordamerikas war festgelegt und sollte 
bald das Ziel der Kolonisation von Frankreich, England und Holland werden. 
Neue Versuche, den Weg nach Indien zu finden, wurden dagegen erst wieder 
nach einer Pause von 50 Jahren gemacht: die früh angetroffenen Eismassen 
hatten abgeschreckt. Die Engländer unter Elisabeth nahmen sie erst wieder 
auf, doch wurde in dem Zeitabschnitt von 1576 — 1632 das Ziel ebensowenig 
erreicht; durch die verschiedenen Entdeckungsfahrten hatte man aber von 
den polaren Küstensäumen Amerikas ein wesentlich klareres Bild gewonnen. 



Nordamerika. Weißes Meer. Spitzbergen. 77 

Die Namen der großen Seeleute, die diese Unternehmungen leiteten, sind in 
der Karte verewigt : Frobisher (1576 — 1578), Davis (1585 — 1587), 
Hudson (1609 — 1611), B a f f i n (1614 — 1616), Fox und James (1631 
bis 1632).*) Dann trat gar eine Pause von nahezu 200 Jahren (bis 1818) ein, 
und erst 1850 (Mac Clure) wurde das Vorhandensein eines Wasserweges von 
der Baffinsbai bis zur Behringsstraße festgestellt. 

Unternehmungen, Indien auf einem Nordostwege zu erreichen, begannen 
erst um 1553. Es könnte dies befremden, aber man nahm bis dahin im Westen 
und Süden Europas an, daß das Festland Europas mit Grönland zusammen- 
hinge. Vom Bestehen einer Küstenschiffahrt von der Nordwestküste Nor- 
wegens bis zum Weißen Meere und vom Weißen Meere bis zum Karischen 
Meerbusen erfuhr man erst um 1549 durch das Werk eines deutschen Ge- 
sandten in Moskau. Wahrscheinlich hierdurch angeregt, rief Sebastian 
C a b o t bei seiner Rückkehr nach England eine Gesellschaft englischer 
Kaufleute — später die moskowitische Handelsgesellschaft genannt — ins 
Leben mit dem Zweck, auf dem nordöstlichen Wege Länder dem Handel 
zu öffnen, zu denen der Einfluß der Hansa nicht reichte, und womöglich um 
den Norden Europas herum nach Indien zu gelangen. Die Holländer folgten 
bald nach. Das Hauptziel ist bekanntlich auch hier nicht erreicht und 
Kolonien sind nicht gegründet worden; auch der Handel wurde nie 
bedeutend. 

Eine erste englische Fahrt 1553 unter Sir Hugh Willoughby kam bis zum 
Weißen Meere, von wo aus man mit Moskau in Verbindung trat, eine 
zweite bis Nowaja Semlja, eine dritte 1580 bis zum Karischen Meer; 
weiter kamen auch die Holländer bei verschiedenen Expeditionen 1566 — 1599 
nicht. Beide Nationen trieben aber regelmäßigen Handel mit und an den 
neuentdeckten Gestaden und gründeten dort Agenturen, die bedeutendsten 
seit 1584 in Archangel. 

Die Versuche, Indien zu erreichen, wurden im Anfange des 17. Jahrh., 
als die holländisch-ostindische Kompagnie gegründet war und den Handel 
mit Indien auf dem Südost- und Südwestwege allein in der Hand hatte, von 
holländischen Kaufleuten, die dieser Kompagnie nicht angehörten, erneuert, 
später von der Kompagnie selbst und von der englischen moskowitischen 
Gesellschaft fortgesetzt. Aber man kam nicht weiter als früher, auch Versuche, 
von Nowaja Semlja aus oder längs der Ostküste Grönlands über den Nord- 
pol zu steuern, scheiterten an den unüberwindlichen Eismassen, und so wurde 
im Nordosten wie im Nordwesten der Plan für lange 2^it, für 250 Jahre 
(Nordenskiöld und Palander, 1878 — 1879), aufgegeben. 

Die Versuche, den Nordostweg zu finden, brachten aber ein 
sehr wichtiges, praktisches Ergebnis. Es wurde Spitzbergen entdeckt 
und der Reichtum seiner Gewässer an Walen und Robben erkannt. 



*) Genaueres über diese Expeditionen siehe Clowes, Teil i und 2 in den Kapiteln 
Voyages and EHscoveries. 



78 Heraustreten der Engländer und Holländer in die Ozeane. 

Schon von 1 597 an sandten die Engländer vereinzelte Schiffe zum Fang nach dem 
hohen Norden, wobei ihnen Basken — erfahren in Fang des damals noch vorhandenen 
Biskaya-Wals — als Lehrmeister dienten. Von 1608 an wurde die Fischerei in 
größerem Maßstabe betrieben, und 161 1 erhielt die moskowitische Gesellschaft das alleinige 
Recht dazu sowohl englischen als fremden Fischern gegenüber. Trotzdem erschienen 
161 2 auch die Holländer, neben ihnen Basken und Franzosen dort, und es ent- 
spann sich hier nun ein jahrelanger regelrechter Kampf, bis im Jahre 1627 ein Vertrag 
den Engländern den Südwesten, den Holländern den Nordwesten der Inseln als Fischerei- 
bezirk zusprach. 

Das Heraustreten der Engländer und Holländer (Franzosen) 

In die Ozeane«*) 

Um die Mitte des 16. Jahrh. waren die Ozeane mit Ausnahme der nörd- 
lichsten und südlichsten Gewässer befahren und die Entdecker auf den ver- 
schiedenen Wegen nach Indien überall zusammengestoßen ; unbekannt waren 
nur noch die arktischen Regionen, die Westküste Nordamerikas, die Nord- 
küste Asiens und Australien. Spanien und Portugal, die Hauptentdecker, 
hatten sich in der Beherrschung der ergiebigsten Gebiete der neuerschlossenen 
Erde geteilt und zogen reichen Gewinn aus den überseeischen Besitzungen 
oder aus dem Monopol des Seehandels nach den neuen Ländern. Sie sollten sich 
aber nicht lange ungestört dieser Vorteile erfreuen; bald erwuchsen ihnen 
gefährliche Mitbewerber in den neu aufblühenden Seemächten 
England, Holland und bis zu einem gewissen Grade auch Frankreich. 
Holland und England waren seit Ende des 15. Jahrh. als Nebenbuhler der 
H a n s a in den nordischen Gewässern aufgetreten, die bekanntlich im Laufe 
des 16. Jahrh. ihre Bedeutung und Macht verlor. An ihrem Rückgange 
waren nicht vorwiegend, wie oft gesagt, die Umwälzungen im Welthandel 
durch die Entdeckungen schuld. Diese sind in der i. Hälfte des 16. Jahrh. 
noch nicht tiefgreifend genug gewesen ; Spanier und Portugiesen, die Völker der 
Entdeckungen, sind nie nach dem Norden gekommen; nicht diese, sondern Hol- 
länder und Engländer wurden die Erben der Hansen. An der ersten Folge 
der Entdeckungen, nämlich der zunehmenden Schiffahrt vom Norden nach 
der Pyrenäischen Halbinsel, beteiligte sich die Hansa in demselben Maße 
wie England und Holland. Sie sank, als die skandinavischen Reiche sowie 
England erstarkten und die hansische Handelsherrschaft abschüttelten, 
gleichzeitig wuchs die Macht des deutschen Fürstentums und strebte er- 
folgreich danach, die verlorene Herrschaft über die deutschen Städte im 
allgemeinen wiederzugewinnen. Die Aufgabe des hansischen Städtebundes, 
seine Herrschaft auf der See zu verteidigen und seine politische Unab- 
hängigkeit zu wahren, wurde zu groß für die immer kleiner werdende Zahl 
der Städte; unglückliche Seekriege offenbarten die innere Schwäche des 
Bundes und untergruben die Achtung vor seiner Macht. Die nordischen 
Staaten begünstigten die neuen Händler, Holländer und Engländer, und 



*) Hauptquellen: Zimmermann, Band i — 5; Clowes, Teil i und 2, Kapitel 
Military History und Voyages; de Jonge, Teil i ; Nauticus 1900 und 1901 ; Rodenberg. 



Niedergang der Hansa. Engländer und Holländer gehen nach dem Süden. 70 

beschnitten die der Hansa gewährten Rechte, wie es auch Elisabeth in 
England tat. Wenn die Hansen zu Anfang des 16. Jahrh. die Ostsee 
als ihr Meer ansehen konnten, so waren sie an seinem Ende dort- nur 
noch geduldet. 

Um diese Zeit erlitten die Hansen nun noch zwei schwere Einbußen: die Herings- 
züge wandten sich nach der Nordsee und wurden die Beute der englischen und noch 
mehr der holländischen Fischer; diese betrieben den Heringsfang 1634 mit 2500 
bis 3000 Fahrzeugen, selbst an den Küsten Schottlands, und erzielten daraus einen 
jährlichen Gewinn von 20 Millionen Mark. Ferner zog sich ein großer Teil des russischen 
Handels infolge der nordischen Kriege in der Ostsee nach den von den Engländern und 
Hollandern gegründeten Agenturen in Archangel. 

Mit dem Niedergange der Hansa wuchs die Schiffahrt Englands und 
Hollands seit der Mitte des 16. Jahrh. ganz bedeutend. Während im Jahre 
1531 nur 310 holländische Schiffe nach der Ostsee gefahren waren, liefen im 
April 1587 gegen 800 dahin aus, und 1640 sollen gar 1600 den Sund passiert 
haben; der englische Handel erreichte hier um diese Zeit bei weitem nicht 
denselben Umfang, den 1600 holländischen Schiffen stehen nur 430 engüsche 
gegenüber. 

Auch der Verkehr beider Nationen nach dem Süden und dem Mittelmeer 
wuchs an, wiederum besonders der der Holländer. Diese hatten bald den 
Zwischenhandel zwischen der Pyrenäischen Halbinsel und dem Norden in 
die Hand genommen und trotz ihres Krieges mit Spanien erweitert ; als ihnen 
im Verlauf des Krieges die Häfen der Halbinsel geschlossen wurden, setzten 
sie den Handel mittels Schmuggel fort, der Ausschluß von Spanien führte 
auch ihre Schiffe mehr ins Mittelmeer. Von dem Bestreben der beiden 
jungen Seemächte und Frankreichs, im Norden Wege nach Indien zu 
finden, hörten wir bereits, auch wie dieses die Entwicklung einer blühen- 
den Hochseefischerei an verschiedenen Stellen mit sich brachte. 

Die Tätigkeit auf allen diesen Gebieten in den nordischen Gewässern 
mit ihren Beschwerden und Gefahren war für die Holländer und Engländer 
eine gute Schule zur Ausbildung ungemein tüchtiger Seeleute, die sich bald 
stark genug fühlten, die Macht und die auf päpstlichen Bullen fußenden 
Rechte der Spanier und Portugiesen nicht mehr zu achten. Ihre Schiffe 
erscheinen in den südlichen Meeren; zunächst sind es bewaffnete Kauffahrer 
der Engländer, von den Spaniern Piraten genannt, die einzeln und in Geschwa- 
dern — in Kriegszeiten mit Kaperbriefen versehen und von der Regierung 
unterstützt — die mit Edelmetallen und Tropenerzeugnissen heimkehrenden 
Schiffe und die Kolonien bedrohen, später treten bewaffnete kaufmännische 
Expeditionen beider Völker zur Gründung von Niederlassungen und An- 
knüpfung von Handelsverbindungen hinzu; eine endlose Reihe von kleinen 
und großen Zusammenstößen in allen Teilen der Welt ist die Folge. Dieser 
Kampf gegen die Spanier und Portugiesen wird geschürt durch Glaubenshaß, 
die große Frage des Zeitalters, und ist bei den Holländern gleichzeitig der 
auf das Meer übertragene Streit gegen ihre Unterdrücker, in dem England 
ihnen als Bundesgenosse zur Seite steht. 



So Heraustreten der Engländer und Holländer in die Ozeane. 

Von England aus unternahm schon zwischen 1530 und 1540 William 
Hawkins mit einem Schiff von 250 tons drei erfolgreiche Reisen nach Guinea 
und Brasilien und brachte Gold, Elfenbein und wertvolle Naturerzei^isse 
heim. Seinem Beispiele folgten andere; lange Fahrten, schlechte Verpflegung, 
Skorbut, außer den Gefahren zur See Zusammenstöße mit den Portugiesen 
machten auch diese Reisen zu einer Schule für die englischen Seeleute, besonders 
für die Kapitäne. Die Unternehmungen mehrten sich unter Elisabeth, die 
ja auch die Entdeckungen im Norden und die Hochseefischerei förderte, und 
wurden bald in kleinen Geschwadern und mit größeren Schiffen ausgeführt. 
Sie erzielten besonders großen Gewinn, als mit ihnen der Negerhandel von 
Afrika nach Westindien verbunden 
wurde. 1562 brachte John Hawkins, 
Sohn des eben Genannten, mit 3 
Schiffen zu 120 und 100 tons die 
ersten Sklaven hinüber, 1565 mit 4 
Schiffen, worunter schon eins von 
700 tons war. Auf einer dritten 
Reise 1568 hören wir, daß sich die 
Engländer zum ersten Male die 
Erlaubnis zum Handel in Rio de 
la Hacha und Cartagena mitWaffen- 
gewalt erzwingen und infolgedessen 
in San Juan de Ulloa, Mexiko, von 
den Spaniern überfallen und teil- 
weise vernichtet werden. Damit 
beginnt die englische Frei- 
beuterei*) in größerem Maß- 
stabe. Einer ihrer berühmtesten 
Führer, Francis Drake, war 
Kapitän eines der Schiffe Hawkins' 
Francis Drake. gewesen ; er soll den Spaniern Rache 

geschworen haben für die grausame 
Behandlung seiner Kameraden, die der Inquisition in die Hände gefallen 
waren. Es heißt in England: ,,0b Krieg ob Friede zwischen England und 
Spanien, Krieg zwischen Drake und den Landsleuten der Inquisition war 
stets hinfort." 

Im Jahrei572 erschien er mit drei kleinen Schiffen — zu 70, 25 tons und 
einem noch kleineren — sowie drei auseinanderzunehmenden Pinassen, 
wozu noch ein einzelner Freibeuter stieß, am Isthmus von Panama imd griff 
Nombre de Dios an, von wo aus die Reichtümer Perus nach Europa verschifft 
wurden. Abgeschlagen gelang es ihm dennoch, mit Hilfe von entlaufenen Sklaven 
{Indianern), auf dem Isthmus den Silbertransport abzufangen. Bei dieser 

*) Besonders in Qowes, Teil I, viel über die Freibeuterzüge. 



Fahrten und Freibeuterei der Engländer. gl 

Gelegenheit sah er den Stillen Ozean und betete zu Gott, „to give him life 
and leave, once to sail an english ship on that sea." 

Als ein Beispiel der Kühnheit englischer Freibeuter dieser Zeit folgender Vorfall: 
Drake kehrte nach England als reicher Mann zurück und tat einige Jahre in Irland Dienst. 
In dieser Zeit rüstete sein Leutnant John Oxenham ein Schiff von 140 tons aus, 
um das eben gelungene Wagnis zu wiederholen. Da er hörte, daß die Transporte jetzt 
stets von starker Bedeckung begleitet würden, beschloß er, sich der Schätze Perus 
schon auf dem Wege nach Panama zu bemächtigen. Er marschierte über den Isthmus, 
baute an der Westküste eine Pinasse und fing wirklich im Stillen Ozean, den er also als 
erster Engländer befuhr, zwei reichbeladene Schiffe. Da er aber die Besatzung ent- 
kommen üeß, wurde er vor seinem Rückmarsch über den Isthmus überfallen, ein Teil 
seiner Leute bheb im heftigen Kampf, er selbst mit dem Rest wurde in die Bergwerke 
von Lima geschickt. 

Im Jahre 1577 erhielt Drake die Mittel, seine Hoffnung zu erfüllen. 
Er segelte am 13. Dezember mit fünf Schiffen — sein Flaggschiff „Pelican", 
auf der Reise „Golden Hind" umgetauft, zu 100 tons, femer je eins zu 80, 
30, 50, und 15 tons — , aber ein Sturm nach Passieren der Magalhaesstraße 
zerstreute das Geschwader; zwei Schiffe gingen verloren, zwei kehrten nach 
England zurück, und nur mit dem Flaggschiff erreichte Drake Callao. Während 
seiner weiteren Fahrt nahm er zwei reiche Kauffahrer weg und suchte die 
Küste bis 48® N. Breite, weiter als die Spanier bisher gekommen waren, nach 
einer Durchfahrt ab; dann sielte er als erster englischer Welt- 
umfahrer durch den Stillen und den Indischen Ozean heim. Am 26. 
September 1580 traf er in Pl)miouth ein ; die Königin Elisabeth speiste bei ihm 
an Bord des „Golden Hind" und schlug ihn zum Ritter. 

Dieses erste Erscheinen der Engländer im Stillen Ozean 
erregte natürlich in Spanien und seinen Kolonien Furcht und Zorn, doch 
beantwortete Elisabeth einen Protest dagegen mit der Erklärung, sie erkenne 
die durch Bullen verliehene Rechte nicht an und würde nur wirklich be- 
setztes Land als spanisches Eigentum achten. Spanien machte infolgedessen 
Versuche, die östliche Einsegelung in die Magalhaesstraße durch befestigte 
Niederlassungen zu sperren und spätere Expeditionen schon im Atlantik 
abzufangen. Solche Expeditionen folgten bald. 

1582: I Schiff zu 400, I zu 300, I zu 40 tons, eine Pinasse; doch mußte man nach 
Zusammenstoß mit den Spaniern schon in BrasiUen umkehren; 1586: i zu 120, i zu 60, 
I zu 40 tons ; man kam bis Mexiko, plünderte Städte, zerstörte Schiffe, nahm ein Silber- 
schiff zu 700 tons, umsegelte ebenfalls die Erde und kehrte 1588 nach Verlust der beiden 
kleineren Fahrzeuge zurück (Thomas Cavendish); 1589, außer der Brandschatzung von 
Bahia ein Mißerfolg; 1593 ging wieder ein Hawkins, Richard, in der dritten Generation, 
mit einem Schiff von 350 tons zur Westküste Amerikas, plünderte zahlreiche Waren- 
hauser und machte reiche Prisen, erlag aber schließüch der spanischen Übermacht. 

Weit gefährlicher aber als dieses Erscheinen vereinzelter Schiffe an der 
Westküste Amerikas wurde den Spaniern das Auftreten der Engländer 
in Westindien und im Atlantik. Der Ausschluß vom Handel in 
Westindien und die verlockende Nähe der reichen spanischen Besitzungen 
reizten die englischen Seefahrer, sich für die ihnen entgehenden Vorteile auf 

Rittmeyer, Seekriege. O 



82 Heraustreten der Engländer und Holländer in die Ozeane. 

unrechtmäßigem Wege durch Wegnahme spanischer Schiffe und Plünderungs- 
züge zu entschädigen. Den ersten Zügen Hawkins' und Drakes folgten andere, 
Drake selbst brandschatzte 1585 nochmals St. Domingo, Cartagena und die 
Niederlassungen in Florida. Von diesem Jahre an, in dem sich Elisabeth 
offen auf die Seite der in Aufstand getretenen Niederlande stellte, war außerdem 
offener Kriegszustand zwischen den beiden Nationen; man kann nun die 
englischen Raubzüge nicht gut mehr Piraterie nennen, denn die Schiffe 
waren mit königlichen Patenten zur Schädigung des Feindes versehen. Drake 
erhielt als erster ein solches, und Privatpersonen wurden sogar königliche 
Schiffe zu Kaperzwecken zur Verfügung gestellt. Ganz besonders mehrten 
sich diese Unternehmungen, als Macht und Ansehen der spanisch-portugie- 
sischen Seemacht infolge der Armadakatastrophe gesunken war und England 
energisch den Krieg auf dem Meere gegen Spanien führte. Private Züge 
mit königlichen Patenten und Unternehmungen der Kriegsmarine lassen 
sich jetzt kaum auseinanderhalten: in den Geschwadern der ersteren werden 
Kriegsschiffe als Kern verwendet und die königlichen Flotten enthalten 
wiederum viele, oft sogar in der Mehrzahl, geheuerte Kauffahrer (vgl. S. 133 
,, England nach Abwehr der Armada"). Auch Englands Ansiedelungsversuche 
in Nordamerika und Westindien gingen nicht ohne Gewalttätigkeiten ab, 
so daß um das Ende des 16. Jahrh. Spaniens Seefahrt und seine Kolonien 
ununterbrochen den Angriffen englischer Einzelschiffe und Geschwader aus- 
gesetzt waren, bis endlich mit dem Friedensschluß 1604 und dem Verbot 
Jacobs I., spanische Schiffe aufzubringen, wenigstens die größeren Züge 
dieser Art aufhörten. 

In der ersten Hälfte des 17. Jahrh. beginnen dann aber kaufmän- 
nische und kolonisatorische Unternehmungen in Asien 
und Amerika; so erfolgte das Auftreten der Engländer in Indien und führte 
trotz des Friedens in Europa zu weiteren Kämpfen mit Portugal. 

1587 hatte Drake bei den Azoren einen großen portugiesischen Ostindienfahrer 
„San Felipe" aufgebracht, der eine Ladung von 2 Millionen Mark an Wert führte. Aber 
wichtiger war, daß auf ihm Papiere gefunden wurden, die genauen Aufschluß über die Art 
des Betriebes des ostindischen Handels sowie über den enormen Gewinn, den er abwarf, 
gaben; diese Umstände waren ebenso wie Karten und Segelanweisungen der indischen 
Gewässer von den Portugiesen stets geheim gehalten. Es soll dieser Fund viel dazu bei- 
getragen haben, die Engländer nach Indien zu führen. 

Schon im Jahre 1591 segelte eine erste Expedition von 3 größeren Schiffen 
unter James Lancaster nach Indien. Zwar gingen sämtliche Fahr- 
zeuge nach vielen Abenteuern verloren, aber man hatte doch das Ziel erreicht, 
verschiedene reiche portugiesische Schiffe genommen und war mit dem 
Sultan von Atchin, dem größten Feinde Portugals, in Verbindung getreten; 
Lancaster selbst kam wohlbehalten zurück. Eine zweite Expedition 1596 
hatte keinen Erfolg. Am 31. Dezember 1600 (nach Clowes 1599) erhielt 
eine Gesellschaft von Kaufleuten als ostindische Kompagnie*) 

*) Näheres in Clowes I und II, Kapitel „Voyages" ; Zimmermann II, auch besonders 
über die kriegerischen Ereignisse; die Gefechte selbst in Clowes II, ,Mihtary history*. 



Englische Freibeuterei. Die englisch- ostindische Kompagnie. 83 

den königlichen Freibrief mit verschiedenen Rechten zum Handel nach Indien. 
Im Februar i6qi (nach Clowes 1600) verließ ihr erstes Geschwader — i Schiff 
zu 600 tons, I zu 260, I zu 240 nebst 2 oder 3 Proviantschiffen — unter Lan- 
caster mit Briefen der Königin an die indischen Fürsten, besonders an den 
Sultan von Atchin, England, schloß Handelsverbindungen, gründete Faktoreien 
in Atchin und B a n t a m und kehrte September 1603 (1602) zurück. 
Eine zweite Reise derselben Schiffe (März 1604) verlief eben so günstig, beide 
warfen einen Gewinn von 95% ab; auf Fahrten 1606, 1607 und 1608 wurde 
ein noch höherer erzielt. Einige Mißerfolge abgerechnet, wuchs die Macht 
der Kompagnie schnell, besonders als man sich nach dem Festlande, zunächst 
der Westküste Vorderindiens, wandte, wo man von den bald auch in Indien 
erschienenen Holländern weniger gestört wurde; überall machte man sich 
die Unzufriedenheit der Eingeborenen mit den Portugiesen geschickt zunutze. 
1612 wurde eine Faktorei in S u r a t errichtet, Kompagnie und Regierung 
traten mit dem Großmogul in freundschaftliche Verbindung. Jahr für Jahr 
folgten sich die Reisen ; 1618 betrug die Zahl der Schiffe der Kompagnie schon 36. 
Ihre Größe war 200 — 600 tons, besonders beliebt scheinen solche zu 500 tons, 
20 — 30 Geschütze mittleren Kalibers, 200 Mann, ähnlich den Kriegsschiffen 
der Zeit, gewesen zu sein. Zusammenstöße mit den Portugiesen in wirklichen 
Seegefechten von Geschwadern zu 4 — 8 Schiffen fielen meist zugunsten der 
Engländer aus ; wenn auch die Portugiesen an Zahl und Größe der Fahrzeuge 
häufig überlegen waren und noch über die erwähnten (Seite 63) großen offenen 
Boote verfügten, so waren ihre Schiffe doch nicht so gefechtskräftig und 
wurden auch wohl weniger geschickt geführt und bedient. 

Gefährlicher wurden der Kompagnie die Holländer, die den Engländern 
nach Indien gefolgt und dort bald weit mächtiger geworden waren. Beide 
Nationen taten sich gegenseitig sowohl mit Gewalt wie durch Beeinflussung 
der einheimischen Fürsten möglichst viel Abbruch. Von 1619 an gingen sie zu 
beiderseitigem Vorteil auf kurze Zeit zusammen gegen Portugal vor: Sie 
setzten eine gemeinsame Behörde, „Council of defence", ein, organisierten eine 
Flotte von 20 gemeinschaftlich gestellten Kriegsschiffen und teilten sich in 
die Kosten der Garnisonen an Plätzen, wo sie beide interessiert waren; sie 
einigten sich über Handelsgebiete und verabredeten, den Handel nach China, 
Japan und den Philippinen — der übrigens von den Engländern bald für 
längere Zeit wieder aufgegeben wurde — gemeinsam zu betreiben. 

Wie viel mächtiger Holland war, kann man daraus ersehen, daß im Jahre 
1622 28 englischen Schiffen 83 holländische Fahrzeuge gleichzeitig auf der 
Station gegenüberstanden. So beanspruchten die Holländer denn auch, ausdem 
Vertrage den größeren Vorteil zu ziehen. Schon 1623 war die feindselige 
Stimmung schlimmer als je zuvor; im Februar dieses Jahres wurden im 
holländischen Amboina 10 dort angesessene Engländer mit ihren Dienern 
unter der Anschuldigung, sich mit den Eingeborenen gegen die Holländer 
verschworen zu haben, von diesen gefoltert und hingerichtet. Diese „A m - 
boina-Affäre*' führte zu Vergeltungsmaßregeln seitens Englands selbst in 

6* 



84 Heraustreten der Engländer und Holländer in die Ozeane. 

den europäischen Gewässern und sollte später einer der Gründe des ersten 
holländisch-englischen Krieges werden. 

In den nächsten Jahren erzielte die englisch-ostindische Kompagnie 
eigentlich nur Erfolge -den Portugiesen gegenüber. Ihnen wurde ein Handels- 
gebiet nach dem andern, besonders auf dem Festlande, abgenommen.*) 
Der schwerste Verlust wurde ihnen aber dadurch zugefügt, daß man 1622 
die Perser bei der Eroberung des wichtigen Platzes O r m u z unterstützte. 
Reibungen mit Holland vermied man nach Möglichkeit, indem man seinem 
Hauptgebiet, der Inselwelt, fernblieb und dort schon Besetztes größtenteils 
wieder aufgab. 

Im Vergleich mit Holland war zu Ende des geschüderten Zeitabschnittes 
der Einfluß Englands in Indien noch gering; außer einigen Faktoreien mit 
schwachen Forts besaß die Kompagnie kein Eigentum. Von 1636 an hatte 
sie auch unter dem Wettbewerb einer zweiten Gesellschaft, der Courtenschen, 
zu leiden, die gleichfalls Rechte erhalten hatte und Faktoreien anlegte, bis 
sie 1649 mit der ostindischen Kompagnie verbunden wurde. In arge Be- 
drängnis versetzten endlich die Kompagnie, die auf eine Unterstützung aus 
der Heimat nicht rechnen konnte, die überlegenen Holländer währwid des 
ersten englisch-holländischen Krieges. Bis zu ihrer Erstarkung und Blüte 
verging noch manches Jahr. 

Das Festsetzen der Engländer in Nordamerika begann mit der gewalt- 
samen Inbesitznahme der Fischerei auf den Neufundlandbänken. Diese 
hatte sich so entwickelt, daß 1578 dort etwa 50 englische, 100 spanische, 
30 baskische, 100 portugiesische und 150 bretagnische Fahrzeuge fischten. 
Königin Elisabeth unterstützte die Hochseefischerei in jeder Hinsicht, sie 
hatte sogar 1563 angeordnet, daß jeder Engländer Mittwochs und Sonnabends 
Fisch essen solle, wie die Akte besagt, ,,zur Förderung der Fischer und See- 
leute, der Häfen und der Schiffahrt". 1583 wurde nun von Neufundland 
(St. Johns), wo schon eine Fischerkolonie bestand, feierlich Besitz genommen, 
bei Ausbruch des Krieges mit Spanien 1585 legte man auf alle spanischen 
und portugiesischen Fischerfahrzeuge Beschlag und nahm die Besatzungen 
gefangen; damit waren diese Nationen vom Fischereibetrieb ausgeschlossen. 

1584 erhielt Walter Raleigh ein Patent zur Besitzergreifung aller 
zu entdeckenden Länder in Amerika, die noch nicht im Besitz christlicher 
Fürsten seien. Seine ersten Niederlassungen in Nordcarolina (Roanoke) 
hatten aber keinen dauernden Bestand; erst als 1606 zwei Kompagnien, 
die von Plymouth und die von London, das Besiedlungsrecht für Nordamerika 
erhielten — die eine von 42® — ^45*^ N., die andere von 34° — 38®, die dazwischen 
liegende Küste war beiden zugestanden — , kam die Kolonisation vorwärts, 
wenn auch anfangs nur langsam infolge gegenseitiger Eifersucht und Kämpfe 
mit Indianern und mit benachbarten Niederlassungen der Holländer und 



♦) Es wurden z. B. Faktoreien an der Koromandelküste und in Bengalen 
gegründet. 



Englische Niederlassungen in Ostindien, Nord-Amerika, Westindien. 85 

Franzosen. Die ersten Ansiedelungen wurden an der Chesapeake-Bai (Virginia) 
und am Kennebec-Flusse (Maine) gegründet; andere Gesellschaften folgten, 
so daß bis 1635 die ganze Küste von Virginia bis Maine 
von Engländern besiedelt war, geteilt in eine Anzahl Kolonien, fast genau den 
jetzigen Küstenstaaten der Union entsprechend, mit getrennter, sogar bald 
dem Mutterlande gegenüber ziemlich selbständiger Verwaltung. Nur am 
Delaware und am Hudson bestanden, um diese Zeit noch einige holländische 
und eine schwedische Niederlassung, die erst um 1664 an England fielen. 
Im Norden der englischen Kolonien waren Acadia (Neubraunschweig und Neu- 
schottland) und Kanada in französischem Besitz, und auch Neufundland war 
nicht allein von Engländern, sondern auch von Franzosen besiedelt, so daß 
es trotz formeller Besitzergreifung zu dieser Zeit noch nicht als englische 
Kolonie angesehen werden kann. Carolina, zum spanischen Florida gehörig 
und von französischen Hugenotten aufgesucht, wurde zwar bald auch von 
Engländern, hauptsächlich von Virginien aus, bevölkert, kann aber erst vom 
Ende des 17. Jahrh. an als englische Besitzung betrachtet werden. Virginia 
und die sogenannten Neuenglandstaaten (New Hampshire, Massachusetts, 
Connecticut, Rhode Island) entwickelten sich mehr und mehr; Virginia 
besonders nach Einführung des Tabakbaues mit Hilfe von Negersklaven, 
von den Neuenglandstaaten vorzüglich die, wohin sich aus England aus- 
gewiesene Puritaner wandten, wie z. B. Massachusetts. 

Versuche Raleighs, 1594 — 1617 in Südamerika (Guayana) Nieder- 
lassungen zu gründen, und spätere hatten keinen dauernden Erfolg; erst 
1652 gelang es, hier festen Fuß zu fassen. Dagegen nahm England in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrh. noch von einigen westindischen Inseln Besitz. 
In den Jahren 1605 — 1630 wurden St. Lucia, St. Christopher (dieses mit 
Franzosen gemeinschaftlich), Barbados, Tabago, St. Martin, Nevis, Tortuga, 
Antigua besiedelt. Einige dieser Kolonien hatten anfangs viel von spanischen 
Angriffen zu leiden und gingen zeitweise wieder verloren, andere blühten 
schnell auf, so besonders Barbados. Die für die Zukunft wichtigste 
Besitzung in Westindien erlangte England 1655 durch Eroberung der lang- 
begehrten Insel J a m a i c a. Auf dem Wege nach Amerika ist auch 1612 
die erste Kolonie auf den Bermudas gegründet, die sich ungestört schnell 
entwickelte und schon 1619 ihr Parlament hatte. Von hier wandte man sich 
1646 nach den Bahamas, wurde von dort aber später von den Spaniern 
wieder vertrieben. 

Holland ging, obgleich es in den europäischen Gewässern die Engländer 
überholt hatte, doch erst später als diese auf die Ozeane hinaus. Zwar soll 
schon 1585 dafür Stimmung gemacht worden sein, Spanien in seinen 
Kolonien anzugreifen, aber man getraute es sich noch nicht. Als aber nach 
der Armada-Katastrophe der eigentliche, bisher nur in den Küstengewässem 
geführte Krieg auf die offene See überging, ja sogar im Verein mit England 
an die feindlichen Küsten getragen wurde, wuchs die Zuversicht und Unter- 
nehmungslust. Die Erfolge der englischen Freibeuter und die Beeinträchtigung 



S6 Heraustreten der Engländer und Holländer in die Ozeane. 

des Zwischenhandels durch Schließen der spanisch-portugiesischen Häfen 
veranlaßte auch die Holländer, dem Beispiel der Engländer zu folgen, den 
feindlichen Handel auf dem Ozean zu stören, in den fernen Weltteilen Handels- 
verbindungen selbst zu suchen und Kolonien zu gründen. 

Die Haupterfolge errang man in Indien, wo England bald überflügelt 
wurde. 1595 unternahm CornelisHoutmanim Auftrage einer Handels- 
gesellschaft mit 4 Schiffen die erste Reise nach Indien, besuchte Java und 
Sumatra und kehrte 1597 mit 3 Schiffen zurück ; andere folgten. 1602 wurden 
die verschiedenen Gesellschaften zu einer, der ostindischen Kom- 
pagnie,*) vereinigt, die das Recht erhielt, vom Kap bis zur Magalhaes- 
straße Handel zu treiben, im Namen der Generalstaaten Bündnisse und Ver- 
träge abzuschließen, Festungen zu bauen, Mihtär zu halten und Beamte 
anzustellen. Nun folgten sich die Expeditionen Jahr für Jahr, und der Macht- 
bereich der Kompagnie wuchs ungemein schnell. 

Unter schweren Kämpfen mit den Portugiesen, die im Anfang an Zahl 
und Größe der Schiffe überlegen waren und ihnen bereits Errungenes zeitweise 
wieder entrissen, setzten die Holländer sich zunächst auf den Molukken 
fest: 1603 — 1610 erwarben sie Amboina, Banda, Tidor, Temate; 1619 wurde 
B a t a V i a gegründet und bald der Mittelpunkt der sich immer weiter auf 
der Inselwelt ausbreitenden Besitzungen. Aber auch an der Süd- und Ost- 
küste Hinterindiens gründeten sie Faktoreien und wurden 1641 durch die 
Eroberung Malakkas nun Herren der Gewässer des Malaiischen 
Archipels und des Handels dort. Sie folgten den Engländern nach Vorder- 
indien (Surat) und nach Bengalen und bedrohten dort die letzten be- 
deutenden portugiesischen Besitzungen; später (1656) gelangten sie in den 
Besitz Ceylons und einiger wichtiger Punkte der Malabarküste (Cochin 1663). 

Ihre Handelsreisen dehnten die Holländer aus nach Formosa, den 
Philippinen, China und Japan; die engUschen Versuche, in den letzten beiden Ländern 
Verbindungen anzuknüpfen, wurden bald wieder aufgegeben ; die Holländer allein haben 
während zweier Jahrhunderte Zutritt auf einer kleinen japanischen Insel bei Nagasaki 
gehabt. Wenn sie auch in China jetzt noch keinen Einlaß fanden — hier hat nur Portugal 
für lange Zeit in Macao eine Niederlassung besessen — , so wurden doch durch sie die 
östUchen Umrisse Asiens bis zu den Kurilen (1634 entdeckt) bekannt. Vom Malaii- 
schen Archipel aus berührten sie gelegenthch die Küste Neuguineas, auf ihren Reisen 
nach Indien die Westküste AustraUens, und 1642 umsegelten sie Australien und Tas- 
manien. Es ist aber auch dies nur von geographischem Interesse. Neu- 
guinea und AustraUen reizten nicht zu weiteren Unternehmungen, weshalb die Kenntnis 
von diesen Ländern wie von Neuseeland bis 1770 (Cook) unvermehrt blieb; erst 1786 
begann die Besiedlung Australiens von England aus. 

Das Verhältnis der holländisch-indischen Kompagnie zur englisch- 
indischen wurde bereits geschildert. Wenn sie nach dem Vorfall in Amboina 
zuweilen zusammengingen, wo es beiden Nutzen versprach, und ihre See- 
streitkräfte sich mehrfach zum Angriff auf die Portugiesen vereinigten, so 
wurden anderseits die Kriege der beiden Nationen in Europa auch in Indien 
zwischen den Kompagnien ausgefochten. 

*) Näheres in Zimmermann, Band V. 



Die Holländer in Indien (ostindische Kompagnie), Afrika, Nord-Amerika. 87 

Die ungeheuere Macht der ostindischen Kompagnie*) und ihr 
Wachsen in kurzer Zeit kann man aus dem Bestände ihrer Schiffe ersehen. In den ersten 
fünf Jahren des Bestehens der Kompagnie gingen 40 Schiffe nach dem Osten ab; 16 16 
besaß sie 45 größere Schiffe und viele kleinere; 1622 waren in Indien 83 Fahrzeuge, und 
zwar 52 Schiffe, 18 Jachten, 13 Fregatten (Ruderboote wie die der Portugiesen, Seite 63), 
folgendermaßen verteilt: 16 vor Batavia; 8 nach den Molukken; 5 Küste Goa bis 
Surat; 2 in Bantam; 4 nach Sumatra; 3 in Surat; 16 nach China; 4 in Patang; i in 
Mokka; i in Japan; 7 Koromandel; 10 Malakkagewässer; 5 nach Manila; — 12 Schiffe 
wurden von Holland erwartet. Die Schiffe hatten eine Größe von 300 — 900 tons. 
20 — 30 Kanonen, die Jachten 100—200 tons. Die kleineren Schiffe und Fahrzeuge 
waren mehr für den Zwischenverkehr in Indien bestimmt, die größeren fuhren von und 
nach der Heimat und zeigten die Flagge von den arabischen und persischen Gewässern 
bis Japan. 

Seit 1595 hatten auch Fahrten der Holländer nach Westafrika begonnen, 
und man hatte trotz des Widerstandes der Portugiesen befestigte Faktoreien 
an der Goldküste angelegt und bald den Handel dort fast ganz in die Hand 
bekommen. Diese Forts wurden 1631 der westindischen Kompagnie über- 
geben, die schließlich die letzten Punkte der Portugiesen an der Goldküste 
und auch die Insel St. Thome sowie St. Paolo de Loanda einnahm. Die 
beiden letzten Eroberungen mußten jedoch 1648 zurückgegeben werden, Holland 
hielt sich aber schadlos, indem es 1652 das K a p 1 a n d , das zwar von Portugal 
beansprucht, aber nie besiedelt war, als einen wichtigen Stützpunkt für die 
Fahrten nach Indien besetzte. 

Auch in Ostafrika beunruhigte man die portugiesischen Kolonien, 
die so schon im Anfang des 17. Jahrh. viel von Türken und Eingeborenen 
zu leiden hatten ; ein Versuch 1607, sich in Mozambique gewaltsam festzusetzen, 
gelang jedoch nicht. 

Nach Nordamerika wandte sich Holland 1609. Hudson machte seine 
erste Reise zur Erforschung eines Nordwestweges im Dienst der holländisch- 
ostindischen Kompagnie und erforschte dabei besonders die Küste beim 
Delaware- und Hudson-Flusse. An beiden Flüssen gründeten bald darauf, 
trotz englischen Einspruchs, Amsterdamer Kaufleute Niederlassungen mit 
Forts — der Ursprung der jetzigen Staaten New Jersey und New York — , der 
ganze Küstenstrich wurde Neu-Niederland genannt. Diese Kolonie wurde 
der holländisch-westindischen Kompagnie unterstellt und war ein wichtiger 
Stützpunkt für die Kreuzer gegen den spanischen Handel. Anfangs wuchs 
sie nur langsam und konnte selbst ein Niederlassen der Schweden 1635 an 
der Mündung des Delaware nicht hindern. Infolge der Erlaubnis der Ein- 
wanderung von Kolonisten aller Völker hob sie sich dann und vertrieb 1655 
die Schweden, fiel aber doch schon 1664 den Engländern zu. 



*) de Jonge, Teil I Seite 213 ff., sowie Beilage ;^2 gibt nähere Angaben: über den 
Schiffbestand zu verschiedenen Zeiten; über oft bedeutende Gefechte mit den Portu- 
giesen in Indien sowie auch auf den Reisen nach Indien mit den Spaniern im Atlantik 
und an der Westküste Amerikas, wo die Holländer jetzt der Schrecken der spanischen 
Kolonien geworden waren. 



88 Auftreten der Holländer in Westindien und Süd- Amerika. 

Von weit größerer Bedeutung aber und den Spaniern sowie Portugiesen 
gefährlicher war das Auftreten der Holländer in Südamerika, Westindien 
und sonst im Atlantik, als man den Krieg auf das offene Meer übertrug 
und den spanischen Handel angriff. Schon von 1604 an, also gerade als die 
größeren englischen Raubzüge aufhörten, suchten holländische Geschwader 
besonders die brasilianische Küste auf. Um 162 1 wurde die holländische 
westindische Kompagnie gegründet mit demselben Zweck wie 
die ostindische, hauptsächlich aber, um in organisiertem Seeraub mit starken 
Geschwadern den Verkehr des Feindes mit seinen Kolonien zu stören und 
zu unterbinden. Da der Reichtum Hollands in den letzten Jahren sehr zu- 
genommen hatte, wuchs sie noch schneller als ihre ältere Schwester in Ost- 
indien.*) 

Schon in den Jahren 1624 und 1625 war sie imstande, vier Flotten in See zu schicken, 
die zusammen aus 72 Schiffen mit 1200 — 1300 Geschützen und 9000 Seeleuten und 
Soldaten bestanden. In den Jahren 1623 — 1636 hat sie mehr als 800 Schiffe mit 62000 
Mann teils für Handels zwecke, teils — die größeren — nur für Kriegszwecke auslaufen 
lassen; der Bestand an Mannschaften war oft für längere Zeit 24000 Mann. Welchen 
Schaden diese Kräfte dem feindüchen Handel zufügten, ersieht man daraus, daß während 
dieser 13 Jahre mehr als 600 feindhche Kriegs- und Handelsschiffe genommen wurden, 
darunter z. B. 1623 30 Brasiüenfahrer und 1628 die ganze Silberflotte, die dem Admiral 
Pitt Heyn vor Havanna in die Hände fiel. 

Auch die Schiffe der westindischen Kompagnie waren, ähnlich der ostindischen, 
aber teilweise schwerer armiert, Fahrzeuge von 200 — 1000 tons, 10 — ^44 Geschützen, 
60 — 250 Mann ; die Hauptkraft bestand aus solchen von 500 — 700 tons, 30 — ^40 Geschützen, 
200 Mann. Die Schiffe der Kompagnien waren zum großen Teil größer als die damaligen 
hollandischen Kriegsschiffe. 

Einige der Antillen wurden 1625, und 1634 C u r a 9 a o besetzt, 
auch in Brasilien wurde ein größeres Kolonialreich geplant. Eine der 
erwähnten 4 Flotten — 23 Segel, 500 Geschütze, 1600 Mann — hatte 1624 
Bahia erobert; 1625 wurde diese Stadt zwar durch eine spanisch-portugiesische 
Flotte von 67 Segeln mit 12 000 Mann zurückgewonnen, aber 1630 faßte 
eine neue holländische Expedition**) in Pernambuco (Olinda, Recife) 
wieder Fuß. Von hier aus wurde in den nächsten Jahren ein großer Teil 
der Küsten Brasiliens erobert und eine Kolonie, Neu-HoUand mit der Haupt- 
stadt Recife, gegründet, die aber infolge des schwachen Zuzugs von 
holländischen Kolonisten nicht lange bestand. Als 1640 Portugal wieder frei 
von Spanien und damit ein Verbündeter Hollands wurde, begann man, die 
militärischen Ausgaben für die Kolonie einzuschränken. Die von England 
geschürte Gärung unter den nie bezwungenen Urkolonisten nahm zu und 
offene Empörung brach aus. In jahrelangen Kämpfen vertrieben die Em- 
pörer, von Portugal heimlich unterstützt, nach und nach die Holländer, 



•) de Jonge I Seite 217 ff., Beilage 11. Nähere Angabe über Größe, Armierung» 
Bemannung der Schiffe, über Zusammensetzung der Flotten und einige ihrer Haupt- 
taten. 

♦♦) Ihre Ausrüstungskosten wurden durch einen Teil der Schätze der erbeuteten 
Silberflotte bestritten. 



Heraustreten der Franzosen in die Ozeane. 89 

bis diese, auch noch durch den ersten englisch-holländischen Krieg behindert 
und geschwächt, im Januar 1654 die letzten Posten an Portugal zurückgaben. 

Auch an der Nordküste Südamerikas, in Guayana, wurden in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrh. einige Niederlassungen gegründet; die wichtigsten 
lagen am Essequibo und Berbice, also im jetzigen Britisch-Guayana, während 
die ersten englischen Niederlassungen im jetzigen niederländischen Surinam 
entstanden. Die Besitzverhältnisse in Guayana haben sich in den nächsten 
200 Jahren infolge der vielen Kriege zwischen Holländern, Engländern und 
Franzosen beständig verschoben. 

Auch Frankreich hatte mit überseeischen Unternehmungen begonnen, 
wenn auch nicht in demselben Umfange wie die HoDänder. Franzosen waren 
schon im Mittelalter an den Fahrten nach den wiederaufgefundenen Kanarischen 
Inseln beteiligt. 1402 gründete ein Hofbeamter Karls VI. dort ein kleines 
Staatswesen; französische Seeleute aus Dieppe und Ronen haben um die 
Mitte des 14. Jahrh. die Westküste Afrikas besucht und Faktoreien angelegt, 
aber innere und äußere Kriege ließen alles wieder verfallen. Nach, allerdings 
nicht beglaubigten, Überlieferungen soDen die Franzosen vor den Portugiesen 
und Engländern Brasüien und Neufundland entdeckt haben; sicher ist, daß 
sie seit Anfang des 16. Jahrh. beide Länder besuchten. In Brasilien 
wurden bei Bahia Ansiedelungen gegründet, aber 1516 von den Portugiesen 
zerstört; der schon lebhafte Handel ging jedoch, wenn auch unter Kämpfen 
mit den Portugiesen, weiter. Ebenso scheiterten die ersten Versuche des 
Entdeckers Cartier 1535 und 1541, in Kanada (Quebec) Fuß zu fassen; 
eine 1555 auf Admiral Colignys Anregung gegründete Kolonie in Rio hielt 
sich nur bis 1566 und eine solche an der Küste von Florida (1562) wurde bald 
(1565) von den Spaniern zerstört. Die Grausamkeit, die die beiden südlichen 
Nationen bei diesen Gelegenheiten, wie beim Vorgehen gegen den französischen 
Handel überhaupt, zeigten, hatte zur Folge, daß die französischen Seeleute 
der Bretagne (vorzüglich Dieppes) und der Gascogne auf spanische und 
portugiesische Schiffe Jagd machten, wo sie nur immer konnten; aus ihnen 
vor allem entstanden die F 1 i b u s t i e r. 

Größere überseeische Unternehmungen ruhten während des Religions- 
krieges in Frankreich, und auch der Seehandel ging zurück, nur die Korsaren 
und die Hochseefischer an der Küste Amerikas setzten ihre Gewerbe fort. 
Unter Heinrich IV. wurden neue Versuche mit einigem Erfolge gemacht, 
indem 1605 die erste Niederlassung von dauerndem Bestände in Kanada 
(Quebec) und in Neu- Schottland (Port Royal an derFundybai, jetzt Annapolis 
genannt) gegründet wurden, aber erst unter Richelieu nahmen diese 
Unternehmungen größeren Umfang an. Die Ansiedelungen in Neu- Schottland 
und Neu-Braimschweig, zusammen Acadia genannt, und in Kanada mehrten 
sich, und man erforschte das Gebiet um und südlich von den kanadischen Seen. 
Zu einer rechten Blüte kamen diese Kolonien immer noch nicht, zum erfolg- 
reichen Kampf mit den Indianern und den benachbarten Engländern wurden 
sie zu schwach besiedelt. 



go JDie Franzosen in Westindien und Afrika. Dänen und Schweden. 

Die Gesellschaften, von denen die Kolonisation betrieben werden sollte, 
gaben der damaligen Volksneigung entsprechend mehr auf den Pelzhandel, 
als auf Anlage fester Siedelungen. Erst unter C o 1 b e r t , in der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrb., bevölkerten sich diese und gewannen an Bedeutung ; nun begannen 
die langdauemden Kriege mit den englischen Nachbarkolonien. 

Richelieu hat aber sein Augenmerk auch wieder auf die südlichen Meere 
gerichtet, und hier hatte Frankreich schon zu seiner Zeit größeren Erfolg, 
nämlich in Westindien. Schon 1625 setzten sich Franzosen auf St. Christopher 
fest und vertrugen sich dort mit den Engländern, auch kehrten beide zusammen 
zurück, als sie 1629 von den Spaniern vertrieben waren. Nach verschiedenen 
anderen Gesellschaften trat 1635 die westindische Kompagnie 
(Compagnie des lies de l'Amerique) ins Leben, und dieser gelang es bald, 
Martinique und Guadeloupe zu besetzen. Eine andere Gesell- 
schaft hatte in Guayana, 1626 am Sinnamuri, 1634 ^^ Cayenne Fuß gefaßt, 
und von hier aus wurde die Kolonisation Surinams begonnen. Zu den schon 
erwähnten Antillen traten von 1643 — 165 1 noch die Inseln St. Lucie, Marie 
Galante, St. Barth^l^my, Grenada und andere; um 1683 zählte man 40000 
Weiße im französischen Westindien. Französische Abenteurer ließen sich 
auf der Nordküste Domingos und der benachbarten Insel La Tortue als 
Boucaniers oder Flibustier nieder. 

In Afrika war 1626 eine Faktorei am Senegal errichtet, etwas später 
bildeten sich Handelsgesellschaften nach Sierra Leone und Guinea, alle diese 
Unternehmungen betrieben in erster Linie Sklavenhandel. Endlich wurden 
auch die ersten Beziehungen mit Indien angeknüpft. Schon 1529 war eine 
Reise nach den Molukken gemacht worden; seit 1604 folgten nacheinander 
Handelsuntemehmungen verschiedener Gesellschaften nach Indien. 1642 be- 
günstigte Richelieu die Bildung einer Kompagnie; ihr Versuch, sich auf 
Madagaskar niederzulassen, wurde jedoch bald für fast ein Jahrhundert 
wieder aufgegeben (Fort Dauphin bis 1672). Auch die Versuche Colberts, 
unter dem die ersten Faktoreien und Niederlassungen in Surat, Pondich^ry, 
Tonkin, Ceylon und auf der Insel Bourbon angelegt wurden, hatten noch 
keinen großen Erfolg und schufen nur den Grund für den späteren Kolonial- 
besitz im fernen Osten. 

Die Versuche anderer kleiner Staaten, überseeisch aufzutreten, sind von 
keiner Bedeutung für unsere Betrachtungen geworden, da ihnen die Unter- 
stützung einer ausreichenden Seemacht fehlte. Von Dänemark aus wurde 
eine Niederlassung an der Koromandelküste (Trankebar 1620) gegründet, 
Schweden, schon am Delaware erwähnt, besaß kurze Zeit eine Faktorei 
an der Goldküste und unterhielt auch eine Zeitlang direkte Verbindung mit 
China. Beide Nationen gingen nach den Antillen; Dänemark nahm einige 
der Jungfern-Inseln (St. Thomas) in Besitz, aber im allgemeinen blieben sie 
doch darauf angewiesen, ihre Kolonialwaren durch England und Holland 
zu beziehen, und auch ihr Handel im Mittelmeer, der aufzublühen begonnen 
hatte, ging unter dem Wettbewerb genannter Nationen bald zurück. Die 



Seeraub. Die Korsaren der Barbaresken. 



91 



Bestrebungen des weitsichtigen Großen Kurfürsten, auch Branden- 
burg Kolonialbesitz zu sichern, fallen erst in den nächsten Zeitabschnitt. 



Die Unsicherheit auf den Meeren**) 

Zum Verständnis mancher Verhältnisse und Vorfälle, die uns später 
begegnen werden, müssen wir einige Punkte berühren, die auch von Einfluß 
auf Schiffe und Seeleute in diesem Zeitabschnitt gewesen sind : der Seeraub, 
die Freibeuterei und das Konvoiwesen. 

Von alters hergab es dort, wo die Seefahrt blühte, Seeräuber; schon im 
Altertum wurde das Beispiel aufgeführt, daß Rom (67 v. Chr. unter Pompejus) 
eine ungeheuere Flotte aufstellte, um dem Treiben der cilicischen Seeräuber, 
die den Handel im Mittelmeer völlig lahmlegten, ein Ende zu machen, und 
bei der Besprechung der kriegerischen Ereignisse im Mittelalter ist auf das 
Unwesen des Seeraubes an allen Küsten und in allen Meeren Europas hin- 
gewiesen. Mit der Zunahme der Schiffahrt trat der Seeraub auch auf die 
Ozeane hinaus. In diesem Zeitabschnitt war eine Hauptaufgabe der Flotten 
aller Staaten, ihn zu unterdrücken, zunächst wenigstens in den eigenen 
Gewässern. Die Geschichte der englischen Marine zeigt, wie die Regierung 
schon vom Mittelalter an bestrebt ist, durch Gesetze und mit Hufe der kleinen 
Seekriegsmacht, die jährlich mit Beginn der Seefahrt aufgestellt wurde, 
Sicherheit in ihren Meeren zu schaffen. Sie hatte es dabei nicht nur mit 
Seeräubern fremder Völker — französischen, flämischen, holländischen, 
schottischen — zu tun, sondern auch mit eigenen Untertanen; es gab in 
allen Ländern zahlreiche Individuen, die auf See und an den Küsten das 
Eigentum anderer, selbst eigener Landsleute, nicht achteten; ja, es herrschte 
dieses Unwesen fast allgemein. 

Wenn nun auch dieser mittelalterlich-barbarische Zustand und damit 
der Seeraub im allgemeinen in den Küstengewässern nach und nach eingeschränkt 
wurde — es wird übrigens noch zu Anfang des 17. Jahrh. über englische und 
schottische Seeräuber an den eigenen Küsten geklagt, denen Fischerboote 
und kleinere Fahrzeuge zum Opfer fielen — , so blieb doch das Unwesen auf 
offenem Meere bestehen. Bei dem Mangel an großen stehenden Marinen 
war hier die Durchführung einer Seepolizei noch nicht möglich. Der See- 
raub wurde nicht nur von einzelnen Schiffen, sondern auch von Gemeinwesen 
betrieben, sogar von solchen, die sich eigens zu diesem Zweck bildeten. 

Das Mittelmeer und der Ost-Atlantik waren der Schauplatz der Schiffe 
und Flotten der Barbaresken-Staaten, ,,K o r s a r e n" ge- 
nannt. Stets, vorzüglich aber seitdem sich die Osmanen der Länder Marokko, 
Tunis, Algier und Tripolis bemächtigt hatten, wurde von hier aus der Seeraub, 



♦) Quellen: Clowes, an verschiedenen Orten unter: pirates, privateers u. dgl. ; 
ferner siehe im Quellen Verzeichnis die Werke über „Barbareskenstaaten", „Flibustier" 
„Bucanier", „ Konvoi wesen". In Pereis: „Internationales Seerecht", ^^-ird Seeraub, 
Kaperei usw. juristisch behandelt. 



Q2 Die Unsicherheit auf den Meeren. 

verbunden mit der Jagd nach Christensklaven, organisiert betrieben. Die 
Korsaren bedrohten Meere und Küsten bis zum Kanal. 

1 609 — 1 6 1 6 wurden 466 englische Schiffe von ihnen genommen, 1 62 5 allein in i o Tagen 
25 nach Plymouth bestimmte Fahrzeuge. Sie landeten an englischen Küsten, brand- 
schatzten und schleppten Menschen als Sklaven weg ; eine englische Kompagnie erlitt 
in wenigen Jahren durch sie eine Einbuße von 40000 Lstrl. ; der hollandische Handel 
verlor von 1641 — 1650 jährlich eine Million Gulden allein für die Schiffahrt nach dem 
Mittelmeer, allerdings einschließlich des Schadens durch französische Freibeuter im 
Kanal ; 1627 kreuzte eine Barbareskenflotte von 30 Segeln im Atlantik, und 1640 erschienen 
gar 60 Schiffe an der Südküste Englands. 

Ihre Schiffe waren leicht und schnell segelnd, schwach armiert, aber für 
den Enterkampf stark bemannt; viele ihrer Prisen stellten sie ein, indem sie 
diese durch Rasieren des oberen Decks und Herausnehmen mancher Verstär- 
kungen und Verbände leichter machten. 

Schon im Mittelalter unternahmen die italienischen Städte große Kriegs- 
züge gegen die Raubstaaten ; die Reiche der Pyrenäischen Halbinsel, Franzosen, 
Engländer und Holländer folgten hierin, aber lange Zeit hindurch ohne 
andauernde Erfolge. Erst als während der Seekriege zu Ende des 18. Jahrh. 
stets große Kriegsflotten im Mittelmeere tätig waren, wurde dem Unwesen 
ein Ende gemacht, aber selbst noch im 19. Jahrh. war ein Einschreiten euro- 
päischer Flotten nötig. Die Türken verwendeten die Flotten der Raubstaaten 
und deren Führer in ihren älteren Kriegen. 

Der aufblühende Handel nach und in den amerikanischen Gewässern 
verlockte auch hier zum Seeraub. Wir haben schon erwähnt, daß namentlich 
Seeleute der Bretagne und Gascogne, erbittert über das grausame Auftreten 
der Spanier gegen französische Kolonisationsversuche, spanische Schiffe auf- 
brachten, wo sie konnten. Solche französischen Abenteurer ließen sich im Anfang 
des 17. Jahrh. auf der Insel St. Christophe in Westindien nieder, gingen aber 
schon 1630 wieder nach der Nordküste von Domingo und der benachbarten 
kleinen Insel Tortue. Von hier aus betrieben sie den Seeraub im großen. Sie sind 
bekannt unter dem Namen Flibustier — wahrscheinlich nach ihren 
schnellen Schiffen : fly-boats ; flibots — oder B u k a n i e r — da sie anfangs 
auf Domingo verwildertes Rindvieh jagten, das Fleisch dörrten (bukanierten) 
und mit den Fellen Handel trieben. Bald erhielten sie Zuzug durch Seeräuber 
anderer Nationen — Engländer und Holländer — , die während der andauern- 
den Kriegje dieser Länder fnit Spanien auftraten und einen Vereinigungspunkt 
suchten. So entstand eine Seeraub-Republik, in der sich die Tapfersten zu 
Anführern emporschwangen. Von Frankreich und auch oft von England 
unterstützt, um sie in eigenem Interesse zu verwenden, wurde sie eine den 
Spaniern furchtbare Macht, die Handel und Küstenstädte auf das schwerste 
schädigte. Als die Flibustier in den englisch-französischen Kriegen auf Seiten 
Frankreichs den Engländern unbequem wurden, verfolgten auch diese sie, 
und es ging mit ihnen abwärts, bis sie, später von allen Seemächten unter- 
drückt, mit dem Wachsen der stehenden Marinen im Anfange des 18. Jahrh. 
ganz verschwanden. 



Flibustier. Freibeuter und Kaper. 03 

• 

Wie groß das Seeräuberunwesen in Westindien gewesen ist, ergibt sich daraus, 
daß die Spanier, als sie 1630 einmal mit einer Flotte von 20 großen Kriegsschiffen gründlich 
aufräumten, in kurzer Zeit gegen 2300 Gefangene, englischer, französischer und hollän- 
discher Abkunft, machten ; 573 Kanonen und eine Beute von 20 Millionen Mark an Wert 
fielen ihnen dabei in die Hände. 

In den asiatischen Gewässern hausten Malaien des Archipels 
und Chinesen; die Portugiesen und ihre Nachfolger mußten ihretwegen 
Flottenstationen halten; ihre völlige Unterdrückung ist ja bis in die neueste 
Zeit nicht gelungen. 

Aber nicht allein die Seeräuber machten die Seefahrt unsicher, auch die 
Kriegführung dieser Zeiten auf der See trug dazu bei. Be- 
reits ehe sich die Kriegsoperationen ganz besonders gegen den Handel des 
Gegners richteten, war es der Brauch, in Kriegszeiten den eigenen Schiffen 
die feindliche Schiffahrt preiszugeben; schon Reibungen zwischen zwei See- 
staaten führen stets gleich zur Wegnahme der feindlichen Handelsschiffe als 
Vergeltungsmaßregeln für erlittene oder vermeintlich erlittene 
UnbiU. 

Bei der Schwäche der Kriegsflotten wurden auch Kauffahrer hierzu 
berechtigt, in den älteren Zeiten wohl alle ohne Auswahl, oder sie 
beteiligten sich dem Zeitgeiste entsprechend alle von selbst an dem kleinen 
Kriege. Da sie die Freibeuterei ohne feste Normen und ohne jede 
Aufsicht betrieben, so war dies nichts anderes als Seeraub. 

Erst nach und nach bei Ausbildung eines wenigstens durch den Brauch 
verbindlichen Seerechtes und bei einer größeren Überwachung durch reguläre 
stehende Marinen entwickelte sich die gesetzmäßige Kaperei. Von 
Kaperschiffen*) dieser späteren Zeit verlangte man, daß sie einen Freibrief , auf 
die Person und auf ganz bestimmte Zeit lautend, führten, sich an genaue 
Instruktionen und streng an Kriegsgesetze und Kriegsbrauch hielten; die 
genommenen Prisen wurden prisengerichtlich behandelt. Diese Kaper 
gehörten, wie Freikorps im Landkriege, zur Kriegsmacht. 

Aber lange Zeit ist doch die Kaperei nicht viel verschieden von der 
Freibeuterei gewesen und bildete eine große Gefahr für die Schiffahrt ; die mit 
Kap)erbriefen für besondere Gelegenheiten und gegen bestimmte Feinde aus- 
gerüsteten Schiffe nahmen es nicht so genau mit der Nationalität ihrer An- 
griffsobjekte, und manche setzten ihr Geschäft auch nach dem Friedensschluß 
fort und vermehrten so die Zahl der Seeräuber. 

Außer den berühmten Beutezügen der englischen Privateers und denen 
der holländisch-westindischen Kompagnie spielen in der Geschichte der 
Freibeuterei des 16. und 17. Jahrh. einige französische Städte am 
Kanal, besonders Dünkirchen, eine Rolle. Von Dünkirchen wurde in diesem 
Zeitabschnitt während des Unabhängigkeitskrieges der Holländer auf spanischer 



*) Der Name soll von holländischen Ostindienfahrern, die zum Kap gingen, 
um feindliche Indienfahrer abzufangen, stammen, französisch corsaires, englisch 
privateers genannt. 



94 



Die Unsicherheit auf den Meeren. 



Seite durch Freibeuter ein Krieg in solchem Umfange geführt, daß er die 
Tätigkeit der holländischen Kriegsmarine fast ganz in Anspruch nahm und 
Private („neue Geusen'*) besontiere Schiffe gegen sie ausrüsteten; auch später 
in den Kriegen Louis' XIV. machten die in dieser jetzt französischen Stadt 
ausgerüsteten Kaper eine Beute von 22 Mülionen Franken. 

Gegen die Unsicherheit auf den Meeren schützte sich nun die Seefahrt 
durch das Konvoi-Wesen. Die Gefahr vor Seeräubern hat schon 
im Altertum dazu geführt, daß die Handelsschiffe sich bewaffneten und in 
größerer Zahl zusammensegelten. Die Erkenntnis, daß auch das Gemein- 
wesen unter den Verlusten der Schiffahrt mitlitt, brachte sogar die Regierungen 
frühzeitig dahin, wenigstens in Kriegszeiten das Zusammensegeln anzuordnen, 
das Alleinsegeln zu verbieten — den Konvoi-Zwang. Derartige Bestinmiungen 
findet man in Genua, den Hansastädten, England und Holland schon im 15. 
Jahrhundert. Die vielen Kriege machten diese Maßregel immer notwendiger 
und führten in einigen Staaten, so in Holland, zu Bestimmungen über die 
Mindest-Größe und -Armierung der Handelsschiffe für gewisse Fahrten; die 
Regierung verstärkte die Besatzungen durch Kriegsleute, so z. B. bei den 
Hansen, und gab besondere Konvoi- Schiffe oder richtige Kriegsschiffe als 
Bedeckung mit. Erleichtert und begünstigt wurde das Zusammensegeln 
dadurch, daß man nach entfernteren Zielen nur zu bestimmten Jahreszeiten 
segelte, namentlich im Norden Europas. Bei der lange noch mangelhaften 
Seetüchtigkeit der Schiffe wurden diese hier im Winter aufgelegt, erst bei 
günstiger Jahreszeit fuhr man ab. Da war es denn natürlich, daß — um ein 
infolge der Lage des Landes besonders kennzeichnendes Beispiel heraus- 
zugreifen — von Holland aus im Frühjahr die Schiffe gemeinsam, zuweilen 
800 — 900 Kauffahrer mit bis zu 50 Kriegsschiffen Bedeckung, nach der Ost- 
see aufbrachen und im Herbst zurückkehrten; die Schiffe, die in die Ozeane 
sollten, wurden gemeinsam durch den Kanal geführt und steuerten dann in 
Gruppen ihren verschiedenen Zielen zu; von den fernen Ländern Heimge- 
kehrte sammelten sich wiederum, ehe sie in die engen Gewässer einliefen, 
gewöhnlich bei der Insel Rh^ in der Biscaya, und segelten unter Bedeckung 
von Kriegsschiffen — meist der Flotte, die die Auslaufenden bedeckt hatte — 
heim. Ahnlich war es bei dem Betriebe der Hochseefischerei, auf deren Fisch- 
gründen außerdem ständig Kriegsschiffe weüten. 

Das Konvoi- Wesen verlor an Wert, als die Schiffe nicht mehr an die 
Jahreszeit gebunden waren und die Gefahr vor eigentlichen Seeräubern in 
den meisten Gewässern wegfiel. Es hatte ja auch große NachteUe. Der 
Handel ertrug nur ungern den Befehl, auf das Zusammenkommen eines 
Konvois mit der Befriedigung seiner Bedürfnisse zu warten; das Zeit in An- 
spruch nehmende Sammeln der Schiffe und die bestimmten Termine der 
Abfahrten erleichterten dem Feinde das Abfangen. Zu Ende des 18. Jahrh. 
hören die Konvoi-Fahrten auf. 

Die Unsicherheit der Meere zwang also zunächst zur Bewaffnung 
der Handelsschiffe, es kam aber noch ein Grund hinzu. Wir 



Konvoi-Wesen. EinfluQ auf Schiffe und Seeleute. 



95 



haben gesehen, daß sich der Handel jenseits der Ozeane nur durch Gewalt- 
maßregeln ausbreitete. Die Portugiesen mußten die arabischen Händler 
vertreiben und ihren Handel den indischen Eingeborenen aufzwingen, die 
Spanier mußten Länder erobern ; da beide dann in ihrem Bereich "die Allein- 
herrschaft im Handel beanspruchten, traten die nachkommenden Nationen 
dort auch wieder mit Gewalt auf und befehdeten sich untereinander. 
Es war dabei gleichgültig, ob die betreffenden Völker in Europa im Frieden 
oder im Kriege lebten. Den Wahlspruch Drakes (Seite 80) erweiternd, 
sagte man in England: ,,Kein Friede gilt unter der Linie" (no peace beyond 
the line), d. h, in außereuropäischen Gewässern, und diesem Grundsatze 
huldigten auch die andern Völker, Die Seefahrt wurde mithin aus offen- 
siven und defensiven Gründen bewaffnet getrieben ; die Seefahrer mußten 
auch Krieger sein. Die charakteristischsten Figuren sind wohl die englischen 
Abenteurer dieser Zeit; sie betrieben Krieg, Raub, Geschäft, Entdeckung 
und Kolonisation nebeneinander. 

Dieses Leben erzog wagemutige tüchtige, aber auch rauhe Männer. Wenn 
die Seeräuber die Besatzungen genommener Schiffe als Sklaven verkauften 
oder über die Klinge springen ließen, so haben es die Spanier in den Gewässern 
ihrer Kolonien nicht besser gemacht ; kein Wunder, wenn es die Freibeuter 
der nordischen Völker mit Gleichem vergalten. Die Achtung von Eigentum 
auf See war von alters her gering; von einzelnen der berühmten Freibeuter, 
2. B. Drake, wird deshalb besonders hervorgehoben, daß sie Privateigentum 
geschont hätten. 

Die Kauffahrteischiffe waren brauchbar auch zu Kriegszwecken, die 
wenigen Kriegsschiffe unterschieden sich anfangs kaum von ihnen; auch als 
diese häufiger gebaut wurden, ließen sich die Kauffahrteischiffe lange noch 
leicht für den Kriegsdienst verbessern. 



zfi\ i /fix A zfii i ^fii A zfii i zfii A zftk i /fi\ i zfi\ i zd\ 



f'ii?^n^'i(ieeei\^fcy(i{:''Ai^s^n' 



Zweites Kapitel. 

Schiffe, Waffen, Nautik. 

Die Schiffe von 1492—1648.*) In diesem Zeitabschnitt schreitet der Schiff- 
bau ungemein schnell vorwärts. Das Herausgehen der Seefahrt auf die 
Ozeane verlangt größere, see- und segelfähigere Schiffe, die Artillerie, die 
von nun ab schnell zur Hauptwaffe wird, führt zu wesentlichen Änderungen. 

Was hier über die Segelschiffe gesagt wird, gilt für Kriegs- und Handelsschiffe. 
Zwar werden in den Staaten des Westens und Nordens jetzt stehende Kriegsflotten 
von Segelschiffen gegründet, aber immer noch greift man im größten Maßstabe auf 
Kauffahrer zurück, um größere Flotten im Bedarfsfälle aufzustellen. Man konnte dies 
auch: Die Kriegführung bestand meist in einzelnen Schlägen, dann wurden die auf- 
gebotenen Streitkräfte wieder aufgelöst. Die Handelsschiffe, besonders die größeren, 
unterschieden sich immer noch nur wenig von den meisten Kriegsschiffen. Die Schiffe für 
große Fahrt mußten, wie wir sahen (Seite 94, 95), armiert und stark bemannt sein. 
Um die Armierung tragen zu können und um im Kampfe widerstandsfähig zu sein, 
baute man sie stärker, als rein seemännische Ansprüche erforderten. Leicht waren sie 
zum wirklichen Kriegsdienst noch mehr zu verstärken und einzurichten. Der größte 
Teil der Kriegsschiffe war nicht größer, nicht stärker gebaut und nicht wesentlich stärker 
armiert, viele waren überhaupt angekaufte Kauf fahrer ; besonders die Schiffe der großen 
Handelskompagnien in der zweiten Hälfte der Periode standen den Kriegsschiffen kaum 
nach, trieben diese Institute doch, gestützt auf ihre Schiffe, gewissermaßen eigene PoUük 
im fernen Auslande. 

Wir sahen, daß zu Ende des Mittelalters die Schiffe mit einer großen Zahl 
kleinerer Geschütze armiert waren, die auf dem Deck und in den Kastellen, 
bei größeren Fahrzeugen in mehreren Stockwerken, untergebracht waren, daß 
man aber auch schon begann, schwerere Kaliber einzuführen. Man stellte diese 
folgerichtig auf dem stärkeren, eigentlichen Schiffsdeck auf. Die so entstehende 
durchlaufende Batterie wurde durch die darüberliegenden langen Kastelle fast 
ganz eingedeckt ; sie bildet später den Maßstab für die Einteilung der Schiffe 
nach Batterien. Die leichteren Decks der Kastelle verschwinden wieder bis 
auf eins und zählen dabei nicht mit. 



♦) Hauptquellen: Arenhold; Clowes. TSil i ; Jurien: „Les marins du XVsi^cle**;de 
Jonge, Teil I; Troude, Teill; in ihnen, 1" sonders den beiden ersten, wieder Angaben 
weiterer, rein technischer Quellen. 



Entwicklung der Schiffe. nj 

Das Bestreben, noch mehr schwere Geschütze an Bord zu haben, besonders 
auch für die Breitseiten, führte zu ihrer Aufstellung an verschiedenen Stellen 
im Schiffe selbst, wo sie durch in die Schiffswände eingeschnittene Pforten 
feuerten (vgl. Skizze Seite 39). Der Einbau eines zweiten, starken durch- 
laufenden Deckes war die Folge. Dieses (lowerdeck) wurde anfangs der 
Stabihtät wegen sehr tief gelegt, um so mehr da man hier die schwersten 
Kaliber unterbrachte; es hatte dies den Nachteü, daß die Geschütze dieser 
Batterie bei Se^ang oder überhegendem Schiff häufig nicht gebraucht 
werden konnten, weil die Pforten geschlossen gehalten werden mußten- 

Wir haben Angaben über einige sehr große Kriegsschiffe der Periode, 
woraus wir die allmähliche Vermehrung der Artillerie an Zahl und KaUber- 



Englisches Kriegsschiff „Henry Grace 4 Dieu". 

Stärke gut ersehen und auch entnehmen können, in welchem Maße die Ge- 
fechtskraft in den Breitseiten wächst. Der englische „Regen t", 1489 
vom Staf)el, angeblich nach einem französischen Muster, ,,Colombe", 600 tons, 
gebaut, führte 225 ganz leichte Geschütze — serpentines, Kaliber 1,5", Geschoß- 
gewicht Yz Pfund — auf dem Hauptdeck und in den Kastellen. Als Ersatz 
desselben, er verbrannte 1512 in einem Gefecht bei Brest, wurde der „H e n r y 
Grace k Dieu" (im Volksmund „Great Harr y") erbaut, 1514 vom 
Stapel. Seine Armierung bestand aus 13 schwereren Geschützen (i8-Pfünder 
bis 42-Pfünder) auf einem zweiten, tiefer liegenden Deck und 8 Geschützen 
■(3-Pfünder bis 9-Pfünder) sowie einer sehr großen Anzahl kleinerer auf dem 
Hauptdeck und in den Kastellen; Besatzungsstärke 700 Mann. 

Da dieses Schiff als ein epochemachendes gilt, ähnliche Schiffe aber auch in anderen 
I4ndern gebaut wurden, x. B. in Frankreich „La Cordillöre", sei die Armierung näher 

Rittoicyir, Seekiicic. 7 



gS Schiffe, Waffen, Nautik von 1492 — 1648. 

aufgeführt: 4bastard cannons (etwa 42-Pfünder), 3 demi cannons (32-Pfünder), 2 cannons 
Petro (24-Pf ünder), 4culverins ( 1 8-Pfünder) auf dem zweiten tieferen Deck ; 2 demi culverins 
(9-Pfünder), 4 sakers (6-Pfünder), 2 falcons (3-Pfünder) als „schwerere'* Geschütze auf 
dem Hauptdeck — alles Bronzegeschütze — und ferner auf Hauptdeck und in den 
Kastellen 14 portpieces, 4 slings, 2 demishngs, 8 fowlers, 60 bassils, 2 toppieces, 40 hau- 
shotpieces, 100 handguns; über das Wesen dieser kleinen Feuerwaffen vgl. Seite 104 
Die Besatzung setzte sich zusammen aus 301 mariners, 50 gunners, 349 soldiers. 

Auch der Fortschritt der Takelage ist an diesen Schiffen zu erkennen. 
Beim „Regent" wird zum ersten Male ein Bramsegel im Großmast erwähnt; wie 
die Abbildung auf Seite 97 zeigt, hatte „Great Harry" vier Masten mit Stangen 
und Bramstängen, Fock und Großmast mit Mars- und Bramsegeln, 2 Besahns- 
masten mit mehreren Lateinsegeln übereinander. Der Fockmast steht noch 
ganz vom, das Bugspriet führt noch keine klüverartigen Vorsegel, jedoch 
ist unter ihm ein großes viereckiges Raasegel hinzugekommen, und zu seiner 
Bedienung oder vielleicht noch mehr in Anlehnung an die Form der Galeren 
ein weitvorragendes Gallion (siehe auch Büd S. loi) erschienen. Der zweite 
Besahnsmast steht ganz hinten, um beim Segeln die ungünstige Wirkung 
des großen Gallions sowie des vorstehenden Vorkastells auszugleichen. 

Kriegsschiffe in dieser Größe gab es aber nur wenige. Die englische Marine 
zählte 1522 nur 5 Schiffe über 500 tons — 550, 600, 650, 800, 1000 — ; im Jahre 
1548 nur 6 über 500 tons und, einschließlich dieser, etwa 10 über 400 tons 
(nach ihrer Größe mit 10 — 21 schwereren und 40 — 100 leichteren Geschützen 
armiert) in einer Gesamtzahl von etwa 54 Kriegsschiffen. Die Besatzung 
betrug bei 1000 tons = 700 Mann, 700 tons = 400, 500 — 600 tons = 300, 
400 tons = 250 Mann. 

Die großen Kriegsschiffe dieser Zeit mit ihrer Anhäufung von Geschützen 
in den Kastellen besaßen, wie schon mehrfach angedeutet, nur geringe Segel- 
und Seefähigkeit. Ihrer geringen Stabilität wegen konnte die ohnehin noch 
unvollkommene Takelage nur niedrig sein ; infolge ihrer hohen und vorragenden 
Kastelle oben und ihrer plumpen Formen unter Wasser trieben sie stark und 
konnten nicht aufkreuzen. So waren sie bei stürmischem Wetter in besetzten 
Gewässern sehr gefährdet, im Kanal und der Nordsee zur Winterzeit bei den 
langen dunklen Nächten kaum brauchbar. 

Die Segelschiffe überhaupt waren noch so unvollkommen, daß man im Norden 
im Winter die Schiffahrt einstellte, daß bis ins 17. Jahrh. Flotten häufig die Ausführung 
wichtiger Aufgaben wegen widrigen Windes oder stürmischen Wetters aufschoben oder 
fallen ließen, weil sie gezwungen waren, im Hafen zu bleiben oder dahin zurückzukehren. 
Die großen Kriegsschiffe standen in dieser Hinsicht den Kauffahrem und einfacheren 
kleineren Kriegsschiffen sogar nach, denn diese — und zwar wohl alle unter 700 — 800 tons 
— besaßen nur eine Batterie auf dem Hauptdeck und niedrigere Aufbauten, hatten 
somit den Vorteil einer günstigeren Takelage. Jurien nennt, nach dem Ausspruch eines 
Autors von 1643, die größten Schiffe „Schreckgebilde" (^pouvantail, Vogelscheuche) 
für den Feind, aber selbst sehr gefährdet. 

Die Zahl der großen Kriegsschiffe wächst denn auch aus diesem Grunde 
im Norden zunächst sehr langsam, trotz der ungeheueren Zunahme der See- 
fahrt. In Spanien und Portugal baute man schon früher weit mehr große 



Entwicklung der Schiffe. gg 

Schiffe. Bei der Armada 1588 befanden sich unter 128 Fahrzeugen, von denen 
etwa loO als Kriegsschiffe anzusehen sind, 40 Schiffe über 600 tons gegen 
8 englische unter 34 Kriegsschiffen. Die spanische Seefahrt wurde aber auch 
im allgemeinen unter günstigeren Wind- und Wetterverhältnissen, zu günstiger 
Jahreszeit nachiind von Westindien, betrieben und ihre Schiffe waren nach Aus- 
spruch von Zeitgenossen mehr für Handels- als Kriegszwecke geeignet, d. h. 
schwächer und leichter armiert ; allerdings hatten gerade sie sehr hohe Aufbauten. 

Die englische Marine besaß zu Ende der Regierung Elisabeths 1603 
aber doch schon 2 Schiffe zu 1000 tons und 500 Mann, 3 zu 900 tons und 400 
bis 500 Mann, 3 zu 800 tons und 400 Mann, 2 zu 700 tons und 300 — 350 Mann 
mit 34 — 38 schweren Geschützen — „schwere-*' immer noch vom 3-Pfünder 
an gerechnet — und bis zu 30 leichten, femer 8 Schiffe zu 500 — 600 tons und 
250 Mann mit 26 — 36 schweren und bis zu 24 leichten Geschützen in einer Ge- 
samtzahl von 42 Kriegsschiffen. Die Fahrzeuge werden von 700 tonä auf- 
wärts zwei Batterien gehabt haben. 

Während der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. wurden Verbesserungen 
eingeführt, welche die Segel- und Seefähigkeit erhöhten. Die Takfelage 
wurde wesentlich verbessert: Mars- und Bramsegel wurden größer,' die 
Stangen zum Streichen eingerichtet ; Leesegel traten auf, und auf der Spitze 
des Bugspriets erschien ein kleiner Mast mit Raasegel; der Besahnsmast 
erhielt Raasegel über dem untersten großen Lateinsegel; der vierte Mast fiel 
auch auf den größten Schiffen weg, da er infolge Änderung des Schiffskörpers 
entbehrlich geworden war. 

Mit der zunehmenden Verwendung schwererer Geschütze nahm die Zahl 
der leichteren ab, wie aus den Angaben für 1603 zu ersehen ist; die schwereren 
wurden immer mehr im Schiffsrumpf aufgestellt. Es verschwinden die mehr- 
etagigen und vorspringenden Kastelle, sie gehen als Back (Vordeck, fore 
Castle) und Halbdeck (Achterdeck, quarterdeck) in den Schiffskörper über. 
Vordeck und Halbdeck bleiben armiert und überdecken, wie es früher die 
Kastelle taten, die Batterie des Hauptdecks bis auf den Teü zwischen Fock- 
imd Großmast. Das Heck bleibt noch hoch, da achtem auf dem Halbdeck 
meistens eine Kampagne zu Unterkunftszwecken erbaut wird ; nur auf deren 
Deck und zuweUen auf einem schwachen über der Back führt man noch ganz 
leichte Geschütze. Später werden dann oft Vordeck und Halbdeck an den 
Schiffsseiten miteinander verbunden, um den Verkehr von vorn nach hinten 
sowie die Bedienung der Takelage zu erleichtem. So entsteht ein volles 
neues Deck, das Oberdeck (upperdeck) und deckt die Batterie des Hauptdeckes 
völlig ein; auf ihm lagern vor dem Großmaste mittschiffs die großen Boote 
und die Reserverundhölzer. Das bisher tief liegende zweite Batteriedeck wird 
höher gelegt, und gegen das Ende des Zeitabschnittes erscheint bei den größten 
Schiffen ein drittes Batteriedeck (lower deck), das zweite wird dadurch zum 
Mitteldecke (middle deck).*) 



*) Die Anordnung der verschiedenen Decke zeigt die schematische Skizze Seite 169. 

7* 



lOO Schifie, Waffen, Nautik von 1493 — [648. 

Als Beispiele für diese Entwicklung dienen wieder zwei hervorragende 
Bauten: „Roy a IPr in c e" löiovom Stapel und „Roy a ISovereign" 
1637; in ihnen sehen wir die 
nahezu fertigen Typen der so- 
genannten Zweideckerund 
Dreidecker, die fast zwei 
Jahrhunderte hindurch die 
Schlachtschiffe — Linienschiffe — 
bildeten. 

„Royal Prince": 1187 tons, Kiel- 
läoge 1 1 $', Breite 43', Tiefe 16', 
500 Mann, 55 Geschütze in zwei 
gedeckten Batterien und auf dem 
Halbdeck. 

„Royal Sovereign" (eigentlich 
„Sovereign of the Seas"); 1683 tons, 
Kiel 167', Länge über alles 167 '/i', 
f^ Breite 48 y,'. Tiefe 19 y^', 600 Mann, 

^ nominell 100 Geschütze folgender- 

S' maßen aufgestellt: 

2 Unterete Batterie 

g, Breitseite ... 20 cannons 

B. Bug 4 demi cannons 

^ Heck 4 .. 

I; Mittel-Batterie 

Ä Breitseite 24 culverins 

-H ^"8 2 " 

»■ Heck 4 

gj Oberste Batterie 

■< Breitseite ... 24 demi culverins 

Z. Bug . . 2 „ 

51 Heck .... 2 „ 

8 Oberdecks-Batterie 

-" Vordeck ... 10 demi culverins 

Halbdeck . . . 8 „ 

Das Schiff wurde 1652 zum Zwei- 
decker rasiert, da es zu rank war. 

Man sieht, daß die kleinen 
Geschütze — selbst die kleineren 
Kaliber, die früher zu den 
schwereren gerechnet wurden, 
3 — 6-Pfünder — verschwunden 
sind, jedenfalls sind solche Ge- 
schütze bei der Gesamtangabe 
der Armierung nicht mehr mit- 
gezählt, in den Quellen wird ihre 
Zahl gar nicht erwähnt. 



Die cTBleii Zwei- und Dxeidecker. lOl 

Im Jahre 1649 besaß die englische Marine : die beiden eben behandelten 
Schiffe über 1000 tons; 10 von 800—900 tons, 40 — 44 Kanonen; 5 von 700 
bis 800 tons, 40 — 50 Kanonen; 10 von 500 — 700 tons, 30^38 Kanonen, ins- 
gesamt 70 Kriegsschiffe. Die Zahl der großen Schiffe hat also gegen 1603 
zugenommen, aber ihr Verhältnis zur Gesamtzahl ist nahezu dasselbe geblieben. 
Die zwei größten Schiffe, zwar sehr viel größer geworden gegen die 1000 tons- 
Schiffe von 1603, stehen wieder vereinzelt da; die Seeeigenschaften sehr großer 
Schiffe ließen eben immer noch zu wünschen übrig. Auch die Armienmg ist 



Englisches Kriegsschiff „The Sovereign of the Seas". 

durchweg stärker geworden — die Kanonen werden nur noch wie beim „Royal 
Sovereign" gezählt — und die vorstehend aufgeführten Schiffe, also alle 
über 30 Kanonen, werden Zweidecker gewesen sein, wenigstens soweit sie in' 
den letzten Jahren erbaut gewesen sind, was bei den meisten der Fall war. 
In England wird dies mit dem zunehmenden Bau von Kriegsschiffen für 
die Schlachtschiffe Regel. 

Im Anfang des nächsten Zeitabschnittes baute man in England noch kleinere 
Schiffe, bis eu 20 Kanonen hinunter, als Zweidecker. In Holland scheint man mit dem 
Bau von Zweideckern, wie überhaupt mit dem größerer Kriegsschiffe erst später vor- 
gegangen zu sein, nämlich w^rend des ersten englisch -holländischen Krieges, 1639 be- 
fand sich in Tromps Flotte nur ein Zweidecker, ebenso wahrscheinUch noch 1652. 






102 Schiffe, Waffen, Nautik von 1492 — 1648. 

Schiffe mit 30 — ^40 Kanonen hatten bei ihnen nur eine Batterie und das armierte 
Oberdeck ; dasselbe müssen wir von den größeren Kauffahrem annehmen, die von beiden 
Nationen in ihre Flotten eingestellt wurden. 

So trennt sich der Bau der Kriegsschiffe wesentlich von 
dem der Kauffahrer, indem das Innere des Schiffes zur Aufstellung 
der Hauptwaffe in Anspruch genommen wird imd für Ladung verloren geht. 

Gleichzeitig begann sich auch ein System auszubilden, das nach der 
Größe des Schiffes (Kanonenzahl) für jedes Deck Anzahl und Kaliber, dieses 
gleichmäßig in jeder Batterie, festsetzte. Damit war für jedes Schiff der 
Gefechtswert gegeben; man begann hiemach die Schiffe in Klassen einzu- 
teilen und zu erbauen. 

Während man in älteren Zeiten die Kriegsschiffe nach der Schiffsart bezeichnete — 
eine Einteilung von 1576 führt z. B. in England ships, galeasses, pynasses, roobarges 
auf — , findet man eine Einteilung nach der Kraft der Schiffe zuerst in England 
um 161 8. Man beschloß in diesem Jahre, eine Flotte zu halten von: 

4 Ships Royal zu 800 — 1200 tons 
12 Great ships „ 600 — 800 
6 Middling ships ,, 450 

2 Smal Ships „ 350 

4 Pinnaces „ 80 — 250 „ 

Der Bestand um 1624 entsprach auch ungefähr diesem Beschlüsse» wenn auch 
die Klassengrenzen, wohl infolge alter Bestände, nicht genau innegehalten waren und 
auch bei Neubauten vorläufig nicht genau innegehalten wurden. 

Auch für Frankreich kennen wir aus dieser Zeit eine Einteilung der Schiffe 
nach Klassen; sie ist sogar schon genauer. Hier sind jetzt schon Anleitungen für Anzahl 
und KaUber der Geschütze auf den verschiedenen Schiffsklassen vorhanden (Troude, 
Teil I, Introduction). 

Pinassen waren große Segelboote, den Küstenfahrzeugen der Zeit entsprechend ; 
wir werden sie in diesem 2^itabschnitt oft als Depeschen-, Aufklärungs-Fahrzeuge u. dgl. 
finden. 

Galeren und Galeassen. Im ersten Abschnitt ist envähnt, daß die Galere 
des Mittelmeeres auch nach 1500 noch selbst im Norden häufiger zur Ver- 
wendung kommt; ihre Entwicklung ist dort bereits abgeschlossen. Aus der 
Galere hatte sich, wohl schon gegen Ende des Mittelalters, die Galeasse 
herausgebildet in dem Bestreben, zahlreichere und schwerere Artillerie auf- 
stellen zu können. Galerenähnlich, Verhältnis der Breite zur Länge wie i : 6, 
mit 30 — 50 Riemen je durch 5 — 8 Mann bedient, mit 200 — 300 Seeleuten 
und Soldaten, 600 — 1000 tons groß, waren die Galeassen tiefergehend, lang- 
samer und schwerfälliger unter Riemen als die Galeren, aber weit stärker 
armiert; man rechnete eine Galeasse als gleichwertig mit 5 Galeren. Die 
Geschützaufstellimg war dieselbe wie bei den späteren Galeren: schwere 
Geschütze besonders vom und achtem in Kastellen, leichte auf diesen 
und zwischen den Riemen. Sie hatten drei Masten mit Lateinsegeln; zwar 
sehr rank, segelten sie doch weit besser als die Galeren und gebrauchten die 
Riemen vorzugsweise nur im Gefecht; sie bildeten also gewissermaßen auch 
einen Übergang zum Segelschiff. Im Mittelmeer waren sie die Hauptkraft 
der Flotten. 



Gsdeassen. Werften. Die Waffen. 103 

Die Galeassen spielen eine wichtige Rolle bei Lepanto. Auch in der spanischen 
Armada befanden sich vier Galeassen von Neapel; sie sollen die weitstarksten Schiffe 
dieser Flotte gewesen sein. Ihr Flaggschiff „San Lorenzo" führte 4 Sechzig-Pfünder, 
8 Dreißig-Pfünder, 6 Achtzehn-Pfünder, 6 Neun-Pfünder, 10 Sechs-Pfünder und 
16 kleinere Geschütze, so daß das Gewicht der Chargierung (in späteren Zeiten Breit- 
seite, broadside, genannt und häufig als Maß der Gefechtskraft benutzt) 370 Pfund 
gegen 195 Pfund des größten Segelschiffes des andalusischen Geschwaders betrug. San 
Lorenzo hatte eine Besatzung von 124 Seeleuten, 262 Soldaten und etwa 300 Ruderern. 

Mit der Grundlegung für stehende Marinen*) beginnt nun auch in den 
Ländern, die mit der Vervollkommnung der Segelschiffahrt in den Vorder- 
grund treten, die Anlage von staatlichen Werften. 

In Schweden eilte man in dieser Hinsicht den übrigen Ländern des 
Nordens voraus. Schon Gustav Wasa hatte eine Werft in Westerwik 
gegründet, bald folgten solche in Stockholm, Kalmar, Helsingfors usw. 
Schweden baute im Anfang des 17. Jahrh. vorzügliche große Kriegsschiffe; 
es zeichnete sich besonders durch Gießen von eisernen Geschützen aus und 
lieferte diese — wie auch Schiffe — nach anderen Ländern. 

In England wurden auch an den Plätzen, wo wir Ausrüstimgs- 
arsenale kennen gelernt haben, Portsmouth, Woolwich, Deptford, Trocken- 
docks gebaut — das erste war schon 1496 in Portsmouth fertiggestellt — , 
aber erst um die Mitte des 17. Jahrh. waren solche an all diesen Orten 
vorhanden, teilweise nun schon mehrere, sowie Pl5miouth und Chatam 
hinzugetreten. Auch sonstige Einrichtimgen waren getroffen, so daß die 
Kriegsmarine jetzt imstande war, ihre Schiffe in größerem Maßstabe selbst 
auszurüsten und zu erbauen. 

In Holland beschränkte man sich noch länger auf Ausrüstungs- 
arsenale, vorzugsweise auf Waffendepots; man hatte hier, was Schiffbau 
und alle sonstigen Bedürfnisse anbetraf, genügenden Rückhalt an der Privat- 
industrie. Erst zu Ende des 16. Jahrh. machte sich mit dem gewaltigen 
Wachsen der Marine und dem zunehmenden Bau größerer Schiffe das Be- 
dürfnis nach eigenen Schiffbauwerften geltend, und man gründete sie in 
den Hauptstädten aller Seeprovinzen. 

In Frankreich, wo die Kriegsmarine die geringste Pflege fand 
und langehin die größeren Schiffe fast nur aus dem Auslande bezogen wurden, 
legte erst Richelieu Schiffbauwerften in Marseüle, Brest, Brouage, Havre 
und Calais an. 

Die Waffen.**) Die Zeit von 1492 — 1648 ist auch eine Übergangsperiode 
von den alten Waffen zu den neuen. 



♦) Vgl. die spateren Angaben über „Die wichtigsten Marinen". 

♦*) Hauptquelle: Qowes, Teil I, für engUsche Verhaltnisse. Angaben in Troude, 
Teil I, „Introduction" Seite 62 und in de Jonge, Teil I, Seite 279 über französische 
und holländische Verhältnisse bestätigen die nachstehenden Auslassungen als allge- 
mein zutreffend. 



X04 Schiffe, Waffen, Nautik von 1492 — 1648, 

Als zu Ende des Mittelalters infolge Erhöhung der Kastelle und der 
Anbringung von Etagen und Pforten in diesen mehr Geschütze aufgestellt 
werden konnten, waren es zunächst nur kleinere: Der große und starke 
„R e g e n t", gebaut 1489, führte zwar 225 Geschütze, aber nur Feldschlangen 
(serpentines) von 1,5" Kaliber = %-Pfünder. Mit Verlängerung der Kastelle» 
Einführung eines zweiten Decks und von Pforten im Schiffsrumpf selbst 
tritt allmählich die Verwendimg schwerer Geschütze auf : der „GreatHarry", 
gebaut 1514, führt 21 schwerere Kanonen, zu denen allerdings noch alle über 
2/4" Kahber, = 3-Pfünder, gerechnet werden, und daneben 130 leichtere. 

Noch inuner werden vielfach die alten Wurfgeschütze, Bogen und Arm- 
brüste, neben den Feuerwaffen verwendet; in der Ausrüstung des „Great 
Harry" sind z. B. 500 Bogen mit Zubehör und Reserveteilen aufgeführt. 
Trefffähigkeit und Bedienung der Pulvergeschütze ließ noch viel zu wünschen 
übrig, besonders die Bedienung. Unvollkommene Lafettierung — Lagerung 
in Blocklafetten und noch ursprünglicherer Art — machte das Richten schwierig 
und ungenau; die Rohre, namentlich die leichteren, waren sehr lang; ein Grund, 
weshalb man an Bord der bequemeren Bedienung wegen länger als am Lande 
die aus zwei Stücken bestehenden Hinterlade-Kammergeschütze verwendete. 

Einen Beweis für die schwierige Bedienung der Geschütze sowie für die geringe 
Rolle, die die Artillerie noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrh. spielte, liefert die Äuße- 
rung eines militärischen Zeitgenossen. Er hebt hervor, daß in einem Gefecht 
zwischen Engländern und Franzosen 1545, wobei 200 Schiffe engagiert waren, „inner- 
halb zweier Stunden nicht weniger als 300 Schuß von beiden Flotten abgegeben 
seien.'* Es würde dies, selbst wenn man es nur auf die damals schwereren Geschütze 
bezieht, höchstens 2 — 3 Schuß für das Geschütz ergeben. 

Diese erste Zeit der Artillerie weist, wie aus der Armierung des „Great 
Harry" zu ersehen ist (Seite 97), eine große Zahl verschiedener Geschützarten 
auf. Es war auch noch nicht gebräuchlich, diese nach einheitlichem System 
zu benennen ; die später übliche, nach dem Geschoßgewicht, konnte noch nicht 
benutzt werden, da man verschiedenes Geschoßmaterial hatte : Stein, Eisen, 
Blei. Die beim „Great Harry" aufgeführten schwereren Kaliber finden wir 
auch später noch vor. Von den leichteren bedeuten : f owlers und portpieces 
= kurze leichte Waffen mit Kanuner; slings, demislings und toppieces = ganz 
^ leichte auf Pivots aufgestellte; hailshotpieces feuerten Ladungen von kleinen 
Würfeln; handguns waren Handwaffen mit Pivot oder Gabel. 

Von der Mitte des 16. Jahrh. an nimmt die Verwendung der schwereren 
Geschütze zu, und die alten Wurfmaschinen verschwinden. Die Kanunem 
waren wegen ungenügenden Verschlusses schon bei den stärkeren Kalibern, 
die meist aus Bronze gegossen wurden, weggefallen, jetzt gab man sie auch 
bei den leichteren, vorwiegend eisernen Kanonen auf; auch der Gebrauch von 
Steingeschossen verschwindet. Die Rohre werden im allgemeinen kürzer, 
die Bedienung wird auch sonst erleichtert durch Einführung von Radlafetten 
und Kartuschbeuteln aus Zeug oder Papier. Die verschiedenen Arten der 
Geschütze, an Zahl weit geringer geworden, erhalten Namen, die bei allen 
Nationen ziemlich gleich lauten. 



Armierung der Schiffe. 



105 



Um 1580 waren die gebräuchlichsten Geschütze in England folgende (Clowes» 
Teil I, Seite 411): 



Name 



(In Zollen) 
Kaliber 



Cannon Royal*) 
Cannon*) . . . 
Cannon Serpentine*) 
Bastard Cannon 
Demi Cannon . . 
Cannon Pedro**) . 
Culverin .... 
Basiliko .... 
Demi Culverin . . 
Bastard Culverin . 

Saket 

Minion .... 
Falcon***) . . . 
Falconet .... 
Serpentine . . . 
Robinet .... 



8^2 

8 . 

7% 
7 

6 

SVt 

5 

AVz 

4 

ZV2 

2% 
2 

IV2 
I 



Geschoßgewicht 

also annähernd 

Pfünder 



Mehlpulver- 
ladung 



66 
60 

53 H 

41^4 

30^4 

24^4 
175/3 

7 

4 
3 

1^/4 



30 

27 

25 
20 

18 

14 
12 

IG 

8 

61/4 

5^3 

4 
3 

^2 



Französische Angaben stimmen hiermit nahezu überein ; nach holländischen Angaben 
führten holländische Schiffe um 1587 nur Geschütze bis zum 13-Pfünder, wahrscheinlich 
Basilikoy und erst um 16 16 sehr vereinzelt 36-Pfünder, einige 24-Pfünder, viele i8-Pfünder, 
meist jedoch 12-Pfünder und 8-Pfünder; auch im nächsten Abschnitt steht Holland 
in der Kaliberstärke zurück. 

Diese Arten der Geschütze bleiben lange bestehen, aber sehr verschiebt 
sich bei ihrer Verwendung an Bord das Verhältnis der schwereren Kaliber 
zu den leichteren. Die über die größeren englischen Schiffe um 1548 gemachte 
Angabe zeigt noch ein Verhältnis der schwereren zu den leichteren Geschützen 
von 1:5, ähnHch wie beim „Great Harry", bei den kleineren Schiffen stellt 
es sich noch ungünstiger. In der Angabe für 1603 überwiegen schon die 
schwereren, aber zu ihnen sind noch immer alle vom 3-Pfünder (falcon) auf- 
wärts gerechnet. Beim „Royal Sovereign", gebaut 1637, ^^^^ unter den 104 
Geschützen nur solche von der Demi culverin ^{8-Pfünder oder 9-Pfünder) 
aufwärts verstanden und dahin sind auch die Geschützangaben über die 
engHschen Schiffe um 1649 zu verstehen. Die Artillerie, und zwar die mittlere 
imd schwere, ist Hauptwaffe geworden ; es ist auch schon, wie das angezogene 
Beispiel zeigte, ein gewisses System in der Aufstellung der verschiedenen 
Kaliber an den verschiedenen Stellen im Schiff vorhanden, in Frankreich 
waren sogar um diese Zeit schon Bestimmungen für die verschiedenen 
Schiffsgrößen erlassen (vgl. Troude, Teil I, Introduction). 

*) Die drei ersten Arten scheinen an Bord nicht verwendet zu sein. 
♦♦) Der Name ist verdorben aus Cannon pierrier, d. h. ursprüngUch für Stein- 
geschosse bestimmt. 

•*♦) Bis zum Falcon einschließlich werden die Geschütze noch bis gegen Ende dieses 
Zeitabschnittes zu den schwereren gerechnet. 



I06 Fortschritte der Nautik im i6. Jahrhundert 

Auch die verbesserten und leichter gewordenen Handfeuerwaffen, 
Musketen und Haken, hatten die Bogen, deren größere enghsche Schiffe 
zur Zeit der Armada (1588) noch 300 führten, verdrängt; die an Bord die freie 
Bewegung hindernden Schutzwaffen, Hehne, Harnische und Schilde, waren 
weggefallen. 

Die im Mittelalter schon erwähnten B r a n d e r , Schiffe mit leicht brenn- 
baren Stoffen gefüllt, erscheinen in diesem Zeitabschnitt häufiger und werden 
auch zuweilen mit Erfolg verwendet (z. B. in der Armada-Campagne) ; wir 
gehen im nächsten Abschnitt, ihrer Hauptverwendungszeit, näher auf sie ein. 

Die Nautik. Im 16. und. im Anfang des. 17. Jahrh. werden endlich wesent- 
liche Fortschritte in der Nautik gemacht. Um 1537 entwarf Gerhard Kremer 
(M e r c a t o r) die erste Karte nach der nach ihm benannten Projektion 
und ließ 1569 eine Weltkarte in dieser folgen. Vom Ende des Jahrhunderts 
an wurden die runden Seekarten an Bord der Schiffe an Stelle der 
platten allgemein, auch erscheinen in ihnen die Kompaßrosen zum leichteren 
Absetzen ; 1573 werden zuerst Log und Logglas zum Messen der Fahrt 
erwähnt. 

Zahlreiche Lehr- und Handbücher sowie Hilfstabellen für die 
praktische Navigation erscheinen, Clowes, Teil I, Seite 402, führt eine große 
Anzahl davon an; seit Anfang des 17. Jahrh. führt man bei nautischen Be- 
rechnungen die Anwendung der Logarithmen ein. Astrolab und Jakobsstab 
werden weiter verbessert. 1594 erfand John Davis den Davisquadranten 
(backstaff ), der schnell die beiden älteren Instrumente verdrängte, wenigstens 
auf größeren Schiffen, und bis zur Erfindung des ersten Spiegelinstrumentes 
(Hadleys Spiegeloktant 1731) im allgemeinen Gebrauch verblieb. 1590 wurde 
das Fernrohr erfunden und schnell auf den Schiffen eingeführt. Die 
Mißweisung der Magnetnadel war schon von Kolumbus beobachtet, 
doch maß man ihr lange Zeit keine Bedeutung bei, was natürlich sehr nach- 
teilig für die Besteckführung war. 

Völlig im argen lag aber noch die Längenbestimmung auf See. 
Der schon um 1530 von einem Gelehrten gemachte Vorschlag, durch Vergleich 
der beobachteten Ortszeit mit einer vom Lande mitgenommenen die Länge 
festzustellen, war wegen Ungenauigkeiten der Uhren noch lange nicht aus- 
führbar. Für Beobachtungen von Monddistanzen, auch schon um 1500 von 
Werner von Nürnberg vorgeschlagen, waren die Winkelinstrumente vorläufig 
noch nicht genau genug. Diese einigermaßen sichere Methode brach sich erst 
nach und nach Bahn. Die erste Längenbestimmung auf See nach Mond- 
distanzen soll 1580 von einem Spanier, die zweite 1615 von W. Baffin, dem 
Lotsen und Beschreiber einer Reise der „Discovery" nach der Hudsonstraße, 
gemacht sein. 





Drittes Kapitel. 

Die Seekriege von 1492 — 1648. Kampfweise und 
Taktik. Die wichtigsten Kriegsmarinen. 

Die Seekrleg^e von 1492-^1648. 

Tjieser Zeitabschnitt ist ganz besonders in Hinsicht auf die Kriegführung 
^^ zur See eine Übergangsperiode zu nennen. 

Was muß man unter einem Seekriege — unter wissen- 
schaftlich betriebener Kriegführung zur See — verstehen? Einen 
Krieg, der ganz oder doch wesentlich durch Erfolge zur See entschieden wird. 

Es kann dieser Fall nur eintreten, wenn große Interessen der Gegner auf der 
See liegen. Diese Interessen können darin bestehen, daß das Meer notwendig 
ist als Marschstraße, um den Krieg in des Feindes Land zu tragen, später 
um die Verbindung mit dem eigenen Lande aufrecht zu erhalten, also zur 
Unterstützimg des Landkrieges, oder darin, daß für einen oder beide Gegner 
von der freien Benutzung des Meeres der Wohlstand des Landes, vielleicht gar 
seine Lebensfähigkeit oder doch die Möglichkeit zur weiteren Durchführung 
des Krieges abhängt. Im ersten Falle gleicht das Meer also den Marschstraßen 
und den rückwärtigen Verbindungen des Landkrieges, im zweiten ist es ein 
Angriffsfeld mit den auf ihm schwimmenden Gütern als Angriffsobjekten. 

Eine wissenschaftliche Kriegführung zur See muß sich nun, um durch- 
schlagende Erfolge — sei es im ersten, sei es im zweiten Falle — zu erzielen, 
in der Offensive die Aufgabe stellen, planmäßig dieHerrschaftaufdem 
M e e r e zu erringen und, zeitlich wie örtlich, voll zu behaupten, in der Defen- 
sive, letzteres wenigstens zu vereiteln. Eine solche Kriegführung kann 
nur eintreten, wenn die dazu geeigneten Streitmittel vorhanden sind; sie 
wird, was die Bedrohung des Wohlstandes des Gegners anbetrifft, nur gewählt 
werden, wenn die Bedingungen dazu gegeben sind. Damit finden wir die 
Erklärung, weshalb bislang von keinen großen Seekriegen im angedeuteten 
Sinne oder doch nur von Ausnahmen in beschränktem Maße die Rede sein konnte. 

Als solche Ausnahmen kann man mehrere Kriege im Altertum und auch 
einzelne im Mittelalter (die der italienischen Städte) ansehen; ihre Beschrän- 
kung liegt darin, daß wir in ihnen wenig von „planmäßiger Unterbindung" 



lo8 Die Seekriege von 1492 — 1648. 

des feindlichen Handels hören, vorzüglich aber darin, daß die Ruderkriegs- 
schiffe dieser Zeiten nicht imstande waren, längere Zeit die See zu halten, 
und somit eine errungene Seeherrschaft nicht dauernd behaupten und aus- 
nutzen konnten. Auch die Segelschiffe des Mittelalters waren hierzu noch nicht 
fähig, und bei den Völkern des Nordens und des Westens kam der Kampf um 
freie Benutzung des Meeres zu Handelszwecken noch nicht in Frage, denn die 
Schiffahrt war noch an und für sich gering und für den Handel und damit 
für die Förderung des Wohlstandes der Länder noch keine Lebensfrage; 
Brandschatzungen an der Küste schädigten den Feind mehr und brachten 
reichere Beute als das Aufbringen von Handelsschiffen. So zeigte uns 
denn die bisherige Kriegführung vorwiegend Expeditionen über See zwecks 
Eroberungen oder Brandschatzungen, denen mit wenig Ausnahmen 
weder von Seiten des Angreifers eine Sicherung der Herrschaft über das Meer 
vorhergeht, noch von Seiten des Angegriffenen ein planmäßiger Widerstand 
entgegengesetzt wird. Von Ausnutzung größerer Erfolge, insbesondere zur 
Behauptung einer für den Augenblick errungenen Seeherrschaft, ist fast 
nie die Rede ; im Gegen teü sehen wir meist ein geglücktes Unternehmen sofort 
von gegnerischer Seite ebenso glücklich erwidert. Auch die Unternehmungen 
gegen den feindlichen Handel sind mehr nebensächlich, häufig privater 
Natur mit dem Charakter der Freibeuterei. Kaum anders spielen sich die 
Kriege der ersten Hälfte dieses Zeitabschnittes ab, in der zweiten aber bereitet 
sich ein Umschwung vor, als der Seehandel überall bedeutend zugenommen 
hatte, der Handel auf den Ozeanen hinzugetreten und auch die Leistungs- 
fähigkeit der Segelschiffe gesteigert war.*) 

Kriege im Ostmittelmeer.**) Die Türken sind zwar keine seefahrende 
Nation, aber unter kräftigen Herrschern haben auch ihre Seestreitkräfte viel 
geleistet. Ende des Mittelalters, nach der Eroberung von Konstantinopel, 
schufen sie eine Flotte und begannen die Bekämpfung der Abendländer im 
Ostmittelmeer. Schon bis 1500 verlor Venedig eine Anzahl wichtiger Posi- 
tionen dort (1479 Argos, Negroponte, Lemnos; 1500 Modon imd Koron). 
1522 vertrieb Soliman IL (1520 — 1566) den Johanniterorden von Rhodus. 
Unter diesem größten Sultan war die türkische Marine auf ihrer höchsten 
Macht, ihre Kriegs- und Raubzüge dehnten sich bis zu den Küsten Italiens 
und Spaniens aus, sie unterwarf die Barbareskenstaaten, ja sie focht auf 
Seiten Franz' I. gegen Karl V., und auch in Indien haben wir sie als Gegnerin 
der Portugiesen getroffen (Seite 64). Venedig verlor in späteren Kriegen, 
1540 verbündet mit Karl V., noch weitere wichtige Punkte. 



*) Vgl. Colomb, Kapitel I und II, deren Inhalt später genauer angegeben wü-d. 
Colomb nennt die ältere Kriegführung bezeichnend „Crossraiding". 

*♦) Quellen für Kriege im Mittelmeer: du Sein; The Ship; Jurien: „Doria'V 
„Lepanto", „Chevaliers de Malte" (darin die Belagerung der Stadt durch die Türken); 
Manfroni; Ronci^re, sobald fortgesetzt. — Genaue Angaben über Gefechte usw. dieser 
Zeit sind sehr spärUch. 



Im Mittelmeer und in der Ostsee. X09 

Wenn auch Malta, 1565 durch den Großmeister La Valette glor- 
reich verteidigt, dem türkischen Ansturm widerstand, ebenso wie das venetia- 
nische Korfu, und die türkische Flotte 1571 bei L e p a n t o (siehe Seite 144) 
durch die vereinten Streitkräfte Karls V., des Papstes und Venedigs 
völlig geschlagen wurde, so blieb sie doch noch lange eine furchtbare Macht, 
bis sie allmählich mit dem Rückgang des osmanischen Reiches verfiel. Trotz 
des großen, aber nicht ausgenutzten Sieges bei Lepanto verlor Venedig 
noch 1573 Cypem und trat von nun an politisch zurück, auswärtige gefährliche 
Unternehmungen und Verwicklungen vermeidend; erst um die Mitte des 
17. Jahrh. entspann sich ein neuer Krieg mit den Türken um Kreta. 

An sonstigen Kriegen im Mittelmeer sind zu nennen zahlreiche Kämpfe 
Frankreichs, Spaniens und der deutschen Kaiser, diese letzten beiden Mächte 
unter Karl V. vereint, um Interessen in Italien: die Feldzüge Karls VIII. 
und Louis' XII. vonFrankreich nachNeapel, die Kriege Karls V. und Philipps IL 
gegen Franz I. und Heinrich IL, in denen französische, spanische Flotten, 
solche der italienischen Städte, auch türkische als Verbündete der Französen 
Verwendung fanden. Unternehmungen aller genannten Staaten gegen die 
Barbaresken traten hinzu. Als berühmte Flottenführer der ersten Hälfte 
des 16. Jahrh. sind AndreasDoria auf kaiserlicher Seite, Barbarossa 
(eigentUch Horuk) sowie sein Bruder Cheir-Eddin — die ersten türkischen 
Herrscher von Algier und Tunis und berüchtigte Seeräuber — auf türkischer 
Seite anzuführen. Größere Ereignisse fallen dann erst wieder in das Ende 
dieses Zeitabschnittes,, als Frankreich unter Richelieu 1635 in den 
Dreißigjährigen Krieg eingriff und damit auch den Krieg gegen Spanien 
eröffnete, der noch nach dem Westfälischen Frieden bis zum Pyrenäischen 
Frieden 1659 fortdauerte. (Siehe Abschnitt III, Nebenkriege 1654 — 1665.) 

In allen diesen Kriegen spielen aber die Flotten nur eine untergeordnete 
Rolle, und die Seegefechte usw. bieten nichts Besonderes. Nicht zu unter- 
schätzen ist der andauernde Kampf gegen die Raubstaaten, den auch Eng- 
land imd Holland bald aufnahmen ; er war eine Schule für die Seeleute aller 
Völker. 

In der Ostsee*) wurde eine Reihe von Kriegen geführt, deren Studium 
lohnend sein dürfte; wenn in ihnen auch noch nicht planmäßig um die Be- 
herrschung der See in erster Linie gekämpft wird, so hatte doch mit die 
Frage mn die Vorherrschaft in diesem Binnenmeere den Anlaß dazu gegeben. 
Die Blütezeit der Hansa war, wie schon im Abschnitt Mittelalter 
erwähnt, die Zeit der Kämpfe der nordischen Staaten, die durch das Bestreben 
Dänemarks, diese unter seiner Führung zu vereinigen (Kalmarische Union), 
hervorgerufen wurden. Diesem Bestreben stand die Hansa im eigenen 
Interesse entgegen, sie unterstützte daher Schweden und mischte sich in 
die inneren Wirren Dänemarks, wo es ihr Vorteil versprach. Ihr politischer 



♦) Quellen: Wie beim Mittelalter (Seite 44); es tritt hinzu für die dänische Marine: 
Garde und Nauticus 1902. 



HO Die ScekHege von 1492—1648; 

Höhepunkt war erreicht, als 1524 der Bürgermeister von Lübeck, Thomas 
von Wickede, gewissermaßen die Kronen des Nordens an Friedrich 
von Holstein und Gustav Wasa austeilte, wodurch er der Kalmarischen Union 
ein Ende machte und von beiden Fürsten die weitestgehenden Handelsvor- 
rechte erhielt. Nun aber machte die innere Entwicklung der nordischen 
Staaten große Fortschritte, ihr Seewesen lebte wieder auf, und es begann ein 
Kampf um die Vorherrschaft in der Ostsee, zunächst zum Nachteil der Hansa. 
Schon 1534, als Lübeck unter Bürgermeister Wullenweber wiederum Partei in 
einem Thronfolgestreit Dänemarks, der Dreigrafenfehde, ge- 
nommen hatte, standen ihm Dänemark mit Schleswig-Holstein und Schweden 
gegenüber, während es selbst nur von wenigen Städten unterstützt war. 
Die lübische Flotte wurde 1535 an der fünenschen Küste vernichtet. Die 
Städte mußten froh sein, einen Teü der früheren Zugeständnisse zu behalten ; 
von hier datiert, in Verein mit den früher angezogenen Gründen (vgl. Seite 78), 
der Niedergang der Hansa. 

Es folgen die Kämpfe Dänemarks und Schwedens um die 
Herrschaft in der Ostsee, um die noch zu Dänemark gehörenden Provinzen 
Schwedens, um das Erbe des gegen Ende der fünfziger Jahre zusammen- 
brechenden preußischen Ordensstaates, das die Nordstaaten sowie Polen imd 
Rußland an sich reißen wollten. Schweden war glücklich in seinen Kriegen 
gegen Rußland und Polen, befestigte seine festländischen Besitzutigen in 
Finnland und erweiterte sie durch Esthland, aber zur See war Dänemark 
die stärkere Macht. Hier hatte man zuerst Wert auf eine Marine gelegt. 
In dem ersten Kriege zwischen beiden Ländern, dem Dreikronenkrieg 
1563 — 1570, nahm zwar auch die schwedische Marine unter Erich XIV. 
einen Aufschwung und leistete wichtige Dienste ; sie verfiel aber noch während 
des Krieges unter Erichs Nachfolger, obgleich sie doch jetzt gerade zur 
Verbindung mit den festländischen Besitzungen notwendig war, und 
Dänemark blieb 1570 im Besitz der schwedischen Südprovinzen sowie der 
wichtigen Inseln Osel und Gotland. Damit beherrschte es die Ostsee und 
den Eingang in diese; der ganze Seeverkehr Schwedens ging durch dänische 
Gewässer. Die Überlegenheit der dänischen Flotte, unter Christian IV., 
war weiter entscheidend durch Unterstützung des Landkrieges in dem 
zweiten Kriege 1611 — 1613 um die strittigen Provinzen; teuer mußte 
Schweden den Frieden erkaufen, und die eben erst gegen Dänemarks Sund- 
herrschaft erbaute Festung Göteborg ward zerstört. 

Die Seeherrschaft Dänemarks, das um 1630 eine der größten stehen- 
den Flotten Europas besaß, dauerte bis 1645. Sie hatte sich auch 
im Dreißigjährigen Kriege (Niedersächsisch-dänischer Krieg 1625 — 1630) 
dem Kaiser (Wallenstein) gegenüber geltend gemacht. Inzwischen hatte 
Gustav Adolph während seiner glücklichen Kriege gegen Rußland, durch 
die er dieses Land für lange Zeit von der See abschnitt (Eroberung von 
Ingermanlandusw.), und gegen Polen (Eroberung vonLivland) die schwedische 
Flotte nach dem Vorbild der dänischen ausgebaut. Wenn sie auch während 



Schweden ufld Dlkiemark. . England und ' Frankreich. - ftt' 

dieser Kriege und im Dreißigjährigen Kriege nur für Erhaltung der rück- 
wärtigen Verbindimgen von Bedeutung war, so stellte sie nunmehr doch im 
Vereine mit den schwedischen Eroberungen an den Ost- und Südküsten 
(hier in Pommern usw.) der Ostsee die Seeherrschaft Dänemarks in Frage; ein 
neuer schwedisch-dänischerKriegi643wardieFolge. In diesemwurde 
Dänemark, vom Kaiser unterstützt, zu Lande geschlagen (Gallas, Torsten- 
son). Die schwedische Flotte, verstärkt durch eine holländische, schützte 
das wiederum angegriffene Göteborg und führte der dänischen schwere 
Verluste zu, wenn diese auch heldenmütig widerstand und auf den 
dänischen Insehi geplante Landungen abwehrte (Sieg auf der Colberger 
Heide 1644). 

Bezeichnend für die Verhältnisse der Zeit ist, daß die 20 — 30 Segel starke hollän- 
dische Hilfsflotte nur ein staatlich konzessioniertes Privatunternehmen war; als Staat 
wollte Holland gegen das bisher zur Unterdrückung der Hansa mit üinen meist ver- 
bündet gewesene Dänemark nicht auftreten. 

Im Frieden von Brömsebro 1645 trat Dänemark ösel und Gotland ab, 
mußte den Zoll bei Rügen und in der Elbe aufgeben und den Schweden die 
Befreiung vom Sundzoll zugestehen. Als der Westfähsche Friede an Schweden 
nun Bremen und Verden außerhalb der Ostsee überwies, ihm Wismar und 
Pommern sicherte, war die Herrschaft Dänemarks über die Ostsee gebrochen. 

Wie die Kämpfe mit den Raubstaaten im Süden, so bezeichnet Jurien 
de la Graviore diese großen Seekriege in der Ostsee als eine Schule für die 
Seeleute der Zeit, was um so zutreffender ist, als sie mit großen, wirküchen 
Kriegsschiffen ausgefochten wurden (vgl. Seite 148 „Angaben über die wichtig- 
sten Marinen"). 

Englands und Frankreiehs Kriege*) können wir kurz betrachten. Die 
bei den Kriegen im Mittelmeer angeführten politischen Verwicklungen waren 
auch im Norden von Einfluß. Mehrfach sehen wir England auf der Seite 
der Gegner Frankreichs, zuweilen mit spanisch-niederländischen Seestreit- 
kräften vereint, so 15 12 auf Seiten der ersten heiligen Liga, 1522 — 1525 und 
1544 — 1546 auf Seiten Karls V., 1556 — 1559 mit Philipp IL (St. Quentin). 

Es folgen die Kriege Englands mit Schottland um Thronfolgefragen, 
die sich durch das ganze 16. Jahrh. hinziehen und worin Frankreich die 
katholische Partei in Schottland unter der Hand oder in erklärtem Kriege 
unterstützt. Von 1562 — 1628 treten die Hugenottenkriege in Frankreich 
hinzu, worin umgekehrt England auf seiten der Protestanten erscheint, nament- 
lich bei den letzten Kämpfen um La Rochelle. Alle diese Kriege zeigen uns 
eine fast ununterbrochene Tätigkeit von Seestreitkräften aber nur im alten 
Sinne: Truppenüberführungen, Belagerungen und Blockierungen, Brand- 
schatzung von Küstenstrichen, gelegentliche Seegefechte. Bald ist die eine, 
bald die andere Partei kurze Zeit Herrin der See, aber glückliche Unterneh- 
mungen der einen werden fast immer von der anderen prompt erwidert. 



*) Quellen: du Sein, Clowes und andere Spezial werke der beiden Maimen. 



112 Die Seekriege von 1492 — 1648. 

AlswichtigereEreignisse seien aufgeführt: 1513 eine größere englische 
Expedition gegen Brest, wobei die französische Flotte vor dem Hafen geschlagen wird; 
auf beiden Seiten werden Galeren verwendet, zum ersten Male waren solche der fran- 
zösischen Mittelmeer- Galerenflotte nach dem Atlantik gezogen. 1522 wurde bei Brand- 
schatzungszügen die enghsche Flotte durch kaiserliche, niederländische, Schiffe unter- 
stützt. 1544 nahm England Boulogne mit Hilfe der Flotte. 1545 sandte Frankreich 
als Erwiderung eine Flotte von 150 — 200 Segeln, darunter 25 Mittelmeergaleren, gegen 
Portsmouth. Die dort befindhche englische Flotte von 60 Schiffen wurde kurze Zeit 
blockiert, Wight und die Küste bis Dover gebrandschatzt, worauf man zur Belagerung 
von Boulogne zurückging. Vier Wochen spater folgt die jetzt 100 Segel starke englische 
Flotte; bei Wight kommt es am 15. August zum Gefecht, worin die Franzosen siegen, 
obgleich sich die Galeren bei Wind und Seegang nicht bewahren. Trotz dieses Sieges 
unternimmt die englische Flotte am 2. September einen erfolgreichen Einfall an der Küste 
der Normandie. 1547 wirft eine französische Flotte öooo Mann nach Schottland und 
holt die junge Königin Maria Stuart nach Frankreich zur Erziehung und (1558) Ver- 
mahlung mit dem Dauphin. 1549 wird noch auf See um Boulogne gefochten, 1550 die 
Stadt an Frankreich zurückgegeben. 

1554 kam Philipp II. nach England, um die Königin zu heiraten. Es ist schon 
damals kennzeichnend für die Ansprüche Englands auf Oberhoheit in seinen 
Gewässern, daß der zur Einholung entgegengesandte Lord Highadmiral den König 
durch einen scharfen Schuß zwang, den geforderten Flaggengruß zu geben. 

1558 geht Calais, der letzte Platz Englands auf dem Festlande, durch einen 
Handstreich des Herzogs von Guise verloren. 

Die Ereignisse der Hugenottenkriege im 16. Jahrh. sind von wenig Be- 
deutung, mehr die späteren, in denen die seemächtige Stadt LaRochelle das Haupt- 
boUwerk der Hugenotten ist. 1622 fand eine Schlacht vor der Stadt, bei St. Martin de Re, 
zwischen einer könighch französischen und einer Hugenottenflotte statt; 1627 — 1628 
wurde die Stadt unter persönlicher Leitung Richeheus belagert. Drei große Entsatz- 
Expeditionen Englands wurden abgeschlagen; La Rochelle, und damit die Sache der 
Hugenotten, fällt durch Abschneiden von der See mittels Blockade und Aufschüttung 
eines Deiches. 1 

Aus der Geschichte der französischen Marine sei noch ihre erste 
größere Seeschlacht auf dem Ozean erwähnt. Als sich Spanien 1580 Portugals 
bemächtigt hatte, sandte Frankreich eine Flotte von 60 Schiffen unter Admiral 
Strozzi nach den Azoren zur Unterstützung des dorthin geflohenen portugiesischen 
Kronprätendenten Dom Antonio, vielleicht wohl auch, um nach englischem Beispiel 
die Silberflotte abzufangen. Hier wurde diese von 50 spanischen Schiffen und 12 Galeren 
völlig geschlagen und verlor 8 Schiffe und viele Leute ; die Spanier ließen alle Gefangenen 
als Piraten über die Klinge springen. Die Franzosen schreiben die Niederlage der schwereren 
Armierung der Spanier, der Ungeschicklichkeit und der Indisziphn der eigenen Seeleute, 
namenthch nach dem Tode des Admirals, zu. 

Eingehender müssen wir die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien 

behandeln, denn gerade sie geben diesem Zeitabschnitt den Charakter der 
Übergangsperiode zu einer neuen Kriegführung zur See. 

Beim Ausbruch des Aufstandes der Niederlande*) (1566) 
hatten sich seebefahrene Bewohner Nordhollands und Seelands auf die See 
geworfen (die Wassergeusen), um Spanien durch Aufbringen seiner 
Handelsschiffe Abbruch zu tun. Sie wären mit Kaperbriefen Wilhelms 



♦) Hauptquelle: de Jonge, Teil I, S. 121 ff. mit Angabe weiterer holländischer 
SpezialqueUen. 



Holland und England gegen Spanien. 1x3 

von Oranien versehen und verkauften die Prisen im Auslande, namentlich 
in England, waren aber nach Sitte der Zeit nicht sehr wählerisch und arteten 
ohne Ordnung und Kriegszucht zu Piraten aus, so daß ihnen bald die aus- 
ländischen Häfen geschlossen wurden. Notgedrungen scharten sie sich nun 
unter einem Oberbefehlshaber, Graf Wilhelm von der Mark, zu- 
sammen und suchten einen Stützpunkt an der niederländischen Küste; 
1572 nahmen die niederländischen Seeleute B r i e 1 an der Maasmündung 
und legten hiermit den Grundstein zur Befreiung ihres Vaterlandes. 

Während des weiteren Verlaufes des Befreiimgskrieges waren die immer 
mehr wachsenden Seestreitkräfte der Niederlande von größtem Nutzen. Sie 
schädigten den feindlichen Handel und trugen dadurch gleichzeitig zur Be- 
schaffimg der Geldmittel für den Krieg bei, sie unterstützten Belagerungen 
und Verteidigungen von Städten am Meer oder an Flüssen; berühmt ist der 
Entsatz Leydens durch die Fahrzeuge der Geusen, nachdem man 
die Deiche durchstochen hatte, um bis zur belagerten Stadt zu kommen. 
Sie schlugen selbst mächtige spanische Flotten in den Küstengewässem — 
schon in den ersten zwei Jahren drei bis zu 50 großen Seeschiffen starke — und 
gewannen damit die Herrschaft in diesen Gewässern; auch später entsandte 
spanische Geschwader wurden besiegt. Die Flotte der Aufständischen wuchs 
schnell an Zahl, doch waren die Schiffe nur 50 — 250 tons groß. Es war dies 
aber ein Vorteil den großen Fahrzeugen des Feindes gegenüber, denn in den 
ersten Jahrzehnten (bis zur Armada 1588) wurde der Krieg zu Wasser nur 
auf den Flüssen, den Meerbusen und zwischen den der Küste vorgelagerten 
Bänken geführt. 

Ungefähr seit Beginn des niederländischen Aufstandes bereitete sich auch 
der Zusammenstoß Englands und Spaniens vor. Gründe 
für ihn waren seit der Thronbesteigung Elisabeths genügend vorhanden, obwohl 
um 1558 noch beide Nationen vereint gegen Frankreich (z. B. bei St. Quentin) 
fochten. Schon der Versuch Englands, seit den sechziger Jahren, in den 
auswärtigen Gewässern und Kolonien Spaniens Fuß zu fassen, die dadurch 
hervorgerufenen Gewalttaten gegen den spanischen Handel und die Nieder- 
lassimgen, mußten auf der geschädigten Seite Empörung erregen. Wichtiger 
noch war die schroffe Stellung der beiden Staatshäupter zueinander in der 
großen Weltfrage der Zeit: Phüipp H. als fanatischer Führer der Gegen- 
reformation, Elisabeth als Schützerin der Protestanten stießen überall zu- 
sammen. Elisabeth unterstützte ebenso wie die Hugenotten in Frankreich 
und die protestantische Partei in Schottland auch die aufständischen Nieder- 
länder, wenn auch vorläufig nur unter der Hand, besonders durch bereit- 
willige Aufnahme von Landesflüchtigen. Philipp trat für Maria Stuarts 
Partei ein und begünstigte 1580 einen Aufstand in Irland. Dieses Verhältnis 
spitzte sich immer mehr zu, und 1585 tr^t Elisabeth durch einen Vertrag offen 
auf die Seite der Niederländer. Nach diesem sollte England eine Unter- 
stützung an Truppen und Kriegsmaterial liefern, deren Kosten nach glücklich 
beendetem Kriege zurückzuerstatten seien (die Nichterfüllung dieser Be- 

Rittmeyer, Seekriege. ^ 



lI4 EHe Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

dingung wurde 1652 als einer der Kriegsgründe von Seiten Englands auf- 
gestellt); Holland verpflichtete sich, auf Forderung Englands zu gelegener 
Zeit Schiffe zur englischen Flotte stoßen zu lassen. Tatsächlich führte 
1586 Graf Leicester ein Hilfskorps nach Holland, und die Niederländer 
bestimmten 1588 ein Geschwader zur Unterstützung der Engländer gegen 
die Armada. 

Der Abschluß des Vertrages würde vielleicht schon gleich zu einem von 
Philipp längst beabsichtigten großen Schlage gegen England geführt haben,, 
wenn die schwer bewegliche Macht Spaniens fertig gewesen wäre, immerhin 
rief er die Beschlagnahme der englischen, holländischen und deutschen Schiffe 
in den Häfen Spaniens und Portugals und die Wegnahme englischer Schiffe 
im Mittelmeer hervor. Diese Schiffe sollten außerdem dem geplanten großen 
Unternehmen gegen England dienen. England antwortete mit den Vergeltungs- 
maßregeln in großem Maßstabe, die wir schon erwähnt haben : Unterdrückung 
der spanischen Hochseefischerei bei Neufundland und Ausgabe von Kaper- 
briefen und Patenten zur Schädigung des spanischen Handels und der Kolonien. 
Bevor wir uns jedoch mit dieser Art Kriegführung beschäftigen, ist eines 
Ereignisses zu gedenken, das ebenso bemerkenswert in strategischer und 
taktischer Beziehung wie entscheidend für den weiteren Verlauf der 
Geschichte war: der Armada Entstehung und Ende. 

Die Gesehichte der Armada.*) Lange vor der Entsendung der berühmten 
Armada ging Philipp H. mit dem Gedanken einer Invasion in größtem 
Maßstabe gegen England um. Schon Alba hatte 1569 einen Plan dafür ent- 
worfen, die Kriege Spaniens mit den Türken, Frankreich und Portugal neben 
dem Kampfe gegen die aufrührerischen Niederlande standen jedoch der Aus- 
führung noch entgegen. Als 1580 Portugal erobert und auch seine Seemacht 
nun zur Verfügung war, nahm man den Gedanken lebhafter auf. 
Besonders trat der Admiral Marquis de Santa Cruz, der 1580 die 
Franzosen bei den Azoren geschlagen hatte, dafür ein : er stellte 1583 das 
Unternehmen als den notwendigsten Schritt zur endlichen Unterdrückung 
der Niederländer hin. Der Gouverneur der Niederlande, Herzog von 
Parma, unterstützte ihn und erklärte auch, die englischen Soldaten seien 
den spanischen Veteranen nicht gewachsen. Santa Cruz verlangte zur Aus- 
führung die ungeheure Macht von 556 Schiffen — darunter 150 große Kriegs- 
schiffe, 2 Galeassen und 40 Galeren — von zusammen 77 250 tons mit 94 000 
Mann. Phüipp war wohl dazu geneigt, beschloß aber, um die Expedition 
nicht schon von Spanien aus in dieser Stärke entsenden zu brauchen, die in den 
Niederlanden stehende Armee mitzu verwenden. Die Rüstungen in Spanien 
begannen, und Parma erhielt den Befehl, in den Niederlanden eine große Zahl 
flachgehender Transport fahrzeuge fertigzustellen. Wenn die Rüstungen 
anfangs nicht so eifrig betrieben wurden, so mag dies seinen Grund in 
dem Schwanken Philipps gehabt haben, ob der Erfolg einer so kostspieligen 



*) Hauptquellen: Clowes, Teil I; Colomb. 



Vorgeschichte der Armada. II5 

Expedition voll seinen Interessen entsprechen würde. Zwar war er stets 
für Maria Stuart eingetreten; wenn er ihr aber zur Herrschaft in England 
verhalf,, so hatte bei ihrer Hinneigung zu Frankreich vielleicht dieses Land 
den Hauptnutzen davon. Der Tod Marias im Februar 1587 hob dieses Be- 
denken auf, ihr Sohn Jakob war Frankreich nicht so zugeneigt. Es war eher 
anzunehmen, daß dieser auf dem englischen Throne zu Spanien halten würde. 
Tatsächlich hat er, nachdem er schon 1586 gegen Zusicherung der englischen 
Thronfolge die Sache seiner gefangenen Mutter preisgegeben hatte, den Angriff 
der Armada nicht ausgenutzt, sondern war sogar bereit, ihre Abwehr zu 
unterstützen. Nach dem Tode der Maria nun, auch wohl aus Empörung 
über die Todesart, betrieb Philipp die Rüstungen mit größter Kraft. Alles 
was in Spanien und seinen Besitzungen, in Portugal, in Italien, an Schiffen, 
Kriegsmaterial und Personal aufzubringen war, wurde aufgeboten und in 
verschiedenen Häfen, besonders in Lissabon und Cadiz, gesammelt. 

Diese Rüstungen blieben in England nicht unbekannt, hatte man doch 
selbst Kenntnis davon, daß Philipp geheim um den Segen des Papstes für 
das Unternehmen gebeten hatte. Man beschloß, sie zu stören, und Sir 
FrancisDrake ward ausgewählt, den Vorstoß zu leiten. Ein Geschwader 
von 24 — ^40 Schiffen, so schwanken die Angaben, wurde zusammengezogen. 
Größtenteils waren es armierte Kauffahrer, wahrscheinlich haben nur 6 könig- 
liche Kriegsschiffe — i zu 600 tons, 47 Geschütze, 250 Mann; 2 zu 500 tons, 
54 und 38 Geschütze, 250 Mann; i zu 400 tons, 32 Geschütze, 190 Mann, 
und 2 Pinassen — den Kern der Flotte gebildet. Für wie kühn der Zug 
gehalten wurde,*) geht daraus hervor, daß eines der 500 tons- Schiffe auf der 
Reise umkehrte, ausgesprochenermaßen aus Furcht, und daß Elisabeth die 
Segelorder widerrief, aber zu spät. Drakes Order war, die Vereinigung der 
spanischen Geschwader zu hindern und möglichst viel Schiffe und Kriegs- 
material zu zerstören. Er segelte Anfang April 1587 und steuerte, als er von 
Kauffahrem hörte, daß in Cadiz große Materialmengen zum Transport 
nach Lissabon bereit seien, diesen Hafen an. Hier traf er am 19. Aprü ein, 
trieb 6 Galeren unter den Schutz der Batterien, lief mit Handlot an beiden 
Seiten in den inneren Hafen ein und zerstörte dort über 100 beladene Schiffe 
fast ohne eigenen Verlust. Am 21. April verließ er Cadiz und beunruhigte 
die Küste bis Lissabon, wobei er selbst die Fischer nicht schonte. Er forderte 
auch Santa Cruz, der in dem Hafen lag, formell zum Kampfe heraus, doch 
nahm dieser weder die Forderung an, noch hinderte er weitere Unternehmungen 
an der Küste. Da diese jedoch keine nennenswerte Beute brachten, gingDrake 
nach den Azoren, und dort fiel ihm der wertvolle und wichtige Ostindienfahrer 
,, St. Felipe" (Seite 82) in die Hände. Trotzdem daß die Aufgabe des Admirals 
rein militärischer Natur war, wurde die weitere Fahrt wieder ein Fall des alten 
Freibeuterkrieges. Man sagt, vielleicht mit vollem Recht, Drake habe den 



*) In der englischen Seekriegsgeschichte wird der Zug anerkennend als „Singeing 
the king af Spains beard" bezeichnet. 

8* 



Il6 I^ie Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

geheuerten Kauffahrem zuliebe so gehandelt, die sich der Expedition nicht 
angeschlossen hätten, nur um Pulvermagazine zu sprengen und Kriegsmaterial 
zu vernichten, sondern um auch klingenden Lohn zu finden. 

Ob diese kühne Tat die Abfahrt der Armada um ein Jahr verzögert 
hat, ist fraglich, sie war wohl auch so noch nicht bereit; jedenfalls wurden 
die spanischen Rüstungen sehr verteuert und abgeschwächt, und der Schaden 
war nicht so schnell zu ersetzen. Noch einen anderen Verlust erlitt Spanien: 
im Februar 1588 starb Santa Cruz, ein erfahrener Seemann, an seiner Stelle 
erhielt der Herzog von Medina-Sidonia den Befehl über die 
nunmehr fast segelfertige Flotte. Medina war, selbst nach Auslaß eines 
spanischen Autors, nur so oft zur See gewesen, um zu erkennen, daß er leicht 
seekrank würde. Im übrigen war er ein Mann von Fähigkeit und Büdung, 
dabei von sanftem Charakter, weshalb man ihn vielleicht gerade für die Stellung, 
die ihm Parma gegenüber zugedacht war, gewählt hatte. Seiner Kriegs- 
unerfahrenheit sich bewußt, versuchte er zuerst auch, das Kommando ab- 
zulehnen. Am 22. März*) erhielt er seine Instruktionen über den Kriegsplan; 
die Abfahrt sollte beschleunigt werden, damit England möglichst imgerüstet 
angetroffen würde. 

Am 20. Mai verließ Medina Lissabon und traf am 9. Jimi in Coruiia, dem 
Sammelplatz, ein; ein schwerer Sturm an der Küste hatte viele Schiffe ver- 
sprengt, die sich erst nach und nach, teüweise schwer beschädigt, wieder ein- 
fanden. Schon dies entmutigte den Admiral, und da er auch sah, daß die 
Schiffe teilweise schlecht und ungenügend ausgerüstet waren, da er viele 
Kranke hatte und manche der Offiziere und Mannschaften für ungeeignet 
hielt, riet er dem König zum Frieden; wohl ein Zeichen, mit wie wenig Ver- 
trauen er das Kommando führte. Trotzdem behielt er es und Phüipp sprach 
die Erwartung aus, daß die Flotte nach Wiedersammeln aller schweren Schiffe 
spätestens am 2. Juli in See gehen werde. Die Schiffe wurden neu ausgerüstet 
und am 12. Juli verließ die Armada — die offizielle Bezeichnung der Flotte 
war „La felicissima Armada" — Coruiia. 

Die Expedition war als „Kreuzzug" erklärt und dementsprechend wurden 
verschiedene Anordnungen getroffen: Beichte imd Abendmahl sämtlicher 
Teünehmer vor der Abfahrt; Verbot von Hazardspielen und Zweikämpfen 
während der Reise; leichtfertige Weiber wurden an Bord nicht geduldet, 
katholisch-symbolische Flaggen geführt u. dergl. 

Die Instruktion, die Philipp seinem Admiral gab, befahl: „Er solle mit 
der ganzen Armada direkt zum engUschen Kanal gehen, diesen bis zur Themse- 
mündung (Margate) hinauflaufen, von dort mit Parma in Verbindung treten 
und dessen Überfahrt nach England sichern." Weitere Ausfühnmgen be- 
sagten : „Die Küsten Frankreichs und Flanderns seien wegen ihrer Untiefen 



♦) Alten Stils, in England damals noch gebräuchlich. Neuer Stil, in Spanien schon 
eingeführt, würde der i . April sein. Im weiteren Verlauf der Armada-Affäre wird stets 
alter Stil benutzt werden. 



Die Instruktion für die Armada. II7 

ZU vermeiden; die Küste Englands sei deshalb zu halten und die Reise trotz 
etwaiger Diversionen englischer Streitkräfte fortzusetzen; Zusammenstöße 
seien nicht zu suchen, um die eigenen Kräfte möglichst zu schonen, da die 
Flotte zu der Landung 6000 Mann an Parma abzugeben habe; gefochten 
solle nur werden, wenn ohne Kampf die Überfahrt der Invasionsarmee nicht 
zu erreichen wäre". Im Widerspruch hiermit wird aber doch erwähnt, daß 
Drake, faUs er am Eingang des Kanals gesichtet würde oder im Kanal hart 
nachdränge, angegriffen werden solle. Phüipp scheint angenommen zu haben, 
daß nur Drake mit einem Teile der englischen Flotte im Westen stehen würde, 
auch scheint er diesen, als Person, besonders gefürchtet zu haben. Es wird 
femer gesagt, die Armada würde auch stark genug sein, die gesammelte eng- 
lische Flotte, falls man noch vor Margate auf sie stieße, zu schlagen. Wie die 
Überfahrt Parmas zu sichern sei, sagte die Instruktion nicht; der Admiral sollte 
wohl nach Umständen handeln. War die englische Flotte vernichtet, so 
konnte die Überfahrt ohne Hilfe vor sich gehen, waren die feindlichen See- 
streitkräfte noch ganz oder teüweise schlagfertig, so mußte Medina begleiten. 
Daß die Unterstützung Parmas von der englischen Küste ausgehen sollte, war 
beschlossen, da hier sicherere Ankerplätze für die schweren Schiffe vorhanden 
waren als an der flandrischen. Nach geglückter Landung und Abgabe der 
6000 Mann soUte die Armada in der Themse stationiert werden, das Heer 
unterstützen und die Verbindung mit Flandern aufrecht erhalten. Wenn 
Parmas Überfahrt durch irgendwelche Umstände verhindert würde, sollte 
Medina die Insel Wight als Basis für spätere Unternehmungen besetzen. 

Aus der ganzen Order muß man entnehmen, daß der König — schlecht 
beraten oder, wenn besser beraten, hartnäckig auf seiner Ansicht bestehend — 
entweder die Schwierigkeit der Überführung einer großen Armee über den 
Kanal mit damaligen Mitteln, Ruder- und Segelfahrzeugen, unterschätzte 
und vor allem die Wichtigkeit, hierzu vorher den Weg freizumachen, nicht 
erkannte, oder daß er die Armada für fraglos stark genug hielt, allen Widerstand 
in dieser Hinsicht mit Leichtigkeit zu überw-inden. Dabei muß noch in Betracht 
gezogen werden, daß es sich nicht nur um die englischen Seestreitkräfte handelte, 
sondern daß auch die niederländische Flotte Parmas Transportflotte und seine 
geringen Seestreitkräfte blockierte, und zwar, wie die Zukunft zeigte, mit Erfolg. 

Der Armada ist nach dem Kriegsplane nur eine zweite Rolle zugeteUt: 
Die Unterstützung der Expedition durch Sicherung der Überfahrt, Verstär- 
kung des Landungskorps, Aufrechterhaltung der Verbindungen. Unabhängig 
war sie nur, „falls" eine Seeschlacht notwendig würde — allerdings wird diese, 
wieder im Widerspruch mit dem sonstigen Tenor der Order, darin gelegentlich 
als „eine Hauptsache" erwähnt; vielleicht war dies nur eine tröstende 
Schmeichelei für die Zuteilung der untergeordneten Rolle. Die Erwägung, 
daß der Kampf mit den feindlichen Seestreitkräften voraussichtlich die Haupt- 
sache werden würde, daß man deshalb den strategischen Plan und selbst 
die Ordre de Bataüle der Armada darauf richten müsse, zuerst mit den gefechts- 
kräftigsten Schiffen die Seeherrschaft im Kanal zu erringen und dann erst 



Il8 I>ie Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

zur Ausführung der Landung zu schreiten, scheint dem Könige*) und anfangs 
auch den Führern nicht gekommen zu sein. 

In der Zeit zwischen der Ausgabe der Instruktion im März und der Ab- 
fahrt im Juli scheint aber seitens der spanischen Führer den feindlichen Flotten 
mehr Beachtung geschenkt zu sein. Im Mai erklärt Medina, er hielte es für 
gefährlich, Truppen abzugeben, ehe der Feind zur See unschädlich gemacht 
worden sei, und rät, nach der Vereinigung mit Parma den Feind auf See 
zu suchen und zu schlagen imd dann erst zu landen. Die Vereinigung wird 
zwar immer noch an der englischen Küste und vor der Vernichtung des Feindes 
gedacht, die Aufgabe der Flotte tritt doch jetzt. aber stärker hervor, um so 
mehr als nach diesem Vorschlage Parma scheinbar an der Seeschlacht nicht 
teilnehmen sollte ; seine Seestreitkräfte konnten auch die Armada nicht wesent- 
lich verstärken. Trotzdem muß es aber bei dem Hauptplan geblieben sein, denn 
Medina schreibt bei Antritt der Reise immer noch an Parma : Er sei in See, 
habe nur den Befehl, den Weg freizuhalten und nur zu fechten, wenn er be- 
lästigt würde. Er bitte auch Parma, in See zu gehen imd Nachricht zu senden, 
wo und wann die Vereinigung stattfinden solle. 

Danach wünschte Medina sie also vor dem Eintreffen in Margate, falls der 
Platz überhaupt zu dieser Zeit noch als Treffpunkt galt, was nämlich fraglich ist. 

Nach einem Berichte des Vizeadmirals Recalde, des Zweitältesten See- 
offiziers, könnte man annehmen, daß schon bei Abfahrt der Armada die 
Vereinigung an der Südküste des Kanals gedacht war. Recalde nennt als 
Platz dafür „Las Dunas", was ebensogut die „Dünen" an der flämischen 
Küste wie „the Downs" an der englischen bezeichnen kann. 

Dieser Bericht an den König enthalt noch einige bemerkenswerte Punkte. Recalde leitet 
seine Auslassungen darüber, wie er die befohlene Aufgabe der Flotte auffaßt, damit 
ein: „Soviel mir davon bekannt ist"; scheinbar sind also die höchsten Führer nur un- 
vollkommen unterrichtet gewesen. — Er schreibt ferner, daß er einen Kampf mit der eng- 
lischen Flotte für unumgänglich hielte und sogar überzeugt sei, daß diese auch nach 
einer Niederlage bald wieder gefechtsbereit erscheinen würde, also weiter mit ihr gerechnet 
werden müsse. Endlich ist er der Ansicht, daß die Überführung der Armee Parmas 
mehrere Fahrten der Transportflotte erfordern würde. Da scheint es doch, als ob die 
spanischen Seeoffiziere bei Aufstellung des Kriegsplanes nicht genügend zu Rate ge- 
zogen sind oder erst später die Schwierigkeit der Ausführung erkannt haben. 

Während der Fahrt ist der urspriingUche Plan in dieser Hinsicht jeden- 
falls geändert. Beim Eintreffen vor dem Kanal (20. Juli) hatte Medina be- 
schlossen, bei Wight zu warten, bis Parma bereit sei, auszulaufen, und ihn 
dann in der Nähe von Dünkirchen zu treffen. Parma wurde gebeten, die 
Armada an der gefährlichen Küste keinen Augenblick warten zu lassen ; am 
26. Juli wurde Dünkirchen fest als Treffpunkt bestimmt. Als die Flotte sich 
später Calais näherte und die Lotsen ein weiteres Folgen der Küste über 
diesen Ort hinaus für gefährhch erklärten, verlangte Medina sogar, Parma 
solle ihm bis hierher entgegenkommen, auch scheint nun nicht mehr die 
Themsemündung, sondern Wight zur Landung ausersehen zu sein. 

♦) In betreff dieses Punktes verweise ich aber noch auf den Schlußsatz der ge- 
samten Betrachtungen über die Armada. 



Instruktion der Armada. Ihre Zusammensetzung. 



119 



Von Anfang an herrschte Unklarheit über die wichtigsten Maßnahmen 
zur Durchführung der Generalidee, nämlich über die Vereinigung und über die 
Überführung der Armee. Es ist nicht zu verwundem, daß diese Unklarheit 
immer schlimmer wird, je mehr die Angriffe der Engländer die Folgen des 
größten Fehlers des Planes — die Unterschätzimg der feindlichen Seestreit- 
kräfte — zeitigten. 

. Gänzlich unverständlich ist, daß von Anfang bis zu Ende die blockierende 
holländische Flotte außer Berechnung gelassen wird; ohne Hilfe der Armada 
konnte Parma überhaupt nicht aufbrechen. Nach der ersten Idee war eine 
solche Hilfe von Margate aus ja möglich. Der Treffpunkt wird aber inuner 
weiter ab verlegt und damit verlangt, daß Parma ohne Unterstützimg mit 
seiner Transportflotte in See gehen solle. Man mußte doch mit der Zeit 
die Kraft der Blockade kennen gelernt haben, denn die beiden spanischen 
Führer standen in Verbindung. Ebenso unbegreiflich ist, daß trotz der 
langen Vorbereitungen Parma nicht fertig war. Hatte man daVon in Spanien 
keine Kenntnis, oder legte man keinen großen Wert darauf? 

Die Zusammensetzung der Armada am 12. JuU war folgende:*) 







Schiffe von 






Gesamt- 


Ge- 
schwader 
von 


Tonnengehalt 
Geschütze 


1000 und 
darüber 

48—50 


800—1000 
22—50 


600—800 
16—34 


500—600 
12—24 


200—500 
12—20 


kleinere 
6—14 


zahl 

der Schiffe 

und 

Mann- 




Mann 


ca.4— 500 


300 — 500 


250—400 


180—300 


140—220 


40—120 


schaften') 


Portugal 


2 


3 


2 


I 


2 


2 


12=4623 


(Adm. Medina-Sidonia) 
















Biscaya 


I 




4 


2 


3 


4 


14=2692 


(Adm. de Recalde) 
















Castilien 
(Adm. Flores de Valdes) 




2 

(a4 Gesch.) 


4 («-3« 
3 — »4 

GcKh.) 


7 (sämü. 
530 tons 
34 Gesch.) 


I 


2 


16=4177 


Andalusien 


I 


5 


3 


I 


— 


I 


11=3105 


<Adm. Pedro de Valdes) 
















Guipuscoa 


I 


2 


2 


3 


2 


2 


12=2600 


{Adm.Miquel deOquendo) 
















Levante 


2 


5 


3 






— 


10=3637 


(Adm. M.< 


de Bertendona) 
















Gesamt 


7^) 


17 


18 


14 


8 


II 


75»)=20834 



1) I zu 1000, I zu 1050, I zu iioo, I zu 1150, I zu 1160 mit nur 30 Geschützen, 
I zu 1200, I zu 1250 tons. 

») Darunter nach spanischem Brauch nur 1/5 bis i/i Seeleute. Im Geschwader 
von Kastilien aber über 54; dieses Geschwader scheint auch sonst nach seiner gleich- 



♦) Zusammengestellt nach den Listen in Clowes, Teil I, Seite 598 ff., in denen 
auch die Schiffsnamen und die Einzelheiten in Hinsicht auf Tonnengehalt, Geschütz- 
zahl, Besatzungen, Seeleute und Soldaten gegeben werden. 



120 I^ic Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

mäßigen Zusammensetzung und Armierung aus zeitgemäßen Kriegsschiffen bestanden 
zu haben. Im Geschwader von Portugal betrug der Bestand an Seeleuten %, die Schiffe 
waren am stärksten armiert ; englische Quellen bezeichnen es als das Crack-squadron. 
>) Im übrigen darf man diese 75 Kriegsschiffe nicht alle für „als Kriegsschiffe 
erbaut" ansehen, es waren manche Kauffahrer darunter, von einigen weiß man es sicher. 

Der Bestand war also 75 Kriegsschiffe, darunter 42 über 600 tons 
und 56 über 500 tons. Dazu kamen: 

G«nmt- 

^ThTk ^«schütze Soldaten Seeleute Ruderer ^S*°' 

Geschwaders 

Galeassen von Neapel 4 ? je 50 170 — 260 112 — 124 300 2541 

Galere von Portugal 4 ? je 4 — 106 222 1250 

Leichtes Geschwader 22 50 — 300 4 — 12 20 — 100 15 — ^50 — 1168 

Hulks (Transporter) 23 200 — 700 4 — 38 vorwiegend Soldaten 3729 

Der Gesamtbestand der Armada war 128 Fahrzeuge mit 
etwa 2430 Geschützen und 29422 Mann (darunter etwa 8000 Seeleute und 
2088 Ruderer), außerdem hatte sich eine große Anzahl Edelleute mit ihren 
Dienern als Freiwillige und gegen 300 Priester eingeschifft. Die ganze Aus- 
rüstung soll an 180 Millionen Mark gekostet haben. Von den Schiffen sind 
allerdings einige auf der Reise von der Flotte abgekommen, es sollen aber 
beim Einlaufen in den Kanal immerhin von den Schiffen über 500 tons, 
den Galeassen und Galeren, also den Gefechtsschiffen, 59 zur 
Stelle gewesen sein. 

In den Niederlanden stand unter Parma ein starkes Heer von 30 000 
bis 40 000 Mann, wie die meisten Quellen sagen. Da einige Autoren nur von 
über 20 000 Mann sprechen, ist anzunehmen, daß nicht die ganze Armee zur 
Invasion in England bestimmt war; man konnte doch auch die Niederlande 
nicht ganz entblößen. In Dünkirchen, Sluys und Nieuweport waren Trans- 
portfahrzeuge gesammelt, auch gebot Parma hier sowie im Norden, wo Ver- 
duga in Groningen befehligte, über die Seestreitkräfte, die im Kriege gegen 
die aufrührerischen Provinzen verwendet wurden. 

Aber auch die Niederländer hatten gegen die Armada zur See ansehnlich 
gerüstet. Laut Vertrag waren sie verpflichtet, ein Kontingent zur englischen 
Flotte stoßen zu lassen. Hierzu war ein Geschwader von 27 Fahrzeugen unter 
Kapitän van Roozendal bestimmt; es scheint die Straße Dover-Calais be- 
wacht zu haben. Ein zweites beobachtete die Schiffe Verdugas und die 
Hauptmacht unter dem Leutnant-Admiral Justin von Nassau, den Vize- 
admiralen van Wassenaer, van der Doos und de Moor blockierte die Häfen 
der flämischen Küste. Vorgreifend sei bemerkt, daß das Geschwader Roozen- 
dals in den engUschen und spanischen Berichten über die Gefechte keine 
Erwähnung findet, während in holländischen Quellen die Mitwirkung ihrer 
Flotte zur Vernichtung der Armada*) hervorgehoben wird. 



*) Erwähnung der Beteiligung der Holländer in de Jonge, Teü I, Seite 136, aber 
ohne nähere Angabe, und ver^viesen auf Scheltema: de uitrusting en ondergang der 
Onoverwinnelyke vloot. 



stärke der Armada. Hollands und Englands Rüstungen. 121 

Nassaus Geschwader hat jedenfalls mit Erfolg blockiert und holländische 
Schiffe, von Nassau oder von Rcozendal, haben nach der Schlacht von Gra- 
velines versprengte und gestrandete Spanier genommen. 

Englinds Rüstungen waren anfangs sehr vernachlässigt. Bei ihrer Nei- 
gung zur Sparsamkeit gab sich Elisabeth leicht und gern der Hoffnung 
hin, daß der Krieg in der bisherigen Weise, also fem von Englands Küsten, 
weitergeführt werden würde, außerdem schwebten fortlaufend Friedens- 
verhandlungen; jedenfalls dachte sie nach den Erfolgen Drakes 1587 wohl 
nicht an eine baldige Ausführung der großen spanischen Expedition, Die 
tüchtigsten Seeoffiziere aber ließen die Vorgänge in Spanien und in den 
Niederlanden nicht aus den Augen, und auf ihr Drängen begann man ausgangs 
des Winters 1588 ernstlicher zu rüsten. Mehr konnten sie nicht erreichen ; 
der Vorschlag des Lordhighadmiral Lord Howard of Effingham, 
ein Geschwader von 6 großen und 
6 kleinen Schiffen mit regelmäßiger Ab- 
lösung zur Beobachtung und zum An- 
griff auslaufender Gegner stets an der 
spanischen Küste zu halten, sowie die 
noch offensivere Absicht Drakes, mit 
dem grÖßtenTeilderköniglichen Schiffe 
und den Fahrzeugen, die die Stadt 
London ausrüsten ließ, den Feind wie 
im Jahre vorher in seinen eigenen 
Häfen anzugreifen, fanden keine Ge- 
nehmigung. Nach dem ersten miß- 
glückten Auslaufen der Armada befahl 
die Königin sogar die Abrüstung 

der schwersten Kriegsschiffe, aber Lord Howard of Effingham. 

Howard hielt die Ausführung der Order 

durch Vorstellungen hin, und infolge der Nachrichten, daß die Expedition 
nicht aufgegeben sei, bot nun die Königin auf, was das Land an See- und Land- 
streitkräften stellen konnte: An den Südküsten wurden Truppren zusammen- 
gezogen und Signalstationen errichtet; die königlichen Schiffe wurden sämt- 
lich in Dienst gestellt und Kauffahrer geheuert; die Seestädte bereiteten 
Fahrzeuge für den Küstenschutz vor; Private stellten Schiffe, wohl oft 
bisherige Freibeuter, zur Verfügung. In dieser Weise wuchsen die 
englischen Seestreitkräfte beständig, auch noch während des späteren 
Feldzugs. 

Den Oberbefehl auf See hatte der Lordhighadmiral Howard erhalten. 
Er befehligte die Hauptflotte im Westen des Kanals, unter ihm dienten 
Drake, der ein Geschwader von armierten Kauffahrern führte, Frobisher, 
Hawkins, Fenner und andere schon berühmte Seeleute ; weitere Geschwader, 
besonders die Schiffe Londons, standen unter Seymour und Winter im Osten 
zur Deckung der Themse und zur Beobachtung der flandrischen Küste. 



122 Die Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

Howard hatte nie den Plan aufgegeben, dem Feinde bis zur spanischen 
Küste entgegen zu gehen, es fehlten jedoch Ausrüstungsgegenstände, vor allem 
Proviant, die vom Osten erwartet wurden. Als er auf die Nachricht vom 
ersten Inseegehen der Armada Ende Mai trotzdem segeln wollte, obgleich 
er z. B. nur für etwa 14 Tage Proviant hatte, erhielt er den Befehl, nur am 
Eingange des Kanals zu kreuzen. Vergeblich stellte er vor, daß er von dort 
bei den vorherrschenden Westwinden nicht im stände sei, dem Feinde gleich- 
zeitig den Weg nach Irland und durch den Kanal zur verlegen, beide Ziele 
aber könne dieser haben ; es sei richtiger, sich schon an der spanischen Küste 
an ihn zu hängen. Noch bis zum 22. Juni klagt er' über das Ausbleiben der 
Transporter und wird um so besorgter, da schon am 13. Juni spanische Schiffe 
zwischen Ouessant und den Scillys gesehen wurden; es waren Fahrzeuge, 
die der Sturm bei dem ersten Auslaufen bis hierher vertrieben hatte. Als 
am 23. endlich der Proviant eingetroffen war, ging der Admiral am 24. in 
See und kreuzte am Eingange des Kanals. Er hatte die Flotte in drei Teile 
geteilt: die Hauptmacht stand in der Mitte des Kanals, der Vizeadmiral 
der Flotte Drake lag nach Ouessant, der Kontreadmiral Hawkins nach den 
Scillys zu ; stete Verbindung wurde zwischen den drei Geschwadern aufrecht 
erhalten. Vom 8. bis 10. Juli ging er südlicher, da er aber fürchtete, der 
Feind habe schon ungesichtet passiert,; kehrte er am 12. Juli, also gerade am 
Tage der endgültigen Abfahrt der Armada, nach Plymouth zurück, um 
Wasser aufzufüllen; er ließ jedoch einige leichte Fahrzeuge als Beobachtungs- 
posten draußen. Bemerkenswert, weü von Einfluß auf das Schicksal der 
spanischen Flotte, ist, daß — wie sowohl Howard als Seymour am 12. und 13. Juli 
berichten — das Wetter in diesem Sommer ganz außergewöhnlich schlecht 
und stürmisch war und sie einen großen Krankenbestand hatten ; wie mußte 
diese Witterung auf die Seeleute und gar erst die Soldaten des Südens wirken! 

Die gesamten englischen Seestreitkräfte, die der 
Armada nach imd nach entgegentraten, zeigt die Zusammenstellung*) 
auf der nächsten Seite. 

Der Bestand war also 84 Kriegsschiffe, darunter 8 über 600 tons 
und 14 über 500 tons. Diese waren größtenteUs als Hauptmacht unter Howard 
vereinigt, einige der größeren dienten aber auch als Flaggschiffe Drakes, 
Winters, Seymours oder befanden sich bei den Geschwadern der beiden 
letzten Admirale als deren Kern (Gruppenführer). 

Der Gesamtbestand der englischen Flotte war 182 
Segel mit 14520 Mann, wozu noch 15 Transporter mit 810 Mann traten. 

Bei der Abwägung der Kräfte der beiden Gegner hat sich das Urteil im 
Laufe der Zeit mehrfach geändert. In den früheren Jahren wurden die Zahl 

•) ZusammengesteUt nach den TabeUen Clowes, Teil I, Seite 588 ff., in denen 
die Schiffe mit Namen und Tonnengehalt, die Kriegsschiffe auch mit Namen der Offiziere, 
ihr Mannschaftsbestand getrennt nach Seeleuten, ArtiUeristen, Soldaten und ihre Ar- 
mierung mit Zahl und Kaliber der Geschütze angegeben sind. 



Englands Flotte. Abwägung der Kräfte. 



123 





Schiffe von 


Gesamt- 


















zahl 


Verband 


Tonnengehalt 


1000 u. 
darüb. 


800—1000 


600—800 


500-600 


200—500 


kleinere 


derScbifie 
und 




Geschütze 


40—42 


42-55 


36-48 


30-54 


18-38 


3—21 


Mann- 




Mann 


500 


430-490 


250 


250 


100—180 


20—100 


schaften 




1000 














Königliche Marine 


2 und 

IIOO 


3 


3 


6 


8 


12 


34=62891 


Aimiecte 
Kauf- 
fahrer 


Unter Drake 
im Westen 

Unter Howard 
im Westen 


> 
5 

S 

s 

OK» 

c 

•5 


4 zu 3—400 tODf, Z30— 160 Mann 

10 fu 900—350, 70—110 

6 tu 150 — aoo, 70—80; Rcftt 30 

bit 80, 30—50 

1 1 zu roo — aao ton, 50 — 90 Mann _ 

7 zu 10—80, xo — 50 


14 


20 
18 


34=2394 
l8= 530 




Der Stadt 
London im Osten 


xo zu a — 300 tont, 90 — xao Mann _ 
3o zu 60— 180, 30'-8o 


10 


20 


30=2 I 80 


Küsten- 
Fahr- 
zeuge 


Unter Howard 
im Westen 

Unter Seymour 
und Winter 


sr 

9» 

s 
s 

>3 


zu 40 — z8o tont, 30 — 70 Mann = 
zu 35—160 tont, 3o — xoo Mann = 




20 
23 


20= 993 
23=1090 




im Osten 












Freiwillige 


Schiffe 8) 




• ZU350 — 300 ton, xoo— xo8Mann _ 
Rett zu 30— X40, 30—65 


2 


21 


23=1044 


Gesamt 


2 


3 


3 


6 


34 


134 


^82=14520 



»> 



»» 



»» 



34 Gunner 
40 

24 
12 



»> 



»» 



1 26 Soldaten = 430 

160 „ = 500 

76 „ = 250 

8 „ =100 



1) Auf den Kriegsschiffen befanden sich etwa % bis % Seeleute, auf den kleineren 
sogar noch mehr. Hierüber einige Beispiele: 
„Ark", Flaggschiff Howards 800 tons 270 Seeleute 
„Triumph", „ Frobishers iicx) „ 3CX) 
„Vanguard", „ Winters 5CX) „ 150 
„Tiger" 200 „ 80 

*) Die Armierung der Kauffahrer und Küstenfahrzeuge war wohl etwas schwächer 
als die der Kriegsschiffe gleicher Größe. Bei den größeren war der Unterschied viel- 
leicht nicht sehr bedeutend, da es ja gebräuchlich war, solche für den Kriegsdienst 
gebrauchsfähig zu machen und manche auch wohl ab Freibeuter benutzt waren. 

*) Die freiwilligen Schiffe, Eigentum von Privatpersonen, stießen nach und nach 
zur Flotte, als die Armada an der Küste war. Sie und alle armierten Kauffahrer wurden 
während der Campagne vom Staate erhalten und gelöhnt, mit Ausnahme der Schiffe 
der Stadt London und der Küstenfahrzeuge im Osten, welche die Cinqueports gestellt 
hatten. 



und die Größe der Schiffe auf Seiten der Spanier ungebührend hervorgehoben. 
Die späteren genaueren Forschungen haben dagegen zunächst ihre Gefechts- 
kraft zu sehr unterschätzt, namentlich wenn in bezug auf die Bestückung 
gesagt wurde, sie habe fast nur aus 4 — 9-Pfündem bestanden; gegenwärtig 
dürfte nachfolgende Beurteüung die verbreit etste und wahrscheinlichste sein. 
An Zahl der größeren Kriegsschiffe war die Armada absolut weit über- 
legen mit 56 Fahrzeugen über 500 tons — dazu noch 4 Galeassen, mächtige 
Gefechtsschiffe, und 4 Galeren — gegen nur 14 auf englischer Seite. Wesent- 
lich anders stellt sich dieser Vergleich aber schon, wenn wir auf englischer Seite 



124 ^^^ Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

die Schiffe zwischen 200 und 500 tons, 8 königUche und 26 Kauffahrer, dazu 
rechnen ; nach ihrer Armierung ist man dazu berechtigt, da sie hierin den spani- 
schen Schiffen von 500 — 600, ja auch vielen von 600 — 800 tons, gleichstanden. 

In der Größe der Schiffe war die Überlegenheit ebenfalls auf spanischer 
Seite, wenn man die Zahl der Schiffe in den einzelnen Klassen nach Tonnen- 
gehalt gegenüberstellt. Für die Beurteilung der Gefechtskraft ist dieser 
Umstand jedoch nicht durchschlagend, weil die englischen Schiffe alle weit 
schwerer armiert waren als die spanischen gleichen Tonnengehalts. Auch 
boten die großen spanischen Fahrzeuge, die weit höher über Wasser waren 
als die englischen gleichen Tonnengehalts, im Feuergefecht ein gutes Ziel, 
ein Nachteil, der durch den Vorteil beim Enterkampf nicht aufgewogen wurde. 
Das auf Bildern jener Zeit zum Ausdruck gebrachte übermächtige Aussehen 
der Spanier hat gerade früher zur Überschätzung der Armada geführt. 

Zu dieser relativen Überlegenheit der englischen Artillerie an Zahl der 
Geschütze trat auch noch die ganz unzweifelhafte an Kaliberstärke,*) d. h. es 
befanden sich auf der englischen Flotte relativ sicher, vielleicht sogar absolut, 
mehr Geschütze schwereren Kalibers als auf der spanischen, wenn auch die 
Schwäche der Spanier in dieser Beziehung nicht so bedeutend war, wie längere 
Zeit angenommen ist. Vor allem aber war die Bedienung dieser Waffe bei den 
Engländern weit besser. Die Spanier hielten — nach Ausspruch eines spa- 
nischen Autors — das Geschütz für eine unedle Waffe, gut genug zur Ein- 
leitung des Gefechts bis zum baldigen Kampfe Mann gegen Mann. Die 
Pforten waren bei ihnen der Sicherheit gegen Gewehrfeuer wegen so klein, 
daß die Geschütze nur schlecht gerichtet, namentlich nicht genügend inkliniert, 
werden konnten, bei Feuergefecht auf kurze Entfernung für die hohen Schiffe den 
niedrigeren gegenüber ein großer Nachteil. Die Schiffe führten nur wenig 
Munition. Die Bedienung war instruiert, auf die Takelage zu schießen, um den 
Feind manövrierunfähig zu machen und dadurch zum Enterkampf zu kommen ; 
die Feuergeschwindigkeit war gering. Bei den Engländern war die Artillerie 
schon zu einer geachteten Waffe geworden, die Geschütze waren besser 
lafettiert und wurden besser und schneller bedient. Man kannte diesen Um- 
stand in Spanien wohl; Philipp befahl in seiner Instruktion, bei einem Gefecht 
solle man den Enterkampf erzwingen, der Feind würde versuchen, ein Feuer- 
gefecht zu führen. 

Ebenso wichtig aber wie die Überlegenheit im Gebrauch der «Artillerie 
war die der Engländer in der Bedienung der Schiffe. Hingewiesen ist auf 
den großen Unterschied in der Bemannung mit Seeleuten, und sowohl 
als Mannschaft wie als Führer waren die Engländer tüchtiger. Bei den Spa- 
niern überwogen die Soldaten so sehr, daß die Bedienung des Schiffes im 
Gefecht in Frage gestellt war, Soldaten kommandierten teüweise die Schiffe. 
Die spanischen Fahrzeuge manövrierten infolge ihrer Höhe über Wasser 
und ihrer hohen Kastelle an und für sich schon schlechter. 

*) Clowes, Teil I, Seite 561. Colomb, Seite 236 ff. sind diese Punkte näher aus- 
geführt. 



Abwägung der Kräfte. Die Armada in See. 125 

Aus allem geht hervor, daß die Überlegenheit der Armada keineswegs so 
bedeutend war, als sie auf den ersten Blick erscheint und lange angenommen 
ist. Wenn man dies anerkennt, so tritt man dem Verdienst der englischen 
Seeleute nicht zu nahe, die Abwehr der Armada bleibt immer eine glorreiche 
Tat; die tüchtigsten Führer der Engländer waren sich auch der Stärke auf 
ihrer Seite wohl bewußt imd haben dies vor dem Zusammenstoß ausgesprochen. 

Am 12. Juli hatte die Armada Corufia verlassen. Am 17. Juli wehte ein 
schwerer Sturm, in dem etwa 40 Schiffe versprengt wurden. Der Admiral 
sandte am nächsten Tage leichte Fahrzeuge auf dem Kurse nach Lizard voraus, 
um nach nördlich stehenden Schiffen auszusehen; es gelang auch bis zum 
20. Juü die Flotte wieder zu sammeln, nur etwa 9 Segel fehlten. 

Am 19. 4 h pm.*) kam die englische Küste in Sicht. Medina heißte eine 
Flagge mit Kruzifix, den Bildern der Heiügen Jungfrau und Maria Magdalenas 
und ordnete ein allgemeines Gebet an. Nachts sah man die Küste mit Signal- 
feuem bedeckt. Die versprengten Schiffe waren nämlich von Kapitän 
F 1 e m y n g , Geschwader Drake, gesichtet ; dieser hatte es am 19. in Plymouth 
gemeldet. Auf der Armada war Lizard für Ramhead gehalten, man glaubte 
sich also sehr nahe bei Plymouth, lag deshalb während der Nacht von der 
Küste ab und hielt am 20. einen Kriegsrat, in dem der Beschluß gefaßt wurde, 
die Engländer im Hafen anzugreifen. Hätte man Lizard richtig erkannt und 
den Kurs während der Nacht mit vollen Segeln fortgesetzt, so würde man 
bei dem herrschenden Winde voraussichtlich imstande gewesen sein, den 
Feind am 20. während des Auslaufens zu überraschen und zum Enterkampf 
zu zwingen. Howard hatte zwar sofort nach dem Eintreffen Flemyngs mit 
dem Inseegehen begonnen, da aber infolge starken Gegenwindes die Schiffe 
gezwungen waren, sich aus dem Hafen zu warpen, kamen im Laufe des 19. 
und in der Nacht nur 40 — 50 Fahrzeuge heraus, weitere erst während des 
folgenden Tages. Die Spanier hatten die Nacht vom iq. auf 20. und einen 
Teil des Tages verloren, auch am Abend des 20. drehten sie wieder bei, um 
die Küste zu erkunden. So kam es, daß die Armada am 21. Juli morgens, 
einige Seemeilen westlich von Eddystone stehend, etwa 60 englische Segel 
zu Luward sichtete — es wehte WNW. — und einige zehn weiter östlich 
unter Land, die bestrebt waren, sich mit der Hauptmacht zu vereinigen, was 
ihnen auch gelang. 

Die Armada segelte in einem großen Halbmonde : das Gros unter 
Medina in der Mitte, auf dem zurückgezogenen linken Flügel die Vorhut 
unter de Leyva, auf dem rechten die Nachhut unter Recalde ; die Spitzen des 
Halbmondes sollen 6 — 7 Seemeilen voneinander entfernt gewesen sein. 

In den Schiffslisten (Clowes) wird de Leyva nicht angeführt. Er muß älter gewesen 
sein als Recalde, da sein Flottenteü Vorhut genannt wird (obgleich er auf dem Unken 
Flügel segelt), und da er später einige Tage Recalde unter seinem Kommando hat. 

Eine wörtliche Wiedergabe der genaueren Quellen über den Verlauf 
der spanischen Expedition würde zu weit führen; ich beschränke mich 



♦) h = Uhrzeit, am. (Vormittag), pm. (Nachmittag) -- Tageszeit. 



X26 1^6 Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

darauf, die Ereignisse der »yArmadawoehe*'*) kurz so zu schildern, daß die in 
taktischer und strategischer Hinsicht wichtigsten Punkte hervortreten: 

Medina-Sidonias leitender Gedanke war, die Vereinigung mit 
Parma so schnell und so ungeschwächt wie möglich herbeizuführen und nur 
gezwungen zu fechten; war ein Zusammenstoß nicht zu vermeiden, den 
Enterkampf zu suchen. Howard beabsichtigte vorläufig nur, eine Landimg 
des Feindes zu hindern und ihm möglichst Abbruch zu tun, sich aber sonst 
nicht früher ernstlich zu engagieren, ehe er nicht die ganze Streitkraft Eng- 
lands, durch Heranziehung der noch überall in der Ausrüstung befindlichen 
Schiffe und vor allem der Geschwader Winters und Seymours, vereinigt 
habe. Wie die Spanier mit den englischen Stärken und Schwächen bekannt 
waren, so war dies auch umgekehrt bei den Engländern der Fall; für sie war 
also die gegebene Taktik, im Feuergefecht auf wirksamster Distanz, also bei 
dem damaligen Stande der Artillerie ziemlich nahe, jedoch unter Vermeidung 
des Enterkampfes, den Feind an schwachen Stellen seiner Formation anzu- 
greifen, sich aber den Abbruch des Gefechtes stets sicher zu halten. 

Dementsprechend erfolgte der erste Angriff Howards Sonntag den 21. Juli 
b^ Plymouth. 

Sonntag, 21. Juli 1588. — Die englische Flotte steht etwa 70 Segel stark zu Luward. 
Um 9 h am. eröffnet Howard die Feindseligkeiten dadurch, daß er von einem kleinen 
Schiff einige Schüsse als „Herausforderung" auf den Feind abgeben laßt, dann greift 
er mit der Flotte an. Er wechselt mit dem feinlichen linken Flügel nur einige Schüsse auf 
weitere Entfernungen und segelt quer hinter dem Halbmond durch. Drake („Revenge'*, 
43 Kanonen) undFrobisher („Triumph", 42 Kanonen) greifen mit der Vorhut den rechten 
Flügel, Recalde („St. Anna", 30 Kanonen), an. Recalde und einige seiner Schiffe nehmen 
das Gefecht auf, andere aber drangen zum Gros. Engländer führen Feuergefecht auf 
nahe Distanz, weichen aber Entern aus ; Spanier müssen zurück, da im Nachteil. Medina 
selbst (,, St. Martin", 48 Kanonen) dreht mit einigen Schiffen bei, um Recalde aufzunehmen, 
kommt dadurch ins Gefecht mit Howard („Ark", 55 Kanonen); als Medina mehr Bei- 
stand erhält, bricht Howard das ganze Gefecht ab; die Spanier rangieren und setzen 
die Reise fort. Dabei erleidet ein großes Schiff „N. S. del Rosario" (46 Kanonen, Flagg- 
schiff von Andalusien) so schwere Havarie, daß es in der Nacht zurückgelassen werden 
muß. Ein zweites Schiff „S. Salvador" (25 Kanonen, zweites Flaggschiff von Guipuscoa) 
wird durch Explosion (Unglück oder Rachetat eines flämischen Geschützmeisters) so 
beschädigt, daß es am 22. verlassen werden muß. Beide Schiffe fallen den Engländern 
in die Hände. 



♦) In Clowes, Teil I, Kapitel 15, findet man wohl die eingehendste Schilderung 
der Ereignisse an der Hand von wörthchen Auszügen aus „A Relation of Proceedings", 
geschrieben nach den Direktiven Howards und aus der spanischen Quelle: Duro, „La 
Armada invencible", Madrid 1884/85, worin Berichte Medinas enthalten sind. 

Diese von beiden Seiten verfaßten Berichte gewähren nebeneinander gestellt und 
sich so ergänzend ein ziemlich klares Bild. Einen genauen Verlauf der Aktionen geben 
sie freilich nicht, das ist für diese frühe Zeit der Seekriegsgeschichte und noch länger 
hin auch nicht möglich, da in den Seegefechten die Ordnung noch nicht aufrecht erhalten 
wurde. Das Schlachtfeld größerer Flotten bot sofort ein großes wechselndes Bild ver- 
schiedener Gruppenkämpfe, und wissenschaf thche Zusammenstellungen auf Grund genauer 
E inzeiberichte wurden noch nicht gemacht. 



Gefechte bei Plymouth und bei Portland. 127 

In dem etwa achtstündigen Gefecht errang Howard einen kleinen Erfolg ; 
die spanischen Schiffe hatten mehr gelitten, zwei Flaggschiffe waren gar 
verloren. Wichtiger aber war der moralische Erfolg. Die Engländer sahen 
ihre Annahmen praktisch bestätigt: ihre Schiffe waren handlicher, ihre Ar- 
tillerie besser. Die Spanier hatten bei der geringen Inklinationsfähigkeit 
ihrer Geschütze meist zu hoch geschossen und nirgend den Enterkampf er- 
zwingen können, die Engländer hatten die hohen Ziele getroffen. Wie be- 
absichtigt, war Howard, der zur Zeit noch nicht einmal alle Schiffe aus Ply- 
mouth bei sich hatte, imstande gewesen, abzubrechen und ein allgemeines 
Gefecht zu vermeiden. Der Mißerfolg wirkte auf die Armada niederdrückend. 
Wenn auch offizielle Berichte darüber schweigen, so geht es doch aus dem 
Benehmen einzelner Schiffe Recaldes hervor und tritt auch schon in Privat- 
aufzeichnungen zu Tage; auf englischer Seite hob der Erfolg die Stimmung. 

Die Armada setzte ihren Kurs fort, die Engländer folgten. Da sie aber 

in der Nacht die Fühlung unter sich und mit dem Feinde verloren, kam es 

am Montag den 22. Juli zu keinem Zusammenstoß. 

Drake hatte Befehl, .während der Nacht am Feinde zu bleiben. Irregeleitet durch 
einige deutsche Kauffahrer, die er für Spanier hielt, verliert er die Fülüung und dadurch 
ein großer Teil der übrigen Flotte ebenfalls. Nur Howard selbst bleibt mit einer Gruppe 
am Feinde; erst am Abend des 22. ist die Flotte wieder vereint. Drake nimmt aber mit 
einer Gruppe seiner Kauffahrer an diesem Tage die erwähnte „Rosario'S und die „S. Sal~ 
vador'* wird verlassen aufgefunden ; beide werden nach England eingebracht. 

Medina ändert an diesem Tage seine Formation. Er bildet aus Vorhut 
und Nachhut eine stärkere Nachhut unter de Leyvas Befehl, 43 der besten 
Schiffe, darunter die 4 Galeassen, um so jeden Angriff besser abschlagen 
und mit dem Gros den Marsch unbehindert fortsetzen zu können. Außerdem 
befiehlt er allen Kommandanten bei Strafe des Hängens, die befohlenen 
Posten zu halten. Er sendet Nachricht an Parma über die Position der 
Armada. 

In der Nacht vom 22. '23. Juli wurde es fast windstill. Die 4 Galeassen 
erhielten Befehl, dies zu einem Vorstoß gegen einige von der englischen 
Flotte getrennte Schiffe zu benutzen. Sie erreichten jedoch nichts, wahr- 
scheinlich aus Mangel an Schneid. 

Nach der flauen Nacht sprang der Wind Dienstag den 28. Juli auf NO., 
als sich die Flotten auf der Höhe von Portland befanden. Nun stand die 
Armada zu Luward, und Medina hoffte, den Enterkampf erzwingen und dem 
Feinde einen empfindlichen Schlag zufügen zu können. Während die Eng- 
länder manövrierten, um die Luvstellung wieder zu gewinnen, griff er an. 

Dienstag den 23. Juh. — Wind NO. Beide Flotten Hegen über B.B.Bug. Die 
Engländer wenden, die Spanier halten zum Angriff ab. Es entspinnen sich verschiedene 
Gruppenkampfe. Eine englische Gruppe unter Frobisher („Triumph" und Kauffahrer), 
etwas getrennt in Lee stehend, wird hart bedrängt durch die Galeassen, andere englische 
Gruppen eilen zur Unterstützung herbei, aber auch von spanischer Seite kommt Hilfe. 
Der wieder auf SO. und dann SW. drehende Wind bringt die Engländer in die Luv- 
stellung, so daß es Howard möglich ist, eine Gruppe der besten Kriegsschiffe in guter 
Ordnung auf diesen wichtigen Kampfplatz zu führen, und die Spanier müssen, obgleich 



128 I^e Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

auch Medina mit einer Anzahl der besten Schiffe seines Geschwaders (Portugal) hier 
eintrifft, nach mehrstündigem, heftigem Kampfe abhalten. Die Engländer hatten 
wieder den Enterkampf vermeiden können, aber auch sie hatten diesmal schwer geUtten 
und waren knapp an Munition geworden. Nach dem spanischen Berichte waren sie es, 
die das Gefecht abbrachen. 

. Das Gefecht bei Portland brachte keiner Partei einen taktischen oder 

strategischen Erfolg; bemerkenswert ist es aber, daß Medina es jetzt doch 

für nötig gehalten hat, die englische Flotte bei günstiger Gelegenheit schon 

vor der Vereinigung mit Parma zu schlagen, und seinerseits angriff. 

Nach dem Gefechte, das vom Morgen bis zum Abend gedauert hatte, 
setzte die Armada in guter Ordnung die Reise fort; die Engländer folgten 
scharf, aber sie unternahmen Mittwoch den 24. Juli, wohl wegen Munitions- 
mangels, nichts von Bedeutung. Howard teilte an diesem Tage seine Flotte, 
jetzt wohl 120 Segel stark, in vier Geschwader, unter seinem, Drakes, Fro- 
bishers und Hawkins Befehl stehend; auch sandte er kleinere Fahrzeuge 
und Boote an Land, um von den Küstenkastellen Munition, sowie Leute und 
Proviant zu holen. Die spanische Nachhut wurde wieder in die ursprüng- 
lichen Geschwader Leyvas und Recaldes geteilt. Am Donnerstag den 25. Juli 
war es fast still, die Flotten standen auf der Höhe der Insel Wight. Um das 
zurückgebliebene Schiff des Admirals Recalde entspann sich an diesem Tage 
ein Gefecht, woran sich nach und nach eine große Zahl der größten Schiffe 
von beiden Seiten beteiligte, so daß es der blutigste der bisherigen Zusammen- 
stöße gewesen zu sein scheint. Dabei waren bei der zeitweiUg völligen Stille 
verschiedene Schiffe genötigt, sich ins Gefecht oder in günstige Windposition 
durch ihre Boote schleppen zu lassen. Wiederum brachen die Spanier das 
Gefecht ab, als zunehmende Brise die Aussichten der Engländer erhöhte; 
auch Howard stand von weiterem Kampfe ab, im Hinblick auf seinen Mimitions- 
mangel und in der Aussicht auf die nun bald bevorstehende Vereinigung 
mit den östlichen Streitkräften. 

An diesem Tage sandte Medina einen Boten an Parma mit der Bitte, 
sich so bereit zu halten, daß die Vereinigung später ohne jeden Verzug vor 
sich gehen könne. 

Donnerstag den 25. Juü. — „St. Anna" und eine große portugiesische Galeon 
waren infolge früher erlittener Gefechtshavarien zurückgeblieben. Frobisher läßt sich 
DMt einer Gruppe durch Boote an diese Schiffe bis auf Musketenschußweite heranschleppen. 
Geschleppt oder mit eigenen Riemen kommen de Leyva und die Galeassen spanischer- 
seits, Howard mit einer Gruppe Kriegsschiffen anderseits heran. Heftiges Gefecht auf 
nahe Entfernung; nach spanischen Angaben braucht Howard zum ersten Male seine 
unterste Batterie, wahrscheinhch war dieses vielen Schiffen, auch spanischen, bisher 
wegen Wind und See nicht mögUch gewesen. Als etwas Wind aufkommt, greift eine 
größere Anzahl großer Spanier ein und befreit ihre Landsleute, ja Howard selbst wird 
hart bedrängt. Schon hoffen, die Spanier dieses Mal zum Enterkampf zu kommen, aber 
der Wind frischt zugunsten der Engländer auf. An anderen Stellen sind die Flotten 
gleichfalls aneinander gestoßen; Frobisher und einige andere Kriegsschiffe können sich 
einer ungünstigen Leestellung auch nur durch Tauenlassen entziehen. 

Das Gefecht bei Wight brachte wieder keine Entscheidung, aber die 
Engländer hatten doch neue Erfolge zu verzeichnen: das Schiff Recaldes 



Gefecht bei Wight. Die Armada vor Calais. 129 

war genötigt, nachdem der Admiral von Bord gegangen, die Armada zu ver- 
lassen, es strandete später an der französischen Küste; auch sonst hatten die 
Spanier mehr gelitten. Sie setzten aber doch ihre Fahrt in guter Ordnung 
fort und wurden Freitag den 26. Juli nicht angegriffen. Howard erhielt an 
diesem Tage Munition und Mannschaften, auch neue Schiffe stießen zu ihm. 
Medina sandte wieder einen Boten an Parma und bat um Munition und um 
40 leichte Segler, um die beweglicheren Feinde leichter festhalten zu können; 
vor allem forderte er, Parma möge beim Erscheinen der Armada vor Dün- 
kirchen sofort herauskommen. 

Howard rief am Freitag fünf seiner Führer an Bord und schlug sie zum Ritter, 
unter ihnen Frobisher und Hawkins. 

Plymouth, Portland und Wight waren die Orte, wo man in England besonders 
Landungen gefürchtet hatte, und doch ist es wohl Zufall, daß gerade hier die drei großen 
Gefechte stattfanden. Medina dachte an keine Landung und Howard verfolgte bis hierher 
nur dieselbe Taktik, zurückgebliebene oder ungünstig stehende Feinde mit Übermacht 
anzugreifen. Er hatte Erfolg damit; wenn dem Gegner auch keine großen Verluste 
beigebracht waren, so wurde er doch mürbe gemacht. Jetzt fehlten schon 4 große Schiffe 
(eigener Ausspruch Howards: we pluck their feathers little by little), während die englische 
Macht ständig wuchs. 

Wenn Medina bei Wight ein größeres Gefecht annahm, so hatte dies darin seinen 
Grund, daß er hoffte, zum Enterkampf zu kommen, und er wurde vielleicht auch 
dadurch in seinem Entschluß bestärkt, daß es der Tag St. Dominiks, seines Schutzpatrons, 
war; die Absicht, bei Wight liegen zu bleiben, bis Parma fertig sei, hatte er jetzt schon 
aufgegeben. 

Auch Sonnabend den 27. Juli griffen die Engländer nicht an. Um 4h pm. 
bekam die Armada die französische Küste bei Boulogne in Sicht und hielt 
auf Calais zu. Medinas Lage war bedenklich. Noch immer war keine Ant- 
wort von Parma eingetroffen und die Lotsen erklärten, man würde bei Fort- 
setzung des Kurses durch die Strömung bei Dünkirchen vorbei in die Nordsee 
getrieben werden. Der Admiral ankerte deshalb am Abend zwischen Calais 
und den vorliegenden Bänken und sandte als letzten Boten seinen Sekretär 
an Parma mit der dringenden Aufforderung, sofort zu kommen, bei längerer 
Zögerung sei die Vereinigung, ja selbst die ganze Flotte aufs äußerste gefährdet. 
Der französische Gouverneur von Calais, mit dem Medina in Verbindung ge- 
treten war, um sein Erscheinen an der Küste zu rechtfertigen, ließ nämlich 
sagen, der Ankerplatz sei sehr unsicher und gefährlich. Die Engländer hatten 
auf Kanonenschußweite geankert und erhielten am Abend die Verstärkung 
durch die Geschwader Winters und Seymours, etwa 36 Schiffe, worunter 
5 große Kriegsschiffe, so daß sie jetzt zwischen 140 und 200 Segel stark waren. 
Die Entscheidung mußte fallen, denn auch für Howard war es jetzt die höchste 
Zeit, der spanischen Vereinigung entgegenzutreten, und sie fiel. 

Zunächst wurde die Armada in der Nacht vom Sonntag den 28. Juli 
auf Montag durch einen Angriff mit Brandem von ihrem Ankerplatz ver- 
trieben. 

Schon am 27. hatte Howard nach Besprechung mit Winter beschlossen, den Feind 
zu Anker mit Brandern anzugreifen. Da Brander aus Dover, nach denen man sofort 

Rittmeyer, Seekriege. 9 



1^0 I^ie Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

gesandt hatte, doch wohl zu spät angekommen wären, ließ er am 28. acht seiner schlechtesten 
Schiffe zu diesem Zweck herrichten. Medina hatte einen solchen Angriff vorausgesehen 
und angeordnet, Schiffe und Boote zum Abschlagen bereit zu halten. Um Mittemacht 
des 28. griffen die Brander an und hatten vollen Erfolg. Medina gab Befehl, Anker zu 
hebten, auszuweichen und wieder zu ankern. Ihm und einigen anderen Schiffen gelang 
dieses Manöver, sonst aber trat Verwirrung mit vielen Kollisionen ein. Zwei Schiffe 
verbrannten, eine Galeasse kam havariert auf Grund, der größte Teil der Flotte trieb 
mit dem Strom die Küste entlang nach Gravehnes zu, so daß der Admiral bei Tages- 
anbruch mit dem Reste folgen mußte. 

Am 28. waren nun auch, morgens und abends, Nachrichten der zwei 
letzten Boten eingetroffen, die aussagten: Parma selbst sei nicht in Dün- 
kirchen, noch sei nichts eingeschifft, an ein Auslaufen des Transports sei 
vor vierzehn Tagen nicht zu denken, da die Transportfahrzeuge leck und auch 
sonst die Vorbereitungen nicht fertig seien. Andere Unterstützung, die ge- 
wünschten leichten Schiffe, war infolge der Blockade durch die Holländer 
auch nicht zu erwarten. 

Montag den 29. Juli sah sich Medina auf der Höhe von Gravelines genötigt, 
die entscheidende Schlacht anzunehmen. Als er Calais verließ, 
hatte sich Howard zwar zuerst, der alten Taktik folgend, mit dem Versuch 
aufgehalten, die gestrandete Galeasse durch Boote zu nehmen. D r a k e 
aber hatte sofort erkannt, daß es jetzt, so dicht vor Dünkirchen und den 
andern Häfen Parmas, nötig sei, den entscheidenden Schlag zu führen. Er 
folgte der Armada mit vollen Segeln und die anderen Geschwader schlössen sich 
an. Es wehte stark aus NW. , nahezu auflandig, ein Ausweichen vor dem Kampfe 
mit raumem Winde würde die Armada auf die Untiefen vor Dünkirchen 
geführt haben. Medina, der die Halbmond-Formation leidlich gut her- 
gestellt hatte, gab deshalb den Befehl, so hoch wie möglich an den Wind 
zu gehen; damit mußte er sich dem Feinde stellen. Um gh am. begann 
die Sclüacht auf der ganzen Linie. Drake, Frobisher und Hawkins greifen 
mit ihren Geschwadern den feindlichen linken Flügel, Winter und Seymour 
den rechten und Howard bald darauf die Mitte an. Die feindlichen Flügel 
werden auf die Mitte gedrängt, durch Manöver auf beiden Seiten zur Unter- 
stützung besonders bedrohter Schiffe geht bald jede Ordnung verloren. 
Auf Pistolenschußweite wird gefochten; die Spanier, besonders die großen 
Schiffe, kämpfen tapfer, sie werden aber furchtbar zerschossen und können 
teilweise bald wegen Munitionsmangels nur noch mit Kleingewehrfeuer ant- 
worten; Enterversuche gelingen nicht. 

Um 6h pm., nunmehr frei von den nächsten Untiefen, hielt Medina 
nach schweren Verlusten ab. Die Engländer hatten kein Schiff verloren, 
aber auch sie, ermüdet und teilweise ohne Munition, brachen den Kampf ab; 
von der Größe des Erfolges, von der jetzt auf der Armada herrschenden 
Niedergeschlagenheit, von dem Umfange des Munitionsmangels beim Gegner 
hatten sie zunächst noch nicht volle Kenntnis. 

Howards Boote hatten die gestrandete Galeasse („S. Lorenzo") geentert und aus- 
geplündert; Versuche sie flott zu machen und in Besitz zu nehmen, hinderten die Fran- 



Die Schlacht bei Gravelines. Rückfahrt der Armada. 131 

zosen, weil sie in ihrem Hoheitsgebiet lag. In der Schlacht und am folgenden Tage 
sollen die Spanier etwa 16 Schiffe mit 4000 — 5000 Mann verloren haben ; 2 große Galeonen 
(„S. Felipe", 40 Kanonen und „S. Marteo", 34, Geschwader Portugal) fielen havariert 
den Holländern in die Hände, die sich nach oder schon während der Schlacht 
an der Vernichtung der Spanier beteiligten. 

Nach spanischem Bericht soll M e d i n a Dienstag den 80. Juli beab- 
sichtigt haben, nochmals an den Feind zu gehen, um im Kanal bleiben oder 
doch den Rückweg durch ihn einschlagen zu können, aber die Lotsen hätten 
erklärt, es sei nicht mögUch, es müsse alles getan werden, um die Flotte frei 
von der Küste Seelands zu halten. Aus demselben Grunde hätten auch die 
Engländer an diesem Tage von einem Angriff abgesehen; es ist ja auch auf- 
fallend, daß sie ihre Erfolge nicht sofort weiter ausnützten. Medina ließ so 
hoch wie möglich am Winde (NW.) steuern, bis ein Drehen des Windes auf 
SW. gestattete, abzuhalten; beschädigte Schiffe mitzunehmen, war nicht 
möglich. 

Ein Kriegsrat am 30. Juli entschied: daß — mit Rücksicht auf die er- 
littenen Beschädigungen und Verluste, sowie den Munitionsmangel — bei der 
Verzögerung Parmas die Landung in England aufgegeben werden müsse, 
daß ein Zurückgehen in den Kanal nur bei Eintritt günstigen Windes möglich 
sei, andernfalls müsse man die Armada durch die Nordsee nach Spanien 
führen. Die Aufgabe der Armada hatte man also fallen lassen, 
und war nur noch auf ihre Rettung bedacht; da der südliche Wind 
auffrischte, steuerte Medina zunächst in die Nordsee. 

Zu Gefechten kam es nun nicht mehr. Howard folgte, entließ aber 

« 

am 31. Juli die Geschwader Winters und Seymours, um die Bewachung 
der Themse und der Doverstraße wieder zu übernehmen. Der spanische 
Bericht sagt, die Armada habe gute Ordnung gehalten ; die Engländer hätten 
am 31. Juli, am i. und 2. August Versuche, die Nachhut anzugreifen, aufge- 
geben, sobald das Gros Miene gemacht habe, das Gefecht aufzunehmen; 
am 2. August habe der Gegner die Verfolgung abgebrochen. Howard ging 
tatsächlich an diesem Tage, auf 55° N. stehend, nach den Downs, Harwich 
vmd Yarmouth zurück, nur einige Pinas^n bis zu den schottischen Inseln 
am Feinde lassend. Er war der Überzeugung geworden, daß die Armada 
keine Unternehmungen in Schottland im Auge habe, und daß ihre Kraft 
gebrochen sei. Medina hat noch bis zum 10. August die Absicht gehabt, 
bei günstigem Winde den Rückweg durch den Kanal zu nehmen. Als er aber 
erst am 11., an der Nordspitze Schottlands angelangt, Nordostwind bekam, 
beschloß er, um Schottland und Irland zu segeln; er hoffte auch wohl, an 
diesen Küsten seine notleidenden Schiffe mit Wasser und Proviant versehen 
zu können. 

Diese Rückfahrt — durch unbekannte Gewässer ohne gute Karten und 
Lotsen, mit schwer beschädigten Schiffen, ungenügender seemännischer 
Besatzung, vielen Verwundeten und Kranken — brachte der Armada weitere 
schwere Verluste durch höhere Gewalt. Nach englischer Angabe soll 
während der Fahrt stets schlechtes Wetter geherrscht haben und es sollen 

9* 



132 I^ie Seekriege von 1492 — 1648. Die Armada. 

zwei, für die Jahreszeit ungewöhnlich starke, Stürme aufgekommen sein. 
Mit kaum der Hälfte seiner Schiffe lief Medina-Sidonia Ende September in 
spanische Häfen ein. 

Eine große Zahl der Schiffe strandete an den Küsten und den vorUegenden Klippen, 
namentlich in Irland. Von vielen größeren weiß man die Strandungsstelle (vgl. Clowes, 
Teil I). Der Gouverneur vonConnaught meldete am i. Oktober nach London, in seinem 
Bezirke seien mindestens 16 Schiffe mit 6000 — 7000 Mann untergegangen, 1000 Mann, 
die sich an Land gerettet, seien getötet. Ein Mann vom „S. Juan'* (50 Kanonen, Flagg- 
schiff Recaldes seit dem 24. Juü), der bei einem Versuche, mit Gewalt Wasser zu nehmen, 
gefangen war, sagte aus, auf seinem Schiff, einem der bestausgerüsteten, seien taglich 
3 — 4 Mann an Hunger und Durst, andere an Krankheit gestorben, bis zu seiner Gefangen- 
nahme im ganzen 200. Admiral de Leyva strandete nacheinander mit 3 Schiffen, beim 
dritten Male ertrank er. 

Nach den spanischen Angaben hat die Armada von 128 — 130 Segeln 
63 verloren, nämlich: 26 Galeonen oder Schiffe, 3 Galeassen, i Galere, 13 
große Transporter, 20 leichte Schiffe. Davon sind 2 dem Feinde überlassen; 
3 bei Calais, 2 an der Küste Hollands, 2 bei Gravelines, 19 auf der Rückfahrt 
gestrandet; 35 verschollen. Mit diesen Schiffen und sonst im Gefecht oder 
an Krankheiten sind an 20000 Mann umgekommen. Die Engländer verloren 
einige Hundert Mann, aber kein Schiff und keinen Gefangenen. 

Jahrelang war die Armada vorbereitet worden, in einer Woche des 
Kampfes war sie aus dem Felde geschlagen, in drei Monaten nahezu vernichtet 
und mit ihr das Prestige Spanien-Portugals zur See. 

Gründe des Mißerfolges der Armada. Am 11. August sandte M e d i n a 
einen Bericht an Philipp IL, worin er das Aufgeben der Expedition meldete: 
„Seine Flotte sei zum größten Teile versprengt, die Schiffe seien ohne 
Munition, die Besatzungen ohne Vertrauen." Er fügt hinzu, „die englische 
Flotte habe mit ihrer eigentümlichen Kampfweise ihre Überlegenheit bewiesen, 
ihre Stärke läge in Seemannschaft und Artillerie; die spanische Stärke, der 
Enterkampf mit Handwaffen, hätte nicht zur Geltung gebracht werden 
können." Wenn wir noch die bessere Kenntnis der Gewässer und Strö- 
mungen seitens der Engländer hinzufügen, so sind damit die taktischen 
Gründe der spanischen Niederlage erschöpft. 

Die strategischen Gründe des Fehlschlagens der Expedition sind bei der 
Besprechung des spanischen Kriegsplanes hervorgehoben (S. 116 ff.). Zu 
ihnen muß man auch — er ist gewissermaßen auch taktischer Natur — den 
Umstand rechnen, daß Medina nicht ernstlich versucht hat, die anfangs 
noch schwachen englischen Streitkräfte durch eigenen Angriff oder wenigstens 
durch energische Durchführung der ihm aufgedrungenen Gefechte zu ver- 
nichten; dieser Fehler entsprang den falschen strategischen Dispositionen. 
In dieser Hinsicht möchte ich aber einen Punkt berühren, der meines Erachtens 
nach in keiner Quelle genügende Beachtung gefunden hat, nur von Colomb*) wird 



*) Auch Colomb gibt eine kurze Schilderung der Armada -Af faxe, besonders 
aber, dem Hauptzwecke seines Werkes entsprechend, kritische Betrachtungen in 
Hinsicht auf Vergleichung der Streitkräfte, auf Taktik und Strategie. 






Gründe des Mißerfolges. Kriegführung Englands nach Abwehr der Armada. 133 

er angedeutet. Verboten war Medina ein solches Vorgehen nicht, ja es war 
sogar darauf hingewiesen, allerdings vielleicht wegen Unterschätzung des 
Gegners und Überschätzung der Armada nur sehr oberflächhch. Hat Medina 
nicht die allgemein und unbestimmt gehaltenen Dispositionen und Orders falsch 
ausgelegt oder sich zu sehr an den Buchstaben gehalten? Ist nicht gerade 
ihm der Vorwurf zu machen, daß er selbst stets die Überführung des Trans- 
portes in Gegenwart der intakten feindlichen Flotte für möglich hielt? Es 
sollen zwar noch weitere Instruktionen von Philipp an Medina und Parma 
erlassen sein, die verloren gegangen sind. Aber es ist doch wohl anzunehmen, 
daß diese sich auf andere Sachen bezogen haben, oder daß in ihnen auf unter- 
geordnete Punkte des Hauptplanes näher eingegangen ist, nicht aber daß 
sie die Hauptsachen geändert haben, denn Medinas Handeln entspricht doch 
zu genau der bekannten Instruktion. Aber selbst wenn in ihnen das Ver- 
meiden des Kampfes noch schärfer hervorgehoben sein sollte, hätte doch 
Medina nach seinen Erfahrungen auf der Reise die Notwendigkeit des ener- 
gischen Niederkämpfens der englischen Seestreitkräfte einsehen und anstreben 
müssen. 

Naeh der Abwehr der Armada brach sich in England der von den tüch- 
tigsten Seeleuten längst vertretene Gedanke Bahn, den Krieg mit aller Kraft 
in die feindlichen Gewässer zu verlegen und damit alle weiteren Unterneh- 
mungen des Feindes im Keime zu ersticken. Es beginnt die Reihe von staat- 
lichen und privaten Kriegszügen, oft kaum auseinander zu halten, gegen 
Spanien, auf die wir früher (Seite 82) hingewiesen haben. Schon im April 1589 
verließ eine Flotte von 80 Segeln — nach anderen Quellen 146 — unter 
D r a k e mit 11 000 Mann Landungstruppen unter Sir John Norreys 
den Hafen von Plymouth. Die Expedition war nur zum kleinsten Teil (6 Kriegs- 
schiffe) von der Königin ausgerüstet, sonst von Privatpersonen. Sie wandte 
sich gegen Portugal, da man dort am wahrscheinlichsten die Aufstellung 
einer neuen Armada erwarten mußte; auch sollte sie den nach England 
geflüchteten Kronprätendenten Dom Antonio als König einsetzen. Die Armee 
wurde gelandet, man plünderte Coruiia und Peniche und marschierte nach 
Lissabon. Nach vergeblicher Belagerung dieser Stadt schiffte man das Lan- 
dungskorps in Cascais an der Mündung des Tajo, wohin die Flotte gesegelt 
war, wieder ein und kehrte nach England zurück. Wesentliches, besonders 
in der Sache Dom Antonios, wurde nicht erreicht ; Landungskorps und Schiffe 
waren zu schwach und nicht genügend ausgerüstet gewesen, um das wohl- 
befestigte Lissabon zu nehmen. Der dem Feinde zugefügte Schaden dagegen 
war beträchtlich; in Cascais und auf der Rückfahrt wurden viele Schiffe 
genommen, darunter 15 mit Mannschaften und 60 hanseatische mit Proviant 
und Kriegsmaterial; alles war für Aufstellung einer neuen starken spanischen 
Flotte bestimmt. 

In demselben Jahre begannen die Privatunternehmungen gegen den 
Handel und die Kolonien Spaniens in großem Maßstabe. Die berühmtesten 



124 ^*® Seekriege von 1492 — 1648. England nach Abwehr der Armada. 

sind die des Abenteurers GeorgeClifford,Earl ofCumberland. 
Schon vor der Armada hatte er zwei solcher Züge unternommen, jetzt folgte 
im Juni 1589 ein dritter mit 7 Segeln, darunter ein von der Königin geliehenes 
Kriegsschiff. Er brachte Schiffe an der Küste Portugals und bei den Azoren 
auf, nahm sogar die Stadt St. Michael und plünderte sie. 

Fast jährlich folgen sich nun die Unternehmungen, teils mit, teils ohne 
Unterstützung der Krone: 1591 führte Cumberland 8 Schiffe hinaus; 1592 =5; 
1593 = 8; 1594 = 5 usw., bis er im Jahre 1598 seinen elften und letzten Zug 
mit 20, nur eigenen, Schiffen bis nach Westindien ausdehnte und dadurch in 
diesem Jahre sowohl die Ausfahrt wie die Heimfahrt der Silberflotten ver- 
hinderte; ein Ausfall, der in Spanien stets auf das schwerste empfunden wurde. 
Viele andere Männer, teilweise berühmte Namen der königlichen Marine, 
wie Raleigh und Frobisher, taten gleiches.*) Unternehmungen gegen die 
Schätze der Spanier und Portugiesen mit Geschwadern oder einzelnen Schiffen 
waren bis zum Friedensschluß 1604 ein Hauptreiz für abenteuerlustige eng- 
lische Seeleute. Nicht nur auf den Nordatlantik beschränkten sie sich, in 
Brasilien wurden Bahia (1586), Santos (1591), Recife (1595) geplündert; 
auch die erwähnten Entdeckungs- und Kolonisationsreisen waren mit An- 
griffen auf feindliches Eigentum verbunden. Welch eine Schädigung des 
Feindes und welch eine Bereicherung des eigenen Landes mußte dieser jahre- 
lange kleine Krieg herbeiführen; fiel doch z. B. 1590 englischen Kreuzern 
ein spanisches Schiff von drei Millionen Mark Wert in die Hände! 

Auch der große Krieg wurde jetzt in den feindiiclien Gewässern geführt. 
1590 wurden zwei Geschwader von zusammen 10 Kriegsschiffen unter Lord 
Thomas Howard und Sir Martin Frobisher entsandt. Sie 
machten zwar keine reiche Beute, aber ihr Erfolg lag darin, daß auch in diesem 
Jahre die Silberflotte in Westindien zurückgehalten werden mußte. Die 
Geschwader kreuzten 7 Monate ununterbrochen im Atlantik, ein erster Beweis 
für die zunehmende Leistungsfähigkeit der Kriegsschiffe. Ein im Jahre 1591 
unternommener Versuch, mit 7 Schiffen die Süberflotte abzufangen, mißlang 
infolge rechtzeitigen Eintreffens einer entgegengeschickten spanischen Flotte, 
doch zeigte der Zusammenstoß mit dieser weit stärkeren aufs neue die über- 
legene Tüchtigkeit der englischen Seeleute. 

Noch erfolgloser, ja unglücklich, war eine größere Expedition 1595. 
26 Schiffe mit Landtruppen — teils auf Kosten der Krone, teils von Kauf- 
leuten ausgerüstet; nur 6 Kriegsschiffe waren darunter, da man wegen 
Anwesenheit spanischer Schiffe in Brest nicht mehr missen konnte — unter 
D r a k e und H a w k i n s segelten nach Westindien. Man hatte die Absicht, 
Nombre de Dios zu nehmen, über den Isthmus von Panama zu marschieren 
und sich an der Westküste der dort zur Heimsendung gesammelten Schätze 
zu bemächtigen. Verzögerungen der Abfahrt und auf der Reise ließen das 

♦) Clowes, Teil I, und Zimmermann (Teile: England und Spanien) schildern diese 
Züge, ebendort Genaueres über die gleich zu besprechenden Züge mehr miütarischer 
Natur. 



England in spanischen Gewässern. Die Cadiz-Expedition. 13^ 

Unternehmen scheitern. Die Spanier waren überall benachrichtigt und vor- 
bereitet, der dem Feinde durch Brandschatzung und Zerstörung einiger Städte 
zugefügte Schaden wog die Kosten nicht auf und vor allem nicht den Verlust 
der beiden bewährten Führer, die an Krankheit starben. Die Flotte mußte 
nach einem heißen, unentschiedenen Gefecht mit starken spanischen Streit- 
kräften bei Kuba nach England zurückkehren. 

Trotz dieser Mißerfolge und obgleich der Krieg der Staatskasse große 
Summen kostete — schon bis 1592 hatten die Kosten i 200 000 Lstrl. 
betragen — , blieb Elisabeth in der Offensive. Spaniens Seemacht hatte sich 
nach und nach wieder erholt und England befürchtete neuen Versuch einer 
Invasion (in Irland?) um so mehr, da 1596 Calais in die Hände der Spanier*) 
gefallen war. 

Um eine solche im Keime zu ersticken, wurde 1596 eine Flotte unter 
„gemeinsamer" Führung des Lordhighadmirals Charles Howard of 
Effingham und des Grafen Essex ausgerüstet; beide Führer waren 
als „Jointadmirals" kooirdiniert, wie es später bei der Marine der Republik 
gebräuchlich wurde; als Vizeadmiral fungierte Thomas Howard, als Kontre- 
adnüral Raleigh. Den Kern der Flotte büdeten 17 englische Kriegsschiffe — 
darunter i zu 700 tons, 50 Kanonen; 2 zu 600 tons, 39 imd 29 Kanonen; 4 zu 
500 tons, 30 — 60 Kanonen ; 2 zu 400 tons, 41 Kanonen — , hinzu traten 24 hol- 
ländische Schiffe — darunter 18 von 2 — ^400 tons, 16 — 24 Kanonen — unter 
Admiral van Duijvenvoorde und viele armierte Kauffahrer; einschließlich 
der Transporter war die Flotte 150 Segel mit 6772 Seeleuten und 7360 Sol- 
daten stark. Den Oberbefehl hatten die englischen Führer. Ihre Instruktion 
lautete : die Stärke der feindlichen Rüstimgen erkunden ; Schiffe und Material 
für diese zerstören; unbefestigte Städte, in denen Beute zu machen wäre, 
nehmen; heimkehrende reiche Schiffe aufbringen — alles dieses, ohne zu viel 
aufs Spiel zu setzen. 

Der erste Schlag der Cadiz-Expedition» wie sie später genannt wurde, 
glückte. Sie segelte am i. Juni 1596; eine Vorpostenkette, die alle gesichteten 
Schiffe nahm, bewirkte, daß sie, ohne gemeldet zu sein, am 20. Juni Cadiz 
erreichte. Die Stadt wurde genommen, viele Schiffe wurden im Hafen zerstört, 
eine Kontribution erhoben und auch sonst reiche Beute gemacht. Der 
Schaden der Spanier soll 2 Millionen Dukaten betragen haben. 

Es war beabsichtigt, auf der westlichen Spitze der Insel Leon, auf der die Stadt 
liegt, zu landen. Auflandiger V^ind, hohe See sowie einige starke, unter dem Schutz 
der Batterien dort liegende Galeren machten es unmögUch. Nun wurde am 21. Juni die 
Hafeneinfahrt forciert trotz des heftigen Feuers genannter Galeren, anderer weiter 
binnenhegender sowie der Forts und Batterien. Die Engländer trieben die Masse 
der sonstigen feindUchen Schiffe in den inneren Hafen, schössen sie in Grund oder 
verbrannten sie; andere wurden von den Spaniern selbst verbrannt. Die Holländer 



♦) Im Kriege Spaniens gegen Frankreich, als jenes bei der Thronbesteigung 
Heinrichs IV. die Gegenpartei unterstützte; Calais fiel beim Friedensschluß wieder an 
Frankreich. 



136 



Die Seekriege von 1492 — 1648. 




Der Hafen von Cadiz 1596. 



bombardierten und nahmen das 
die Einfahrt deckende Fort Puntal. 
£ s s e X landete, zerstörte die 
Zuazo-Brücke, die eitmge Ver- 
bindung mit dem Festlande, und 
stürmte dann die Stadt. Nur 
wenige Schiffe konnten sich durch 
den Kanal, der östlich von der 
Insel Leon ins offene Meer führt 
und nur durch ein englisches 
Schiff bewacht wurde, retten. 
Zwei große Schiffe wurden ge- 
nommen, die als „St. Matthew" 
und „St Andrew" noch lange zu 
den größten der englischen Ma- 
rine zählten. 

Weitere Erfolge wurden 
aber' nicht erzielt, man kehrte 
nach England zurück. Essex 
und Duijvenvoorde 
wollten Cadiz besetzen und 
halten, um von dort wei- 
teres an der Küste zu unter- 
nehmen oder doch bei den 
Azoren die Silberflotte abzufangen; sie wurden jedoch von den anderen 
Führern überstimmt. 

So war denn auch der Erfolg der Expedition kein dauernder. Schon im 
Frühjahr 1597 lief eine spanische Flotte mit Truppen für Irland bestimmt 
aus, und zwar so geheim und schnell ausgerüstet, daß sie wahrscheinlich ihr 
Ziel erreicht haben würde, wenn sie nicht durch schwere Stürme zur Rück- 
kehr gezwungen wäre. Um neue Rüstungen zu verhindern, stellte England 
eine neue Flotte auf — Admiral GrafEssex; Vizeadmiral Thomas Howard, 
Kontreadmiral Raleigh — , ähnlich zusammengesetzt wie 1596, auch 10 Hol- 
länder unter Duijenvoorde befanden sich wieder dabei. Sie sollte die Sammel- 
plätze Coruna und Ferrol angreifen und sich dann einer der Azoren als Stütz- 
punkt zeitweise zum Abfangen der Silberflotte bemächtigen. Aber auch sie 
wurde nach ihrem Auslaufen im Juli 1597 durch Sturm zurückgetrieben, 
erst am 17. August ging sie aufs neue in See. Da sie jedoch zu nahe an der 
Küste segelte und gesichtet wurde, war ein überraschendes Auftreten aus- 
geschlossen. Sie ging deshalb gleich nach den Azoren und ließ so den spanischen 
Streitkräften die englischen Gewässer in ihrem Rücken frei. Diese benutzten 
auch die Gelegenheit, auszulaufen mit der Absicht, sich eines westlichen 
englischen Hafens zu bemächtigen, um ihrerseits einen Stützpunkt für Ope- 
rationen in Irland sowie gegen die englische Expedition auf ihrer Rückkehr 
zu gewinnen, aber wiederum zerstreute sie ein Sturm. Diese drei Fehlschläge 
von Flotten in einem Jahre zeigen wieder die Unzulänglichkeit des damaligen 



England nach Abwehr der Armada in spanischen Gewässern. 13^ 

Schiffsmaterials und, daß man im allgemeinen doch noch kein rechtes Ver- 
trauen zu ihm besaß. 

Essex plünderte einige der Azoren, hielt sie zeitweise 
besetzt, und Teile seiner Flotte kreuzten in der Nähe der Inselgruppe; infolge 
glücklicher Umstände gelang es aber der 40 Segel starken Silberflotte, un- 
bemerkt in den wohlbefestigten Hafen von Angra auf Terreira einzulaufen. 
Ein Versuch, sich ihrer dort zu bemächtigen, mißlang, nur einige versprengte 
Schiffe fielen den Engländern in die Hände, und diese kehrten im Oktober 
in die Heimat zurück. 1598 wurde nichts von Bedeutung unternommen, wir 
haben aber gesehen, daß Cumberland in diesem Jahre den Verkehr Spaniens 
mit Amerika unterband. 

1599 rüstete Spanien aufs neue und zog Galeren und Hochseeschiffe 
zusammen. Wenn auch diese Kräfte später anders verwendet wurden — die 
Galeren gingen nach den Niederlanden, die Hochseeflotte folgte einer großen 
holländischen Expedition nach Westindien — , so war man doch in England nicht 
müßig gewesen, um so mehr, da man auch gegen Essex in Irland den Verdacht 
verräterischer Umtriebe hatte. Es wurde eine Flotte von 19 Kriegsschiffen 
in Dienst gestellt, in ihrer Zusammensetzung wohl die mächtigste dieser Zeit, 
nämlich : 2 Schiffe zu 900 — 1000 tons ; 4 zu 700 — 800 tons ; 7 zu 500 — 600 tons ; 
6 zu 200 — 400 tons. Sie kam nicht zur Verwendung, aber es ist bemerkens- 
wert, daß ihre Mobilmachimg bis zum Seeklarsein nur 12 Tage in Anspruch 
nahm, eine bisher noch nirgend erreichte Leistung. 

In den Jahren 1600 und 1601 wurde nichts Größeres unternommen, es 
schwebten Friedensunterhandlungen, doch befand sich ein englisches 
Beobachtungsgeschwader an der spanischen Küste 
und mehrere große Privatexpeditionen waren unterwegs. Zu Ende 1601 
gelang es einer spanischen Flotte von 40 Segeln, trotz des Beobachtungs- 
geschwaders ein Landungskorps nach Irland zur Unterstützung der Rebellen 
(Earl ofTyrone)zu werfen ; die Truppen richteten aber nichts aus und 
wurden durch das englische Geschwader blockiert und zur Kapitulation genötigt. 

1602 führte man die Beobachtung der feindlichen Küsten schärfer und 
länger im Jahre durch (auch Holland entsandte 1602 dazu ein Geschwader), 
machte in diesem Jahre reiche Beute auf dem Wasser und an der Küste und 
vernichtete verschiedene nach Flandern bestimmte Galeren. Für das Jahr 
1603 waren sogar 2 Geschwader vorgesehen, die sich in dem Überwachungs- 
dienste ablösen sollten. Sie segelten aber nicht mehr, da man nach dem 
schon zu erwartenden Tode Elisabeths Thronfolgestreitigkeiten und mög- 
licherweise Einmischungen von außen fürchtete. 

Jakob I. schloß 1604 Frieden mit Spanien und verbot auch die Frei- 
beuterei gegen den spanischen Handel. 

Die Abwehr der Armada und der weitere Krieg hatten Englands Über- 
legenheit zur See gezeigt. Die Seemacht Spaniens war schwer erschüttert, 
ihr Prestige verloren, aber sie war doch nicht gänzlich niedergeworfen; noch 
mehrfach wurden Versuche gemacht, sich wieder aufzuraffen, wie wir auch 



138 I^ic Seekriege von 1492 — 1648. England nach Abwehr der Armada. 

besonders noch bei der Geschichte Hollands sehen werden. Als Jakob I. 
Frieden schloß, war dies nicht im Sinne der für die Seemachtspolitik Englands 
begeisterten Männer. Aber unter den Stuarts wurde der Flotte nicht mehr 
die Pflege zu teil wie bisher, wenigstens nicht unter Jakob, und die See- 
kriege wurden nicht mit der Energie der Zeit unter Elisabeth geführt; erst 
Cromwell sollte das Werk Elisabeths fortsetzen. 

Wir können deshalb die letzten Kriege Englands in diesem Zeitabschnitt'*') 
ganz kurz fassen. Das Bedeutendste sind die Kämpfe der ostindischen Kom- 
pagnie mit Portugal in Indien, die trotz des Friedens ausgefochten wurden. 
Wir kennen den Grundsatz der Zeit: ,,Kein Frieden hat Gültigkeit unter der 
Linie." So wurden denn auch die gegenseitigen Handelsstörungen im Atlantik 
fortgesetzt und zwar allem Anschein nach jetzt besonders von selten Spaniens. 
Die englische Marine war unter Jakob fast untätig, so daß auch die Barba- 
resken ihre Raubzüge mit Geschwadern bis in den Kanal ausdehnten. Eine 
1620 gegen Algier gesandte Expedition — 6 königliche Schiffe und 12 Kauf- 
fahrer — richtete nicht viel aus. 

Die Kriege Englands gegen Frankreich in dieser Zeit (Hugenottenkriege) 
sind bereits, da unwesentUch nur kurz, erwähnt. Als Buckinghams 
von persönlichen Motiven geleitete Politik Karl I. bald nach seiner Thron- 
besteigung zunächst auf selten Frankreichs gegen Spanien führte, so daß 
sogar englische Schiffe gegen die Hugenotten in La Rochelle verwendet 
wurden, entsandte man 1625 nochmals eine große Expedition — 9 Kriegs- 
schiffe, 90 Transporter mit Landtruppen, dazu 16 Holländer — gegen Spanien 
mit ähnlichen Orders wie 1587 und 1596. Es war aber nur eine traurige Nach- 
ahmung dieser Unternehmungen und endete als ein Schlag ins Wasser ohne 
jeden Erfolg. 

Die Expedition war mangelhaft ausgerüstet und wurde ebenso geführt. Die zahl- 
reichen Kauffahrer waren nur mit 8 — 12 Kanonen armiert und standen ganz unter dem 
Befehl ihrer früheren Kapitäne. Den Oberbefehl führte Viscount Wimbledon, 
ein Landoffizier, der nicht einmal als solcher ein höheres Kommando innegehabt hatte. 
Nach verschiedenen Plänen, die als unausführbar aufgegeben wurden, segelte man nach 
C a d i z , wo wiederum eine große Anzahl feindlicher Schiffe (95) lag. Der Vizeadmiral 
der Flotte, Graf Essex, griff an und trieb sie in den Binnenhafen, wurde aber sofort 
zurückgerufen; der Flottenchef fürchtete den großen Tiefgang seiner Schiffe, ohne zu 
bedenken, daß Drake 1587 mit Benutzung des Handlots den Hafen forciert hatte, daß 
Howard und Essex (Vater) 1 596 dasselbe mit ebenso großen Schiffen getan hatten, nur die 
Schiffe von 800 tons waren damals draußen geblieben. Die Flotte ankerte bei Puerto 
de S. Maria (Skizze Seite 136); etliche Hollander erhielten wie 1596 den Befehl, 
gemeinsam mit einigen Kauffahrern Fort Puntal zu beschießen, dann ging der Flottenchef 
zu Bett. Die Holländer erlitten nur Verluste, da die Kauffahrer, unbemerkt und unbe- 
straft, fernbheben. Am andern Tage wurde gelandet und das Fort angegriffen, es ergab 
sich sofort ; glücklicherweise, denn man hatte die Sturmleitern und den Proviant vergessen. 
Anstatt nun die Schiffe im Hafen zu vernichten, die Stellung durch Zerstörung der 
Zuazo-Brücke zu sichern und dann weiteren Nutzen aus der Landung zu ziehen, fielen 
die Truppen auf der Suche nach Proviant über das große Weinlager der westindischen 



*) Eingehender vgl. Clowes, Teil II. Zeit 1603 — 1649. 



Zweite Cadiz-Expedition. Hollands Kriegführung nach Abwehr der Armada. 13g 

Flotten her und betranken sich so, daß allies aufgegeben und wieder eingeschifft werden 
mußte. Der Versuch, jetzt die Silberflotte abzufangen, mißlang; diese lief in Cadiz zwei 
Tage nach Abgang der englischen Flotte von dort ein. 

Die nächsten Jahre brachten nichts weiter gegen Spanien, da der Krieg 
mit Frankreich (um La Rochelle; vgl. Seite 112) entbrannte; 1629 und 1630 
schloß England mit beiden Ländern Frieden. 

Mit dem Beginn der ernstlichen Mißstimmung zwischen dem Könige 
von England und dem Parlament 1642 erhob sich auch der Streit über die 
Verfügung über die Flotte; mehrfach besetzten König imd Parlament die 
Hauptkommandostellen mit verschiedenen Personen. Im allgemeinen war 
die Stimmung in der Marine lange für den König. Als aber die Endkatastrophe 
hereinbrach, gelang es 1649 doch nur einem Admiral, Sir William Batton, 
II Schiffe nach Holland dem Prinzen von Wales zuzuführen, die übrigen 
Geschwader hielten zum Parlament, wohl infolge der Gesinnung ihrer Admirale. 
Vier dieser Schiffe kehrten bald nach England zurück, der Rest operierte mit 
einigen anderen Schiffen der königlichen Partei, die schon in Holland gewesen 
waren, in den nächsten Jahren unter PrinzRuprecht von der Pfalz 
gegen die Republik. 

Auch von Seiten Hollands*) wurde der Krieg gegen Spanien nach Abwehr 
der Armada in anderer Weise geführt. Die Beteüigung an den englischen 
Expeditionen 1596 und 1597 ist erwähnt ; ermutigt durch den Erfolg, rüstete 
man 1599 eine eigene Flotte zu gleichem Zweck aus. Wenn man infolge des 
Vertrages bisher bereitwillig seine Kräfte unter englischen Oberbefehl gestellt 
hatte, so war dies mit Rücksicht darauf geschehen, daß die englische Marine 
stärker an großen Kriegsschiffen war, und weU man der Königin Elisabeth 
für ihre Unterstützung Dank schuldete; jetzt strebte man aber danach, 
selbst eine gebietende Seemacht zu werden. Man hatte auch nach dem Unter- 
gang der Armada begonnen, größere Kriegsschiffe für die offene See zu bauen. 
Die Flotte, unter v a n D o o s , war 73 Segel stark und mit Landungstruppen 
versehen. Sie lief am 15. Mai 1599 aus, fand aber die Spanier in Coruna und 
auch sonst an der Küste benachrichtigt, segelte deshalb nach den Kanaren 
und brandschatzte diese. Von hier wurde eine Hälfte nach Haus gesandt, 
die andere ging nach Westindien; sie hatte jedoch keinen Erfolg, da der Aus- 
bruch einer Seuche, der auch der Führer erlag, und das Nahen einer spanischen 
Flotte (Seite 137) zur Rückkehr zwang. 1606 wurden zwei Geschwader nach 
der spanischen Küste gesandt; eines machte reiche Beute, das andere wurde 
durch überlegene Kräfte geschlagen. 1607 dagegen vernichtete eine 26 Segel 
starke Macht unter Jakob van Heemskerk eine gleichstarke, aber 
aus größeren Schiffen bestehende spanische Flotte, die auf der Rhede von 
Gibraltar zu Anker lag. Diese Tat trug nicht nur zur Hebung des Ansehens 
der holländischen Seemacht bei — selbst den Türken gegenüber, der holländische 
Handel im Mittelmeer hob sich infolge dessen wesentlich — , sie beschleunigte 
auch wohl die schon begonnenen WaffenstUlstandsunterhandlungen. 

♦) Hauptquelle: de Jonge, Teil I. 



140 I^ie Seekriege von 1492 — 1648. Holland nach Abwehr der Armada. 

In den heimischen Gewässern war der Krieg in Verbindung mit dem 
Landkriege fortgesetzt, und es waren hier für die Holländer schwierigere 
Verhältnisse entstanden . Der spanische Statthalter Parma hatte schon 
1583 in Dünkirchen (dazu Nieuweport und Sluys) eineAdmirali- 
t ä t gegründet, um mit dort gebauten Kriegsschiffen, besonders aber mit 
dort ausgerüsteten Kapern (Seite 93) den Handel imd die Fischerei Hollands 
zu unterbinden. Der Platz war vorzüglich dazu geeignet, in unmittelbarer 
Nachbarschaft der holländischen Einfahrten an Kanal und Nordsee gelegen, 
geschützt durch vorliegende Bänke ; die Bevölkerung lieferte eine ausgezeichnete 
Besatzung der Schiffe. Holland mußte einen blutigen und kostspieligen 
Kampf gegen diese Macht führen. 

1609 wurde ein zwölfjähriger Waffenstillstand mit Spanien geschlossen. 
In dieser Zeit blühte der Handel Hollands mächtig auf; es fallen in sie die 
großen Fortschritte in Indien; im Mittelmeer bekämpfte man die Piraten 
durch besonders dazu entsendete Expeditionen. 

Mit dem Wiederbeginn des Krieges 162 1 trat als Aufgabe an die Marine 
vor allem heran die Bekämpfung der Dttnkirchener Seemacht. Der Krieg 
auf den Ozeanen lag fast allein in den Händen der großen Kompagnien. 
162 1 wurde allerdings noch eine große Expedition der Kriegsmarine gegen 
die spanische Küste unternommen, aber mit ungünstigem Ausfall : die Flotte 
wurde vor Gibraltar von den Spaniern geschlagen; auch war Holland 1625 
an der englischen Expedition gegen Cadiz beteiligt. Im allgemeinen aber 
hatte die Kriegsmarine neben der Unterstützung des Landkrieges in den 
Binnengewässern mit dem Schutz von Handel und Fischerei im Kanal, der 
Nordsee und Mittelmeer genug zu tun. 

Dünkirchen hatte sich durch das Aufbringen von Schiffen so be- 
reichert — in den ersten dreizehn Monaten nach dem Waffenstillstand wurden 
143 Prisen gemacht — , daß es immer mehr und immer größere Schiffe in 
Dienst stellen konnte; ein Kaufmann z. B. stellte allein dem König 12 Kriegs- 
fahrzeuge auf, nur um den Orden von St. Jakob zu erhalten. In Dünkirchen 
waren im Dienst: 1634: königliche Schiffe: 3 zu 30 — 40 Kanonen; 14 zu 
24 — 26 Kanonen; 2 zu 18 — 22 Kanonen; 2 zu 6 — 14 Kanonen; Privatschiffe: 
II zu 4 — 12 Kanonen. 1642: königliche Schiffe; 7 zu 34 — 44 Kanonen; 
9 zu 26 — 30 Kanonen ; 7 zu 18 — 24 Kanonen ; Privatschiffe : 4 zu 24 — 28 Ka- 
nonen; 9 zu 18 — 22 Kanonen; 15 zu 6 — 15 Kanonen. 

Es war dies mithin eine gefährliche Macht der holländischen Marine gegen- 
über, die z. B. 1642 auch nur 11 Schiffe über 30 Kanonen und etwa 90 über 
20 Kanonen im Dienst hatte, dabei aber ständige Geschwader auf den Fisch- 
gründen und zur Begleitung der Konvois in Ostsee und Mittelmeer stellen mußte. 

Die Hauptkraft der Flotte mußte Holland demnach notwendigerweise zur 
Bewachung Dünkirchens bereit halten. 1634 bestand das Blockadegeschwader 
aus 13 großen Schiffen — i zu 54 Kanonen; 4 zu 38 — 44 Kanonen; 8 zu 
30 — 34 Kanonen — und 5 kleineren. Und lange Zeit war es doch unmöglich, 
den Handel wirksam zu schützen ; trotz der Blockade liefen die Dünkirchener 



Holland gegen Dünkirchen. Tromp's Sieg in den Dpwns. 14 x 

in dunklen Nächten und an stürmischen Tagen aus und noch in den dreißiger 
Jahren errangen sie innerhalb dreier Jahre eine Beute von 12 Millionen Gulden 
an Wert. Aber Holland machte immer größere Anstrengungen; Private 
rüsteten Kreuzer aus, neue Wassergeusen genannt, das Blockade- 
geschwader wurde immer mehr verstärkt, zeitweise bis zu 25 Segeln. Blutige 
Gefechte wurden geliefert, in denen sich später berühmte Führer — Martin 
Tromp und WittedeWitt — auszeichneten; diese schlugen z. B. 1639 ein 
starkes Dünkirchener Geschwader. Endlich wurde die gefährliche Stadt 1646 von 
den Franzosen, durch eine holländische Flotte unter Tromp unterstützt, erobert. 

Die holländische Marine errang aber auch in dem zweiten Teile des Un- 
abhängigkeitskrieges zwei große Siege über die Spanier. Im Jahre 1631 wurde 
eine spanische Flotte von 90 Segeln, die in Antwerpen ausgerüstet war, um 
den Krieg in die Nordprovinzen zu tragen, auf der Scheide vernichtet; nur 
9 Schiffe entkamen, an 4000 Gefangene wurden gemacht. Es ist bemerkens- 
wert, daß jetzt im Gegensatz zum ersten Teile des Krieges die Spanier die 
kleineren, aber schwer armierten Fahrzeuge hatten und damit in den engen 
Gewässern im Vorteil waren. Die größeren holländischen Schiffe konnten 
ihnen nicht wirksam entgegentreten, und der große Erfolg wurde nur durch 
einen nächtlichen Überfall erreicht. 1639 vernichtete dann T r o m p im Kanal 
eine mächtige spanische Hochseeflotte. 

Dieses Kriegsereignis,*) gipfelnd in der Schlacht in den Downs, ist wenig 
bekannt, obgleich es nach seiner Größe und nach seinen Folgen fast der 
Armada-Campagne zur Seite gestellt werden kann; hierdurch erst ist der 
spanischen Marine der Todesstoß gegeben, eine Hochseeflotte stellte sie nun 
für lange Zeit nicht wieder auf. 

In den Niederlanden hatte man erfahren, daß Spanien eine große Flotte mit Lan- 
dungstruppen ausrüste ; wieder war die Kraft aller spanischen Lander aufgeboten, sogar 
Dünkirchener Schiffe waren herangezogen. Zwar war weder der Zweck noch der Ab- 
gangstermin genau bekannt, aber man mußte sich gefaßt machen, daß sie für Flandern 
bestimmt war. Es wurden zwei Beobachtungsgeschwader unter Tromp (13 Schiffe) 
und d e W i 1 1 (5 Schiffe) im Kanal stationiert, während ein drittes unter Banckers 
(12 Schiffe) Dünkirchen beobachtete. Am 15. September sichtete Tromp den Feind, 
der mit günstigem Winde kanalaufwärts segelte. 

Die spanische Flotte unter d'Oquendo bestand aus 69 Segeln mit 
24000 Seeleuten und Soldaten: 

1 Schiff von 2400 tons, 68 Kanonen, Admiral von Portugal, 

2 Schiffe „ 1200 und 1600 tons, 66 Kanonen, Admiral von Neapel und Flottenchef, 

I Schiff „ 1200 tons, 54 Kanonen, Admiral von KastiUen, 

^ ^.,^ ^ ^, 1 öfters ist erwähnt, daß die 

24 Schiffe „ 400 — 1200 tons, 30 — 44 Kanonen, \ ^ 1 -».^ t^ 11. r-i ^ 

, ^ « ,, Spanier leichtere Kaliber führten 

26 „ „ ? IG — 28 Kanonen, } , t- 1- j j tr n- j 

' I als Engländer und Hollander, was 

" * ) auch wohl hier noch zutrifft. 

Tromp hielt sich am Feinde und benachrichtigte die beiden andern Geschwader. 

Schon am 17. stieß Witt zu ihm und man engagierte tien Gegner in laufenden Gefechten, 

so geschickt geführt, daß er sich nach der englischen Küste hinüberzog. Am folgenden 

Tage vereinigte sich auch Banckers mit der Flotte ; die Spanier erütten schwere Verluste 



*) Geschildert nach de Jonge, Teil I, Seite 352; dort Angabe weiterer Quellen. 



142 I^ie Seekriege von 1492 — 1648. Holland nach Abwehi* der Armada. 

und ankerten unter dem Schutz der englischen Kastelle in neutralem Wasser in den 
D o w n s. Hier blockierte sie Tromp, nur 1 2 Dünkirchener Schiffen, stark mit Soldaten 
bemannt, gelang es, durch die Nordpassage nach ihren eigenen Häfen zu entkommen. 
Vizeadmiral de Witt, dessen Schiff in den Gefechten stark beschädigt war, segelte zur 
Reparatur nach Holland und meldete hier die Sachlage. Sofort rüsteten die Admirali- 
täten, die großen Kompagnien und Private mit äußerster Anstrengung, und in kaum 
vier Wochen war Tromps Flotte auf 105 Segel mit 5968 Seeleuten und 1866 
Soldaten gebracht. Die Flotte setzte sich zusammen aus: 41 Kriegsschiffen, 36 Schiffen 
der Kompagnien, 18 anderen Kauffahrem und 11 Brandern. Die Größe der Schiffe 
kann man nach den Angaben über die Schiffe der Kompagnien (Seite 87/88) und den 
Bestand der Kriegsmarine um 1642 (vgl. S. 151) ungefähr schätzen. 

England hatte sein Kanalgeschwader (19 Schiffe) zur Aufrechterhaltung der 
Neutralität herangezogen und erklärt, es würde die Partei angreifen, die den ersten 
Schuß feuere. 

NachClowes (Teil II, Seite 76) würden die enghschen Besatzungen kaum für Spanien 
gefochten haben; anderseits soll der König seine Unterstützung gegen eine Zahlung 
von 150000 Lstrl. zugesagt haben. Daß d'Oquendo Hoffnung auf englische Hilfe 
hegte, ist anzunehmen; er hätte doch sonst wohl nicht wochenlang der steten Stärkung 
des Feindes untätig zugesehen. Tromp hatte den Befehl, den Feind ohne jede Rücksicht 
auf andere Nationen anzugreifen. 

Am 21. Oktober w^ar Tromp stark genug und auch der Wind zum Angriff günstig. 
Die Spanier, vom Angriff überrascht, gerieten beim Ankerlichten in Verwirrung und 
wurden nahezu vernichtet. Das größte Schiff wurde durch Brander aufgesprengt, 
das Flaggschiff von Kastilien lief mit 22 anderen auf den Strand, von den Schiffen, die 
die offene See erreichten, wurden noch 14 genommen, nur etwa 12 kamen nach Dün- 
kirchen. Der Gesamtverlust der Spanier betrug über 40 Schiffe und 7000 Mann, die 
Holländer verloren nur ein Schiff und etwa 100 Mann. Die enghsche Flotte hatte nicht 
eingegriffen, nach Clowes, weil d'Oquendo beim Angriff den ersten Schuß gefeuert habe. 

Wie der Sieg über die Armada für die englische Marine, so wirkte dieser 
Erfolg für die holländische; ihre Achtung stieg im Auslande, ihr Selbstbewußt- 
sein wuchs. Der Krieg gegen Dünkirchen wurde, wie erwähnt, immer energischer 
und bald zu einem guten Ende geführt. Spanien hatte wiederum eine mächtige 
kostspielige Flotte verloren; der Verlust machte sich wohl noch fühlbarer 
als der der Armada, da die Finanzlage des Staates jetzt schon weit schlechter 
war; im nächsten Jahre wurde Portugal selbständig und damit fiel dessen 
Flottenkontingent weg. 

So mußte Spanien die Angriffe auf die Niederlande von der See her, 
mit Ausnahme von Dünkirchen aus, aufgeben und damit auch dem Friedens- 
schlüsse geneigter werden. 

Bis zum Westfälischen Frieden kommen nun größere Er- 
eignisse zur See nicht mehr vor. Als Portugal 1640 aufstand, entsandten die 
Niederlande 1641 eine Flotte von 9 Schiffen zu 30 — 38 Kanonen, 8 von 20 — 28 
Kanonen und einigen kleineren, um mit der portugiesischen und einer fran- 
zösischen gemeinsam zu operieren und um die Silberflotte abzufangen. Zu 
der geplanten Vereinigung kam es nicht, da die Portugiesen untätig im Hafen 
blieben und die Franzosen auch nicht erschienen. Die holländischen Schiffe 
kreuzten an der spanischen Küste und trafen nach einigen Wochen mit einem 
feindlichen Geschwader — 9 großen Spaniern, 10 guten Dünkirchenern und 



Der Anfang einer neuen Kriegführung. ja^ 

einigen kleineren Fahrzeugen — zusammen, das ausgesandt war, um der Silber- 
flotte den Weg freizuhalten. In einem heftigen Gefechte zogen die Holländer 
den kürzeren, reparierten in Lissabon und gingen in die Heimat zurück; be- 
merkenswert ist, daß sich in diesem Gefecht der Kapitän deRuyter zum ersten 
Male als Flaggoffizier auszeichnete; er war der KontreadmiraJ des Geschwaders. 

Über Holland ist in diesem Zeitabschnitt noch zu erwähnen, daß in den Jahren 1644 
und 64 eine stattliche Flotte von Kriegsschiffen, etwa 40 Segel unter de Witt, die großen 
jährlichen Konvoys von 800—900 Kauffahrem nach der Ostsee durch den Sund geleitete. 
Es scheint dies eine Demonstration gegen Dänemark gewesen zu sein, um Schwierig- 
keiten abzustellen, die dieser Staat dem holländischen Handel machte; von der Unter- 
stützung Schwedens durch eine aus Privatmitteln aufgestellte holländische Flotte haben 
wir schon bei den skandinavischen Kriegen gehört (Seite iii). 

Die Kriege Englands und Hollands gegen Spanien geben uns den Anfang 
einer neuen Kriegführung, wie sie eingangs dieses Kapitels gekennzeichnet ist. 

Während die Spanier mit der Armadaexpedition noch ein großes, ja das 
größte Beispiel der alten Kriegführung liefern, ein fremdes Land über See 
anzugreifen, ohne planmäßig vorher um die See zu kämpfen, gewinnt das 
Vorgehen der Engländer und Holländer einen anderen Charakter. Sie warten 
nicht mehr ab, daß der Feind sie im eigenen Lande, in den eigenen Gewässern 
bedroht; ihre Unternehmungen zielen immer häufiger darauf hin, solche 
Vorhaben im Keime zu ersticken, schon das Ausrüsten und Auslaufen zu 
verhindern. England war zu Ende seines Krieges soweit gekommen, stets 
Geschwader an der feindlichen Küste zu haben, man versuchte also, sich der 
See in weitem Sinne bemächtigt zu halten ; schon der Empfang der Armada 
zeigt eine wohlangelegte Bewachimg des Eingangs zu den eigenen Gewässern. 

Femer hat sich der Kampf der beiden nördlichen Staaten gegen den 
spanisch-portugiesischen Handel aus vereinzelten Raubzügen zu dem Be- 
streben entwickelt, diesen Handel, der für die Länder schon Lebensfrage 
geworden war, ganz zu unterbinden; Portugal war schließlich nicht mehr 
imstande, Flotten von Indien zu senden, Spanien mußte öfters das Segeln 
seiner Silberflotte verbieten. 

Daß sich das Verständnis für die energische Führung eines ausgesprochenen Krieges 
„auf See" jetzt ausbildet, geht aus den Auslassungen bewährter englischer Seeleute 
dieser Zeit hervor. Ähnlich wie Howard und Drake sprachen sich später Admiral 
M o n s o n und Raleigh — beide waren Unterführer in den Expeditions- oder Be- 
obachtungsflotten der Jahre 1590 — 1602 — in Abhandlungen über die der englischen 
Marine nötigen Pflege dahin aus, daß nur ein offensiv auf der See — und zwar in den 
feindlichen Gewässern — geführter Krieg England vor Invasionen schützen könne. 
Bemerkenswert ist es, daß Raleigh für seine Arbeiten die griechischen und römischen 
Seekriege studiert hat. Die Erkenntnis der Wichtigkeit der Herrschaft auf dem Meere 
für den Handel zeigt folgender Ausspruch Raleighs: „Whosoever commands the sea, 
commands the trade; whosoever commands the trade of the world, commands the 
riches of the world and consequently the world itself." 

Eine ganz stetige Durchführung der neuen Kriegführung finden wir 

noch nicht, auch England fällt öfters in die alte Art zurück ; errungene Erfolge 

werden nicht genügend ausgenützt, höhere Zwecke der Brandschatzung 



IAA Kampf weise und Taktik von 1492 — 1648. 

hintangesetzt, z. B. bei den Expeditionen gegen Cadiz 1587 und 1596. Die 
neue Idee war noch nicht durchgedrungen, sie war auch ohne eine große 
stehende Marine mit seefähigen Schiffen nicht voll durchzuführen. Beides 
geschieht erst im nächsten Zeitabschnitt, womit man dann auch bald zu 
der Erkenntnis gelangt, daß zur Erreichung aller großen Ziele auf See zu- 
nächst die Niederkämpfung der feindlichen Seestreitkräfte nötig ist. 

Kampfwelse und Taktik« 

Bei den Ruderschiffen, die ja im Mittelmeer die Kriegsschiffe blieben, trat 
im Bau und in der Kampfweise des Einzelschif fes keine Änderung 
gegen das Mittelalter (Seite 47) ein. Die neue Waffe der Artillerie hatte keinen 
Einfluß, ihre Hauptkraft lag ebenfalls nur im Bug und Heck ; die Schiffsenden 
blieben also offensiv und defensiv stark, die Seiten schwach wegen der Ruderein- 
richtung ; die Seiten wurden auch mit Einführung der Breitseitartillerie nicht 
nennenswert stärker. Hier standen nur ganz leichte, wenig richtungsfähige Ge- 
schütze zwischen den Riemen ; manövriert wurde auf ihren Gebrauch nicht. Die 
Galeassen, eigentlich doch nur schwere Galeren, hatten dieselben Eigenschaften. 

In der Taktik für Schiffsverbände änderte sich infolge- 
dessen auch nichts. Wenn beim Mittelalter gesagt ist, daß sie nicht auf der 
Höhe des Altertums stand, so trifft dies jetzt noch zu. Von den wenigen 
genauer überlieferten Beschreibungen zeigen die der größten Schlacht von 
Ruderschiffen (Lepanto 1571) und die der letzten, worin ausschließlich solche 
Fahrzeuge zur Verwendung gekommen sein sollen (Genua, i. September 1638), 
ein starres Festhalten am Althergebrachten wie im Mittelalter. 

Lepanto.*) Die verbündeten Mächte — Spanien, Venedig und der Papst — hatten 
1571 eine Flotte von etwa 300 Fahrzeugen — 6 Galeassen, an 200 Galeren, der Rest 
Fahrzeuge aller Größen wohl meist Transporter — mit 50 000 Mann Fußvolk und 4500 
Reitern in Messina versammelt, um einen großen Schlag gegen die Türken in Griechenland 
zu führen. Don Juan d'Austria befehligte die Expedition. Er verließ am 25. 
September den Hafen, landete in Griechenland fast an derselben Stelle, wo Octavian 
vor Actium gelandet hatte, und erfuhr hier, daß die türkische Flotte im Golf von Korinth 
sei. Am 6. Oktober ging er dorthin ab. Die Türken lagen in Lepanto — dem alten Nau- 
pactus, ihrer Flottenstation — , auch etwa 300 Segel stark und kamen den Christen 
entgegen. So trafen sich die beiden Flotten am 7. Oktober am Nordwesteingang des 
Golfes von Korinth bei den Kurtsolarischen Inseln (alt: Echinaden), die Christen 6 Ga- 
leassen, 200 Galeren, die Türken etwa 250 Galeren an Schlachtschiffen stark. Wenn auch 
an Zahl unterlegen, so waren doch die Schiffe der Verbündeten starker armiert und besser 
bemannt ; die Besatzungen waren zum Schutz und Trutz starker bewaffnet und enthielten 
die Blüte der Ritterschaft ihrer Länder. Die Türken hatten keine Galeassen. 

Beide Flotten waren in vier Geschwader geteilt, drei davon in der Sichel formiert, 
das vierte stand als Reserve hinter dem Zentrum. Auf selten der Verbündeten waren die 
Galeassen in Dwarslinie vor die Mitte gezogen ; beide türkische Flügel und der linke 
christliche lehnten sich an Untiefen an. Die Türken versuchten den Gegner zu über- 
flügeln, was auch besonders mit ihrem rechten Flügel gelang, der mit Hilfe von Lotsen 
die Untiefen vermieden hatte. Bei der geringeren Anzahl ihrer Schiffe war für die Ver- 
bündeten die Wahl der Formation falsch, sie hätten die Flügel zurückziehen müssen 



*) Vgl. Jurien, „Lepanto 



tt 



mim-* f~ 



Kuderschiffe. Schlachten bei Lepanto und-^ Genua. 



X45 



Bubarigo / (Venedig) 



Bey von \ Alexandrien 



Don 



Juna 



Kapudan 



Pascha 



Andreas 
(spanischer 



Dona 
Admiral) 



Bey von / Algier 



(Halbmond); die Türken nutzten aber 
ihren Vorteil nicht energisch genug 
aus. Im Zentrum eröffneten die 
schweren Galeassen frühzeitig das 
Feuer und erschütterten den Feind, 
dann griff Don Juan mit voller Fahrt 
an, gab persönlich das beste Beispiel, 
indem er der Erste an Bord des 
türkischen Flaggschiffes war, und in 
der Melee errangen hier die Christen 
nach blutigem Kampfe einen voll- 
ständigen Sieg. Auch ihr linker 
Flügel gewann bald wieder die Ober- 
hand, obgleich sein Admiral Barbarigo gefallen war; der türkische linke war weniger zum 
Kampf gekommen. Die Türken verloren 200 Schiffe und mindestens 20000 Mann, 
1 5 000 Christensklaven sollen befreit sein. Der Verlust der Christen betrug i $ Galeren 
und 8000 Mann, darunter allerdings viele Führer und angesehene Ritter. 

Bei Lepanto kann von einer angewandten Taktik nicht die Rede 
sein : die Verbündeten wählen die für sie falsche der gebräuchlichen Gefechts- 
formationen, die Türken nutzen weder diesen Fehler noch ihre Überzahl aus; 
nur das Einleitungsgefecht mit Feuerwaffen hat mit deren Vervollkommnung 
an Bedeutung gewonnen, sonst geben bessere Bewaffnimg, Körperkraft, Mut 
sowie das Beispiel der Führer im Handgemenge den Ausschlag. 

In der Schlacht vor Genua 1638 zwischen Franzosen und Spaniern 
bestand jede der Flotten aus etwa 30 Galeren, rangiert in Dwarslinie. Es kam 
zum sofortigen Enterkampf, weü der französische Admiral den Befehl gegeben 
hatte, wie er das feindhche Flaggschiff, so habe eine jede Galere beim ersten 
Anlauf das ihr in der Linie des Gegners gegenüberstehende Fahrzeug mit 
voller Ruderkraft anzugreifen. Hier ist also von jedem Gedanken, sich einen 
taktischen Vorteil zu sichern, abgesehen. Es ist nur bemerkenswert, daß 
beide Gegner vor dem Gefecht versuchen, die Luvstellung zu gewinnen, um 
durch den Angriff vor dem Winde ihre Stoßkraft zu vermehren. 

Für die Segelsehilte» deren Kampfweise und Taktik im Mittelalter kaum 
von der der Ruderschiffe abwich, ja nicht einmal auf ihrer Höhe stand, 
änderten sich in diesem Zeitabschnitte die Verhältnisse wesentlich. Als die 
Kanonen in der Breitseite aufgestellt und zur Hauptwaffe wurden, mußte 
an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der in der 
Querabrichtung treten. 

Bei S^elschiffen mit Breitseitarmierung waren im Gegensatz zu den 
Ruderschiffen die Seiten offensiv und defensiv stark, Bug und Heck da- 
gegen schwach. Den Seiten war die Hauptschwäche, die Rudereinrichtung, 
genommen, die Schiffswände wurden stärker gebaut, die Hauptwa e 
stand dort. Bug und Heck konnte man bei zunehmender Leistung der Ar^ 
tillerie w^en der verheerenden Wirkung eines Enfiüerfeuers dem e 
nur mit großer Gefahr zuwenden. Den Bug zum Ranunstoß ^u ge 4emd- 
war vom Winde abhängigen Schiffen nur gelegentlich mögÜ^"^» 



10 



Rittneyer, Seekri^c 



1^6 Kampf weise und Taktik von 1492 — 1648. Segelschiffe. 

liehen Riemen waren als Angriffsobjekt weggefallen. Als der Artilleriekampf 
mit Breitseitgeschützen in den Vordergrund trat, wurde dies auch von Einfluß 
auf die Angriffsformation einer Flotte; um dieArtillerie vor der Melee 
ergiebig verwenden zu können, mußte man eine tiefe Formation an Stelle einer 
breiten haben : die Kiellinie an Stelle der Dwarslinie. 

Der Einfluß machte sich natürlich nur allmählich bemerkbar. Wir 
wissen, daß die Spanier zur Zeit der Armada die Artillerie noch nicht als 
Hauptwaffe betrachteten. Zahl, Kaliber, Montierung der Geschütze, Aus- 
bildung der Mannschaft an ihnen einerseits, die überwiegende Bemannung 
mit Soldaten anderseits macthen ihre Schiffe nur geeignet für den Enterkampf; 
seine Herbeiführung war auch ausdrücklich angeordnet. Bei den Engländern 
dagegen war die Artillerie schon Hauptwaffe geworden, ihre beweglicheren 
Schiffe waren stark bestückt, bemannt mit guten Artüleristen und vielen 
Matrosen; sie führen schon ein Feuergefecht. So finden wir auch als 
Flottenformation bei der Armada noch den althergebrachten Halbmond; 
selbst auf dem Marsche wird er meistens gehalten, wohl um jederzeit 
zum Schlagen bereit zu sein und um die schwächeren Schiffe zwischen dem aus 
starken Kriegsschiffen bestehenden Zentrum und den Flügeln besser schützen 
zu können. Über die Formation der Engländer haben wir keine Angaben. 
Bei ihrer während der ganzen Fahrt der Armada durch den Kanal beobach- 
teten Taktik — die Luvstellung zu halten und den Gegner all den zurück- 
gezogenen Flügeln anzugreifen, vor allem aber sich auf in ungünstiger 
Windposition zurückgebliebene Feinde zu stürzen — ist anzunehmen, 
daß sie keine starre Formation hielten. 'T>ie Führer der Geschwader 
oder selbst die einzelner großer Kriegsschiffe nahmen selbständig jede 
günstige Angriffsgelegenheit wahr. Nur bei Gravelines, der einzigen rangierten 
Schlacht, wird der Feind auf der ganzen Linie zugleich angegriffen, aber 
auch hier haben die einzelnen Geschwaderchefs, durch die Verhältnisse 
geleitet, selbständig gehandelt. Man kann in dem Verhalten der Engländer 
vielleicht schon den Anfang der späteren Gruppentaktik erkennen, jedenfalls 
aber den Hauptgrund, der zu ihrer Einführung beigetragen hat: die Ver- 
schiedenheit der Schiffe. In der englischen Flotte befanden sich nur wenige 
große Kriegsschiffe, die für sich im Gefecht bestehen konnten ; die weit größere 
Zahl der schwächeren Fahrzeuge schloß sich diesen an, zugeteilt oder aus 
eigenem Antriebe, um ihren Teil am Gefecht nehmen zu können; so bil- 
deten sich Gefechtsgruppen. 

Wenn nun auch die Angaben über den Verlauf späterer Seegefechte^ 
nach der Fahrt der Armada, nur spärlich sind, so kann man doch aus ihnen 
entnehmen, daß der Geschützkampf allgemein mehr in die erste Linie tritt. 
Es wird diese Tatsache häufig hervorgehoben und gleichfalls bemerkt, daß 
von den Flotten immer mehr Gewicht darauf gelegt wird, vor dem Gefecht 
die Luvstellung zu gewinnen; oft wird tagelang daraufhin manövriert. 

Auch die Angaben über „Schiffe" und „Waffen" zeigen die zunehmende Wich- 
tigkeit der Artillerie ; zu Ende dieses Zeitabschnittes war der Typ des Segelbreitseitschiffes 



Gefechtsgruppen. Die Marine Portugal- Spaniens. i^y 

fast endgültig festgestellt. Die geringer werdende Bedeutung des Enterkampfes kann 
man femer daraus erkennen, daß die Besatzung gleich großer Schiffe bei starker Zunahme 
der Geschütze an Kopfzahl während des Zeitabschnittes wesentlich hinuntergeht, 
z. B. hatte ein englisches looo tons- Schiff 1548 eine Besatzung- von 700 Mann, 1603 
von nur 500, und um 1637 war ein Schiff von 1680 tons nur mit 600 bemannt. 

Da zeigt sich denn auch zu Ende des Zeitabschnittes schon deutlicher 
der Einfluß der neuen Kampfweise auf die Taktik. Der holländische Admiral 
T r o m p soll seine Streitkräfte in Kiellinie ins Gefecht geführt haben und 
auch die Gruppeneinteilung hat er planmäßig verwendet; die holländische 
Kriegsmarine besaß damals gleichfalls nur wenige schwere Schiffe. Er teilte um 
1639 seine Flottein 3 — 5 Geschwader und ein jedes dieser wieder in 3 — 5 Unter- 
abteilungen, die dann im Gefecht auch bei derMelee als taktische Einheit zu- 
sammenhalten soDten ; aus ihnen formierte er die Linie. Von dieser Zeit an 
kann man von einer Entwicklung der Taktik für Segelschiffe sprechen 
und sie verfolgen; sie ist daher ein Kennzeichen des nächsten Abschnittes. 

Die Waffe der Brander, deren Wirkung wir bei der Armada kennen gelernt 
haben, wurde auch sonst noch verschiedentlich mit Erfolg verwendet; aber 
ihre Glanzzeit und damit ihr Einfluß auf die Taktik fällt ebenfalls in den 
nächsten Zeitabschnitt. 

Die wichtigsten Kriegsmarinen. 

Die ersten großen Marinen sind in Portugal und Spanien als Folge der großen 
Entdeckungen geschaffen, sie erreichten sogar in diesem Zeitabschnitt ihre 
höchste Blüte, traten aber auch an seinem Ende fast ganz vom Schauplatz wieder 
ab und spielten im nächsten nur eine sehr unbedeutende Rolle. Portugal 
brauchte eine bewaffnete Macht zum Erringen seiner Handelsherrschaft im 
fernen Osten, Spanien zur sicheren Überführung der in Amerika gewonnenen 
Schätze; seit 1580 waren beide Mächte vereint. Die Stärke ihrer Marinen 
kann man nach den Angaben beurteilen, die bei der Besprechung der Armada 
gemacht sind (Seite 119, 120). Hier hatte Philipp II. alles an Streitkräften 
vereinigt, was Spanien mit seinen Nebenländem in europäischen Gewässern 
aufbieten konnte, eine ungeheure Zahl von teilweise sehr großen Schiffen. 

Es erscheint aber zweifelhaft, ob man diese Marine als eine vollwertige 
stehende Kriegsmarine ansehen darf. Sir W. Raleighs Worte, „die portu- 
giesisch-spanischen Schiffe sind zwar groß, aber mehr geeignet für den 
Handel als für den Krieg", sprechen dagegen und wohl mit Recht. Die 
Schiffe sollten als Transporter dienen und waren, wenigstens bis zur Armada, 
nur dazu gebaut, daß sie Piraten abschlagen oder gegen indische Fürsten 
auftreten konnten, nicht aber ausschheßlich für den Kampf. Seine Kriege 
im Mittelmeer focht Spanien in erster Linie mit Galeren (Anfang des 17. Jahrh. 
40 — 50 vorhanden) aus. Bestätigt wird dieser Zustand dadurch, daß die 
spanisch-portugiesischen Schiffe nur schwach armiert und mit weit mehr 
Soldaten als Kriegsschiffseeleuten bemannt waren. 

Durch die Vernichtung der Armada erhielt die spanische Marine einen 
schweren Stoß. Die meist geäußerte Behauptung aber, ihre Macht sei dadurch 



14,8 Die wichtigsten Kriegsmarinen von 1492 — 1648. 

völlig gebrochen, ist nicht ganz zutreffend. Ich wählte deshalb den Ausdruck, 
das Prestige der Spanier und Portugiesen zur See sei verloren gegangen. 
Zwar wird der Seekrieg gegen Holland hauptsächlich mit Dünkirchener Streit- 
kräften geführt (Seite 140), aber doch auch im Mutterlande werden noch starke 
tlotten aufgestellt. Wir sahen holländische und englische Expeditionen 
nach Westindien und Brasilien scheitern infolge des Eintreffens starker 
spanischer Flotten, die Spanier {1601) gar in Irland einfallen und 1639 die 
gewaltige Flotte d'Oquendos im Kanal erscheinen. Erst die Vernichtung dieser 
hat wohl der alten spanischen Marine von Hochseeschiffen den Todesstoß 
gegeben; Spanien schuf dann erst im 18. Jahrhundert eine neue. 

Im Norden entwickelten sich die Kriegsmarinen Dänemarks und Schwedens 
früher als in den westlichen Staaten zu einer ansehnlichen Stärke. Schon 
im Dreikronenkriege (1563) erscheinen auf beiden Seiten Flotten bis zu 70 
Segeln, worunter etwa ein Drittel größere Kriegsschiffe ; zur Zeit Christians IV. 
und Gustav Adolfs enthielten beide Marinen etwa 30 Schlachtschiffe von 
über 40 Kanonen, ein hoher Bestand verglichen mit den Angaben für Holland 
und England zu dieser Zeit. Dieser Bestand ist in der Zukunft nur eine kurze 
Zeit um 1700 überschritten, um dann wieder zurückzugehen; die Schlacht- 
schiffe wurden allerdings wie überall auch hier mächtiger. Die Überlegenheit 
der Marine lag zeitweise bei Schweden, zeitweise bei Dänemark, wie wir schon 
in den Kriegen*) sahen. Die dänische Marine erreichte ihren höchsten Stand 
zuerst unter Christian IV. (1588 — 1648), die schwedische bald darauf unter 
Gustav Adolf. Christian verfügte (1611) nicht nur über 50 — 60 Kriegsschiffe, er 
hatte auch in den „Defensionsschiffen" eine starke Unterstützung seiner Flotte 
geschaffen. Es waren dies Fahrzeuge der großen Rhedereien, denen Zoll- 
und Verkehrserleichterungen zugesichert waren, wenn sie als mittelstarke 
Kriegsschiffe geeignet gebaut und im Kriege dem Staate zur Verfügung 
gestellt wurden. Die dänische Marine ging aber noch unter Christian IV. 
infolge des unglücklichen Krieges von 1643 — 1645 zurück; die schwedische 
war 1655 — 1660 die stärkere, und erst unter Christian V. (1675) stand die 
dänische wieder an der ersten Stelle. Es darf nicht unerwähnt bleiben, 
daß die skandinavischen Seeleute schon zu dieser Zeit wegen ihrer Tüchtig- 
keit berühmt und daß die nordischen Kriege, an denen ja auch die Holländer 
teilnahmen, lehrreich für die Seeleute aller Nationen waren. 

Die an Zahl der Schiffe größte Marine entstand in Holland**) während 
des Unabhängigkeitskrieges. Vorher werden nur sehr wenige staatliche 
Schiffe erwähnt : z. B. um 1557 nur 2 zu 400 tons, i zu 300, i zu 200 
und eine größere Zahl von Ruderfahrzeugen, wie überall zu Zolldienst usw. 
Zu Kriegszügen ergingen Aufgebote an die Seeprovinzen; Karl V. und 
Phihpp IL haben öfters bei ihren Kriegen im Norden und Süden davon 
Gebrauch gemacht. Der achtzigjährige Krieg aber zwang die Niederlande 
bald zur Beschaffung staatlicher Schiffe. Man nahm sie zwar zunächst 

*) Vgl. Seite 109 ff. Dort auch Angabe von Quellen. 
♦♦) de Jonge gibt die Entwicklung der niederländischen Marine sehr genau. 



Dänemark. Schweden. Holland. 



149 



wieder aus der Kauffahrteimarine und änderte sie nur um, baute aber bald 
wirkliche Kriegsschiffe. Jetzt war man auch genötigt, gute und feste 
Einrichtungen für Aufstellung und Erhaltung der Seestreitkräfte zu treffen. 

In jeder Seeprovinz wurde hierzu eine Admiralität eingesetzt, 
eine Konmiission von sieben Personen. Nach verschiedenen unwesentlichen 
Verschiebungen bestanden, von Ost nach West aufgezählt, folgende: Fries- 
land, Sitz in Harlingen; Norderquartier, oder auch Westfriesland genannt, 
in-Hoom; Amsterdam; Maas, in Rotterdam; Seeland, in Middelburg. Jede 
Admiralität besaß ihre eignen Kriegsschiffe, mobilisierte sie und verstärkte 
ihre Flotte im Bedarfsfalle durch geheuerte Handelsschiffe. An der Spitze 
der Seemacht stand der Generaladmiral, die Person des Statthalters; in den 
ersten Zeiten führte er — oder in der Praxis sein Stellvertreter, der Admiral- 
leutnant, ernannt von der Provinz Seeland — nur den militärischen Ober- 
befehl über die Streitkräfte ; 1597 wurden ihm auch die Admiralitäten unter- 
stellt, doch blieben sie in vielen Angelegenheiten direkt von den Generalstaaten 
abhängige Die Eifersucht der beiden wichtigsten Seeprovinzen — Seeland 
und Holland, dieses die drei Admiralitäten Amsterdam, Maas, Westfriesland 
umfassend — führte schon im Anfang des Aufstandes zur Bestellung von zwei 
Admiralleutnants, je eines für Seeland und Holland. Solange der Krieg in 
den Binnengewässern geführt wurde, war dies von Nutzen, da zwei Kriegs- 
theater, Maas-Schelde-Mündung und Zuidersee, vorhanden waren. Als es 
sich später um Aufstellung von größeren Seeflotten handelte, führte es zu 
Reibungen zwischen den Befehlshabern selbst und zwischen den Staaten; 
von 1627 an wurde deshalb für längere Zeit — bis 1665, wo sogar jede Ad- 
miralität die Ernennung eines Admiralleutnants für sich durchsetzte — 
der Posten wieder von einer Person bekleidet, dem Titel nach zugunsten 
Hollands; er hieß „Leutnant- Admiral von Holland und Westfriesland" und 
wurde auch der Admiralität Rotterdam entnommen. Außerdem hatte man 
zwei Vizeadmirale, wieder je einen für Holland und Seeland. Die Geschäfte 
der Kontre-Adnürale*) bei zusammengetretenen Flotten wurden anfangs von 
dem ältesten Kommandanten wahrgenommen, doch wurde später auch 
dieser Dienstgrad, zunächst wieder für** Holland und Seeland, eingeführt. 

Den Anfang der Einrichtung eines festen Offizierkorps findet 
man um 1626. Im Kriege gegen Dünkirchen zeigte sich, daß tüchtige 
Kapitäne fehlten, da diese den gewinnreicheren Dienst als Freibeuter vorzogen, 
häufig sogar auf Seiten der Gegner. Nun wurde es Brauch, bei den Admi- 
ralitäten einen Stamm von alten, befahrenen Kapitänen zu halten, in den 
Provinzen von Holland z. B. 60, und sie auch bei NichtVerwendung zu be- 
solden. Diese, ordinaris kapiteinen genannt, sollten in erster Linie den Be- 



*) In HoUand „Schout (Schouwt) by Nacht'' genannt, da ihm als Führer der 
Nachhut die Pflicht zufiel, bei Nacht die Flotte zu schließen und „nachzusehen", ob 
kein Schiff zurückblieb. Noch zutreffender ist vielleicht die Bezeichnung, die man 
in der deutschen Übersetzung des Lebens Ruyters von G. Brandt» durch die Söhne 
des Verfassers übersetzt, findet: „Schulze (also Aufsichtsorgan) bei Nacht'*. 



ICQ Die wichtigsten Kriegsmarinen von 1492 — 1648. 

fehl über die Kriegsschiffe der Schlacht flotte führen; die ältesten, als Führer 
von Unterabteilungen verwendet, hießen Kommandeurt^. Für andere Zwecke, 
z. B. Kommandanten der Konvoi- Begleitschiffe, wurden nach Bedarf und nur 
auf Zeit extraordinaris kapiteinen angestellt. Das sämtliche übrige Personal 
wurde erst bei den Indienststellungen angeworben. 

Das Schiffsmaterial bestand anfangs nur aus wenigen, aber 
bald aus einer sehr großen Zahl von kleinen Fahrzeugen. Schon 1575 stellte 
Seeland etwa 140 Schiffe, 40 — 140 tons mit i Mann pro Tonne Besatzung 
und 8 — ^20 leichten (3 — 9-Pfünder) Geschützen, größtenteUs nur für Flüsse 
und Flußmündungen brauchbar. Holland besaß weniger, aber größere, bis 
zu 250 tons mit 32 Kanonen. Bis zur Zeit der Armada wächst zwar die Zähl, 
nicht aber die Größe der Schiffe, da man bei der Art der Kriegführung große 
Schiffe nicht unbedingt nötig hatte und auch die Geldmittel für deren Bau 
nicht reichten. Als aber dann der Krieg auf die offene See hinaustrat, 
tmd mit dem Freiwerden der See der Wohlstand wuchs, wurden auch die 
Schiffe größer. Bei dem Zug gegen Cadiz 1597 findet man schon 18 zu 200 
bis 400 tons mit 16 — 24 Geschützen und 100 — 130 Mann; 13 davon sind 
allerdings noch geheuerte Handelsschiffe. Größere Kriegsschiffe sind also 
noch nicht genügend gebaut, aber auch dieses geschieht. Die Angabe der 
Streitkräfte, die gegen Dünkirchen im Anfang des 17. Jahrh. verwendet wurden 
(vgl. Seite 140), zeigt schon die Vermehrung der größeren Kriegsschiffe, und 
der Stand der Marine um 1642 ist nach folgender Tabelle der um diese 2Jeit 
,,in Dienst befindlichen Schiffe" zu beurteilen: 
Admiralität: Rotterdam Amsterdam Seeland Norderquartier Vriesland 

39 35 20 4 

Summa: 143 Segel u n d z w a r 

n Amsterdam Seeland Norderquartier Vriesland 
19 49 36 47 

500^) 4 — 500 2 — ^400 unter 200 

46 32 — 36 24 — 30 20 — 23 2 — 20 

140 HO 100 

30 30 20 

1) Nur dieses Schiff war Zweidecker. ^ Wahrscheinlich noch etwas großer. 

Es war mithin, was Material anbetrifft, eine ansehnliche Marine. Aller- 
dings lag ihre Kraft in mittleren, ja kleinen Schiffen, die keineswegs immer 
im Dienst waren; wenn die Schiffahrt im Herbst aufhörte oder sonst kein 
Anlaß vorlag, wurde ein Teil aufgelegt. Auf dieser Höhe büeb die Marine 
auch nur während des Kriegszustandes; nach dem Westfälischen Frieden 
wurde sie sofort auf 40 Schiffe verringert. Die übrigen wurden verkauft oder 
vernachlässigt, so daß wir die Niederländer mit einer weit geringeren Anzahl 
wirklicher Kriegsschiffe in den ersten englisch-holländischen Krieg werden 
eintreten sehen. 

Einen großen Rückhalt hatte die Kriegsmarine an den beiden indischen 
Kompagnien, deren Schiffsbestand schon angeführt ist (Seite 87, 88). 



Schiffszahl : 


45 




Sum 


Admiralität : 


Rotterd 


Schiffszahl : 


lO 


Tonnen ca. 


6oo2) 


Kanonen 


57 


Seeleute 


200 


Soldaten 


40 






Holland. England. 151 

Diese Schiffe, an Größe im Durchschnitt den Kriegsschiffen überiegen, aller- 
dings verhältnismäßig schwächer armiert, waren die geeignetsten Kauffahrer 
für die Verstärkung der Kriegsflotte ; sie waren fast vollwertige Kriegsschiffe 
\md werden deshalb bei Angaben über Zusanunensetzung von Flotten au<ih 
immer getrennt von den anderen Handelsschiffen aufgeführt. Sie bildeten 
femer eine Schule für Offiziere und Mannschaften zum späteren Dienst 
auf Kriegsschiffen; \aele der berühmten Flaggoffiziere in den Kriegen des 
17. Jahrh. haben auf ihnen ihre seemännische und militärische Ausbildung 
ei halten. . Hierzu traten die Seeleute, die die harte Schule der Hochseefischerei 
durchgemacht hatten, als vorzügliches Personal. 

Die Marine Englands»*) deren Anfänge wir schon betrachtet haben 
(Seite 50), wuchs unter Heinrich VIII. besonders in Hinsicht auf die Größe 
der Schiffe. Ihr Bestand zu verschiedenen Zeiten des hier geschüderten 
Abschnittes (1522, 1548) ist angegeben (Seite 98 ff.), um als Beispiel für 
die Entwicklimg des Schiffbaues zu dienen. Während Heinrichs VIII. Regierung 
waren 23 Schiffe als Kriegsschiffe neu erbaut und 15 geeignete Handelsschiffe 
angekauft. 1548 stellte die Gesamtzahl von 53 Schiffen einen Tonnengehalt 
von 11268 tons dar. Unter Eduard VI und Mary ging der Bestand aber wieder 
so herunter, daß 1558 nur 26 mit 71 10 tons vorhanden wären. Auch die 
ersten Regierungs jähre Ehsabeths (seit 1558) brachten hierin keine wesent- 
liche Änderung: 1565 finden wir 29 Schiffe, 1575 gar nur 24 mit 10470 tons. 

Von jetzt wuchs die Zahl wieder. Gegen die Armada fochten 34 könig- 
liche Schiffe, nahezu der Gesamtbestand, und um 1603 werden 42 aufgezählt, 
und zwar: 

Schiffszahl 2 

Tonnengehalt 1000 

schwere Geschütze 48 — 38 
leichte Geschütze — 30 
Seeleute 340 

Gimner 40 

Soldaten 120 

Daß die Flotte Elisabeths trotz der vielen Unternehmungen in ihrer Zeit 
so gering war, ist dadurch zu erklären, daß bei den Expeditionen zur Störung 
des feindlichen Handels wie gegen die Küsten die Kriegsschiffe meist nur den 
Kern der Flotten, Flaggschiffe und Gruppenführer, bildeten; als solche wurden 
sie auch zu den Privatzügen gestellt. Dagegen ist hervorzuheben, daß das 
Material auf der Höhe der Zeit gestanden haben muß. Elisabeth hat viele neue 
Schiffe erbaut. Schon 1587 waren fast alle Fahrzeuge zwischen 500 und 800 tons 
neu; im ganzen sind während ihrer Regierung 55 erbaut, davon 38 nach 1586. 

Unter Jakob I. wurden die Schiffe vernachlässigt, wenn auch ihre Zahl 
sich nicht verringerte, unter Karl I. trat dagegen wieder ein Zuwachs ein. 
164g war der Bestand: 



6 


10 


12 


12 


800 — 900 

38—30 
2—18 


500 — 700 

38—26 

— 24 


200 — 400 

30—15 
— 12 


unter 2( 
21—3 
3—21 


270— 340 

32 40 

100 — 120 


150—230 

30 
70 — 90 


70—130 
12 — 20 
20—50 


• 
• 

m 



*) Clowes, Teil I und II, die Kapitel „Civil history". 



J52 I^e wichtigsten Kriegsmarinen von 1492 — 1648. 

Schiffszahl i i 10 5 10 ca. 24 ca. 20 

Tonnengehalt 1683 1187 8—900 7 — 800 5 — 700 2 — ^400 kleinere 
Kanonen 100 64 40 — 44 40 — 50 30 — ^38 30—38 

Die Geschütze unter 3-Pfund-Kaliber werden jetzt nicht mehr mitgezahlt ; die 
Schiffe, namentlich die kleineren, sind oft überarmiert. 

Wieder waren es zeitgemäße Schiffe, darunt^ jetzt schon viele Zweidecker; 
30 — 40 sind während Karls Regierung erbaut. Auffallend ist der Bestand an 
größeren Schiffen gegenüber den Angaben für die holländische Marine um 
1642, sowohl was die absolute Größe einzelner Schiffe wie auch das Verhältnis 
zur Gesamtzahl anbetrifft. 

An der Spitze der Marine stand, wie schon im Mittelalter, der L o r d - 
highadmiral, die Verwaltung leitete ein Clerk of the ships. Die Ent- 
wicklung machte jedoch bald die Einrichtung größerer Behörden nötig, und 
1546 wurde ein Navy-board für Verwaltungsangelegenheiten — Bau, Repara- 
tur, Ausrüstung und Armierung der Schiffe — und ein Admiralty-board 
zur Unterstützung des Admirals in Kommandosachen gegründet. Schon 
einmal von 1628 — 1638 ist das Amt des Lordhighadmirals von einer Kom- 
mission wahrgenommen, wie es in späteren Zeiten (Admirahtät mit erstem 
Lord) die Regel ward. 

Fest angestellte Offiziere waren sonst nicht vorhanden, nicht einmal, 
wie in Holland, ein Stamm von Kapitänen ; die ganze Besatzung wurde bei 
der Indienststellung angeworben. Auch in England hatte man ein vorzüg- 
liches Personal an den Offizieren und Mannschaften, die auf den Schiffen 
der Freibeuter, der Entdeckungsreisen und der Hochseefischerei gedient hatten. 
Unter den Führern und Kapitänen im spanischen Kriege finden wir die 
Namen der großen Entdecker und Freibeuter. Daß die Kapitäne, die 
mihtärischen Kommandanten, Seeleute von Beruf waren, war seit Begimi 
des Zeitabschnittes die Regel geworden. 

In Frankreich*) hatten die Versuche um 1374 (Seite 51) und später unter 
Franz I. und Heinrich IV., eine Marine zu gründen, keinen nachhaltigen 
Erfolg; um 1626 werden nur 20 königliche Schiffe erwähnt. An der Spitze 
des Seewesens stand ein Admiral von Frankreich — meist nur ein Ehren- 
posten für einen Prinzen von Geblüt oder Granden — , unter ihm Admirale — 
chefs d'escadre — für die Küstenprovinzen Guyenne, Bretagne Normandie, 
Provence. Diese heuerten oder kauften im Kriegsfalle geeignete Schiffe, 
oft in Holland und selbst in Schweden, und warben Kapitäne und Mann- 
schaften. Das Personal bestand besonders aus Seeleuten der Städte am 
Kanal, die Freibeuterei betrieben, aber auch aus Reisläufem aller Länder. 

Erst Richelieu, der den Mangel einer stärkeren Marine in den Kriegen 
gegen La Rochelle gefühlt hatte imd auch einsah, daß sie zur Durchführung 
seiner PoUtik gegen Spanien- Österreich sowie für seine Handels- und Kolonial- 
pläne nötig sei, versuchte eine solche zu gründen. Er errichtete Werften in 



*) Quellen: Roncidre; Chab- Arnault ; Nauticus 1901. 



England. Frankreich. 123 

den Haupthäfen, setzte Kommissionen zur Beaufsichtigung des Schiffbaues 
ein und vermehrte den. Stab der Küstenadmirale für militärische und Ver- 
waltungszwecke. Femer versuchte er, ein Offizierkorps zu schaffen, indem er 
tochtige K^itäne fest anstellte und zwar mit dem Hauptzweck, durch sie 
junge EdeUeute xa Seeoffizieren zu erziehen. Auch sonst erheß er wichtige 
organisatorische Bestimmungen; er schuf z. B. eine Truppe (200 Mann) see- 
männischer Kanoniere in der Art der Gunner in England. Richelieu 
führte eine Zeitlang selbst die Oberleitung des Seewesens (als Admiral von 
Frankreich und Grand maitre de la marine et du commerce). Um 1644 
besaß die könighche Marine 30 größere Kriegsschiffe, 27 kleinere und 
13 Brander. Daß die Schiffe auf der Höhe der 2Jeit standen, beweist 
der Umstand, daß die „Couronne" dem „Royal Sovereign" ebenbürtig ge- 
nannt wird — sie war 1636 gebaut, 1800 tons groß ; ihre Segeleigenschaften 
wurden gerühmt — und daß 1635 das Flaggschiff eines Geschwaders von 
39 Schiffen, allerdings meist Kauffahrer, im Kriege gegen Spanien 1000 tons 
groß war mit 52 Kanonen. 

Aber auch diese Marine verfiel wieder unter Mazarin. Der Versuch, 
ein besseres Offizierkorps zu gründen, scheint sogar zum Nachteü ausgeschlagen 
zu sein. Es wurde üblich, Kapitäns- und Leutnants-Stellungen nach 
Gunst zu vergeben, so daß diese Chargen bekleidet wurden von Leuten ohne 
seemännische Erziehung, die in der Führung des Schiffes völlig abhängig vom 
seemännischen Personal waren. Erst Colbert rief etwa um 1660 eine neue 
Marine ins Leben, die in der Organisation auf den Bestinunungen Richelieus 
aufgebaut war. 

Eine Schöpfung in Frankreich hatte Bestand: die Galerenflotte Im Mlttelme«r 
(Marseille). Sie war in den neunziger Jahren des 15. Jahrh. für die Kriege gegen Spanien 
und die italienischen Städte gegründet worden und war eine stehende Marine wie die 
der Gegner. Sie stand unter dem G6n6ral des galdres, hatte ein festes Offizier- 
korps, feste Verwaltung und Budget ; die Ruderer waren Sträflinge. Diese Galeren fanden 
nicht nur Verwendung im Mittelmeer, sie erscheinen bis zu 25 Fahrzeugen stark auch 
im Atlantik (unter Franz I. 1544). Bei weiten Unternehmungen begleiteten sie eigene 
Transporter. Sie blieb lange völlig selbständig, bis sie 1748 mit der Hochseemarine 
vereinigt wurde.*) 

Vorstehende Angaben zeigen uns, daß den neu entstandenen Segelschiffs- 
marinen doch noch zu viel fehlt, um sie voll als stehende Marinen bezeichnen 
zu können. In dem Schiffsbestande ist keine Stetigkeit, er schwankt unter 
dem Einflüsse der inneren und äußeren poHtischen Verhältnisse der Länder; 
die absolute Größe der Kriegsmarinen ist meist so gering, daß die Schiffe 
eigentlich nur den Kern der zur Verwendung kommenden Flotten bilden 
können. Holland macht in dieser Beziehung zwar eine Ausnahme, aber gerade 
hier tritt der erste Mangel hervor: nach Beendigung der Krieges wird der 
Bestand auf ein Drittel verringert und kommt nun wieder dem der anderen 
Marinen gleich. 

♦) Näheres über die Galerenflotte: du Sein, Teil I, Seite 264; Jurien, „Demiers 
jours". 



154 ^^3 Kriegsschiffs-Personal von 1492 — 1648. 

Von einem organisierten oder nur festen Bestände beim Personal 
ist überhaupt nicht die Rede. In d^r Praxis wird es wohl anders gewesen 
sein. Fassen wir z. B. England und Molland ins Auge. Die kriegerischen 
Ereignisse folgten sich nahezu ununterbrtfchen mit nur ktirzen Pausen; beide 
Länder mußten femer jährlich mit Beginn der Schiffahrt fast alle vorhandenen 
Kriegsschiffe zum Schutze ihres Handels in Dienst stellen. Es bot sich mithin 
stets Gelegenheit für den Kriegsdienst zur See. — Die Besatzungsfrage war 
aber bei zunehmender Vervollkommnung der Schiffe in seemännischer und 
artilleristischer Hinsicht immer wichtiger geworden; es genügte nicht mehr, 
eine kleine Zahl von Seeleuten zur Bedienung der Schiffe und eine größere 
von Soldaten zum Kampf an Bord zu nehmen. Die Bedienung erforderte ein 
stärkeres seemännisches Personal und dieses übernahm bei der Herabsetzung 
der Zahl der. Kriegsleute die Bedienung der Artillerie mit, als seegewohnt 
hierzu geeigneter als die Soldaten. Zwar wurden noch besondere Kano- 
niere (z.B. in England die Gunner) eingeschifft, die Zahlenangaben zeigen 
aber, daß sie nur für die Hauptgeschütznummem oder für Unteroffiziersdienste 
bestimmt gewesen sein können. Während im Mittelalter die Besatzung zu 
zwei Dritteln aus Soldaten bestand, enthält sie am Ende des hier geschüderten 
Zeitabschnittes etwa drei Viertel Seeleute. Vor allem aber hatte man Kapitäne 
und Dienstgrade — Ober- und Unteroffiziere — nötig, die im Kriegs- 
schiff sdienste erfahren waren. 

Auch die geheuerten Kauffahrer scheinen meistens mit kriegserfahrenen 
Kapitänen besetzt gewesen zu sein. Zuweilen werden nämlich Mißerfolge damit 
begründet, daß solche Schiffe durch ihre früheren Kapitäne geführt gewesen 
seien ; in England wird dies deshalb bald grundsätzlich verboten. Da ist denn 
wohl anzunehmen, daß sich bei den Indienststellungen in erster Linie Per- 
sonen meldeten, die schon auf Kriegsschiffen gedient hatten, namentlich was 
die Dienstgrade anbetrifft ; in Holland mußten sich die Bewerber um wichtigere 
Stellen seit 1618 einer Befähigungsprüfung unterziehen. In England und 
in Frankreich wurden auch schon die ersten Versuche gemacht, durch Ein- 
stellung von Aspiranten Seeoffiziere heranzubilden. Es war also doch ge- 
wissermaßen schon ein Kriegsschiffspersonal vorhanden, auf dessen Eigenart 
und weitere Entwicklung wir im nächsten Abschnitt näher eingehen werden. 




Dritter Abschnitt. 



Die Zeit von 1648— 1739. 



■ » m <» 



Kennteichen des Abschnittes. 

Entwicklung gröBarer stehender Kriegsmarinen. Auftreten von Schiffen 
bestimmter Klassen nach Größe und Armierung und su besonderen Zweeken. 
Entstehen einer Taktik fflr Segelsehiffs-Flotten, die aber nur sehematisch 
durchgeführt wird. Beginn einer Kriegführung zur See, die eine dauernde 
Beherrschung des Meeres zum Ziele hat ; das Niederkämpfen der feindliehen 

Seestreitkräfte tritt in den Vordergrund. 



■ 

I 



Erstes Kapitel. 
Geschichtlicher Überblick über den Abschnitt 

Seine Bedeutung für die Entwicklung des Seekriegswesens. 



Blnleltang. 

Infolge des Dreißig] ährigen Krieges waren Frankreich und Schweden zu 
[ besonderem Ansehen bei den europäischen Staaten gelangt ; Deutsch- 

I land lag schwer danieder und war durch die Selbständigkeit der vielen 

kleinen Staaten nach außen ohnmächtig. Portugal war 1640 wieder unabhängig 
von Spanien geworden, die Niederlande wurden im Westfälischen Frieden als 
selbständige Republik anerkannt und damit waren ihre Freiheitskriege gegen 
Spanien erfolgreich beendet. Spanien war hierdurch und auch sonst durch 
die Opfer, die seine kathohsche Weltmachtpolitik erfordert hatte, erschöpft 
und trat allmählich in die zweite Linie der Staaten zurück. England (Groß- 
britannien) nimmt nach Vertreibung des Hauses Stuart als RepubUk imter 
Cromwell einen neuen Aufschwung und gewinnt an Ansehen und Macht. 

Im Verlauf der ersten Hälfte des 17. Jahrh. (vgl. Seite 78 — 88) waren 
Holländer, und Engländer als Nebenbuhler der Portugiesen und Spanier 
auf den Ozeanen mächtig geworden, ja sie hatten diese Staaten schon über- 
holt; in den indischen Gewässern war Holland bereits als herrschende Nation 
an die Stelle Portugals getreten. Die Holländer waren wiederum den Eng- 
ländern unter den Stuarts weit vorausgeeilt und konnten um 1650 das Meer 
als ihr Eigentum ansehen. 

1648 hatte Cromwell seine Gegner aus dem Parlament verjagt ; das neue Parlament 
(Rump-Farlament) ließ 1649 Karl I. hinrichten. Nach dem Tode Elisabeths (1603) 
-war anch gegen Holland ein Stocken in den überseeischen Unternehmungen eingetreten. 
I>er Handel Hollands überwog auf den Ozeanen und in den europäischen Gewässern 
— lilittelmeer und besonders Ostsee — den Englands ganz bedeutend; noch Colbert 
nahm an, daß die holländische Kauf fahrtei flotte '/^ der gesamten europäischen aus- 
mache. 

Als sich nun England unter Cromwell zu neuem Streben erhob 
und dieser große Staatsmann sein Augenmerk auch besonders auf die Ver- 



158 Geschichtlicher Überblick von 1648 — 1739. 

drängung Hollands aus der ersten Stelle als Seemacht richtete, erfolgte der 
Zusammenstoß der beiden Staaten.*) Wenn sie auch als protestantische 
Mächte natürliche und aufeinander angewiesene Verbündete waren, so führte 
doch ihr Wettbewerb im Welthandel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. zu den 
blutigsten Kriegen miteinander. 

Die Engländer waren die Angriffslustigen und Angreifenden, teils durch 
die günstige Lage ihres Landes auf dem Kriegstheater dazu bewogen, teils 
in der richtigen, sich immer mehr bahnbrechenden Erkenntnis, daß die Macht 
auf dem Meere das sicherste Mittel sei, um den Handel auf ihm zu beherrschen 
(Raleighs Ausspruch, Seite 143). Wenn diese Kriege nun auch noch keine 
endgültige Entscheidung zwischen beiden Staaten brachten, so entwickelte 
sich doch in ihnen England zu einer Holland ebenbürtigen Seemacht und 
arbeitete von nun an zielbewußt und beharrlich daran, sich die alleinige 
Herrschaft auf allen Meeren zu erringen und zu sichern. Die erbitterten 
Kämpfe um die Vorherrschaft auf dem Meere hatten natürlicherweise die 
größte Pflege der Kriegsflotten zur Folge; besonders in England verlor man 
dieses wichtige Erfordernis nie mehr, auch nicht in Friedenszeiten, aus dem 
Auge, während man in Holland häufig nur Notlagen Rechnung trug. 

Zur Zeit dieser englisch-holländischen Kriege erschien aber auch Frank- 
reich als Macht auf dem Meere. Auf dem Festlande an die Stelle Spaniens 
getreten, strebte es nach höchster Geltung in der Welt und konnte einer 
Marine nicht entbehren. Schon Richelieu und dann C o 1 b e r t schufen 
eine solche zugleich mit der Absicht, dadurch Seehandel und Kolonisation, 
für deren Wert beide Männer volles Verständnis hatten, zu heben und zu 
schützen. Da aber die Neigung der Franzosen zu derartigen Untemehmimgen 
schwächer als die der germanischen Staaten war und die Regierung erst dazu 
anleiten mußte, so bheben die Ergebnisse hierin zunächst gering. Frank- 
reichs Politik war außerdem in der Hauptsache auf kontinentale Ausbreitung 
nach Osten hin gerichtet, wo die beiden innerlich zersplitterten Staaten 
Deutschland und Italien stets Aussicht auf Machterweiterung boten. So 
ist für Ludwig XIV. die Flotte mehr eine Waffe zweiter Ordnung zur 
Unterstützung des Landkrieges gewesen; größere, zur See allein erreichbare 
Ziele wurden der Flotte nur vorübergehend gesteckt ; die Macht zur See wurde 
nur für bestimmte Zwecke angestrebt, nicht aber als Selbstzweck dauernd 
im Auge behalten, ähnlich der Seekriegführung der früheren Zeiten. Diese 
Umstände lähmten die Entwicklung Frankreichs als Seemacht, seine Flotte 
erreichte nicht die Leistungen der holländischen und englischen. Sie war 
aber immerhin durch militärischen Geist ausgezeichnet und wurde, da ihr 
die Mittel eines absoluten Staates zur Verfügung standen, eine achtbare Waffe, 
die schon beim zweiten englisch-holländischen Kriege auf der Seite Hollands, 
im dritten auf der Englands erscheint und um die Mitte dieses Abschnittes 
(1689 — 1697) bei den Versuchen Ludwigs XIV., den aus England durch Wilhelm 

*) Ich weise bei diesen Betrachtungen auf Rodenberg, „ Seemacht in der Geschichte", 
hin, dessen kurz und klar gefaßte Auslassungen hier vielfach benutzt sind. 



Ges(^hichtUcker Übarblick von 1648^-71739. 159 

von Oranien (Wilhelm III., 1688) vertriebenen Jakob II. wieder einzusetzen, 
eine große Rolle spielt. 

Spanien tritt in den Kriegen zur S^e dieser Zeit wenig hervor, meist nur 
als Bundesgenosse. Wenn es auch trotz sonstiger Erschlaffung seiner Flotte 
immer noch Fürsorge zu teil werden ließ, weil es ihrer zur Heimführung der 
ihm unentbehrlichen Einkünfte (Edelmetalle) aus den Kolonien bedurfte,- 
so stand seine Flotte doch nicht mehr auf der Höhe der Zeit und folgte auch 
der Entwicklung der jetzt aufstrebenden Marinen nicht genügend. Portugsds 
Macht war nach kurzer Blüte unter den ersten Königen des Hauses Braganza 
infolge schlechter Verwaltung aufs neue gesunken und geriet mehr und mehr 
als Englands Schützling in dessen Abhängigkeit. Seine Flotte war schon 
mit dem stetig fortschreitenden Verlust der Kolonien verringert worden imd 
wurde immer mehr vernachlässigt. 

Die militärisch-maritime Bedeutung Schwedens und Dänemarks, deren 
Flotten in diesem Zeitabschnitt schon wohlorganisiert waren — ja sogar 
früher als die Englands und Hollands — , trat nicht aus der Ostsee heraus ; 
Rußland gründete erst unter Peter dem Großen eine Marine, die dann Anfang 
des 18. Jahrh. ihre Feuertaufe erhielt. Im Mittelmeer ist für diesen Abschnitt, 
abgesehen von den Kämpfen, welche die neuen drei großen Seemächte dort .aus- 
fochten, nur das Ende des Ringens Venedigs mit den Türken um Besitzungen 
und Seemacht, besonders im Ostbecken, von einigermaßen seekriegsgeschicht- 
licher Bedeutung. 

Die Entscheidung zwischen dth drei großen Seemächten fiel am Ende 
dieses Abschnittes im Spanischen Erbfolgekriege 1701 — 1714. Frankreich 
unterlag darin England und Holland zur See und ihren festländischen Ver- 
bündeten zu Lande; seine Flotte verschwand nahezu wieder vom Meere. — 
Den Gewinn auf dem Meere zogen jedoch nur die Engländer. Holland hatte, 
da ihm von der französischen Flotte keine Gefahr drohte und es im Landkriege 
von Frankreich fast erdrückt war, seine Bundespflichten zur See nur lau 
erfüllt, England dagegen gern und wohlüberlegt die ganze Last des Seekrieges 
auf sich genommen. Beim Friedensschluß stand England als unwiderstehliche 
Seemacht da und konnte durchsetzen, was es wollte. Es verstärkte seine 
Stellung am Atlantischen Ozean (durch Erwerbung von Neufundland, Neu- 
schottland, Gibraltar, im Mittelmeer Minorca) derart, daß es diesen und damit 
den ganzen überseeischen Handel Europas beherrschte, es war wiederum 
einen Schritt weiter auf dem Wege gekommen, sich zum Gebieter auf allen 
Meeren zu machen. Holland fand nie wieder die Kraft, nach höchster Macht 
auf dem Meere die Hand auszustrecken, es trat damit wie Spanien in die Reihe 
der Staaten zweiten Ranges zurück; der Verlust der Seemacht hatte auch 
den allmählichen Rückgang des Seehandels zur Folge, allerdings nicht sofort, 
denn dazu war die im Lande während seiner großen Zeit angehäufte Summe 
an Geld und Tatkraft noch zu bedeutend. 

Bedeutung des Abschnittes für die Entwicklung des Seekriegswesens. 
Die wichtigsten Seekriege fechten also zunächst England und Holland, 



l6o Bedeutung des Abschnittes 1648 — 1739 für das Seekriegswesen. 

dann England und Frankreich aus. Diese Kriege zeitigen eine Entwicklung 
des Seekriegswesens in allen den Punkten, die als Kennzeichen des Abschnittes 
angegeben sind. An Stelle einer „Kriegführung über See", bestehend in gegen- 
seitigen Brandschatzungen und Einfällen, tritt die „Kriegführung auf See". 
Es werden große Seekriege um Ziele geführt, die nur durch die dauernde Herr- 
schaft über das Meer erreicht werden können. Die ersten Anfänge hierzu 
zeigen sich schon in der zweiten Hälfte des vorigen Abschnittes (Seite 143), 
aber erst in den jetzt folgenden Kriegen tritt der Umschwung deutlich hervor. 

An die Marine stellte man nunmehr weit höhere Anforderungen und 
widmete ihr deshalb auch eine sorgfältigere Pflege sds früher. Eine nur 
zu einem bestimmten Zwecke aufgebotene Flotte konnte nicht mehr genügen, 
mächtige stehende Flotten wurden notwendig. 

Wenn auch zu Anfang noch vielfach Kauffahrteischiffe zur Kriegführung 
mit herangezogen werden, so wächst doch in allen Marinen die Zahl und die 
Güte der eigentlichen Kriegsschiffe, nach und nach verschwinden die Kauf- 
fahrer in den Flotten. Auch beginnt man, die Kriegsschiffe nach ihrem Ge- 
fechtswert und für verschiedene Zwecke, taktischen und strategischen Er- 
wägungen folgend, in bestimmte Klassen einzuteüen. Dieser Prozeß kommt 
im Verlauf des vorliegenden Abschnittes eigentlich schon zum Abschluß, 
in der weiteren Zeit der Segelschiffe treten in dieser Hinsicht nur noch Ver- 
schiebungen und Vervollkommnungen ein. Auch in Bau und Einrichtung 
des einzelnen Schiffes erscheinen nach der Mitte des 18. Jahrh. im wesent- 
lichen nur noch Verbesserungen, während der Schiffstyp ebenfalls schon in 
der jetzt zu besprechenden Zeit festgelegt war. 

Mit der inneren Durchbüdung und Festigung der stehenden Flotten, 
mit der Heranbüdung von Berufs-Seeoffizieren tritt nach und nach eine Taktik 
für die Führung von Segelflotten auf, deren Grundsätze schon in Instruktionen 
niedergelegt wurden ; um die Mitte des Abschnittes erscheint sogar bereits die 
erste wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet von Kaplan Hoste, siehe 
Quellenverzeichnis. Diese Taktik wird aber dann bald nur schematisch 
durchgeführt, und die in genannter Schrift enthaltenen wertvollen Hinweise 
zu sinngemäßer Anwendung und Erweiterung der Regeln werden nicht 
benützt; es bleibt dies dem nächsten Zeitabschnitt überlassen. 

Endlich sind die zu besprechenden Kriege lehrreich in strategischer 
Hinsicht. Da in ihnen zuerst eine Kriegführung auftritt, die an SteUe ört- 
licher und zeitlicher Erfolge die Erringung und Erhaltung der Herrschaft 
über das Meer zum Ziele hat, so kann man auch erst von jetzt ab von einer 
Strategie zur See sprechen. Ihre Entwicklung lehrte, daß alle großen 
Ziele im Seekriege nur durch das Niederkämpfen der feind- 
lichen Streitkräfte erreicht werden können. 

In dem vorigen Zeitabschnitt war der feindliche Handel ein Haupt- 
angriffsziel geworden. Er wird es zunächst noch immer mehr, aber bald tritt 
der Kampf der Seestreitkräfte gegeneinander in den Vordergrund. 



/Ov i /0\ i /0\ 1 /Ov i /0\ 1 /O. 1 yOv i /0\ i /Ov 



'mmwmmmi^mMMm 



Zweites Kapitel. 

Die Entwicklung des Seekriegswesens. 

Schiffe, Waffen, Schiffisklassen, Personal, Kampfweise und Taktik. 

In diesem Kapitel sind in erster Linie die einschlägigen englischen Verhältnisse 
betrachtet, da über diese die besten und neuesten Quellen zur Verfügung stehen; sie 
bieten uns auch genügend Anhaltspunkte zur Beurteilung der Verhältnisse der anderen 
Marinen. Jurien sagt : „I^ie englisch-holländischen Kriege gebaren die modernen Marinen. ' ' 
England begann wahrend und nach diesen Kriegen seiner Marine die Pflege zuzuwenden, 
die sie nach und nach zu der mächtigsten gemacht hat. Seine Marine stand schon 
zu Ende dieses Zeitabschnittes fast auf dieser Stelle, und so kann ihre Entwicklung wohl 
als maßgebend für die allgemeine Fortbildung des Seekriegswesens angesehen werden. 



Die Schiffe/} 

Wir haben die Entwicklung des Kriegsschiffbaues bis etwa 1648 ver- 
folgt; die Artillerie war Haupt waffe geworden und in den Breitseiten auf- 
gestellt. Es sind Beispiele der größten englischen Kriegsschiffe gegeben, 
die zu Ende des vorigen Abschnittes erbaut wurden — der erste Zweidecker 
und der erste Dreidecker (vgl. Seite 100 u. loi). 

Diese großen Kriegsschiffe waren aber nur wenige, um 1648 zählte die 
englische Marine in einem Gesamtbestande von etwa 75 wirklichen Kriegs- 
schiffen nur 2 Schiffe über 1000 tons, eben die besonders beschriebenen, 
und etwa 8 zwischen 800 und 900 tons, während in dem Reste eine sehr große 
Zahl ganz kleiner, unter 400 tons, enthalten war. Bei der überhaupt geringen 
Zahl von Kriegsschiffen werden zunächst auch noch weiter in großem Maß- 
stabe Kauffahrer herangezogen, wenn es sich um Aufstellung mächtiger 
Flotten handelt, ganz besonders in Holland. In England beginnt man aber 
jetzt damit, wirkliche Kriegsschiffe in größerer Zahl zu erbauen. 



*) Hauptsächlich benützte Quellen: Clowes, Teil I, II, III; Troude, Teil I; 
Jurien: Les marins du XV sidcle; Arenhold ; de Jonge; alle, besonders Clowes, geben an, 
aus welchen technischen Quellen sie ihrerseits geschöpft haben. 



Rittmeyer, Seekriege. 



I I 



102 I^ic Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — 1739. 

In den elf Jahren der Republik wurden etwa 86 Schiffe neu erbaut, davon allein 
59 in den Jahren 1649^1654, also dicht vor, während und dicht nach dem ersten Kriege. ♦> 
Zu diesen Schiffen treten als Vermehrung des Bestandes noch etwa 12 „Gekaufte"» 
wohl als Freibeuter gebaute Kauffahrer, und eine sehr große Zahl, über 100, „vom Feinde 
Genommene"; diese werden gleichfalls meistens Kauffahrer gewesen sein, weil sie nach 
dem ersten Kriege größtenteils wieder verkauft worden sind. 

Diesem Beispiele müssen dann die anderen Nationen folgen. Weim auch 
noch zu Beginn des Zeitabschnittes die größeren Kauffahrer vielen kleineren 
Kriegsschiffen an Gefechtskraft nicht sehr nachstanden, so macht sich doch 
nun bald ein Unterschied bemerkbar. Die neuen Kriegsschiffe werden nicht 
nur geeigneter für den Kampf, sondern auch überhaupt sorgfältiger, wider- 
standsfähiger gebaut und immer stärker armiert; die Kauffahrer werden 
damit minderwertig, selbst die großen Schiffe der Kompagnien genügen 
nicht mehr, waren doch mit wenigen Ausnahmen sogar bei der holländisch- 
westindischen Kompagnie 30 Kanonen ihre stärkste Armierung. Auch die 
Kriegführung wird eine andere. Auf längere Zeitdauer werden große Flotten 
beansprucht, denn es handelt sich nicht mehr um einzelne Schläge, nach 
deren Ausführung die Streitkräfte wieder entlassen werden. 

Die zu lange Inanspruchnahme der Handelsschiffe für den Kriegsdienst 
hatte bereits häufig in England Mißstimmung, ja Widersetzüchkeit hervor- 
gerufen. So verschwinden denn nach und nach die armierten Kauffahrer 
aus den Kriegsflotten; es verschwinden auch die bisher immer noch zu ge- 
wissen Zwecken benutzten Kriegsruderschiffe und ebenso hört der gelegent- 
liche Gebrauch von Riemen auf größeren Segelschiffen auf. 

Da in den Kriegen von jetzt an weit höhere Anforderungen an die Kriegs- 
schiffe gestellt wurden als bisher, so führte — vor anderen Nationen zuerst 
wieder in England — die Zunahme des Baues auch zu weiteren Verbesse- 
rungen. 

Hervorzuheben ist, daß die Engländer zunächst den Bau kleinerer, 
höchstens mittelgroßer Schiffe bevorzugten, scheinbar ein Rückschritt gegea 
die bisherige Entwicklung. Wir kennen den Bestand um 1649 (Seite 152); 
die Zahl der Schiffe I. Klasse über 800 tons wuchs jetzt ganz unverhältnis- 
mäßig weniger als die der übrigen. 

Von den etwa 100 während der Republik beschafften Schiffen — 86 
gebaute, 12 gekaufte — waren: 4 über 800 tons (alle 1000 und darüber), 
60 — 80 Kanonen ; 20 von 600 — 800 tons, 48 — 52 Kanonen ; 25 von 400 — 600- 
tons, 36 — 40 Kanonen; 25 von 200 — 400 tons, 20—34 Kanonen; 25 noch 
kleinere. 

Sämtliche Schiffe über 20 Kanonen, wenigstens die Neubauten, führten ihre 
schwereren Geschütze auf zwei Hauptdecken und darüber leichtere auf Vor- und Quarter- 
deck; sie waren also Zweidecker, wenn auch die obere Hauptbatterie nicht immer ganz 
eingedeckt war (vgl. Seite 169, Skizze über Aufstellung der Geschütze). 

Die vier Schiffe der ersten Klasse und viele der zweiten sind erst nach dem Kriege- 
gebaut; 



♦) Clowes gibt, Teil II, Seite 107 ein Verzeichnis dieser Schiffe. 



I 

s 

k 



Weiterentwicklung der Schiffe (Fregatte). 163 

Die großen Schiffe waren immer noch zu unhandlich und zu wenig see- 
fähig, zu gefährdet an den Küsten und in schlechtem Wetter, auch der Um- 
stand, daß man im ersten englisch-holländischen Kriege den Hauptwert 
auf das Bedrohen des feindlichen Handels durch Aufbringen von Kauffahrem 
legte, ließ die mittleren Schiffe geeigneter erscheinen; sie konnten überdies 
schneller und biUiger beschafft werden. 

In Hinsicht auf die Taktik machte sich vorerst auch kein großes Be- 
dürfnis nach mächtigen Schiffen geltend; der Bedarf daran als Flagg- oder 
Gruppenführer- Schiffe war vorhanden. Mit der neuen Kriegfühnmg, die 
sich in erster Linie gegen die feindhchen Streitkräfte richtete, und mit der 
langsam fortschreitenden Verbesserung der Schiffe ändert sich dies. Nicht 
nur größere Fahrzeuge, als bisher, und in größerer Anzahl werden wieder 
gebaut, sondern die Schiffe mit einer bestimmten Kanonenzahl wachsen 
auch immer weiter an Tonnengehalt. Noch durch das ganze 18. Jahrh. hält 
sich dieses Bestreben, so wird z. B. das 80 Kanonen- Schiff im nächsten Zeit- 
abschnitte vom Dreidecker zum Zweidecker, weil es derartige Größenver- 
hältnisse erhalten hat, daß die Kanonen auf zwei Decken aufgestellt werden 
können. 

Bei Besprechung der Schiffsklassen später wird man das mächtige Wachsen 
des einzelnen Schiffes in jeder Klasse ersehen. 

Die Engländer begamien femer die Schiffe länger im Verhältnis zur 
Breite zu bauen — früher 3 : i, jetzt 3^4 • i> Ende des 17. Jahrh. 4:1 — , 
niedriger über Wasser, mit kleineren Aufbauten und mit besseren Linien 
unter Wasser, um schnellere Schiffe und stabilere Geschützstände zu erhsdten ; 
„Ils les fr^gatörent", sagt darüber ein alter französischer Autor (Seignelay). 

Als einer der ersten dieser moderneren Bauten ist wohl der „C o n s t a n t 
W a r w i c k" anzusehen, 1646 als Freibeuter gebaut und 1649 von der 
Marine angekauft, 379 tons, 90' lang, 28' breit, 30 Kanonen. Diesem Schiffe 
folgten ähnliche; als ein Muster weit größerer Schiffe derselben Art zeigen 
die englischen Quellen den „Speaker ," gebaut 1649, 778 tons, 34^/4' breit, 
116' lang, 64 Kanonen. Es war dies ein schweres Schlachtschiff (Zweidecker) 
der damaügen Zeit und erscheint noch 1660 unter dem Namen „Mary" als 
Schlachtschiff HI. Klasse. Die Abbildung zeigt im Vergleich mit den Schiffen 
des vorigen Abschnittes den Fortschritt in den Formen des Schiffsrumpfes. 

Der „Constant Warwick" wird gemeiniglich als „erste Fregatte" 
bezeichnet. Das Fahrzeug war aber keine Fregatte im späteren Sinne, d. h. ein Schiff 
nicht für die Schlachtlinie, sondern für alle Dienste, die SchneUigkeit und doch eine 
gewisse Gefechtskraft erforderten, mit nur einer Hauptbatterie. Da nun bei der Schilde- 
rung der kriegerischen Ereignisse nach den Quellen oft der Ausdruck „Fregatte" ge- 
braucht werden wird, seien hierüber einige Worte gesagt. Schon zur Zeit der Ruder- 
schiffe hatte man leichte und schneUe Galeren für Nachrichten- usw. Dienst „Fregatten" 
benannt und behielt diese Bezeichnung in der ersten Zeit der Segel- Kriegsschiffe bei. 
Galeon bedeutete Gefechtskraft, Fregatte Schnelügkeit. Daher der Ausspruch „ils les 
fr^gatdrent", als England die Schiffe im allgemeinen auf größere Schnelligkeit baute, 
daher auch wohl die Bezeichnung „Fregatte" für den „C. Warwick" und für bald darauf 
ähnlich gebaute Fahrzeuge, die sämthch zur Schlachtflotte zählten. Nach Angaben 

II* 



4 



164 ^'^ Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — I7J9. 

über Aufstellung der Geschütze auf Schiffen seiner Gr5De muß man annehmen, daß „Con- 
stant Warwick" ein Zweidecker war, womit auch die äuSere AhnUcbkeit mit der späteren 
Fregatte fällt. Im ersten Kriege bauen auch die Holländer eine große Zahl neuer Kriegs- 
schiffe, die als „Fregatten" erwähnt werden. Da in Holland aber gerade wirkliche 
Kriegsschiffe als Schlachtschiffe fehlten und wir wissen*), daß sie sämtlich über 
40 Kanonen führten und die stärksten Schiffe Hollands waren, ist wohl anzunehmen, daß 
man sie nur im eben ausgeführten Sinne „Fregatten" nannte. Die eigentliche Fregatte 
bildet sich erst im nächsten Zeitabschnitt aus, ihre Blütezeit erreicht sie Ende des 
18. Jahr h. Ihren Dienst nehmen bis dahin, wenn auch Gefechtskraft verlangt wird, die 
kleineren Zweidecker wahr, wenn es nur auf Schnelligkeit ankommt, die noch kleineren 
Fahrzeuge. Diese sind meistens gemeint, wenn in der Folge von Fregatten die Rede ist; 
zuweilen scheint man aber, dem Vorstehenden entsprechend, mittelgroße neue Fahrzeuge 
damit zu bezeichnen, wo man ihre besonders gute Segelfähigkeit hervorheben will. 
Im allgemeinen muß man aber sagen, daQ sich die Vervollkommnung 
der Kriegsschiffe zunächst mehr auf Verbessenmg der Armierung und auf 
die Ausbildung bestimmter Schiffsklassen erstreckte. Vom rein seemän- 



Englisches Schlachtschiff „The Speaker". 

nischen Standpmikte aus geht die Entwicklung der Schiffe in diesem Ab- 
schnitt langsamer vorwärts, als man bei dem gewaltigen Aufschwung der 
Kriegs- und Handelsmarinen erwarten sollte. Noch lange bUeben See- und 
Segeleigenschaften der schweren Schiffe mäßig, sie wurden nur sehr lang- 
sam besser. Infolge der anfangs immer noch recht plumpen Formen über 
imd unter Wasser, mittschiffs mit fast ganz plattem Boden, waren die Schiffe 
wenig stabil und rollten stark, auch ihre Segeleigenschaften wurden hier- 
durch noch immer beeinträchtigt; der neue ,, fregattenähnliche" Bau scheint 
erst nach und nach auf die schweren Zwei- und die Dreidecker ausgedehnt 
zu sein. 

Noch 1740 klagen englische Seeoffiziere darüber, daß sie bei schwerem Wetter die 
unterste Batterie, in der doch das stärkste Kaliber stand, nicht gebrauchen könnten. 
Wenn, auch nach französischen Angaben, die Engländer mit der Verbesserung des Schiff- 
baues begannen, so wurden sie doch frühzeitig von den Franzosen überholt. Bei Zu- 
sammentreffen mit der französischen Flotte als Freund oder Feind loben die englischen 

•) Clowes, Teil II, Seite 150. 



Weiterentwicklung der Schiffe. Takelage. 165 

Seeleute bald den Bau der fremden Schiffe, und England nimmt sie, zuweilen als eroberte, 
in diesem und dem nächsten Abschnitt oft zum Vorbild. 1663 z. B. sah man, daß die 
Franzosen auf ihren Hauptschlachtschiffen (70 Kanonen) die Pforten der untersten 
Batterie 4' über Wasser hatten und 3 Monat Proviant stauen konnten, gegen 3' und 
gegen 10 Wochen auf den eigenen; man wählte nun 4 Vi' und 6 Monat. Auch 1673 nahm 
man wieder französische Pläne zum Vorbilde, um im Seegang gefechtsfähigere Schiffe zu 
erhalten. 

Bis 1700 stellte man im Norden im allgemeinen die Seefahrt während des 
Winters ein; die Stürme und die langen, dunkeln Nächte waren besonders 
für größere Schiffe, die kaum aufkreuzen konnten und stark trieben, in den 
beschränkten Gewässern zu gefährlich. Denn auch die Betakelung ließ viel 
zu wünschen übrig. Noch lange glaubte man, die Segel recht bauchig schneiden 
zu müssen, sie waren deshalb höher als die Masten und Stangen; noch lange 
blieben die Untersegel die Hauptsegel. Bei zunehmendem Winde barg man 
zuerst Bram- und Marssegel, dann wurde das Untersegel geführt und gereeft, 
noch bis 1720 machte man es auf Deck fest. 

Doch wird im Laufe des Zeitabschnittes das Marssegel das Hauptsegel; 
gegen Ende des Abschnittes erscheinen Stagsegel zwischen den Masten und 
die Vorsegel. Diese verdrängen den kleinen Mast auf dem Bugspriet; dann 
tritt der Klüverbaum*) auf, und das große Lateinsegel am letzten Mast 
wird zum Besan*), indem der unterste Teil der langen Raa wegfällt und 
das Segel dort am Mast befestigt wird, zunächst noch ohne Besansbaum. 
Auch die Schiffsformen unter und über Wasser werden nach und nach gün- 
stiger. Der Fortschritt in allem wird um so stetiger, seit man um die Mitte 
dieses Zeitabschnittes beginnt, den Schiffbau nach bestimmten Regeln zu 
betreiben. Nach den gewonnenen Erfahrungen wird das Verhältnis der 
Hauptmaße zueinander für Schiffskörper und Takelage festgesetzt, sowohl 
für das einzelne Schiff einer gegebenen Größe, wie auch für die verschiedenen 
Größenklassen. Gegen Ende des Abschnittes sind See- und Segeleigenschaften 
erreicht, die zum Segeln beim Winde, zum Aufkreuzen und zum Freihalten 
von Leeküsten einigermaßen genügen. Nur die größeren Dreidecker blieben 
immer noch unhandlich und rank, weshalb man diese weiter bis zur Mitte 
des 18. Jahrh. unter gewöhnlichen Umständen im Winter aufzulegen pflegte. 

Wie schon angedeutet, zeichneten sich besonders die Franzosen bald 
im Schiffbau aus; anfangs des nächsten Abschnittes (um 1760) verfügten sie 
über Schiffst5^en, die eigentlich allen Anforderungen genügten. Als ein 
um die Mitte des vorliegenden Zeitabschnittes (1692 während des engüsch- 
französischen Krieges) auf der Höhe der Zeit stehendes Schiff I. Klasse sei 
der französische „Royal Louis" erwähnt und dargestellt (Seite 166): 186' 
lang, 51' breit, 108 Kanonen, 900 Mann. Der Vergleich mit der Abbüdimg 
des „Royal Sovereign" (Seite loi) zeigt die günstigeren Formen über Wasser, 
kleineres Gallion, niedrigeres Heck; die Takelage jedoch ist in der langen 
Zeit nur wenig verbessert. Weitere Fortschritte sollen erst im nächsten 



♦ ) Nach Junen Teil II, Seite 158, erst 1760 bezw. 1770 



x66 Die Entwicklung des Seeltriegsweseoa von 1648— I7J9- 

Abschnitt zur Anschauung gebracht werden, da Schiffe dieser Art in den 
großen Kriegen des vorliegenden, die mit 1714 abschließen, noch keine Ver- 
wendung finden. 

. Die Beiboote wurden zwischen Fock und Großmast mit Takeln eingesetzt. 
Die feste Reeling war dort häufig imterbrochen, wie früher zum Gebrauch 
der HUfsriemen, Davits wurden erst viel später eingeführt ; zu Anfang der 
Periode scheinen die Schiffe nur 2 — 3 Boote gehabt zu haben. 



Französisches Linienschiff „Royal Louis". 

Nach Clowes, Teil II, Seite 113 hatten die größeren englischen Schifte z. Zt. des ersten 
Krieges eine Rnnace von max. 29' Länge, ein Skiff max. 20'. eia Longboat max. 35'. 
Das Longboat wurde nie eingesetzt, sondern achteraus geschleppt. Im Gefecht war 
es, vielleicht auch die anderen, bemannt, um Brander abzuwehren oder abzuschleppen. 
Die Boote wurden auch häufig während des Gefechts wegen des mangelhaften Signal- 
systems zum Überbringen von Befehlen und Meldungen, sowie gelegentlich zum Tauen 
des Schiffes ins Gefecht benutzt. 

Noch einige wichtige Verbesserungen zur Erhaltung und Fühnmg der 
Schiffe seien angeführt. 

In die Mitte des 17. Jahrh. fällt dieEinführung des Zwischen- 
decks. Bis dahin waren nur die schweren Decke zur Aufstellung der Ge- 



Beiboote, Schiffsbodenschutz. Nautik. 167 

schütze vorhanden, bei Schüssen in der Nähe der Wasserlinie konnte man 
nur mit Leitern zum Leck gelangen. Die Engländer zuerst legten längs der 
Bordwand unterhalb der Wasserlinie ein leichtes Deck, einen Umlauf, für den 
Verkehr der Zimmerleute während des Gefechts. Aus diesem entstand das 
Zwischendeck, das die Schiffe auch wesentlich wohnlicher gestaltete. Ver- 
schiedene Versuche wurden gemacht, um den Schiffsboden vor dem 
Bohrwurm zu schützen und auch um eine glatte Oberfläche zur Er- 
höhung der Fahrt zu erhalten. Das Belegen mit Bleiplatten, in Spanien 
und auch in der englischen Kauffahrteimarine seit dem 6. Jahrh. viel im 
Gebrauch, war in der englischen Kriegsmarine wegen des dadurch hervor- 
gerufenen galvanischen Stromes, der wichtige Eisenteile zerstörte (Nägel der 
Beplankung, Ruderfingerlinge), nicht beliebt und ist nur zeitweise versucht. 
Mehr verbreitet war ein Belag von doppelten dünnen Planken mit einer 
Zwischenlage von geteertem Tierhaar. Auch Farbenkompositionen wurden 
versucht, doch kam die Lösung dieser wichtigen Frage durch Bekupferung 
erst in der nächsten Periode. 

Am Ende des 17. Jahrh. wurde das Ruderrad an Stelle des direkten 
Steuems mit der Ruderpinne gebräuchlich. 

Für die Nautik ist zu erwähnen: Der Kompaß wurde technisch ver- 
bessert, und man begann der Mißweisung Aufmerksamkeit zu schenken. 
Schon 1699 — 1700 wurde ein englisches Kriegsschiff eigens zu ihrer Be- 
stimmung in den Südatlantik gesandt ; das Fahrzeug führte auch viele Längen- 
bestimmungen aus. 1731 konstruierte Hadley den Reflexions- Quadranten 
(Spiegel-Oktant), der weit genauere Beobachtungen gestattete als der bisher 
allein vorhandene Davis- Quadrant (verbesserter Jakobsstab); besonders 
wichtig war dies für die Beobachtung der Monddistanzen, der einzigen 
Methode zur Bestimmung der Länge auf See. 

Bereits 1598 hatten Spanien und bald darauf Holland Preise ausgesetzt für die 
Erfindung einer sicheren Langenbestimmung an Bord, England folgte 17 14. Wie un- 
genau diese bisher war, kann man aus der geringen Anforderung bei dieser Ausschreibung 
eiBehen. Es sollte gezahlt werden: 10 000 Lstrl. für die Genauigkeit der Bestimmung 
auf I ö Länge, 1$ 000 Lstrl. auf 8/3^ 20 000 auf i/j®- Da wurde denn schon früh der Ver- 
such gemacht, die Lange mittels Uhren zu bestimmen, aber erst 1761 erreichte man gute 
Ergebnisse. Ein Chronometer von Harrison verlor auf einer Reise nach Westindien 
und zurück wahrend vier Monaten trotz schlechtem Wetter nur i m 54,5 s. 

Die nautischen Hilfstabellen für astronomische Beobachtungen wurden 
verbessert; das 1675 gegründete Observatorium zu Greenwich sollte sich be- 
sonders dieser Aufgabe widmen. Genauejournal- (Logbuch) Führung wurde 
den Schiffen vorgeschrieben. Vermessungen wurden, namentlich von Eng- 
land, vorgenommen und viel Sorgfalt auf Herstellung der Seekarten verwandt, 
vorzugsweise allerdings zunächst für die heimischen Gewässer und allenfalls 
den Atlantik, andere blieben noch lange unvollständig. Betonnung, Be- 
bakimg und Beleuchtung der Küsten wurden gepflegt (der berühmte Leucht- 
turm von Eddystone zeigte sein Licht zuerst im Oktober 1698). 



l68 I^ie Entwicklung des Seekhegswesens von 1648 — 1739. 

In allen Ländern erweiterte man die staatlichen Werften; 
sie beginnen sich zu solchen Einrichtungen auszubilden, wie man sie heute 
unter Kriegswerften versteht, so daß die Marinen immer freier von der Privat- 
industrie wurden. 

Waffen/) 

Die Fortschritte der Artillerie in Hinsicht auf das Geschfitzmateriai 
selbst lagen in diesem Zeitabschnitt nicht in grundsätzlichen Vervoll- 
kommnungen oder in neuen Konstruktionen, dagegen wurden die An- 
fertigung des Materials genauer und die Einrichtungen für die Bedienung 
verbessert. Man legte z. B. die Geschützpforten höher über Wasser und 
weiter voneinander, letzteres damit die Nachbargeschütze sich nicht hin- 
derten oder gar gefährdeten; man machte sie zum besseren Richten größer. 
Der Spielraum der Geschosse wurde geringer, besseres Pulver wurde einge- 
führt; es ist dies aus den kleiner werdenden Ladungen zu entnehmen. In 
England, wo frühzeitig der Ausbüdung der Geschützmannschaften besondere 
Pflege zuteü wurde, setzte man 1670 ihre Kopf stärke für jedes Kaliber fest. 

Die vielen kleinen Geschützarten waren größtenteils weggefallen, als 
schwerere Geschütze blieben ungefähr dieselben Kaliber im Gebrauch, die 
wir zu Ende des vorigen Zeitabschnittes (Seite 105) kennen gelernt haben; 
von etwa 1700 an wurden sie allgemein nach dem Gewicht ihrer Eisenvoll- 
kugeln benannt. Um diese Zeit führte man in England die nachstehenden 
Kaliber; ein Vergleich mit den früheren Angaben zeigt, daß sie nach Seelen- 
durchmesser und Geschoßgewicht den alten Arten entsprechen, daß aber 
die Pulverladung schwächer geworden ist. 

42-Pfdr. früher cannon Serpentine oder bastard 7"o3 Kaliber 17 Pfd.-Lad. 

32 „ ,, demicannon 6"43 „ 14 

24 „ „ cannon Pedro 5"84 „ 11 

18 „ „ culverin 5^3 „ 9 

12 „ „ basüisko 4"64 „ 6 

9 „ „ demiculverin 4"22 „ 4^/3 „ 

6 „ ;, saker 3^67 „ 3 

4 „ „ minion 3^22 „ 2 

3 „ „ falcon 2^91 „ i^/g 

Vi „ „ falconet i"69 ,, % 

Falconets waren Reelingsgeschütze auf Pivots. Wie aus der folgenden Tabelle 
zu ersehen ist, sind der 24-Pfünder, der 9-Pfünder und der 4-Pfünder erst später hinzu- 
gekommen, 1652 waren sie noch nicht verwendet. Der 24 Pfünder wurde später in Unter- 
klassen nach Gewicht und Länge des Rohres eingeteüt. 

In Frankreich, Spanien, Schweden, Dänemark und Holland hatte man ent- 
sprechend 48-Pfünder, 36-Pfünder, 24-Pfünder, i8-Pfünder, 6-Pfünder, 4-Pfünder, doch 
fehlte in Holland der 48-Pfünder. 

*) HauptqueUe: Clowes, Teil II und III, die Kapitel „Civil history" der Zeiten 1603 
bis 1649, 1649— 1714, 1714 — 1763; darin reiche Angabe von technischen Quellen, sowie 
Abbildungen von Schiffen I. und II. Klasse um 1670 — 1740. 






Geschützaufstellung bei Drei- und Zweideckern. 



169 



Es ist wahrscheinlich, daß sich die französischen 48-Pfünder und 36-Pfünder kaum 
von den englischen 42-Pfündem und 32-Pfündem unterschieden: in Frankreich legte man 
der Benennung das theoretische Geschoßgewicht für den Seelendurchmesser zu Grunde, 
ohne den Spielraum zu berücksichtigen.*) Auch in Holland soll der 38-Pfünder annähernd 
dem englischen 42-Pfünder gleich gewesen sein, da das holländische Pfund schwerer war 
als das englische.*) « 

An Geschossen kamen bei den Schiffsgeschützen zur Verwendung : Voll- 
kugeUi; Stangeji- und Kettenkugehi, Halbkugeln durch Stangen oder Ketten 
verbunden imd besonders gegen die Takelage bestimmt ; eine Art Kartätschen, 
paquets de fer, aus eisernen Würfeln zusammengesetzt. Über Hohl- und 
Brandgeschosse wird bei den Mörserbooten gesprochen werden. 

An Handwaffen waren im Gebrauch: Musketen, Pistolen, Bajonette, 
Enterbeile, Entermesser — cutlasses, kurze schwere Seitengewehre zum 
Hieb — ; Enterpiken, zur Verteidigung der Pforten beim Enterabschlagen 



Gesehützaufstellung bei Drei- und Zweideekern. (Abweichungen häufig.) 



— p 



^u-1 



^ 




J 




000 






°5 ""¥ 





0^0 


0^ 



0^00 

— a 





I. Unterstes Batteriedeck (lowerdeck), 2. Mittleres (middledeck), 3. Oberstes 
(maindeck), 4. Quarter- oder Halbdeck, 5. Vor- oder Backsdeck (fore Castle), 6. Deck der 
Kampagne, 7. Deck über der Back. 

Oberkante der Reeling (Schanzkleid. Brüstung). 

Decke, die nicht immer vorhanden sind ; wenn sie fehlen, dort Ober- 
kante der Reeling. 

Zu i.Die unterste Batterie fehlt beim Zweidecker, die mittlere wird also zur un- 
tersten. 

Zu 3. Die obersteBatterie ist zwischen Groß- und Fockmast nicht immer eingedeckt ; 
bei kleineren Schiffen dieser Art fehlen dann oft hier die Geschütze der obersten Batterie. 
Ist sie aber ganz eingedeckt, ist also Halbdeck (4) und Vordeck (5) verbunden, so ent- 
steht das volle Oberdeck (upperdeck; vgl. S. 99). 

8. Fast platte Bugform, so daß Geschütze gut nach vorn feuern können. 9. Bug- 
spriet. IG Gallion. 

XXX Ganz kleine Geschütze auf der Kampagne. 

Die Abbildung des „Royal Charles" — englisch, 1673, 100 Kanonen, 130' lang, 
46' breit, 20' Tiefgang, 1531 tons, 78oMann — zeigt im Gegensatz zu „Le Soleil Royal" 
kein voUes Oberdeck, auch fehlen die Kanonen auf dem Backsdeck. Bilder auf Seite 172. 



♦) Vgl. Troude, Teil I, Seite 29 und de Jonge, Teil I, Seite 265. 



170 



Die Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — 1739. 



Verteilung der Geschütze nach Anzahl und Kaliber 
(Pfunder= Geschoßgewicht) an Bord der englischen Schiffe. 



Im 


Schiffe 


Unterste 


Mittlere 


Oberste 


Auf 


C 
9 


mit 












Back- 


iinrl 


g 


Jahre 


Kanonen 


Batterie 


Quarterdeck 


si 

00 


1652 


> 


26-42-Pfdr. 


28-18-Pfdr. 


28- 6-Pfdr. 


14— 5- 
4-x8 


Pfdr. 

•• 


815 


1677 


100 < 


26-42 




28-24 ,, 


28- 9 


>> 


x6— x6 
4— % 




815 


1719 




28-42 




28-24 „ 


28-12 


>9 


16- 6 


}> 


780 


1652 


• 


26-42 




26-18 ,, 


26- 6 


1» 


xo— 5 

a— 18 


•• 


730 


1677 


90 


26-32 




26-24 M 


26- 9 


>l 


x6— 6 
«— 3 


• • 
>• 


600 


1719 




26-32 




26-18 „ 


26- 6 


>> 


12* 6 


>> 


68Ö 


1652 


(82) 


24-42 




24-18 „ 


24- 6 


») 


8-5 
a— 18 


II 
• 1 


560 


1677 


80(82) 


24-32 




24-18 „ 


24- 6 


l> 


a- 3 

8— 6 


li 


520 


1719 




26-32 




26-12 „ 


24- 6 


»» 


4-6 


>> 


520 


1652 


(74) 


26-32 






26- 6 


>> 


x8- 5 
4 3 


II 

it 


460 


1677 


70 


26-32 






26-12 


>> 


x6— 6 
4— 3 


II 
11 


460 


1719 




26-24 






26-12 


»» 


18- 6 


>> 


480 


1652 


(58) 


24-32 






22- 6 


>> 


xo— 5 

a— 3 


»1 

11 


280 


1677 


60 


24-24 






24-12 


>> 


xo — 6 
•— 3 


II 
• I 


340 


1719 




24-24 






26- 9 


l> 


10- 6 


}) 


365 


1652 


' 


20-32 






18- 6 


>» 


xo— 5 

a— 3 


II 
• I 


180 


1677 


50 


22-18 






22- 6 


l> 


6- 6 


>> 


240 


1719 


1 


22-18 






22- 9 


>> 


6-6 


>> 


280 


1652 


40(42) 








— 






* 




1677 


20- 9 






18- 9 


>> 


4- 3 


>» 


180 


1719 


20-12 






20- 6 


>> 




■ 


190 


1652 


(34) 
30 


18-32 






10- 5 


>l 


4— s 
2— j 


II 
1« 


135 


1677 


18- 9 






8- 6 


l> 


4- 3 


>f 


130 


1719 




8-9 






20- 6 


>» 


2- 4 


>> 


135 


1652 


20 


16-32 










4- 5 


>• 


50 


1677 


16- 6 






— 




a— 4 
a— 3 


II 


85 


17 19 


> 


20- 6 












■ 


115 



Verteilung an Bord 



1683 



HO 
100 

88 
84 
70 
60 

50 
40 

30 



30-48-Pfdr. 

28-36 

28-36 

26-36 

26-24 
24-2400.18,, 
24 od. 22-18,, 
20-12 od. 8,, 
16- 8 



>» 



>» 



>) 



ii 



französisc 

32-18-Pfdr. 
28-18 
28-18 
26-18 



>> 



j» 



her Schiffe 
28-12-Pfdr. 
28- 8 
26- 8 
24- 8 
28-18 
26-12 



yf 



)> 



>> 



19 



::-8 

20- 6 



>» 



>> 



>> 



um 1683. 

20- 6-Pfdr. 
16- 6 

6- 6 

8- 6 
16- 6 
10- 6 

4-6 



„Fr6gates" mit 10 — 23 Kanonen, 4- 



14- 6 „ 

-8-Pfdrn., 40 — 120 Mann. 



1050 
800 
700 
640 

450 
360 

320 
220 

150 



PlaD mäßige Armierung der Schüfe. 171 

Der Hauptfortschritt der Schiffsartillerie lag in der Entwicklung einer 
planmäßigen Armierung. Mit der Einteilung der Schiffe in 
Klassen wurdien für jede Schiffsgröße Anzahl und Kaliberstärken der Geschütze 
festgesetzt imd hierbei jede Batterie mit gleichem Kaliber bestückt. Diese 
Anordnung änderte man an der Hand der Erfahrung mehrfach, besonders 
was die Verwendung der Kaliber anbetrifft. Aus der nebenstehenden 
Tabelle ist der Verlauf der Entwicklung in der englischen Marine zu 
ersehen; man kann femer aus ihr entnehmen, welche Gefechtskraft ein 
Schiff, dessen Gesamtkanonenzahl angeführt wird, zu den verschiedenen 
Zeit«n des Abschnittes hat. Zirai Vergleich folgt eine Angabe der franzö- 
sischen Armierungen um 1683. 

Die Tabelle ist zusammengestellt nach Angaben im Clowes, Teil III, Seite 7 — 1 1 
und im Troude, Teil I, Seite 19 — 30; dort finden sich noch weitere Aufzeichnungen, 
da man auch Schiffe mit anderer Gesamtgeschützzahl hatte, als die hier herausgezogenen. 
Für 1652 und 1677 (1683) sind zum leichteren Vergleich die Geschütze schon als „Pfünder" 
angegeben, obgleich noch die alte Bezeichnung übUch war. 

Die Angaben für 1652 können keinen Anspruch auf Genauigkeit machen; sie sind 
wahrscheinUch, besonders die für die großen Schiffe, auf mehr theoretischem Wege 
gewonnen. Erstens waren damals weder die Schiffsklassen schon scharf begrenzt noch 
die Armierung planmäßig festgelegt und zweitens gab es nur wenige größere Schiffe ; 
in der Schlacht von Northforeland (1653) werden in der großen englischen Flotte von 
105 Kriegsschiffen nur i zu 88 Kanonen, i zu 66 und 10 zu 50 — 60 angeführt, und dabei 
waren die Schiffe bei dieser Gelegenheit außergewöhnlich überarmiert. 

Wenn man nun den 42-Pfünder und 32-Pfünder (48-Pfünder und 36- 
Pfünder) als schwere, die 24-Pfünder bis 9-Pfünder als mittlere und die ge- 
ringeren Geschütze als leichte Artillerie bezeichnet, so ersieht man aus den 
Tabellen folgendes. Die Armierung mit schwerer Artillerie fällt auf den 
kleinen Schiffen (20 — 40 Kanonen) weg, sobald diese, nach den englisch- 
holländischen Kriegen (vgl. „Schiffsklassen Seite 176), nicht mehr zu den 
Schlachtschiffen rechnen, und man geht bei ihnen selbst gleich bis zu den 
leichtesten Kalibern der Mittelartillerie hinab. Aber auch sonst werden 
die untersten Batterien leichter bestückt, der 42-Pfünder bleibt nur bei den 
wenigen Schiffen von und über 100 Kanonen, der 32-Pfünder weicht bei den 
60— 70 Kanonenschiffen immer mehr dem 24-Pfünder, bei den 50 Kanonen- 
schiffen gar dem i8-Pfünder. Die zweiten imd dritten Batterien dagegen 
werden im allgemeinen mit stärkeren Kalibern versehen und ebenso wachsen 
die Kaliber der leichten Artillerie, teilweise in die der mittleren übergehend. 
Die Mittelartillerie wächst also auf Kosten der anderen, namentlich der 
schweren. Diese, auch in den anderen Staaten vorhandene Tendenz bleibt 
weiter bestehen; im nächsten Abschnitt verschwindet in Frankreich der 
48-Pfünder ganz, dagegen tritt, mit zeitlichen Schwankungen, dort und in 
England oft der 24-Pfünder an Stelle des i8-Pfünders, der i8-Pfünder an 
Stelle des 12-Pfünders usw. 

Man ersieht femer, daß sehr schwache Schiffe, hinunter bis zu solchen 
von 20 und 30 Kanonen, noch zwei Batterien haben, doch ändert sich dies 



172 Die Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 ^^39- 

gegen Ende des Zeitabschnittes; im Anfang des nächsten gab es Zweidecker 
zu 40 Kanonen und darunter nicht mehr. Das 50-Kanonenschiff rechnete 
noch bis etwa 1750 zu den Schlachtschiffen, dann scheidet es aus der I-lnie 
aus; 44- und 50-Kanonenschiffe als Zweidecker werden aber zu besonderen 
Zwecken noch beibehalten. 



Englischer Dreidecker „Royal Charles". 

Brander, schon früher gelegentlich ausgerüstet, spielen in diesem Zeit- 
abschnitt eine hervorragende Rolle. Sie haben große Erfolge zu verzeichnen, 
häufig sogar nur durch ihre moralische Einwirkung: bei ihrer Annäherung 
setzen sich Schiffe auf den Strand, andere werden von ihren Besatzungen in 
wilder Flucht verlassen. Ihnen ist auch ein nicht unbedeutender Einfluß 
auf die Entwicklung der Taktik und dadurch des Systems der Schiffsklassen 
zuzuschreiben. 



Französischer Dreidecker „Le Soleil Koyal". 

Brander waren mit leicht entzündhchen und lebhaft brennenden Stoffen 
— Pech, Teer, öl, Holz alter Fässer dieser Materialien, daher mit ihnen 
getränkt, Schwefel, Kampfer und dgl. — gefüllte Fahrzeuge. Sie segelten 
an feindliche Schiffe heran oder ließen sich herantreiben, befestigten ^_sich 
mit Enterdraggen sowie an den Raaen angebrachten Haken und vernichteten 



Brander und Mörserboote. 



173 



den Feind, indem sie sich selbst in Brand setzten; ihre Besatzung barg sich 
in Booten. Um Bootsangriffe der bedrohten Feinde abzuwehren und imi 
bis zu ihrer eigentlichen Verwendung ins Gefecht eingreifen zu können, waren 
die Brander auch mit Geschützen armiert. 

Anfangs nur aus wenigen mid kleineren Fahrzeugen bestehend, wuchs 
die Waffe an Zahl und Größe, wie einzelne herausgegriffene Angaben zeigen. 



Im Jahre 


kamen auf 
Kriegsschiffe 


Brander 


in der Schlacht 


1653 
1660 

1672 


englisch : 100 
holländisch : 98 
holländisch : 75 
holländisch : 75 
engl-französisch: 98 


5 
6 

36 
36 
30 


Northforeland 

vor der Themse 

Solebay 



Später nimmt die Bedeutung der Waffe wieder ab, da sie sich infolge 
der Änderung der Taktik und Kampfweise überlebt hat.*) Man kann dies 
deutlich aus den Beständen in der englischen Marine ersehen. 

26 Brander**) 



87 
50 

7 



*♦* 



»> 



>> 



>> 



>> 



) 



1688 kamen auf 52 in Dienst gestellte Schiffe 

1702 „ „ 123 Schlachtschiffe im Gesamtbestande 

1714 „ „ 125 

1741 „ „ 129 „ im Dienst 

1783 „ „ 273 Schiffe überhaupt im Dienst 

Im Anfang des 18. Jahrh. verschwinden sie ganz. 

Kurze Zeit, 1693 — 1695, wurde in England eine Art Vervollkommnung 
der Brander versucht — machines oder infernal s. Diese sollten, 
mit einer großen Pulvermenge an Bord, durch Explosion wirken. Man kam 
aber davon ab, da sie sich nicht bewährten. Wieviel von ihnen erwartet 
wurde, ist z. B. daraus zu entnehmen, daß man ein solches Fahrzeug 1693 
gegen die Befestigungen von St. Malo vorschickte; es flog aber wirkungslos auf, 
weü es zu früh festkam (vgl. Krieg 1688 — 1697: St. Malo 1693; Dieppe 1694). 

Endlich ist noch eine Waffe zu erwähnen — die Mörserboote (bombketches 
oder bombs; galiotes ä bombes oder bombardes). Mörser für Spreng- und 
Brandgeschosse (shells und carcassesf) wurden vielfach in den Küstenbe- 
festigungen verwendet; von 1660 an findet man aber auch Mörserboote bei 
den englischen Flotten, von 1674 bei den Holländern imd von 1681 auch bei 
Franzosen. Es waren Fahrzeuge von 80 — 200 tons, mit i oder 2 Masten, 



*) Colomb, Seite 91, geht genauer auf diesen Punkt — Wachsen und Abnahme 
der Zahl — ein. 

♦♦) Eine Liste dieser 26 Brander, Clowes, Teil II, Seite 246, verzeichnet Fahrzeuge 
von 70 — 320 tons, 6 — 12 Kanonen^ 20 — 50 Mann. 

♦♦*) Zur Zeit dieses Maximums war die Bedeutung der Brander schon gering, es 
ist mehr nur noch eine Folge ihrer Tradition. 

t) Brandgeschosse einfachster Art: Eiserne Gerippe mit Zeug bezogen und mit 
einem Brandsatz gefüllt, der schon im Rohr Feuer fing. 



174 ^ic Entwicklung des Seckriegswesens von 1648 — 1^39. 

35 — 70 Mann, 8 kleineren Geschützen auf Achterdeck. Sie führten auf einer 
Plattform vor dem Großmast 2 Mörser ; nach einer Angabe hatte einer dieser 
beiden in Frankreich 12" Kaliber, 140 Pfd. Geschoßgewicht. Der Bestand 
an Mörserbooten in den Marinen war nicht groß, in England hatte er zu 
Anfang des nächsten Zeitabschnittes mit 14 Fahrzeugen seinen Höhepunkt 
erreicht; bei den Flotten werden höchstens 6, meistens weniger, aufgefiihrt. 
Sie fanden ihre Haupt Verwendung oft mit Erfolg gegen Küstenbefestigungen, 
Städte und im Hafen liegende Schiffe; ausnahmsweise greifen sie auch in 
Seegefechte ein. Auf den sonstigen Kriegsschiffen wurden Mörser im all- 
gemeinen nicht verwendet, doch scheint man gelegentlich Versuche damit 
gemacht zu haben. 1748 wird erwähnt, daß ein englisches 80-Kanonenschiff 
„ausnahmsweise" 8 cohoms (kleine Mörser, am Ende des 17. Jahrh. von dem 
holländischen Genieoffizier Cohom konstruiert) geführt und sich ihrer in 
einem Seegefechte mit großem Erfolge bedient habe. Vielfach ließ wohl 
das Funktionieren der Hohlgeschosse zu wünschen übrig; bei dem eben er- 
wähnten Angriff der Engländer auf St. Malo wurden nach einem Bombarde- 
ment aus Mörserbooten 230 Bomben gefunden, die nicht krepiert waren. 
Erfolgreicher war die Verwendung der Mörserboote in großem Maßstabe 
seitens der Franzosen gegen Algier (1682 — 1683, vgl. dort) gewesen; gerade 
die Erfahrungen dieser Ereignisse haben wohl zu einer größeren Beachtung 
der Waffe geführt. 

SchiffsklaBsen. 

Im vorliegenden Zeitabschnitt bildete sich ein System der Einteilung 
der Schiffe in Klassen aus — englisch: rat es; französisch: rangs — 
nach der Gefechtskraft oder nach sonstigen Eigenschaften; es hing dies 
eng mit dem Wachsen der stehenden Marinen und mit der Entwicklung 
einer eigentlichen Kriegführung zur See in Hinsicht auf Taktik imd Strategie 
zusammen. Man wurde sich darüber immer mehr klar, welche Kräfte man zu 
den verschiedenen Zwecken nötig habe, und die Kriegsschiffe wurden dem- 
entsprechend gebaut. Die Fortschritte in der Taktik, in der Strategie und im 
Schiffbau bewirkten fortlaufend Änderungen in dem System. 

Die Hauptquelle für diese Betrachtungen, „Colomb**, behandelt im Kapitel V 
„The differentiation of naval force" die Entwicklung der englischen Marine in dieser 
Hinsicht eingehend bis 181 3 an der Hand folgender Disposition (frei übersetzt): „Die 
ungeordnete Kampfweise in den älteren Seekriegen brachte eine Einführung besonderer 
Schiffsklassen nicht mit sich. Erst das Auftreten der Schlachtlinie bewirkte den Bau 
größerer und untereinander gleichwertiger Schiffe für die Linie. Zu gleicher Zeit verlangten 
Angriff und Verteidigung des Handels leichtere Schiffe und eine dritte Gattung von Fahr- 
zeugen wurde für den Sicherheits- und Meldedienst der Flotten nötig." 

Wir folgen im nachstehenden dem Wege Colombs und werden dabei das W^achsen 
des Einzelschiffes an Größe und Gefechtskraft» die Ausbildung des Klassensystems in 
England sowie die Schiffsbestande hier zu verschiedenen Zeiten und damit das Wachsen der 
stehenden Marine kennen lernen. Der jeweiUge Bestand der anderen Marinen soll 
vor jedem Kriege unter „Streitmittel der Gegner" angeführt werden. 

Solange der eigentlichen Kriegsschiffe nur wenige waren, die Seestreit- 
kräfte im Kriegsfalle hauptsächlich durch Ankauf, Miete oder Aufgebot von 



Schiffsklassen. 175 

Kauffahrteischiffen aufgestellt wurden, bildeten die Flotten ein Gemisch von 
Fahrzeugen jeder Größe. Eine solche Flotte wurde in Unterabteilungen ge- 
teilt — diese Unterabteilungen waren vielleicht ursprünglich schon durch 
das Zusammenhalten der Aufgebote der verschiedenen Städte oder Grafschaften 
usw. gegeben — , die Befehlshaber der Unterabteilungen befanden sich auf dem 
stärksten Schiffe, wohl meistens einem Kriegsschiffe; um diese Führerschiffe 
scharten sich die unterstellten Fahrzeuge jeder Größe, bis hinab zum aller- 
kleinsten, auch im Gefecht. Von einer Taktik im Gefecht war noch keine 
Rede; wenn die Flotten aneinander geführt waren, suchte jedes Fahrzeug 
selbständig sein Bestes zu leisten, indem es sich, allein oder vereint mit andern, 
den Gegner wählte, dem gegenüber Erfolg zu erwarten war; das starke 
Führerschiff war für jede Gruppe der Rückhalt. 

Wie Kauffahrer jeder Größe eingestellt wurden, so weist auch der geringe 
Bestand der Kriegsmarinen dieser Zeit fast gleichmäßig Schiffe jeder Größe 
auf, als ob für jedes Schiff gleich gute Verwendung vorhanden gewesen sei. 

Der Bestand der englischen Marine um 1624 war: 

I. Klasse: 4 Schiffe — 800 — 1187 tons — 44 — 55 Kanonen 

II. „ 14 „ — 600—922 „ — 29—42 

in. „ 9 „ — 343—683 „ — 26—34 

IV. „ 4 „ — 80—250 „ — 6—20 

Gesamt: 31 Segel. 

So stand es auch noch um 1651, von welchem Jahr eine neue Einteüung 
vorliegt, nur daß die Armierung im allgemeinen stärker geworden ist : I. Kl. 
= 80 Kanonen und mehr; II. KL = 52— 80K.; III. Kl. = 44—60 K.; IV. Kl. 
= 32 — 50 K. ; V. Kl. = 12 — 32K. ; VI. Kl. kleinere Fahrzeuge. Man sieht, daß die 
Grenzen noch nicht genau gezogen sind und in jeder Klasse ein großer Spiel- 
raum gelassen ist. 

Um diese 2Jeit begann die große Vermehrung der Kriegsschiffe. Da aber 
im ersten englisch-holländischen Kriege Taktik und Kampfweise im großen 
und ganzen noch die alte blieb, wird auch die Klasseneinteilung zimächst 
kaum geändert. Der Einfluß des Krieges macht sich aber doch bemerkbar. 
Aus den früher angeführten Gründen — nur geringes Vertrauen zu den großen 
Schiffen; Hauptziel Angriff des feindlichen Handels; schnellerer und billigerer 
Bau — wird dieZahl der mittelstarken Schiffe in weit größerem Maße vermehrt 
als die der schweren ; diese Mittelschiffe sollten wohl in erster Linie die bisher 
eingestellten Kauf fahrer ersetzen ; Flaggschiffe und Gruppenführerschiffe 
waren fast genügend vorhanden. Auch läßt die nächste Einteilung, namentlich 
was Tonnengehalt anbetrifft, den Klassen noch einen weiten Spielraum und 
sie greifen noch ineinander. Alle diese ersten Klasseneinteilungen scheinen 
mehr auf einem administrativen Bedürfnis beruht zu haben ; den verschiedenen 
Klassen entsprechend erhielten z. B. die Besatzungen vom Kapitän bis zum 
letzten Mann verschiedenen Sold, ein Brauch, der noch länger bestand. Am 



176 I^ie Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — '^^39. 

Ende des ersten Krieges, Dezember 1653, waren Einteilung und Bestand 
der englischen Marine: 



Klasse 


Schiffe 


Tons 


Kanonen 


Mann 


I 


3 


891—1556 


64 — 104 


350—700 


II 


II 


721— 875 


54— 66 


260 — ^400 


III 


II 


532— 800 


44 — 60 


200 — ^300 


IV 


63 


301 — 700 


28— 50 


100 — 220 


V 


35 


105— 500 


12— 36 


30 — 200 


VI 

c 


9 


55— 255 


6-- 36 


25—130 



Gesamt: 132 Segel. 

Zu der stärkeren Bestückung ist zu erwähnen, daß die Schiffe z. Zt. des ersten 
Krieges fast durchgängig überarmiert waren. 

I Wenn Angaben über Gesamtbestand dieser frühen 2^iten, bei verschiedenen Gelegen- 
heiten verschiedenen Quellen entnommen, nicht immer genau übereinstimmen, wie z. B. 
diese mit der Seite 162 über die Vermehrung während der Republik angegebenen, so liegt 
dies daran, daß eine Quelle Schiffe „nur für den Krieg eingestellt" mitzählt, eine andere 
nicht. Die vorstehenden Angaben sind aus Colomb, Seite 86, entnommen. 

In derselben Weise wird bis 1660 weiter gebaut, während der späteren 
englisch-holländischen Kriege aber ändert sich die Taktik. Das Bestreben, die 
Flotte besser geordnet an den Feind zu führen und diese Ordnung im Gefecht 
länger zu bewahren, kurz die Schiffe besser in der Hand zu behalten, führt 
immer weiter in der Durchbildimg der Linienformation; auch der Wunsch, 
die Erfolge der Brander einzuschränken, sprach sehr für die Linie. In dieser war 
ein jedes Schiff an seine Stelle gebunden und konnte sich nicht mehr seinen 
Gegner wählen ; es mußte eine gewisse Gefechtskraft besitzen, damit die Linie 
nicht schwache Punkte bot. Nachstehender Auszug aus einer Schiffsliste 
der englischen Marine um 1688, 15 Jahre nach Beendigung der englisch-hollän- 
dischen und unmittelbar vor Beginn der englisch-französischen Kriege, zeigt 
denn auch wesentliche Unterschiede gegen früher : Die Gesamtzahl der Kriegs- 
schiffe ist nicht gewachsen, eher zurückgegangen, aber die Schlachtschiffe 
sind sehr viel größer geworden und die Klassengrenzen haben sich dement- 
sprechend verschoben; die Klassen sind schärfer begrenzt, namentlich was die 
Armierung anbetrifft ; von einem Schiffe wird eine gewisse Größe und Geschütz- 
zahl, mindestens 40 — 50 Kanonen, verlangt, um es als Schlachtschiff geeignet 
erscheinen zu lassen. 

Das Linienschiff ist entstanden. Der Ausdruck, eigentlich „Line of battle 
ship", bezeichnet eben ein Schiff, das fähig ist, seinen Posten in der Schlachtlinie aus- 
zufüllen ; „fit for the line oder for lying in the line" sagen die alten englischen Autoren. 

Es ist femer bemerkenswert, daß in der Liste nur noch sehr wenig Schiffe 
als „angekauft", daß dagegen die meisten angeführten als „nach der Mitte 
der siebziger Jahre erbaut" bezeichnet sind; es trifft dies besonders für die 
Schiffe der I. und IL Klasse zu, weshalb bei diesen auch schon eine größere 
Gleichmäßigkeit in Kanonenzahl und Tonnengehalt herrscht. 



Schiffaklaasen. Bestände der englischen Marine. 



177 



s 


,chiff 


sbestand ( 


ier englischen Marine, Dezember 1688.* 


) 


Klasse 


Anzahl 


Geschfltze 


Tonnengehalt 


Länge 


Breite 


Besatzung 


I 

II 

III 

IV 


9 
II 

39 
40 


96-100 
82- 90 

60- 74 
42- 54 


90») 
70>) 

«b.461) 


I 100-1739 

IO29-1546 

700-1174 

349- 680 


1400^) 
IIOO^) 

üb. 500*) 


125-146 

121-143 

108-140 

88-110 


40-47 

41-45 
33-41 
27-35 


730-815 
530-660 

350-470 
180-280 


660I) 
460I) 

üb.ajo^ 



99 Schlachtschiffe 



V 
VI 



22) 

6 



28-32 
16-20 



229-333 
150-200 



75-86 
74-85 



24-27 
18-22 



105-133 
65- 85 



Ges. 107 Segel 

^) Diese Zahlen gelten für den größeren Teil der Schiffe der betreffenden Klasse. 
^ Colomb führt für Klasse V 12 an. 

Im Bestände waren femer: 3 Mörserboote» 26 Brander sowie einige Jachten 
und sonstige kleinere Fahrzeuge zu besonderen Zwecken. 

Daß die Kraftvermehrung der Marine zunächst nur durch Zunahme 
der Gefechtskraft der einzelnen Schlachtschiffe, nicht durch eine größere 
Anzahl bewirkt wurde, hängt auch mit der Änderung der Taktik zusammen. 
Die Linie schloß nicht nur die kleineren Fahrzeuge aus, sie durfte auch nicht 
zu lang werden ; sie wäre sonst unhandlich imd, besonders bei Windänderungen, 
zu schwer aufrecht zu erhalten gewesen. Auf eine größere Zahl von Schiffen 
kam es also weniger an und schließlich spielte auch wohl Material- und Per- 
sonal-Beschaffung bei den jetzt größeren Schiffen eine Rolle. 

T r o u d e , Teil I, Seite 16 — 19 gibt die Klasseneinteilung der französischen 
Marine für 1661 zu 4 rangs, für 1670 zu 6, für 1683 zu 6 an; diese gleichen den an- 
geführten englischen der entsprechenden Zeiten nahezu, doch scheint die Einteilung 
in Frankreich schon früh strenger durchgeführt zu sein. In der für 1683 sind die eng- 
lischen Klassen I und II zusammengefaßt, die IV. Klasse ist jedoch geteilt: I. rang — 
76—110 Kanonen; II. rang = 64 — 74; III. = 50 — 60; IV. = 40—46; V. «= 30 — $6; 
fr6gates s 10—22 Kanonen. 

De Jonge, Teil III, Seite 158 gibt die Klasseneinteilung der holländischen 
Linienschiffe für 1683 folgendermaßen: I. Klasse = 80—96 Kanonen; IL» 
70 — ^74; III. = 60—68; IV. «s 50 — 54. 

Die späteren Kriege wirken zur Entwicklung in derselben Weise weiter, 
es konmit inuner mehr System in die Klasseneinteilung. Vom Beginn des 
18. Jahrh. an werden Bestimmimgen über Maße des Schiffskörpers und Stärke 
der Armierung für die Klassen erlassen; es wird inuner mehr auf größere 
Gleichheit in ihnen hingestrebt, indem man Unterstufen in der Armierung 
möglichst fallen läßt. Der Inhalt einer dieser Bestimmungen, der von 1719, 
ist aus nachfolgender Zusanunenstellung über den Bestand um 1727 
zu ersehen. 



*) Nach Clowes, Teil II, Seite 243. 

Rittmeyer, Seekriege. 



12 



178 



Die Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — ^^3g. 



Klasse 


Anzahl 


Geschütze 


Tonnengehalt 


Länge 


Breite 


Besatzung 


T »- { 


7 


100 


1869 


174' 


50' 


780 


II V 


13 


90 u. 98 


1566 


164' 


47' 


680 


III ^ 


40 


80 


1350 


158' 


44y2' 


520 


XXX 


70 


II28 


151' 


41^2' 


440 


IV 


64 { 


60 
53 


951 

755 


144' 
134' 


39' 
36' 


365 
280 




124 


Schlacht-(Limen-)Schiffe. 




V 


24 


40 


594 


124' 


33' 


190 


VT 


29 


20 


374 


106' 


28' 


130 


Sloops 


13 


4-10 











Gesamt: 190 Segel, dazu Spezialschiffe. 

Nach Angaben 'im „Clowes", Teil III, Seite 7, 9, 11 zusammengestellt (vgl. auch 
Colomb, Seite 97); in beiden Quellen noch andere Maße, sowie sonst bemerkenswerte 
Daten. 

Die Bestiminung von 17 19 ist hier hervorgehoben, da nach ihr viel gebaut ist^ 
während früher oder später erlassene nicht so strenge befolgt sind. Der Schiffsbestand 
um 1727 ist gewählt, da um dic^e Zeit die genannte Bestimmung einige Jahre in Kraft 
gewesen war. Nicht alle in diesem Jahre vorhandenen Schiffe entsprachen der Be- 
stimmung, da ältere darunter; diese sind in vorstehender Zusammenstellung denen mit 
der nächstliegenden Geschützzahl zugerechnet. 

Auch aus dieser Zusammenstellung ersieht man, daß die Zahl der Schlacht- 
schiffe nicht in demselben Verhältnis gewachsen ist wie die der Kriegsschiffe 
überhaupt. Dagegen sind die Schiffe wieder mächtiger geworden, die Klassen 
haben sich weiter dementsprechend verschoben, und die imtere Grenze der 
Schlachtschiffe (seit die Linie allgemein als Gefechtsformation angenommen, 
Linienschiffe genannt) ist auf 50 Kanonen heraufgerückt. 

Femer ist es auffallend, daß die Zahl der Schiffe I. und II. Klasse, über 
80 Kanonen, gar nicht zugenommen hat, der ganze Zuwachs der Schlacht- 
schiffe liegt in der nunmehrigen IV. Klasse von 50—60 Kanonen. Gegen 
die ganz großen Schiffe sprach der Kostenpunkt sowie der Gedanke, nicht 
zu viel auf eine Karte zu setzen. Man hielt mittelschwere Schiffe — hierzu 
wurden die 50 — 60-Kanonenschiffe zu dieser Zeit noch gezählt — als am 

geeignetsten für die Schlachtlinie. 

In Frankreich scheint die Klasseneinteilung von 1683 lange Zeit bestanden zu haben, 
Troude führt die nächste erst für 1758 an. 

In späterer Zeit rechnet man das Linienschiff nur bis zu 60 Kanonen, in Frankreich 
56. Die IV. Klasse scheidet nach und nach aus der Linie aus und das Schiff der III. 
Klasse wird das bevorzugte Schlachtschiff. 1790 bildet in England die III. Klasse ^/^ 
der ganzen Schlachtflotte und besteht selber zu ^j^ aus 74 -Kanonenschiffen. Die Schiffe 
der I. und II. Klasse sind nur beliebt als Flaggschiffe, da sie geeignet sind, die Stäbe 
usw. unterzubringen. 

Neben der IV. Klasse ist auch der Bestand der kleineren Klassen sehr 
gewachsen; sie sind eigentlich erst entstanden und zwar als die Folge einer 



Schiflsklassen. (Das Linienschiff.) Schiffe zu besonderen Zwecken. zjx) 

neuen Strategie, die in erster Linie nicht mehr die Bedrohung des Handels, 
sondern das Niederkämpfen der feindlichen Seestreitkräfte ins Auge faßte. 
Diese Kriegführung erforderte starke Schlachtschiffe, die sich dann nach 
taktischen Rücksichten herausbildeten. Es wurden nun aber auch noch andere 
Fahrzeuge nötig. Eine nach neuer Art zusammengesetzte Flotte brauchte 
besondere Schiffefür denSicherheits- imd Nachrichten- 
dienst, leichter als die Schlachtschiffe, aber von größerer Schnelligkeit, 
teils mit, teils ohne eine gewisse Gefechtskraft. Anderseits verlangte auch 
die Strategie Fahrzeuge fürdenHandelskrieg (modern Kreuzerkrieg) 
— Schutz des eigenen, Bedrohung des feindlichen Handels — , gleichfalls 
verschiedener Größe gegen feindliche Kreuzer oder gegen Freibeuter, sowie 
endlich Schiffe zur Besetzung fester Stationen im Auslande, die für alle Staaten 
an Wichtigkeit gewonnen hatten. Es waren also aus taktischen wie aus 
strategischen Gründen schwere und leichte Kreuzer, nach mo- 
demer Bezeichnung, notwendig. 

Die kleineren Schiffe der IV. Klasse, 50 Kanonen, nehmen zunächst 
neben ihrer Verwendung als Schlachtschiffe von diesen Aufgaben diejenigen 
wahr, die Gefechtskraft verlangten ; zu ihnen traten für denselben Zweck die 
größeren der V. Klasse, 40, später vorzugsweise 44-Kanonen-Zweidecker, 
Für die anderen Aufgaben dienten die kleinen Schiffe; daher die bedeutende 
Vermehrung der IV.— VI. Klasse. Wenn es auffällt, daß 1688 so wenige 
derartige Schiffe, besonders leichtere Kreuzer, vorhanden sind, obgleich man 
doch den Kreuzerkrieg auch in den enghsch-hoUändischen Kriegen führte, 
so ist dies dadurch zu erklären, daß diese Aufgabe damals noch zum größten 
Teil von Privatschiffen (Kapern) wahrgenommen wurde; die wachsenden 
Marinen machten sich später von diesen mehr und mehr frei. 

Die 40 — 60-Kanonen-Zweidecker, nach und nach aus der Linie entfernt, 
zeigen sich aber im Laufe der Zeit für eigentlichen Kreuzerdienst auch nicht 
geeignet, weü sie zu schwer und zu unhandlich sind. Sie werden als Kreuzer 
mit der Entwicklung der schnelleren, kleineren Schiffe (Fregatten, Korvetten 
usw.) durch die schweren Fregatten (schon 1780 zu 38 Kanonen gebaut) 
verdrängt. Doch behielt man einige ihrer Stufen, besonders 50- und 44-Kanonen- 
Zweidecker, noch bis Anfang des ig.Jahrh. bei, da sie geeignet als Flaggschiffe 
für weniger wichtige Stationen und für kleinere Detachierungen sowie 
bequem zu Friedenszeiten waren. 

Mit diesen letzten Betrachtungen ist etwas vorgegriffen. Es sollte aber damit, 
wie auch durch die Hinweise auf die spätere Entwicklung der Schlachtschiffe, gezeigt 
werden, daß sich in den nächsten Zeitabschnitten das System der Klasseneinteilungen 
auf dem begonnenen Wege weiter ausbildet, so daß man wohl sagen kann, zu Ende des 
vorliegenden Abschnittes war in dieser Hinsicht ein gewisser Abschluß erreicht; die 
folgenden Zeiten der Segelschiffahrt bringen eigentlich nur noch Verschiebungen und 
Vervollkommnungen. 

Das Personal« 

Mit der Vervollkommnung der Schiffe in seemännischer und artille- 
ristischer Hinsicht hatte das seemännische Personal inrnier mehr an 

12* 



l8o I^ic Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — J/jp. 

Wichtigkeit gewonnen (vgl. Seite 52 und 154 ). Führung, Bedienung und Er- 
haltung des Schiffes verlangten mehr Kräfte und mehr Fachkenntnisse ; auch die 
neue Hauptwaffe, die Artillerie, brauchte seegewohntes Personal, sie war nach 
und nach ganz in die Hände des seemännischen übergegangen. Wenn man die 
Schiffskanoniere, die noch längere Zeit als Hauptgeschütznummem und als 
Ausbildungspersonal eingeschifft wurden, mit zum seemännischen Personal 
zählt, wozu man sicher berechtigt ist, so bestand bei Beginn dieses Zeit- 
abschnittes die Schiffsbesatzung größtenteils aus Seeleuten. Soldaten zog 
man eigentlich nur noch bei Mangel an Seeleuten heran, erst später wurde 
wieder eine besondere Seesoldateutruppe gegründet. Der Seemann war auch 
vollwertiger Krieger an Bord geworden; der Kriegsschiffmatrose 
war erstanden.*) 

Den technischen Anforderungen entsprechend, hatten sich Chargen für 
die Leitung des Dienstes in den verschiedenen Zweigen herausgebildet: 

Für Handhabung des Schiffes : der Schiffer (englisch master ; französisch 
maitre; holländisch stuurman); für Navigation: der Lotse (püot; pilote; 
shipper) ; für Bedienung undVerwaltung der Artillerie der Konstabel (constable, 
später gunner; msdtre cannonier; constabel); für Erhaltung der Takelage 
und Bedienimg des Ankergeschirrs der Bootsmann (boatswain; esquiman; 
hoogbootsman) ; für Erhaltung des Schiffskörpers und der Rundhölzer der 
Zimmermann (carpenter; charpentier; timmermann). Mehr untergeord- 
neter Natur (Unteroffiziersrang) : für Verwaltung des Proviants der Bottelier ; 
für Straf vollst reckimg der Profoß; für Handwaffendienst der Korporal; 
der Segelmacher; mehrere Quartiermeister (quartermaster; quartiermaitre; 
kwartiermeester) besonders zur Beaufsichtigung des Steuems auf den Wachen ; 
endlich traten hinzu der Chirurg und der Zahlmeister für die Verwaltung 
(clerk, später purser; ^crivain; skrijver). 

Das Zusammenfassen der Verhältnisse bei verschiedenen Nationen und zu verschie- 
den Zeiten führt bei diesen sowie den späteren Angaben über Personal zu kleineren 
Ungenauigkeiten ; so rangierte z. B. in Holland später der Shipper vor dem Stuurman. 

Angaben über den Sold um die Mitte des 17. Jahrh.**) stellen den Master usw. 
weit über die anderen Chargen ; er ist in allen seemännischen Fragen die rechte Hand des 
Kommandanten. 

Der Lotse dieser Zeiten ist nicht der im jetzigen Sinne, der Küstenlotse. In Frank- 
reich hieß dieser schon damals pilote cötier, jener pilote hauturier. Der Lotse damaliger 
Zeit war eben der Navigateur für große Fahrt, 

Gunner bezeichnete in England anfangs alle Schiffskanoniere. Diese wurden in 
England zuerst wieder abgeschafft und die Bezeichnung wurde dort der Titel für den 
Constable. 

Die oberen Chargen, besonders die drei erstgenannten, hatten eine weit 
größere Bedeutung, als ihre Titel nach jetzigem Brauch andeuten. Der Kom- 
mandant (Kapitän), in erster Linie stets militärischer Befehlshaber des Schiffes, 



♦) Besonders benutzte Quellen: Clowes, Teil I, II, III, die Kapitel „Civil history 
de Jonge, I; Jurien: Les marins du XV siöcle; Chab.-Amault. 

♦♦) Clowes, Teil II, Seite 13, Seite 100; de Jonge, I, Seite 321. 



t< 



Das Personal. Seeoffizierkorps. l8l 

war sehr von ihnen abhängig, weil der eine den andern nicht ersetzen konnte 
und er selbst oft nicht jeden Dienstzweig beherrschte — ebensowenig sein Stell- 
vertreter, der Leutnant. In Frankreich waren längere Zeit der Kapitän und der 
Leutnant meist keine Seeleute von Jugend auf, auch in England scheint zu- 
weilen noch der Kapitänsersatz gleich als Leutnant zur Ausbildung zum 
Kapitän eingetreten zu sein; in Holland rangierte der Steuermann anfangs 
vor dem Leutnant, was auf ähnliche Verhältnisse schließen läßt, aber bald 
wird hier hervorgehoben, daß alle Kapitäne und Flaggoffiziere vom Schiffs- 
jimgen auf gedient hätten. Im allgemeinen jedoch sind bald wohl überall 
Kapitän und Leutnant aus einem der höheren Zweige, im Kriegs- oder 
Handelsdienst aufgewachsen, hervorgegangen. 

Die Flottenführer waren noch häufiger und noch längerhin nicht immer 
Seeleute von Beruf, sondern infolge ihrer Geburt oder hervorragenden Stellimg 
auf ihren Posten berufen ; diese bestimmten dann zu Unterführern tüchtige \md 
zuverlässige Kapitäne. Vizeadmiral und Kontreadmiral waren anfangs 
Funktionen in der gerade aufgestellten Flotte, keine festen Dienstgrade. 

Mit der Zunahme der Größe und Armierung der Schiffe erhielten die 
Leiter der Dienstzweige Gehüfen: master-mates, contre-maitres, 2. und 3. 
stuurman; boatswains-mates, quartermaster-mates usw. 

Von einem Seeoffizierkorps im jetzigen Sinne war also vorläufig keine 
Rede; ein fester Bestand an Chargen war überhaupt nicht vorhanden, aus- 
genommen der erwähnte Stamm von Kapitänen in Holland; das Personal 
wurde im Bedarfsfalle angeworben, kam aus dem Handelsdienst und trat 
nach seiner Entlassung in diesen zurück. 

Mit dem Wachsen der stehenden Marinen in unserem Zeitabschnitt 
wurde aber der Dienst in ihnen ein Lebensberuf, sowohl in den höheren wie 
in den niedrigen Zweigen, und es widmeten sich immer mehr Söhne der besseren 
Stände dem Seemannsleben. Welchen Fortschritt und Vorteil dies für 
die Marine bedeutete, wurde bald erkannt, und die Regierungen förderten 
gern das Interesse für die seemännische Laufbahn. Während bisher der 
Kapitän und der Leutnant „vor dem Mäste" aufgewachsen oder nicht von 
Jugend auf als Seeleute erzogen waren, stellten jetzt die Marinen dieses bessere 
Material als Offiziersaspiranten ein (midshipman, aspirant, adelborst); 
Anfänge hiervon finden sich schon im Anfang des 17. Jahrh., im größeren 
Maßstabe begann man damit nach dem ersten englisch-holländischen Kriege. 
Um dieselbe Zeit vermehrte man auch, im Interesse der Disziplin und der 
militärischen Leitung im Gefecht, die Zahl der Leutnants an Bord auf 2 und 
bald auf 3; der erste Leutnant war der Vertreter des Kommandanten. Immer 
mehr ergänzen sich nun die Leutnants aus den Offiziersaspiranten und damit 
nach imd nach auch die Kapitäne, die Flaggoffiziere und endlich die Flotten- 
führer. 

Später übernahmen dann die Leutnants teilweise den Dienst der höheren 
Zweige — Navigation; Handhabung des Schiffes (als Wachoffiziere) und der 
Artillerie (als Batteriekommandeure) — , die früheren Leiter verschwinden 



t82 I^ie Entwicklung des Seekriegswesens von 1648- — 17 39' 

oder treten, nur noch zur Unterstützung der Offiziere bestimmt, in die Reihen 
der Leiter der niederen Zweige zurück. So haben wir etwa von 1700 ab den 
Ursprung eines organisierten Marinepersonals, des jetzigen Seeoffizierkorps, 
des den Marinen eigentümlichen Deckoffizierkorps — der Steuermann, 
Feuerwerker, Bootsmann, Zimmermann — und des Unteroffizierkorps, die 
Maate der Deckoffiziere. 

Gegen Ende des 17. Jahrh. bestand der obere Stab eines englischen Kriegsschiffes 
I. Klasse aus: dem Kapitän, 3 Leutnants, i Master, i Pilot, 3 Mastersmaaten, 3 Pilot- 
maaten, 8 Midshipmen, i Zahlmeister, i Arzt und einem oder mehreren Seesoldaten- 
Offizieren. 

Master und Pilot verschmelzen später zum Master, dem die Navigation obliegt, 
doch behielt er die Handhabung des Schiffes bei besonderen Gelegenheiten, z. B. im Ge- 
fecht. Er war, obwohl besser besoldet als die Leutnants, wie die Deckoffiziere nur 
warrantofficer, d. h. bestallter im Gegensatz zum patentierten Offizier, und wurde erst 
in viel späterer Zeit als navigating lieutenant diesen sozial gleichgestellt. In England 
blieb die Navigation bis vor wenig Jahrzehnten ein Spezialzweig, was besonders für die 
Aufnahme der Seekarten aller Meere von günstigem Einfluß gewesen ist. 

Die Mannsehaft wurde im allgemeinen angeworben. In Holland geschah 
es durchweg, in England griff man bei Mangel zur gewaltsamen Aushebung, 
dem Pressen von Seeleuten. Auch in Frankreich wurde das Pressen bis zu 
Colberts Zeit angewandt; dieser führte neben der Anwerbung eine Art 
gesetzlicher Dienstpflicht der seemännischen Bevölkerung ein. Als aber 
nach seinem Tode die hierfür festgesetzten Vorteile wegfielen, mußte wieder 
zum Pressen gegriffen werden. 

Teils noch von älterer Zeit stammend, besonders aber wegen Mangels 
an Seeleuten schiffte man zu Anfang des Zeitabschnittes noch Landsol- 
daten ein, aber nur mit Unteroffizieren; in Holland geschah es stets, in 
England nur im Notfalle. In Holland bewährten sich diese Soldaten weder in 
Disziplin noch Leistung, da sie erst immittelbar vor dem Inseegehen an Bord 
gesandt wurden und in ganz ungewohnte Verhältnisse kamen. In England 
dagegen zeichneten sie sich in jeder Beziehung aus, wohl eine Folge des guten 
Geistes in der Revolutionsarmee und der strengen puritanischen Zucht, die 
in einem großen Teile des englischen Volkes herrschte. Diese so entgegen- 
gesetzten Erfahrungen führten in beiden Staaten um 1664 zur Gründung von 
Seesoldaten- Regimentern, von denen Abteilungen unter eigenen 
Offizieren zur Auffüllung der Besatzungen, zum Gebrauch der Handwaffen 
und als Kern der Enterdivisionen und der Landungskorps an Bord der Schiffe 
kommandiert wurden. Die neue Truppe zeichnete sich hier wie dort nicht 
nur durch ihre eigene Disziplin aus, wohl eine Folge der rein müitärischen 
Ausbildung gegenüber den ungebundeneren Dienstverrichtungen der Seeleute, 
sie war auch von gutem Einfluß in dieser Hinsicht auf die ganze Besatzung. 

Der GeistdesPersonals. Die Art und Weise, in der im 16. und 
17. Jahrh. die Seefahrt betrieben wurde, mit ihrer gesetzlosen Gewalttätigkeit, 
erzog zwar ein tüchtiges, tapferes und wagemutiges, aber auch rauhes, ja 
rohes Personal. Die langen Ozeanfahrten, die Seefahrt in den nordischen 



Das Personal. Die Mannschaft. 183 

Gewässern auf noch schlechten Schiffen, der schwere Dienst der Hochsee- 
fischerei bildete harte, erfahrene und ausdauernde Seeleute heran; die fast 
-ununterbrochenen Kriege und der notwendige Selbstschutz des Handels 
auf See und an fernen Küsten machte sie auch zu tüchtigen Kriegsleuten. 
Der Ausdauer, Härte und Tapferkeit des Personals ist wohl die einzig da- 
stehende, blutige und hartnäckige Durchführung der englisch-holländischen 
Kriege zuzuschreiben. Aber dieses Leben trug gewiß nicht dazu bei, Sitte sowie 
Gefühl für Ehre und Pflicht im Seemannsstande zu heben, besonders nicht 
die Freibeuterei, doch gerade diese Ueferte den Kriegsmarinen den geeignetsten 
Ersatz an Mannschaft und an Offizieren. Der miütärische Geist und die 
Disziplin konnten deshalb auch auf keiner hohen Stufe stehen imd auch die 
Behandlung des Personals war nicht geeignet, hier bessernd einzuwirken. 
Die Soldzahlung war unpünktlich, die Verpflegung schlecht, die Fürsorge 
für Kranke, Verwundete und Invalide mangelhaft; trotz harter Strafen 
waren deshalb grobe Insubordination und Meutereien häufig. 

Mit der inneren Entwicklung stehender Marinen imd eines Seeoffizier- 
korps, in dem sich infolge des besseren Ersatzes ein Standesbewußtsein und 
«ine Standesehre ausbüdeten, wurden diese Verhältnisse nach und nach besser. 
Im Laufe der Zeit erlassen alle Staaten immer genauere und bessere Vor- 
schriften über Ersatz und Heranbüdung der Offiziere und über die Fürsorge 
für das gesamte Personal; über Verpflegung, ärztliche Behandlung, Gottes- 
dienst und Pensionen. Es erscheinen zeitgemäß gemüderte Kriegsartikel 
sowie Instruktionen für den Dienstbetrieb: Routinen, die ersten wichtigsten 
Rollen, wie Gefechts- und Feuerrolle, Speiserollen usw. Die Entwicklimg 
der stehenden Marinen in allen diesen Dingen kann man besonders von 1660 
an rechnen; der erste englisch-holländische Krieg, der als erster großer See- 
krieg überhaupt in so vielen Hinsichten durcligreifenden Einfluß auf das 
Seewesen gehabt hat, ist auch hierin epochemachend gewesen. 

Erwähnenswert dürfte noch sein, daß Uniform e n für Offiziere und Mannschaften 
erst sehr spat eingeführt sind. In England wenigstens erscheinen die ersten Bestimmungen 
über Offiziersuniformen erst 1748 (vgl. Clowes Teil III, Seite 20). Den Mannschaften war 
schon früher Gelegenheit gegeben, Kleider vom Staate nach bestimmtem Schnitt und 
Preise an Bord zu kaufen; es war aber nicht obligatorisch. 

Kampffwetoe und Taktik« 

Zu Ende des vorigen Zeitabschnittes war für die Segelschiffe mit 
Breitseitarmiening an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der 
alleinige Kampf der Artillerie in der Querabrichtung 
getreten (Seite 145); wegen der geringen Treffähigkeit der Geschütze 
wurde er auf nahe Entfernung — Musketen- und Pistolenschußweite 
— geführt. Vom Manövrieren während des Gefechts war bei den noch 
unhandlichen Schiffen wenig die Rede, man focht unter kleinen Segeln 
oder backgebraßt — ein großer Gegensatz gegen die Ruderschiffe, bei denen 
man gerade die Bewegung ausnutzte. Wie der Rammstoß nur noch gelegent- 
lich, wenn günstige Umstände dazu lockten, ausgeführt wurde, so trat auch 



184 I^c Entwicklung des Seekriegswesens von 1648— —J759. 

das Entern zunächst zurück. Fast nur bewegungslose Schiffe werden auf 
diese Weise genommen ; erst später, als die Fahrzeuge sehr viel besser waren, 
tritt es wieder als Ziel des Einzelschiffskampfes auf. Mit zunehmender Segel- 
und Manövrierfähigkeit der Schiffe, aber auch in artilleristischer Beziehung, 
gewann die Luvstellung im Gefecht an Bedeutung. Dem Gegner zu 
Luward boten sich viele Vorteile: Er konnte Beginn imd Entfernung des 
Kampfes bestimmen, jederzeit zum Entern oder Rammstoß übergehen, der 
Pulverrauch störte ihn weniger, brennende Rückstände aus den Geschützen 
gefährdeten die eigene Takelage nicht. Ein Nachteil war, daß in der Luv- 
stellung zuweilen dieGeschütze der unterstenBatterie, also gerade die schwersten, 
nicht zu gebrauchen waren, da man ihre damals sehr dicht über Wasser liegen- 
den Pforten bei starkem Winde oder Seegang in Lee geschlossen halten mußte. 

Auch Flotten mußten jetzt in einer Lage an den Feind geführt werden, 
in der sie diesem nicht den Bug sondern die Breitseiten darboten ; an die Stelle 
der breiten Formationen, Sichel oder Halbmond, war eine tiefe getreten, 
die Kiellinie. Sie erleichterte das Manövrieren um die Luvstellung, 
und diese bot für Flotten dieselben Vorteile wie für die Einzelschiffe ; dazu 
kam noch, daß die Luvflotte günstigere Gelegenheit für die Verwendung der 
Brander hatte. Die Vorteile, die eine Leestellung für Flotten bietet, wurden 
erst später taktisch verwertet. 

Vorläufig darf man aber hier nicht an die Kiellinie aus Einzelschiffen 
denken. Die Gründe, weshalb sie zunächst nicht aus den einzelnen Schiffen 
formiert wurde, wie es doch bei der Dwarslinie der Ruderschiffe geschehen 
war, sind seemännischer und militärischer Natur. Die Ruderflotten waren 
aus an Größe, Geschwindigkeit, Manövrierfähigkeit fast gleichartigen Fahr- 
zeugen zusammengesetzt und mit geschultem Personal bemannt; mit solchen 
konnte man gutausgerichtele Linien formieren und aufrecht erhalten; die 
Art des Motors begünstigte dies ebenfalls. Auch die Gefechtskraft der ein- 
zelnen Schiffe war ziemlich dieselbe, eine aus ihnen gebildete Linie war also 
auf allen Stellen gleich stark. „Das Einzelschiff bildete in ihr die taktische 
Einheit." Für die ersten neueren Segelschiffsflotten — von der Zeit der 
Aimada bis zum ersten englisch-holländischen Kriege einschließlich — hatten 
sich die Verhältnisse vöUig geändert. Die Flotten bestanden aus nur wenigen 
Kriegsschiffen mit geschultem Personal und einer großen Zahl erst für den 
Krieg eingestellter Fahrzeuge. Die Segel- und Manövrierfähigkeit war 
zu dieser Zeit im allgemeinen noch gering, und bei den an Größe imd Güte 
so ungleichen Schiffen sehr verschieden. Mit einer derart zusammengesezten 
Flotte war es nicht mögUch, gut rangierte Formationen zu halten. Noch 
mehr verschieden aber war die Gefechtskraft der Schiffe — starke Kriegs- 
schiffe gab es nur wenige — , und man konnte nicht daran denken, eine Schlacht- 
linie aus den einzelnen Fahrzeugen zu büden; sie würde zu viele schwache 
Punkte geboten haben. Bei der ungeheuren Zahl der Schiffe, aus denen die 
Flotten in diesen Zeiten bestanden, wäre endlich eine Linie aus Einzelschiffen 
außerordentlich lang imd völlig unlenkbar geworden. Somit war es geboten, 



Taktik. Die Kiellinie aus Gruppen. 185 

aus den schwächeren Kriegsschiffen und den Kauffahrem Gruppen zu bilden, 
die von den stärkeren Kriegsschiffen geführt wurden (Seite 175). „Die 
Gruppen waren jetzt die taktischen Einheite n", aus 
ihnen wurde die Schlachtlinie der Flotte formiert. 

Von den Ruderschiffen war die Einteilung einer Flotte in 
drei Geschwader übernommen: Mitte (der Höchstkommandierende), rechter 
Flügel (der 2. Befehlshaber), linker Flügel (der drittälteste Admiral); zu- 
weilen trat ein viertes Geschwader als Reserve hinzu. Als die Kiellinie all- 
gemein geworden, wurden sie Mitte (centre; corps de bataille), Vorhut (van; 
avantgarde) imd Nachhut (rear; arriferegarde) benannt. Die Geschwader 
waren aus Unterabteüungen, den Gruppen zusammengesetzt, in denen die 
Schiffe aller Größen ohne besondere Formation um ihr Führerschiff zu ge- 
meinsamem Wirken geschart segelten. Holland teüte um die Mitte des 
17. Jahrh. sehr große Flotten in 5, ja 7 Geschwader; wahrscheinlich war" 
dies von Tromp eingeführt und wurde erst von Ruyter (1666) geändert. 

Die Linie aus Gruppen eingeführt zu haben, wird den Holländern zugeschrieben. 
Englische Quellen*) erwähnen ausdrücklich, daß sie erst während des ersten Krieges 
englischerseits von jenen übernommen sei. Der Ursprung der Gruppen an und für sich 
dürfte älter sein. Wir haben sie ja schon bei der Armada auf englischer Seite gesehen» 
wo sie infolge der verschiedenen Gefechtskraft der Schiffe gebildet worden waren. 
Aber vielleicht auch die Art der Aufbietung von Flotten zu damahger Zeit brachte sie 
mit sich: Die spanische Armada zeigt die Einteilung der Geschwader nach Provinzen; 
französische Flotten älterer Zeit werden geteilt in die Geschwader der Bretagne, Guyenne, 
Provence; holländische in Geschwader der fünf Seeprovinzen; in England stellten die 
Grafschaften und Städte ihre Kontingente, die wohl unter sich unter Führung von 
Kriegsschiffen zusammenhielten. Die Einteilung in „Vorhut, Mitte und Nachhut der 
Flotte" wurde, wie man verschiedentHch sehen kann, außer dieser Einteilung nach 
Provinz- usw. Abteilungen vorgenoijimen ; diese bildeten also Gruppen in j enen. Vorstehende 
Behauptung bezieht sich wohl nur auf die Einführung der „Flottenlinie aus Gruppen'' 
durch die Holländer. Diese „Flottenformation" wurde zur Zeit der Armada von den 
Engländern noch nicht verwendet; ihre Geschwader und Gruppen arbeiten selbständig 
mit nur lockerer Fühlung untereinander ; von der Armada bis zum ersten holländischen 
Kriege hat England dann keine großen Schlachten auf See geschlagen. Die Erfahrungen, 
insbesondere die Erfolge gegen die Armada, scheinen die Engländer sogar einer ge- 
schlossenen Flottenordnung abgeneigt gemacht zu haben. Sir WilliamMonson 
schreibt 1635 :♦*) „Eine starre Aufrechterhaltung der Flottenformation (Sichel und Halb- 
mond sind gemeint) hatte Zweck, so lange man nur vor dem Winde segelte. Seit man näher 
am Winde segeln kann, nämlich seit Einführung der Bulin***),kann man jederzeit an einer 
Stelle angegriffen und damit in Unordnung gebracht werden; eine solche Formation 
ist bei der ungleichen Segelfähigkeit der Schiffe an und für sich schwer aufrecht zu er- 
halten. Ein Flottenchef soU den Wind gewinnen; im übrigen hat er die Unterführer 
nur zu instruieren, sich mit ihren geschlossenen Geschwadern oder Gruppen die günstigste 
Angriffsstelle auszusuchen, wobei sie sich gegenseitig Raum lassen müssen und nur zur 
Unterstützung bei dringender Gefahr aneinander herankommen dürfen." Im Anfang des 
ersten englisch-holländischen Krieges wurde dann vom Admiral Penn der Vorteil der 
Holländer, in Flottenkiellinie ins Gefecht zu treten, erkannt und ihr Verfahren nachgeahmt. 

*) Clowes, Teil II, Seite 151, 189; Colomb, Seite 88. Beide führen alte Autoren an. 
*♦) Vgl. Colomb, Seite 87. 
***) Bulin ist ein Tau, das ein Segel straffer spannt. 



l86 I>ie Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — '/jp. 

Man kann wohl sagen, daß um 1648 das Ziel einer guten Taktik darin 
bestand, die Luvstellung zu gewinnen und von dieser aus die Flotte in mög- 
lichst wohlrangierter Flottenkielllnie aus Gruppen mit halbem Winde, mehr 
leisteten die Schiffe im Durchschnitt kaum, an den Feind zu führen; die 
Brander standen, auf die Geschwader und Gruppen verteilt, in Feuerlee, 
d. h. auf der dem Feinde abgewendeten Seite. — Mit dem Zusammenstoße 
aber hörte jede Oberleitung auf und auch die bisherige Ordnimg ging bald 
verloren. Taktische Regeln, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, 
gab es noch nicht, dazu fehlten den Führern die Erfahrungen; zu geschickten 
taktischen Bewegungen wären auch die Schiffe damals kaum geeignet gewesen. 
Die Flotten waren endlich zu groß zum gemeinsamen Handeln, und das 
Signalsystem war zu wenig ausgebildet, um einzelne Teile zu leiten. 

Nur mit sehr einfachen Signalen-r— Kanonenschüsse ; einzelne Flaggen an ver- 
schiedenen Stellen geheißt ; Manövern mit Segeln u. dgl. — konnte man die notwendigsten 
Befehle geben; längere und wichtige Anordnungen wurden, sogar im Gefecht, durch 
Boote überbracht. Die Signale setzte anfangs jedesmal beim Zusammentritt einer Flotte 
der Kommandierende fest ; später entstand daraus ein festes Signalsystem, das sich aber 
nur langsam ausbildete, erst um 1691 scheint man in England soweit gewesen zu sein, 
daß Flottenbewegungen damit geleitet werden konnten.*) 

An den Feind geführt, griff mit seinem Chef an der Spitze jedes der Ge- 
schwader, die meist nicht einmal eng aufeinander geschlossen waren und 
Nachzügler zurückgelassen hatten, für sich an; jede Gruppe, ja wohl jedes 
Schiff suchte sich seinen Gegner. Diese Art des Angriffs sowie das Bestreben 
der einzelnen Gruppen oder Schiffe, sich zu unterstützen oder feindliche 
Gruppen oder Schiffe zu dublieren**), führte zum baldigen Einbruch in die 
feindliche Linie. Es mußte infolgedessen noch früher als bei den bewegungs- 
fähigeren Ruderschiffen die Melee eintreten, und um so mehr, als die Fahr- 
zeuge, unter kleinen Segeln nur wenig Fahrt laufend, bei dem dichten Pulver- 
dampf durcheinander trieben. Abbildungen von Schlachten zeigen uns 
örtlich oft weit getrennte Gruppenkämpfe und Schiffsduelle; Beschreibungen 
erzählen fast nur von geschickten Vorstößen einzelner Gruppenführer und 
von besonderen Taten einzelner Kommandanten. 

Es ist die Zeit der Gruppentaktik. Auf den verschie- 
denen Stellen wird der Kampf fast ohne Bewegung ausgefochten, Lagen werden 
auf Pistolenschußweite gewechselt. Brander greifen an, bis derjenige Teil, 
der durch Artilleriefeuer, Brand und Explosionen die meisten Leute und 
Schiffe verloren hat, oder dem die Munition knapp wird, Segel setzt und das 
Feld räumt. Infolge der langsam und unsicher schießenden Artillerie dauert 
der Kampf stundenlang und es tritt oft Munitionsmangel ein; Explosionen 
sind wegen der ungenügenden Sicherung der Munitionsräume häufig; es ist 
dagegen auffallend, wie wenig Schiffe in den großen Schlachten durch Entern 
genommen werden. 

Ebensowenig, wie von planmäßigen taktischen Bewegungen während 
des Gefechts die Rede ist, tritt nach der Entscheidung eine taktisch angelegte 

♦) Clowes, Teil II, Seite 225 ff. ♦♦) Zwischen zwei Feuer nehmen. 



Die Gnippentaktik. Die Kiellinie beim Winde. 187 

Verfolgung ein, weil auch die Schiffe des Siegers zu sehr gelitten haben 
und die Oberleitung ganz verloren gegangen ist. 

Wenn nun den Holländern zugeschrieben wird, die Linie aus Gruppen 
eingeführt zu haben, so stammt von den Engländern ein weiterer wichtiger 
Fortschritt in der Taktik. Während die Holländer noch länger im allgemeinen 
gleich nach dem Zusammenstoß althergebrachterweise durch rücksichtsloses 
Draufgehn und Einbrechen in die feindliche Linie die Entscheidung suchen 
(1653, Schlacht bei Scheveningen), wodurch sie den Feind zwar oft verblüffen, 
aber doch nur Teilerfolge erzielen, fangen die Engländer schon im ersten 
Kriege an, Wert auf längere Ausnutzung des Artilleriefeuers in geschlossener 
Ordnung zu legen und den Feind zu erschüttern, ehe sie in die Melee eintreten 
(ebendort und schon in der Schlacht bei Northforeland-Nieuport). Es ist 
diese wichtige Erkenntnis unzweifelhaft dem Umstände zuzuschreiben, daß 
sich in England die stehende Marine und damit das Verständnis für müi- 
tärische Gesichtspunkte früher entwickelte, wie auch der Ausbildung der 
Schiffsartillerie dort früher große Aufmerksamkeit zugewendet wurde. 

In den schnell aufeinander folgenden Kriegen des Zeitabschnittes erkannte 
man bald die Nachteile der Gruppenformation und ihrer Kampfweise. Neben 
der Unmöglichkeit der Übersicht, Leitung imd Innehaltung der Ordnung 
gab sie bei Windveränderungen und außergewöhnlichen Vorfällen Anlaß 
zu Kollisionen und Havarien, die Schiffe hinderten sich gegenseitig an der 
Verwendung ihrer Artillerie, den Brandem bot sich in den fast ohne Bewegung 
zusammenliegenden Haufen von Schiffen ausgezeichnete Gelegenheit zum 
Angriff. Alles wies auf Verwendung dünnerer Linien im Gefecht hin. 

Es führte dies, wie uns bekannt, zum Bau besonderer, starker und gleich* 
wertiger Schlachtschiffe, die ihren Platz in der Linie ausfüllen konnten. Jetzt 
bUdete man die Kiellinie aus den einzelnen Schiffen ; diese wurden wieder an 
Stelle der Gruppen die Gefechtseinheiten. Mit dem Ausscheiden der kleinen 
Schiffe wurden die Flotten kleiner, so daß Übersicht, Leitung und Aufrecht- 
erhaltung der Formation leichter war. 

Die Einteilung einer Flotte in Vorhut, Mitte und Nachhut blieb 
bestehen; jedes dieser Geschwader wurde bei großer Schiffszahl in drei Divi- 
sionen geteüt; die Flaggoffiziere segelten gewöhnUch in der Mitte ihrer Division. 

Eine derartige EinteUung ist gut aus den späteren Angaben über die englische 
Flotte in der Schlacht von Northforeland, 12. Juni 1653, zu ersehen. Dort wird auch 
darauf hingewiesen, wie aus dieser Einteilung die englischen Flaggoffizierchargen, die 
Admirale der verschiedenen Flaggen, hervorgegangen sind. 

Mit zunehmender Segelfähigkeit der Schiffe wurde die Kiellinie beim 
Winde die Gefechtsformation, denn sie entsprach am besten allen Anforde- 
rungen: Möglichkeit der übersieht und Aufrechterhaltung und größte Frei- 
heit zu weiteren Manövern; sie war auch nötig zum Gewinnen und Erhalten 
der vorläufig allgemein angestrebten Luvstellung. Sie bleibt die Normal- 
formation während der ganzen Segelschiffszeit. Zunehmende Kriegserfahrung 
führt zur Aufstellung von Regeln für Angriff und Durchführung des Kampfes 



\ 



l88 I^ie Entwicklung des Seekriegswesens von 1648 — 1739. 

unter verschiedenen Umständen und für die erforderlichen Bewegungen, um 
an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten. So bildet sich eine Taktik aus, 
die zu Ende des Zeitabschnittes einen gewissen Abschluß erreicht hat. 

Das Gefecht nimmt einen anderen Verlauf. Der 
Artilleriekampf wird immer länger von den geschlossenen, parallel zueinander 
liegenden Flottenhnien geführt, die Melee wird nicht mehr gesucht; an ihre 
Stelle treten Bewegungen zum Abschneiden und Dublieren einzelner Teile 
des Feindes, um sie zu vernichten, ehe sie Unterstützung erhalten; die Brander 
verlieren ihre Bedeutimg. 

Mit der besseren Ordnung in der Schlacht üel die Bedeatang der Brander zunächst 
noch nicht. In den wirren Kämpfen des ersten englisch-hollandischen Krieges bot 
sich ihnen zwar manche günstige Gelegenheit zum Angriff, aber sie mußten auf eigene 
Faust handeln, wurden von den eigenen Schiffen nur schlecht beschützt und konnten 
sich leicht in Freund und Feind irren. Als die Ordnung besser aufrecht erhalten wurde, 
konnten sie von den eigenen Schiffen bis zum Angriff gedeckt und beim Angriff unter- 
stützt werden; sie waren auch imstande, ihr Opfer besser zu wählen und im Auge zu 
behalten, da auch dieses jetzt an seine Stelle gebunden war. So werden die Erfolge 
der Brander im zweiten Kriege größer. Im weiteren Verlaufe aber wurden sie dadurch 
entwertet, daß die Kriegsschiffe infolge besserer Manövrierfähigkeit und schneller 
sowie sicherer feuernder Artillerie ihnen leichter ausweichen und erfolgreicher begegnen 
konnten, um so mehr, als sich nun auch der Artilleriekampf der Flottenlinien auf größeren 
Entfernungen abspielte. Ihre Verwendung wurde immer seltener mögUch, und so wurden 
sie den besser segelnden Kriegsschiffen schließlich ein lähmender Ballast. 

Mahan (Seite 102, 105) führt die AhnÜchkeit des Wesens der Brander mit dem 
der Torpedofahrzeuge an, deren Entwicklung durch ähnUche Gründe beeinflußt ist. 

Die eben beschriebene Entwicklung vollzog sich natürlich nach und 
nach. Die Anweisungen englischer Admirale*) für das Verhalten im Gefecht, 
besonders beim Angriff, zeigen, wie zunächst gegen die Halbmond- \md für 
die Gruppenformation und ihre Gefechtsweise gesprochen, wie dann aber 
immer mehr Wert auf Aufrechterhaltung der Ordnung in der ganzen Flotte 
und auch schon auf taktische Bewegungen gelegt wird. Aus der Be- 
schreibimg der Schlachten werden wir ersehen, daß, allgemein gesagt, im 
ersten englisch-holländischen Kriege die Kiellinie aus Gruppen imd 
der Gruppenkampf vorherrscht, daß im zweiten Kriege die Kiellinie beim 
Winde Regel geworden ist und die Bildung der Linie aus Einzelschiffen 
angestrebt wurde, und im dritten diese durchgeführt war. 

In vorstehendem ist die Entwicklung des Seekriegswesens während des 
Zeitabschnittes im allgemeinen besprochen, unter Zugrundelegung der eng- 
lischen Verhältnisse. Vor jedem Kriege sollen später „die Streitmittel der 
Gegner" betrachtet werden; es veranschauhcht dies gleichzeitig die Ent- 
wicklung der verschiedenen Marinen. Auf die Ausbüdung der Taktik wird 
an gleicher Stelle, sowie bei der Schildenmg der Schlachten und in den 
Schlußbemerkungen zu den Kriegen näher eingegangen werden. 

♦) GDlomb, Seite 87 ff: Auszüge aus den „fighting instructions" von 1635, 1655, 1665. 



■ I • » ■ ■ 



Drittes Kapitel. 
Der erste englisch-holländische Krieg 1652— 1654. 

Die Kriegsg^rflnde. 

I-Jolland und England waren zwar natürliche Verbündete gegen die 
katholische Weltpolitik Spaniens gewesen, als aber diese ihr Ende 
gefunden hatte, führte Eifersucht zum Zusammenstoß zwischen den beiden 
Seemächten; Gründe waren auf allen Meeren vorhanden. 

Beide Völker strebten danach, den Spaniern und Portugiesen den Handel 
auf den Weltmeeren zu entreißen, beide traten ihrem Anspruch, allein Kolonien 
zu gründen, entgegen; sobald sie darin Erfolge erzielt hatten, blieben Rei- 
bungen nicht aus. Beide hatten femer ihr Augenmerk darauf gerichtet, 
nach dem Niedergang der Hansa den Seeverkehr in den nordischen Gewässern 
in die Hand zu bekommen, und endlich bestanden von alters her Zwistigkeiten 
über die Ausübung der Fischerei in der Nordsee, Schon seit langer Zeit 
beanspruchte England die Oberherrschaft in den britischen Gewässern, 
deren Begriff es sehr weit ausdehnte. Nun war der Heringsfang in der Nord- 
see fast ganz in den Händen der Holländer, sogar nahe an der englischen Küste ; 
an 3000 Fischerfahrzeuge waren dort beschäftigt, die jährlich gegen eine 
Million Lstrl. verdienten. Karl I. hatte 1636 diese Fischerflotte verjagt 
und erreicht, daß Holland nur gegen eine hohe Entschädigung die Nordsee- 
fischerei betreiben durfte. Während der Revolution hatte England notge- 
drungen diesen Anspruch fallen lassen, jedoch keineswegs aufgegeben. Im 
Seehandel hatten die Holländer schon unter der spanischen Herrschaft und 
auch weiter trotz ihrer schweren Kämpfe gegen diese bis zur Mitte des 17. Jahrh. 
den Engländern überall den Rang abgelaufen; ein zeitweiser Aufschwung 
der Engländer war immer wieder durch innere Wirren oder durch Wechsel 
in den Grundsätzen der Regierung gehemmt worden. 

Die bedeutendste Reibung in fernen Gewässern war die sog. Amboina-An- 
gelegenheit (Seite 83]. Die andauernde Entrüstung in England über diesen 
Vorfall, der nicht gesühnt wurde, trug nicht wenig zur Schürung des Hasses gegen 
Holland bei. 

Die Grenzen der britischen Gewässer oder der four seas, über die Eng- 
land die Herrschaft verlangte, waren: Im Norden der 63. Breitengrad von der Küste 



igo I^er erste englisch^holländische Krieg 1652 — 1654. 

Norwegens bis 23® W. Lange Greenwich und im Süden die Breite von Kap Finisterre 
bis zu genanntem Längengrade. Das Gebiet umfaßte also etwa 20 Längengrade im At- 
lantik, die Biscaya, den Kanal und die ganze Nordsee; hiermit hing die Forderung an 
Holland, für die Fischerei in der Nordsee eine Abgabe zu zahlen, zusammen. 

Für die Größe des holländischenHandels dienen folgende Angaben: 
1640 standen im Verkehr durch den Sund 1600 holländischen Schiffen nur 430 englische 
gegenüber; 1650 verhielt sich der Gesamthandel Hollands zu dem Englands wie 5:1; 
Colbert nahm sogar an, daß die holländische Handelsmarine ^/g der gesamten europäi- 
schen betrüge. 

Als sich nun unter der tatkräftigen Regierung Cromwells ein neuer 
Aufschwung Englands in maritimer Hinsicht vorbereitete, wurde die Eifer- 
sucht auf beiden Seiten in größerem Maße entfacht, namentlich auch in Holland. 
Die der Entwicklimg der Seemacht Englands ungünstigen inneren Wirren 
während der Revolution waren den Holländern sehr gelegen ^gekommen. 
Sie veranlaßten sie sogar, obgleich selber Republik, der S3nTipathie für das 
vertriebene Königshaus Stuart Ausdruck zu geben. Dies führte zwar nicht zu 
tätiger Unterstützung, offenbarte sich aber in verschiedener Weise ; so wurde 
Cromwells Gesandter im Haag ermordet. Auch wurden Vorschläge Englands 
zu einer engeren Verbindung beider Republiken nach dem Siege der General- 
staaten-Partei über die oranische und nach Abschaffung der erblichen Statt- 
halterwürde in Holland zurückgewiesen; die Bedingungen, unter denen diese 
Verbindung erfolgen sollte, waren allerdings zu sehr zum Vorteü Englands, 
Alle diese Umstände trugen wiederum dazu bei, in England den Haß gegen 
den Nebenbuhler zu vermehren. 

Schon im Frühjahr 1651 machte es sich bemerklich, daß beide Nationen 
sich auf einen Zusammenstoß vorbereiteten, wenn auch beide andere Gründe 
für ihre Rüstungen angaben; das gegenseitige Mißtrauen wuchs imd führte 
im Juni zur Abberufung der Gesandten. Der letzte, entscheidende Anstoß 
zum Kriege ging endlich von England aus, als am 9. Oktober 1651 Cromwell 
die berühmte Navigationsakte erließ, die zum Schutz und zur Hebung der 
englischen Schiffahrt allen Zwischenhandel verbot. Sie richtete ihre Spitze 
besonders gegen Holland, in dessen Hand sich eben der Zwischenhandel 
in erster Linie befand. 

Aus dieser Akte ist hervorzuheben*): „Von außereuropäischen Plätzen dürfen 
Waren aller Art nach England und nach allen englischen Besitzungen nur auf Schiffen 
englischer Nationalität, deren Kapitäne und % der Besatzung Engländer sind, ver- 
laden werden — bei Strafe der Konfiskation von Schiff und Ladung. Europäische 
Waren dürfen, unter demselben Präjudiz im Falle des Zuwiderhandelns, nach England 
und nach allen englischen Besitzungen nur gebracht werden von englischen Schiffen 
oder von Schiffen des Landes, von dem sie stammen oder zuerst verschifft werden können. 
Seefische und sonstige Produkte des Fischfanges dürfen nach England nur von Schiffen 
des Landes gebracht werden, dessen Untertanen sie gefangen oder bereitet haben; von 
englischen Fischern gefangen usw. dürfen sie nur auf engUschen Schiffen exportiert 
werden." Femer: Erhöhte Einfuhrzölle für die an Bord fremder Schiffe nach Eng- 
land eingeführten Waren, Erneuerung des schon von der Königin Elisabeth erlassenen 
Verbots des Küstenhandels für Fremde. 



*) Nach Pereis, „Das internationale Seerecht." Seite 16 und Seite 18 Anm. 



Die Kriegsgründe. (Navigatiönsakte ; Flaggengruß.) iqi 

Diese Akte wurde nach dem zweiten englisch-holländischen Kriege zugunsten 
Hollands etwas eingeschränkt» im Laufe der Zeiten durch Handels- und Schiffahrts- 
verträge auch anderen Nationen gegenüber etwas gemildert, aber erst 1854 ganz auf- 
gehoben. 

Die Navigationsakte erforderte zunächst auch von England große Opfer. Teuer 
mußte man selber vieles produzieren, was man bisher biUig vom Auslande bezogen; 
selbst die Schiffahrt, die doch gerade gehoben werden sollte, mußte Opfer bringen, 
der Schiffbau wurde um 30 Prozent teurer, die Matrosenlptmung stieg wesentUch. Aber 
doch wurde durch sie die maritime Entwicklung angebahnt, die England die Beherrschung 
aller Meere verschaffen soUte. Cromwell hat das „Britannia rules the waves'* zur Gel- 
tung gebracht, wie er auch kategorisch erklärte: England dürfe nicht dulden, daß ohne 
seine Genehmigung eine andere Flagge als die englische auf den Ozeanen wehe. Ander- 
seits kann man von Holland sagen, daß es den Gedanken der Freiheit des Meeres — 
zuerst gelehrt von Grotius, 1609, als Nachweis der Berechtigung Hollands zum Handel 
nach Indien gegen die auf die päpstlichen Bullen von 1493 gestützten Bestrebungen 
Portugals — zuerst mit Waffengewalt vertrat, allerdings im eigensten Interesse. 

Holland erhob sogleich Einspruch gegen die Navigationsakte, jedoch ohne 
Erfolg. Es wurden ihm vielmehr enghscherseits eine große Zahl Klagepunkte 
entgegengehalten, worunter die noch nicht gesühnte Amboina-Angelegenheit, 
die Unterstützung Karls IL, die Ermordung des Gesandten, verschiedene 
Schädigimgen des englischen Handels und die Ausstände staatlicher Geld- 
unterstützungen von der Zeit Elisabeths her (vgl. Seite 1 13 ) die hauptsächlichsten 
waren. Eine Einigung wurde nicht erzielt, vielleicht auch beiderseits kaum 
beabsichtigt oder erwartet. 

Der Kriegszustand begann mit der an englische Private erteilten Er- 
laubnis, für vermeintliche Schädigungen Vergeltimgsmaßregeln durch Auf- 
bringen holländischer Schiffe zu treffen, und mit der Beschlagnahme hollän- 
discher Schiffe auf Grund der Navigationsakte sowohl in englischen Häfen 
wie in den Kolonien. Die Holländer antworteten mit Gewaltmaßregeln 
ihrerseits und mit verschiedenen Verstößen gegen das alte, von England be- 
anspruchte Flaggenrecht. Im Verein mit dem Anspruch auf die Oberhoheit 
in den „britischen Gewässern" verlangte nämlich England in ihnen den 
Flaggengruß für seine Kriegsschiffe von allen fremden Fahrzeugen, 
sowie das Recht, diese zu untersuchen; dieses Recht gewann durch die 
Navigationsakte noch an Bedeutung. Beide Forderungen waren um so lästiger 
für Holland, weil alle seine Handelswege durch die britischen Gewässer 
führten, ein Umstand, der auch sonst England zu einem besonders gefähr- 
lichen Nebenbuhler zur See machte. 

Schon seit 1202 gab es ein englisches Edikt, nach dem jeder Kommandant 
eines königlichen Schiffes jedes fremde, selbst befreundete, Fahrzeug nehmen 
sollte, das vor ihm nicht die Flagge dippte und gewisse Segel striche; Cromwell 
erneuerte diese Bestimmung. Am 28. Mai 1652 zwangen 3 englische Kriegs- 
schiffe 3 holländische, die einen Konvoi Kauffahrer begleiteten, nach kurzem 
Gefecht zur Befolgung dieser Forderung und wenige Tage später schon führte 
dieselbe Frage zu einer Seeschlacht (Dover), ohne daß der Krieg erklärt war. 

In seinen Kolonien konnte England die Navigationsakte zunächst nicht streng 
durchführen, weil man nicht über genügende Schiffe verfügte und in vielen die Roya- 



ig2 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1Ö54. 

listen die Übermacht hatten. Mehrere Kolonien hielten sogar den Handel mit Holland 
während des Krieges aufrecht. 

Die Streltmittel der Oegner.*) 

Holland glaubte nach dem Westfälischen Frieden, nunmehr mit 
allen Nachbarn im Frieden und zur See die mächtigste Nation, die 
ungeheueren Ausgaben, die bisher Heer und Marine gefordert hatten, 
einschränken zu können; es rüstete in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit 
in jeder Beziehung ab. In Frankreich erwuchs ihm an Stelle Spaniens ein 
gefährhcher Gegner zu Lande; trotzdem ließ man die Festungsbarriere, die 
das Bollwerk gegen Spanien gewesen war, verfallen. Englands wetteifernde 
Bestrebungen zur See erhielten gerade jetzt einen neuen Anstoß und man 
wußte um die Pflege, die dort dem Seewesen zugewendet wurde; trotzdem 
löste man die Marine, den Grundpfeiler des Seehandels und der Macht, nahe- 
zu auf. 

Von den 130 — 150 Kriegsschiffen, die um 1648 den Bestand bildeten, 
wurden 40 für den Schutz des Handels, der Fischerei und der Häfen als ge- 
nügend erachtet, die übrigen wurden verkauft oder aufgelegt ; die letzten ver- 
darben schnell, da die Hüfsmittel zur Erhaltung zu jenen Zeiten überhaupt 
noch im argen lagen und die Provinzen kein Geld hierfür auswerfen wollten. 
Die in Dienst bleibenden Schiffe erhielten nur die geringst zulässigeBemannung; 
die überzähligen Offiziere und Mannschaften, ein kostbares und bewährtes 
Material, wurden abgedankt und gingen in den Kauffahrteidienst, viele 
auch in fremden Staatsdienst über. 

Von schwerwiegender Bedeutung war femer der Umstand, daß mit der 
Abschaffung der Statthalterwürde (1650) zugleich die Stellung des General- 
admirals fiel. Die Admiralitäten der Provinzen traten nun ohne Mittelpunkt 
und ohne gemeinsame Vertretung m allen Dingen wieder immittelbar unter 
die Generalstaaten, was bei der häufigen Eifersucht der Provinzen vom 
größten NachteU für die EinheitUchkeit im Seewesen wurde. Den müitärischen 
Oberbefehl erhielt bei Zusammentritt größerer Flotten weiter der Admiral- 
leutnant von Holland und Westfriesland, aber das Vorhandensein von zwei 
Vizeadmiralen (des von Holland und des von Seeland) führte, trotz erlassener 
Bestimmungen über deren Anciennität, zu Reibungen zwischen ihnen und den 
Provinzkontingenten, besonders wenn es sich um Vertretung des Admiral- 
leutnants handelte. 

Als sich im Jahre 1651 das Verhältnis mit England so verschärfte, daß 
man auf einen Zusammenstoß ernstlich gefaßt sein mußte, wurde zunächst 
der Befehl gegeben und auch schnell ausgeführt, weitere 36 Schiffe in Dienst 
zu stellen, und im März 1652 beschloß man, noch 150 auszurüsten. Von diesen 
sollten die Provinzen sofort 50 zwangsweise durch Heuern aufbringen, und 



*) Anschließend an Kapitel II „Die Entwicklung des Seekriegswesens", sowie 
an „Die wichtigsten Kriegsmarinen" (Seite 148 — 151). Hauptquellen: Clowes, Teil II ; 
de Jonge, Teil I. 



Die Streitmittel der Gegner. Holland. 103 

zwar Fahrzeuge nicht unter 28 Kanonen, 85 Seeleute und 25 Soldaten, den 
Rest aber sobald als möglich. Doch kaum die erstgenannten wurden zur 
beabsichtigten Zeit fertig, die Zahl der letzteren ist während der ganzen Dauer 
des Krieges nicht erreicht worden; es fehlte an geeigneten, d. h. genügend 
starken Kauffahrern, an Mannschaft und an Geld. 

Vor und während des Krieges schwankte die Volksstimmung zwischen 
Begeisterung für energische Durchführung der Rüstungen und Hoffnung 
auf Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens und dementsprechend 
die Opferwilligkeit; ein planmäßiger Ausbau der Flotte wurde unmöglich, 
da keine kräftige einheitliche Oberleitung vorhanden war; den Admiralitäten 
waren oft die Hände durch Geldmangel gebimden. Geldforderungen der 
Generalstaaten bei den Provinzen führten zunächst meist zu endlosen 
Schreibereien. Die Geldmittel spielten aber in diesem Kriege gegen das 
erstarkende England eine größere Rolle als in den Kriegsläuften der letzten 
Jahre gegen das ermattende Spanien oder gegen die einzelne Stadt Dün- 
kirchen. 

Beim Ausbruch des Krieges war, den Verhältnissen der Zeit entsprechend, 
ein Teil der Flotte zum Schutz des Handels und der Fischerei gegen Seeraub 
und Freibeuterei abgezweigt. Besonders das Mittelmeer, in dem die Bar- 
baresken den Handel aller Nationen und die Franzosen den der Holländer 
im besonderen störten, war stark besetzt; wir werden sehen, daß Holland 
infolgedessen dort beim Ausbruch des Krieges England gegenüber sehr günstig 
stand. So war die schlagfertige Flotte, die im Mai 1652 unter Admiral- 
leutnant Tromp auslief, nur einige fünfzig Schiffe stark. 

Im Juli 1652 war sie durch die neuen Rüstungen auf 92 Segel an- 
gewachsen, sie enthielt aber nur ein Schiff mit 56 Kanonen — das Flagg- 
schiff „Brederode", den einzigen Zweidecker Hollands — , 19 Schiffe mit 30 
bis 40 Kanonen, 12 kleinere Kriegsschiffe mit 8 — 10 Kanonen, 6 Brander; 
den Rest von 52 büdeten die von den Handelskompagnien gestellten und die 
sonst geheuerten Kauffahrer, deren Kanonenzahl man im allgemeinen nur 
zwischen 20 und 30 annehmen kann. 

Im März des Jahres 1653 setzte sich der Oesamtbestand zusammen: 

Kanonenzahl . . 56 40 — 46 30 — 38 22 — 28 14 — 18 
Kriegsschiffe . i 13 24 25 3 = 66 

Eingestellte . . — i 18 67 2 = 88 

Summe: i 14 42 92 5 = 154 Segel 

BeimFriedensschluß 1654 waren an Kriegsschiffen vorhanden : 

Kanonenzahl . . 66 50 — 58 40 — 48 30 — 38 20 — 28 8 — 18 

Zahl der Schiffe i 9 27 33 16 15 = loi 

• 

Man ersieht, daß während des Krieges viele Schiffe hinzugekommen 
sind und zwar meist neu als Kriegsschiffe erbaut. Es waren beim Friedens- 
schlüsse noch über 30 Schiffe im Bau; auch manche, namentlich größere, 

Rietmeyer, Seekriege. ^3 



IQ4 Der erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1^54. 

der angeführten haben im Kriege keine Verwendung mehr gefunden, da die 
letzte Zeit keine große Unternehmung brachte. 

Vorstehende Angaben sind entnommen aus de Jonge, Teil I, Beilage XXII und 
XXIII. Wenn Clowes, Teil II, Seite 150, für März 1654: 112 Schiffe von 24 — ^48 Kanonen 
gegen obige 86 von 20 — ^48 Kanonen angibt, so ist anzunehmen, daß er die Schiffe in 
Bau — etwa 30, wovon die Hälfte über 40 Kanonen — mitzählt; er spricht selber von 
vielen neuen Schiffen, die bei längerer Dauer des Krieges die holländische Flotte um 
die Hälfte stärker hingestellt haben würden. 

Dieser Neubau von wirklichen Kriegsschiffen und auch besonders von 
solchen höherer Klassen war die Folge des gleichen Vorgehens in England, 
wo man schon von vornherein über Fahrzeuge mit größerer Gefechtskraft 
verfügte. Aber nicht allein in der schwächeren Bestückung lag die Schwäche 
der älteren holländischen Schiffe; sie waren auch leichter gebaut, aus Fichten- 
holz mit Holznägeln, so daß sie keine lange Lebensdauer und wenig Wider- 
standsfähigkeit gegen Geschützfeuer hatten. Auf diese letzte Eigenschaft 
hatte man bisher, sparsamkeitshalber und noch an die ältere Kampfweise 
Draufgehn und Entern gewöhnt, kein Gewicht gelegt. Endlich hatten die 
holländischen Schiffe, entsprechend den flachen Küstengewässem und Häfen, 
wenig Tiefgang, flache Böden und waren dafür breiter; infolgedessen segelten 
sie schlecht beim Winde und waren rank. Die neuen Kriegsschiffe baute 
man nach Vorbild der Engländer widerstandsfähiger, besser segelnd, größer 
und stärker armiert; alle Schlachtschiffe waren jetzt Zweidecker. Die alten 
Fahrzeuge hatten nur den Vorteü gehabt, daß sie sich gebotenenf alls bei 
ihrem geringen Tiefgang hinter Untiefen an der Küste zurückziehen konnten, 
wovon des öfteren Gebrauch gemacht ist. 

In der Verwendung schwerer Kaliber stand Holland noch 
weiter hinter England zurück (vgl. Seite 105). Noch 1654, als in dieser Hin- 
sicht schon wesentliche Verbesserungen eingetreten waren, führte nur das 
Flaggschiff 36-Pfünder und zwar nur 4, von den Schiffen über 50 Kanonen 
hatten nur einige 10 — 12 Stück 24-Pfünder, die übrigen 2 — ^4 Stück; Schiffe 
von 40 — 50 und von 30 — 40 Geschützen führten durchweg nur 2 — 4 Stück 
24-Pfünder, die übrige Mittelartillerie bestand bei allen aus 18- und 12-Pfündem 
oder nur aus 12-Pfündem.*) Es kommt hinzu, daß Schiffe gleicher Größe 
von den verschiedenen Provinzen nicht gleichmäßig in den Kalibern armiert 
wurden und daß die eingestellten Kauffahrer noch weit schwächer bestückt 
waren: Fahrzeuge von 28 — 32 Kanonen führten als schwerste Geschütze 
nur 6—10 Stück 12-Pfünder, solche von 22 — 24 oft nur 8-Pfünder. 

Auch die Bemannung der Flotte machte Schwierigkeit. Man war ganz 
auf Freiwillige angewiesen, weü Gesetze und Volkswüle das Pressen aus- 
schlössen. Da das Häuptbestreben Hollands während des ersten Krieges 
dahin ging, Handel und Fischerei im vollsten Maße weiter zu betreiben, so 
meldeten sich nicht genügend Freiwillige, wenn auch der Dienst auf fremden 
Schiffen verboten war. 



♦) Angaben nach de Jonge, Teil I, Beilage XXIV. 



Die Streitmittel der Gegner. Holland. England. 105 

Die Schiffe waren infolgedessen oft ungenügend bemannt, und es mußten, 
besonders auf den eingestellten Handelsschiffen, auch minderwertige Leute 
angeworben werden, wodurch dann die Disziplin litt. So stand in Holland, 
obgleich doch sonst wahrlich im Lande kein Mangel am vorzüglichsten Material 
war, die Bemannung der Flotte nicht auf der Höhe, die man hätte erwarten 
können; man besaß allerdings in der eigentlichen Kriegsmarine eine große 
Zahl tüchtiger Führer sowie Ober- und Unteroffiziere. 

In England lagen die Verhältnisse in jeder Hinsicht weit günstiger. Wir 
wissen (Seite 161 ff.), daß die Repubük sogleich in großem Maßstabe mit dem 
Bau von Kriegsschiffen vorgegangen war — 60 wurden während des Krieges 
gebaut — und daß man die Fahrzeuge leistungsfähiger, „fregattenähnlich", 
konstruierte. 

Man war sich klar, daß der Strauß mit Holland zu seiner Durchführung 
eine große Macht verlangen würde. Infolge des stets wachsenden Einflusses 
CromweUs war kein Mangel an Mitteln; Einheit des Willens begünstigte 
einen planmäßigen Ausbau der Flotte. 

Mit dem Königtum war die Stelle des Lordhighadmirals gefallen. Eine 
Behörde von „K ommissären der Admiralität und Marine" 
übte das Amt aus, nach und nach inuner abhängiger vom Parlament oder 
eigentlich von Cromwell, dessen Machtwort entschied. Das Konunando 
über die mobilen Streitkräfte lag in der Hand einer Kommission von 
3 — 5 „Generalen zur Se e", was jedoch hier nicht zu Reibungen 
führte. 

Der Schiff sbestand der englischen Marine war im März 165 1 noch schwach: 
3 Schiffe über 60 Kanonen; 10 mit 50 — 54; 12 mit 40 — 46; 24 mit 30—34 
und kleinere. Da auch hier Schiffe im Auslande waren, mußte ebenfalls 
auf Kauffahrer zurückgegriffen werden. In wie viel geringerem Maße dies 
jedoch in England geschah, wird aus einigen Angaben zu ersehen sein. Obige 
Geschützzahlen zeigen im Vergleich mit den Angaben über Holland für Mai 
und Juli 1652 die weit stärkere Armierung auf englischer Seite, und dem- 
entsprechend enthält auch die sonst nur schwache englische Flotte beim 
ersten Zusammenstoß am 29. Mai 1652 unter 21 Segeln: 8 Schiffe über 40 
Kanonen; 7 über 30, dazu 3 kleinere Kriegsschiffe und 3 Kauffahrer. Noch 
weit ungünstiger für Holland stehen die Verhältnisse im Jahre 1653. Ver- 
gleichen wir die Angaben über Holland für März 1653 mit der Flotte Moncks 
in der Schlacht von Northforeland am 12. Juni 1653. Beide Flotten büdeten 
in der Schlacht nicht den Gesamtbestand der Marinen, denn zur englischen 
stießen am nächsten Tage noch 18 Schiffe und vom Gesamtbestande der 
holländischen Marine nahmen nur 98 teü, man kann aber die ungeheure 
Überlegenheit der Engländer, was die Stärke der Schiffe an Geschützzahl 
anbetrifft, dennoch beurteilen. 

Die englische Flotte bestand in der Schlacht aus 100 Schiffen, der hol- 
ländische Gesamtbestand war 154 (wovon 98 anwesend); nun hatte: 

13* 



I 



ig6 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — -^^54. 

England in der Schlacht Holland im Gesamtbestande 

Schiffe 12 zu 50 — 88 Kanonen i zu 56 Kanonen 

25 zu 40 — ^46 „ 14 zu 40—46 ,, 

55 zu 30—40 M 42 zu 30—40 

Da bleibt für England in der Schlacht nur ein Rest von 8 Schiffen unter 
30 Geschützen, für Holland aber gegen den Gesamtbestand ein solcher von 92, 
und für die Schlacht mindestens von 40; wahrscheinlich aber waren es noch 
weit mehr, denn man kann nicht annehmen, daß in der Schlacht nur schwächere 
Schiffe vom Gesamtbestande fehlten, es werden auch stärkere Kriegsschiffe 
detachiert oder in Ausbesserung gewesen sein. Bei der englischen Flotte in der 
Schlacht kamen femer auf 60 Kriegsschiffe nur 29 Kauffahrer gegen 88 Kauf- 
fahrer auf 66 Kriegsschiffe im holländischen Gesamtbestande. Endlich seien 
noch die Angaben über die holländische Marine gegen Ende des Krieges 
(1654, JuU) und über die englische im Dezember 1653 (vgl. Seite 176; dort 
nach Klassen, hier nach Kanonenzahl aufgeführt), gegenübergestellt: 

Es besaß danach an wirklichen Kriegsschiffen: 

Kanonenzahl 100 88 60 — 66 50 — 58 40 — ^46 30 — 39 20— 29 6 — 16 

England (Dez. 1653) 11 8 16 32 43 16 14 

Holland (Juli 1654) — — i 9 27 33 16 15 

Welch eine Übermacht auf englischer Seite, besonders an schweren 
Schiffen über 50 Kanonen! 

Es müssen aber auch die in beiden Marinen verwendetenKaliber 
verglichen werden, wobei wir nur die schwere Artillerie berücksichtigen 
wollen. Nach den Aufzeichnungen für England von 1652 (vgl. Seite 170, 
Tabelle) und nach denjenigen für Holland von 1654 führten bei einer: 

Gesamtzahl Kanonen\' 80 — 100 60 — 66 50 — 58 30—46 imter 30 
Englische Schiffe min. 24—42- min. 24—32- 20 — 32- 18 — 32- 16 — 32-Pfdr. 
Holländische „ — 4 — 36- max. 12—24- max. 4 — 24-Pfdr. — 

Das Übergewicht der englischen Artillerie an Zahl und Kaliber der Ge- 
schütze wurde endlich noch verstärkt durch die bessere Ausbildung 
der Besatzung. Diese wird den ganzen Zeitabschnitt hindurch von 
dem Gegner anerkannt ; unter anderen wird gesagt, daß ein engUsches Geschütz 
in derselben Zeit 5 gegen 4 Schüsse bei Holländern und Franzosen abgegeben 
habe, und es wird hervorgehoben, daß auf den englischen Schiffen sämtliche 
Matrosen durch nur wenige Spezialisten am Geschütz ausgebUdet seien, 
so daß somit die Hauptwaffe durch Verluste nie lahmgelegt werden konnte. 
Wir hörten schon, daß die Schiffskanoniere zuerst in England (hier „gunner") 
abgeschafft wurden oder im seemännischen Personal aufgingen. Zu bemerken 
ist femer, daß sich schon im ersten englisch-holländischen Kriege das eng- 
lische Feuer hauptsächlich gegen die feindliche Besatzung, das holländische 
gegen die Takelage richtet. Bis in die späteste Zeit der Segelschiffe hat sich 
die englische Flotte, meist zu ihrem Vorteü, hierin von ihren Gegnern imter- 



Die Streitmittel der Gegner. England. Abwägung. 157 

schieden; Mannschaftsverluste auf der einen Seite, Beschädigungen der 
Takelage auf der anderen bestätigen dies. Holländische Quellen heben im 
ersten Kriege „einmal" besonders hervor, daß die Engländer auf die Takelage 
geschossen hätten. Es war dies bei einem Verfolgungsgefecht nach der Schlacht 
bei Portland und somit richtig, denn hier wollte man einzelne Feinde ver- 
krüppeln und die dann Zurückgebliebenen nehmen. 

Abgesehen von der Artillerie war das englische Schiffsmaterial 
auch sonst besser. Größtenteils neu und nur zum Kriegszweck gebaut, waren 
die Schiffe größer, fester, stabiler, besser segelnd und manövrierend; die 
Holländer sagen, ihre Gegner hätten in den neuen fregattenähnlich gebauten 
Fahrzeugen ein Material gehabt, geeignet, Gruppen ihrer Flotte auszumanö- 
vrieren und abzuschneiden. Selbst in Hinsicht auf die eingestellten Kauf- 
fahrer war England besser daran. Von den 29 Handelsschiffen in der Schlacht 
von Northforeland führten 26 eine Zahl von 30—46 Kanonen, von den 88 des 
holländischen Gesamtbestandes hatten nur 19 dieselbe Zahl, der Rest von 
69 aber unter 30. Holland verwendete also nicht nur weit mehr Kauffahrer, 
sondern diese waren auch größtenteils minderwertiger; es scheinen demnach 
auch die englischen Handelsschiffe dieser Zeit, zwar an Zahl weit geringer, 
den holländischen überlegen gewesen zu sein, die der beiden großen Kom- 
pagnien ausgenommen. Ein Nachteil der englischen Schiffe war vielleicht, 
daß man gerade in dieser Zeit im Gegensatz zu Holland dazu neigte, sie zu 
stark zu armieren. Es wird berichtet, daß englische Kriegsschiffe öfters 
genötigt waren, auf größeren Reisen einen Teil ihrer Geschütze zum Bgjlast 
zu verstauen. Da aber der Krieg in den heimischen Gewässern ausgefochten 
wurde, kam nur der Nutzen der Überarmierung zur Geltung. 

Zeitweise auftretende Schwierigkeiten, dieFlottenzubemannen, 
wurden in England durch das Pressen leichter gehoben ; es scheint wenigstens, 
als ob die Schiffe stets genügend besetzt gewesen sind. Allerdings zog man 
auch Landsoldaten heran, die sich aber, wie bereits erwähnt, besser be- 
währten als in Holland. 

Aus allem kann man den Schluß ziehen, daß die Streitkräfte 
Hollands bei annähernd gleicher Schiffszahl denen Englands unterlegen 
waren. Das Schiffsmaterial war es entschieden. Mit Recht beklagen sich 
die holländischen Admiralc dauernd darüber; sie führen öfters an, der Feind 
stelle ihnen 20 Schiffe gegenüber stärker als ihr mächtigstes. Dieser Umstand 
trug zuweilen dazu bei, die Zuversicht auf holländischer Seite zu erschüttern, 
und ist wohl der Grund gewesen, wenn mehrmals eine größere Zahl von 
Schiffen dem Kampfe auswich. 

Beiden Nationen stand ein vorzügliches Personal zur Verfügung, in 
gleicher Weise aufgewachsen und wohl gleich in den Vorzügen und Fehlem 
der Seeleute damaliger Zeit; aber in Holland machte die Einstellung mehr 
Schwierigkeit, in England waren dagegen Ausbüdung und Disziplin besser. An 
erfahrenen Flottenführem und höheren Offizieren war Holland anfangs über- 
legen, galt doch der Admiralleutnant Tromp als der tüchtigste Admiral 



Iq8 Die Verwendung der Flotten Englands und Hollands von 1648 — 1652. 

seiner Zeit. In England dagegen lag die Führung in der Hand von 3 — 5 
Generalen zur See, von denen die meisten nicht Seeleute, sondern Land- 
offiziere waren, und gerade solche führten im ersten Kriege den Oberbefehl. 

Diese Generale waren: Popham (Seemann), ernannt 1649; Dean, 1649, fiel 1653; 
Blake, 1649; Monck, 1652; Penn (Seemann), 1654; Montagu, 1654. — Blake und 
Monck zeichneten sich als Höchstkommandierende aus. 

Gewiß zogen diese ihre erfahrenen Unterführer und Kapitäne, Seeleute 
von Beruf, zu Rate; es war jedoch nicht immer möglich, namentlich nicht in 
den Gefechten, und so mögen manche Fehler diesem Umstände zuzuschreiben 
sein. Aber die Generale, mit einer trefflichen Schule aus den Revolutions- 
kriegen, lernten schnell; anderseits trugen sie als Männer von besserer Er- 
ziehung und Bildung als die Seeleute, dazu bei, den Geist in der Flotte, 
besonders im Offizierkorps, zu heben. Als erfahrene Militärs imd Leute 
von weiterem Blick verbesserten sie die Disziplin und haben großen Einfluß 
auf die Strategie, auf die Änderung der Kriegführung, gehabt. 

Die Verwendung der Flotten Englands and Hollands von 1648—1652*) sei kurz 
angeführt. 

In England war die Flotte der Republik von hervorragendem Nutzen zur 
Vereitlung der Versuche der königlichen Partei, das Königtum wieder aufzurichten. 
Sie eroberte die Inseln des Kanals, auf denen sich die Royalisten länger hielten und von 
denen aus sie Freibeuterei trieben ; es waren dies unter B 1 a k e s Führung die ersten 
größeren Unternehmungen von Seestreitkräften gegen Landbefestigungen. Die Flotte 
unterwarf die Kolonien Amerikas und Westindiens mit royalistischen Gesinnungen. 
Ein Teil der ehemaligen Flotte war dem Königtum treu geblieben (vgl. Seite 139) und 
wurde vom Prinz Rupert geführt. Anfangs im Kanal und später im Mittelmeer, 
von Portugal aus, wo sie Unterstützung fanden, operierten diese Streitkräfte gegen 
England und gegen den englischen Handel. Der Kampf gegen sie war eine Schule für 
die Flotte der Republik und für manche der späteren Führer, insbesondere Blake; 
aus dieser Zeit stammt auch die erste englische Flottenstation im Mittelmeer (aber 
noch keine dauernde). 

Die holländische Flotte fand in diesen Jahren mannigfache Verwendung 
in außerheimischen Gewässern, hauptsächlich aber die Schiffe der beiden großen 
Kompagnien. Im Mittelmeer hatte sie den Handel nicht nur gegen die Barbaresken, 
sondern auch gegen französische Freibeuter zu schützen. 

Obschon in Europa mit Portugal Frieden herrschte, wurden doch die Kämpfe in den 
fernen Kolonien, die im Unabhängigkeitskriege mit Spanien begonnen hatten und 
fortgesetzt wurden, als Portugal wieder selbständig geworden, nur selten auf kurze 
Zeit unterbrochen. In Indien wuchs die holländische Macht weiter auf Kosten 
Portugals, und in Afrika besetzte Holland 1652 das von Portugal als Eigentum ange- 
sehene, wenn auch nicht besiedelte K a p 1 a n d. Weniger glücklich war Holland in 
Brasilien. Hier empörte sich ihre von der westindischen Kompagnie gegründete, 
aber fast nur von portugiesischen Urkolonisten bewohnte Kolonie (vgl. Seite 88). 

Größere Flotten wurden dahin entsandt; sie richteten aber wenig aus, und von 
Beginn des englischen Krieges an konnte man nichts mehr für die Kolonie tun. Auch in 
Portugal war 1649 ci^^c portugiesisch-brasiUanische Kompagnie gegründet worden. Unter- 
stützt durch deren Schiffe, wurde 1653 Recife von den Aufständischen genommen, und 
die Holländer zogen sich Ende Januar 1654 ganz aus BrasiUen zurück. 

*) Anschließend an Seite 139 und T43. Näheres über England siehe Clowes, Teil II, 
Seite 118; über Holland in Indien und BrasiUen, Zimmermann, Band I und V. 



Mängel in den Quellen über die Kriege. igo 

Der Verlauf des Krieges«*) 

Ehe wir in die Beschreibung des ersten großen Krieges eintreten, ist es nötig, 
einige Worte über Mingel In den Quellen zu sagen. 

Die besten alten Werke über die englisch-holländischen Kriege stammen aus Holland 
vom Ende des 17. Jahrh., ihre Angaben machen den Eindruck der Treue. Spätere eng- 
lische Bücher, die meist auf diesen begründet scheinen, machen einen weit parteiischeren 
Eindruck, so z. B. in den Angaben über Zahl der Schiffe und über Verluste in den Qe- 
fechten; diese werden für die holländischen Streitkräfte midist sehr hoch, für die Eng*. 
länder möglichst niedrig angegeben. Erst das neueste Buch, Laird Clowas/iäßt denxi 
Gegner mehr Gerechtigkeit widerfahren ; er vermeidet stets übertriebene Zahleriängabeiu' 
Wir folgen seinem Beispiel. 

Die sichersten alten Überlieferungen sind die Berichte und Briefe der Admirale. 
usw. Man kann aber daraus den Verlauf der Schlachten und Gefechte nicht übersehen,, 
weil sie meist nur Angaben enthalten über: das Sichten; die Windrichtung, abe?; nicht 
immer die Kurse; die Lage der Gegner zueinander in Beziehung auf den Wind (d. h. 
wer zu Luward stand); die Einteilung der Flotten in Geschwader, aber nicht immer, 
wie die Unterabteilungen zueinander standen (also nicht die Flottenformation). Dann 
folgen Aufzählungen hervorragender Taten einzelner Admirale und Kommandanten 
und Schilderungen von geschickten und mutigen Angriffen oder heldenmütigem Wider- 
stand. Taktische Bewegungen während des Gefechtes werden selten erwähnt und dann auch 
nur in angedeutetem Sinne, wenn es z. B. einem Geschwader- oder Gruppen-Führer gelingt, 
sich in eine günstige Position zu setzen. Eine chronologisch fortlaufende Erzählung fehlt 
fast immer. Der Grund hierfür ist wohl darin zu suchen, daß zu dieser Zeit noch das 
Gefecht nach dem Zusammenstoß meist gleich zur Melee, zu Einzelkämpfen der Gruppen 
oder gar der Schiffe wurde ; die Oberleitung und damit auch der Überblick ging verloren, 
man erfuhr später nur, was eine jede Gefechtseinheit für. sich erlebt hatte. ' Diese Angaben 
stehen nun häufig nach den verschiedenen Quellen, fa selbst nach ein und derselben, 
in scharfem Widerspruch. Wo es möglich war, sie einigermaßen in Einklang zu bringen, 
habe ich versucht, den Verlauf der Schlachten darzustellen, wobei ich mich oft an Clowes 
anlehne, sonst mußte ich mich auf vermutende Andeutungen und auf Hervorheben 
wichtiger Einzelheiten beschränken. Dieser Mangel tritt besonders zur Zeit des ersten 
Krieges auf und verUert sich erst später allmählich. 

Die Angabe der Daten weicht in den verschiedenen Quellen oft um zehn Tage 
voneinander ab, je nachdem die Autoren den alten oder neuen Kalender berücksichtigt 
haben; der Gregorianische Kalender ist in den kathoUschen Ländern schon Ende des 
16., in den protestantischen erst im Laufe des 18. Jahrh. eingeführt. Ich gebe nach 
bestem Wissen die Daten nach dem neuen Stil. Ferner kommen noch Unterschiede 
von einem Tage vor; wahrscheinlich sind diese dadurch hervorgerufen, daß aus den 
Berichten und namentlich aus den Logbüchern das astronomische anstatt des bürger- 
lichen Datums entnommen ist. 

Das Geteeht bei Dover am 29. Hai 1652. Die englische Flotte im Kanal 
zur Zeit des Beginns der Feindseligkeiten kommandierte Blake. Er hatte 
mit ihr 165 1 die von Royalisten besetzt gehaltenen Kanalinseln zur Übergabe 
gezwungen, dann war Admiral A y s c u e mit einigen Schiffen der Flotte 
nach Westindien gesandt, um die dortigen Kolonien dem Parlamente zu 
unterwerfen. Am 28. Mai 1652 lag ein Teil der Kanalflotte unter B o u r n e 
in den Downs (Rhede von Deal, geschützt durch die davorliegenden Goodwin- 



♦) Hauptquellen: Clowes, Teil II; „Vie de Tromp**; „Leben Ruyters". Zum 
Vergleich auch Schomberg, Teil I ; Allen , Teil I ; Yonge, Teil I. 



200 Der erate englisch-holländiscbe Krieg 1652 — 1654. 

Sande, dem üblichen Ankerplatz für Schiffe, um die Themsemündmig zu 
sichern), Blake selbst lag auf der Rhede von Kye. 

Robert Blake, 1 599 in Bridgewater als SobD eines wohlhabenden Kaufmanns 
geboren, übernahm nach kurzem Stndium mit 26 Jahren das väterliche Geschäft, führte 
als Oberst in der repubUkanischen Armee mit Erfolg die Truppe seiner Heimat und 
wurde 1649 von CromweU zum „General 
at Sea" {mit Dean und Popham) ernannt. 
Verfolgt 1650 Prinz Ruperts JcönigUche 
Schiffe bis ins Mittelmeer, zwingt löji die 
Kanalinaeln (die SciUys und Jersey) zur 
Übergabe, kommandiert 165z — 54 gegen 
Holland, bekämpft 1655 die Seeräuber- 
staaten Tunis und Algier, nimmt 1657 die 
spanische Silberflotte in Teneriffa unter 
den Kanonen von St. Cruz. Er stirbt auf 
der Rückreise 1657 und wird in West- 
minster begraben. Obgleich bis 1649 <**'** 
Seewesen fremd, wurde er einer der 
größten Seehelden Englands, fast immer 
siegreich auch den berühmtesten Admiralen 
gegenüber. Seine Angriffe auf die Küstco- 
werke — KanaUnseln, Tunis, Teneriffa — 
waren die ersten dieser Art, und die Flotten 
begannen nach seinen Erfolgen solche Be- 
festigungen gering zu schätzen. Blake tat 
auch viel für die Vermehrung und die 
Organisation der Marine. Er war ein ernster, 
pfhchttreuer Puritaner, nicht ehrgeizig, 
Robert Blake. wohlwollend und fürsorglich für seine Un- 

tergebenen, ein beUebter Vorgesetzter. 

Boume hatte 9 Schiffe, 7 Kriegsschiffe von 32—52 Kanonen imd 
2 kleinere Kauffahrer; Blakes Geschwader war 8 Kriegsschiffe von ' 
36 — 64 Kanonen, 3 kleinere und einen Kauffahrer stark. Am 29, Mai sichtete 
B o u rn e eine holländische Flotte von 42 Fahrzeugen, die von der flan- 
drischen Küste herüberkam. Zwei von ihr detachierte Schiffe kamen auf die 
Rhede, salutierten die englische Flagge und überbrachten vom holländischen 
Admiral Tromp die Nachricht, daß ei nur durch das Wetter gezwungen sei, 
zur englischen Küste zu kommen, er habe nicht länger vor Dünkirchen hegen 
können. Boume gab zur Antwort, Tromp könne die Harmlosigkeit seiner 
Absichten am besten durch schleunige Entfernung beweisen; gleich beim 
Sichten der Holländer hatte er „Klar zum Gefecht" machen lassen und die 
Nachricht an Blake gesandt, daß er einen Angriff befürchte; nachts ließ er 
den Feind durch leichte Schiffe beobachten. Mittlerweile hatte Tromp vor 
Dover geankert, aber die Aufforderung (durch Schüsse) der Befestigung dort, 
die Flagge zu streichen, unberücksichtigt gelassen. 

Martin Tromp, der Ältere, Sohn eines Seeoffiziers, 1597 in Brielle an 
der Maasmündung geboren, ging mit 9 Jahren zur See und wurde mit 11 Jahren von 
einem englischen Kaper gefangen, auf dem et zVt J^hre dienen mußte. Er wurde mit 



Gefecht bei Dover am 29. Mai 1652 (vor der Kriegserklärung]. 2OI 

21 Jahren Ofüzier, mit 23 Jahren Kapitän, 40 Jahre alt Admiralleutnant. Tüchtiger 
Seemann, unerschrockener Führer, vom Feinde gefürchtet, von den Untergebenen, 
geliebt. Fällt am 10. August i6;3 durch eine Gewehrkugel in der Schlacht bei Scheve- 
ningen. Er soll in 32 Schlachten und Gefechten siegreich gewesen sein; die wichtigste 
Tat war die Vernichtung der letzten spanischen Hochseeflotte unter d'Oquendo in den 
Downs 1639 (Seite 141). In der Biographie seines Sohnes Comelis „Vie de Tromp" 
auch Näheres über ihn z. B. Seite 155. 

Da der Wind NO. war, so erhielt B 1 a k e die Meldung bald. Er lichtete 
sofort Anker und kreuzte nach Osten auf, gleichzeitig sandte er Befehl an 
Boume, ihm entgegenzukonunen, woraufhin dieser am 2g. Mai gegen Mittag 
ankerauf ging. Zu derselben Zeit verließ Tromp, als er Blake sichtete, 
seinen Ankerplatz und steuerte nach Calais hinüber; nachdem er jedoch mit 
einem von Westen kommenden holländischen Schiffe gesprochen, halste er 
plötzlich und hielt auf Blakes Geschwader ab. 

Als sich die beiden Flaggschiffe, englisch „James" (48 Kanonen), 
holländisch „Brederode" (56 Kanonen) etwa querab von Folkestone einander 
näherten, feuerte Blake als Auf- 
forderung, die Flagge zu 
streichen, nacheinander drei 
Schuß, aber ohne Erfolg. Im 
Gegenteil, auf den dritten 
Schuß antwortete Tromp mit 
einer Breitseite, die vom 
„James" prompt erwidert 
wurde. In das so entstandene 
Gefecht griffen die nächsten 
Schiffe sofort ein ; es war aber 
ein Kampf ohne jede taktische 
Anlage, Als Tromp seinen Kurs 
auf die englische Flotte nahm, 
hatte er sich mitten durch seine 
Schiffe fahrend an die Spitze 
gesetzt, ohne Innehaltung einer 
Ordnung folgten die Seinigen ; 
von der englischen Flotte 

anderseits waren verschiedene Martin Tromp, der Ältere. 

Schiffe weit in Lee und kamen 

erst nach und nach auf. Die Spitzen stießen aufeinander; die Holländer 
würden mit ihrer Überzahl die Schiffe der englischen Spitze erdrückt haben, 
wenn nicht fast gleichzeitig B o u r n e s Geschwader herangekommen wäre 
und den wirren Haufen der holländischen Schiffe seitlich hinten angegriffen 
hätte. Heiß wurde gefochten, englische Küstenfischer gingen während des 
Gefechts an Bord der Schiffe und halfen bei der Bedienung der Geschütze; 
erst die hereinbrechende Dunkelheit trennte die Gegner. Die Engländer 
sammelten sich vor Hythe, besserten ihre Beschädigungen aus und segelten 



202 



Der erste englisch-hollandische Krieg 1652 — 1654. 



dann nach den Downs, Tromp steuerte am anderen Morgen zur französischen 
Küste hinüber. 




I 



^^ 



A^i ^tockupadä/t^ 




f lippt n»w»ifcto4fUi 4 4(n>*'X;fti^ 



Gefecht bei Dover, 29. Mai 1652. 



Die englischen Schiffe haben bei diesem Gefecht schwerere Beschädigungen, 
besonders auch in der Takelage, davongetragen (namentlich das Flaggschiff), 
dagegen nahm Boume zwei holländische Schiffe; es scheinen auch die Ver- 
luste an Mannschaft auf holländischer Seite größer gewesen zu sein, so daß 
man im ganzen wohl den Engländern den Erfolg zusprechen muß. 

Wenn das Gefeeht auch taktisch wenig bietet, so ist es doch in verschle» 
dener Hinsieht bemerkenswert« Es war das erste größere Zusammentreffen 
der beiden Nationen und zeigt schon die Hartnäckigkeit im Kampf, die die drei 
großen englisch-holländischen Kriege kennzeichnet und ihre Schlachten so 
blutig macht. Die Holländer waren an Zahl der Schiffe doppelt so stark und 
siegten nicht, ein Beweis für die Überlegenheit der englischen Schiffe (Größe, 
Armierung, Segelfähigkeit, Stärke und Ausbildung der Besatzungen) im 
allgemeinen und auch wohl die der Kriegsschiffe über eingestellte Kauffahrer. 
Bei den Engländern kamen hier auf 15 Kriegsschiffe nur drei Kauffahrer, 
in der großen Zahl der Holländer werden weit mehr gewesen sein; man kann 
dies mit Sicherheit nach der Zusammensetzung der Flotte annehmen, mit 
der Tromp einen Monat später auftritt. 

Das Fehlen jeglicher Taktik mag seinen Grund darin haben, daß Blake 
noch wenig seemännische Erfahrung hatte, der sonst erfahrene, bisher 



Bemerkenswertes am Gefecht bei Dover. 



203 



stets siegreiche Tromp aber auf die Überzahl rechnete, und daß der Vorfall 
durch die stürmische Natur des Angriffs den Charakter eines zufälligen Zu- 
sammenstoßes erhielt. 

Endlich ist zu fragen, weshalb es zum Gefecht kam. Der Krieg war 
zur 2feit noch nicht erklärt, es waren sogar durch einen außerordentlichen 
Gesandten Hollands in London neue Unterhandlungen im Gange, die eine 
friedliche Beilegung in Aussicht stellten. Tromps Order lautete deshalb, 
den Handel im Kanal zu schützen, der englischen Küste aber fern zu bleiben 
und Reibungen zu vermeiden. In betreff des Flaggengrußes war ihm über- 
lassen, nach eigenem Ermessen zu handeln, nachdem er auf eine Frage hierüber 
seiner Regierung geantwortet hatte, der Flaggengruß sei zur Zeit des eng- 
lischen Königtums wohl übhch gewesen, besonders wenn beim Begegnen 
die holländische Macht die schwächere war. Da der Krieg noch nicht erklärt 
war und beide Teüe die Schuld des Zusammenstoßes dem Gegner zuschrieben 
— auf holländischer Seite wird behauptet, Blake habe zuerst eine Breitseite 
abgegeben — , wurden beide Befehlshaber zur Verantwortung*) gezogen. 
Tromp gab an, zu keiner Zeit feindliche Absichten gehabt zu haben, andern- 
falls würde er schon am 28. den schwächeren Boume in den Downs haben 
vernichten können, er sei sogar, um Reibungen zu vermeiden, nicht einmal 
auf die dortige Rhede gegangen; am 29. sei der Kampf durch Blakes Breitseite 
hervorgerufen, die dieser abgegeben habe, obgleich er, Tromp, durch Weg- 
führen der Segel und Dippen der Flagge gegrüßt habe. Beides ist mit Vor- 
sicht aufzunehmen; der Angriff auf Boume wäre nicht so einfach gewesen, da 
die Holländer gegen Wind und Strom unter dem englischen Feuer hätten auf- 
kreuzen müssen, und bei der Untersuchung des Falles englischerseits be- 
zeugten auch die gefangenen holländischen Kapitäne, daß Tromp zuerst eine 
Breitseite gefeuert habe. Tromp führte endlich an, er habe am 29. aufs neue 
den Kurs zur englischen Küste genommen, weü er von dem ihm begegnenden 
holländischen Schiffe erfahren hätte, daß von Westen eine Anzahl reich 
bel^ener Kauffahrer käme, die durch englische Schiffe gefährdet werden 
könnte. 

So ist denn anzunehmen, daß Tromp am 28. an der englischen Küste 
erschien, um Stand und Stärke der englischen Flotte zu erkunden, am 29. 
wollte er wohl zum Schutz der Kauffahrer seine gewaltige Macht zeigen, 
dabei darauf vertrauend, daß angesichts seiner Stärke die Engländer den 
Flaggengruß nicht fordern würden. Als dies doch geschah, kam es zum 
Zusammenstoß, was bei dem herrschenden Haß auf beiden Seiten und bei 
der damaUgen allgemeinen Neigimg zu gesetzlosem, gewalttätigem Vorgehen 
auf See nicht sehr zu verwundem ist. 

Weitere Ereignisse bi^ lur Kriegserldärung. Der Zusammenstoß bei 
Dover erregte in England große Entrüstung, das Haus des holländischen 

♦) „Vie de Tromp": Berichte beider Führer Seite 15 u. ff., ebendort Briefwechsel 
zwischen ihnen und VorsteUungen der holländischen Gesandten den Fall betreffend. 
Clowes, Teil II, Seite 148. 



204 ^^ erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

Botschafters mußte vor dem Pöbel geschützt werden, und die neuen Unter- 
handlimgen*) zerschlugen sich. Auch die Engländer zogen jetzt Kauffahrer in 
großer Zahl zum Kriegsdienste ein und preßten in den südöstlichen Graf- 
schaften alle Seeleute zwischen 15 und 50 Jahren. Außerdem traf Anfang 
Juni A y s c u e auf seiner Rückkehr von Westindien in Plymouth ein ; er 
führte 36 auf Grund der Navigationsakte genonunene Prisen und zwar haupt- 
sächlich Holländer mit sich. 

Blake, dessen Flotte jetzt stark vermehrt und von ihm in den Downs 
sorgfältig organisiert war, erhielt Befehl auszulaufen, um die holländische 
Heringsfischerei an der Nordostküste Schottlands zu zerstören und feindliche 
Handelsschiffe auf ihrem Wege von der Ostsee oder bei den Shetlands abzu- 
fangen. Viele aus dem Atlantik kommende holländische Schiffe wählten 
zu dieser Zeit den Kurs nördlich um Großbritannien, um die Scherereien 
und Gefahren — Visitation und etwaige Beschlagnahme durch die Engländer — 
im Kanal zu vermeiden. 

A y s c u e erhielt Befehl, damit die Themsemündung nicht ganz im- 
beschützt bliebe, nachdenDownszu gehen, wo er am 30. Juni eintraf; 
vorher nahm er noch die Gelegenheit wahr, am 22. Jimi bei Lizard ein Konvoi 
holländischer Portugalfahrer anzugreifen, von denen er einige nach heftigem 
Kampf mit den begleitenden Kriegsschiffen nahm. 

Blake segelte am 7. Juli nach Norden mit nunmehr 39 Kriegsschiffen, 
2 Brandem, 2 Schaluppen und 18 armierten Kauffahrem; Ayscue büeb mit 
nur 14 Schiffen, wovon die Hälfte Kauffahrer, in den Downs zurück; die 
Absicht, ihn von der Themse aus zu verstärken, mußte aufgegeben werden, 
da Tromp an der Küste erschien. 

T r o m p , der jetzt auch den Befehl erhalten hatte, den Feind nach 
Möglichkeit zu schädigen, wurde von dem aus London zurückkehrenden 
Gesandten über Ayscues Schwäche unterrichtet und beschloß, diesen an- 
zugreifen. Tromps Flotte war 92 Segel stark: 20 Kriegsschiffe (30 — 40 Kano- 
nen), 12 kleinere (Fregatten, 8 — 10 Kanonen), 6 Brander und 54 armierte 
Kauffahrer. Sein Angriff, von Norden bei günstigem Winde angesetzt, mißlang 
jedoch, da Ayscue dicht unter Land, geschützt durch das Kastell von Deal 
und verschiedene behelfsmäßige Batterien unmittelbar am Strande, lag 
und der Wind sich zu seinen Gimsten änderte. Tromp folgte nun Blake, kam 
aber auch hier zu spät; bereits war die holländische Fischerflotte vor dem 
Firth of Moray in alle Winde zersprengt, die 13 schützenden kleinen Kriegs- 
schiffe (Fregatten) waren bis auf eins genommen und ebenso etwa 100 Fischer- 
fahrzeuge mit 1500 Mann; diese wurden jedoch von Blake wieder freigegeben, 
um seine Flotte nicht zu schwächen, als er weiter bis zu den Shetlands segelte. 
Hier fand ihn Tromp am 5. August, es kam aber nicht zum Gefecht, weü ein 
schwerer NW.-Stumi einsetzte. Die englische Flotte fand Schutz unter 



*) Über diese Verhandlungen, in denen England seine Forderungen verschärfte» 
näheres in „Vie de Tromp", Seite 27 ff. 



Ereignisse vor der Kriegserklärung. Ruyter. 205 

Land, die holländische litt schwer. Nur mit 39 Schiffen kehrte Tromp nach 
Holland zurück; von den übrigen war ein Teil gesunken, der Rest stark 
beschädigt und zerstreut, und die Heimkehr der letzten Schiffe zog sich 
bis in den September hinein. 

Der Vergleich der beiden Flotten hier zeigt deuthch die mehrfach er- 
wähnte Schwäche Hollands. Bei Blake kamen auf 41 Kriegsschiffe 18 Kauf- 
fahrer, bei Tromp auf 32 aber 54. 

Blake folgte zwar der holländischen Flotte, aber er verfolgte sie nicht. 
Tromp wurde nach seiner Rückkehr vom Kommando entsetzt : er hatte 
den endgültigen Bruch herbeigeführt, den Handel nicht schützen können, 
gegen die feindliche Flotte nichts erreicht und endlich die halbe Flotte verloren ; 
außerdem war er als Anhänger der Oranier der Regierung unbequem. An 
seine Stelle trat Witte de Witt als Oberbefehlshaber und unter ihm 
Ruyter. 

Die Kriegserklärung. Gefecht bei Plymouth am 26. August 1652. Erst 
am 28. Juli war der Krieg erklärt. Das Bisherige war eigentlich nur ein 
Vorspiel gewesen ; auch der kleine Krieg, das Aufbringen von Handelsschiffen 
durch Kreuzer und Kaper, hatte lange schon vor der Kriegserklärung be- 
gonnen. Auch hierin war England durch seine größeren Schiffe im Vorteil; 
eine holländische Verfügung, die verbot, Kaperbriefe an Schiffe unter 200 
tons und unter 20 Geschütze zur eigenen Sicherheit dieser auszugeben, mußte 
wegen Mangels an besserem Material zurückgezogen werden. Die kriegerischen 
Unternehmungen nach der Kriegserklärung trugen zunächst denselben 
Charakter wie die des Vorspiels, nämlich: Schutz des eigenen Handels, Be- 
drohung des feindlichen. Auf englischer Seite wurde A y s c u e zu diesem 
Zweck nach dem Westen des Kanals gesandt. Blake stand mit der Haupt- 
macht im Osten. Von beiden Nationen kreuzten zahlreiche einzelne Schiffe 
zum Aufbringen feindlicher Kauffahrer und ziu: Warnung der eigenen. 

Auf holländischer Seite erhielt Ruyter den Befehl, mit einem Ge- 
schwader, das während Tromps letzter Fahrt ausgerüstet war, 50 — 60 nach 
auswärts bestimmte Handelsschiffe durch den Kanal zu geleiten. 

Michael de Ruyter,*) 1607 zu Vlissingen in dürftigen Verhaltnissen geboren, 
ging mit 11 Jahren als Kauf fahrtei- Schiffsjunge zur See, kurze Zeit diente er auch im 
Heere und 1637 führte er einen Kaper gegen Frankreich. 1640 trat er in den Staats- 
dienst und wurde der hervorragendste Admiral der Niederlande. Er war unerschrocken, 
beharrlich, umsichtig, pflichttreu und ein vorzügUcher Seemann; poUtisch gemäßigter 
Republikaner. Sein liebenswürdiger, einfacher und doch vornehmer Charakter erwarb 
ihm die Hochachtung seiner Gegner, die Liebe seiner Untergebenen. Er fiel 1676 als 
Leutnant- Admiral- General bei Agosta und wurde in Holland mit fürstlichen Ehren 
unter Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung begraben.**) 

Ruyter übernahm das Kommando nur ungern ;♦♦*) 1652 zum dritten Male ver- 
ehelicht, hatte er sich vom Seefahren zurückziehen wollen. Auch scheinen ihm der 

•) Siehe das Titelbüd. 

♦♦) Bei „Agosta" später noch einige Angaben über Ruyter. Beste Biographie: 
„Leben Ruyters", vgl. Quellen Verzeichnis. 
♦♦♦) „Leben Ruyters", Seite 19. 



2o6 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

schlechte Zustand der Flotte sowie das Parteiwesen, das in ihr wie im Lande 
herrschte, Bedenken gemacht zu haben ; nur durch Anruf seiner Vaterlandsliebe ward er 
gewonnen. 

Als R u y t e r das Kommando am 10. August übernahm, bestand die 
Flotte nur aus 15 Schiffen. Er erklärte verschiedentlich, mit so wenigen 
und außerdem den Schiffen der Feinde an Stärke nachstehenden Fahrzeugen 
die Aufgabe nicht ausführen zu können; er hatte nämlich Angaben über 
die Stärke Ayscues, die allerdings hinsichthch der Größe der Schiffe über- 
trieben waren. Während er bis zum 21. August auf die zu begleitenden 
Kauffahrer wartete, wurde seine Flotte durch zwei Nachschübe verstärkt. Am 
genannten Tage segelte er von Gravelines mit großer Vorsicht und mit Ver- 
wendung zahlreicher Aufklärungsschiffe den Kanal hinab. Am 26. August 
traf er südlich von Plymouthin der Mitte des Kanals auf A y s c u e und 
beide Teile gingen sofort zum Angriff über. 

Ruyters Flotte bestand aus 30 Kriegsschiffen :*) 16 zu 
28 — 26 Kanonen mit 120 — 80 Mann (nur das Flaggschiff „Neptun" hatte bei 
28 Kanonen 134 Mann); 4 zu 24 Kanonen, 70 — 100 Mann; 2 unbekannter 
Größe; 6 zu 30 Kanonen, 100 — iio Mann; 2 zu 40 Kanonen, 200 Mann. Die 
beiden zu 40 Kanonen waren Schiffe der ostindischen Kompagnie; aber auch 
sonst werden Kauffahrer darunter gewesen sein, so z. B. die 30 Kanonen- 
schiffe, die eine so geringe Zahl an Mannschaften im Verhältnis zur Kanonen- 
zahl haben. Ein Vergleich der genauen Liste aller Schiffe Ruyters*) mit 
englischen Listen, z. B. für Dover oder später Northforeland, zeigt, wieviel 
schwächer die Holländer armiert und bemannt waren. Ein englisches Schiff 
von 36 Kanonen (allerdings überarmiert) entsprach an Größe vielleicht 
einem holländischen von 28 Kanonen; jenes hatte 120 — 160 Mann, dieses 
nur 80 — 120 Besatzung. Hinzu traten noch 3 Gallioten und 6 Brander. Von 
den Schiffen seines Konvois wählte Ruyter femer etwa 20 verhältnismäßig 
stark armierte aus und stellte sie in die Gefechtsformation, die üblichen drei 
Geschwadergruppen, ein ; den Rest sandte er nach Lee. Die Brander wurden 
zu je 2 auf die Geschwader verteilt mit dem Befehl, die größten Schiffe des 
Feindes anzugreifen; die Gallioten waren beauftragt, brennenden oder 
sinkenden Schiffen Hilfe zu leisten. 

A y s c u e war etwa 40 giößere Kriegsschiffe (darunter 2 zu 60 Kanonen, 
8 zu 36 — 40 Kanonen), 8 kleinere und 4 Brander stark, also an Zahl und 
Stärke der Kriegsschiffe, wie die Engländer selbst zugeben, überlegen; da 
aber, wie anderseits die Holländer zugestehen, die eingestellten Schiffe des 
Konvois zum großen Teil voll ihre Pflicht taten, kann man wohl die Kräfte 
als gleich ansehen. 

Der Wind war NO., die Engländer standen beim gegenseitigen Sichten 
zu Luw£Lrd. Über den taktischen Verlauf des Gefechts ist sonst 
nichts bekannt, die Überlieferungen rühmen nur die Taten einzelner Konunan- 



♦) „Leben Ruyters", Seite 22. 



Gefecht bei Pl5niiouth am 26. August 1652. 207 

danten; es scheint sofort die Melee eingetreten zu sein. Vom frühen Nach- 
mittag bis zur Dunkelheit wurde heiß gekämpft, wieder scheinen die Holländer 
den größeren Verlust an Leuten, die Engländer die größeren Beschädigungen 
an den Schiffen, besonders in der Takelage erlitten zu haben. Beide Teile 
behaupten, zwei oder drei Gegner vernichtet, selbst aber kein Fahrzeug 
verloren zu haben. Beide schreiben sich den Sieg zu, da aber Ayscue am 
andern Tage zum Ausbessem nach Plymouth ging, Ruyter dagegen seinen 
Konvoi sammelt und mit nur zwei Kriegsschiffen aus seinem Schutze entläßt, weil 
er keine ernstliche Belästigung für ihn mehr befürchtet, ist wohl den Holländern 
der Erfolg zuzuschreiben; daß Ayscue trotz seines bisherigen guten Rufes nicht 
mehr aktiv verwendet wird, zeugt von dieser Auffassung auch englischerseits.*) 
Ruyter teilte sogar am 28. August seinen Kommandanten mit, daß 
er beabsichtige, den Feind in Plymouth aufzusuchen;**) dieser Angriff sollte 
am 30. stattfinden, aber ein in der Nacht vorher einsetzender südlicher 
Sturm zwang die Holländer, den Plan aufzugeben und von der Leeküste frei zu 
segeln. Ruyter kreuzte noch bis Ende September im Westen des Kanals, 
dann kehrte er nach Holland zurück, da er die Nachricht erhalten hatte, daß 
Blake mit der feindlichen Hauptmacht in, See sei, um ihn abzufangen; auch 
hatte seine Flotte in einem dreitägigen schweren Sturme sehr gelitten und 
verschiedene Kommandanten zeigten sich unbotmäßig**) oder ungeschickt**) in 
der Führung ihrer Schiffe. Auf der Rückreise sichtete er einen Teil der Flotte 
Blakes (unter Penn), er wich jedoch einem Gefechte aus, wohl mit Rücksicht auf 
seine durch die Schlacht und die Stürme geschwächten Schiffe und weil er 
den anderen Teil der englischen Macht in der Nähe wußte. Am 2. Oktober 
trat er bei D ü n k i r c h e n unter den Befehl Witte de Witts, der 
die Flotte Tromps übernommen hatte. Diese war aber, wie uns bekannt, 
eben erst wieder völlig versammelt und bedurfte der Ausbesserung; so 
hatte Blake schon im Rücken Ruyters mit seinen unversehrten Schiffen 
den Kanal beherrscht, viele Prisen aufgebracht und war dann westlich gesegelt, 
um Ayscues ausbessenmgsbedürftiges Geschwader dort zu ersetzen. Nach 
Ruyters Rückkehr war der ganze Kanal in den Händen Englands. 



♦) Clowes, Teil II, Seite 157, nimmt an, daß beide Gegner kein Schiff verloren hätten. 
„Vie de Tromp", Seite 67, und „Leben Ruyters", 'Seite 23, sagen, die Engländer würden 
vernichtet sein, wenn es Ruyter gelungen wäre, die Luvstellung zu gewinnen und von 
dort aus seine Brander zu verwenden. 

♦♦) In „Vie de Tromp", Seite 69, und „Leben Ruyters", Seite 26, wörtliche Wieder- 
gabe seiner Ansprache. Er spricht darin die Hoffnung aus, den Feind zu überraschen, 
indem viele Offiziere und Leute am Lande sein würden, und daß diejenigen seiner Kom- 
mandanten, die sich in der Schlacht weniger gut benommen, dies wieder gutmachen 
könnten. Über seine Kapitäne klagte er später noch einmal, als beim Kreuzen häufig 
Schiffe zu weit abkommen; er spricht dabei von „mutwilligen und dummen" (sie!) 
Kommandanten. („Leben Ruyters", Seite 28.) Unbotmäßigkeit, Lauheit und Un- 
geschick wird im ersten holländisch-enghschen Kriege den Kommandanten öfters vor- 
geworfen, wohl eine Folge der politischen Parteien im Lande und mißverstandener 
republikanischer Ansichten oder auch des Mangels an eigentlichen Marineoffizieren. 



2o8 I^cr erste englisch-hollandische Krieg 1652 — 1654. 

Blake verniehtet am 7. September 1652 ein franidsisches Oesehwader.*) 

Dieser Vorfall kennzeichnet wiederum die Kriegführung zur See und das 
Verhältnis der Völker auf dem Meere zueinander in dieser Zeit. England 
war zwar im Frieden mit Frankreich, aber auf der See waren Reibungen an 
der Tagesordnung. Belästigung des englischen Handels durch französische 
Freibeuter, die Unterstützung, die den Royalisten in Frankreich zu teil 
geworden war, die Nichtanerkennung der Republik und endlich Streitig- 
keiten über die Fischerei auf den Neufundlandbänken hatten seit 1650 zu 
Gewaltmaßregeln und Aufbringen von Schiffen englischerseits geführt. Es 
bestand jetzt zur See eine Art Kriegszustand, der Zusammenstöße einzelner 
Kriegsschiffe, im Mittelmeer gar kleinerer Geschwader, zur Folge hatte. Nun 
war Frankreich mit Spanien im Kriege (1635 — 1659, vgl. S. 109). D ü n - 
k i r c h e n , seit 1646 von Frankreich besetzt, wurde von den Spaniern 
belagert. Ein französisches Geschwader unter dem Herzog von Ven- 
dome sollte Truppen, Munition und Vorräte in die in höchster Bedrängnis 
befindliche Stadt werfen; Blake stieß am 7. September 1652 auf dieses 
Geschwader, griff sofort an und schlug es in einem laufenden Gefechte. Er 
nahm oder zerstörte 7 von den 8 begleitenden Kriegsschiffen und zerstreute 
die Transporter; Dünkirchen fiel infolgedessen wenige Tage später. 

Diese Tat war denn doch ein Kriegsakt, der selbst über die Grenzen der 
damals üblichen Gewaltmaßregeln hinausging, dennoch erfolgte seitens 
Frankreichs nichts als diplomatische Vorstellungen; Spanien dagegen sprach 
dem englischen Parlamente seinen Dank aus. Diesen Staat sich geneigt zu er- 
halten, war auch wohl der Grund zu der unerhörten Tat gewesen; im Mittel- 
meer nämlich lagen die Verhältnisse nicht zu Englands Gunsten. 

Der Krieg im Mittelmeer. Im Mittelmeer war der enghsche Handel, 
einige gelegentliche Expeditionen gegen afrikanische Piraten abgerechnet, bis 
zum Jahre 1650 unbeschützt gewesen; im genannten Jahre verfolgte, wie 
schon früher erwähnt. Blake (später Penn) den Prinzen Rupert bis dorthin, 
und von dieser Zeit an wurde ein ständiges Mittelmeergeschwader gehalten, 
das neben. dem Schutz des Handels auch dort Zwangsmaßregeln gegen Frank- 
reich ausübte. Bei Ausbruch des Krieges mit Holland aber war dieses Ge- 
schwader recht schwach, nur 6 Kriegsschiffe (30 — 42 Kanonen) und 2 armierte 
Kauffahrer, während die Holländer gegen 30 Schiffe an verschiedenen Stellen 
des Westmittelmeeres hatten; von ihnen war die Station kurz vor Kriegs- 
beginn wesentlich verstärkt worden. Das englische Geschwader war sogar noch 
in zwei Teile geteilt, der eine Teil unter Appleton lag inLivorno und 
wurde nach der Kriegserklärung sofort durch 14 oder 18 Holländer unter 
van Galen blockiert, nur die freundliche Haltung des Großherzogs von 
Toskana schützte ihn vor Wegnahme. Der andere Teü, 4 Kriegsschiffe unter 
B a d i 1 e y , begleitete einen Konvoi vom Orient her. Badüey, vom Kriegs- 
zustand unterrichtet, versuchte nun ebenfalls nach Livorno zu kommen, 

♦) Clowes, Teil II, Seite 159; du Sein, Teil II, Seite 572; Troude, Teil I, 
Seite 104. 



Der Krieg im Mittelmeer 1652. Gefechte bei Elba und Livomo. 209 

wurde jedoch am 6. September 1652 von van Galen, der nur einige Schiffe 
vor Livomo zurückgelassen hatte, mit großer Übermacht bei Elba an- 
gegriffen imd nach mehrstündigem harten Kampf gezwungen, in Porto 
L o n g o n e einzulaufen, wohin er seinen Konvoi bei Beginn des Gefechts 
vorausgesandt hatte; hier schützte ihn gleichfalls der Gouverneur Elbas. 
Ein Schiff („Phönix") war bei dem Gefecht in die Hände der Holländer 
gefallen, wurde aber bald darauf, nachdem es in das holländische Geschwader 
eingestellt war, auf der Außenrhede von Livomo (am 30. September 1652) 
durch Boote des englischen Geschwaders wieder genommen. Es ist 
dies das erste genauer bekannte Beispiel jener kühnen Unternehmungen 
dieser Art, in denen die Engländer sich später so auszeichneten. 

Kapitän Cox führte die Expedition ; er armierte 3 Boote mit je 30 Mann, 
nur mit Äxten und Entermessern bewaffnet sowie versehen mit Mehlsacken, um die 
Gegner zu blenden. In dunkler Nacht fuhr man ab und erreichte, zweimal durch die 
Dunkelheit getrennt, beim dritten Male das Schiff, auf dem infolge eines vorangegangenen 
Festes schlechte Wache gehalten wurde. Verabredungsgemäß hatte die Besatzung 
des einen Bootes die Ankertaue zu kappen, die des zweiten aufzuentern und Segel zu 
setzen, die des dritten Bootes alle Luken zu schließen und den Feind niederzuhalten. 
Es gelang vollkommen, fast ohne Widerstand; der in seiner Kajüte überraschte Kom- 
mandant, Cornelius Tromp (der Sohn Martins), sprang aus dem Kajütenfenster 
und erreichte schwimmend oder mit Hilfe des Bootes am Heck ein anderes hollandisches 
Schiff. Kapitän Cox segelte mit dem wiedergenommenen Schiff nach Porto Longone 
zu dessen altem Geschwader. 

Man hatte keine Feuerwaffen gebraucht, um „die Neutrahtät des Hafens 
nicht zu verletzen", ein Grundsatz, den der ältere Tromp selbst aufgestellt 
haben soll. Der Großherzog von Toskana beschwerte sich aber 
bitter darüber und war von nun ab den Engländern weniger günstig gesinnt, 
was üble Folgen haben sollte. Vorläufig blieben beide englische Geschwader 
in Livomo und Porto Longone von den holländischen Streitkräften, die sich 
durch Zuzug aus dem Westmittelmeer verstärkten, blockiert und zur 
Untätigkeit gezwungen; man versuchte nun sich durch Armieren von 
Kauffahrem gleichfalls zu verstärken, was auch in geringem Maße gelang. 

Die Sehlacht bei Kentlsh Knoek, 8. Oktober 1652. W i 1 1 e d e W i 1 1*), 
der neue holländische Oberbefehlshaber, zeigte sich am 21. September zuerst 
im Kanal. Blake wurde sofort davon benachrichtigt, aber es gelang ihm 
bekanntlich nicht, R u y t e r vor seiner Vereinigung mit der holländischen 
Hauptmacht abzufangen; die beiden holländischen Führer trafen sich am 
2. Oktober zwischen Dünkirchen und Nieuport. Sie unterzogen ihre Schiffe 
zimächst einer genauen Besichtigung und sandten alle nicht völlig gefechts- 
fähigen (10 Schiffe und 5 Brander) zur Ausbesserung in die Häfen. Es blieben 
ihnen etwa 64 Fahrzeuge, während Blake etwa 68 im Osten des Kanals zu- 



*) Witte CorneUus de Witt, 1599 in Brielle geboren, ging mit 17 Jahren 
zur See und stieg bis zum Admiralleutnant ; tüchtig, kampflustig aber hartnäckig, 
schroff und unbeliebt. Vom Oberkommando entsetzt, diente er später weiter auch 
unter früheren Untergebenen, Er fiel 1658 in der „Schlacht im Sunde". 

Rittmeyer, Seekriege. ^4 



210 



Der erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 



sammenzog. Obgleich die Unterführer der Holländer, besonders de Ru5rter, 
darauf hinwiesen, daß man dem Feinde namentlich in der Güte und Gefechts- 
kraft der Schiffe unterlegen sei, beschloß de Witt doch, den Feind aufzu- 
suchen. Er glaubte wohl, weil er an Tromps Stelle gesetzt war, unter allen 
Umständen dessen Mißerfolge ausgleichen imd durch einen entscheidenden 
Schlag, dieses Mal unmittelbar auf die feindhchen Hauptstreitkräfte gerichtet, 
dem Handel im Kanal Luft schaffen zu müssen. Er beabsichtigte, den Feind 
auf seinem Sammelpunkte, den Downs, anzugreifen, aber Blake war gleich- 
falls fertig und suchte auch den Kampf. 

Blake hatte am 8. Oktober morgens bei frischem Westwinde seinen Anker- 
platt verlassen und sichtete den Feind gegen Mittag nordöstlich von North- 






u 




ö 



>^*- 



•ft 



00 
00 * 




Schlacht bei Kentish Knock, 8. Oktober 1652. 



foreland. De Witt lag hart beim Winde über St. B. Bug hinter der Bank 
von Kentish Knock, damit beschäftigt, seine Flotte zu rangieren. 
Es hatte Tags zuvor schwer geweht, und wie gewöhnlich waren verschiedene 
Schiffe versprengt. De Witt wurde gewissermaßen überrascht und konnte 
nur durch schnelle Fahrzeuge noch Befehle zur Herstellung der Ordnung aus- 
geben. Seine Flotte war in 4 Geschwader geteüt: de Ru3rter, de Witt, de 
Wildt; das vierte unter Evertsen bildete eine Reserve mit dem Befehl, an 
der bedrängtesten Stelle einzugreifen. Der Wind war südwestlich und flauer 
geworden. Blake führte seine Flotte in drei Geschwaderen (Blake, Penn, Boume) 
heran und schob sich mit den beiden ersten zu Luward zwischen den Feind 
und die Untiefen; Boume stand etwas zurück. Das Gefecht wurde an der 
Spitze sofort sehr scharf, zwei Holländer waren gleich entmastet, aber ver- 
schiedene englische Schiffe, besonders von Penns Geschwader einschließUch des 



Schlacht bei Kentish Knock am 8. Oktober 1652. 211 

Flaggschiffes, kamen auf der Bank fest oder stießen wenigstens auf sie. De Witt 
wendete mit allen Schiffen zugleich, wahrscheinlich um die schwersten Schiffe 
Blakes zu vermeiden und um sich auf das Geschwader Boume zu werfen ; als 
er aber mit Boume zusanmienstieß, wurde er auch von Penn angegriffen. 
Während nämlich Blakes Schiffe durch ihren Kurs fast vor dem Winde zu- 
nächst nach Lee geführt waren, hatte sich das Geschwader Penn, um von der 
Bank frei zu liegen oder wieder freizukommen, genötigt gesehen, über B. B. Bug 
an den Wind zu gehen, und war nun in günstiger Lage zum Eingreifen. Penn 
selbst schreibt: „Der Umstand des Unklarkonmiens von der Bank, der 
so verhängnisvoll hätte werden können, trug zirni glücklichen Entscheide bei.** 

Der Kampf wütete etwa von 3 Uhr nachmittags bis zum Eintritt der 
Dunkelheit, die Verluste waren schwer auf beiden Seiten, doch waren die 
Holländer in jeder Hinsicht im Nachteü. Nach englischen Angaben wurden 
2 Holländer genommen,, i verbrannt, dagegen kein englisches Schiff ver- 
loren ; holländische Quellen geben 600 Tote und Verwundete, sowie schwere 
Beschädigungen an Schiffen und Takelage zu, behaupten aber, der englische 
Mannschaftsverlust sei größer gewesen. De Witt wollte am nächsten Tage, 
hartnäckig und für seine Stellung besorgt, den Kampf wieder aufnehmen, 
aber im Kriegsrat stimmten seine Admirale entschieden dagegen unter Hinweis 
auf die erlittenen Verluste und Beschädigungen, auf die minderwertigen 
und unvollständig bemannten Schiffe sowie darauf, daß die holländischen 
Schiffe nicht beisammen seien, die Engländer aber Verstärkimg erhalten 
hätten. 

Am 9. morgens standen etwa 20 Schiffe weit in Lee und kamen auch nicht heran. 
Ähnlich hatten schon einige der Versprengten am 8. gehandelt, andere hatten sich im Ge- 
fecht lau erwiesen ; die bekannte Unbotmäßigkeit und Unfähigkeit einzelner Komman- 
danten. De Witts Beschwerde später fruchtete nichts; ihre große Zahl und ihre 
politischen Freunde schützten die Beschuldigten. 

Nach „Vie de Tromp" und „Leben Ruyters" stieß in der Nacht eine Verstärkung 
von 16 Segeln zu Blake, wahrscheinlich die ausgebesserten Schiffe Ayscues. 

D e W i 1 1 mußte sich fügen und segelte mittags der heimischen Küste 
zu. Die Engländer wurden vormittags durch den flauen Wind verhindert, 
den Feind emstüch zu engagieren; später folgten sie, brachen dann aber am 
Abend die Verfolgung ab, um die Gefahren der holländischen Küste zu ver- 
meiden. Sie gingen nach den Downs zur Auffüllung von Vorräten und zur 
Ausbesserung. 

Der Versuch de Witts, den Handel durch Angriff auf die feindlichen See- 
streitkräfte frei zu machen, war gescheitert. Der Erfolg der Engländer 
befestigte ihre Herrschaft über den Kanal noch mehr; ihre kleinen Kreuzer 
machten reiche Beute. 

Niederlage der Engländer bei Dungeness, 10. Dezember 1652. Nach dem 
letzten Erfolge hoffte man in England, Holland würde geneigt zum Frieden 
sein, wenigstens erwartete man bei der vorgerückten Jahreszeit zunächst 
von dort keine größeren Unternehmungen mehr. Die Flotte Blakes wurde 
deshalb ohne Bedenken sehr geschwächt. Man sandte ein Geschwader von 

14* 



212 I^ei' erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

18 Schiffen in den Sund, da Reibungen mit Dänemark*) entstanden waren, 
und 12 Schiffe wieder nach dem Westen des Kanals; Penn begleitete mit 
20 Schiffen Kauffahrer imd mehrere Schiffe gingen in die Themse, um aus- 
gebessert zu werden; sogar die behelfsmäßigen Batterien bei Deal, die Ayscue 
in den Downs so gut geschützt hatten, wurden als unnötig eingezogen. In 
Holland dagegen rüstete man trotz des herannahenden Winters mit aller 
Kraft, um durch Einstellung von Begleitschiffen den völlig brachliegenden 
Handel zu schützen. Schon vor der letzten Schlacht war es nötig gewesen, 
das Auslaufen von Kauf f ahrem ohne Schutz von Kriegsschiffen zu verbieten ; 
so hatten sich jetzt an 300 nach auswärts bestimmte Schiffe angehäuft, die 
ihre Reise vor dem Winter antreten mußten, und bei der Insel Re vor La 
Rochelle sammelten sich zahlreiche Heimkommende, um durch den Kanal 
geleitet zu werden, denn auch an diesem üblichen Sammelpunkt war das 
Verbot des AUeinsegelns bekannt gemacht worden. 

Anfang Dezember war eine Flotte von 73 Schiffen mit kleineren Fahr- 
zeugen und Brandern seeklar.**) Der Oberbefehl war wieder an T r o m p 
gegeben, unter ihm standen Ruj^er, Jan Evertsen und Floriszoon; de Witt 
war erkrankt. Blake verfügte in den Downs nur über 37 Schiffe nebst 
einigen kleineren Fahrzeugen. Wahrscheinlich hatte T r o m p Kenntnis 
von Blakes Schwäche. Er ließ den Konvoi, die 300 nach auswärts bestimmten 
Kauffahrer, an der flämischen Küste und erschien am 9. Dezember in der 
Frühe mit seiner ganzen Flotte hinter Goodwin-Sands; Blake lichtete nach 
kurzem Kriegsrat Anker. Beide Flotten steuerten südlich. 

Verschiedentlich ist darüber geschrieben, weshalb der sonst so wohl 
überlegende Blake bei seiner Schwäche diesen Schritt tat. Das Wahr- 
scheinUchste dürfte sein, daß er seinen Ankerplatz nicht für sicher hielt, 
namentlich da die schützenden Batterien am Lande eingegangen waren; er 
dachte wohl daran, daß Tromp 1639 hier den Spanier d'Ocquendo wie in 
einer Falle gefangen hatte. Auch ist es möglich, daß er an dem trüben Winter- 
morgen die Stärke des Feindes nicht erkannte ; später konnte er nicht ziirück, 
da der anfänglich südwestliche Wind nach NW. drehte imd stark auffrischte. 

Am 9. Dezember verhinderte der starke Wind einen Kampf, Blake 
ankerte am Abend vor Dover, Tromp einige Seemeüen leewärts von ihm. 
Am 10. Dezember morgens lichteten beide Flotten Anker und steuerten auf 
Parallelkursen, über B. B. Bug beim Winde, der Küste entlang, doch konnten 
die Holländer den Feind erst erreichen, als etwa um i Uhr der Lauf der Küste 
(vgl. Skizze: Dover, Seite 202) die Spitze der Engländer bei Düngeness 



*) Dänemark hielt zu Holland, indem es mit vertragsmäßig dazu bestimmten 
Kriegsschiffen holländische Kauffahrer schützte, ja sogar konvoiierte, engUsche Fahr- 
zeuge dagegen aufbrachte. Das erwähnte englische Geschwader wurde durch Sturm 
verhindert, etwas zu leisten. 

♦♦) Im „Leben Ruyters", Seite 30, wird gerade bei dieser (xelegenheit hervorgehoben, 
daß sich in der Flotte sehr viel eingestellte Kauffahrer befanden, und daß um diese Zeit 
zuerst dringende Anträge für den Bau von Kriegsschiffen gestellt seien. 



Niederlage der Engländer bei Dungeness am lo. Dezember 1652. 213 

zwang, sich ihnen zu nähern. Es kam zu einem heftigen Kampfe der auf 
beiden Seiten führenden und schwersten Schiffe, in dem die Holländer an 
Zahl weit überlegen waren. Die Überlieferungen melden blutige Schiffs- 
duelle;*) besonders die Admiralschiffe sind beteiligt; erst werden Breitseiten 
gewechselt, dann wird zum Entern längsseit gegangen; mehrfach liegen 3 auch 
4 Schiffe nebeneinander. Wie gewöhnlich trennt erst die Dunkelheit die Gegner. 
Der Erfolg war auf Seiten der Holländer; Blake verlor 5 Schiffe (2 genommen, 
3 gesimken), von den Holländern war nur ein Schiff durch einen Zufall auf- 
geflogen. Blake war genötigt, das Feld zu räumen, er ankerte auf Dover 
Rhede und ging später nach den Downs zurück. T r o m p machte keinen 
Versuch, den Sieg bis zur Vernichtung des Feindes auszunützen, sei es, 
daß er doch auch stark gelitten, sei es, daß für eine derartig energische 
Kriegführung eben noch kein Verständnis war; man dachte nur an den 
Konvoi und war mit dem Teilerfolge zufrieden. Er lag einige Tage zur Aus- 
besserung bei Dungeness und hatte Gelegenheit, einige ostwärts segelnde 
Engländer abzufangen; er Heß sogar landen, mn Vieh zu rauben; dieses 
Unternehmen brachte jedoch nur Verluste. Dann führte er seinen Konvoi 
bis zur Insel R6, von wo aus er die Biscaya beherrschte, während heimwärts 
bestimmte Fahrzeuge sich dort weiter sammelten.**) 

Wahrscheinlich sind bei Dungeness nicht alle Holländer im Gefecht 
gewesen, da die schlechteren Segler beim Beginn zu weit in Lee waren; er- 
wiesen ist, daß verschiedene enghsche Kommandanten sich absichtlich fem- 
gehalten haben, nicht nur solche von armierten Kauf fahrem, sondern auch solche 
von Kriegsschiffen und mit sonst gutem Ruf. Blake bat, bedrückt durch 
die Niederlage, um Entsetzung von seinem Kommando und forderte eine 
Untersuchimg gegen die PfUcht vergessenen. Sein erster Wunsch wurde nicht er- 
füllt, es wurde ihm im Gegenteü ein Vertrauensvotum zuteil. Die Unter- 
suchimg***) aber wurde sofort eingeleitet und hatte wichtige Folgen: die 
Entlassung und Bestrafung mehrerer Kapitäne; die Verordnung, daß Kauf- 
fahrteischiff er in Zukunft ihre Schiffe nicht mehr im Gefecht führen sollten ; 
den Neubau zahlreicher Kriegsschiffe, unter anderen von 30 Fregatten (d. h. 
gut segelnden Schiffen, vgl. Seite 164). 



. ♦) Unter den sich besonders auszeichnenden Schiffen ündet man Namen, die seit- 
dem in der englischen Flotte stets wieder erscheinen: „Victory", „Vanguard", „Triumph** 
(Blakes Flaggschiff). 

♦♦) Bei diesen Fahrten soll Tromp einen Besen im Topp geführt haben, als 
Zeichen, daß er den Kanal reingefegt habe. Nach Clowes, Teil II, Seite 174, ist dies 
eine Sage: Ein Besen im Topp sei damals das Zeichen gewesen, daß das betreffende 
Schiff zum Verkauf stehe. So sei die Erzählung wohl ein Witz wort von jemandem, 
der Tromp in St. Martin auf R6 seine Prisen habe verkaufen sehen. Aber auch dann 
bezeugt der lange Glaube an die Erzählung, daß die Holländer nach Dungeness einige 
Zeit die Herrschaft im Kanal hatten. 

**♦) Die Untefsuchungsakten hegen nicht mehr vor, so daß der Grund für das Ver- 
halten der Kriegsschiffkommandanten unbekannt ist. Man glaubt, es Einflüssen der 
royalistischen Partei zuschreiben zu müssen. 



214 ^cf erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

England gibt das Mittelmeer auf. Die Schlacht bei Dungeness hatte auch 
üble Folgen für die Engländer im Mittelmeer; dies sei, zeitlich etwas vor- 
greifend, hier kurz geschildert. Zunächst war es nicht möglich, eine Ver- 
stärkung, wie beabsichtigt, dorthin zu senden, femer aber wurde die Haltung 
des Großherzogs von Toskana ernster. Holland hatte ihm Vor- 
stellungen über den Neutralitätsbruch durch Wiedemahme des „Phoenix" 
gemacht, und jetzt, wo die Holländer im Norden im Vorteil waren, wollte sich 
der Großherzog nicht mehr mit Entschuldigungen und Desavouierung der 
Offiziere englischerseits begnügen, sondern forderte Wiederherausgabe des 
Schiffes oder Verlassen des Hafens seitens des englischen Geschwaders; 
die Holländer blockierten deshalb mit ihrer ganzen Macht Livorno. B a d i 1 e y 
versuchte nun verabredungsgemäß, am 14. März 1653, durch sein Erscheinen 
vor dem Hafen den Feind abzulenken, um Appleton den Weg 
zu beiderseitiger Vereinigung freizumachen. Die Holländer gingen 
auch scheinbar zum Angriff auf Bädiley vor, als aber Appleton nunmehr 
bei ablandigem Winde zu früh den Hafen verließ, wandten sie sich sofort 
gegen diesen und vernichteten ihn, ehe Badiley zur Unterstützung heran- 
kommen konnte. Appletons Flaggschiff „Leopard", das einzige Kriegs- 
schiff, und 4 armierte Kauffahrer wurden genommen, ein Schiff flog auf, 
nur einem gelang es, Badüey zu erreichen. Wie heiß das Gefecht*) war, kann 
man daraus ersehen, daß „Leopard" von 200 Mann Besatzung 150 Tote und 
Verwundete verlor. Badiley wurde nicht weiter verfolgt, da seine 4 
Kriegsschiffe und 2 armierten Kauffahrer an Größe allen Holländern über- 
legen waren. Er ging zunächst nach Elba zurück, später nach Messina und 
endlich im Mai nach England in der richtigen Erkenntnis, daß er, ohne Unter- 
stützimg, im Mittelmeer ohne jeden Nutzen sei. Tatsächlich war seine Rück- 
beruf ungsorder auch schon unterwegs; England hatte sich genötigt gesehen, 
die Mittelmeerstation vorläufig aufzugeben. 

Die Schlacht bei Portland am 28. Februar 1668. Wenn auch nach der 
Schlacht bei Dungeness für einige Wochen der Kanal in den Händen der 
Holländer war und zahlreiche holländische Schiffe dort mit Erfolg kreuzten, 
so müssen doch neue Rüstungen und Maßregeln in England bald wieder 
einen Umschlag herbeigeführt haben ; es ist z. B. bekannt, daß schon im 
Januar 1653 Genua die englische Regierung um einen Freipaß durch den 
Kanal zur Überfühnmg zweier in Holland erbauter Kriegsschiffe bat. 

Mitte Februar 1653 war eine englische Flotte von etwa 70 Schiffen 
seeklar, darunter viele der neuerbauten schnellen Schiffe (fregattenähnhche!), 
die sich gut bewähren sollten. Zur Bemannung der Schiffe hatte man stark 
auf die Armee zurückgreifen müssen. Die Flotte stand unter den Generalen 



•) Über das Gefecht etwas genauer: Clowes, Teil II, Seite 176; Allen, Teil I, 
Seite 44; „Vie de Tromp", Seite 105. Im letzten Angaben über die Schicksale der 
einzelnen Schiffe und über den Gesamt-Mannschaftsverlust : Engländer 286 Tote, 
293 Verwundete; Hollander 123 Tote, etwa ebensoviel Verwundete. Der hollandische 
Admiral van Galen wurde tödUch verwundet. 



England räumt das Mittelmeer. Schlacht bei Portland am 28. Februar 1653. 215 

zixv See Blake, Deane und M o n c k . Blake führte das Zentrum- 
geschwader (rote Flagge), Monck die Vorhut (weiße Flagge), und Penn die 
Nachhut (blaue Flagge); Deane büeb bei Blake an Bord. Jedes Geschwader 
war wieder in drei Divisionen geteilt, die unter dem betreffenden Geschwader- 
chef sowie einem Vizeadmiral und einem Kontreadmiral standen. 

Monck und Deane waren wie Blake aus der Armee hervorgegangen'; Deane fiel 
schon 1653 in der Schlacht beiNorthforeland-Nieuport. Monck, geboren 1608, zeichnete 
sich als Feldherr bereits unter Karl I. aus, wurde dann aber ein besonderer Vertrauter 
Cromwells. Nach dessen Tode und seines Sohnes Sturz trat er für Karl II. und Wieder- 
einsetzung des Königtumes auf ; der neue König erhob ihn zum HerzogvonAlbe- 
m a r 1 e. Er führte im ersten und zweiten Kriege mehrfach den Oberbefehl zur See 
mit Ruhm^ doch erreichte er Blake nicht; er starb 1670. 

William Penn, geboren 1621, war Berufsseemann; er wurde 1644 Kapitän, 
1648 Kontreadmiral, 1650 Vizeadmiral und 1653, nach Deanes Tode, General zur See; 
er zeichnete sich gerade als „Seemann" aus. Clowes schreibt hierüber z. B.: „Es war 
<bei Portland) ein Glück für England, daß Deane von seinem Rechte keinen Gebrauch 
machte, sondern Penn die Führung des blauen Geschwaders überließ ; so blieb wenigstens 
dieses in den Händen eines Seemannes.'' Penn starb 1670. Ebenso war L a w s o n , 
der Vizeadmiral des roten Geschwaders, Seemann von Beruf; auch er zeichnete sich 
hier, sowie später noch in den höchsten Stellungen aus. Er fiel 1665. 








SxoJte^ 2iMO>a/nvinrMofeo^. 






Die Schlacht bei Portland, 28. Februar 1653. 
Erster Zusammenstoß. 



Die nächste Aufgabe der' englischen Flotte war, die holländische auf 
ihrer Rückkehr von R6 abzufangen. T r o m p war an Zahl der Schiffe, etwa 
80, wohl etwas überlegen, doch waren diese wie bisher minderwertig und 
durch den Konvoi von etwa 250 Handelsfahrzeugen sehr behindert. Am 



2i6 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

28. Februar 1653 sichteten sich die Gegner in der Mitte des Kanals auf der 
Höhe von Portland. Tromp geht sofort zum Angriff über, da er die 
Engländer in einer Lage sieht, die ihnj^Erfolg verspricht.*) Die Überlieferungen 
sind sehr lückenhaft, sie lassen aber doch den Verlauf ungefähr verfolgen; 
besonders aber kann man erkennen, welchen Einfluß ein selbständiges Handeln 
befähigter Unterführer, hier Penns und Lawsons, hat. Es ist das erste Mal, 
daß derartige Fälle genauer bekannt sind. 

Tromp kam mit frischem Westnordwestwinde den Kanal hinauf, 
die englische Flotte steuerte südwestlich, wahrscheinlich in breiter Formation 
mit halbem Winde. M o n c k war während der Nacht mit seinem Geschwader 
einige Seemeilen nach Lee geraten, Penn stand zwar in Blakes Nähe, aber 
auch bei diesen beiden Geschwadern waren die Divisionen getrennt und 
Nachzügler zurückgeblieben, die besseren Schiffe hatten die schlechteren 
ausgesegelt ; bei Blake waren nur 10 oder 12 Schiffe in unmittelbarer Nähe. 
Somit war Tromp die Gelegenheit gegeben, den Feind auf schwachen Punkten 
mit XJbermacht anzugr^fen. Er befahl seinem Konvoi, zu Luvard 
außerhalb des Feuerbereichs zu bleiben, und hielt in Flottendwarslinie aus 
Geschwadergruppen (vielleicht auch eine Art Halbmondformation) auf den 
Feind ab, wobei er selbst mit dem Zentrum auf Blake zusteuerte. 

Wohl hätte Blake dem Angriff ausweichen und sich auf Moncks Ge- 
schwader einheitUch zum Gefecht formieren können, aber er verschmähte 
dies, ging an den Wind und nahm den Kampf an. So kamen seine wenigen 
Schiffe zunächst mit Tromps ganzem Geschwader ins Gefecht, wurden gleich 
darauf von R u y t e r s Geschwader seitlich angegriffen und Evertsens 
Schiffe drohten die völlige Umschließung zu vollenden. 

Der letzteren Gefahr begegnete Penn. Auch er war sofort an den Wind 
gegangen und kam gegen Evertsen mit den St. B. Seiten zum Gefecht, um 
aber nicht von Blake getrennt zu werden und um Evertsen von diesem 
abzuhalten, wendete er, segelte durch den Gegner durch und griff in Blakes 
Kampf ein; Evertsen behielt seinen Kurs bei und griff Monck an. Eine zweite 
Unterstützung erhielt Blake durch richtiges Manövrieren seines Vizeadmirals 
L a w s o n. Dieser stand mit seiner Division etwas zurück und wäre, wenn 
auch er gleich an den Wind gegangen, durch Ru5rter von Blake getrennt 
gewesen. Er Hef deshalb zunächst weiter, bis er imstande war, über St. B. 
Bug auf Tromp zuzuliegen, dann erst wendete er und verstärkte so den Stoß 
Penns kurze Zeit nachher. 

Auf diesem Hauptkampfplatze wurde mit der Hartnäckigkeit, wie sie 
eben die Kämpfe dieser Zeit kennzeichnet, in der Melee gefochten; fmrchtbares 
Feuergefecht in nächster Nähe, Schiffe werden geentert und wiedergenommen. 
Als immer mehr Engländer herankommen, die noch fehlenden Divisionen und 
die Nachzügler des roten und blauen Geschwaders, bricht Tromp gegen 4 Uhr 

♦) Schilderung der Schlacht nach Clowes, Teil II, Seite 168; „Vie de Tromp" und 
„Leben Ruyters" geben nur Taten holländischer Schiffe; die wenigen Andeutungen 
anderer Art weichen oft von Clowes ab. 



Schlacht bei Portland am 28. Februar 1653. 



217 



nachmittags das Gefecht ab. Er fühlte sich wohl diesen frischen Kräften 
nicht mehr gewachsen und fürchtete, daß sich ein Teil gegen den Konvoi 
wenden würde; er sagt später in seinem Bericht, um 4b pm habe der Gegner 
eine Gruppe schneller Schiffe zu diesem Zwecke abgesandt. Verfolgt wurde 
er nicht, wohl da die stärksten Schiffe der Engländer in dem für sie so harten 
ersten Zusammenstoß sehr gelitten hatten ; es waren auch Blake und Boume 
schwer verwundet. Bei dem weißen Geschwader wurde der Kampf bis zur 
Ihmkelheit fortgesetzt, scheinbar jedoch ohne große Erfolge. 




« ^/umt<|9, SbloJhA, ^iuMbtrv A^f%v d&A^^c^AcAt fflboJUc^ 

Die Schlacht bei Portland, 28. Februar 1653. 

Hauptmoment. 

Die Verluste waren auf beiden Seiten schwer. Die Holländer verloren 
nach eigenen Angaben an Schiffen : i genommen, i aufgeflogen, 3 gesunken, 
doch sollen noch einige verbrannt sein ; von den Engländern ist i gesunken, 
mehrere, darunter 3 — 4 größere, mußten sofort nach Portsmouth zur Aus- 
besserung gesandt werden. Der Mannschaftsverlust war beiderseitig auf 
einzelnen Schiffen ungeheuer groß. 

Während der Nacht bessern beide Flotten aus. Aus Tromps Berichte 
kann man entnehmen, daß er nach einem Kriegsrat beschloß, von 
weiteren Angriff en abzusehen und nur seine Aufgabe, den Schutz des Konvois, 
zu verfolgen. Er konnte diesen nicht entlassen, weil er fürchtete, daß die 
Engländer noch weitere Streitkräfte im Osten hätten, und er war nicht stark 
genug, eine Bedeckung für ihn abzuzweigen; außerdem wurde auf vielen 
seiner Schiffe die Munition knapp, so daß er sogar den Befehl zu sparsamer 
Verwendung geben mußte. Er segelte deshalb am i. März weiter und hielt 
sich mit der Flotte in Halbmondformation zwischen dem Konvoi und dem 
Feinde, um jedem ernstlichen Nachdrängen entgegentreten zu können. Die 
Engländer folgten mit der Absicht, möglichst viele Schiffe abzufangen; 



2l8 I^er erste englisch- holländische Krieg 1652 — 1654. 

sie schießen deshalb bei Zusammenstößen gegeii ihren sonstigen Brauch auf 
die Takelage,*) um die Schiffe zu lähmen (vgl. Seite 197). 

Am I. März kommt es auf der Höhe vonWight zwischen Teilen zu 
einem schweren Gefecht, in dem besonders R u y t e r den Feind mehrfach 
zurückwirft ; sein Schiff wird dabei so zerschossen, daß es am Abend in Schlepp 
genommen werden muß. Dagegen geUngt es L a w s o n mit einigen „Fre- 
gatten" — neuere gute Segler sind gemeint — 2 Kriegsschiffe und 10 oder 
12 Handelsschiffe vom rechten Flügel abzuschneiden und zu nehmen. Viele 
Schiffe des Konvois verlieren das Zutrauen auf ihren Schutz und brechen 
aus, um die französische Küste zu erreichen; manche von ihnen werden ge- 
nommen. Auch am dritten Tage (2. März) greifen die Engländer mehrfach 
an; die Zahl der holländischen Kriegsschiffe wird immer kleiner, denn viele 
derjenigen, die die Munition verschossen hatten, suchen ihr Heil auf eigene 
Faust. Am Abend dieses Tages standen die beiden Flotten unter Land 
südwestlich von Kap Grisnez. Die Engländer ankern, da nach Ansicht 
ihrer Lotsen dem Feinde während der Ebbe in der Nacht ein Dublieren des 
Kaps unmöglich sein mußte; der Wind war schon am 2. März flau und östlich 
geworden. Am Morgen des 3. März aber sind alle Holländer außer Sicht, 
die Engländer gehen deshalb nach ihrer Küste zurück. 

Der größere Verlust in dieser dreitägigen Aktion war 
sicher auf Seiten der Holländer, die mindestens 12 Kriegsschiffe gegen nur 
eins der Engländer verloren. Beide Führer schrieben sich in ihren Berichten,**) 
die unmittelbar nach den Begebenheiten und vor Eingang genauer Meldungen 
abgesandt sind, den Sieg zu. T r o m p hatte ja auch seine Aufgabe, den 
Konvoi heimzubringen, gelöst, aber er hatte außer den Kriegsschiffen wenig- 
stens 30 seiner Schutzbefohlenen verloren. 

Tromp gibt den Mannschaftsverlust der Engländer auf 2000 Tote und Verwundete 
gegen 600 Tote und etwas mehr Verwundete der Holländer an ; es ist dies gewiß über- 
schätzt, vielleicht unter dem Eindruck der Verluste der Engländer am 28. Februar an 
der Stelle, wo Tromp selbst focht. Der große Verlust der Holländer an Schiffen ist 
damit leicht zu erklären, daß das fechtende Material der Engländer weit besser war, 
mehr, und auch neuere Kriegsschiffe, und daß die Holländer sich zurückzogen, wobei 
verkrüppelte und versprengte Fahrzeuge dem Verfolger leicht in die Hände fallen mußten. 

Neue Rüstungen. In beiden Ländern wurden die größten Anstrengungen 
gemacht, ihre Flotten baldigst wieder schlagfertig herzustellen. England 
verfügte noch über mehr Schiffe, als bei Portland gefochten hatten, aber die 
Bemannung machte Schwierigkeit. Die Löhnung war gering und wurde 
unregelmäßig gezahlt, die Folge davon war Unzufriedenheit, ja Meuterei auf 
den Schiffen ; viele Engländer dienten sogar in Holland, wobei sie, wie Schotten 
und Iren im gleichen Falle, ihr Gewissen damit entlasteten, daß sie für die 
Sache ihres rechtmäßigen Königs kämpften. Man mußte wiederum in großem 



♦) „Vie de Tromp**, Seite 95. 
♦♦) „Vie de Tromp**, Seite 99 und loi, wörtliche Wiedergabe der Berichte Tromps 
und Blakes. 



Rüstungen und Unternehmungen im Frühjahr 1653. 2 IQ 

I 

Maßstabe auf das Heer zurückgreifen; übrigens hatten die eingeschifften 
Soldaten bei Portland durch ihr Gewehrfeuer sehr gute Dienste geleistet. 
Auch in Holland machte die Bemannung zunächst Schwierigkeit, die 
aber bald durch Lohnerhöhung gehoben wurde; man hatte femer die Wal- 
fischfahrt nach Grönland verboten, um mehr Leute für die Flotte zu erhalten 
und auch um die Grönlandsfahrer dem Angriff der Engländer zu entziehen. 
Im Schiffsmaterial blieb Holland weiter im Nachteil. Auf die beständigen 
Klagen der Admirale hin hatte man zwar eine große Zahl wirkhcher Kriegs- 
schiffe auf Stapel gelegt, diese Schiffe waren aber noch nicht fertig. Die 
Admirale klagten sogar darüber, daß die Ausbesserung der in den Schlachten be- 
schädigten Schiffe vernachlässigt*) würde. 

Da eigentlich in beiden Ländern in einem großen Teil der Bevölkerung 
Neigung zum Frieden war, knüpfte Holland neue Verhandlungen an, auf deren 
Erfolg man namentüch rechnete, als Cromwell im April 1653 das „lange 
Parlament" aufgelöst und sich der Alleinherrschaft bemächtigt hatte, aber 
sie zerschlugen sich, weU Cromwell von seinen 165 1 aufgestellten Forderungen 
nicht abging. Bald wurden nun die Feindseligkeiten wieder aufgenommen. 
T r o m p erhielt den Befehl, Mitte Mai einen Konvoi von 200 Schiffen, von 
den verschiedenen Häfen Hollands nach Frankreich und Spanien bestimmt, 
bis zimi Norden Schottlands zu geleiten und in den dortigen Gewässern an- 
gesammelte Fahrzeuge heimzubringen. Die englische Flotte unter M o n c k 
und D e a n e **) hatte Kenntnis davon erhalten und ging zur holländischen 
Küste, um womöglich schon das Sammeln der Handelsschiffe und ihre Ver- 
einigung mit der Flotte, sonst aber den Marsch des Feindes zimi Angriff zu 
benutzen. 

Zur Störung des Sammeins kam man zu spät, auch zu einem Zusammen- 
stoße kam es nicht, da man sich nicht sichtete, obgleich die Flotten am 15. Mai 
nur wenige Meüen voneinander entfernt waren. T r o m p führte den Konvoi 
wohlbehalten nach Norden ; wenn er auch den Rückkonvoi verfehlte, so kam 
er doch mit der Flotte und ebenso der Konvoi Ende Mai ungehindert 
nach Holland zurück. Die englisdie Flotte hatte nach seiner Abfahrt die 
holländische Küstenschiffahrt und Fischerei gestört, einen erfolglosen Ver- 
such gemacht, Schiffe in dem Vlie zu nehmen und die ganze feindliche Küste 
alarmiert. 

Nach der Rückkehr, Ende Mai, erfuhr T r o m p , daß in den Downs 
ein kleines englisches Geschwader läge — es war B a d i 1 e y mit dem Mittel- 
meergeschwader und einem kleinen Konvoi von 18 Schiffen, kurz vorher 
aus dem Mittelmeer eingetroffen — und ging mit der ganzen Flotte hinüber. 



♦) Nach „Vie de Tromp" war der Bau von 30 Schiffen, nach „Leben Ruyters" 
Seite 40, sogar der von 60, in zwei Raten, angeordnet; sie werden dort „Fregatten" 
genannt (vgl. Seite 164.) 

♦♦) Blake war zur Zeit der Parlamentsauflösung an der Ostküste Englands statio- 
niert, wie man sagt, da Cromwell seiner Zustimmung zu erwähntem Staatsstreiche nicht 
sicher war. Yonge, Teil I, Seite 72. 



220 



Der erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 



mit der Absicht, den Feind von beiden Seiten anzugreifen und zu erdrücken. 
Aber Badiley war gewarnt und in die Themse eingelaufen. Die zuerst an- 
konunenden holländischen Geschwader unter Ruyter konnten nur noch 
einige der Kauffahrer, die nahe am Lande bei Dover und Deal lagen, unter 
heftigem Feuer der dortigen Befestigungen erbeuten (4. Juni). Inzwischen 
war auch M o n c k in See gewesen, um Tromp zu suchen. Als dieser erfuhr, 
daß die englische Flotte am 3. und 4. Juni bei Nieuport an der flandrischen 
Küste und am 8. Juni vor Walcheren gesehen und nach Norden gesegelt 
sei, folgte er. Am 11. Juni lag die englische Flotte auf der Rhede von Yar- 
mouth, die holländische etwa 12 Seemeilen nordöstlich von Northforeland; 
beide hatten Kenntnis voneinander und beabsichtigten den Kampf, Tromp 
wollte sich zwischen den Feind und die Themsemündimg schieben. Monck 
ging noch an demselben Tage Anker auf und ankerte wieder außerhalb des 
Gabart-Sandes etwa 15 Seemeilen südöstlich von Orfordness. Zum ersten 
Male standen sich jetzt fast die vollen Streitkräfte der beiden Staaten gegen- 
über, die Holländer dieses Mal nicht, wie bisher in allen großen Schlachten, 
durch einen Konvoi behindert. Es schien die den Krieg entscheidende Schlacht 
bevorzustehen. 



Die •ngilseh« Rotte bei KorthforeUnd am 12. Jaul 1658. 

I. (rotes) Geschwader: Die Generale Monck und Deane (Admirale der Flotte). 



I. Division : Die Generale 



Anahl 
der SchifTe 



mit 
Kanonen! Mann 
pro Schiff 



II. Division: Peacock 
(Vizeadmiral) 



Ansah! 
der Schiffe 



mit 
Kanonen | Mann 
pro Schiff 



1 1 1. Division : Howett 
(Kontreadmiral) 



Anzahl 
der Schiffe 



mit 
Kanonen I 

pro Schiff 



I („Resolution") 


88 


550 


I . . . . 


50 


220 


4 . . . . 


40 — 42 


160—180 


I . . . . 


38 
26 


140 
100 


I . . . . 


I . . . . 


14 


90 


3 Brander . 


10 


30 


4 arm. Kauff. 


36—44 


140—180 


1 6 Segel 



I („Triumph") 

4 • • • • 
4 • • • • 
3 arm. Kauff. 

12 Segel 



62 

40—48 

33—37 
34—44 


350 
160—200 
120—150 
120 — 180 


I („Speaker") 
I . . . . 

3 . . . . 
3 . . - . 

1 . . . . 

2 arm.Kauff. 


56 

46 

40—50 

30—38 
26 

30-34 


1 1 Segel 



300 

180 

170—180 

120—160 

100 
HO— 120 



Il.(weißes) Geschwader: Admiral Penn (Vizeadmiral der Flotte). 



I. Division : Penn (Admiral) 



I („James") 

1 . . . 

3 . . . 

2 . . . 

I . . . 
I Brander 
5 arm, Kauff. 

14 Segel 



66 

50 
40—42 

32-38 
12 

10 

30—46 



360 

220 

180 
100— i7o< 

90 

30 
100—180 



II. Division: Lane 
(Vizeadmiral) 



I („Victory") 

X • ■ • • 
N • • • • 

3 arm. Kauff. 



10 Segel 



60 

42 
30—38 
28—34 



300 

200 
110 — 140 
100—125 



III. Division: Graves 
(Kontreadmiral) 



I („Andrew") 
I > • . • 

4 • • • • 

46 ... . 
I arm. Kauff. 



9 Segel 



56 

40 
30—38 
24—26 

30 



360 

160 

120—170 

90—100 

100 



Zusammensetzung der englischen Flotte bei Northforeland (Juni 1653). 22 1 



III. (blaues) 


Gesc 


bwader 


: Admiral Lawson (Kontreadmiral 


der 


Flotte). 


I. Division : Lawson (Admiral) 


II. Division: Jordan 
(Vizeadmiral) 


III. Division: Goodsonn 
(Kontreadmiral) 


Ansah! 
der SchifTe 


mit 
Kanonen Mann 
pro SchifT 


Aniahl 
der Schiffe 


mit 
Kanonen) Mann 
^ro Schiff 


Anzahl 
der Schiffe 


mit 
Kanonen! Mann 
pro Schiff 


I („George") 

1 ■ • • . 
j . . . • 

2 . . . . 
I Brander . 


58 

50 

40 
30-38 

10 
30—38 


350 

180 
170—200 
120—150 

30 
HO— 160 


I (,,VanKiianl**) 
I . . • . 
5 « . . • 
1 • . . . 

3 arm. KaufT. 


56 

43 
30—38 

30 
30-36 


390 

200 
120 — 160 

100 
HO — 140 


I C.Rainbow") 

A . . • . 

4 • • • • 

J . . . < 

4 arm. Kauff. 


58 

44 
30-36 

12 
30—36 


300 

210 
120—150 

40 
110— 120 


4 arm. Kauflf. 


1 1 Segel 


1 1 Segel 




12 Segel 





Insgesamt: 105 Segel; darunter 5 Brander und 29 armierte Kauffahrer (englisch 
genannt: hired merchantmen) mit 16459 Mann und 3840 Geschützen. 

Die Tabelle ist ein Auszug der im Clowes, Teil II, Seite 187, gegebenen, in der die 
Schiffe einzeln mit Namen, Namen der Kommandanten, Starke der Armierung und 
Besatzung aufgeführt sind. 

Clowes hebt hervor, daß die Schiffe „sogar für die damalige Richtung in der eng- 
lischen Marine außergewöhnhch" überarmiert gewesen seien. 

In der Tabelle ist das „rote" Geschwader als „Erstes" vorangestellt, während es 
doch wahrscheinlich „die Mitte" der Flottenformation bildete (vgl. Seite 215); ebenso 
sind die Divisionen, die von den Geschwaderchefs geführt wurden, als „Erste" bezeichnet, 
obgleich sie doch in der Mitte ihrer Geschwader segelten. Wenigstens war es in beiden 
FäUen später stets so. 

Aus dieser Einteilung einer großen Flotte und aus der Verteilung der Flaggoffiziere 
ihrem Alter nach kann man die engUiehen Admlralsehargen der Tersehledenen Flaggen 
herleiten. Wir haben die „Funktionen": Admiral, Vizeadmiral und Kontreadmiral 
„der Flotte" (Mitte ; Vorhut ; Nachhut) und dann dieselben in jedem Geschwader. Daher 
kommen die Admirale der roten, weißen und blauen Flagge als Chefs der Geschwader 
und die Vize- sowie Kontreadmirale der verschiedenen Flaggen als Chefs der ent- 
sprechenden Divisionen. Hierbei ist an die Gesamtflotte Englands oder doch an eine 
ungeheuer große Flotte, wie z. B. bei Northforeland, gedacht. Da die Flotten später 
kleiner wurden und kaum je nur eine aufgestellt wurde, entsprachen in der Praxis durch- 
aus nicht immer die Chargen der zu einer Flotte kommandierten Flaggoffiziere ihren 
Funktionen in dieser. 

Die vorstehende Tabelle gibt die Zusammensetzung der englischen Flotte. 
Sie ist so eingehend gehalten, da sie gleichzeitig die Zusammensetzung und 
Einteilung einer der ungeheuer starken Flotten damaliger Zeit veranschau- 
hchen soll. Die englische Marine teilte jetzt schon fast stets die 
Flotten in 3 Geschwader und 9 Divisionen (vgl. Seite 187), während die 
Holländer noch bis 1666, in welchem Jahre Ru3rter den Oberbefehl übernahm, 
häufig mehr Geschwader bildeten (vgl. Seite 147, Tromp). 

Die holländische Flotte bestand am 12. Juni, nach Tromps Bericht, aus 
98 Schiffen und 6 Brandem. Sie war in 5 Geschwader unter Tromp, de Ruyter, 
de Witt, Jan Evertsen und Floriszoon geteilt; jedes Geschwader zerfiel in 
3 Divisionen.*) Wir müssen uns wieder vergegenwärtigen, daß die hollän- 



♦) Genauer „Vie de Tromp", Seite 118. 



222 ^6f erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

dischen Schiffe kleiner, schwächer armiert und bemannt waren und daß sich 
weit mehr eingestellte Kauf fahret in der Flotte befanden. 

Die englische Flotte stellt nahezu den ganzen Schiffsbestand ihrer Marine 
dar. Holland hätte wohl mehr aufstellen können, wenn die Neubauten, 
besonders aber auch die Ausrüstungen und Ausbesserung der vorhandenen 
Kräfte eifriger betrieben wären. Die Admirale hatten aus Mißmut über die 
geringe Berücksichtigung ihrer ständigen Klagen nur ungern ihr Kommando 
angetreten. 

Die Schlacht*) bei Northforeland— Nieuport» 12« und 13. Jonl 1658. 
Am 12. Juni mit Tage^nbruch lichten beide Flotten bei leichtem Nordost- 
winde Anker; die Engländer halten mit achterlichem Winde auf den Feind 
zu, die Holländer erwarten sie über St. B. Bug hart am Winde liegend, wohl 
mit dem Bestreben, womöglich gleich die Luvstellung zu gewinnen. M o n c k 
scheint zuerst die Absicht gehabt zu haben, in breiter Halbmondformation 
anzugreifen, er hatte dazu seine Geschwader auseinandergezogen; als er aber 
den Feind eng geschlossen sah, zog auch er seine Kräfte wieder zusammen, 
was vielleicht bei dem flauen Winde zunächst nicht ganz gelimgen ist. 

Von dem Versuch, eine Schüderung des Verlaufes der Schlacht zu geben, 
muß abgesehen werden, da die Überlieferungen sehr lückenhaft und voll 
von unverständlichen und unlöslichen Widersprüchen sind. Es ist dies sehr 
zu bedauern, da anderseits in den ÜberUeferungen hervorgehoben wird, daß 
in dieser Schlacht auf beiden Seiten verschiedentlich dahin gestrebt sei, 
durch taktische Bewegungen Vorteile zu erringen ; sie wird deshalb ein Mark- 
stein**) in der Geschichte der Seetaktik genannt. So soll mehrfach um die 
Luvstellung manövriert sein. Hierin scheint zuerst die holländische Flotte 
Erfolg gehabt zu haben, wenigstens Ruyters Geschwader Lawson gegenüber. 
Dieser Vorteü geht aber infolge „Verwimmg" in der hoUändischen Flotte 
wieder verloren, und die ganze englische Flotte gewinnt die Luvstellung. 
Es wird femer erwähnt, daß Lawson zum ersten Male mit einigen „Fre- 
gatten", also gut segelnden Fahrzeugen, das Durchbrechen der feindlichen 
Linie, dieses im folgenden Jahrhundert so wichtige taktische Manöver, mit 
Erfolg ausgeführt habe. Es wird endlich und vor allem hervorgehoben, daß 
englischerseits länger als in früheren Aktionen die Ordnung aufrecht erhalten 
und zum Nahkampf (Melee) erst übergegangen wäre, als der Feind in „Ver- 
wirrung" geraten sei. Dies ist wohl so zu verstehen, daß die Engländer, 
sobald sie die Luvstellung hatten, in Kiellinie aus den Schiffsgruppen gebüdet, 
solange ein Feuergefecht führten, bis der Gegner infolge ihrer stärkeren und 
besser bedienten Artillerie genügend erschüttert war ; der flaue Wind an diesem 



*) Diese zweitägige Schlacht ist sehr verschieden benannt: Lowestoft; Nieuport; 
Dünkirchen. Nach dem Ort, an welchem sie begann, scheint mir die Bezeichnung nach 
Clowes: „Northforeland" die beste; für den zweiten Tag kann man dann wohl „Nieu- 
port*' annehmen. 

♦*) Nach Yonge, Teil I, Seite y^f schon in früheren Zeiten in der englischen Marine 
so bezeichnet. 



Schlacht bei Northforeland-Nieuport am 12. und 13. Juni 1653. 223 

Tage begünstigte die volle Ausnützung der Überarmierung. Aber es ist, 
wie gesagt, nicht möglich, die einzelnen Abschnitte des Gefechtes festzulegen. 
Bei dem ersten Zusammenstoß Ruyters und Lawsons etwa um 11 Uhr werden 
zwar beide unterstützt durch Tromp undMpnck, doch scheinen sonst die anderen 
Geschwader infolge des flauen Windes nicht voll mit eingegriffen zu haben; 
später, als die Engländer die Luvstellung hatten, entbrannte der Kampf 
auf der ganzen Linie, und es wurde hartnäckig gefochten. Ein Beispiel möge 
dies veranschaulichen: Tromp entert Penn, wird aber zurückgeschlagen 
und selbst geentert ; da klart er sein Schiff durch Aufsprengen des Oberdecks 
von den Feinden.*) Erst die Dunkelheit trennt die Gegner; beide bessern 
während der Nacht notdürftig die Schiffe aus. Zur englischen Flotte stieß 
in der Nacht Blake mit 18 Schiffen. 

Am 13. Juni steuert Tromp der holländischen Küste zu, da in seiner 
Flotte, besonders in den Geschwadern Ruyters und de Witts, die Munition 
knapp geworden war. Wenn einzelne Quellen sagen, ein Kriegsrat früh morgens 
habe beschlossen, noch eine Schlacht zu schlagen, so ist dies wohl nur dahin 
zu verstehen, daß Tromp beabsichtigte,**) wenn nötig und unter günstigen 
Umständen, noch einmal kräftig vorzustoßen, um sich dann in einem Rück- 
zugsgefechte möglichst unbelästigt zwischen die Untiefen imter Land zurück- 
ziehen imd dort Munition auffüllen zu können. Der Wind war südwestlich 
geworden. Die Engländer trachteten, möglichst Luv zu gewinnen, um sich 
dann zwischen den Feind und die Küste schieben zu können ; schon um 8 Uhr 
beginnt teilweise ein Feuergefecht auf weitere Entfernungen. Gegen Mittag 
war Tromp fast imstande, sich hinter die der Küste zwischen Ostende und 
Sluys vorgelagerten Sande (die W i e 1 i n g s) zurückzuziehen, da wurde 
es ganz flau. Er liegt hüflos in Lee des Feindes und es gelingt ihm eben noch, 
seine zerstreuten Schiffe in leidlicher Ordnimg zu sammeln, ehe er angegriffen 
wird. Wieder eröffnen die Engländer in guter Ordnung ein wirksames Feuer- 
gefecht und gehen dann mit auffrischendem Winde zum Nahkampf über. 

Sie haben vollen Erfolg, bei den Holländern ist die größte Verwirrung***) 
und teilweise Panik eingerissen. Die Schiffe sind unklar voneinander gekommen, 
Führer von Brandem versenken oder verbrennen ihre eigenen Fahrzeuge und 
retten sich in Booten; viele holländische Schiffe fliehen, obgleich Tromp auf 
sie feuert. Die Engländer würden vielleicht den größten Teil der Flotte 
vernichtet haben, wenn sie nicht wegen der anbrechenden Dunkelheit und 
wegen der Nähe der Sande, besonders mit Rücksicht auf ihre großen Schiffe, 
gezwungen gewesen wären, den Kampf abzubrechen und zu ankern. So 
gelingt es der holländischen Flotte am nächsten Morgen mit Tagesgrauen, 
sich zwischen den Untiefen zu bergen und dann die Häfen zu erreichen. 



*) Nach „Vie de Tromp", Seite 123 und Allen, Seite 95, trug sich dies erst 
am 13. zu. 

*♦) „Vie de Tromp", Seite 128, Tromps Bericht. 
♦**) Auch Tromp nennt in seinem Bericht die Verwirrung eine Folge der „Unwissen- 
heit und Unerfahrenheit vieler Kommandanten". 



224 ^^^ erste englisch-hollandische Krieg 1652 — 1654. 

Verluste: Die Engländer haben in den zwei Tagen 11 Schiffe mit 
1350 Gefangenen genommen, 6 versenkt, 2 verbrannt; sie selbst haben kein 
Schiff verloren, auch nur wenige müssen zur Ausbesserung in die Heimat 
gesandt werden. Ihr Mannschaftsverlust war nicht unbedeutend: 120 Tote, 
darunter D e a n e , der am ersten Tage durch eine Kettenkugel (in dieser 
Schlacht zum ersten Male von den Holländern mit besonderem Erfolg gegen 
die Takelage verwendet) getötet wurde, und 236 Verwimdete. Der Menschen- 
verlust auf holländischer Seite ist nicht bekannt. 

Die Niederlage der Holländer war zwar nicht so, daß der Krieg dadurch ent- 
schieden wurde, aber die Nachwirkung der Schlacht war doch bedeutend. 
Die englische Flotte blieb bei der günstigen Jahreszeit an der holländischen 
Küste und hielt diese imter strenger Blockade; sie wurde zum ersten Male 
an einer feindlichen Küste neu ausgerüstet und mit Munition und Vorräten 
versehen. De Witt, der erneute Klagen Tromps und seiner Admirale 
der R^ienmg überbrachte, erklärte in der Versammlung der Generalstaaten 
nachdrücklich, „die Engländer seien jetzt unbestritten 
die Herren der Se e". Wieder angeknüpfte Friedensunterhandlimgen 
kamen nicht vorwärts, da Cromwell nach diesem Erfolge seine Bedingungen 
noch verschärfte. 

Die Klagen der Admirale gipfelten zunächst wieder in der Unzulänglichkeit der 
Schiffe: die Engländer hätten 50 Schiffe, die dem besten der ihrigen überlegen seien, 
in ihrer Flotte dagegen fänden sich an 30 völlig unbrauchbare, deshalb seien schwerere 
Schiffe, besser armiert und bemannt, nötig. Femer wurden bessere Löhnungs Verhält- 
nisse, Mitgabe von Munitions- und Proviant-Fahrzeugen verlangt („Leben Ru5rters", 
Seite 43). 

Wenn unter den früheren Verhandlungspunkten sich nur die Forderung einer 
„more intimate alliance" zwischen den beiden Staaten fand, so wurde jetzt eine „com- 
plete coalition" verlangt; „eine völlige Vereinigung unter einer Regierung", aber mit 
einem solchen X)bergewicht auf englischer Seite, daß Holland aufgehört haben würde, 
ein selbständiger Staat zu sein (Clowes, Teil II, Seite 193). 

Gefecht bei Kattwijk und Schlacht bei Scheveningen, 8. und 10. August 1653. 

Der geschilderte Zustand war für Holland unerträglich. Der Handel und die 
für den Nationalwohlstand fast ebenso wichtige Heringsfischerei waren jetzt 
völlig lahmgelegt. Die Engländer brachten viele sehr reiche Prisen auf; 
man mußte sogar auf feindliche Expeditionen in die inneren Gewässer und auf 
Landungen gefaßt sein und sah sich genötigt, Truppen an die Küste und 
auf die Inseln bei der Texelmündung zu werfen. Außerdem gärte es in ver- 
schiedenen Orten an der Küste, ein großer TeU der Bevölkerung schob die 
Schuld des unglücklichen Krieges der Regierung zu und verlangte wieder 
einen Statthalter.*) Die Regierung arbeitete deshalb mit äußerster An- 
strengung an der Wiederbereitstellung der Flotte, um den Feind von der 
Küste zu vertreiben; auch wurden Verfügungen**) erlassen, die besondere 



♦) „Vie de Tromp", Seite 133; „Leben Ruyters", Seite 44, geben Näheres. 
♦♦) Diese Verfügungen ebendort, Seite 136 bezw. Seite 44. 



Das Gefecht bei Kattwijk am 8. August 1653. 225 

Belohnungen für kriegerische Leistungen und hohe Entschädigungen für 
schwere Verwundungen versprachen. 

Die Aufstellung der neuen Flotte erfolgte unter T r o m p in der Maas 
und unter d e Wi 1 1 in der Texelmündung; die nächste Aufgabe der beiden 
Führer war, sich zu vereinigen. Am 3. August ging T r o m p mit 80 — 90 
Schiffen und 5 Brandem in See, er hielt sich mehrere Tage vor der Maas- 
mündung und segelte dann an der Küste entlang, die Engländer zu suchen. 
Diese hatten, vor Texel liegend, am 5. August bemerkt, daß de Witt seine 
Kräfte, 27 Schiffe nebst 4 Brandem, bei Helder dicht an der Mündung zu- 
sammengezogen hatte, um jede günstige Gelegenheit (z. B. Nebel) zum Aus- 
laufen benutzen zu können. M o n c k s*) Kriegsrat beschloß deshalb am 
7. August, mit der ganzen Flotte Tromp entgegenzusegeln imd seine Ver- 
einigung mit de Witt zu hindern. Man ging am Abend Anker auf und sichtete 
am 8. August vormittags Tromps Flotte auf der Höhe von Egmond, etwa 
20 Seemeilen südlich von Texel. Die englische Flotte war durch Nachschub 
an Stelle der ausbesserungsbedürftigen Schiffe etwa gerade so stark wie bei 
Northforeland, also rund 100 Segel, nach Tromps Bericht vom 8. : 90 größere, 
26 kleinere Fahrzeuge. 

Tromp steuerte nördlich bei WestsüdWestwitid, er würde also die Luv- 
stellimg gehabt haben; zunächst lief er auch noch etwas weiter, als aber der 
Wind nach Nordwesten drehte, wendete er und steuerte an der Küste entlang 
südlich, denn seine Absicht war, den Feind von der Texelmündung abzu- 
ziehen, um de Witts Auslaufen zu erleichtern, und deshalb vorläufig ein 
Gefecht zu vermeiden. Die Engländer folgten scharf und griffen um 5 Uhr 
mit ihren schnellsten Schiffen (den neuen Fregatten) die letzten holländischen, 
schlechte Segler,**) auf der Höhe von Kattwijk an. Von englischer 
Seite kamen nach und nach an 30 Schiffe heran, die Holländer unterstützten 
ihrerseits die angegriffenen Kameraden nach Kräften. So nahm das Gefecht 
weit größere Ausdehnung an, als Tromp beabsichtigt hatte ; alle Flaggschiffe 
waren beteiligt und erlitten schwere Verluste. Wie gewöhnlich trennte erst 
die Dunkelheit die Gegner. Es war Tromp nicht gelungen, ein Gefecht 
ganz zu vermeiden und seine Flotte unversehrt zu erhalten, doch war es nicht 
zu einer entscheidenden Schlacht gekommen, und de Witt war entsetzt; 
dieser war in der letzten Nacht in See gegangen, nachdem er das Fahrwasser 
durch Boote mit Laternen und Fackeln ausgebojt hatte. 

Am 9. August wehte es hart aus Nordwesten, beide Flotten hatten genug 
zu tun, sich von der Leeküste freizuhalten. So kam es zu keinem ernsten 
Schlage; ein großer Vorteü für die Holländer, da de Witt Zeit gewann, heran- 
zukommen. Tromp näherte sich zwar morgens mit einigen Schiffen und 



*) Monck führte jetzt allein den Oberbefehl, da Deane gefallen. Blake schwer 
erkrankt nach England gesaadt, ein neuer General zur See noch nicht ernannt war; 
im Dezember 1653 erfolgte Fenns Ernennung nebst der eines dritten, der jedoch nie 
zur See diente. (Clowes, Teil II, Seite 192.) 

♦♦) „Vie de Tromp", Seite 139; Tromps Bericht; „Leben Ruyters", Seite 45. 

Rittmeyer, Seelcriege. ^5 



220 I^er erste englisch-hollandische Krieg 1652 — 1654. 

wechselte Schüsse, er ging aber wieder auf seine Flotte zurück, als der Feind; 
Miene machte, das Gefecht ernstlich aufzunehmen. Um 5 Uhr nachmittags 
stieß de Witt zu ihm. Die Gegner blieben die Nacht über in größter Nähe. 
Am 10. August hatte der Wind abgeflaut und war nach Süd gegangen. Die 
Flotten lagen bei S c h e v e n i n g e n , beide gingen imi 7 Uhr zum Angriff 
vor; die Schlacht wurde gleich allgemein und sollte die letzte und 
blutigste des ersten Krieges werden. 

Leider sind auch über diese Schlacht die Schilderungen widersprechend*) und nicht 
in Einklang zu bringen. Es ist dies wiederum zu bedauern, weil man aus den Andeu- 
tungen schließen kann, daß auf beiden Seiten eine gut rangierte Formation einge- 
nommen war, daß diese englischerseits gut aufrecht erhalten wurde, und daß auch mehr- 
fach wohldurchdachte taktische Manöver ausgeführt sind. Es sei über den Verlauf 
nachstehendes als wahrscheinlich erwähnt. 

Beide Gegner waren in Flottenkiellinie aus Schiffsgruppen formiert,, 
auf holländischer Seite führte T r o m p an der Spitze. Vor dem Zusammen- 
stoß gelingt es ihm mit den meisten Schiffen, nur einige Nachzügler abge- 
rechnet, die Luvstellung zu gewinnen. Er hält jedoch diese Stellung nicht, 
durch, sondern bricht in die feindliche Linie ein. Es war aber nicht das 
Durchbrechen, um einen Teü des Feindes abzuschneiden, sondern nach altem 
Brauch ein Einbrechen, Zurücksegeln und Wiedereinbrechen. Die hollän- 
dischen Quellen der 2^it heben ausdrücklich hervor, daß viele Schiffe „3-bis 
4 mal wie bei den Ruderschiffen" die feindliche Linie durchbrochen hätten^ 
Sein Flaggschiff „Brederode" wird dabei schlecht unterstützt und leidet 
schwer unter konzentriertem Feuer. Als sich der dichte Pulverdampf einen 
Augenblick lichtet, weht an Bord die Flagge für Kriegsrat. Die holländischen 
Flaggoffiziere, die in der Nähe sind, eilen an Bord und finden T r o m p durch 
eine Musketenkugel getötet. Es wird beschlossen, seine Flagge wehen zu 
lassen, um die Holländer nicht zu entmutigen, die Engländer dagegen an- 
zuspornen. Jan Evertsen übernimmt den Oberbefehl. 

Der Kampf wird mit äußerster Erbitterung fortgesetzt. Bis gegen 
I Uhr mittags stehen die Chancen gleich ; die Holländer sind mit den meisten 
Schiffen immer noch zu Luward und verwenden von hier aus ihre Brander 
mit Geschick und Erfolg besonders gegen die feindlichen Flaggschiffe. 2 eng- 
lische Schiff e werden verbrannt, 2 Admiralschiffe leiden schwer durch- Feuer; 
Admiral Graves verbrennt, Peacook stirbt später an den Brandwunden. Aber 
auch die Holländer haben starke Verluste, Ruyters und Evertsens Schiffe 
müssen entmastet nach der Maasmündung geschleppt werden. Gegen 
I Uhr gewinnen die Engländer, scheinbar noch wohl geordnet, die Luv- 
stellung, die holländischen Nachzügler in Lee kommen dadurch noch weiter 
ab und halten sich dann absichtlich fem. Die Hauptmacht, jetzt unter, 
de Witts Oberbefehl, versucht wieder nach Luward zu gelangen ; da dies 
nicht gelingt, hält es de Witt für richtiger, nur hinhaltend zu fechten, um 
die Schlacht abzubrechen; bald aber kann er nur noch mit einigen dreißig 

« 

*) Vgl. Qowes, Teil II, Seite 195; Allen, Teil I, Seite 48; „Vie de Tromp/V 
Seite 140. 



Die Schlacht biei Scheveningen am lo. August 1653. 227 

wacker fechtenden Schiffen die Flucht der anderen decken. Er feuert auf 
die Fliehenden und ruft aus: „Hätte man die Kommandanten gehängt, als 
sie es früher getan, so könnten sie es jetzt nicht wieder tun!" Mit Munitions- 
mangel konnte sich dieses Mal niemand entschuldigen, auf Drängen der Admirale 
waren der Flotte Munitionsschiffe mitgegeben worden. Um 8 Uhr abends 
wird die Flucht allgemein ; die Schiffe setzen Untersegel und was sie sonst tragen 
können und steuern der Texelmiindung zu. Die Engländer verfolgen bei 
hellem Mondschein bis Mittemacht aber doch nur lau, auch sie müssen 
zunächst ihre schwer beschädigten Schiffe von der Küste freisegeln. Am 
II. August melden die englischen Aufklärungsschiffe das Einlaufen des Feindes 
in den Texel, und Monck führt seine Flotte nach Yarmouth, da sie nicht 
imstande ist, länger die See zu halten. 

Die Verluste waren auf beiden Seiten schwer. Die Holländer 
haben nach eigenen (de Witts) Angaben 14 Schiffe verloren (wahrscheinlich 
sind darin 5 eingerechnet, die nur sehr schwer havariert waren), 500 Tote, 
700 Verwundete, 700 Gefangene; die englischen Angaben über den Verlust 
des Gegners gehen sogar bis zu 26 Schiffen, 4000 Toten und Verwundeten (8 Kom- 
mandanten) und 1300 Gefangenen (i Admiral und 4 Kommandanten). 

Die Engländer verloren nach den eigenen Angaben wenigstens 250 (nach 
„Penn") oder 400 Tote (2 Admirale, 5 Kommandanten), 700 Verwundete und 
2 Schiffe; holländischerseits werden als enghscher Verlust 8 — 11 Schiffe, 
worin wohl auch die halbverbrannten oder sonst schwerbeschädigten einge- 
rechnet sind, und bis zu 3000 Tote und Verwundete angegeben. Aber kein 
holländisches Schiff war genommen und auch die englische Flotte war genötigt, 
die Häfen aufzusuchen. 

Wie schwer die Verluste der holländischen Schiffe waren,- die wacker durchgehalten 
hatten, zeigt Rujrters Flaggschiff: 43 Tote, 53 Verwundete von 150 Mann Besatzung; 
Groß- und Fockmast über Bord. 

Die holländischen Gefangenen waren samtlich von den sinkenden Schiffen aufge- 
fischt. Es ist behauptet, Monck habe befohlen, keine Prisen zq machen und keinen 
Pardon zu geben. Dies ist nicht erwiesen; wahrscheinlich ist, daß er erklärt hat, es 
sei richtiger, die feindliche Flotte zu vernichten, als durch Besetzen von Schiffen Kraft 
und Ordnung der eigenen Flotte zu gefährden.*) 

Die Folgen der Schlacht hei Scheveningen und der Friedensschluß. Bis 

zu einem gewissen Grade war die Schlacht trotz der Niederlage ein strate- 
gischer Erfolg der Holländer. Die englische Flotte war nicht imstande, 
die Blockade weiter durchzuführen; sie hat sie auch im weiteren Verlaufe 
des Krieges nicht wieder ernsthch aufgenommen. Schon im September 
geleitete de Witt mit 40 weniger beschädigten Schiffen einen starken 
Konvoi durch die Nordsee, übernahm bei Skagen von dänischen Kriegs- 
schiffen eine große Zahl Ostseefahrer und holte dann heimkehrende Atlantik- 
fahrer ab, die sich in den norwegischen Häfen angesammelt hatten. Seine 
Flotte war nach und nach bis an 70 Schiffe verstärkt; mit ihr brachte er im 



*) Clowes, Teil II, Seite 196. 

15* 



228 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

Anfang November den bis gegen 400 Fahrzeuge angewachsenen Heimkonvoi 
unbelästigt nach Holland zurück, obgleich die Engländer ihre wieder instand- 
gesetzte Flotte, allerdings nur 40 — ^50 Segel stark, an der holländischen Küste 
zeigten. Aber doch war die den Krieg entscheidende Schlacht geschlagen; 
es war den HoUändem nicht mehr möglich, sich noch einmal zum Widerstände 
in großem Maßstabe aufzuraffen; um so weniger, als de Witts Flotte bald 
nach seiner Rückkehr durch einen dreitägigen Sturm, vor der Texelmündung 
liegend, fast zur Hälfte kampfunfähig gemacht wurde. Derselbe Sturm 
nötigte auch die Engländer, in die Häfen zu gehen; es wurde dann ein großer 
Teil ihrer Schiffe für den Winter aufgelegt. 

Da England die Blockade aufgeben mußte, sah die Regierung in Holland die Schlacht 
bei Scheveningen nicht als Niederlage*) an und wollte durch die Entsendung de Witts 
sowie dadurch, daß man die Flotte noch im November draußen ließ, der ganzen Welt 
zeigen, daß Holland nicht unterlegen sei ; auch wurde Tromp als Nationalheld mit großen 
Ehren begraben. Das Abweichen von dem alten Brauch, die Flotte im Spätherbst in 
die Häfen zu nehmen, wurde anderseits von der Volksmeinung der Regierung zum Vor- 
wurf gemacht.**) 

Im Winter 1653 — 54 begannen neue Friedensunterhandlungen und beide 
Gegner beschränkten sich bis zum Friedensschluß auf den kleinen Krieg: 
Entsenden von Kreuzern gegen die feindlichen Handelsschiffe und Kreuzer. 
Die holländische Regierung mußte unter allen Umständen Frieden schließen, 
auch aus Gründen der inneren Politik. Die aufrührerischen Bewegungen 
mehrten sich, das Verlangen nach einem Statthalter trat schärfer hervor. 
Die Folgen des Krieges lasteten zu schwer auf dem Lande und der Handel 
lag hoffnungslos danieder. In dem kleinen Kriege jetzt mußte Holland 
weiter im Nachteü bleiben, denn sein Handel war der größere und führte 
überall durch englische Gewässer. 

Der Krieg hat neben den unmittelbaren Kosten für die Rüstungen dem Lande 
ungeheuere Verluste gebracht. Man nimmt an, daß die Engländer im Laufe der zwei 
Kriegsjahre 1700 Prisen im Werte von 6 Millionen Lstrl. aufgebracht haben, während 
sie kaum den vierten Teil verloren. Nur in den außerheimischen Gewässern war der 
englische Handel der gefahrdetere. Wir sahen, daß England das Mittelmeer aufgab, 
ebensowenig hatte seine Kraft hingereicht, den Handel in Ostindien zu schützen und die 
Navigationsakte in den amerikanischen Kolonien durchzuführen. 

Auch Cromwell war jetzt dem Frieden geneigter. Seine neue Stellung 
als Alleinherrscher wurde durch einen ruhmreichen Abschluß des blutigen 
Krieges befestigt; es lag ihm ferner jetzt daran, sich mit Holland, das bisher 
Sympathie für die Stuarts gezeigt, gut zu stellen — der Friedensschluß war 
somit ein schwerer Schlag für die Royalisten. Er ließ sehr in seinen Forde- 
rungen nach und sah ab von den Bedingungen, freien Handel in der Scheide 
zu geben ;♦♦*) die Kriegsflotte zu vermindern; die Fischereiabgabe aufs neue 
zu zahlen und dem beanspruchten Rechte, die holländischen Schiffe in eng- 

♦) „Vie de Tromp", Seite 147; ebendort das Begräbnis Tromps. 
♦*) „Leben Ruyters", Seite 52. 
* * *) Das Abschließen des spanischen Antwerpens von der Schiffahrt — die Sperrung der 
Scheide — war eine wichtige Errungenschaft Hollands im Westfälischen Frieden gewesen. 



Der Frieden von Westminster 1654. 229 

lischen Gewässern auf ihre Ladung zu untersuchen. Vor allem wurde der 
Gedanke, beide Republiken zu vereinigen, fallen gelassen. 

Am 15. April 1654 wurde der Frieden von Westminster geschlossen. Hart 
waren die Bedingungen immer noch; von den 32 Punkten sind folgende für 
uns die wichtigsten: Holland mußte die Navigationsakte anerkennen, den 
Gruß der englischen Flagge in englischen Gewässern „durch Dippen der Flagge, 
Wegführen der Marssegel und Abgabe von Salutschüssen" zugestehen und 
sehr bedeutende Entschädigungen zahlen. Diese setzten sich zusammen aus 
den alten Forderungen, die schon als Gründe des Krieges erwähnt sind 
(Seite 191), und neu hinzutretenden: Entschädigung an die englisch-ost- 
indische Kompagnie für Verluste während des Krieges und an die Erben 
der in Amboina 1623 ermordeten Engländer sowie Ersatz für den Schaden, 
den der englische Ostseehandel während des Krieges durch die Dänen erlitten 
hatte.*) Außerdem verpflichteten sich die Generalstaaten durch eine 
anfangs geheimgehaltene Klausel, die Angehörigen des Hauses Oranien 
von allen hohen Staatsämtem und militärischen Kommandos auszuschließen. 

In diesen Frieden wurde Dänemark eingeschlossen. Auch Por- 
tugal hielt es nach den Erfolgen Englands für nötig, sich mit diesem gut 
zu stellen; es ersetzte die Schäden, die dem englischen Handel durch Prinz 
Rupert von portugiesischen Häfen aus zugefügt waren. Selbst Frank- 
reich nötigte Cromwell zu Gefallen Karl H., Paris zu verlassen und sich 
nach Köln zu begeben. Die Reibungen zur See zwischen Frankreich und Eng- 
land nahmen ihren Fortgang, bis 1655 ^^ Handelsvertrag abgeschlossen 
wurde, nachdem Blake und Penn mit großem Erfolge gegen die französischen 
Freibeuter vorgegangen waren. 

Bemerkenswertes in diesem Kriege. Der erste engUsch-holländische 
Krieg ist für die Seekriegsgeschichte in verschiedener Hinsicht von großer 
Bedeutung, vor allem durch den Umschwung in der Kriegführung. Bei der 
Wichtigkeit dieses Umstandes sei das an verschiedenen Stellen schon Gesagte 
(Seite 107, 143, 160) nochmals kurz zusammengefaßt. 

In den Kriegen der älteren Zeiten war das Meer mit wenigen Ausnahmen 
nur eine Marschstraße für die Heere, um den Krieg zu Eroberungen oder 
Brandschatzungen in Feindesland zu tragen; daneben schädigte man den 
Feind durch Wegnahme seiner Handelsschiffe. Von eüier planmäßigen An- 
lage und Durchführung dieser Kriegsart war jedoch keine Rede, weder von 
einer völligen Inbesitznahme und dauernden Behauptimg dieser Marsch- 
straße, noch voTj einer gänzlichen Unterbindung des feindlichen Seehandels. 
Beides erlaubten die unzulänghchen Streitmittel nicht. Weder die Ruder- 
schiffe noch die älteren Segelschiffe waren imstande, längere Zeit die See 
zu halten und so auf dem Meere errungene Erfolge zu behaupten und aus- 

♦) Zimmermann, Band II, Seite 142, nennt 85000 Lstrl. (und Herausgabe der 
Banda-Insel Palaroon) an die ostindische Kompagnie und 3600 Lstrl. an die Erben der 
Amboinakaufleute. Clowes, Teil II, Seite 200, spricht von 140000 Lstrl. für den 
Schaden des Ostseehandels und von 900 000 Lstrl. als Gesamtbetrag aller Forderungen. 



230 I>er erste englisch-holläüdische Krieg r65i2 — 1654. 

zunutzen. Den feindlichen Seehandel zu einem Hauptangriffsziel zu wählen, 
hatte keinen Zweck, so lange er nicht so beträchtlich war, daß man in ihm 
die Lebensbedingungen des feindlichen Landes ernstlich bedrohen konnte.*) 

Zu Ende des 16. und im Anfang des 17. Jahrh. wurden die Schiffe see- 
fähiger und der Handel nahm wesentlich zu; infolgedessen sehen wir auch 
die Kriegführung in ein neues Stadium treten. Es ist aber erst eine Über- 
gangsperiode. Die Unternehmungen gegen den Handel bleiben im allgemeinen 
noch örtlicher und gelegentlicher Natur, oft mit dem ausgesprochenen Cha- 
rakter der Freibeuterei; die sonstigen militärischen Unternehmungen sind 
meist noch Expeditionen gegen das feindliche Land im alten Sinne — das 
hervorragendste Beispiel, der Zug der Armada — oder vereinzelte Vorstöße 
zu ihrer Verhinderung. Selbst die Engländei, sonst auf dem neuen Wege 
am weitesten fortgeschritten, fallen oft in die alte Kriegführung — Brand- 
schatzung als Hauptzweck — zurück. Es wird noch nicht genügend darauf 
Bedacht genommen, durch eine planmäßige und andauernde Durchführung 
des Seekrieges, durch Aus- und Abschüeßen des Feindes vom Meere, den 
Krieg möglichst schnell zu beendigen; es gibt noch keine Strategie, die Er- 
ringung und Erhaltung der Seeherrschaft zum Ziele hat. 

Der erste englisch-holländische Krieg aber ist 
nur zur See geführt und warf doch Holland so nieder, wie es ein sieg- 
reicher Landkrieg mit Invasion nicht ärger hätte bewirken können, ohne 
dem Sieger die Opfer an Menschen und Vermögen aufzuerlegen, die ein Land- 
krieg gefordert hätte ; der Wert der von England gemachten Prisen entsprach 
allein dem vierfachen Betrage des damaligen jährlichen Staatseinkommens 
Englands. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Kriegführung zur See 
im neueren Sinne waren hier gegeben; beide Staaten boten dem Gegner 
einen großen Seehandel als Angriffsziel dar, Schiffe einigermaßen fähig, 
die See andauernd zu halten, waren vorhanden; der Schiffbau hatte inilieser 
Hinsicht schon genügende Fortschritte gemacht, wenigstens ausreichend für 
den beschränkten Kriegsschauplatz. Dieser Krieg war der erste, der an- 
dauernd hohe Anforderungen an die Seestreitkräfte stellte und der zahlreiche 
Erfahrungen sammeln heß ; er gab den Anstoß zur größeren Pflege der stehen- 
den Marinen und dadurch zu der VervoUkonunnung des ganzen Seekriegs- 
wesens — des Schiffbaues, des Personals, der Taktik — , wie wir sie im vorigen 
Kapitel kennen gelernt haben. Die erste Entwicklung einer Strategie zur See 
während dieses Krieges wird auf Seite 231 betrachtet werden. 

Es ist femer bei diesem Kriege bemerkenswert die Ausdauer und Hart- 
näckigkeit, mit der man ihn auf beiden Seiten führte und die Rüstungen 



*) Colomb, Kap. I. „The nature of naval warfare" mit folgender Disposition: Ein 
wirklicher Seekrieg ist erst möglich, wenn im Seehandel ein großer Teü des Reichtums 
eines lindes ruht und wenn Schiffe vorhanden sind, die die See halten können. Er 
war mithin vor der Zeit Elisabeths ausgeschlossen. Erst im Spanischen Kriege wurden 
diese Voraussetzungen erkannt, besonders von den Admiralen Raleigh und Monson. 
Das erste Ziel des Seekrieges ist also die Beherrschung der See. 



Bemerkenswertes in dem Kriege. Umschwung in der Kriegführung. 23 1 

betrieb. Bei der wichtigen Rolle, die das Material auf See spielt, liegt es 
in der Natur der Seekriege, daß nach ernsten Zusammenstößen der Haupt- 
streitkräfte eine längere Pause in größeren Unternehmungen eintritt, die 
nötig ist, um das Material wieder instandzusetzen. Hier aber werden in 
einem Zeitraum von 13 Monaten — von der Kriegserklärung bis Scheveningen 
— 6 große Schlachten geschlagen, von denen einige mehrere Tage dauern. 
Hervorragende Führer, seemännisch tüchtige und tapfere Besatzungen waren 
auf beiden Seiten vorhanden; gerade auch in Holland wurde stets wieder 
mit äußerster Anspannung gerüstet. Wenn dieses schließlich doch imterlag, 
so war es eine Folge seiner schon mehrfach erwähnten Schwächen : der minder- 
wertigen Schiffe, des weniger geschulten und weniger disziplinierten*) 
Personals (namentlich auch vieler Kommandanten), kurz, der mangelhafteren 
eigentlichen Kriegsmarine, sowie des Umstandes, daß Holland in seiner 
größeren Handelsflotte einen günstigeren Angriffspunkt bot und schwerer 
geschädigt werden konnte. Dieser Umstand war weit wichtiger als die anderen 
Schwächen. Die Beschützung des Handels, der während des Krieges nicht, wie es 
später geschah, aufgegeben wurde, hinderte die holländische Leitung strategisch 
und oft auch taktisch ; der unmittelbare Verlust an Vermögen und die Unter- 
bindung der Lebensbedingungen zwangen Holland zum Frieden. 

Eine Strategie**), die eine dauernde Beherrschung des Kriegsschauplatzes 
zum Ziele hat, finden wir zunächst auch in diesem Kriege noch nicht. Im 
ersten Jahre geschehen auf beiden Seiten nur und unter Hintansetzung aller 
anderen Rücksichten große Untemehmimgen, um den feindlichen Handel 
zu schädigen oder den eigenen zu schützen, und auch dieses nur, wenn eine 
besondere Gelegenheit, wie die Fahrt eines großen Konvois, dazu heraus- 
fordert; nebenher schwärmen zahlreiche Kreuzer und Kaper im kleinen Kriege 
gegen vereinzelte Handelsfahrzeuge. Es werden denn auch von den ersten 
vier Schlachten drei durch den Angriff englischerseits auf einen Konvoi 
hervorgerufen, den Holland schützt und verteidigt (Plymouth; Dungeness; 



*) Als ein krasses Beispiel der Unbotmäßigkeit in der holländischen Marine sei 
noch erzählt, daß, als 1652 der beliebte Admiral Tromp durch den unbeliebten de Witt 
im Oberbefehl ersetzt wurde, das bisherige Flaggschiff „Brederode" sich weigerte, de 
Witt an Bord zu nehmen; er war genötigt, seine Flagge auf einem anderen Schiffe zu 
heißen. 

*♦) Colomb , Kap. II, „The struggle for the command of the sea" bespricht die 
Strategie im ersten Kriege nach folgender Disposition: „Ein wirklicher Seekrieg kann 
geführt werden, wenn genügend Eigentum auf dem Meere liegt, um dem Verluste 
eine ernste Bedeutung zu geben, und wenn seefähige Schiffe zum Angriff vorhanden 
sind. — Der Seehandel kann unmittelbar angegriffen und verteidigt werden, wie im 
ersten Abschnitt dieses Krieges; er kann vernichtet werden, nachdem zunächst die 
Seeherrschaft durch Niederkämpfung der feindlichen Flotte errungen ist, wie im späteren 
Abschnitt. — Mit einzelnen Siegen aber wird die Seeherrschaft nicht dauernd errungen, 
-wenn die besiegte Macht nicht auch vernichtet ist. Die Siege, die von beiden Parteien 
errungen sind, waren nur Schritte auf dem Wege zur Seeherrschaft; der Kampf um 
diese war beim Friedensschlüsse noch nicht beendet." 

Wir folgen im großen ganzen dieser Disposition. 



232 I^er erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

Portlaiid); ähnliche Zusammenstöße hindert nur der Zufall (Shetlands, August 
1652; holländische Küste, Mai 1653). 

Die Flotten beider Staaten waren ungefähr gleich stark. Da jedoch der 
holländische Handel größer und infolge seiner Wege mehr gefährdet war, 
brauchte er die Seestreitkräfte Hollands ganz zu seinem Schutze; England 
mit seinem kleineren und infolge seiner geographischen Lage vom Feinde 
weniger bedrohten Handel konnte freier über seine Flotte verfügen. So 
wurden die Engländer im allgemeinen die Angreifenden, die Holländer sahen 
sich in die Defensive gedrängt. Aber zunächst beschränkten sich die Eng- 
länder darauf, den feindlichen Handelsschiffen in den englischen Gewässern, 
die sie passieren mußten, aufzulauern; es werden deshalb alle Schlachten 
dieses Abschnittes an der englischen Küste geschlagen, selbst wo die Holländer 
ohne Konvoi den Feind suchen, um den Weg frei zu machen (Kentish Knock). 

Wir finden auch in dieser ersten Zeit des Krieges nie die strategische 
Ausnutzung eines Sieges; stets begnügt man sich auf beiden Seiten mit dem 
augenblickhchen Erfolge und erhält sich damit eine ständig drohende Gefahr 
vor Rückschlägen, die auch oft genug eintreten. Der Gedanke, zunächst 
die feindliche Kriegsflotte vom Meere zu vertreiben, dadurch den eigenen 
Handel frei zu machen und den feindlichen vöUig lahm zu legen, bricht sich 
aber im Verlaufe des Krieges Bahn; es wird damit dann die Kriegführung 
kräftiger offensiv. So suchen sich die Gesamtstreitkräfte beider Staaten im 
Juni 1653 zur Entscheidungsschlacht (Northforeland) auf und England trägt, 
als es im allgemeinen das Übergewicht gewonnen hat, überhaupt den Krieg 
an die feindlichen Küsten. Nachstehendes möge dies veranschaulichen. 

Rückblick auf den Krieg. Die erste Maßregel Englands war 
die Entsendung Blakes mit der Hauptmacht gegen die holländische Fischerei 
und Schiffahrt in der Nordsee, Ayscue wird nur mit schwachen Kräften berufen, 
die Sicherung der Themse zu übernehmen. Der Gefahr durch die ganze feind- 
liche Flotte, der dadurch Ayscue und die Holland naheliegenden englischen 
Küsten ausgesetzt wurden, scheint man sich gar nicht bewußt gewesen zu 
sein. Tromp macht aber auch nur einen schwachen Versuch, Ayscue zu ver- 
nichten; als ihm dies nicht leicht gelingt — allerdings überschätzte man 
damals noch den Wert von Landbefestigungen Schiffen gegenüber sehr — , 
gibt er den Plan auf und folgt Blake bis zu den Shetlands, in erster Linie 
doch nur, um holländisches Eigentum zu verteidigen. Ungünstiges Wetter 
verhindert den Zusammenstoß. Nach Blakes Rückkehr sendet man Ayscue 
wieder nach dem Westen des Kanals, anstatt mit beiden Flotten gemeinsam 
die Holländer anzugreifen, wozu sich eine so günstige Gelegenheit bot, da 
Tromps Flotte schwer gelitten hatte. So gelingt es Ruyter, einen Konvoi 
wohlbehalten durch den Kanal zu führen, den nur etwa gleichstarken Ayscue 
bei Plymouth mit Erfolg abzuwehren und den heimwärts bestimmten Konvoi 
zurück zu geleiten. 

De Witt, an Tromps Stelle zum Oberkommando berufen, macht nun 
zum ersten Male den Versuch, eine größere Entscheidung durch einen Angriff 



Rückblick auf den Krieg. Der Kriegsschauplatz. 



233 



6 







3. 






^4^^a<uiÄ 




0AX«t^ 




1 ^cf<c^j6ci^S)o«»v ^.Yißse. 

iavnLi653. 



Schauplatz des ersten englisch-holländischen Krieges 1652 — 1654. 



234 ^^^ erste englisch-holländische Krieg 1652 — 1654. 

auf die Hauptmacht des Feindes herbeizuführen; Kentish Knock wird ge- 
schlagen, ohne daß es sich um einen Konvoi handelt. Die Nebenumstände 
lassen aber vermuten, daß de Witt mehr unter dem Antriebe, etwas Bedeu- 
tendes zu leisten, gehandelt hat, als infolge strategischer Einsicht. Die hol- 
ländische Regierung verfolgte diese Art der Kriegführung jedenfalls nicht 
weiter, sondern ordnete auch fernerhin wieder nur die Begleitung großer 
Konvois durch die Kriegsflotte an. Aber auch die Engländer nützen iluren 
Sieg nur in altem Sinne aus durch Aufbringen feindlicher Kauffahrer. Wenn 
auch der hereinbrechende Winter ihren Schiffen den Aufenthalt an der feind- 
lichen Küste unmöglich machte, -man sich wenigstens noch nicht zu bteiben 
getraute, und wenn man auch vom Feinde bei der vorgerückten Jahreszeit 
nichts Ernstliches mehr erwartete, so durfte doch die englische Flotte nicht 
zersplittert werden, wie es geschehen ist. Man überschätzte den Erfolg einer 
einzelnen siegreichen Schlacht, die allerdings für den Augenblick die Herr- 
schaft über die See gebracht hatte. Diese Kurzsichtigkeit führte zur Nieder- 
lage Englands bei Dungeness. 

Tromp verfällt nach dieser Schlacht derselben irrigen Auffassung. Schon 
sein Angriff entsprang nur der Absicht, seinen Konvoi sicher weiter zu führen 
und die sich bietende günstige Gelegenheit einem schwächeren Feinde gegen- 
über zu benutzen. Anstatt nach dem Siege dahin zu streben, den geschlagenen 
Feind gänzlich zu vernichten — die Position in den Downs war nach Abbruch 
der behelfsmäßigen Batterien nicht mehr so stark — , überhaupt die Offensive 
den getrennten englischen Geschwadern im Kanal gegenüber aufrecht zu 
erhalten, beschränkt er sich auf die defensive Aufgabe, seinen Konvoi nach 
R6 zu geleiten und einen heimkehrenden zurückzuführen. Während seiner 
Abwesenheit geht die holländische Herrschaft über den Kanal schnell wieder 
verloren, England hat Zeit, seine Kräfte zu sammeln und ihm bei seiner 
Rückkehr (bei Portland) entgegenzutreten. Den Zusammenstoß bei Portland 
hätte Tromp mit dem günstigen Winde vielleicht vermeiden können; er tat 
es wohl nicht, weil er der Beständigkeit des Windes sowie der Segelfähigkeit 
vieler seiner Kauffahrer nicht vertraute und daher fürchtete, von den Eng- 
ländern auf dem Marsche eingeholt und angegriffen zu werden, wie sie es 
ja auch bei der Verfolgung nach der Schlacht mit großem Erfolge taten. 
Eine weitete Ausnutzung des Sieges wagen aber die Engländer wiederum 
mit Rücksicht auf die Jahreszeit nicht. 

Im letzten Abschnitt des Krieges wird nun Tromp noch einmal beordert, 
Kauffahrer auswärts und heimwärts zu geleiten (Mai 1653). Jetzt aber 
erwarten die Engländer den Feind nicht mehr in ihren eigenen Gewässern, 
sondern versuchen, schon die Sammlung der Kriegs- und Handelsschiffe an 
der holländischen Küste zu verhindern. Sie kommen zwar zu diesem ZWecke 
zu spät imd begnügen sich mit Aufbringen von Küstenfahrern und Alar- 
mierung der Küsten, immerhin war es eine bedeutsame Erweiterung der 
Offensive. Überhaupt zeigen sich die Engländer von jetzt an mehrfach 
immittelbar vor den feindhchen Häfen (Ende Mai, Anfang Juni 1653) und 



Rückblick auf den Krieg. Schlußfolgerung. "" * 233 

halten in den eigenen Gewässern ihre Flotte der feindlichen Küste näher 
(Yarmouth, Juni). "Als nim auch Tromp nach seiner Rückkehr zur Offensive 
übergeht, indem er zunächst den Vorstoß gegen die Downs macht und dann 
die engUsche Hauptmacht sucht, kommt es am 12. — 13. Juni 1653 zur Schlacht 
bei Northforeland-Nieuport, zum Kampf der Gesamtkräfte beider Staaten, 
ohne daß ein Konvoi den Anlaß gegeben hat. Nach dieser Schlacht nutzen 
die Engländer den Sieg aus, indem sie den Feind bis vor seine Häfen verfolgen 
und dann die feindliche Küste unter Blockade halten; ja, zu diesem Zwecke 
bessern und rüsten sie zum ersten Male dort ihre Flotte aus und kehren 
dazu nicht wie bisher nach jedef größeren Schlacht in die heimischen Häfen 
zurück. Der Ausfall Tromps, um die Blockade aufzuheben, führt zur Schlacht 
bei Scheveningen dicht an der holländischen Küste (10. August). Trotz 
ihres taktischen Sieges hier mußten die Engländer die Blockade aufgeben, 
da auch sie zu sehr geschwächt waren. Daß sie dann später den Krieg nicht 
wieder tatkräftig aufnalunen, ja, sogar mit geringeren Streitkräften als die 
HoDänder auftraten, wird auf Cromwells Neigung zum Frieden zurück 
zuführen sein. 

Beim Friedensschluß war der Kampf um die Seeherrschaft noch nicht 
entschieden, die holländische Flotte war keineswegs niedergekämpft; nicht 
sowohl mihtärische Gründe als die allgemeine Erschöpfung und die Volks- 
stimmung zwangen Holland, Frieden zu schließen. Daß aber die Kriegführung 
im allgemeinen energischer geworden ist, beweist wohl auch die Tatsache, 
daß beide Nationen, abweichend vom bisherigen Brauch, versuchen, im Herbst 
1653 eine Flotte bis in den Winter hinein ständig auf See zu halten; der erste 
schwere Wintersturm zeigt dann allerdings, daß die damaUgen Schiffe dem 
noch nicht gewachsen wären. 

Der Verlauf dieses Krieges lehrt, daß zur Erreichung großer Ziele auf 
oder über See — hier die völlige Lahmlegung des feindlichen Handels, 
der Schutz des eigenen — die unbestrittene Beherrschung 
der See durch Niederkämpfen der feindlichen See- 
streitkräfte nötig ist. Die Engländer, von Anfang an melir auf die 
Offensive hingewiesen und weniger an ihrer Durchführung behindert, tragen 
zuerst diesem Grundsatz Rechnung. Während sie in der ersten Hälfte des 
Krieges nur auf mögUchst starke Schädigung des Handek, nicht auf schleu- 
nigere Beendigung des Krieges hinzielen, richten sie in der zweiten Hälfte 
ihre Stöße mehr gegen die Streitkräfte des Feindes. Aber auch die Holländer 
versuchen gegen das Ende, zunächst die feindHche Kriegsflotte aus dem Felde 
zu schlagen. Sie geben dann in den späteren Kriegen ihren Handel ganz auf, 
weü sie eingesehen haben, daß ihre Kräfte nicht ausreichen, gleichzeitig diesen 
zu schützen xmd um die Seeherrschaft zu ringen. „Der Kampf der Seestreit- 
kräfte miteinander tritt in den Vordergrund." 



A <i.^ 




FaTäTaTaI 



FaTa^aTaI 



Viertes Kapitel. 

Nebenkriege 1654— 1665. 

England-Spanien 1654— 1659. Holland-Portugal 1656— 166 1. 
Schweden-Dänemark 1655— 1660. Prankreich-Spanien 1635— 1659. 

A/ or der Schilderung des nächsten großen Seekrieges zwischen England 
und Holland müssen wir uns mit einigen Nebenkriegen beschäftigen, in 
denen die Flotten dieser Staaten eine Rolle spielen. 

England*) befand sich nach dem Frieden von Westminster und nach dem 
Abschluß des französischen Handelsvertrages mit allen Völkern im Frieden, 
es hatte überall seinen Willen erreicht (Seite 229). Cromwell 
jedoch wünschte einen auswärtigen Krieg, um die Aufmerksamkeit des Volkes 
von der inneren Politik — der gegen ihn gerichteten Bestrebungen der strengen 
Republikaner und der Royalisten — abzulenken; er brach einen Krieg mit 
Spanien vom Zaune. Reibungen mit diesem Staate hatten in Westindien 
nie aufgehört, da England hier seinen Einfluß und seine Besitzungen zu er- 
weitern fortfuhr und Spanien dies mit den alten grausamen Mitteln zu ver- 
eiteln suchte. So war gerade dieser Krieg von religiösem und kommerziellem 
Standpunkte aus volkstümlich; er versprach außerdem reiche Beute. 

Schon im Sommer 1654 wurde die Ausrüstung zweier Flotten betrieben; 
ihr Zweck ward streng geheim gehalten, so daß man sowohl in Frankreich 
wie in Spanien in Erwartung eines gegen sich gerichteten Unternehmens stand. 

Penn eriiielt den Befehl über eine dieser Flotten : 18 Kriegsschiffe 
— I zu 60, 4 zu 54, 3 zu 44, 3 zu 40, 2 zu 36, 4 zu 30 Kanonen — , 20 Trans- 
porter. Die kleineren Kriegsschiffe und die Transporter waren vorzugsweise 
mit Soldaten bemannt, deren insgesamt 3000 Mann unter General V e n a b 1 e s 
eingeschifft waren. Die Expedition segelte am Weihnachtstage 1654 ^^^^ 
Westindien, ihr Erfolg war die Eroberung Jamaicas. 

Auf Barbados und anderen englischen Besitzungen wurde die Starke der Land- 
truppen nahezu verdoppelt und ein Landungskorps von Matrosen unter dem Vizeadmiral 
der Flotte formiert. Am 31. März 1655 verüeß die Expedition Barbados und landete 
am 13. und 14. April 7000 Mann auf Haiti in der Nähe der Stadt Domingo unter Venables 

*) Näheres Clowes, Teil II, Seite 201; Zimmermann, Band II, Seite 136. 



Penn erobert Jamaica. Blake vor Tunis. 237 

Befehl, Penn mit der Flotte als Rückhalt. Am 25. vrurde jedoch das I^ndungskorps 
mit einem Verlust von 1700 Mann völlig geschlagen, die gänzliche Vernichtung soll 
nur das Matrosenkorps verhindert haben. Die Landoffiziere gaben nun weitere Unter- 
nehmungen hier auf, weil sie ihren Truppen, Strafgetangenen und unzuverlässigen 
königlichen Soldaten, nichts zutrauten. 

Um nicht ganz ohne Erfolg heimzukehren, wandte sich die Expedition nach 
Jamaica und eroberte in wenig Tagen, 10. — 17. Mai, die schwach kolonisierte und 
nur von einer MiUz verteidigte Insel. Diese blieb von jetzt an in englischem Besitz, 
wenn auch Spanien verschiedene Wiedereroberungsversuche machte und die in die 
Berge geflüchteten spanischen Kolonisten mit ihren Negersklaven lange noch einen 
Guerillakrieg gegen die Engländer führten. 

Die Landtruppen auf der Insel und einige Schiffe auf der westindischen Station, 
behufs Schädigung der Spanier, zurücklassend, kehrte Penn nach England heim ; er wie 
Venables kamen wegen des Mißerfolges auf Haiti trotz der wichtigen Eroberung Jamaicas 
auf kurze Zeit in den Tower. 

Die zweite Flotte unter Blake segelte am 29. September 1654 nach 
dem M i 1 1 e 1 m e e r. Sie bestand aus 25 Segeln : i zu 60, 2 zu 54, 3 zu 50, 
I zu 46, 2 zu 40, 4 zu 36, 2 zu 34, 2 zu 32, I zu 30, 2 zu 22 Kanonen 
und 5 kleineren. 

Blake hatte den Befehl, vorläufig nichts gegen Spanien zu unternehmen. 
Der Krieg war ja noch nicht erklärt und man wollte die Abfahrt der spanischen 
Silberflotte nicht stören, um sie womöglich in die Hände Penns fallen zu lassen 
— Penns Expedition geschah wieder einmal nach dem alten Grundsatz: 
„Kein Frieden gilt unter der Linie", d.h. in außereuropäischen Gewässern — , 
im Gegenteil, es sollte den Anschein haben, als ob die Flotte Blakes nur zum 
Nutzen Spaniens wirke, indem sie gegen die Barbaresken vorging. Ihre 
erste Tat war auch die in ihrer Art berühmte Vernichtung einer tunesischen 
Flotte unter den Befestigungen von Tunis. 

Blake machte zunächst eine Demonstration gegen den Papst und gegen den 
Herzog von I jvorno wegen ihrer Unterstützungen des Prinzen Ruprecht nach der Revo- 
lution und der Holländer im ersten Kriege. Später ging er nach Tunis, wo eine Flotte 
für den Sultan ausgerüstet wurde. Am 4. April 1655 griff er diese, neun noch ungetakelte 
aber armierte Schiffe, unter den Kanonen der Forts von Porto Farina an, die erste 
große Tat dieser Art, wie er uns schon als erster Angreifer von Landbefestigungen 
aus den Operationen gegen die königstreuen Kanalinseln bekannt ist (Seite 198). Er 
teilte seine Flotte in zwei Divisionen und schickte die leichten Schiffe gegen die feind- 
lichen Fahrzeuge, die schweren gegen die Forts. Seine schweren Schiffe nahmen trotz 
des heftigsten Feuers in vollster Ordnung ihre Plätze ein und kämpften vermöge ihrer 
guten artilleristischen Ausbildung die Forts nieder, dann wurden die feindlichen Schiffe 
durch die armierten Boote genommen. 

Mittlerweile war Penns Auftreten in Spanien bekannt geworden, und 
nun erhielt Blake den Befehl, die spanischen Küsten zu blockieren, um 
die Silberflotte abzufangen und das Entsenden von Verstärkungen nach 
Westindien zu hindern. Der Zustand der Schiffe und seine eigene Gesundheit 
zwangen ihn jedoch, im Oktober nach England zurückzukehren. 

Dem Abschluß des Friedens und des Handelsvertrages mit Frankreich 
1655 ließ England bald ein Bündnis mit diesem Staate, der im Kriege mit 
Spanien war, folgen. Nun wurde auch englischerseits der Krieg erklärt; 



238 Nebenkriege 1654 — 1665. England gegen Spanien 1654 — 1659. 

er sollte die letzte große Tat Blakes, die Vernlehtung der Silberflotte vor 
Teneriffa» 1666» bringen. 

Im t^'rühjahr 1656 führte Blake eine große Flotte an die spanische Küste und 
hielt dort trotz seiner gebrochenen Gesundheit ein Jahr die Blockade aufrecht. Einige 
seiner Schiffe brachten zwei Fahrzeuge der spanisch- westindischen Flotte auf, so reich 
beladen, daß der Transport der Beute an Gold, Silber und Juwelen von Portsmouth 
nach LQn4pn 38 Wagen erforderte. Im Frühjahr 1657 erhielt Blake die Nachricht 
von der Heimkehr einer neuen Silberflotte, er ging ihr entgegen und traf sie in S t a. Cr u z 
aufTeneriffa. Die Spanier waren auf den Angriff vorbereitet, hatten die Schätze 
gelandet, die Befestigungen verstärkt und die Schiffe zur Rückfahrt nach Westindien 
klargemacht. Zur eigenen und der Stadt Verteidigung waren 10 Schiffe im Halbkreis 
längs der Bucht nördlich von der Stadt verankert, die 6 schwersten Galeonen dagegen 
vor diesen in Linie vermoort, was ein Fehler war, denn sie maskierten das Feuer der 
anderen 10 Schiffe. 

Die Windverhältnisse der Rhede von Sta. Cruz sind einem Angriff unter Segel sehr 
ungünstig. Entweder weht ein unbeständiger Landwind, der angreifende Schiffe der 
Gefahr aussetzt, bekalmt*) zu werden, oder eine gleichmäßige frische Seebrise, die wieder 
ein Abbrechen des Gefechts schwierig, für beschädigte Schiffe fast unmögUch macht. 
Um so kühner war Blakes Plan: Mit Seewind und Flut anzugreifen, die Schiffe zu zer- 
stören und dann mit der Ebbe wieder das freie Wasser zu gewinnen. Er gelang. Der 
Admiral selber beschäftigte die Befestigungen nördlich und südlich von der feindlichen 
Flotte, sein Vizeadmiral ankerte querab der Galeonen, setzte diese außer Gefecht und 
enterte sie. Als nun die Forts ihr Feuer auf die Prisen richtete, ließ Blake diese und 
auch die kleineren Schiffe in Brand setzen. Das Glück begünstigte das Unternehmen^ 
Als die Ebbe einsetzte, kam eine sonst seltene, stetige Landbrise auf und führte die 
englischen Schiffe sicher von der Rhede ; sie hatten zwar nur 40 Tote und 1 10 Verwundete 
gehabt, waren aber doch stark beschädigt. Wenn auch keine Beute gemacht werden 
konnte, so war doch der Verlust der Spanier durch Vernichtung der ganzen Flotte groß. 

Bläke ha^te hier wiederum gezeigt, daß Schiffe mit Erfolg Küsten- 
befestigungen bekämpfen konnten ; schon Schriftsteller seiner Zeit bezeichnen 
ihn als den ersten Führer, der solches gewagt habe. Er starb, nachdem er 
noch bis zum Juli die Blockade an den spanischen Küsten geleitet hatte, 
auf der Rückreise nach England am 7. August 1657 unmittelbar vor dem 
Ehilaufen in Plymouth. 

Die Geschichte Englands bietet nun bis 1665 besonderes nicht mehr. 
Die spanischen Küsten wurden weiter blockiert. Die englische Flotte imter- 
stützte durch Blockade die Wegnahme Dünkirchens durch die Fran- 
zosen 1658. Die Stadt fiel nach dem Pyrenäischen Frieden 1659 ^^^* Vertrag 
an England, doch verkaufte sie Karl II. 1662 an Louis XIV.; ein ungeheurer 
Fehler, denn sie wurde ein wichtiger Stützpunkt für die Franzosen, besonders 
später für den Freibeuterkrieg gegen England. 

Die Jahre 1658 imd 1659 brachten Flottendemonstrationen 
nach der Ostsee, wo En^and, Holland und Frankreich bestrebt waren^ 
weder Dänemarks noch Schwedens Macht zu groß werden zu lassen, sich aber 
auch gegenseitig eifersüchtig beobachteten (schwedisch-polnischer Krieg). 
Im Anfang der sechziger Jahre, endlich wurden weitere Expeditionen gegen 



*) Durch -die Nähe- des Landes in Windstille zu geraten.. 



Blake vor Teneriffa 1656. • Holland gegen Portugal 1656 — 1661. 230 

die Barbaresken sowie zur Einsetzung der englischen Macht in T a n g e r, 
das als Mitgift seiner portugiesischen Gemahlin an Karl IL (wie auch Bombay) 
gefallen war, übernommen. 1660 führte ein Geschwader unter Montagu 
den König Karl IL von Holland nach England hinüber; in der Marine 
waren Montagu, Lawson und Penn die Hauptförderer der könighchen Sache 
gewesen. 

Holland.*) Nachdem im ersten eniglisch-hoUändischen Kriege die Eng- 
länder das Mittelmeer geräumt hatten, waren auch die holländischen See- 
streitkräfte dort sehr vermindert. Infolgedessen nahm der Seeraub durch 
die Barbareskenstaaten wieder überhand; kleinere Flotten der- 
selben schlössen fast die Straße von Gibraltar und dehnten ihre Züge bis z]ur 
portugiesischen Küste aus. Nach dem Friedensschluß wandte sich auch 
Holland, wie England, gegen dieses Unwesen und R u y t e r führte in den 
Jahren 1654 — 1657 mit Erfolg drei Züge dorthin. 

1656 erklärte Holland den Krieg an Portugal, nachdem es vergeblich 
die Rückgabe seiner früheren Besitzungen in Brasüien und Westafrika sowie 
eine große Geldentschädigung verlangt hatte. Noch in demselben Jahre 
wurde eine Flotte unter dem Leutnantadmiral Wassenaer zur feind- 
lichen Küste gesandt, die, als Ruyter vom Mittelmeer aus zu ihr gestoßen 
war, aus 28 Segeln bestand. In drei Geschwader geteilt, blockierte sie die 
Küsten und brachte viele reiche Kauffahrer, besonders Zuckerschiffe aus 
Brasilien, auf; 1658 führte Ruyter 22 Schiffe, alle von der Admiralität 
Amsterdam gestellt, zu gleichem Zweck dorthin. Zum Schlagen kam es nie, 
da die portugiesische Flotte die Häfen nicht verließ.. — Dieser Krieg konnte 
jedoch überhaupt nicht mit voller Energie fortgeführt werden, da mau bald 
die Seestreitkräfte im Norden nötiger brauchte; weitere Feindseligkeiten 
spielten sich nur in Indien ab, bis 1661 ein Frieden geschlossen wurde, in 
dem Holland gegen eine Zahlung von 8 Milhonen Gulden und freien Handel 
in aUen portugiesischen Kolonien auf Brasilien und die strittigen Punkte in 
Westafrika verzichtete. 

Im Norden spielte sich seit 1655 der schwedlsch-polnisch-brandenburg- 
dänisehe Krieg 1655 — 1660 ab, in den Holland tätig eingriff, weil es die Er- 
folge Schwedens mit Besorgnis für seinen so wichtigen Ostseehandel ansah. 
Wie immer ein Freund der schwächeren Macht in der Ostsee — wir sahen 
es auf Seiten Dänemarks gegen die Hansa, dann auf Seiten Schwedens gegen 
Dänemark — , trat Holland jetzt auf Seiten Dänemarks. 

Der sehwediseh-polnlsehe Krieg:**) Die Kämpfe um die Herrschaft in der Ostsee, 
das Erstarken Schwedens in ihnen haben wir bis 1648 verfolgt (Seite iio). 1655 griff 
Karl X. Gustav» von Schweden den König Johann Kasimir von Polen, 
der Ansprüche auf die Thronfolge in Schweden erhob, von Pommern und Litauen aus 



*) HanptqueUen: De Jonge, Teil I; „Vie de Tromp"; „Leben Ruyters", in 
beiden letzten genaue Beschreibung der Züge nach Mittelmeer, Portugal und Ostsee. 
**) Genaueres über die Tätigkeit der nordischen FkJtten in den auf Seite 44 u. 109 
gegebenen Quellen. Überr,ihre Stärke um 1655 vergl. Seite 148. 



240 Nebenkriege 1654 — 1665. Der schwedisch-polnische Krieg 1655 — 1660. 

an. Da ein Teil der Polen zu ihm überging, hatte er zunächst großen Erfolg; nach kurzer 
Zeit war fast ganz Polen in seiner Hand, und der Kurfürst von Brandenburg zur Neu- 
tralität gezwungen. 1656 wurde auch Westpreußen bis auf die Stadt D a n z i g , die 
von einer holländischen Rotte geschützt wurde, erobert. Durch Wiederabfall der Polen 
gefährdet, gewann der Schwedenkönig sich den Beistand Brandenburgs und erfocht mit 
ihm den glänzenden SiegbeiWarschau 28. /30. Juli 1656. 

Nun aber trat ihm eine Liga von Rußland, dem Kaiser und Dänemark entgegen, 
der sich später auch Brandenburg anschloß. Dänemark glaubte, diese Gelegenheit benutzen 
zu können, um die Verluste des Friedens von Bromsebrö 1645 wieder gut zu machen. 

Karl Gustav warf sich mit aller Kraft auf Dänemark. Seine Flotte wurde zwar 
zunächst von der dänischen in Schach gehalten, aber mit der Armee eroberte er über 
Pommern, Mecklenburg, Holstein, schließlich im Januar 1658 über die gefrorenen Belte 
vordringend, Fünen, Langeland, Laaland, Moen, ging nach Seeland über und belagerte, 
nun auch von der Flotte unterstützt, Kopenhagen. 

So erzwang er den Frieden Ton Roetklld, 26. Februar 1658, worin Dänemark die 
Provinzen Bleckingen, Schonen, Halland, Bohuslän, Drontheim, sowie die Insel Bom- 
holm abtrat und dem Vorschlage beistimmte, gemeinsam mit Schweden den Sund für 
fremde Kriegsschiffe zu schließen. Schweden war zum Frieden geneigt geworden, weil 
•ein polnisch-brandenburg-kaiserliches Heer Dänemark zu unterstützen drohte. 

Die Sperrung des Sundes durchzuführen, zeigte sich aber Dänemark nicht gewillt, 
wozu es wohl durch Holland und England in deren eigenem Interesse bewogen oder gar 
genötigt wurde. Da griff Karl Gustav im August 165^8 unversehens aufs neue an. 
Nach den schnellen Erfolgen des vorigen Feldzuges hoffte er wohl durch völlige Nieder- 
werfung Dänemarks den alten Gedanken der Kalmarischen Union jetzt verwirkHchen 
2u können. Er bemächtigte sich Korsörs und belagerte wiederum Kopenhagen, 
von den anderen Inseln waren seine Truppen noch gar nicht zurückgezogen. Die Stadt 
verteidigte sich tapfer und wurde durch die blutige Schlacht imSunde von einer 
holländischen Flotte wenigstens auf der Seeseite entsetzt; die Belagerung zu Lande 
dauerte fast bis zum Friedensschlüsse. 

Im weiteren Verlaufe des Krieges (1659) eroberten die festländischen Verbündeten 
Dänemarks: Pommern, Schleswig-Holstein, Jütland, Alsen, Fünen (Nyborg 14. Novem- 
"ber); an dieser letzten Waffentat nahm wiederum eine holländische Flotte großen Anteil. 

Holland, England und Frankreich, die keine der beiden Mächte 
in der Ostsee zu stark werden lassen wollten, hatten sich im Haager Konzert, 
Mai 1659, vereinigt, um Frieden zu vermitteln. England und Frankreich war der von 
Holland im Norden erlangte Einfluß zu bedeutend geworden, und so mischten auch sie 
sich kräftiger ein, sobald die Aussicht auf Frieden mit Spanien ihnen freiere Hand ließ. 
Die Vermittlung blieb bei der Hartnäckigkeit des Schwedenkönigs längere Zeit ohne 
Erfolg und eine schnellere kriegerische Entscheidung durch die holländische Flotte auf 
Seiten Dänemarks wurde wieder durch die Anwesenheit einer englischen Beobachtungs- 
flotte und durch die diplomatische Vertretung Frankreichs gehindert. Erst nach dem 
Tode Karls X. Gustavs, im Februar 1660, kam es im Juni 1660 zum Frieden von Kopen- 
hagen zwischen Dänemark und Schweden (im Mai schon zu Oliva zwischen Schweden 
und Brandenburg-Polen). Die Bedingungen für das geschlagene Schweden waren sehr 
günstig: dieselben, die das siegreiche im Frieden von Roeskild errungen hatte; nur 
blieben jetzt Bomholm und Drontheim bei Dänemark und, das Wichtige für die Ver- 
mittler, die geplante Sundsperre fiel weg. 

Schweden hatte seine Grenzen endgültig an den Sund und an das Kattegat 
gerückt, hatte die Mitherrschaft über die Einfahrt in die Ostsee errangen, ja, war die 
erste Macht in der Ostsee geworden. 

Die Beteiligung der holländischen Marine an diesem Kriege ist sehr be- 
deutend, während die zur Ostsee entsandten enghschen Flotten nirgends 



Allgemeiner Verlauf des Krieges. Beteiligung Hollands. 24I 

tätlich eingriffen. In der ersten Zeit des schwedisch-polnischen Krieges 
verstärkte Holland nur den Schutz seiner Handelsschiffe in der Ostsee, als 
aber Karl X. Gustav 1656 D a n z i g bedrohte und man fürchtete, daß diese 
Komkanuner geschlossen, sowie Ein- und Ausf\ihr im Osten zu sehr von den 
Schweden abhängig werden köimte, beschloß man einzugreifen, um wie elf 
Jahre vorher zur Erhaltung des Gleichgewichtes in der Ostsee beizutragen. 
Der Leutnantadmiral Wassenaer,*) unter ihm Ruyter ab Vizeadmiral, 
führte eine große Flotte nach Danzig, deren Erscheinen im JuU 1636 die 
Stadt vor der Übergabe rettete und die holländischen Handelsverhältnisse 
vorläufig sicherstellte, bis Dänemark im unglücklichen Frieden von Roeskild 
gezwungen wurde, dem Vor- 
schlage Schwedens, für fremde 
Kriegsschiffe den Sund zu 
sperren, beizustimmen. 

Zunächst griff Holland hier- 
auf jedoch noch nicht wieder ein, 
hoffend, daß diese ßedingui^ 
bei Dänemarks Abneigung 
■dagegen nicht durchgeführt 
■werden würde. Als aber nach 
dem neuen Angriff Schwedens 
1658 die Kriegslage sofort für 
Dänemark so ungünstig stand 
und Karl Gustav Kopenhagen 
zu Wasser und zu Lande hart 
bedrängte, ergriff man die 
Offensive. Wieder führte 
Wassenaer eine Flotte von 
35 Kriegsschiffen nach dem 
Sunde mit dem Befehle: Trup- 
pen zur Untei Stützung Kopen- Jakob van Wassenaer. 
hagens zu landen, beschlag- 
nahmte Kauffalirer zu befreien und die schwedische Flotte bei günstiger 



•) Nach dem Tode Tromps in der Schlacht von Scbeveningen wurde Jakob 
vanWassenaer, Heer van Opdam, ein KavallerieoHizier von hoher Geburt, zum 
leutnantadmiral von Holland und Westfriesland emamit. Die drei Provinzen von 
Holland wagten nicht, ihren nächstältesten Vizeadmiral Witte de Witt dazu zu beför- 
dern, da er zu unbeliebt bei seinen Untergebenen war. Um alle Unzufriedenheit 
durc]^ ein Übergehen zu vermeiden, wählten sie diesen Mann von hoher Geburt. Aus 
denselben Gründen den Adnüralen Seelands gegenüber bestätigten die Generalstaaten 
Wassenaer auch in der Stellung ab Oberbefehlshaber der Gesamtstreitkräfte, er trat 
aber als solcher während des ersten Krieges nicht mehr in Tätigkeit. Die Ernennung 
erregte böses Blut bei allen Seeoffizieren. W. selbst versuchte den Posten abzulehnen; 
später wurde ihm, wie wir sehen werden, oft der Vorwurf gemacht, seine Stellung nicht 
richtig ausgefüllt zu haben. 

RiltncYtc, SeekricH. l6 



242 Nebenkriege 1654 — 1665. Der schwedisch-polnische Krieg 1655 — 1660. 

Gelegenheit zu schlagen; sollten Kopenhagen und Kronenburg schon ge- 
nommen sein, sei der Sache Dänemarks nach eigenem Ermessen bis zum 
Eintreffen weiterer Befehle zu nützen. 

Die Flotte setzte sich zusammen aus: i Schiff zu 72 Kanonen; i zu 59; i zu 50 

— die drei Flaggschiffe — ; 10 zu 40—42 ; 1 2 zu 30 — 38 ; 8 zu 26 — 28 ; 2 zu 22 — 23 Kanonen. 
Hierzu traten 6 Transporter zu 16^24 Kanonen mit 2000 Soldaten, 28 Transporter 
mit Proviant usw. für die Flotte und für Kopenhagen. Die Vorhut — 11 Schiffe, i Brander 

— führte Admiralleutnant de Witt ; das Zentrum — 13 Schiffe, 2 Brander — der Flotten- 
chef, die Nachhut — x i Schiffe, i Brander — Vizeadmiral Floriszoon. 

Wassenaer erschien am 3. November 1658 vor dem Sunde und mußte hier 
wegen widriger Winde zu Anker gehen. Kronenburg war bereits ge- 
fallen und der Sund hinter der Linie Kronenburg — Helsingborg durch die 
schwedische Flotte gesperrt. Diese unter dem Admiral Karl Gustav 
W r a n g e 1 war in vier gleichstarke Geschwader geteilt und bestand aus 
38 (44?) Kriegsschiffen, die den holländischen mindestens gewachsen waren, 
wahrscheinlich waren sogar mehr schwerere darunter ; ein großer Teil der 
Schiffsbesatzungen bestand aus englischen und deutschen Seeleuten, viele 
der Schweden hatten in Holland gedient. 

Am 8. November kam frischer Nordwind auf, Wassenaer lichtete 
mit Tagesanbruch Anker und passierte zwischen den beiden Befestigungen, 
wider Erwarten ohne von ihrem Feuer zu leiden, da die meisten Kugeln die 
Mitte des Fahrwassers nicht erreichten — Karl Gustav befand sich auf 
Kronenburg imd soll eigenhändig das erste Geschütz abgefeuert haben. 
Zwischen 10 und 11 Uhr vormittags stieß die holländische Flotte auf die 
schwedische. Der Verlauf der Sehlacht im Sunde ist aus den sonst ausführ- 
lichen Quellen nicht zu ersehen; sie geben wie üblich nur die Erlebnisse ein^ 
zelner Schiffe, besonders der Flaggschiffe (Gruppentaktik). 

Anzunehmen ist, daß beide Flotten in Kiellinie waren, die Schweden „beim Winde' *^ 
den Feind erwartend, und daß die Holländer durch Einbrechen in die feindliche Linie 
sofort die Melee herbeiführten, wie wir es meist bei ihnen sahen. Kurze Andeutungen 
scheinen dies zu bestätigen: de Witt läuft bei der feindlichen Vorhut vorbei, ohne ihr 
Feuer zu erwidern, und greift den feindlichen Oberbefehlshaber an. Gleich darauf 
erscheint Wassenaer an derselben Stelle, und de Witt finden wir im Kampf mit dem 
feindUchen Vizeadmiral. Diese beiden Gegner treiben mit dem Strom auf Grund, de Witt 
wird von einer Anzahl Feinde umringt, enfiliert, geentert, ohne Hilfe zu erhalten, und 
fällt mit dem Degen in der Faust. Wassenaer setzt Wrangel außer Gefecht (Ruder- 
havarie), der sich unter Kronenburg zurückziehen muß, wird aber selbst hart bedrängt 
und erhält erst später Entsatz. Besonders hervorgehoben wird, daß überall die hol- 
ländischen Flaggschiffe am kräftigsten angegriffen werden; auch Floriszoons Schiff ist 
längere Zeit in großer Gefahr, er selber fällt. Es scheint also, als ob die Schweden ihre 
Ordnung besser bewahrt, ihre Schiff e besser zusammengehalten haben, vielleicht unterstützt 
durch Kenntnis des Fahrwassers und der Stromverhältnisse. Schließlich muß aber 
doch die größere Kriegstüehtigkeit der Holländer den Ausschlag zu ihren Gunsten gegeben 
haben. 

Der Kampf endete mit dem Siege der Holländer. Der Verlust der Schwe- 
den war: 3 Schiffe genommen, 8 vernichtet, 1000 Tote, 450 Gefangene; 
die Holländei verloren nur das Schiff de Witts (die alte berühmte „Brederode"; 



Beteiligung Hollands. Die Schlacht im Sunde am 8. November 1658. 243 

sie wurde geentert, sank aber später), 400 Tote, 3 Brander. Obgleich die 
Schweden nach etwa 5 — 6 Stunden zu Luward standen und die Holländer 
mit Wind imd Strom südlich getrieben waren, brechen jene das Gefecht ab 
und gehen unter den Schutz von Kronenburg. Sie gaben also den hollän- 
dischen Kriegsschiffen imd den mit Pro\äant versehenen Transportern den 
Weg nach Kopenhagen frei und standen zur See von der Belagerung der 
Stadt ab. Von Kronenburg aus ging die schwedische Flotte, mit dem König 
an Bord, bald darauf nach Landskrona, allerdings ihrerseits nun auch un- 
belästigt durch die holländische oder dänische Flotte. 

Wassenaer war nach der Schlacht sundaufwärts gegangen, traf bei 
der Insel Hven einen Teil der dänischen Flotte unter Admiial Bielke, 
der durch den Nordwind am Erscheinen in der Schlacht verhindert worden war, 
und ankerte an der Küste Seelands nördlich von Kopenhagen ; verschiedene 
Schiffe mußten zur Ausbesserung nach der Stadt. Am 9. trafen dort auch die 
Transporter mit den Soldaten und Lebensmitteln ein, wodurch die Verteidigung 
der Stadt wesentlich unterstützt wurde. 

An einem der nächsten Tage ging Bielke mit seinen und einigen 
holländischen Schiffen nach Hven, tun die schwedische Flotte abzufangen 
oder doch inLandskrona durch Versenken von Fahrzeugen einzuschließen. 
Zum Abfangen kam man aber zu spät und das Einschließen wurde auch nur 
unvollkommen erreicht; ein Angriff mit Brandern wurde abgeschlagen. 

Wassenaer führte in seinem Berichte an, viele der Kommandanten hatten 
nur lau gefochten und die Admirale im Stich gelassen, wenigstens nicht genügend unter- 
stützt — eine Klage, die wir bereits aus dem ersten großen Kriege kennen. Es erregte 
diese Äußerung Ärgernis in den Provinzen von Holland, besonders in Amsterdam, da 
doch bei etwa gleichen Kräften ein großer Erfolg erzielt war. Wassenaer wurde deshalb 
nach seiner Rückkehr zur Rede gestellt und ihm dabei vorgehalten, er habe vor der 
Schlacht, wie doch vorgeschrieben oder üblich, keinen Kriegsrat gehalten; seine Unter- 
führer hatten keine Instruktionen gehabt, andernfalls würden seine. Schiffe nicht so 
bald nach dem Zusammenstoß über den ganzen Sund zerstreut gewesen sein und die 
Niederlage der Feinde wäre eine noch weit größere geworden. 

Man nahm auch die Gelegenheit wahr, ihm eine nicht genügende Ausnützung des 
Sieges vorzuwerfen; er habe ein zweites Mal angreifen oder doch dem Feinde den Weg 
nach Landskrona verlegen müssen; wenigstens habe er später die Operationen gegen 
genannten Hafen energischer betreiben und selbst leiten müssen, anstatt sogar hol- 
ländische Schiffe einem dänischen Admiral zu unterstellen. Die Angelegenheit verlief 
im Sande, vielleicht durch den Einfluß der Generalstaaten, aber auch die Untersuchung 
gegen die angeklagten Kapitäne wurde niedergeschlagen. 

Man muß wohl zugeben, daß die holländische Flotte mehr hätte leisten 
können. Aber lag dies in der Politik der General- 
staaten? Der Wunsch, Schweden nicht ganz niederzuwerfen, zeigt 
sich während des ganzen Krieges, wie wir noch sehen werden ; auch Dänemark 
sollte nicht zu mächtig werden, nur Frieden und Gleichgewicht wollte man 
in der Ostsee haben. So erhielt Wassenaer jetzt schon den Befehl, die ge- 
nommenen Kriegsschiffe an Dänemark auszuliefern, aufgebrachte Kauffahrer 
aber an Schweden zurückzugeben, falls von dort das Gleiche geschähe. Im 

i6* 



244 Nebenkriege 1654 — 1665. Der schwedisch-polnische Krieg 1655 — 1660. 

Sinne dieser Politik war es auch, daß man nach der Schlacht den Beschluß 
faßte, zwar noch mehr Trappen unter Bedeckung einiger Kiiegsschiffe nach 
Kopenhagen zu werfen, den größten Teil der Flotte jedoch aus Sparsamkeits- 
gründen zurückzuziehen. Diese Absicht wurde scheinbar nur aufgegeben, da 
auch England die Entsendung einer großen Flotte vorbereitete. 
Der Transport erschien hierdurch gefährdet, die weitere Anwesenheit starker 
Kräfte anderseits nötig. England war, wie auch Frankreich, argwöhnisch 
auf den in der Ostsee erlangten Einfluß Hollands geworden ; schon 1658 hatte 
sich dort ein englisches Geschwader gezeigt imd 1659 g^g ^ ^^^ Tat wiederum 
eine starke Flotte (42 Segel) imter M o n t a g u dahin ab, die wohl in erster 
Linie die Aufgabe hatte, die HoUänder zu beobachten und gegebenenfalls 
in Schach zu halten. 

So sandte man denn trotz des in der Heimat auftretenden Mannschafts- 
mangels — die Hochseefischerei mußte teilweise eingestellt werden — eine zweite 
starke Macht von 39 Kriegsschiffen, 3 Brandern nüt 1743 Geschützen und 
7700 Mann imter R u y t e r , der eben aus dem Mittelmeer zurückgekehrt 
war, zur Verstärkung Wassenaers ab. 4000 Mann, auf einigen Transportern 
meist aber auf den Kriegsschiffen eingeschifft, waren zur Verstärkung Kopen- 
hagens bestinunt; ein Konvoi von Kauffahrern schloß sich an. Als Ruyter 
im Juni 1659 ^^ Wassenaer gestoßen war, zählte die Gesamtflotte 80 Kriegs- 
schiffe mit 12 900 Mann, ausschheßlich der erwähnten 4000 Soldaten ; sie 
war stark genug, wenn erforderlich, der eingetroffenen englischen Macht ent- 
gegenzutreten. Vorläufig sollte jedoch die Flotte nicht eingreifen und 
auch die Truppen durften nicht ausgeschifft werden. Im Haager Konzert 
war unmittelbar nach Ruyters Abfahrt vereinbart, daß zunächst nichts unter- 
nommen, sondern nur durch die Anwesenheit der Flotten auf einen Frieden 
— mit den Bedingungen von Roeskild, aber ohne die Sundsperre — hin- 
gewirkt werden soUe. Die Frist der Waffenrahe für die holländischen Streit- 
kräfte wurde in der Folge immer weiter verlängert, und es ist interessant, ihre 
Bewegungen*) unter steter Beobachtung der englischen zu verfolgen. Die 
französischen Diplomaten wirkten in demselben Sinne. Die Friedensver- 
handlungen kamen aber nicht vorwärts. Vor allem wollte Karl Gustav die 
Simdschließung nicht aufgeben, obgleich der holländische Gesandte auf 
die Nutzlosigkeit dieser Maßnahme hinwies, indem er sagte: „Ich habe die 
Schlüssel zum Sunde (die holländischen Kriegsschiffe) doch schon in Amster- 
dam hegen sehen." 

Erst als am 5. September 1659 Montagu mit der englischen Flotte nach 
der Heimat abging — unter dem Vorwande, neu ausrüsten zu müssen, in 
Wahrheit aber, um Monck bei Einsetzung Kark II. zu unterstützen — , kam 
die holländische Flotte wieder in Tätigkeit. Es folgen nun Operationen an 
der Küste Schwedens und der Teüe Dänemarks, die noch in schwedischem 
Besitze waren. Sie werden giößten teils geleitet von Ruyter, unter ihm 

*) Sehr genau im „Leben Ruyters"; dort auch die Ordres der Generalstaaten, 
der Verlauf der Friedensverhandlungen usw. 



Beteiligung Hollands. Die Eroberung Fünens 1659. 245 

Comelis Evertsen jun., da Wassenaer Anfang November nach Abgang der 
Engländer gleichfalls mit etwa 20 Schiffen zurückgezogen war, wie denn auch 
ein weiterer Teil der Flotte zum Handelsschutz abgezweigt wurde. 

Die erste und Hauptaktion war die Unterstützung des Angriffs der fest- 
ländischen Verbündeten Dänemarks von Deutschland aus, der Haupterfolg 
die Eroberung Fünens mit der Stadt Nyborg 1659. 

R u y t e r führte auf seinen und den dänischen Schiffen ein dänisches Heer von 
5200 Reitern und 4600 Mann Fußvolk unter General Schack von Kiel nach dem stark 
besetzten Fünen. Ein Teil seiner Schiffe war nach dem kleinen Belt gesandt worden, um die 
Aufmerksamkeit der Schweden dorthin zu ziehen und um den Übergang eines branden- 
burgisch-kaiserlich-polnischen Heeres — General von Eberstein mit 4000 Reitern und 
wenig Fußvolk*) — nach Fünen bei Middelfart zu unterstützen. 

Auf Fünen standen etwas über 7000 Schweden, davon 4500 Reiter, unter dem 
General Steenbock und dem Prinzen von Sulzbach. Ruyter und Schack versuchten am 
8. November vergeblich, die Landung bei Nyborg zu erzwingen, aber am 10. gelang 
es unter Ruyters persönlicher Führung, bei Kerteminde trotz schwedischer Schützen- 
gräben Fuß zu fassen und in zwei Tagen auch die ganze Reiterei auszuschiffen. Am 
14. war Eberstein nach Fünen hinübergegangen, und beide Heere vereinigten sich am 
19. bei O d e n s e. Die Schweden wurden auf Nyborg gedrängt und am 22. unter schweren 
Verlusten aus ihrer starken Stellung eine Meile vor der Stadt in diese hineingeworfen; 
bei dem Treffen sollen sich besonders die Holländer ausgezeichnet haben. Bei der nun 
folgenden Belagerung Nyborgs bringt die holländische Flotte die, Stadt und 
Hafeneinfahrt, deckenden Werke zum Schweigen, legt sich zum Teil in den inneren 
Hafen und bombardiert, so daß die Stadt am 25. auf Gnade und Ungnade übergeben 
werden muß und die Insel für die Schweden verloren ist. Die Schweden verloren 2000 
Tote und 5000 Gefangene, die Verbündeten nur 500 Tote. 

Ruyter ging dann zum Ausrüsten nach Lübeck und von dort nach Kopen- 
hagen. Die nahehegende weitere Unterstützung, die Truppen nach Seeland 
zum Entsätze der Hauptstadt überzuführen, scheint wiederum unterbHeben 
zu sein, um Schweden nicht zu sehr niederzuwerfen, England und Frankreich 
nicht zu reizen, wenn auch als Grund die vorgerückte Jahreszeit angegeben 
wurde. 

Im Winter 1659/60 fror die Flotte vor Kopenhagen ein, und nun 
unterstützte Ruyter die Verteidigung, da mit dem Falle der Stadt auch 
seine Flotte arg gefährdet gewesen wäre; er sandte Soldaten und Matrosen 
in die Werke und ließ die Schiffe durch Aufhauen des Eises gegen Entern 
schützen. Vom Aufgehen des Eises bis zum Friedensschlüsse erfolgten nur 
noch kleinere Bewegungen zur Überwachung der schwedischen Flotte, da 
sich mit dem Tode Karl Gustavs die Friedensaussichten sofort günstiger 
stellten. 

Die Erfolge in der Ostsee hatten den alten Ruf der holländischen Marine, 
der durch den unglücklichen englisch-holländischen Krieg gelitten hatte, 
wieder hergestellt. 



*) Ich erinnere daran, daß seit der letzten Zeit des Dreißigjährigen Krieges eine 
Zeitlang die Kavallerie in den Heeren häufig überwog, daß aber ein Teil davon, die 
Dragoner, vorzugsweise zu Fuß focht. 



246 Nebenkriege 1654 — 1665. Holland im Mittelmcer 1661 — 1664. 

In den Jahren 1661 — 1663 und auch 1664 wurde R u y t e r , einmal auch 
Tromp jun., ins Mittelmeer gesandt. Während Holland im Norden beschäftigt 
war, hatten die Seeräubereien der Barbaresken aufs neue überhand ge- 
nommen. Verschiedentlich wurden zwar Verträge abgeschlossen oder Verträge 
erzwungen, doch wurden diese immer wieder von den Barbaresken ge- 
brochen. Im ersten Jahre hatte der Admiral noch den geheimen Befehl, 
Spaniens Silberflotten zu schützen, als England und Portugal mit Spanien 
im Kriege waren. Es ist dies wieder ein bemerkenswertes Kennzeichen 
damaliger Verhältnisse, denn eben hatte Holland mit Portugal Frieden ge- 
schlossen. Dieser Friede wurde aber erst 1662 ratifiziert imd gegenseitige 
Schädigungen, sowie dadurch hervorgerufene Gewaltmaßregeln hörten selbst 
dann noch nicht auf. In den späteren Jahren kam es in den spanischen 
Gewässern, sogar bei gemeinsamem Vorgehen gegen die Barbaresken, schon 
zu Reibungen mit England, oft nur wegen Etikettenfragen. 1664 erfolgte 
ein Zusammenstoß ernsterer Art an der Westküste Afrikas, der mit Anlaß 
zum zweiten Kriege gab (vergl. Seite 252). 

Wir müssen auch Frankreich"^) kurz berühren. Der Krieg mit 
Spanien, der 1635 ausgebrochen war, als Richelieu auf selten Schwedens in 
den Dreißigjährigen Krieg eintrat (Seite 109), wurde nach dem Westfälischen 
Frieden fortgeführt. Er spielte sich zu Lande in den spanischen Niederlanden, 
an der spanischen Grenze aber auch in den spanischen Besitzunj^en Italiens 
und in den nördlichen Provinzen Spaniens ab, da Frankreich verschiedene 
Aufstände in Katalonien, Aragonien, dem Königreich beider Sizilien sowie^ 
auch den Abfall Portugals für seine Zwecke ausnutzte. Die von Richelieu 
neu gegründete Flotte nahm daran lebhaften Anteil durch Unterstützung der 
Landheere, durch Angriffe auf Küstenstädte und auf die feindliche Flotte, 
um die Verbindung Spaniens mit seinen Nebenländem abzuschneiden. So 
kam es zu verschiedenen Gefechten nicht unbedeutender Flotten — Kampf 
um die Lerinischen Inseln, Schlachten bei Guetaria und bei Genua, Cadiz, 
Tarragona — besonders solange die französische Marine die unter Richelieu 
(t 1642) erlangte Stärke hatte. Bei den Kämpfen im Mittelmeer spielten 
zwar die Galerenflotten die Hauptrolle; beide Nationen waren etwa gleich 
stark in dieser Waffe. Es treten aber auch Flotten von Segelkriegsschiffen 
oder armierten Kauffahrem auf, sowohl in der Biscaya wie im Mittelmeer; 
in der Schlacht bei Cadiz 1640 soll der französische Admiral de B r 6 z e, 
zu Luward stehend, sogar schon das Manöver gemacht haben, durch einige 
seiner Schiffe den Feind dublieren zu lassen. Doch bieten im allgemeinen die 
Ereignisse nichts derart Wichtiges, um hier näher darauf einzugehen. 

Der Bürgerkrieg der Fronde lähmte den Krieg gegen 
Spanien sehr, besonders auch zur See, da M a z a r i n nicht mehr die nötigen 
Mittel für die Marine flüssig machen konnte, und 1652 traf diese der schwere 
Verlust des Geschwaders unter Vendome durch Blake (Seite 208), wodurch 
auch Dünkirchen in die Hände der Spanier fiel. Anderseits wirkte die Flotte 

♦) Du Sein, Teil II, zählt die Gefechte auf ; Chab.-Arnault etwas genauer. 



Frankreich gegen Spanien 1635 — 1659- Venedig. 247 

mit 2ur Unterwerfung der Fronde in Bordeaux {1649 und 1653), bei einem 
letzten Aufstande in Neapel (1653) und schlug die spanische bei Barcelona 
{1655), Die Macht der spanischen Marine erlahmte immer mehr, weil dieser 
Staat seit 1654 mit England im Kriege war und seine Küsten blockiert wurden. 
Nachdem 1657 das Bündnis mit England abgeschlossen war, wurde, wie 
schon erwähnt, 1658 Dünkirchen mit Unterstützung der enghschen Flotte 
zurückerobert (durch Turenne), zunächst laut Vertrag an England abgetreten, 
aber 1662 von diesem gekauft. Louis XIV. schuf hier durch Ausbau und 
Befestigung des schon von den Spaniern gegründeten Kriegshafens einen 
mächtigen Stützpunkt für seine Seestreitkräfte. 1659 war Spanien ge- 
zwungen, Frieden zu schließen — den Pyrenillschen Frieden, ratifiziert 1661. 
Es verlor die Provinzen nördlich von den Pyrenäen, sowie Teüeund verschiedene 
wichtige Plätze seiner Niederlande ; hierdurch näherte sich das immer mächtiger 
werdende Frankreich den Grenzen Hollands. Der Krieg hatte die Wichtigkeit 
einer starken Marine für Frankreich gezeigt und Louis XIV. (Colbert) wandte 
ihr von jetzt ab, allerdings auch für kolonialpolitische Ziele, die größte Sorgfalt 
zu. In Hinsicht auf diese Punkte hat der französisch-spanische Krieg wohl 
Interesse für uns. Verwicklungen mit Holland sollten bald eintreten und die 
neue französische Marine kam zur Geltung; vor ihrem Auftreten im Norden 
erhielt sie ihre Feuertaufe in Kämpfen gegen die Barbaresken 1664 
und 1665. 

Auf einen venetianisch-türkischen Krieg 1645 — 1669, 
in dem Frankreich auftrat, soll bei späteren Kriegen zwischen diesen Staaten 
am Ende des Abschnittes näher eingegangen werden. 



Fünftes Kapitel. 
Der zweite englisch-holländische Krieg 1665—1667. 

Dl« poUtlBchfl Lags um 1662. GrOnd« das Kriegts. Die Betrachtung der 
,, Nebenkriege" hat uns bis in den Anfang der sechziger Jahre geführt und 
gezeigt, daß um diese Zeit in den europäischen Gewässern überall Frieden 
war. Aber der zweite englisch-holländische Krieg lag in der Luft, und in 
diesem trat Frankreich (sowie auch Dänemark) auf die Seite Hollands. 

In England war 1660 das Königtum wieder eingesetzt. K a r 1 II. stellte 
die alte Regierung wieder her, Ober- und Unterhaus sowie die bischöfliche 
Kirche, und erstrebte den Ausgleich zwischen den Bischöflichen, den Presby- 
terianem und den Katholiken. Ohne feste Grundsätze jedoch, ließ er sich 
in seiner inneren wie äußeren Politik vornehmlich durch die Geldbedürfnisse 
für seine üppige Hofhaltung leiten. So war seine äußere Politik schwankend. 
Obgleich er von Frankreich, noch unter Mazarin, auf Cromwells Forderung 
ausgewiesen war, verkaufte er doch 1662 das für England so wichtige Dün- 
kirchen an Frankreich und neigte immer mehr zu Louis XIV. hin, da dieser 
ihn auch sonst mit Geld unterstützte und dadurch teilweise vom Parlament 
unabhängig machte. 

Wenn Karl II. aber auch in erster Linie mehr auf seinen als auf Englands 
Vorteil bedacht war, so gab er doch, sobald die Lage bedenkhch wurde, der 
VoUtstimmung nach, um nicht dem Schicksal seines Vaters zu verfallen, 
auch führte ihn sein Haß gegen Holland mit der öffentlichen Meinung zu- 
sammen. Ihm war ein Krieg mit Holland erwünscht. Er haßte das Land 
als Republik, er haßte die augenblickliche Regienmg dort, da sie ihn auf 
Cromwells Forderung ausgewiesen hatte und auch seinen Verwandten, dem 
Hause Oranien, feindlich gegenüberstand. Es wird ihm aber auch nachgesagt, 
er habe den Krieg gewünscht, um dafür bewilligte Gelder für sich zu ver- 
wenden. 

Die Stimmung des Volkes, wenigstens eines wichtigen Teiles, war feind- 
lich gegen Holland. Der erste Krieg hatte den Kampf der beiden Länder 
nicht zum Austrage gebracht. Besonders auf englischer Seite blieb die Eifer- 
sucht auf den immer noch weit größeren und trotz der Navigationsakte weiter 



Die politische Lage vor Beginn des Krieges. 249 

zunehmenden holländischen Handel bestehen; die wichtige und erfolgreiche 
Rolle, die Holland in der Ostsee gespielt hatte, konnte England nicht ver- 
gessen. Als sich nach der Thronbesteigung Karls H. im Innern Ruhe ein- 
gestellt hatte, trat die Neigung zur Fortführung des Kampfes um die erste 
Stelle auf den Meeren wieder kräftig hervor; an äußeren Anlässen, diese 
kriegerische Stimmung zu schüren, fehlte es nicht. 

Holland hatte sich von den Folgen des ersten Krieges erholt. Sein Besitz 
in Indien war weiter gewachsen ; der Handel blühte auf allen Meeren wie nie 
zuvor; seine Finanzen waren geordnet. Letzteres war vornehmlich das Ver- 
dienst Jan deWitts, der seit dem Tode Wilhelms II. von Oranien während 
der sogenannten ersten statthalterlosen Zeit (1650 — 1672) Ratspensionär 
(erster Beamter) der Provinz Holland, aber in Wirklichkeit durch den Ein- 
fluß seiner bedeutenden Gaben der oberste Leiter der ganzen Republik war. 
Das erfolgreiche Auftreten in der Ostsee, die neu bewiesene Tüchtigkeit der 
Flotte, die Geschicklichkeit und Festigkeit seiner Diplomatie — wieder 
de Witts Verdienst — hatten Holland überall neues Ansehen verschafft. 

Dennoch war es in einer mißlichen Lage. Solange Spaniens Macht groß 
dastand, hatte es im Interesse Englands und Frankreichs gelegen, die Repubük 
stark und imabhängig zu sehen, als aber Spanien nicht mehr zu fürchten 
war, drohten Holland gerade von diesen Mächten Gefahren. England gelüstete 
nach Hollands Handels- und Seeherrschaft, Frankreich wollte die spanischen 
Niederlande haben. Der Verlust der Handels- und Seeherrschaft mußte der 
Ruin Hollands werden; das erstarkte Frankreich an Stelle des geschwächten 
Spaniens als unmittelbaren Nachbar zu erhalten, war militärisch und auch 
für den Handel nicht unbedenklich, selbst wenn die spanischen Niederlande 
geteilt wurden, wie es Frankreich zunächst vorschlug. Kam Antwerpen in 
französischen Besitz, so hatte die Schließung dei freien Schiffahrt dorthin 
wohl ein Ende; aber auch in holländischem Besitz mußte Amsterdam, der 
Hauptsitz der regierenden Partei, den Wettbewerb dieser in früheren ^Zeiten 
so bedeutenden Handelsstadt fürchten. Diesen Gefahren gegenüber hatte 
es der Leiter der Politik nicht leicht. Im Volke bestanden zwei Parteien: 
die eine war für das Haus Oranien, die andere für die republikanische Ver- 
fassung, wie sie augenblicklich bestand; jene neigte zu England imd wünschte 
eine starke Armee, diese war für Frankreich und eine starke Marine; sie 
bestand aus den Kaufleuten in den Seeprovinzen und hier vornehmlich ia 
Holland mit Amsterdam und Rotterdam, welche Provinz mehr als die Hälfte 
der Ausgaben des ganzen, lose geknüpften Staatenbundes trug. Da nun 
diese Partei, also die Handelsaristokratie, die herrschende war, so konnte 
die Regierung ihr Hauptaugenmerk auf die Flotte richten und die englische 
Gefahr war ja auch die ernstere und nächste; es wurde ihr jedoch nicht leicht, 
schon im Frieden genügend Mittel für die Wehrkraft aufzubringen, da selbst 
ihre Anhänger nur in der Not zu größeren Opfern bereit waren. Wie es bei 
einem reinen Hcindelsvolke ganz natürlich ist, war man in Holland über- 
haupt einem neuen Kampfe abgeneigt, wenn auch gerade die herrschenden 



250 I^r zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Kreise infolge des demütigenden Friedens und der großen Verluste im ersten 
Kriege England grollten ; man wollte doch die Friichte des Verkehrs im Frieden 
einheimsen. Die Regierung hatte denn auch Karl IL den Hof gemacht, sobald 
seine Aussichten auf den Thron stiegen, aber vergeblich, sein Haß überwog. 
Während die Verhältnisse sich zuspitzten, versuchte man immer noch, durch 
Unterhandlungen dem Kriege vorzubeugen. Man nahm auch die Vermittlung 
des scheinbar wohlgesinnten Frankreichs in Anspruch; alles blieb fruchtlos, 
weil England den Krieg durchaus wollte. 

So brach infolge der Handelseifersucht ein zweiter blutiger Krieg aus 
zwischen den beiden Völkern, "die als protestantische imd parlamentarische 
Staaten gegen das katholische und absolute Frankreich hätten zusammen- 
gehen sollen ; erst die allgemeiner werdende Erkenntnis der Pläne Louis' XIV. 
führte sie nach dem Kriege für kurze Zeit zusammen, dauernd und ernstlich 
erst nach der Vertreibung Jakobs IL aus England (1688). 

In Frankreich hatte Louis XIV. nach dem Tode Mazarins 1661, also 
bald nach dem Pyrenäischen Frieden, die Regierung allein ergriffen und 
seinen Ministem erklärt, er werde fortan sein eigener Premierminister sein. 
Von diesem Zeitpunkte an begann er die Pläne Richelieus imd Mazarins mit 
aller Kraft zu verfolgen: Frankreich an Stelle Österreich-Spaniens zur ersten 
Macht Europas zu machen und sie auf Kosten dieserLänder auszudehnen. Die ab- 
solute königliche Herrschaft besaß er nach Beendigung der letzten innerenWirren 
— durch die Unterdrückung der Fronde — ; tüchtige Minister (Louvois, Colbert) 
schmiedeten ihm die Waffen zu seinen nun bald folgenden Eroberungskriegen. 

Zunächst faßte er die Erwerbimg der spanischen Niederlande ins Auge ; 
seine Ansprüche leitete er von seiner Gemahlin Maria Theresia, der ältesten 
Tochter des Königs Philipp IV. von Spanien, her. Zwar hatte diese allen 
Erbansprüchen entsagen müssen, aber diese Entsagung erklärte Louis XIV. 
aus verschiedenen Gründen für nichtig imd hielt den Erbanspruch auf die 
Niederlande auch aufrecht, als dem König Philipp später noch ein Sohn 
geboren wurde. Er stützte sich hierbei auf die eigenwülige Auslegung eines 
alten Lehnsbrauches in diesen Provinzen, wonach die Tochter erster Ehe 
vor einem Sohne zweiter Ehe erbte, das „jus devolutionis", und griff später 
Spanien in seinen Niederlanden an (1667 der Devolutionskrieg). Noch bei 
Lebzeiten Phüipps (f Sept. 1665) begann er diesen Eroberungskrieg politisch 
vorzubereiten. Von England fürchtete er bei dem Charakter seines Königs 
keinen Widerstand, wichtiger war das Verhalten des geld- und seemächtigen 
Hollands. Um sich die dort regierende Partei günstig zu stimmen, schloß 
er 1662 ein Defensivbündnis mit der Republik. Auf einen Offensivvertrag 
ließ sich de Witt nicht ein, um nicht gezwungen zu sein, zu der sehr uner- 
wünschten Eroberung selbst mitzuwirken. So aber gewann er die Unter- 
stützung Frankreichs gegen England und behielt doch freie Hand, sich der 
Vereinigung Belgiens mit Frankreich zu widersetzen. Vor Ausbruch des 
Krieges übernahm mm Louis XIV. die Vermittlung und trat später (1666) 
sogar offen auf Hollands Seite. 



Die politische Lage. Die äußeren Anlasse zum Kriege. 25 1 

Es ist aber sehr fraglich, ob seine Vermittlung ernstlich gemeint war 
imd so durchgeführt ist. Es konnte ja nur in seinem Vorteil liegen, wenn 
die beiden Gegner sich schwächten; jedenfalls hat seine Flotte nicht in den 
Krieg eingegriffen, als er später als Verbimdeter auftrat. Louis wollte wohl 
diese eben von Colbert geschaffene und in der Entwicklimg begriffene Waffe 
noch nicht aufs Spiel setzen, sondern sie für später bewahren. Je geschwächter 
Holland aus dem Streite hervorging, um so leichter mußte es der von Louis 
zunächst vorgeschlagenen Teüung Belgiens geneigt werden. Sein zweideutiges 
Spiel geht nicht nur aus dieser lauen Haltung Holland gegenüber hervor, 
sondern auch daraus, daß er, wie schon angedeutet und wie wir noch weiter 
sehen werden, während der ganzen Zeit mit Karl IL in Verbindung stand. 
Und wie er die Zwietracht zwischen den beiden Gegnern nährte, so schürte 
er auch den Hader der Parteien in Holland. 

Die äußeren Anlässe zum Kriege« Die Kriegserldärung» 

Es fehlte nicht an Anlässen, die kriegerische Stimmung zu steigern, 
besonders in England. Die Handelskompagnien der beiden Länder stießen 
überall in den außereuropäischen Gewässern zusammen und bei der Über- 
legenheit der holländischen meistens zum Nachteil der englischen. Diese 
erhoben denn auch zuerst Klagen und brachten es dahin, daß England in 
einer Weise auftrat, die wiederum Holland zwang, scharfe Gegenmaßregeln 
zu ergreifen. Die Schüderung der Ereignisse*) wird zeigen, daß sich die 
Völker schon vor der Kriegserklärung im Kriegszustande befanden. 

Den englischen Handelskompagnien wurde es in allen Meeren schwer, neben den 
schon weit machtigeren holländischen festen Fuß zu fassen; sie wandten sich oft Hilfe 
heischend an das Parlament. Solche Forderungen traten besonders 1663 auf. — Die 
englisch-ostindische Kompagnie beschwerte sich, daß die Hollander noch immer die 
laut Friedensschluß von 1654 abzutretende Bandainsel Polaroon in Besitz hätten, daß 
sie feindlich gegen die indischen Fürsten und Städte aufträten, die ihr die Anlage von 
Faktoreien gestattet hatten, daß sie in jeder Hinsicht selbst mit Waffengewalt den eng- 
lischen Handel' hinderten. Großer Schaden sei der Kompagnie, mittelbar und unmittel- 
bar, schon zugefügt ; ungeheure Summen wurden dafür vorgerechnet. Man war außerdem 
in England der Ansicht, daß der berüchtigte Vorfall in Amboina noch nicht genügend 
gesühnt sei. Ahnliche Klagen Hefen gleichzeitig beim Parlament ein von der nach dem 
Mittelmeer fahrenden türkischen Kompagnie und von der 1662 gegründeten afrikanischen 
Kompagnie ; auch bei dieser handelte es sich um Zurückgabe einiger Plätze, die — früher 
in englischem Besitz, dann aufgegeben — von Holland eingenommen waren, so z. B. 
Capecoastcastle. 

Unberechtigt sind die Klagen wohl nicht gewesen. Wir haben den Ver- 
kehr auf dem Weltmeer genügend kennen gelernt, um zu wissen, wie gewalt- 
tätig der schon Mächtigere draußen dem Nachkommenden entgegentrat; 
jedoch ließ auch England nicht ruhig alles über sich ergehen, sondern ant- 
wortete, wo es ging, mit Vergeltungsmaßregeln, zu welchem Zweck z. B. 1661 

*) „Leben Ruyters" (besonders die Ereignisse), „Vie de Tromp" (besonders die 
Verhandlungen der Staaten), kürzer: de Jonge, Teill, und Clowes, Teil II, Seite 254 
und 422. 



252 I^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

ein kleines Geschwader an die Westküste Afrikas gesandt wurde. Zur Herbei- 
führung des Krieges waren diese Zusammenstöße aber nur ein Vorwand. 
Die öffentliche Meinung in England und danut der wirkliche Kriegsgnmd 
finden deutlich ihren Ausdruck in den Monck zugeschriebenen Worten : „Was 
kommt es auf diesen oder jenen Kriegsgrund an? Was wir brauchen, ist 
ein Stück mehr von dem Handel, den die Holländer jetzt haben!" Dem- 
entsprechend begann man in England zu rüsten — außergewöhnlich zahl- 
reiche Indienststellmigen, lebhafte Tätigkeit auf den Werften, Füllen der 
Magazine — und unternahm 1663 — 1664 eine größere Expedition gegen 
holländisehe Kolonien in Westatrika und Nordamerika, durch die die befestigte 
Insel Gor^e am Kapverde, Capecoastcastle sowie einige andere Plätze an der 
Goldküste und vor allem Neuamsterdam (New York) den Holländern ab- 
genommen wurden. 

Die Expedition zahlte 22 Segel, teils Schüfe der afrikanischen Kompagnie, teils 
könighche ; letztere hatte der HerzogvonYork gestellt, der gleichzeitig Protektor 
der Kompagnie und Lordhighadmiral war. Sie segelte 1663 unter AdmiralHolmes, 
der schon den Zug 1661 befehligt hatte. Holmes machte vom Januar 1664 an die auf- 
geführten Erobeningen in Afrika und brachte dort viele Schiffe auf. Dann ging er 
nach Nordamerika und nahm im August mit Hilfe der benachbarten englischen Kolonien 
Neu-Niederland in Besitz ; dem Entsender der Expedition zu Ehren nannte Holmes Neu- 
Amsterdam jetzt Neu York. 

Hollands Vorstellungen wegen der Gewalttat in Afrika fruchteten nichts. 
Die englische Regierung betrachtete den Zug als eine Privatangelegenheit, 
versprach Untersuchung, setzte aber ihre Rüstungen fort. Auch in Holland 
hatte man im Mai 1664 ^^^^ größere Flotte als sonst im Frühjahr unter 
Wassenaer zusammengezogen; wie man sagte, gegen die Barbaresken und 
spanischen Freibeuter. Sie wurde beständig verstärkt, und bald verlautete, 
daß sie Befehl habe, an der holländischen Küste zu bleiben, zu üben und 
durch leichte Schiffe die englische Flotte zu beobachten. Man fürchtete 
nämlich, diese würde gegen die heimkehrenden Ostindienfahrer vorgehen, 
die wie stets im Frühjahr von dei Biscaya abgeholt wurden; übrigens hatte 
man die entgegengesandte Bedeckung auch wesentlich verstärkt und be- 
fohlen, um Schottland zurückzusegeln. Als nun Holmes' Zug bekannt geworden 
war, beschloß man zuerst, mit den Früh Jahrsschiffen der westindischen Kom- 
pagnie eine Verstärkung der Kriegsschiffe nach Afrika zu senden. Da dies 
aber zu lange gedauert haben würde und auch nicht geheim gehalten werden 
konnte, gab man gleich darauf Befehl an Ruyter im Mittelmeer, nach 
Guinea zu gehen, die verlorenen Plätze wiederzunehmen, und den englischen 
Handel „in außereuropäischen Gewässern" zu schädigen. Dieser Befehl 
war streng geheim, damit man in England nicht aufmerksam würde und 
damit das englische Mittelmeergeschwader unter Lawson nicht folge. Die 
Geheimhaltung ging so weit, daß selbst einige Mitglieder des Rates, die den 
Befehl unterschrieben, ihn nicht kannten; er war ihnen nach einer sehr arbeits- 
reichen Sitzung zur Unterschrift mit untergeschoben worden.*) 

♦) „Leben Ruyters", Seite 222. 



Gegenseitige Angriffe in den Kolonien (Holmes; Ruyter). 253 

R u y t e r gelang es, die afrikanischen Besitzungen zurückzuerobern 
und auch sonst den Engländern in Westindien und im Atlantik großen Schaden 
zuzufügen. 

Ruyters Zag 1664 — 1665 nach Westftfrika und Amerika ist bemerkenswert, weil 
er die schwierige Aufgabe mit großem Geschick löste.*) Ruyter war im Mittelmeer 
gegen die Barbaresken stationiert, englischerseits befand sich Admiral Lawson zu gleichem 
Zwecke dort. Als Ruyter den Befehl erhalten hatte, nahm er unter allerlei Vorwänden 
an der spanischen Küste Proviant für ein Jahr. Es gelang ihm, Lawson über seine 
Bestimmungen zu tauschen, und so erschien er ungehindert und unerwartet Ende Oktober 
an der westafrikanischen Küste. Hier eroberte er zunächst Gor^e zurück, 
dann, auf die holländische Station Elmina gestützt, die an der Goldküste verlorenen Punkte 
und auch das englische Cormantyne ; Capecoastcastie widerstand mit Erfolg. Im Februar 
1665 ging er, 12 Schiffe und i Brander stark, nach Westindien. Nach einem ver- 
geblichen Angriff (29. April) auf eine große Zahl englischer Kauffahrer unter dem Schutz 
der Batterien auf Barbados verproviantierte er sich auf holländischen und französischen 
Inseln und ging dann nach Neufundland. Vor Guinea, in Westindien und in 
den nördlichen Gewässern brachte er viele Schiffe auf, die teils verkauft, teils heim- 
gesandt wurden, so daß der Zug reiche Beute eintrug. Ende Juni trat er die Rückreise 
nach Holland an. 

Schon in Westindien hatte er vom Ausbruch des Krieges gehört; er beabsichtigte 
deshalb, durch die Nordsee zu segeln und gab als Treffpunkt die Faröer Inseln und dann 
die Küste Norwegens (Stadtland) an. Wohlbehalten hier angekommen, erhielt er die 
Nachricht von der unglückUchen Schlacht bei Lowestoft (14. Juni). Da er nun die Engländer 
in Jder Nordsee vermutete, um ihn abzufangen — "dies war in der Tat der Fall — , 
steuerte er mit allen Vorsichtsmaßregeln längs den Küsten der deutschen Bucht und 
lief am 6. August 1665 in die Westerems ein. 

Sobald man in England das Auftreten Ruyters in Afrika erfuhr, ließ 
man die Maske fallen. Die in den englischen Häfen liegenden holländischen 
Schiffe wurden mit Beschlag belegt, englische Kriegsschiffe und Freibeuter 
brachten in kurzer Zeit an 130 feindliche Schiffe auf. 

Holland antwortete mit Beschlagnahme von Fahrzeugen, ließ aber den 
Befehl, feindliche Schiffe auf See aufzubringen, noch nicht in Kraft treten. 
Inuner noch hoffte man, den Frieden erhalten zu können, wobei man be- 
sonders auf die Vermittlung Frankreichs rechnete. Die Rüstungen wurden 
aber ununterbrochen fortgesetzt. Anfangs hatten die Generalstaaten den 
Provinzen hierfür noch andere Gründe angeben müssen, um sie geneigt zu 
machen: es würde nötig sein, die Konvois — z. B. den schon erwähnten nach 
Guinea — mit starken Flotten durch den Kanal zu führen; bald aber wurde 
doch von allen Stellen der Krieg selbst ins Auge gefaßt — der Konvoi nach 
Guinea segelte tatsächlich nur mit gewöhnlicher Bedeckung, weil eine Ver- 
stärkung der westafrikanischen Station nach Ruyters Erfolg nicht mehr nötig 
war — , und nun rüsteten alle Admiralitäten mit einer seltenen Einmütigkeit 
und unter Aufbietung aller Mittel. Es wurde beschlossen, 24 Kriegsschiffe 
erster Klasse zu bauen, für das kommende Jahr (1665) die Indienststellung 
aller Schiffe vorzubereiten und dazu die Mannschaften der Flotte von 1664 
im Dienst zu behalten. Wassenaers Flotte hatte man auf Wunsch Louis' XIV. 



♦) Näheres „Leben Ruyters" und in „Vie de Tromp". 



254 ^^ zweite englisch-hoDändische Krieg 1665 — 1667. 

während der Verhandlungen wie alljährlich mit Beginn des Winters zurück- 
gezogen, es war jedoch ein größerer Teil der Schiffe als sonst im Winter in 
Dienst belassen. Am 23. Dezember 1664 wurde femer sämtlichen Kauf- 
fahrem und Fischern das Auslaufen verboten, um sie nicht der Gefahr auf- 
gebracht zu werden, auszusetzen und um die Leute für die Bemannung 
der Flotte zu haben. 

Auch Karl II. zögerte noch mit der Kriegserklärung, wohl der vor- 
gerückten Jahreszeit wegen und um die Rüstungen zu vollenden, zu denen 
das Parlament noch mehr Mittel bewilligen sollte. Da aber schlug eine letzte 
Gewalttat Englands dem Faß den Boden aus. Am 29. Dezember 1664 griff 
der Admlral AlUn in der Straße von Gibraltar den heimkehrenden holländisehen 
Smyrna-Konvoi an. 

Der Konvoi bestand aus 30 Kauf fahrem mit nur 3 Kriegsschiffen Bedeckung. 
AUin überfiel ihn mit 7 Kriegsschiffen. Als der holländische Admiral van Brakel 
längsseit kam, um zu salutieren, wurde er mit einer scharfen Breitseite empfangen und 
dann der Konvoi angegriffen. Dank der tapferen Gegenwehr, auch der Handelsfahrzeuge» 
fielen nur 3 Schiffe in die Hände der Engländer — eines war im Kampf vernichtet; 
zwei versprengte, die ohne Befehl vorausgesegelt waren, wurden abgeschnitten — , die 
übrigen retteten sich in spanische Häfen, van Brakel fiel. 

Nach diesem Gewaltakt „in europäischen Gewässern" beschloß 
Holland den Krieg. Es erließ nun auch den Befehl, alle feindlichen Kriegs- 
und Handelsschiffe in europäischen Gewässern anzugreifen (24. Januar 1665) 
und brach die diplomatischen Beziehungen ab; derKrieg war erklärt. 
Die englische Kriegserklärung erfolgte im Februar; beide Staaten wetteiferten, 
ihre Schlachtflotten aufzustellen. — Frankreieh trat erst im Januar 1666 
durch förmliche Kriegserklärimg auf die Seite Hollands, ebenso Dänemark. 
Es ist bereits darauf hingewiesen, daß die französische Flotte keinen tätigen 
Anteil an den Kriegsoperationen nahm; du Sein erwähnt in der Geschichte 
der französischen Marine diesen Krieg überhaupt nicht. 

Auch Dänemark kam mit England nur zu kleinen Zusammenstößen 
in der Ostsee. 

Holland sandte die englische Kriegserklärung an alle seefahrenden Mächte mit dem 
Hinweis darauf, daß auch deren Seebandel durch den von England heraufbeschworenen 
Krieg schwer leiden würde. 

Die Streltmlttel der Gegner/) 

In Holland war es dem Wirken des Ratspensionärs de Witt zu danken^ 
daß nach dem Frieden 1654 ^^ Marine nicht wieder wie tun 1648 in Verfall 
geriet. Er verstand es, in allen Provinzen seinen Einfluß geltend zu machen 
imd die Bewilligung der nötigen Mittel zu erreichen. Die Unternehmungen 
in der Ostsee und im Süden hielten die Flotte in Übung. 



♦) Anschheßend an Seite 195 (Holland) und Seite 197 (England) gibt die Betrach- 
tung gleichzeitig ein Bild der Fortentwicklung der Marinen. Quellen: de Jonge, Teil I, 
und Clowes, Teil II, Kapitel XXII ; erstere gibt für diese Zeit genauere Angaben über 
die englische Marine als letztere. 



England greift den Smyrna- Konvoi an 1664. Die Streitxnittel .Hollands. 255 

Das Schiffsmaterial wurde wesentlich besser. Wir wissen, daß 
beim Friedensschluß 1654 70 Kriegsschiffe zu über 30 Kanonen vorhanden 
waren : i zu 60, 9 zu 50 — 58, 27 zu 40 — ^48, 33 zu 30 — 38 Kanonen. Es wurden 
nun die während des ersten Krieges begonnenen (30) und zu bauen beschlossenen 
(30) Schiffe fertiggestellt; unmittelbar vor und dann während des zweiten 
Krieges ordnete man weitere Neubauten an: 1664 von 24, Juni 1665 von 
nochmals 24 und 1666 von 12 Schiffen. Anfangs wurden zwar nur wenige 
Fahrzeuge über 50 Kanonen gebaut, erst 1664 ging man an solche von 60 bis 
80 Kanonen; in der 1665 aufgestellten Flotte waren nur 2 zu 70 — 80 und 
5 zu 60 — 70 Kanonen, so daß man noch Schiffe dieser Größe von der ost- 
indischen Kompagnie einstellen mußte, aber 1666 konnten schon 2 Schiffe 
über 80, II zu 70 — 78, 21 zu 60 — 68 Kanonen verwendet werden. Der Bestand 
war also an Zahl und Stärke der Schiffe wesentlich gewachsen; 1665 brauchte 
man nur auf etwa 20 Kauffahrer ziuückzugreifen, 1666 war man ganz frei 
von ihnen. Eine Angabe über den Gesamtbestand zu irgend einem Zeitpunkt 
fehlt in den Quellen; zum Vergleich mit den englischen Streitkräften ist 
Seite 258 die Zahl der Schiffe aufgeführt, die an den Hauptschlachten der 
beiden ersten Kriegs jähre teilnahmen. Es hatten beide Gegner ihre Gesamt- 
kraft aufgestellt, nur wenige Schiffe fehlten, die in fernen Gewässern sich 
aufhielten oder nicht gefechtsfähig waren. Die Angaben bieten also einen 
Anhalt über die Stärke der beiden Marinen überhaupt. 

Die neueren Kriegsschiffe waren besser gebaut als im ersten Kriege; alle 
Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) waren jetzt auch hier Zweidecker, Drei- 
decker besaß man jedoch noch nicht. Es ist femer sehr bemerkenswert, daß 
man in Holland, wenn auch den Verbesserungen im Schiffbau — so auch in 
den Schiffsformen — im allgemeinen Rechnimg getragen wurde, doch nicht 
zum „fregattenähnlichen" Bau in demselben Maße übergegangen war wie in 
England. Man zog immer noch weniger tiefgehende, breitere und weniger 
scharfe Schlachtschiffe vor, teils der Hafenverhältnisse wegen, teils weil man 
annahm, so stabilere Geschützstände zu haben, wenn auch die Fahrzeuge 
weniger schnell waren^ Dagegen baute man jetzt „fregattenähnhch" eine 
größere Zahl von Schiffen zu 20 — ^40 Kanonen, meist 26—36 Kanonen. Die 
Engländer hatten ja ihre größere Segelfähigkeit — fregattenähnlicher Bau selbst 
bis zu den mittleren Schlachtschiffen — des öfteren benutzt, um Schiffe 
abzuschneiden. Da man nun in Holland den Bau der Schlachtschiffe nicht 
dahin ändern wollte, sollten diese „Fregatten" dem Übelstande bis zu einem 
gewissen Grade abhelfen. Sie sollten in gefährdeter Lage befindlichen Schiffen 
zu Hilfe kommen und zimi Abfangen von Kauffahrem geeignet sein. Sie 
hatten (wahrscheinlich?) nur eine gedeckte Batterie, näherten sich also schon 
dem Begriff der späteren Fregatte. Der Schiffsbestand wurde endlich auch 
vervollständigt durch den Bau besonderer kleiner Fahrzeuge für Melde- und 
Aufklänmgsdienst (Advijsjagten) und einiger Ruderfahrzeuge zu ähnUchen 
Zwecken (Roeijagten und Galeijen) sowie von Transportern für Proviant und 
Munition, Postschiffen für die Flotten und zahlreichen Brandem. 



256 I^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Man baute aber nicht nur Schiffe mit größerer Kanonenzahl, auch die 
Armierung wurde noch in den Jahren vor und während des zweiten 
Krieges durch die zunehmende Verwendung schwererer KaUber verstärkt; 
die schwere Artillerie (32-Pfünder) und die höheren Kaliber der Mittelartillerie 
{24- und i8-Pfünder) wurden fast verdoppelt. Auch strebte man dahin, auf 
gleich großen Schiffen dieselbe Armierung und in den einzelnen Batterien 
Geschütze gleichen Kalibers einzuführen; besonders seit 1666. 1665 standen 
auf den Schiffen einzelner Admiralitäten noch 3 — ^4 Kaliber in einer Batterie. 
Die Admiralität von Amsterdam, die überhaupt den dritten Teil der Gesamt- 
flotte stellte, ging hierin wie in aUen Verbesserungen voran; ihre neueren 
Schlachtschiffe von 48 — 58 Kanonen waren schon nach englischem Vorbilde 
in dieser Beziehung armiert. Im allgemeinen ließ alles dies aber noch zu 
wünschen übrig, vor allem fehlte Gleichheit zwischen den Schiffen der ver- 
schiedenen Admiralitäten, und wie sehr die Stärke der Armierung der der 
englischen Flotte noch immer nachstand, werden die vergleichenden Angaben 
später zeigen. 

Auch in der Bemannungsfrage hatten sich im zweiten Kriege die 
Verhältnisse für Holland weit günstiger gestaltet. Im Frieden war stets genügend 
Personal für die Flotte vorhanden gewesen; nach Beendigung der Kriege 
in der Ostsee fanden sich viele kriegserfahrene Seeleute in Holland ein: Hol- 
länder, die dort gedient, und auch Fremde, denn der Dienst in der Marine 
war im Lande sehr behebt geworden. Da bei Ausbruch des Krieges Seefahrt 
imd Hochseefischerei untersagt wurden, war reichlich Personal vorhanden. 
Nach der großen Niederlage im ersten Jahre schwand allerdings die Neigung 
zum Dienst, diesem Übelstande wurde aber durch höheren Sold, Aussetzimg 
hoher Belohnungen für besondere Auszeichnungen und hoher Pensionen für 
Invalide usw. abgeholfen. Als endlich durch das Freigeben eines Teiles 
der Schiffahrt zu Ende des Jahres 1666 wieder die Gefahr des Mannschafts- 
mangels eintrat, wurde sie durch die Bestimmung abgewendet, daß jedes 
in See gehende Schiff ein Viertel seiner Besatzung zur Marine abgeben oder 
daß die Rhederei Mannschaften in dieser Höhe stellen mußte. Femer wurde 
1664 eine Seesoldatentruppe gegründet imd bald stark vermehrt. So trat ein 
Mannschaftsmangel in diesem Kriege nicht ein, nötigenfalls wurden weiter 
Landsoldaten eingeschifft. Die Schiffe waren auch stärker bemannt als 
früher; daß aber auch hierin England noch immer besser stand, werden wir 
sehen, und auch in der Kopfzahl der Besatzungen herrschte keine Gleich- 
mäßigkeit bei den Admiralitäten. 

EndUch hatten sich auch die Verhältnisse bei den Kommandanten 
und Chargen gebessert. Die Maßregel der Admiralität Amsterdam 
(Seite 149), sich einen Stamm von Kapitänen zu halten, war dadurch erweitert, 
daß man noch eine zweite Art Kapitäne schuf. Diese wurden zwar nicht im 
Dienst behalten, durften sich aber nur mit Erlaubnis der Admiralität auf 
Seereisen begeben und erhielten für diese Verpflichtung ebenfalls ein Jahrgeld. 
Dieselbe Behörde hatte femer erlaubt, daß sich nach dem ersten Kriege andere 



Die Streitmittel der Gegner. Holland. 257 

obere Dienstgrade, die nicht verwendet werden konnten, überetatsmäßig auf 
indienstgesteUten Fahrzeugen einschifften. Die Admiralität der Maas über- 
nahm teilweise diese nützlichen Bestimmungen; so trat bei Ausbruch des 
Krieges kein Mangel an Kommandanten usw. ein, es war sogar eine Tleserve 
vorhanden. 

Eine große organisatorische Verändenmg vollzog sich bei den Flagg- 
offizieren. Bis gegen das Ende des ersten Krieges hatten die Nieder- 
lande nur einen Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland, der beim 
Zusammentreten der Gesamtstreitkräfte der RepubUk den Oberbefehl führte, 
und je einen Vizeadmiral sowie je einen Kontreadmiral von Holland und von 
Seeland. Dann setzten die Staaten von Holland, deren Seemacht außer- 
ordentlich gewachsen war, durch, daß ein Vize- und ein Kontreadmiral für 
jede ihrer drei Admiralitäten (Maas, Amsterdam, Norderquartier [West- 
iriesland]) ernannt wurde; es gab also jetzt i Leutnantadmiral, 4 Vize- und 

4 Kontreadmirale. Vor Ausbruch des zweiten Krieges (Dezember 1664) nahm 
Seeland sein altes Recht wieder auf und ernannte einen Leutnantadmiral 
von Seeland; sofort verlangte und erreichte Holland dasselbe für jede seiner 
Admiralitäten; Friesland, dessen früher sehr unbedeutende Kräfte auch 
gewachsen waren, folgte bald. So hatten die Niederlande 1665: i Admiral- 
leutnant von Holland und Westfriesland, 5 Leutnantadmirale, 5 Vize-, 

5 Kontreadmirale für die 5 Admiralitäten. Bei der Eifersucht der Pro- 
vinzen sollte dies zu manchen Reibungen führen; auch sonst war die An- 
wesenheit so vieler Flaggoffiziere, teüweise vom höchsten Range, bei der 
Flotte öfters von großem Nachteil. 

Die Entwicklung dieser Verhaltnisse findet man in de Jonge, Teill, Seite 527 ; 687. 
Für die Generalstaaten war es schwer, die Anciennitat festzusetzen ; es führte zu scheinbar 
verwickelten Bestimmungen. Den Oberbefehl über die vereinigten Kontingente führte 
weiter der Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland. Die zweite Stimme im 
Kriegsrat stand dem Leutnantadmiral von Seeland zu, die Vertretung d€a Oberbefehls- 
habers im Kommando übernahm aber der Leutnantadmiral der Maas. Seeland war 
die älteste Admiralität, sein ältester Admiral führte stets die aus Seelandschiffen be- 
stehende Vorhut; er war also der Zweitälteste Offizier der Gesamtflotte. Den Höchst- 
kommandierenden stellte aber seit langer Zeit (Seite 149) die Admiralität der Maas; 
daraus wurde gefolgert, daß sie auch den Stellvertreter stellen müsse. 

Der Streit über Anciennitat der Flaggoffiziere führte zu Verwirrung in Schlachten ; 
er ging soweit, daß Seeland einmal erklärte, sein Kontingent nicht eher auslaufen zu 
lassen, bis eine Frage zugunsten seines Chefs entschieden sei. 

In England hatte man unter Cromwell auch nach dem ersten Kriege 
weiter gebaut, zu seiner Zeit wurde mehr als die Hälfte des Staats- 
einkommens auf die Marine verwendet. Die Republik fand England schwach 
zur See vor imd übergab es schon als die stärkste Seemacht, was das 
Material anbetrifft. Auch Karl II. hatte Interesse für die Marine, besonders 
aber sein Bruder, der Herzog von York, der von Jugend auf für sie 
bestimmt war. So stand auch die englische Flotte bei Beginn des zweiten 
Krieges weit mächtiger da als zu Ende des ersten. Leider fehlt auch hier eine 

Rittmeyer, Seekriege. 17 



258 I^cr zweite englisch-holläxidische Krieg 1665 — 1667. 

Bestandsliste*) für diese Jahre, und man muß deshalb wie bei Holland als 
Anhalt die Stärke der zu den Schlachten zusanmiengezogenen Flotten nehmen; 
ich führe also die Angaben für Holland zum Vergleich hier mit auf: 

1654 hatte England (Holland vergl. S. 255) Schiffe zu 

Kanonen: 100 86-90 70-80 60-70 50-60 40-50 30-40 20-30 6-16 
Zahl der Schiffe: 11 - 8 16 32 43 16 14 

1665 in der Schlacht am 13. Juni setzten sich die Flotten zusammen: 

England**) — 43 4 23 30 16 15 6 

Holland***) — — 6 5 26 36 24 67 

1666 vor der Viertageschlacht: 

England t) i 3 7 14 25 22 8 ? ? 

Holland — 2 11 21 18 19 13 18 

Wir sehen also ein starkes Wachsen in beiden Marinen, was die Zahl der 
Schiffe über 50 Kanonen imd besonders die ganz schweren Schiffe anbetrifft. 
Namentlich die holländische Marine hat ungeheure Fortschritte gemacht 
und fährt weiter darin fort: 1667 befinden sich in Ruyters Flotte schon 
6 Schiffe zu 80— go Kanonen. Sie ist 1666 mit Schiffen über 60 Kanonen 
sogar der enghschen überlegen. Die englischen 50 — 60 Kanonen-Schiffe 
waren jedoch mit ihren schwereren Kalibern den holländischen Schiffen mit 
60 — 70 Kanonen überlegen; Holland hatte eben in der Verwendung 
schwererer Geschütze England noch nicht erreicht. 

Stellen wir zum Vergleich die Armierung der holländischen Schiffe 
um 1666 der der englischen um 1677 gegenüber. 

Es führten an schwerer und mittlerer Artillerie Schiffe mit Kanonen: 

IOC 90 80 70 60 50 40 30 

[ 26-42 26-32 24-32 26-32 24-24 22-18 38-9 18-9 -Pfdr. 

England | 28-24-18 26-24 24-18 26-12 24-12 - - - 

28-9 26-9 ------ 



99 



♦) Auch de Jonge z. B. klagt über den Mangel. Qowes gibt die nächste erst für 
1688, und da sind es fast nur Schiffe, die nach dem dritten Kriege gebaut sind. Die 
hier gemachten Angaben sind entnommen: de Jonge, Teil I, Beilagen XXVIII, XXX, 
XXXII, XXXIV; in XXXa. Namen der holländischen Schiffe und Kommandanten, 
Kanonenzahl, genaue Einteilung in Geschwader für 1665. 

**) Dazu 8 Kauffahrer unbekannter Armierung, scheinbar größere, denn i zu 6a 
und I zu 44 Kanonen werden erwähnt. 

♦*♦) Darin enthalten 10 Kauffahrer der ostindischen Kompagnie: 4 zu 70—80, 
5 zu 50 — 60, I zu 41 Kanonen. — 9 Kriegsschiffe und 7 Ostindienfahrer waren außerdem 
noch in der Ausrüstung. 

t) In der Schlacht fehlte etwa ein Drittel dieser Zahl, als unter Prinz Ruprecht 
detachiert; als er am dritten Tage wieder zur Flotte stieß, brachte er noch 10 weitere 
Schiffe mittlerer Größe mit. 



Holland 






Die Streitmittel der Gegner. England. 250 

100 90 80 70 60 50 40 30 

12-36 6-24 22-18 8-18 4-18 4-18 -Pfdr. 
- 16-24 20-18 22- 8 12-12 14-12 12-12 

14-18 26-12 - 20- 8 - 

12-12 - - - - - 

Die Angaben über Holland 1666 aus de Jonge, Teil I, Beilage XXXIII. Bei der 
Ungleichheit in den verschiedenen Admiralitäten habe ich die stärksten Armierungen 
ausgezogen. 

Die Angaben für England 1677 nach der Tabelle Seite 170 (auch de Jonge, Beilage 
XXXI). Die Angaben für 1677 sollen auch für den zweiten und dritten englisch-hollän- 
dischen Krieg schon beinahe zutreffen. Aber wenn wir selbst die Angaben für 1652 
der Tabelle nehmen, stellt sich der Vergleich für Holland kaum günstiger. Nur das 
eine der holländischen 80 Kanonen- Schiffe 1666 führte 36-Pfünder. 

Es zeigt sich mithin bei den Schlachtschiffen eine große Überlegenheit 
auf englischer Seite, nur die Nichtschlachtschiffe zwischen 30 und 40 Kanonen 
stehen in Holland sehr viel besser da; es sind dies wohl die erwähnten „Fre- 
gatten". 

Nach oberflächlicher Berechnung führten die für das Jahr 1666 angeführten Schiffe 
über 60 Kanonen in Summe: 

42-Pfdr. 32-Pfdr. 24-Pfdr. i8-Pfdr. I2-Pfdr. 
Auf 25 englischen Schiffen . 26 256 372 48 518 

Auf 34 holländischen Schiffen — 12 (36-Pfdr.) 276 586 354 

Die Hauptkraft lag bei den Engländern also in 42-Pfündern — deren wahr- 
scheinlich noch 56 mehr vorhanden waren, die dann von den 32-Pfündem abgehen — , in 
32-Pfündern und 24-Pfündem, bei den Holländern in i8-Pfündem; dem englischen 
1 2-Pfünder steht dann wieder an Zahl der holländische 8-Pf ünder etwa gleich. Die hollän- 
dische Schwäche wird dadurch ein wenig verringert, daß die englischen Kaliberangaben den 
holländischen gegenüber etwas zu verkleinem sind, weil das englische Pfund leichter war: 
der 42-Pfünder würde ein 38-Pf ünder, der 24- ein 22-Pfünder usw. werden (vgl. de Jonge^ 
Teil I, Seite 626). 

Auch die bessere Bedienung der englischen Artillerie wird weiter gerühmt, 
und es konunt hinzu, daß die englischen Schiffe stärker bemannt waren. 
1666 hatten Schiffe genannter Größen eine Besatzungvon Köpfen: 

England . . 700 600 520-650 450 320 200-250 150 130 
Holland . . - - 470 330 260 200-250 200 120-200 

Es konnten also die englischen Geschütze, namentlich bei gleichzeitigen 
Schiffsmanövem, besser bedient werden und die Schiffe waren beim Enter- 
kampf überlegen; nur die holländischen „Fregatten" stehen in dieser Hinsicht 
besser da, sie waren ja auch gleichzeitig zum Manövrieren und Fechten 
gebaut. Wie im ersten Kriege, so scheint auch im zweiten in England im 
allgemeinen kein Mangel an Personal eingetreten zu sein; auch hier waren 
jetzt Seesoldaten vorhanden, von einem Auffüllen mit Landsoldaten ver- 
lautet nichts mehr. 

Die bessere Segel- und Manövrierfähigkeit der eng- 
lischen Schlachtschiffe infolge schärferer Formen, vielleicht mit Ausnahme 
der schwersten, ist ims schon bekannt ; der nach holländischer Ansicht damit 

17* 



26o Der zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

verbundene Nachteil, daß man bei Wind und Seegang die untersten Batterien 
nicht gebrauchen konnte, tritt allerdings in diesem Kriege mehrfach hervor. 

Von sonstigen Einrichtungen in der englischen Marine ist noch hervor- 
zuheben, daß Karl II. die Stelle des Lordhighadmiral wieder be- 
setzte, und zwar mit seinem Bruder, dem Herzog von York. Dieser soll 
manche Verbesserungen in der Verwaltung bewirkt haben. Er komman- 
dierte 1665; 1666 wurde das Kommando über die mobile Flotte wieder in 
die Hände zweier Admirale — Prinz Ruprecht von der Pfalz und Herzog 
von Albemarle (Monck) — gelegt. 

In beiden Marinen begann in der Zeit zwischen dem ersten und 
dem zweiten Kriege (vgl. Seite 181) die Entwicklung eines ständigen 
Kriegsschiff Personals. Es fällt in diese Zeit die Vermehrung der Dienst- 
grade für die verschiedenen Dienstzweige und auch schon die erste Ver- 
mehrung der Leutnants sowie der Beginn des besseren Ersatzes dieser eigent- 
lichen Offiziere. Die Anstellung von Offiziersaspiranten wird allgemeiner; 
gerade in Holland treten Personen aus den höchsten Ständen ein, einige 
von ihnen tun schon im zweiten Kriege als zweite selbst als erste Leutnants 
Dienst. Die Bauten — W erften und Magazine — wurden wesentlich 
verbessert; York verwandte in England Sorgfalt darauf, in Holland wurden 
— besonders wieder in Amsterdam — die Einrichtungen zum Selbstbau 
und zum Docken weit größerer Kriegsschiffe als bisher getroffen. 

Wichtig vor allem ist das wachsende Verständnis für die Führung der 
Flotten, die T a k t i k. In E n g 1 a n d erließ der Herzog von York 
1665 eingehende Instruktionen über das Segeln und das Fechten im Flotten- 
verbande,Verbesserungen der Instruktion von 1655, durch die besonders 
Aufrechterhaltung der Ordnung im Gefecht — enggeschlossene Kiel- 
linie beim Winde — angestrebt wird. Im allgemeinen wird beabsichtigt, 
den eignen Angriff stets gleichzeitig auf die ganze Linie des Feindes zu 
richten, doch ist auch schon ein Fall vorgesehen, die feindliche Linie zu 
durchbrechen und an einer Stelle dann mit Übermacht aufzutreten. 

Colomb, Seite 89 — 90, gibt wörtlich die Artikel dieser „instructions for the better 
ordering of the fleet in sailing and in fighting", die sich auf die verschiedenen Gefechts- 
lagen beim Zusammenstoß beziehen; sie folgen hier im Auszuge: 

Ist die eigene Flotte zu Luward und der Feind erwartet den Angriff über denselben 
Bug liegend, soll die Flotte so an den Feind geführt werden, daß Schiff gegen Schiff 
steht. Liegt der Feind über den andern Bug, so soll die Flotte (außer Schußweite) bis 
etwa querab der feindlichen geführt, dann „zugleich'* gewendet und zum Gefecht heran- 
gegangen werden, so daß also wieder Schiff gegen Schiff steht. In beiden FäUen soU 
während des Kampfes die Luvstellung gehalten werden; zu diesem Zwecke müssen 
etwaige Manöver des Feindes — Wenden im Kontremarsch,*) Wenden zugleich oder 
Wenden einzelner Geschwader — in derselben Weise ausgeführt werden. 

Steht der Feind zu Luward und greift an, so soll er in guter, enggeschlossener Linie 
erwartet werden. Greift die eigene Flotte von Lee aus an, was ja bei besseren Segeleigen- 
schaften oder infolge leichter Windänderungen mögUch ist, so soll die Vorhut versuchen, die 

♦) Das heißt: Wenden der Schiffe einer Kiellinie nacheinander auf derselben 
Stelle, auf der das erste Schiff gewendet hat. 



Die Streitmittel der Gegner. Stand der Taktik. 261 

feindliche Linie zu durchbrechen und dann die abgeschnittenen hinteren Schiffe des 
Feindes von Luward aus angreifen ; Mitte und Nachhut sollen das Manöver durch Du- 
blieren der abgeschnittenen Schiffe von Lee her unterstützen, dabei aber die Bewegungen 
der vorderen Schiffe des Feindes im Auge behalten. 

Hervorzuheben ist, daß in der neuen englischen Instruktion im Gefecht 
stets von der ganzen Flotte die Rede ist, während in der alten von dem Ver- 
halten der Geschwader gesprochen wurde. Es ist femer bemerkenswert, 
daß den Schiffen befohlen wird, „Linie" mit ihrem Geschwaderchef zu halten, 
falls ein Geschwaderchef ausgefallen ist, mit dem Oberbefehlshaber oder 
mit dem vom segelnden Flaggoffizier. 

Auch in Holland ist der Fortschritt in der Taktik zu bemerken. 
Gleich nach der unglücklichen Schlacht 1665 wurden auch hier Bestim- 
mungen über das Segeln in der Flotte, besonders bei Annäherung an den 
Feind, erlassen.*) 

. Vor der genannten Schlacht war die Flotte in 7 Geschwader geteüt, 
ein jedes mit 3 Flaggoffizieren; der Grund soll die Anwesenheit so vieler 
Admirale gewesen sein. Es ist wohl möghch, da man Unzufriedenheit bei 
ihnen vermeiden wollte, sollte es aber nicht auch eine Folge der älteren 
Gruppentaktik sein? Tromp der Altere teilte auch in so viele Abteilungen, 
und damals lag der andere Grund nicht vor. Nach der Schlacht teilte man 
die Flotten nun stets wie in England in 3 Geschwader (selten 4) und diese 
wieder bei großer Schiffszahl in 3 Divisionen. Jetzt befanden sich bei jedem 
Geschwader viele Flaggoffiziere und zwar bis zu je 2 Leutnantadmiralen, 
Vize- und Kontreadmiralen. R u y t e r vervollständigte diese Instmk- 
tionen, sie enthielten in der Hauptsache aber eigentlich nur Bestimmungen, 
die auf die Ordnung beim Marsch und beim Eintritt ins Gefecht hinzielten. 

Im „Leben Ruyters'*, Seite 305, 315, 361 und auch „Vie de Tromp", findet 
man genaue Vorschriften über die Positionen der Geschwader und Divisionen in 
der Flotte, auch auf dem Marsche strenge innezuhalten ; Befehle an die Geschwaderchefs» 
den Brandem und Fregatten ihre Posten für das Gefecht genau anzuweisen; das strenge 
Verbot von Manövern oder Angriffen ohne Befehl, dagegen- Signale, auf die die einzelnen 
Geschwader, oder das Ganze, anzugreifen hätten. Es wird femer befohlen, daß jedes 
Geschwader tagUcb einige Fregatten zum Erkunden des Feindes auszusenden hätte ; im 
Gefecht sollten diese Fahrzauge so postiert werden, daß sie beschädigten oder bedrohten 
Schiffen Hilfe leisten und die Branderangriffe unterstützen könnten. 

Es fehlten jedoch, wie es scheint, eigentliche Dispositionen für die ver- 
schiedenen Gefechtslagen. Der Chef will zwar die Teile seiner Flotte in der 
Hand behalten, die Angriffe scheinen jedoch noch immer vorzugsweise ge- 
schwaderweise und mit Einbrechen in den Feind gedacht zu sein. Es ist femer 
auffallend, daß in den Instruktionen nie das Wort ,, Linie'* vorkommt. Die 
Einzelschiffe werden nur angewiesen, „sich bei ihrem Divisionschef zu halten, 
sich nicht gegenseitig in den Weg zu kommen oder im Feuer zu hindern." 



♦) Durch Bevollmächtigte der Generalstaaten, wie denn überhaupt, bis Ruyter 
1665 den Oberbefehl übernahm, dem Flottenchef die genauesten Vorschriften selbst 
über den inneren Dienstbetrieb gemacht wurden. 



262 Per zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Ein Ausrichten auf den Flottenchef wie in England wird nicht er- 
wähnt.*) 

In beiden Ländern führte der Fortschritt in der Taktik begreiflicher- 
weise zur Vervollständigung des Signalsystems. 

So hatten sich beide Marinen weiter zu stehenden im modernen 
Sirine entwickelt, besonders die holländische, die im ersten Kriege darin 
sehr zurückgestanden hatte. Beide Länder hatten auf das nachdrücklichste 
für den bevorstehenden Kampf gerüstet, nicht nur durch Aufstellen von 
Streitmitteln sondern auch durch Füllen der Magazine usw., denn man war 
auf beiden Seiten noch sehr abhängig vom Auslande, besonders von Deutsch- 
land und Schweden. Daß Holland in vielem England noch nicht erreicht 
hatte, haben wir gesehen, und hierbei müssen wir noch einer Frage näher 
treten : der abwägenden Beurteilung des Personals. 

In den Geschichtswerken beider Nationen wird behauptet, das eigene 
Personal sei im zweiten Kriege das in Seemannschaft überlegene gewesen; 
ich glaube, beide Teile haben in ihrem Sinne recht. Was die rein seemännische 
Ausbüdung anbetrifft, so ist es wohl möglich, daß das holländische Personal 
überlegen war, daß Holland wenigstens über eine größere Zahl tüchtiger 
Seeleute — Vorgesetzte wie Mannschaften — verfügte; war doch sein Seehandel 
noch bei weitem größer. Zwar sagt ein englischer Schriftsteller dieser Zeit, 
der größere Teil der holländischen Kommandanten seien Söhne angesehener 
Leute, J, Bürgermeistersöhne" gewesen, die ihre Stellung nur aus politischen 
Rücksichten erhalten hätten, doch ist nach allen anderen Quellen im Gegenteil 
anzunehmen, daß die bei weitem größere Zahl aus dem Kauffahrteidienst 
herstammte und aus solchem eine reiche seemännische Erfahrung hatte ; ebenso 
die übrige Besatzung. Aber diesem Ersätze, besonders den Kommandanten und 
Dienstgraden, mangelten noch die militärischen Haupttugenden: Subordination 
und müitärische Treue im Beruf, Berufsbüdung und Berufsstolz. Der Um- 
stand, daß die niederländische Marine keine einheitliche, sondern ein loser 
Flottenbimd war, daß die republikanischen Verhältnisse überhaupt nicht 
geeignet waren, diese Übelstände zu beseitigen und außerdem, wie erwähnt, 
zu Eifersüchteleien zwischen den Führern und den Kontingenten führten, 
alles dies lähmte das müitärische Zusammenwirken. Von einer eigentlichen 
Berufsbüdung ist zu dieser Zeit in England zwar auch noch nicht die Rede. 
Hier aber war noch viel von der militärischen Zucht CromweUs erhalten 
geblieben, viele der höheren Führer, vor allem Monck, stammten noch aus 
der älteren Zeit; in dem monarchischen Lande entwickelte sich leichter 
unter den Offizieren der Kastengeist, der das militärische Element hob und 
die mangelnde Berufsbildung teilweise ersetzte; die Marine war endlich aus 
einem Guß. So war die englische Flotte militärisch-seemännisch die leistungs- 
fähigere. 

♦) Bemerkenswert ist es, daß Ruyter Gelegenheit nahm, seine Flotte zu exerzieren; 
er ließ taktische Bewegungen machen („Leben Ruyters", Seite 325: rechts um, links 
um, öffnen, Schließen „wie bei Landsoldaten!*') und ordnete Gefechtsübungen an. 



Die Streitmittel. Abwägung des Personals der Gegner. 263 

Wenn Holland vielleicht die besseren, wenigstens zahlreicheren, Seeleute, 
„Teerjacken", hatte — soll doch der Herzog von York 1667 bei Ausführung 
eines schwierigen Manövers verschiedener holländischer Schiffe ausgerufen 
haben: „that never was or would havebeen undertakenby ourselves!" — , 
so besaß England die besseren „Seeoffiziere"; ein Vorteil, der im Gefecht, 
besonders aber im Gefecht größerer Verbände, hervortrat. Was 
die holländische Marine im zweiten Kriege leistete, ist wohl in erster Linie 
dem Genie Ruyters zuzuschreiben; im dritten Kriege hatte sich manches 
zugunsten Hollands und zuungunsten Englands geändert. Wenn auch 
noch nicht in der Flotte selbst, so trat doch, wie wir sehen werden, an anderen 
Stellen ein für sie höchst nachteiliges Nachlassen der alten Pflichttreue und 
Ordnimg in England schon während dieses Krieges ein. 

Frankreleh tritt zwar in diesem Kriege als Verbündeter Hollands auf. Da jedoch 
seine Flotte erst im dritten Kriege an den Kämpfen teilnimmt, so soll über die Ent- 
wicklung und den Stand der französischen Marine erst im nächsten Kapitel gesprochen 
werden. Um jedoch zu zeigen, von welchem Werte eine wirkliche Unterstützung für 
Holland gewesen sein würde, ist vor dem Jahre 1666 die Stärke des für den Krieg schein- 
bar bestimmten Geschwaders angegeben. 

Der Verlauf des Krieges/) 

Die Schlacht bei Lowestoft, 13« Juni 1665« Nach der Kriegserklänmg 
begannen die Operationen der Flotten nicht sogleich. Es war Winter und 
demzufolge der größere Teil der Schiffe außer Dienst gestellt ; beide Nationen 
wetteiferten aber in der Ausrüstung aller zur Verfügimg stehenden Fahrzeuge, 
um im Frühjahr gleich zu großen Schlägen bereit zu sein. Wie es in England 
schon vor der Kriegserklärung geschehen war, so gaben jetzt auch die 
Holländer Kaperbriefe aus, imd bald erschienen ihre Freibeuter im Kanal 
und in der Nordsee; besonders in Seeland regte sich das alte Wassergeusenblut, 
es bildeten sich Gesellschaften zu diesem Zweck, deren eine allein 25 Segel 
stellte, Schiffe von 20—36 Kanonen. 

Erst im Mai rührten sich die Kriegsflottea, deren genaue Zusammen- 
setzung schon genannt ist (Seite 258); insgesamt betrugen die Stärken unter 
dem Lordhighadmiral Herzog von York und Leutnantadmiral 
Wassenaer: 

England: 80 Schlachtschiffe über 30 Kanonen, 29 kleinere, 21 Brander, 
mit 21 000 Mann und 4192 Geschützen. 

Holland: 97 Schlachtschiffe und Fregatten über 30 Kanonen, 13 
kleinere Segel, 12 Ruderfahrzeuge — mit 21 631 Mann und 4869 Geschützen. 

• 

Die englische Flotte war in 3 Geschwader geteilt: Vorhut Admiral Prinz Ruprecht, 
Mitte Herzog von York mit Admiral Sir William Penn als captain of the fleet, Nachhut 
Admiral Montagu, Earl of Sandwich; hierzu traten die 3 Vizeadmirale, unter ihnen 
Lawson beim Zentrum, und die 3 Kontreadmirale der Geschwader. 



♦) Hauptquellen: Clowes, Teil II; „Leben Ruyters"; „Vie de Tromp*'; de Jonge, 
Teil II; Mahan, Teil I. Über Mängel der Quellen vgl. Seite 199. 



264 I^ zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Die holländische Flotte war in 7 Geschwader geteilt, geführt von; Wassenaer, den 
Leutnantadmiralen Johann Evertsen (Seeland), Cortenaer (Maas), SteUingwerlf (Friea- 
land) und den Vizeadmiralen Tromp, Comelis Evcitsen jun., Schiam j hierza traten weitere 
10 Flaggoffiziere und 4 als solche diensttnende als Vize- und Kontreadmirale der Ge- 
schwader. (Die Leutnantadmirale Euyter (Amsterdam) und Meppel { Norderquartier > 
warei) zurzeit zusammen abwesend auf dem Zuge nach Afrika imd Westindien.) — 
Es wehten mithin in der ersten Schlacht 9 englische und 21 holländische Admirals- 
flaggen. 

Der Herzog von York, 1633 als zweiter Sohn Karls I. geboren, war von 
Jugend auf als Seemann erzogen. Er floh 1648 nach den Niederlanden und nach seines 
Vaters Hinrichtung nach Frankreich. 1660 wurde er von Kad II. zum Lordhighadnüral 
ernannt, muBte aber als Katholik 1 67 3 das 
Amt niederlegen. 1685 bestieg er als 
Jakob II. den Thron. Als Großadmiral 
und als König tat er viel für die Marine. 
Prinz Ruprecht von der 
Pfalz (engl. Prince Rupert), 1619 als 
Sohn des Kurfürsten Friedrich V, (des 
Winterkönigs) geboren, focht im Dreißig- 
jährigen Kriege auf protestantischer 
Seite. Im englischen Revolutionskriege 
diente er als Reiteriülirer- und später zur 
See als Parteigänger der Royalisten. 
1666 führte er mit Monck die englische 
Flotte, 1673 war er erster Lord der Admi- 
ralität, er starb 1682. Erwar ein tüchtiger 
Seeoffizier, aber doch nicht von der pein- 
lichen Pflichttreue wie die Generale der 
Cromwellschen Schule ; zu sehr Kavalier. 
Cornelis Tromp, 1629 als Sohn 
Martin Tromps geboren, wurde bald nach 
der Schlacht bei Lowestoft an Stelle des 
gefallenen Cortenaer Leutnantadmiral. 
1675 wurde er von Karl II. zum Baronet 
und 1676 vom König von Dänemark zum 
Herzog von York. Grafen erhoben; 1677 folgte er Ruyter 

in der Stellung als Leutnantadmiral von 
Holland und Westfriesland. Er zeichnete sich in den Kriegen gegen England und Frank- 
reich sowie im dänisch-schwedischen Kriege 1675—1679 in dänischem Dienste aus. 
Mutiger und tüchtiger Seeoffizier und beliebt bei den Untergebenen, jedoch unvor- 
sichtig, eigenmächtig und ehrgeizig. Biographie: „Vie de Tromp". 

Die englische Flotte ging am i. Mai zuerst in See, infolge alarmierender 
Gerüchte über die Bewegungen des Feindes, obgleich sie noch nicht voll- 
zähhg bemannt und auch nur notdürftig mit Proviant usw. ausgerüstet war, 
York beabsichtigte, den Feind in dessen eigenen Gewässern zum Kampf 
zu stellen, vor allem die Vereinigung der Fiottenabteilungen, die in der Maas- 
Scheldemündung zusammentraten, mit den bei Texel versammelten zu 
verhindern; außerdem hoffte er, heimkehrende Kauffahrer und das zurück- 
erwartete Geschwader Ruyters abfangen zu können. Er blockierte etwa 
14 Tage lang die feindlichen Küsten, wurde dann aber durch Froviantmangel 



Der Verlauf des Ktiegcs. Die ersten Bewegungen. 265 

und durch einen schweren Sturm, in dem die Schiffe sehr litten, gezwungen, 
am 19. Mai nach England zurückzugehen. 

Gleich darauf, am 22. Mai, führte Leutnantadmiral Evertsen die west- 
lichen Flottenabteilungen nach Texel, und Wassenaer ging an den beiden 
nächsten Tagen mit der Gesamtflotte in See. Er hielt sich zunächst mehrere 
Tage an der Küste. Einige Quellen sagen, er sei durch flaue Gegenwinde fest- 
gehalten, andere geben an, er habe es bei der ihm wohlbekannten Neigung 
zur Indisziplin und Eifersucht im Personal nach so kurzem Zusammensein 
der Flotte noch nicht für ratsam erachtet, schon Größeres zu unternehmen. 
Jedenfalls wurde ihm dieses Zögern sehr verdacht — er wäre ja auch unter 
Umständen der schwachbemannten, von Vorräten entblößten und durch 
den Sturm beschädigten englischen Flotte sehr gef ährHch geworden — , und er er- 
hielt von den Generalstaaten ein Mißtrauensvotum sowie den ausdrücklichen 
Befehl, sobald wie möglich anzugreifen. Man glaubte die feindliche Flotte 
sehr geschwächt und ihre weitere Bemannung und Ausrüstung sehr in Frage 
gestellt, weil gerade jetzt in London die Pest ausgebrochen war. Durch die 
Vorwürfe erbittert, soll Wassenaer nun den Entschluß gefaßt haben, gegen 
seine sonstige Ansicht den Feind zu suchen und unter allen Umständen zu 
fechten; nach erhaltenem Befehl ging er zur englischen Küste hinüber. In- 
zwischen war es ihm am 30. Mai gelungen, eine größere Anzahl Hamburger 
Kauffahrer mit Material für die englische Marine nebst dem sie deckenden 
Kriegsschiffe wegzunehmen. 

Die englische Flotte lag noch in der Ausrüstung begriffen bei Harwich. 
Auch sie erhielt auf die Nachricht des höchst unangenehmen Verlustes des 
Konvois Befehl, wieder auszulaufen ; außerdem glaubte York, sich auf dem 
augenblicklichen Ankerplatze keinem Angriffe aussetzen zu dürfen, um nicht 
zwischen den Bänken gefangen zu werden. Er ging deshalb mit seinen 
Proviantschiffen nach der S o 1 e b a y (Southwoldbay, damals vermutlich 
eine größere Bucht als jetzt und deshalb ein behebter Flottenankerplatz). 
Hier ankerte er am 11. Juni und hatte das Glück, sofort Fahrzeuge mit Auf- 
füllimgsmannschaften anzutreffen, denn schon an demselben Tage wurden die 
Holländer etwa 18 Seemeilen ab in Ostsüdost gesichtet, bei östhchem Winde zu 
Luward stehend; York sandte die Transporter nach Harwich zurück und 
ging weiter in See hinaus. Wassenaer war am 11. durch Flaute gehindert 
anzugreifen, und so fand der Morgen des 12. Juni beide Flotten etwa 8 Seemeüen 
Südost von Lowe st oft, die Holländer etwa 5 Seemeüen Südost von den 
Engländern stehend. Aber auch an diesem Tage kam es nicht zum Gefecht, 
es war weiter flau; Wassenaer hätte wahrscheinlich angreifen können, er 
zog es aber vor, weiter vom Lande abzuliegen, um seine infolge des flauen 
Windes auseinander gekommene Flotte zu sammeln; erst abends näherten 
sich die Gegner. In der Nacht ging der Wind durch Süd auf Südwest und 
am 13. Juni 2^2 Uhr morgens standen die Flotten etwa 18 Seemeilen Nordnordost 
von Lowes toft, nun aber die englische zu Luward. York ging zum An- 
griff über, aber auch Wassenaer wollte jetzt trotz der ungünstigen 



206 I^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Windstellung und der noch immer geringen Ordnung seiner Flotte fechten, 
und so begann am 18. Juni 1665 um 3^2 Uhr friih die Sehlacht von Lowestoft. 
Die Überlieferungen sind nur dürftig und widersprechend. Wir folgen 
im allgemeinen den Schilderungen Clowes' und de Jonges. Aus ihnen ist, über- 
einstimmend mit anderen QueUen, zu entnehmen, daß die Engländer in 
guter Ordnung waren und diese längere Zeit aufrecht erhielten, daß aber 
schließlich wieder die Melee eintrat, namentlich, weil die Ordnung der Holländer 
aus verschiedenen Gründen immer mehr verloren ging. 

Als die Flotten ins Gefecht eintraten, war die holländische Flotte keinesfalls in 
guter Ordnung. Spätere kriegsgerichtliche Feststellungen erklären: „Verschiedene 
Flaggoffiziere befanden sich nicht bei ihren Verbänden, sondern segelten zusammen; 
viele Schiffe, selbst Verbände, waren nicht auf ihren Posten, der Befehl zum Angriff 
kam unerwartet. Ein Zeuge sagt sogar: Es war eine Lust, die englische, aber ein Jammer, 
die holländische Formation zu sehen." Also Ordnung und Aufsicht waren mangelhaft. 
Dies gab verschiedenen Schiffen die Möglichkeit, sich nur flau am Gefecht zu beteiligen. 
Sie hielten sich in Lee außerhalb der Gefahr; mehrere Fahrzeuge bUeben völlig- un- 
beschädigt, ja, einige sollen nicht einmal die Mundpfropfen aus den Geschützen genommen 
haben. 

Die beiden Flotten passierten sich zuerst um 3V9 Uhr unter lebhaftem Feuer, 
in „Kiellinie beim Winde" über verschiedene Buge hegend. Hierbei war die Entfernung 
2iemUchgroß, doch litten die Holländer mehr durch die schwerere, weitertragende Artillerie 
des Gegners. Sie hatten nur den Erfolg, ein zu weit nach Lee gekommenes englisches 
Schiff zu nehmen ; es sollte ihre einzige Trophäe bleiben. Nach dem Passieren wendeten 
beide; die Holländer im Kontremaxsch, die Engländer zugleich, so daß bei diesen die 
Nachhut (Sandwich) an die Spitze kam. Wassenäer strebte danach, die Luv- 
stellung zu gewinnen. Bei der geringeren Segelfähigkeit seiner Schiffe gelang dies nicht, 
dagegen führte es dahin, daß die höherliegenden und schnelleren Schiffe vorUefen, 
andere zurückblieben oder mehr nach Lee kamen. So wurde die Ordnung weiter gestört, 
wozu auch noch das Bestreben der tüchtigsten Kommandanten, so auch Wassenaers 
und der übrigen Admirale, schneller und näher an den Feind zu kommen, beitrug. 
Wassenäer und Tromp sollen bald das Schiff des vor ihnen segelnden Cortenaer (Vor- 
hut) erreicht haben; da ihre besten Schiffe ihnen gefolgt waren, befanden sich nun 
3 Geschwader untereinander gemischt. 

Es ist nicht klar aus den Quellen zu entnehmen, ob es sich jetzt weiter um ein oder 
um mehrere Passiergefechte gehandelt und ob vor- und nachstehendes sich demgemäß 
zur Zeit des zweiten Passierens oder bei späterem ereignet hat. Schon um 5 Uhr fiel 
Cortenaer, der an Stelle des Oberbefehlshabers den Befehl hätte übernehmen 
müssen. Sein Flaggschiff floh mit wehender Admiralsflagge, etwa 10 Schiffe dieses 
Geschwaders folgten, so daß eine Lücke entstand. Gegen Mittag brach Sandwich 
durch eine Lücke in der Nähe des Zentrums, vielleicht die eben erwähnte, und teilte 
damit die feindliche Flotte. Es ist fraglich, ob er dieses Manöver mit Absicht oder 
durch Zufall — vielleicht infolge des Pulverdampfes, die Flotten waren sich an dieser 
Stelle sehr nahe gekommen — ausgeführt hat. Jedenfalls hatte es den nachdrück- 
hchsten Erfolg, die Verwirrung der Holländer wurde immer größer. Die Engländer 
greifen nunmehr die standhaftesten Feinde, insbesondere die Admirale, an; die Melee 
ist da. 

Als Wassenäer („Eendracht", 70 Kanonen) sah, daß das Kriegsglück sich 
gegen ihn wandte, scheint er von Verzweiflung erfaßt zu sein. Er versucht York („Royal 
Charles", 80 Kanonen) zu entern, wird abgeschlagen, kämpft aber mit Erfolg weiter — York 
selbst wird leicht verwundet, neben ihm fallen 3 KriegsfreiwiÜige hoher Geburt, sein Schiff 
wird arg zerschossen — , bis die „Eendracht" um 2 Uhr nachmittags auffUegt. Die Ex- 



Die Schlacht bei Lowestoft am 13. Juni 1665. 267 

plosion ist wahrscheinlich durch Entzündung von Kartuschen erfolgt, doch sagt das 
Gerücht, sie sei durch einen Negerdiener des Admirals aus Rache veranlaßt worden. 
Durch diesen Vorfall entmutigt, halten wieder einige Schiffe ab; andere folgen, weil 
sie glauben, der Befehl zum Rückzug sei gegeben. Einzelne Verbände und Einzelschiffe 
halten aber noch wacker stand trotz weiterer Verluste: an einer' Stelle werden 4 zu- 
sammengetriebene Fahrzeuge durch einen Brander vernichtet, an einer anderen trifft 
3 oder 4 vereinzelt dasselbe Los. 

Leutnantadmiral Eyertsen übernahm nach Wassenaers Tode den Oberbefehl. 
Aber auch T r o m p , der den Tod Cortenaers und SteUingwerffs erfahren hatte, setzte 
die Admiralsflagge und übernahm das Kommando über die Schiffe in seiner Nähe; er 
behauptete später, nicht gewußt zu haben, was aus Evertsen geworden sei. Es würde 
dies bezeichnend für die Verwirrung sein; vielfach glaubte man jedoch, er habe nur 
nicht unter einem seeländischen Admiral stehen wollen, denn ähnlicher Eigenmächtig- 
keiten machte er sich in der Zukunft mehrfach schuldig. Der Versuch dieser beiden 
Führer und anderer besonnener Männer, das Gefecht in Ordnung abzubrechen, war 
vergeblich; der Rückzug artete in Flucht aus, die um 7 Uhr abends allgemein wird. 

Evertsen steuert mit 17 Schiffen, wohl hauptsächlich vom Seeländer Kon- 
tingent, nach der Maasmündung, dem nächsten Schutzplatz, der außerdem bei dem 
Stand der Gezeiten ein sofortiges Einlaufen gestattete und auch als Sammelpunkt 
ausgegeben war. T r o m p ging mit dem größeren Teil der Flotte nach Texel und dem 
Vlie, wo erst mit wechselndem Strom nach einer gefahrvollen Nacht das Einlaufen 
möglich war. Er wählte, wie er sagte, diesen Kurs, um die vorher dorthin geflohenen 
Schiffe zu decken; tatsächlich hat er auch mit einigen seiner besten Fahrzeuge den 
Rückzug der dorthin Segelnden und gewissermaßen den der ganzen Flotte geschützt. 

Die Verluste der Holländer betrugen nach englischen Angaben: 14 Schiffe 
vernichtet, 18 genommen — die Holländer gaben nur 16 — 20 insgesamt zu — ; 4000 Tote, 
darunter 3 Leutnantadmirale ; 2000 Gefangene. Die Engländer verloren: 2 Schiffe; 
600 Tote und Verwundete, unter den Toten Vizeadmiral Lawson und i Kontreadmiral, 
und einige Hundert Gefangene. 

Die Schlacht bei Lowestoft ist bemerkenswert als 
die erste, in der beide Flotten in „Kiellinie beim Winde" ins Gefecht ein- 
treten mid sich in dieser Formation mehrfach passieren, ehe die Melee beginnt ; 
die Engländer haben dabei scheinbar die Linie in guter Ordnung aus Einzel- 
schiffen gebildet. Die Schlacht war eine völlige Niederlage für die Holländer; 
ihre Flotte hatte stark gelitten und war versprengt in ihre Häfen zurückge- 
trieben; bei energischer Verfolgung wäre ihr Verlust wohl noch weit größer 
geworden. 

Die Engländer verfolgten zwar, doch wurde die Verfolgung 
während der Nacht lau. Als Grund wird angegeben, der stark auffrischende 
imd auflandige Wind habe es verboten, sich den flachen Gewässern zu nähern, 
auch seien alle Brander verbraucht gewesen. 

Eine mysteriöse Geschichte spielt mit (Clowes, Teil II, Seite 265). Im Kriegsrat 
nach der Schlacht soll Penn geäußert haben, man müsse sich noch auf ernstes Werk 
gefaßt machen, die Hollander seien nie tapferer als in der Verzweiflung. Daraufhin 
habe die persönliche Umgebung Yorks gesagt, es sei auch Ehre genug errungen. Als 
sich der Herzog in die Kajüte zurückgezogen hatte, überbrachte ein Offizier seiner 
Begleitung den Befehl an Penn, die Flotte solle Segel mindern. Es geschah. Später 
wunderte sich der Herzog über den ausgeführten Befehl und behauptete, ihn nicht 
gegeben zu haben, doch nun war es zu spät. Untersucht ist die Sache nicht; Penn 
blieb in Yorks Gunst, der Überbringer des Befehls wurde entlassen. Man sagt, die 



268 Der zweite englisch-hoUändische Krieg 1665 — 1667. 

Umgebung des Herzogs habe von seiner Gemahlin und auch vom König den Auftrag 
gehabt, dafür zu sorgen, daß sich York nicht zu sehr gefährde; er war ja der voraus- 
sichtliche Thronerbe. 

Wie von einer taktischen Verfolgung, so wurde auch von sonstiger stra- 
tegischer Ausnutzung des Sieges abgesehen; als Tromp bei Texel eingelaufen 
war, ging York am 14. Juni nach England zurück. 

In Holland, wo man die eigene Flotte der feindlichen überlegen 
geglaubt hatte, erregte die Niederlage im Volke große Entrüstung. Diese 
ging soweit, daß Evertsen in Brielle vom Pöbel angegriffen, durch 
die Straßen geschleift und ins Wasser geworfen wurde, nur knapp entging 
er dem Tode. Von den Kommandanten, die sich im Kampf feige benommen 
hatten, wurden verschiedene mit Gefängnis bestraft, andere infam kassiert, 
einige erschossen. 

Auch dem gefallenen Wassenaer — dem man zwar später in der 
großen Kirche im Haag ein prachtvolles Denkmal errichtete — wurde d i e 
Schuld an der Niederlage zugeschoben: Er habe unter un- 
geeigneten Umständen gefochten; ihm habe die Umsicht gefehlt, er habe 
die Leitung aus der Hand gegeben und nur mit dem eigenen Schiff den Kampf 
gesucht. Man vergaß, welchen strikten Befehl man ihm zum Fechten gegeben^ 
daß man ihn, einen Reiterführer, trotz seiner Einwendungen zum komman- 
dierenden Admiral gemacht hatte. Wie nach der Schlacht im Sunde (1658) 
wurde ihm vorgeworfen, er habe vor der Schlacht keinen Kriegsrat gehalten, 
infolgedessen seien die Admirale und Kommandanten nicht über seine Ab- 
sichten unterrichtet gewesen. Man vergaß, daß er nach dem Zusammenziehen 
der Flotte gern etwas Zeit gehabt hätte, um ein gewisses Zusammenschmelzen 
der verschiedenen Verbände zu erzielen. Liegen nicht auch andere Gründe 
für die Niederlage ebenso nahe, ja noch näher ? Die Unordnung schon bei Beginn 
des Gefechts darf man doch Wassenaer nicht allein zum Vorwurf machen; 
es waren noch 20 Flaggoffiziere da, die auf dem Marsch für Ordnung sorgen 
konnten. Diese große Zahl von Unterführern war anderseits wohl mit 
schuld, daß Ordnung und Leitung während des Gefechts immer mehr ver- 
loren gingen. So viele Unterabteüungen, zunächst schon die 7 Geschwader, 
von einer Stelle zu leiten, war unmöglich, besonders bei dem damaligen Stande 
des Signalsystems. Die Einteilung mußte zum selbständigen Auftreten der 
Abteüungen führen, was ja auch der Kampf weise der bisherigen Gruppen- 
taktik entsprach. Dies konnte aber einem einheitlicheren Wirken gegenüber, 
wie es der englischen Flotte ihre Instruktion jetzt schon vorschrieb, nur bei 
großer müitärischer Einsicht und Schulung aller Führer und Kommandanten 
von Erfolg sein. Solche fehlte jedoch gerade dem größten Teile des Personals, 
daneben vor allem der Sinn für müitärische Ordnung, Treue und Disziplin. 
Dieser Mangel, der schon Bilden und Halten einer Formation außerhalb eines 
Gefechtes schwierig machte, ist wohl in erster Stelle an der Niederlage schuld. 

Weitere Ereignisse der Jahre 1665 und 1666 bis zur Viertage-Schiacht. 
Ebensowenig wie unmittelbar nach der Schlacht wurde auch später die 



Grund der Niederlage Hollands bei Lowestoft. Ereignisse 1665. 269 

errungene Seeherrschaft englischerseits energisch ausgenutzt. Der Herzog 
von York hatte den Oberbefehl abgegeben, auch Prinz Ruprecht hatte 
seine Flagge niedergeholt. Montagu,Earl ofSandwich, komman- 
dierte jetzt die Flotte und ging am 15. Juli hinüber zur holländischen Küste 
wieder mit der Absicht, Ruyter und zahlreich erwartete Ostindien- und 
Mittelmeerfahrer abzufangen. Er führte aber eine Blockade nicht durch, 
obgleich sie doch für seinen Zweck imd zur Verhinderung der Wiederver- 
einigung des Gegners der sicherste Weg gewesen wäre. Ob man das Schiffs- 
material nicht für geeignet hielt, eine längere Blockade durchzuführen und 
dann noch der neuausgerüsteten feindlichen Flotte gegenüberzutreten, 
oder ob der aus der Armee stammende Kommandierende den Wert der 
Schließung der feindlichen Häfen verkannte, ist nicht festzustellen. Da man 
inzwischen erfahren hatte, daß die zurückerwarteten Kauffahrer sich in 
Bergen sammelten, schickte Montagu den Kontreadmiral Tyddiman mit 
14 Kriegsschiffen und 3 Brandem dorthin zum Angriff, während er sich selbst 
mit dem größeren TeU der Flotte bis zu den Shetlands hinauf auf die Lauer 
legte. Daß Ruyter unbemerkt Holland erreichte, haben wir schon gehört, 
auch die Expedition gegen Bergen soUte fehlschlagen, wie wir sehen werden. 
In Holland hatte man nach der großen Niederlage sofort begonnen, 
aufs neue zu rüsten. Besonders Jan deWitt bemühte sich, dies zu fördern 
und auch den Geist in der Marine wieder zu heben. Lebhaft unterstützt 
wurde er durch T r o m p , obgleich dieser anfangs erklärt hatte, mit Komman- 
danten, wie sie sich in der Schlacht gezeigt hätten, könne er nicht fechten. 
Er war sogar gegen den Befehl der Generalstaaten, mit seinen Schiffen bei 
Texel hegen zu bleiben, in die Häfen eingelaufen. Schon 10 Tage nach der 
Schlacht lief ein Geschwader von 17 Schiffen unter Kontreadmiral Bankers 
aus, um etwa heimkehrende Kauffahrer aufzunehmen. Den Oberbefehl 
über die neuaufzustellende Flotte erhielt vorläufig T r o m p — er war an 
Stelle Cortenaers zum Leutnantadmiral der Maas ernannt und wurde später in 
gleicher Eigenschaft auf seinen Wunsch nach Amsterdam versetzt — , doch 
wurde ihm eine Kommission von drei Deputierten der Generalstaaten, darunter 
de Witt, zur Seite gestellt. 

Diese echt republikanische Maßnahme, einem Oberbefehlshaber Deputierte 
zur Seite zu stellen, war schon in den Dünkirchener Kriegen Brauch gewesen. Bei 
Tromp dem Älteren hatte man im ersten Kriege davon abgesehen, obgleich er selbst 
darum bat, um sich gegebenenfalls der Volksmeinung gegenüber besser rechtfertigen 
zu können ; es war dies ein Zeichen großen Vertrauens. Wassenaer hatte sich gesträubt, 
Deputierte zuzulassen. 

Tromp der Jüngere aber hatte sehr viele Gegner in den leitenden Kreisen. Zwar 
waren sein Mut, seine Tüchtigkeit und seine Beliebtheit bei den Mannschaften allgemein 
bekannt, jedoch man fürchtete seine Unvorsichtigkeit, seine Eigenmächtigkeit, und 
er war Oranier. Gern hatte man ihm das Kommando überhaupt nicht gegeben, aber 
er war der einzige Leutnantadmiral der Provinzen von Holland, da Ruyter und Meppel 
noch abwesend waren. Ein neuer Leutnantadmiral von Holland und Westfriesland 
war noch nicht ernannt und nach altem Brauch trat ja der Leutnantadmiral der Maas 
als Vertreter ein. Der viel ältere Cornelis Evertsen sen. (Seeland), der an die Stelle 



270 Der zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

seines Bruders Jan getreten war, stellte sich rühmenswerterweise bereitwillig unt6r 
Tromp ; Jan Evertsen hatte infolge der schmählichen Behandlung in Brielle den Dienst 
quittiert. 

Man beeilte die Rüstungen, um den wertvollen Konvoi in Bergen sichern 
zu können ; als die Flotte seeklar war, hieß es zwar, sie könne widriger Winde 
wegen nicht auslaufen, doch auch hier zeigte sich die Tatkraft des R a t s - 
Pensionärs de Witt. 

Althergebrachte Ansicht der Lotsen war, daß man mit schweren Schiffen die Rhede 
von Texel bei allen westlichen Winden durch die üblichen Fahrwasser, Landstief und 
Schlänge nicht verlassen und ein drittes, das spanische Gat, überhaupt nicht benutzen 
könne. De Witt bewies die Unhaltbarkeit dieser Behauptungen, insbesondere der 
letzten, indem er das Fahrwasser unter eigener Leitung ausloten ließ und es dann 
mit dem schwersten Schiffe passierte ; es wurde von nun an das Jan de Witt-Tief genannt. 

Seinem Einschreiten war es zu danken, daß die Schiffe vom 14. bis 
16. August in See gingen und die Flotte nun segelfertig lag. Am 6. August war 
R u y t e r in der Ems angekommen ; er wurde sofort zum Leutnantadmiral 
von Holland und Westfriesland ernannt, welche Stelle man für ihn freigehalten 
hatte, und übernahm am 18. den Oberbefehl. Tromp weigerte 
sich anfangs, in die zweite Stelle zurückzutreten, nachdem er die Flotte 
organisiert hätte, er fügte sich aber doch. Die Flotte*) bestand aus 93 Kriegs- 
schiffen, II Blandem, 20 Jachten usw. mit 4337 Kanonen, 15 051 Seeleuten, 
1283 Seesoldaten und 3300 Landsoldaten; sie war in 4 Geschwader geteüt, 
von denen das eine (Ruyter selbst) als Reserve dienen sollte. Ihre Segel- 
order war: die Kauffahrer von Bergen abzuholen und den englischen Streit- 
kräften möglichst Abbruch zu tun; schon am 17. waren leichte Schiffe in 
die Nordsee gesandt, um alle heimkehrenden Handelsschiffe nach Bergen 
zu leiten. Ruyter ging längs der englischen Ostküste bis zu 58® Nordbreite 
hinauf und hörte hier am 25. August, daß Montagu an der Küste Norwegens 
gesehen sei ; er habe dort einen Teü seiner Flotte zurückgelassen (Tyddiman) 
und sei mit dem Rest nach Westen gesegelt. Am demselben Tage sichtete 
man auch ein englisches Schiff; die beiden Flotten müssen dicht beieinander 
gewesen sein, ohne sich sonst zu sehen. Jetzt steuerte der Admiral nach 
Norwegen hinüber. 

Die Kauffahrer in Bergen — 10 große Ostindienfahrer von ungeheurem 
Wert und etwa 60 andere, besonders Levantefahrer — waren aber schon der 
Gefahr entzogen; sie hatten den Angriff Tyddimans glänzend abgeschlagen; 
es war nur noch nötig, sie sicher in die Heimat zu führen. 

Die Gesandten König Karls hatten vom König Friedrich III. von Dänemark die 
Zusicherung erhalten, dänischerseits solle ein Wegnehmen der holländischen Schiffe 
in Bergen nicht gehindert werden. Beide Könige wollten dann die Beute teilen ; Friedrich 
beabsichtigte, sich Holland gegenüber damit zu entschuldigen, daß man ein Bombarde- 
ment Bergens durch die englische Flotte habe fürchten müssen. — 

Die Kauffahrer waren aber auf den Angriff vorbereitet. Sie hatten die Ostindien- 
fahrer und die schwersten sonstigen Schiffe in Halbmondformation vermoort, mögUchst 

*) „Leben Ruyters", Seite 309, Namentliche Aufführung der Schiffe mit An- 
gaben über ihre Stärke. 



Englischer Angriff auf Kauffahrer in- Bergen im August 1665. ^jrf 

viele Geschütze auf den dem Angriff ausgesetzten Seiten aufgestellt, am Lande flan- 
kierende Geschützstände errichtet und auch Leute zur Verstärkung der dänischen Be- 
festigungen gelandet.*) . Der dänische Befehlshaber, General von Alefeld, gestattete 
alles dieses und beteiligte sich auch an der Abwehr; er soll zwar von der Abmachung 
seines Königs schon gewußt, aber noch keinen Befehl erhalten haben; so handelte er, 
wie es ihm Völkerrecht und Kriegsbrauch vorschrieben. Am 12. August (ic? 13.?) griff 
Tyddiman an. £r hatte sich mit Alefeld noch nicht in Verbindung gesetzt, entweder 
in der Annahme, daß dieser auch ohne Befehl den Absichten seines Königs folgen werde, 
oder gar in der. Erwartung» daß er unter diesen Umständen dann auch die Beute nicht 
zu teilen brauche. Die Verhältnisse waren dem Angriff sehr ungünstig. Der aus dem 
Hafen stehende Wind erschwerte das Herankommen und hinderte die Verwendung der 
Brander, der auf den Schiffen lagernde Pulverdampf beeinträchtigte ihr Feuer. Nach 
einem Gefechte von etwa vier Stunden mußte das englische Geschwader die Anker 
kappen und sich mit schwerbeschädigten Schiffen und großem Mannschaftsverluste 
zurückziehen. General von Alefeld forderte nun allerdings von den holländischen Schiffen 
100 000 Taler für den gewährten und noch weiter zu gewährenden Schutz. Er erhielt 
auch vorläufig 3000, und man war dabei, noch mehr auf den Schiffen aufzubringen, als 
die Flotte unter R u y t e r erschien. Jetzt mußten sich die Dänen mit dem feierlichen 
Dank der Staatendeputierten begnügen; sie hielten aber wenigstens die gelandeten 
41 Geschütze zurück: „sie müßten diese zur eigenen Sicherheit behalten, da ihnen im 
Gefecht sehr viele eigene gesprungen oder zerschossen wären." („Leben Ruyters", 
Seite 318.) 

Auf der Rückfahrt wurden Flotteund Konvoi durch einen mehr- 
tägigen Nordweststurm zersprengt, nur mit 36 Kriegsschiffen stand 
Ruyter am 13. September südlich von der Doggerbank. Weiter auf den 
Schutz der zerstreuten Kauffahrer bedacht, kreuzte er noch einige Tage. 
Von wieder zu ihm stoßenden Kriegsschiffen erfuhr er, daß die enghsche 
Flotte in der Nähe sei. M o n t a g u war zu rechter Zeit vom Norden zurück- 
gekehrt, um aus der Zerstreutmg der Holländer Nutzen ziehen zu können; 
8 Kriegsschiffe, 2 Brander, 2 Ostindienfahrer und mehrere andere Schiffe 
wurden aufgebracht. Weiteres konnte er nicht unternehmen, da auch seine 
Flotte infolge des Absuchens des Sturmfeldes, vielleicht schon durch den Sturm 
selbst, zerstreut war. Beide Flotten sammelten sich nach und nach in ihren Häfen. 

Das Jahr 1666 bringt nun nichts mehr von Bedeutung. In England 
scheint infolge der Pest, die in London und einigen anderen Städten wütete, 
nichts geschehen zu sein, um die Flotte wieder schlagfertig aufzustellen; 
in kleinen Gruppen lagen die Schiffe auf den verschiedenen Ankerplätzen 
an der Küste und in den Häfen, ohne ihre Neuausrüstung zu betreiben, Ruyter 
lief Mitte Oktober zur englischen Küste hinüber, um die vereinzelten Teile 
des Feindes zu vernichten. Er erschien vor Harwich, Yarmouth, Lowestoft, 
vor der Solebay und den Downs, wo seine Aufklärungsschiffe Feinde gesehen 
hatten. Aber überall kam er zu spät, sie hatten sich jetzt in sichere Häfen, 
meist in die Themse, zurückgezogen; so wurden nur die Küsten alarmiert. 
Schließlich ging Ruyter vor die Themse in der Erwartung, die englische Flotte 
herauszulocken, doch vergeblich. Er blockierte die Flußmündung einige 



*) Vermooren heißt: Ein Schiff mit Bug- und Heckanker verankern, um ein Drehen 
bei Wind- oder Strom Wechsel zu verhindern. 



272 I^er zweite englisch*holländische Krieg 1665 — 1667. 

Tage und nahm auch Lotungen vor. Da aber jetzt der Winter nahte und 
auf der Flotte binnen kurzer Zeit der Krankenbestand bedenklich stark 
zunahm — in wenig Tagen ein Krankenzugang von über 1000 Mann und 140 
Todesfälle — .bescliloß der Kriegsrat in Übereinstinmiung mit den Deputierten, 
am I. November nach Holland zuiückzukehren und die Kontingente zu 
entlassen. Nur ein Geschwader von 18 Schiffen, deren Gesundheitszustand 
gut war, wurde südlich von der Doggerbank stationiert, um feindliche Ham- 
burg- und Ostseefahrer abzufangen und eigene aufzunehmen; bald wurde 
es zu einer Winterflotte auf 34 Segel verstärkt und hielt sich bis in den Februar 
in der Nordsee und an der flämischen Küste. Sonst war der Feldzug für 
1665 beendet und die Flotte wurde aufgelegt. Das Jahr hatte eigentlich 
nur die eine große Schlacht von Bedeutung gebracht, trotz der großen Flotten, 
die aufgestellt und von Holland bis zu Ende erhalten wurden; für Holland 
war es in der Hauptsache unglücklich verlaufen. 

Auf die gegenseitigen Handelsschädigungeu imd die kleineren, 
wenn auch oft blutigen Zusammenstöße dabei in Kanal, Nordsee und Mittel- 
meer näher einzugehen, würde zu weit führen; man findet Ausführlicheres 
in den Geschichten der beiden Marinen. 

Sofort nach dem Auflegen der Flotte beschloß man in Holland die In- 
dienststellung einer ebenso starken Flotte wie im Vorjahre für das Frühjahr 
1666. Man zog jetzt keine Schiffe der ostindischen Kompagnie mehr heran; 
diese zahlte statt dessen eine besondere Kriegssteuer. Infolge der Neubauten 
waren genügend Kriegsschiffe, besonders auch der schwersten Art, vor- 
handen. Die Fertigstellung der Fahrzeuge wurde den Winter über auf das 
eifrigste betrieben, und Hollands Aussichten schienen sich wesentlich günstiger 
gestalten zu wollen, da Frankreich und Dänemark ein Offensivbündnis mit 
ihm schlössen und den Krieg an England erklärten. Die drei verbündeten 
Mächte wären imstande, eine ungeheure Seemacht aufzustellen; wie bereits 
angedeutet ist, griffen aber weder Franzosen noch Dänen ernstlich in den 
Krieg ein. 

Nach dem Vertrage mit Dänemark sollte dieses den Sund und die Belte für 
die Engländer schließen und eine Flotte von 40 Schiffen aufstellen. Die Flotte wurde 
zwar in Dienst gestellt, unternahm aber nichts von Belang. 

Frankreich sammelte eine Flotte von 40 Schiffen: 1 1 zu 50 — 80 Kanonen, 
29 zu 30—40 Kanonen, einige kleinere und 15 Brander*) — unter dem Befehl des 
Herzogs von Beaufort, dem berühmte Seeleute, wie Chevalier St. Paul, 
Abraham du Quesne und Chäteau-Renault unterstellt waren. Die 
Flotte lief schon im Januar 1666 von Toulon aus, erreichte aber erst Ende August 
La Rochelle, kam nie weiter als bis nach Dieppe, im September, und ging dann nach 
Brest zurück. Obgleich während der ganzen Zeit Unterhandlungen mit Holland über 
das Zusammentreffen der beiderseitigen Flotten geführt waren, kaiti es zu keiner Ver- 
einigung. 



♦) Clowes, Teil II, Seite 286, gibt ein Verzeichnis der Schiffe mit Namen, Kanonen- 
und Mannschaftszahl, als „bemerkenswert", da es die erste größere Flotte Frankreichs 
in den nördlichen Gewässern sei ; andere Quellen weichen unbedeutend davon ab. 



Haltung Frankreichs und Dänemarks. Die Flotten 1666. 



273 



England, von einer so mächtigen Liga bedroht, machte gleichfalls mit 
^ößter Anspannung mobil und nahm dafür eine bedeutende Anleihe zu 
hohem Zinsfuße auf. 

Die Flotten der beiden Hauptgegner waren zu gleicher Zeit, Ende Mai 1666, 
seeklar. Ihre Stärken sind bereits früher (Seite 258) genauer angegeben: 

über 40 K. 30 — 40 K. Kleinere Brander 
England 72 8 unbekannt = 4460 K.; 21085 Mann 

Holland 71 13 9 9 = 4615 K.; 21909 Mann 

Die englische wurde kommandiert von den Joint- Admiralen Prinz 
Ruprecht und Herzog von Albemarle (Monck) ; diese führten 
die Mitte, die Admirale Ayscue und Allen Vorhut und Nachhut. Jedes 
Geschwader war in 3 Divisionen geteilt. Die holländische Flotte war jetzt 
auch in 3 Geschwader geteilt; ihre Mitte führte R u y t e r , die Vorhut Cornelis 
Evertsen der Altere, die Nachhut Tromp. Bei jedem Geschwader befand 
sich noch ein Admiralleutnant, bei der Mitte noch ein Vize- und ein Kontre- 
admiral, bei Vorhut und Nachhut je zwei Offiziere dieses Dienstgrades. 

Im „Leben Ruyters", Seite 362, ist die Order des Flottenchefs .wiedergegeben, 

die die Folge enthalt, in der die Flaggoffiziere vor und hinter ihm zu segeln haben. 

Ich möchte sie als Beispiel anführen 

Aus dieser Segelfolge geht die Ein- 
teilung in 3 Geschwader klar hervor, die 
Einteilung in 3 Divisionen aber doch nur 
bei der Mitte. Bei Vorhut und Nachhut 
sollte man eher eine Einteilung in 2 Divi- 
sionen, die dann wieder in je 3 Unter- 
abteilungen geteilt sind, annehmen; also 
für jedes dieser Geschwader hier wieder 
6 Gruppen. Jedoch sprechen die Quellen 
ausdrücklich von der Einteilung in 3 Ge- 
schwader zu 3 Divisionen. Ruyters An- 
ordnungen für das Gefecht beziehen 
sich nur auf die Verwendung der 3 Ge- 
schwader. 

Um Irrtümern vorzubeugen, sei 

-erwähnt, daß der I^eutnantadmiral und der Kontreadmiral der Mitte den Namen van 

Kes führten. 



Vorhut 



Evertsen 


I 


Vizeadmiral 
Kontreadmiral 






Vizeadmiral 






Admiralleutnant 






Kontreadmiral 






Admiralleutnant 



JVIittc 



\ 



Nachhut 



Ruyter und i Kontreadmiral 

I Vizeadmiral 

I Vizeadmiral 



Tromp 



I Kontreadmiral 

I Vizeadmiral 

I Admiralleutnant 

I Kontreadmiral 



Die Viertage-Schlacht am IK bis 14* Juni 1666. 

Diese Schlacht gilt mit Recht ais eine der berühmtesten. 
Auf beiden Seiten ist eine ungeheure Zahl schwerer Schiffe vorhanden; an vier auf- 
einander folgenden Tagen vnrd heiß gerungen; die beiden Flottenchefs waren die be- 
rühmtesten Seebefehlshaber ihrer Länder. Monck hat für England vielleicht nicht 
dieselbe Bedeutung wie Blake, Ruyter aber nimmt nicht nur in der holländischen Marine, 
sondern auch unter allen Seeoffizieren jener Zeit zweifellos den ersten Platz ein. Gerade 
über diese Schlacht geben auch die alten Quellen genauere und zusammenhängendere 
Schilderungen als sonst, und sie ist deshalb auch in neuerer Zeit oft bearbeitet worden. 
Ich folge bei der Beschreibung in der Hauptsache Mahan, einer neueren Bearbeitung ; 
•Clowes gibt fast die gleiche Schilderung. Mahan hat einen Aufsatz der „Revue maritime 

Rittmeyer, Seekrietre. lo 



274 ^^ zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

et coloniale"*) zugrunde gelegt, in dem der erst neuerdings aufgefundene Brief eines 
Holländers, Kriegsfreiwilligen bei Ruyter an Bord, über die Viertageschlacht veröffent- 
licht ist Diese Schilderung ist noch klarer und zusammenhängender als die anderer 
aHen Quellen, die aber /um Teil in den Hauptzügen die Richtigkeit bestätigen, so daB 
es einigermaBen mögUch ist, die vielen Widerspriicbe, die sich in den alten Berichtea 
finden, zu klären.**] 

Die holländische Flotte war am 3. Juni in den Wielingen, Bänken vor 
Ostende, zusammengetreten und am 5. vollzählig versammelt.***) Sie wurde 
jedoch durch flaue auflandige Winde einige Tage an der Küste festgehalten, 
erst nach und nach gelang es durch Segeln bei Ebbe und Ankern bei Flut 
vom Lande abzukommen. Am 10. Juni setzte Ruyter bei nordöstiichem 
Winde seinen Kurs auf Northforeland, um die seit dem 8. in den Downs 
liegende englische Flotte aufzusuchen. 

Die Flotten der Gegner waren nahezu 
gleichwertig; wenn die Holländer etwas an Zahl 
überlegen waren, so wurde dies durch die 
bessere Armierung der Engländer reichlich 
ausgeglichen. Englischerseits wurde 
jetzt aber vor dem Zusammenstoß ein großer 
strategischer Fehler gemacht. König 
Karl IL hatte die, wie sich später heraus- 
stellte, falsche Nachricht erhalten, die franzö- 
sische Flotte nähere sich schon dem Eingange 
des Kanals behufs Vereinigung mit der hollän- 
dischen. Er gab deshalb von London aus den 
Befehl, Prinz Ruprecht solle mit dem 
Herzog von Albemarle <Monck). weißen Geschwader (Vorhut) nach dem Westen 
gehen, wahrscheinhch bis Wight, hier noch 
etwa IG Schiffe aus Plymouth an sich ziehen und den Franzosen ent- 
gegentreten. Diese Order erreichte die Flotte bei ihrem Eintreffen m den 
Downs; der Prinz ging sofort {8. oder 10. Juni) mit etwa 20 Schiffen der 
Vorhut, die Flaggschiffe jedoch bei der Flotte lassend, nach dem Westen 
ab, A 1 b e m a r 1 e (am 10.) aber Ruyter entgegen. Ruprecht war den Fran- 



*) Siehe Chabaud-A mault im Quellenverzeichnis. 
**) Clowes, Teil II, Seite 276, führt die Hauptwerke über die Schlacht auf, etwa 20. 
Mir haben von diesen vorgelegen: de Jonge, Teil II, darin eine neuere Schilderung; 
„Leben Ruyters", genaue Beschreibung einzelner Episoden; „Vie de Tromp" mit Be- 
richtea Tromps und Ruyters, einigen Briefen sowie einer amtlichen bolländischea 
„Relation", etwa 14 Tage nach der Schlacht geschrieben. Nach jedem Schlachttage 
werde ich etwaige wichtigere Abweichungen dieser Werke gegen Mahan kurz anführen. 
•••) Als bemerkenswert für uns Deutsche sei erwähnt, daß das Kontingent Amster- 
dam vor dem Auslaufen am 16. Mai vom Großen Kurfürsten und dem Prinzen von 
Oranien besucht wurde. Die Schiffe lagen in Flaggengala, der hohe Besuch speiste 
bei Ruyter, besichtigte verschiedene Schiffe sowie eine Gefechtsübung zweier Fregattea 
u. a. „Leben Ruyters", Seite 359. 



Die Viertage- Schlacht 1666. Der ii, Juni. 



275 



zosen gerade gewachsen, Albemarle jedoch mit jetzt nur 58 Schiffen über 
30 Kanonen wesentlich schwächer als die Holländer. 

Ruyter war, da der Wind bei dickem Wetter auf Südwest herum- 
ging und auffrischte, in der Nacht vom 10. auf 11. ungefähr in der Mitte 
zwischen Dünkirchen imd den Downs zu Anker gegangen, Albemarle ebenso 
einige Meüen zu Luward von ihm; beide Flotten sichteten sich am 11. Juni 
um 9 Uhr vormittags. Albemarle lichtete sofort Anker, um anzugreifen,, 
obgleich er schwächer war. Bei seiner Luvstellung rechnete er mit dem Vor- 









A- 



9Ky 










fl". 






T^ 



S&. 



,% 



e. 



^. 



3_ 






9: 



/ 



3. 






/ 



Der II. Juni der Viertage- Schlacht 1666. 

teil, die Wahl des Angriffspimktes sowie Umfang imd Dauer des Gefechts 
in der Hand zu haben. Seine Seeoffiziere waren gerade wegen der Luv- 
stellung gegen den Angriff, da sie richtig voraussahen, daß man bei dem 
starken Winde und der bewegten See die untersten Batterien nicht würde 
gebrauchen können. Die Holländer erwarteten aus denselben Gründen auch 
keinen Angriff und Uchteten zunächst nicht Anker, so daß sie später größten- 
teils kappen mußten ; sie strebten auch während der Schlacht nicht danach, 
die Luvseite zu gewinnen. 

Die hoUändische Flotte lag mit dem Bug nach Südsüdwest, die Nach- 
hut (Tromp) zu Luward, Mitte und Vorhut staffeiförmig mehr und mehr in 

i8* 



276 I^r zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Lee. Albemarle führte seine Flotte über Backbord-Bug an dem Gegner entlang, 
ließ aber dessen Mitte und Vorhut außer Schußweite und näherte sich erst, 
als er querab der Nachhut war. Die Holländer gingen nun über denselben 
Bug auch unter Segel, aber das Gefecht entbrannte zunächst nur, gegen 
Mittag, zwischen der englischen Flotte und T r o m p. Wenn auch bei der 
langen Linie Albemarle nur etwa 35 Schiffe gut aufgeschlossen bei sich 
sah, weil seine Nachhut etwas zurückgebheben war und ihre Linie sich ge- 
öffnet hatte, so war er doch in den ersten Stunden des laufenden Gefechts 
der Überlegene (Skizze S. 275: Position i). 

Die holländische Mitte konnte erst allmählich herankommen und in das 
Gefecht eingreifen, die Vorhut erst gegen Ende der Schlacht. Tromps 
Schiffe Htten schwer; der Admiral selbst mußte noch in der Schlacht auf ein 
anderes Schiff übergehen, ein (oder gar zwei) Fahrzeuge verbrannten, ein 
Kontreadmiral fiel. Nach etwa 4 Stunden halste die englische Flotte, alle 
Schiffe zugleich, da man fürchtete, den Bänken vor Dünkirchen zu nahe zu 
kommen; Tromp folgte diesem Beispiel. Die fechtenden Schiffe beider 
Gegner waren etwas nach Lee getrieben, dadurch war es R u y t e r leichter 
möglich geworden, heranzukommen (Position 2). Während nun die Engländer 
über Steuerbord-Bug nach Westen zogen, stieß ihre jetzt schließende Vorhut 
scharf mit Ruyter zusammen; ihre Schiffe hatten wohl am meisten gelitten 
und auch die Fühlung verloren, sie wurden nun übel zugerichtet (Position 3), 
verschiedene Schiffe wurden hier abgeschnitten und außer Gefecht gesetzt; 
der Vizeadmiral B e r k e 1 y fiel. Hier konnten jetzt auch schon die ersten 
Schiffe der holländischen Vorhut eingreifen; ihr Chef, Leutnantadmiral 
Evertsen, wurde dabei getötet (Position 4). 

Einige Einzelheiten mögen folgen, um die Kampf weise zu veranschaulichen: 
Eins der abgeschnittenen Schiffe „Swiftsure", Flaggschiff des Vizeadmirals Berkely» 
wurde umringt und von verschiedenen Seiten geentert. Der Admiral focht schließlich 
fast allein auf dem Quarterdeck, weil alles um ihn gefallen war, bis ihn eine Pistolen- 
kugel durch die Gurgel traf. Darauf zog er sich in die Kajüte zurück und wurde hier 
auf dem Kajütstisch ausgestreckt tot aufgefunden. — An dem bewegungslosen Schiff 
des Kontreadmirals Harman machte sich ein Brander fest. Dem ersten Leutnant 
gelang es aber mitten in den Flammen die Fangeisen zu lösen und sich unbeschädigt 
aufs eigene Schiff zurückzuschwingen. Ein zweiter Brander setzte die Segel in Brand, 
fast 50 Mann sprangen im Schreck über Bord. Der Admiral selbst trieb mit gezogenem 
Säbel die Besatzung zum Löschen an; es gelang, aber eine herabfallende Marsraa zer- 
brach dem Admiral ein Bein. Ein dritter Brander wurde in den Grund geschossen. 
Jetzt naht Evertsen und fordert zur Übergabe auf. Harman antwortet: „Soweit sind * 
wir noch nicht", gibt eine Breitseite ab, wodurch Evertsen getötet wird, bringt dann 
sein Schiff aus dem Gefecht nach Harwich und sucht nach nur eintägiger Ausbesserung 
und trotz seines gebrochenen Beines die Flotte wieder auf ; er kommt aber zum Kampfe 
zu spät. Ähnliche Beispiele hartnäckiger Ausdauer und unbeugsamen Mutes finden 
wir auch auf holländischer Seite im „Leben Ruyters". 

Erst die Nacht trennte die Gegner, doch scheint es sich zuletzt nur noch 
um den Kampf in der Melee einiger Schiffe Ruyters und Evertsens mit den 
Schlußschiffen der Engländer gehandelt zu haben. Das englische Gros zog 



Die Viertage- Schlacht 1666. Der 12. Juni. 277 

Nordwest steuernd ungehindert an dem Evertsenschen Geschwader, das 
zum größten Teil nicht ins Gefecht gekommen war, vorüber und die Holländer 
machten sich daran, ihre Beschädigungen auszubessern, darunter Ruyters 
übel zugerichtetes Schiff. 

Mahan sagt zu diesem Tage: „Der Angriff Albemarles war ein taktisches Meister- 
stück, ähnlich dem Nelsons bei Abukir. Mit schnellem Blick hatte er einen schwachen 
Punkt des Feindes erkannt und eine beträchtlich stärkere Streitmacht so angegriffen» 
daß nur ein Teil dieser ins Gefecht kam. Wenn auch die Engländer die größeren Ver- 
luste erlitten, so nahmen sie doch das Bewußtsein einer glänzenden Waffentat mit sich» 
während bei den Holländern Arger und Niedergeschlagenheit herrschen mußte." 

Er fügt femer hinzu: „Der (schon erwähnte) Augenzeuge sagt, das Mißgeschick 
der Engländer habe seinen Grund darin gehabt, daß ihre Linie zu lang gewesen sei; 
wenn Monck aufgeschlossener gefahren wäre, so hätten die Holländer nicht einige Schiffe 
abschneiden können." Die Bemerkung ist richtig, die Kritik kaum. Das Auseinander- 
kommen war bei soviel Segelschiffen unvermeidhch und eine der Zufälligkeiten, mit 
denen Monck rechnen mußte. 

Ich möchte in dieser Beziehung darauf hinweisen, daß der Stoß auf Tromp aller- 
dings noch wuchtiger gewesen sein würde, wenn beim Angriff Moncks Flotte völlig 
aufgeschlossen gewesen wäre ; dies war durch das zu schnelle Heranführen einer langen 
Linie von Segelschiffen verhindert. Abgeschnitten wurden nachher aber nur Schiffe, 
die geschlossen ins Gefecht geführt waren und beschädigt zurückblieben, als Monck der 
Sande wegen halsen mußte. Hierin kann man also keinen Fehler erblicken. 

Beide Flotten benutzten die Nacht, um Beschädigungen auszubessern, 
Kartuschen zu füllen, kurz, sich auf einen neuen Kampf vorzubereiten ; dieser 
folgte bereits am nächsten Tage. 

Die Engländer hatten die Nacht über nach der englischen Küste zu 
gelegen und kehrten am Morgen zurück; die Holländer waren nach Ab- 
bruch des Gefechts zunächst südöstlich gesteuert und standen dann wieder 
nach Westen hin. Beim Zusammenstoß am 12. Juni lagen die Engländer 
über Backbord-Bug, die Holländer über Steuerbord ; die Engländer standen bei 
leichtem Südwest winde zu Luward. Die holländische Linie war weit länger, 
mindestens 75 Schiffe standen 44 gegenüber, aber sie war nicht gut geordnet, 
einzelne Fahrzeuge maskierten das Feuer anderer. 

Tromp sah dies und ging, um den Nachteil auszugleichen, mit der 
Nachhut auf die Luvseite der Engländer hinüber, als die Spitzen der beiden 
Flotten querab voneinander waren; er konnte dieses Manöver ausführen, weil 
die Engländer nicht beim Winde lagen, um die feindliche Linie auf Parallel- 
kurs zu passieren. Er scheint sogar einen kurzen Schlag über Backbord- Bug 
gemacht zu haben (Skizze S. 278: Position i). Sein Benehmen mußte Ruyter 
irremachen; es kam hinzu, daß gleich darauf zwei Flaggschiff e der Vorhut hart 
abhielten, als sie etwa querab vom feindlichen Zentrum waren; um seine 
Flotte einigermaßen beieinandei zuhalten, mußte auch er abhalten (Position 2). 
So kam Tromp durch die in guter Ordnung weiter segelnden Engländer in 
große Gefahr; einer seiner Vizeadmirale fiel, er selbst mußte wiederum sein 
Flaggschiff wechseln. Vielleicht wäre er vernichtet worden, wenn nicht 
Albemarledie Ausnutzung seiner günstigen Lage hätte aufgeben müssen, 
da Ruyter die wiedergesammelten Teile seiner Flotte über Backbord-Bug 



278 J^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

heranführte und die Luvstellung zu gewinnen drohte (Position 3). Wie 
schmerzlich Ru3^er das Benehmen seiner Unterführer empfand, kam zum 
Ausdruck, als Tromp in einer Pause nach diesem Gefecht zu ihm an Bord 
kam: die Matrosen jubelten ihm zu, Ruyter aber sagte: „Es ist jetzt keine 
Zeit zu Freudenbezeugungen, eher für Tränen." Die Lage war auch weiter 
noch höchst ungünstig. Die Ordnung der Holländer war gänzlich zerstört, 
eine Linie gab es nicht, die Schiffe lagen „wie eine Herde Schafe" zusammen. 



^^.^^AM^. ^666. ^'. i- ^ 



t 

\ 

V 



^-. 



9&. ©. «>. 



> -i- 



000 00 ~^' 



SlCt*%i/p 



t).lQ. v^ _-3._ 



V 







f 



___ . 



— — — -" -• — ^ ^^^ — " «»^Äi^fc ^08K ^flJB 

I ~ 



TT** 



13.9/nnl, ^ -i* ^ ^^ —.5.«« 





Der 12. Juni der Viertage -Schlacht 1666. 

Die Engländer hätten bei rechtzeitiger Rückkehr den unbehilflichen Haufen 
umzingeln und zusammenschießen können; Albemarle scheint jedoch noch 
längere Zeit überBackbord-Bug weiter gelegen und dann wieder passiert zu haben, 
ohne emstUch anzugreifen (Position 4). Wahrscheinlich fühlte er sich bei 
der geringen Zahl seiner Schiffe, die wohl auch vielfach durch Beschädigungen 
in der Takelage im Manövrieren gehindert waren, nicht stark genug, auf 
eine solche Weise die Entscheidung herbeizuführen. 



Die Viertageschlacht. Verfolgungsgefecht am 13. Juni. 279 

Ruyter gewann also Zeit, seine Linie wieder herzustellen, bis Albemarle 
zum zweiten Male zurückkam. Bei diesem dritten Passieren verlor Ruyters 
Schiff Großraa und Großstänge, so daß bei einem vierten van N e s die 
Flotte führen mußte ; dieser befand sich bei der Mitte und war als Leutnant- 
admiral der Maas stellvertretender Chef. Nach dem letzten Zusanunen- 
treffen brach Albemarle ab und zog sich nach Westen zurück. Der 
Verlust an Schiffen scheint am zweiten Tage annähernd gleich gewesen 
zu sein, 3 oder 4 auf jeder Seite gesunken oder verbrannt. In ihrer Gesamt- 
heit hatten die englischen Schiffe wohl mehr gelitten. Der Rückzug Albe- 
marles war jedoch, auch nach den holländischen Aussagen, ein ehrenvoller, 
in vollster Ordnimg ausgeführt. Mit einer Dwarslinie seiner am wenigsten 
beschädigten Schiffe (16 oder 28) deckte er die schwerer beschädigten; drei 
davon verbrannte er, damit sie nicht hinderten und auch nicht dem Feinde 
in die Hände fielen (Position 5). 

Für diesen zweiten Tag sind die Abweichungen in den älteren Quellen und 
Werken nicht unwesentlich. Zunächst sprechen diese von ein oder zwei Passiergefechten, 
ehe vorstehende Beschreibung einsetzt; dann habe Windstille den Kampf bis gegen 
Mittag unterbrochen. Dies ist nicht so wichtig, weil hierbei keine ausschlaggebenden 
.Ereignisse vorgekommen sind; wichtiger aber ist, daß bei der Wiederaufnahme des 
Kampfes, der dann im allgemeinen wie geschildert verlauft, nach einigen QueUen beim 
ersten Passieren (Position i) die Holländer zu Luward gestanden haben sollen (so nach 
der „Relation" und nach „Leben Ruyters"; de Jonge und „Ruyters Bericht" heben 
es nicht hervor); nur Tromp sei in Lee gewesen, entweder weil er eigenmächtig den 
Feind durchbrochen habe oder weil er die LuvsteUung nicht mit habe gewinnen können» 
Ruyter habe ihm durch Einbrechen in die feindliche Linie zu Hilfe kommen woUen. 
Die Verwirrung in der holländischen Flotte sei nach einigen Quellen dann herbeigeführt, 
weil zu wenig Schiffe Ruyter gefolgt seien, nach andern, weil Ruyter seine Absicht wieder 
habe aufgeben müssen, da die Engländer Miene machten, ihn von dem Rest der Flotte 
zu trennen. Von der Position 4 einschließlich an stimmen die Angaben dann überein. 
Die Verwirrung in der Flotte, die schlimme Lage bei Position 4, ist in holländischen 
Quellen nur zwischen den Zeilen zu lesen. Die Eigenmächtigkeit Tromps wird nur von 
de Jonge angedeutet, Ruyter selbst erwähnt sie in seinem Bericht nicht, was wohl 
mit seinem vornehmen Charakter zu erklären wäre, um so mehr, falls Tromp nur in 
bester Absicht so gehandelt hatte. 

Am 18. Juni setzten die Engländer in derselben Weise (Position 5) bei 
östlichem Winde den Rückzug fort. Albemarle wollte ein Gefecht 
vermeiden, bis er durch das Geschwader des Prinzen Ruprecht verstärkt 
wäre. Diesem war sofort beim Erscheinen der holländischen Flotte von 
London aus der Befehl zur Rückkehr nachgesandt, aber, wie man sagt, aus 
Unachtsamkeit nicht durch Kuriere und Eilschiffe, sondern mit der „ge- 
wöhnlichen Post" nach Plymouth. Die Holländer setzten alle Segel zur 
Verfolgung bei, verloren aber in dem Bestreben, am Feinde zu bleiben, infolge 
ihrer im allgemeinen geringeren Segelfähigkeit jede Ordnimg. Es kam am 
13. zu keinem Zusammenstoß, nur auf weitere Entfernungen wurden einige 
Schüsse gewechselt. Am Nachmittag kam im Westen ein Geschwader von 
etwa 25 Segeln in Sicht ; zum Glück für die Engländer war es Ruprecht 
und nicht die Franzosen. 



28o Der zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Einen Erfolg brachte dieser Tag doch für Holland. Am Nachmittag hef das Schiff 
des Admiral Ayscue (Vorhut) bei Galloper auf und wurde von Tromp, unterstützt von 
2 Brandem, zum Streichen der Flagge gezwungen (Position 5); von seinen Kameraden 
konnte es nicht unterstützt werden, ohne den ganzen Rückzug zu gefährden. Gern 
hätte Tromp sein Opfer — den „Royal Prince", das stolzeste Schiff Englands — als 
Beute heimgeführt, aber Ruyter befahl die Verbrennung. Anhänger Tromps legten 
dies als eine Mißgunst des Flottenchefs aus, was aber bei Ruyters Charakter höchst 
unwahrscheinlich ist, und der Vorfall erhöhte die Spannung zwischen den beiden 
Admiralen. Ruyter war jedoch im Recht; er gab den Befehl, weil er im Hinblick 
auf das gesichtete Geschwader einen Verlust der Beute fürchten mußte. 

Beim Einbruch der Nacht vereinigten sich die beiden englischen Führer 
und beschlossen, am andern Tage wieder anzugreifen. Die Entscheidung 
stand bevor, auch Ruyter wollte sie herbeiführen, obgleich die Verhältnisse 
jetzt nicht mehr so günstig für ihn lagen. An Zahl der Schiffe waren die 
Gegner zwar nahezu gleich, es standen sich etwa 64 Holländer und 60 Eng- 
länder gegenüber — außer den vernichteten waren viele beschädigte von den 
Flotten abgekommen — , aber die Engländer verfügten über gut 20 unversehrte 
Schlachtschiffe mit frischen Besatzimgen; schon in der Minderzahl hatten 
sie sich infolge ihrer besseren Flottendisziplin fast gleichwertig gezeigt. Ru5rter 
steuerte die Nacht über östlich, mn freieres Wasser zu erreichen, rief am 
Morgen seine Konimandanten an Bord, ermahnte sie „noch einen Tag aus- 
zuhalten" und suchte dann auch den Feind auf. 

Am 14. Juni wehte es frisch aus Südsüdwest, die Holländer waren zu 
Luward, beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug. Die Engländer machen keinen 
Versuch, die Luvstellung zu gewinnen; beide Führer manövrieren nicht 
darauf hin, ein Passiergefecht herbeizuführen, sondern benutzen einerseits 
die Luvstellung, anderseits die bessere Segelfähigkeit dazu, ihre Flotte 
zum Angriff genau querab vom Feinde zu führen. So entbrennt ein laufendes 
Gefecht der ganzen Linien unter kleinen Segeln und auf nächste Entfernungen ; 
teilweise berühren sich die Raaen (Skizze: Position i). 

Infolge des Pulverrauchs imd der Beschädigungen geht bald die Ordnung 
verloren, besonders gewinnen viele englische Schiffe die Luvst ellimg 
einigen Holländern gegenüber, da sie ja höher beim Winde hegen konnten. 
So kommt Tromp mit 6 — 8 wahrscheinUch beschädigten Schiffen 
der Nachhut nach Lee und ist längere Zeit nicht imstande, sich am Gefecht 
zu beteiUgen. Eine zweite Gruppe holländischer Schiffe (14?) unter dem 
Kontreadmiral van N e s kommt dadurch von der Flotte ab, daß sie unter 
vermehrten Segeln eine, sehr nach Luward aufgesteuerte, engUsche Gruppe 
(4? Schiffe) von ihrer Hauptmacht abschneidet, verjagt und verfolgt. Der 
Rest der holländischen Flotte war so einem überlegenen Feinde gegenüber- 
geblieben. Glücklicherweise hatte Ruyter immer noch gegen 35 Schiffe 
der verschiedenen Geschwader bei sich und stand mit seiner Hauptmacht 
zu Luward der feindlichen (Position 2); immerhin war es längere Zeit eine 
schwere Lage für ihn. Hart am Winde, vielleicht auch aufkreuzend, steuerte unter 
heißem Kampfund teilweise In der Melee diese Hauptschlacht nach Luward auf. 



Die Viertage- Schlacht 1666. Niederlage der Engländer am 14. Juni. 281 

Inzwischen hatte Tromp seine Schiffe in stand gesetzt. Um wieder 
auf den Kampfplatz zu kommen, preßte er Segel, lief in Lee der kämpfenden 
Flotten vorbei und rief auch van Nes von der Verfolgung ab. Beide wendeten. 
Zwar konnten sie die Luvstellung nicht gewinnen, aber sie erschienen doch 
fast gleichzeitig in Lee der Hauptflotten, so daß die Engländer dubhert 
waren (Position 3). Als Ruyter dies sah, gab er das Signal zum allgemeinen 
Angriff, Einbruch in den Feind, wodurch die englische Ordnung vöUig zerstört 
wurde (Position 4). Noch eine kurze Zeit wurde heiß gefochten; nach und 
nach gelang es aber den englischen Schiffen, sich aus der nun allgemeinen 
Melee nach Luward in eine gewisse Sicherheit zu ziehen und sich gegen 7 Uhr 
abends wieder zu sammeln. Einige 20 Segel kamen so zusammen; an 10 







/ttO&. <^ 



<^. ^^ 






-1.- 



SU 



_Ä- 



___/ L . 



■/ 



d^tOAnp 



^9b. 



0: 



«.9ba» 



^AAA^U/l/ 



— 2.- 






-.»k_ 



Der 14. Juni der Viertage -Schlacht 1666. 



bis 12 Schiffe waren an diesem Tage verloren gegangen, viele andere von der 
Flotte abgekommen. Es wehte jetzt sehr schwer, so daß auch die ermatteten 
Holländer mit ihren beschädigten Schiffen nicht mehr an eine Erneuerung 
des Kampfes dachten. 

Die älteren Schilderungen weichen nur unwesentlich ab: der Wind wird 
auf Südsüdost angegeben. Dann sagen diese, Ruyter habe gleich bei Beginn des Ge- 
fechts den Befehl gegeben, in die feindliche Ordnung einzubrechen; dies sei von den 
drei Geschwadern an drei verschiedenen Stellen geschehen. Die englische Ordnung sei 
hierdurch gestört, aber gleich wieder hergesteUt worden. Das Manöver sei dann wieder- 
holt worden, aber nicht allen Schiffen gelungen, und Tromp habe sich mit einigen Schiffen 
aus dem Gefecht zurückziehen müssen. So kommen wir auf diese Weise zu Position 2, 
von der an dann, einschließUch des Vorfalles van Nes, die Beschreibung die gleiche 
bleibt. — Wenn Mahans Augenzeuge*) sagt, van Nes habe das Manöver mit der Vorhut 
ausgeführt, so dürfte dies ein Irrtum sein. Nach der Ordre de bataille standen beide 
van Nes bei der Mitte; da der Leutnantadmiral die erste Division dieses Geschwaders 
führte, hat vielleicht eine Verwechslung der Personen zu dem Irrtum Veranlassung 
gegeben. 

*) Mahan, Teil I., Seite 118, dagegen „Leben Ruyters" Seite 362 und 374. 



282 I^«r zweite englisch-hollandische Krieg 1665 — 1667. 

Abends war Nebel aufgekommen, die Holländer fürchteten die eng- 
lischen Bänke, und so verloren sich die Gegner während der Nacht aus Sicht. 
Als man am 15. Juni morgens auch von den Toppen kein feindhches Segel 
mehr sah, führte R u y t e r seine Flotte nach den Wielingen zurück ; sie 
war nicht mehr imstande, ohne gründliche Ausbesserungen längere Zeit 
die See an feindlicher Küste zu halten. Es mangelte auch an Munition, doch 
diese hätte man kommen lassen können. Munitionsschiffe waren vorhanden. 

Die Viertageschlacht war eine große Niederlage 
d e r E n g 1 ä n d e r. Sie selbst geben zu, daß ihr Verlust 17 — 19 Schiffe 
(die Holländer sagen 32) — darunter 6 in Feindeshand gefallen — , 5000 Tote 
und Verwundete, 3000 Gefangene betragen habe und daß die übrigen Schiffe 
ganz außerordentlich gelitten hätten. Die Holländer verloren 4 — 7 Schiffe 
(sie selbst sagen nur 4) und 2 — 3000 Mann. 

Der den Engländern zugefügte Verlust war aber auch der einzige Erfolg 
der Holländer. Die eigene Flotte war nicht imstande, den Sieg auszunützen, 
imd vernichtet war die feindliche Seestreitkraft nicht, wie sich bald zeigen 
sollte. Ruyter hatte sich als großer Führer gezeigt, die meisten Holländer 
hatten wie stets brav gefochten, aber Mangel an Einsicht und Disziplin war 
doch wieder zutage getreten, während sich die englische Flottendisziplin 
auch in ungünstigen Lagen glänzend bewährt hatte. 

Die zweite Sclilacht bei Nortliforeland am 4.18. August 1666 

(Schlacht vor der Themse; St. James' Fight) 
und die weiteren Breig^i^se des Jalires 1666» 

In Holland ging man mit großem Eifer an die Wiederherstellung 
der beschädigten Schiffe oder ihren Ersatz. Schon am 4. Juli waren 
59 Kriegsschiff e und i Brander, am6. gar 75 und 7, segelfertig; nach dem Aus- 
laufen traten noch weitere Fahrzeuge, besonders Brander, hinzu. Ruyter 
hatte den Befehl, so schnell wie möglich zur englischen Küste zu gehen, um 
die Wiederaufstellung der englischen Flotte und die Vereinigung ihrer ver- 
schiedenen Teile zu hindern. Zu diesem Zweck waren Vorstöße gegen die 
Ausrüstungshäfen und Ankerplätze ins Auge gefaßt; man dachte sogar 
im Haag an eine Landung bei Northforeland unter der Anleitung eines Eng- 
länders*), der als geflohener Republikaner in Holland lebte, und schiffte 
hierzu 6000 — 7000 Landsoldaten auf Transportern ein. Für den weiteren 
Feldzug hoffte man nun fest auf die Unterstützung der Franzosen. Vom 
4. JuH an bestand die Absicht, in See zu gehen, aber wiederum erschwerten 
flaue und auflandige Winde das Auslaufen aus den Wielingen und hielten 
die Flotte an der Küste fest; erst am 13. erschien Ruyter vor der Themse. 
Jedoch man hatte den letzten Erfolg überschätzt. Auch England hatte 



*) „Leben Ruyters", Seite 383: Samuel Raven in Rotterdam „glaubte dort Freunde 
zu finden, mit deren Hilfe er einen Aufstand erregen könnte". 



Die zweite Schlacht bei Northforeland am 4.75. August 1666. 283 

seine Schiffe wieder hergestellt und sie infolge des verzögerten Auslaufens 
des Gegners in der Themse und in Harwich zusammenziehen können, so 
daß sie an anderen Orten keine Angriffspunkte mehr boten. 

Die Schiffe in Harwich, etwa 20, anzugreifen, wagte R u y t e r nicht, 
da die enge Hafeneinfahrt stark befestigt war. In die Themse sandte er 
am 13. ein Geschwader von 7 Schlachtschiffen und 10 Gallioten. Diese 
Erkundungsabteilung drang auslotend bis in die Höhe des Mittel- 
grundes vor, englische Vorposten zogen sich auf ihre Flotte bei Sheemess 
zurück. Man fand alle Seezeichen aufgenommen und alle vielleicht zu einer 
Landung geeigneten Plätze stark besetzt; ebenso hatte sich die beabsichtigte 
Landung bei Northforeland als undurchführbar gezeigt. Eine weitere 
Forcierung der Themse schien bei dem unbekannten Fahrwasser, besonders 
für schwere Schiffe und mit dem Feinde in Harwich in der Flanke, unmöglich. 
Der Landungsplan wurde aufgegeben und die Transporter mit Soldaten 
zurückgesandt, wie man auch ein um diese Zeit ergangenes Anerbieten 
Ludwigs XIV., in Dünkirchen 2000 Mann zur Einschiffung zustellen, ablehnte. 
R u y t e r blockierte nun den Fluß und beschloß, das Herauskommen des 
Gegners abzuwarten. Er gab für diesen Fall den Befehl für alle Schiffe aus, 
sich dann aus der Themsemündung zurückzuziehen, um dem Feinde frei 
von den Sauden im offenen Wasser entgegenzutreten. Dementsprechend wurde 
verfahren, als man die Engländer am i . August mit der Ebbe den Fluß herab- 
kommen sah. Beide Flotten ankerten am Abend dieses Tages, die Engländer 
noch im Flußrevier. Am 2. kamen diese in See, flaue Winde hinderten jedoch 
«ine gegenseitige Näherung. In der folgenden Nacht setzten schwere Ge- 
witterböen ein, die auf beiden Seiten Beschädigungen verursachten ; Ruyter 
war froh, seine Flotte gerade vorher noch frei von den GaUopersänden geführt 
zu haben. Am 3. wurde bei umspringenden Winden um die Luvstellung 
manövriert, auch strebte Ruyter weiter dahin, von den Sauden abzukommen; 
Abends ankerten beide Flotten wiederum, wahrscheinlich ostnordöstlich von 
Northforeland in freiem Wasser. Die englischeFlotte war 89 Schiffe, 
20 Brander (nach Clowes 81 und 18) stark; sie stand unter dem gemeinsamen 
Befehle von Albemarle und Prinz Ruprecht (beide auf „Royal 
Charles" 90 K.), die Vorhut führte Admiral Allen, die Nachhut Admiral 
Smith. Die holländische Flotte zählte 72 Schlachtschiffe zu 
37 — 80 Kanonen, 16 Fregatten zu 26—30 Kanonen, 10 Advisjachten und 
20 Brander; Ruyter („7 Provinzen" 80 Kanonen) konmiandierte die Mitte, 
Jan Evertsen die Vorhut, Tromp die Nachhut. 

■Es waren also ähnliche Flotten wie vor der Viertageschlacht, englischerseits 4460 
Geschütze, holländischerseits 4704. Über die englischen Schiffe sind genauere An- 
gaben nicht vorhanden« Die holländischen findet man nach Kanonenzahlgruppen 
näher aufgeführt in de Jonge, Teil I, Beilage XXXV. In „Leben Ruyters" Seite 378 
steht die holländische Ordre de Bataille, die aber belanglos ist. 

Jan Evertsen hatte sich trotz seiner Mißhandlung wieder zum Kommando 
gemeldet: „um wie sein Vater, einer seiner Söhne und seine vier Brüder, wenn nötig, 
für das Vaterland zu sterben;" er fand auch seinen Tod in dieser Schlacht. 



284 ^®r zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Am frühen Morgen des 4. August*) lichteten beide Flotten Anker. Es 
war flau mit häufig eintretenden Stillen. Der Wind scheint zwischen Nordost 
und Nordwest gespielt zu haben, nur so sind die Widersprüche in den Quellen 
bei den Windangaben zu verschiedenen Zeiten und an den verschiedenen 
Orten des Gefechtes zu erklären. Nach den älteren holländischen Angaben 
haben die Engländer nordöstlich der Holländer zu Anker gelegen und nachher 
die Luvstellung gehabt ; nach Clowes ist der Wind bei Eröffnung des Gefechts 
Nordwest gewesen und die Holländer haben zu Luward gestanden, aber auch 
hier wird bald von nördlichem und nordöstlichem Winde gesprochen. Die 
im übrigen ziemlich gleiche Beschreibung dei Schlacht läßt die Luvstellung 
der Engländer wahrscheinlicher erscheinen. Die englische Flotte war in 
gut rangierter Kiellinie. Die Ordnung der Holländer ließ viel zu wünschen 
übrig. Infolge des Ankerlichtens bei flauem Winde mit Stillen und scheinbar 
erst ausgeführt, als der Feind schon unter Segel gesichtet, waren Vorhut und 
Mitte zwar aufeinander aufgeschlossen, hatten aber verschiedene Schiffe 
in Lee stehen; die Nachhut unter Tromp war weiter zurückgeblieben. 

Mehrere Stunden vergingen, bis die Gegner zusammentrafen, erst zwischen 
10 und 1 1 Uhr begann das Gefecht . Beide Flotten lagen über Steuerbord-Bug, die 
Engländer wie gesagt wahrscheinlich zu Luward. Zuerst stießen die Vor- 
huten zusammen, dann die Mitten und zwischen diesen Flotten teilen 
entbrannte ein sofort heftiger Kampf; der leichte Wind erlaubte dieses Mal 
die vollste Ausnützung der schwereren Artillerie seitens der Engländer. 
Besonders die holländische Vorhut leidet schwer und mit verhängnisvollen 
Zufällen : Der Chef, Jan Evertsen, und ein Vizeadmiral fallen, der 
zweite Leutnantadmiral de V r i e s wird tödlich verwundet, das Flaggschiff 
des zweiten Vizeadmirals muß verlassen werden und sinkt dann. Die Folge ist, 
daß die Vorhut gegen i Uhr zu weichen beginnt; sie ist duich Signale Ruyters 
nicht zu halten, sondern mehrt Segel, hält ab und flieht. Die Mitte hält 
sich besser, der Flottenchef selbst kämpft hartnäckig gegen die beiden schwersten 
englischen Schiff e („Royal Charles" 90 und „Royal Sovereign" 100 Kanonen). 
Als er aber in einer kurzen Gefechtspause die allgemeine Flucht der Vorhut 
bemerkt, seine Nachhut nur in weiter Ferne sieht, beschließt er, das Gefecht 
abzubrechen. Er war um so mehr dazu genötigt, als der Angriff auf seine Mitte 
noch stärker zu werden drohte. Die englische Vorhut verfolgte nämlich nicht 
ihren fliehenden Gegner, sondern wandte sich richtigerweise auch gegen 
Ruyters Geschwader, worauf auch von diesem einzelne Schiffe weichen. 
Mit etwa 20 Schiffen tritt R u y t e r unter kleinen Segeln in bester Ordnung 
den Rückzug an. Er beabsichtigte so, die Fliehenden zu decken, und hoffte 
sich mit diesen und während der Nacht auch mit Tromp wieder zu vereinigen 
und dann am nächsten Tage dem Feinde aufs neue entgegentreten zu 
können. 



♦) Quellen wie bei der „Viertage- Schlacht", nur Mahan beschreibt sie nicht. 
Die in England auch gebräuchliche Bezeichnung „St. James' fight" rührt daher, daß 
sie am St. James-Tage geschlagen wurde. 



Die zweite Schlacht bei Northioreland am 4-/5. August 1666. 285 

T r o m p war, wie erwähnt, weiter zurückgeblieben: In die so entstandene 
Lücke der holländischen Linie brach nun die englische Nachhut (Smyth) 
^in — so sagt Ruyter in seinem Bericht; er wirft auchTromp vor, das Zurück- 
bleiben selbst verschuldet zu haben — oder Tromp manövrierte daraufhin, 
seinen Gegner von dessen Hauptmacht abzuschneiden, oder wie am zweiten 
Tage der Viertageschlacht zu Luward von diesem und überhaupt schneller 
an den Feind zu konmien — so sagt Tromp in seinem Rechtfertigungsbericht. 
Jedenfalls entspann sich zwischen den beiden Nachhuten ein 
besonderes Gefecht, das sich zunächst über Backbord-Bug mehr und mehr vom 
Hauptschlachtfelde fortzog. Smyth soll dies mit Absicht herbeigeführt 
haben, da sein Geschwader das schwächste der englischen Flotte, dagegen 
das Tromps (das Amsterdam-Kontingent) das mächtigste der holländischen 
war. Tromp war auch im Vorteil, ein großes englisches Schiff („Resolution "62) 
wurde verbrannt. Er ließ sich immer mehr verlocken, verfolgte den 
Gegner immer weiter, scheinbar später mit westlichem Winde, nach 
Nordosten hin, so daß die Hauptflotten schließlich aus Sicht kamen. 
Erst am anderen Morgen brach er das Gefecht in der Nähe von 
Galloper ab und suchte seine Flotte wieder auf; den nun seinerseits 
hart folgenden Smyth hinter sich, entging er nur durch Zufall der 
Gefahr, von diesem und der englischen Hauptflotte in die Mitte genommen 
Äu werden. 

Am Morgen des 5. August sah sich Ruyter mit nur 7 oder 8 Schiffen 
von den Engländern mit einigen zwanzig Segeln zu Luward, in Lee und 
achtern im Halbmond umgeben und wieder angegriffen; vor ihm liefen seine 
übrigen Schiffe imd die der Vorhut auf die Wielinge zu und waren durch 
kein Signal zum Stehen zu bringen. Tapfer fechtend deckte er das Einlaufen 
der Fliehenden zwischen die Bänke; der Angriff richtete sich besonders auf 
sein eigenes Schiff, ein Brander konnte nur durch seine und der nächsten 
Fahrzeuge Boote abgeschlagen werden. Als auch er eingelaufen war, sandte 
«r sofort ein kleineres Geschwader wieder in See, um Versprengte aufzunehmen. 
Tromp traf erst am 6. auf der Rhede ein ; sein Einlaufen wurde nicht gehindert, 
da die Engländer zu weit in Lee standen. 

Die Schlacht war eine völlige Niederlage der 
Holländer. Doch scheint ihr Verlust nicht so bedeutend gewesen zu 
sein. EngUsche Quellen geben ihn zwar auf 20 Schiffe (genommene werden aber 
nicht erwähnt) und 7000 Tote und Verwundete an, aber die Holländer selbst 
sprechen nur von 2 Schiffen und z. B. bei der Mitte nur von 518 Mann. Die 
eigenen Verluste beziffern die Engländer auf ein Schiff und 300 Mann. 
Die Gründe der holländischen Niederlage waren : Die 
mangelnde Ordnung — in diesem Falle allerdings wohl den ungünstigen 
Windverhältnissen beim Ankerlichten zuzuschreiben — , die nach dem Fall 
der Führer eingerissene Mutlosigkeit in der Vorhut — der alte Mangel an 
mUitärischer Einsicht und Gefühl, sowie die mangelnde Erziehung zu einer 
FlottendisziplJn * — endlich das Verhalten Tromps. 



286 I^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Es wurde denn auch gegen mehrere Kommandanten der Vorhut die Unter- 
suchung eingeleitet, jedoch nicht ernstlich durchgeführt. Tromp wurde ver- 
abschiedet, allerdings auf sein Gesuch. Man war sich doch klar geworden, 
daß der im übrigen so tüchtige Mann mit Ruyter nicht zusammenwirken 
könne. Da er sich auch sonst oft eigensinnig gezeigt hatte und weil er Oranier 
war, bedauerte die Regienmg seinen Verlust nicht allzusehr. Ruyters Verdienst, 
die Rettung der Flotte vor gänzlicher Vernichtung durch seine Rückzugs- 
gefechte an beiden Tagen, wurde dagegen allgemein anerkannt; sogar 
Ludwig XIV. verlieh ihm einen hohen militärischen Orden. 

Ruyter beschuldigte Tromp, dem er die Hauptschuld der Niederlage 
zuschrieb, schwer. Wie mißlich er die Lage der Flotte angesehen, geht daraus hervor, 
daß er im Gefecht am zweiten Tage ausrief: „Will denn keine der tausend Kugeln mich 
treffen." Auf den Vorschlag seines Schwiegersohnes aber, dem Feinde entgegenzugehen 
und einen ehrenvollen Tod zu suchen, antwortete er, es sei seine erste Pflicht, die Fliehen- 
den zu decken und auch die Schiffe bei ihm dem Vaterlande zu erhalten. Femer sagt 
er in seinem Berichte, am zweiten Tage habe er die völlige Vernichtung der Flotte vor 
Augen gesehen, nur die lauer werdende Verfolgung — wohl die Besorgnis der Engländer 
vor den nahen Sauden — habe eine solche verhindert. 

Er warf nun Tromp vor, durch eigene Schuld sein Zurückbleiben veranlaßt zu 
haben; auch später habe dieser immer noch das Gefecht rechtzeitig abbrechen und 
leicht, da er zu Luward stand, mit seinem so starken Geschwader zur Unterstützung 
herankommen können. Es wurden in Holland selbst Stimmen laut, Tromp habe bös- 
willig aus Eifersucht und Haß gegen Ruyter, ja sogar aus politischen Gründen so ge- 
handelt, da er Oranier, Ruyter dagegen eifriger Anhänger de Witts war. Es ist aber 
anzunehmen, und so auch aus Tromps Rechtfertigungsbericht zu lesen, daß es wieder 
ein Ausfluß seines Ehrgeizes und seines hitzigen Temperamentes gewesen ist: Durch 
die Umstände zuerst zurückgehalten — Windstille beim AnkerUchten, während die 
beiden andern Geschwader leichten Wind hatten und absegelten — , versucht er dann 
ohne Rücksicht auf die Flotte, mögUchst schnell an den Feind zu kommen. Durch den 
ersten Erfolg berauscht, beißt er sich fest, in der Hoffnung, die englische Nachhut gänzHch 
zu vernichten. Er hielt Ruyter für genügend stark an sich (eigener Ausspruch); auch 
seine Unterführer haben später ausgesagt, mit dem Vorgehen ihres Chefs ganz einver- 
standen gewesen zu sein. Sein Hauptfehler war, daß er ohne Befehl und Wissen Ruyters 
gehandelt und daß er nicht rechtzeitig abgebrochen hat. 

Zwar war er ein Gegner Ruyters und Oranier, aber es ist kein Beweis vorhanden^ 
daß es ihm an Vaterlandsliebe selbst bei einer ihm unsympathischen Regierung mangelte. 
Als er nach seiner Verabschiedung ein sehr vorteilhaftes Anerbieten erhielt, in fran- 
zösische Dienste zu treten, lehnte er es ab und zog sich vorläufig ins Privatleben zurück. 

DieEngländer waren nach derSchlachtdieHerren 
d e r S e e und benutzten dies zu einem Unternehmen gegen die Küste. Nach- 
dem sie einige Tage bei Schooneveld-Bank, einem beUebten Ankerplatz der 
Holländer, zu Anker gelegen und von hier aus die feindliche Flotte in den 
Wielingen beobachtet hatten, gingen sie nördlich, brachten Kauffahrer auf 
und alarmierten die Küste. Auf dem Wege erfuhren sie von einem kassierten 
früheren holländischen Kapitän, daß in dem Vlie-Strome, zwischen 
Vlieland und Terschelling, eine große Zahl reichbeladener Kauffahrer von 
nur zwei Kriegsschiffen gedeckt läge und daß wertvolle Magazine des Staates 
und der ostindischen Kompagnie auf genannten beiden Inseln leicht zu zer- 



Die Engländer im Vlie- Strome, August 1666. 287 

stören seien. Kontreadmiral Holmes, uns schon von Westafrika her 
bekannt, wurde am 18. August mit g kleineren Kriegsschiffen, 7 leichten 
Fahrzeugen und 5 Brandem zu einem Angriff auf diese Objekte abgeschickt. 
Holmes legte die beiden schwersten Schiffe vor die Einfahrt, um jedes Ent- 
weichen nach See zu verhindern, ließ durch ein leichtes Schiff Fahrwasser 
und I-age der Dinge erkunden imd ging dann am 19. trotz Gegenwindes und 
schwieriger Navigation auf die Rhede von Terschelling. Hier setzte er mittels 
der Brander die Kriegsschiffe und schwersten Kauffahrer, dmrch seine Boote 
die übrigen Fahrzeuge — in Summe etwa 150 Segel — in Brand. Am nächsten 
Tage landete er auf Terschelling und legte eine größere Stadt mit Magazinen 
sowie verschiedene Ortschaften am Strande in Asche; von einem Unter- 
nehmen gegen Vlieland mußte des Wetters wegen abgesehen werden. Da 
man zu einem zweiten Versuch oder sonstigen weiteren Unternehmungen 
der Gezeiten wegen länger hätte warten müssen und eine dem Auslaufen 
ungünstige Windänderung fürchtete, ging Holmes zu seiner Flotte zurück. 

Es war eine seemannisch geschickt ausgeführte Tat, die mit nur einem Verluste 
von 20 Mann und den verbrauchten Brandem dem Feinde einen Schaden von 12 MiUio- 
nen Gulden zufügte, nach damaligen Verhältnissen einen außerordentlich großen; daß 
man auch die armen Fischerdörfer verbrannte, war grausam aber wohl der Krieg- 
führung der Zeit entsprechend. Aus Rache verbrannten holländische Kriegsschiffe 
einige Tage später verschiedene englische Kauffahrer bei Glückstadt an der Elbe. 

Es ist unverständlich, daß die Holländer nicht wenigstens dem Verluste 
der Schiffe vorgebeugt haben. Wenn sie wirklich die wenigen Kriegsschiffe, 
die zu sicherem Schutz nötig gewesen wären, nicht zur Stelle hatten, so hätten 
sich doch die Kauffahrer zurückziehen können. Der Befehl datzu war gegeben, 
aber nicht auf die Ausführung gedrungen. Hatte die Regierung nicht die 
Macht dazu, oder unterschätzte man die Gefahr, obgleich man doch selbst 
solche Anschläge plante? 

Die englische Flotte kehrte nach diesem Unternehmen in ihre Häfen zurück, 
um auszubessern, auch weil eine ansteckende Krankheit an Bord ausbrach. 

Das Jahr 1666 sollte nichts von Bedeutung mehr bringen, wir können 
die weiteren Ereignisse kurz zusammenfassen.*) Die Holländer hatten zwar 
ihre Flotte schleunigst wieder instandgesetzt, doch war der Gesundheits- 
zustand auf der Flotte schlecht. Am 5. September bereits ging Ruyter 
mit 79 Schiffen und 27 Brandem in See. Seine Aufgabe war : für heim- 
kehrende Fahrzeuge die Küsten freizuhalten, sobald der Zeitpunkt günstig, 
den Feind anzugreifen, vor allem aber sich mit Beaufort zu vereinigen. 

Die Ankunft der französischen Flotte war gerade jetzt als nahe bevor 
stehend in Aussicht gestellt, freilich schwebten immer noch endlose Ver- 
handlimgen, u. a. auch über Etikettenfragen bei und nach der Vereinigung. 
So richtete Ruyter seinen Kurs nach dem Westen. Die Engländer folgten 
ihm von Harwich und Solebay aus; sie waren ebenfalls etwa 100 Segel stark, 
sollen jedoch in nicht besonders gutem Zustande gewesen sein, vor allem 



*) Näheres in den angezogenen Quellen, insbesondere den holländischen. 



288 J^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

fehlten Brander. Der holländische Admiral hielt sich an der französischen 
Küste, teils um Beaufort um so sicherer zu treffen, teils um nicht gezwungen 
zu werden, an der englischen zu fechten. Auf seinem Wege nach Dünkirchen 
sichten sich am 10. September die Flotten, es kommt aber nicht zum Zu- 
sanmienstoß. Beiderseits scheint man ihn vermieden zu haben: Ru3rter 
wollte wohl versuchen, erst die Vereinigung mit den Franzosen herbeizuführen, 
die Engländer manövrierten daraufhin, den Feind von der Küste abzuziehen ; 
außerdem war es stürmisch. M o n c k und Ruprecht wollten auch wohl 
ein Gefecht vermeiden mit Hinblick auf den schlechten Zustand ihrer Flotte 
sowie auf das doch mögliche plötzliche Erscheinen der Franzosen, sie hielten 
vielleicht anderseits ihre bloße Nähe für genügend, eine Vereinigung zu ver- 
hindern, worin ihnen der weitere Verlauf rechtgab. Am 10. und 11. manö- 
vrieren die Flotten in Sicht voneinander; einige Schüsse werden gewechselt, 
ein durch Sturm beschädigtes Schiff fällt den Holländern in die Hände. Am 
II. September abends ankerte Ruyter vor Boulogne, die Engländer gingen 
zu ihren Küsten zurück, wenigstens kamen sie aus Sicht. Ruyter lag mehrere 
Tage vor Boulogne. Er erfuhr hier, daß Beaufort am 13. La Rochelle verlassen 
habe, um nach Brest zu gehen. Den französischerseits geäußerten Wunsch, 
ihm weiter entgegenzugehen, lehnte Ruyter ab, er versprach jedoch, noch 
4 Tage vor Dünkirchen zu warten, und ging am 18. dorthin. Während eines 
dreitägigen schweren Sturmes hier erhielt er Befehl, nach Holland zurück- 
zukehren. Der Grund hierfür war wohl der schlechte Gesundheitszustand, 
auch hatte man vielleicht an maßgebender Stelle die Hoffnung auf die Unter- 
stützung der Franzosen aufgegeben. 

Diese Order wurde aber gleich darauf widerrufen infolge des großen 
Brandes in London; vom 12.— 16. September war fast die ganze City nieder- 
gebrannt. 

Neigung zum Frieden hatte sich schon in England bemerklich gemacht; 
in Holland hoffte man, daß dieses Nationalunglück sie bestärken würde, 
und beschloß deshalb, die Flotte weiter in See zu halten, unl durch drohende 
Unternehmungen noch mehr Druck auszuüben. Ehe aber etwas Derartiges 
unternommen wurde, ging Ruyter nochmals westwärts. Er hatte am 
26. gehört, es habe ein Zusammenstoß zwischen den Engländern und Fran- 
zosen stattgefunden. Tatsächlich hatte ein Teil der englischen Flotte nach 
dem letzten Sturm einige Nachzügler Beauforts überrascht und mehrere 
Schiffe vernichtet. Aber schon am 28., bei stürmischem Wetter westwärts 
aufkreuzend, erhielt Ruyter vom französischen Admiral die Nachricht, er 
sei bei Dieppe gewesen, habe 24 Stunden gewartet, könne wegen der Nähe 
der Engländer nicht weitergehen und kehre nach Brest zmrück. Nun gingen 
die Holländer wieder ostwärts; die Krankheiten hatten sehr zugencnnmen 
und der Admiral selbst mußte sich (3. Oktober) ausschiffen. Van N e s 
führte die Flotte nochmals zur englischen Küste hinüber, am 5. Oktober 
wurden etwa 60 feindliche Segel gesichtet, aber ein Sturm trennte während 
der Nacht die Gegner. Die Flotten gingen in ihre Häfen. Auf beiden Seiten 



Ruyter sucht die Franzosen, Herbst 1666. Das Jahr 1667, 289 

'begnügte man sich damit, den Winterdienst einzurichten, d. h. die Schiffe 
im allgemeinen aufzulegen und nur kleinere Geschwader zur Sicherheit der 
Küsten, zum Decken eigener sowie zum gelegentlichen Abfangen feindlicher 
Kauffahrer in Dienst zu behalten. In Holland wurde der Winterdienst in 
-diesem Jahre in größerem Maßstabe als sonst üblich angesetzt; es war hier 
jetzt die große Schiffahrt freigegeben. Um die Mitte des Oktober begannen 
Friedensunterhandlnngen. Beide Nationen waren des Krieges müde, da er 
ihren Handel und ihre Flotten zugunsten der mächtig aufstrebenden Fran- 
zosen schädigte. 

Der Anstoß zu den Friedensunterhandlungen scheint von England ausgegangen 
zu sein. Als von Holland aus ein ritterliches Anerbieten erging, die Leiche des ge- 
fallenen Vizeadmirab Berkeley feierlich zu bestatten oder nach England überzuführen, 
erfolgte ein Dankschreiben, das Neigung zum Frieden zeigte. Gerade in England hatte 
•das Volk neben den Kriegsfolgen auch schwer unter der Pest und durch den Brand in 
London gelitten. Der König unterschlug femer einen Teil der für den Krieg bestimmten 
Gelder, so daß selbst der Sold der Flottenmannschaften unregelmäßig gezahlt wurde. 
In Holland ging man gern auf Verhandlungen ein, wenn auch hier die Verhältnisse 
günstiger lagen. Bei dem Zutrauen auf die Zuverlässigkeit der Regierung und der 
Kaufleute fanden bisher beide genug Geld; die eine zu Rüstungen, die anderen zum 
"überstehen der schweren Zeit. 

Das Jahr 1667. Ruyter in der Themse. Friedensschluß. Die Friedens- 
Unterhandlungen kamen nicht weiter, obgleich Schweden die Vermittlung 
übernahm und zum Mai 1667 Gesandte Englands, Hollands, Frankreichs, 
Dänemarks und Schwedens zu einem Friedenskongreß in Breda 
ziisammenberufen wurden. Karl II. stellte zu hohe Anforderungen, weil 
er ganz bei denen blieb, durch die er den Krieg heraufbeschworen hatte. 
Er haßte Holland zu sehr und hoffte, daß die immer mehr hervortretenden 
Absichten Ludwigs XIV. bald zu einem Bruche zwischen Frankreich und Hol-' 
land führen würden und er dann seine Forderungen durchdrücken könne. 
Ludwig XIV. wirkte auch gegen den Frieden. Er hatte tatsächlich für 
den Sommer dieses Jahres den Angriff auf die spanischen Niederlande geplant, 
und deshalb mußte es ihm willkommen sein, wenn Holland weiter ander- 
wärts beschäftigt blieb. 

Er eröffnete im Mai 1 667 den sogenannten Devolutionskrieg (vgl. 
Seite 250) durch den Einbruch eines Heeres von 50 000 Mann unter Turenne in Flandern 
und den Hennegau. Obgleich er in einem neuen Vertrage mit Holland wieder versprach, 
ihm seine Flotte zu stellen, bot er doch schon am folgenden Tage Karl II. Geld und 
Truppen zum Umsturz der englischen Verfassung — Abschaffung des Parlaments — an, 
wenn sich dieser verpflichtete, der Einverleibung der spanischen Niederlande nichts in 
den Weg zu legen. 

Er riet deshalb de Witt, noch einen kräftigen Stoß gegen England zu 
unternehmen, und versprach aufs neue die Mitwirkung seiner ganzen Flotte. 
Der Ratspensionär de Witt ging darauf ein, da die Verhandlungen doch nicht 
weiter kamen. Dieser kluge und stets gut unterrichtete Staatsmann wußte, daß 
England schwächer sein würde als bisher, weil Karl II. in noch größerem 
Maße als früher die für den Krieg bewilligten Gelder für seine Zwecke ver- 

Rittmeyer, Seekriege. ^9 



200 I^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

wendete. Somit hielt er es für möglich, nötigenfalls auch ohne französische 
Hilfe, durch einen großen plötzlichen Erfolg günstigere Friedensbedingungen 
zu erreichen. 

DerkleineKrieg war fortgeführt worden. Während des Winters hatten 
Zusammenstöße kleinerer Flottenabteilungen im Kanal imd der Nordsee 
stattgefunden. In Westindien hatten die Holländer sogar größere 
Erfolge errungen; sie hatten den Engländern die Niederlassung in 
Surinam abgenommen und auch sonst sie empfindlich geschädigt. In 
jenen Gewässern waren sie gemeinsam mit den Franzosen vorgegangen, die 
sich auch in Besitz verschiedener englischer Inseln gesetzt hatten. Als nun 
am 5. Mai ein neuer Vertrag mit Frankreich abgeschlossen war, beschloß 
man in Holland ein Unternehmen gegen die Themse. Ein am 4. Juni auf 
dem Kongreß zu Breda seitens Englands geforderter Waffenstillstand wurde 
abgelehnt und Ruyters Angriff auf die Themse ins Werk gesetzt. Die Ver- 
hältnisse lagen für Holland sehr günstig. Man hatte hier den Winter über 
die Rüstungen trotz der Friedensunterhandlungen, ja gerade um diese zu 
fördern, nüt großem Eifer betrieben. Für das Jahr 1667 war die Aufstellung 
einer noch größeren Flotte als in den Vorjahren beschlossen. Es sollten 
88 Kriegsschiffe — darunter wieder 16 auf Kosten der ostindischen Kom- 
pagnie — , 12 Fregatten, 24 Brander und zahlreiche kleinere Fahrzeuge in 
Dienst gestellt und 18 Kriegsschiffe für Ausfälle nach Gefechten bereit ge- 
halten werden; die Mannschaften des Jahres 1666 waren in Dienst behalten. 

In England dagegen war die Lage anders; de Witt war richtig unter- 
richtet gewesen. Wenn Kar III. im Gegensatz zu seinem Volke nicht ernstlich an 
Frieden dachte oder doch seine Forderungen durchsetzen wollte, so hätte 
gerade er die Flotte auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit halten müssen. 
Statt dessen hatte er sich einen Plan zurechtgelegt, der ihm zu seinem be- 
ständigen Geldmangel paßte : Er wollte nur einen Kreuzerkrieg 
führen, und von einer Verwendung der Schlachtflotte ganz absehen. 

Der Standpunktdes Königs — vom Lordkanzler und Lordschatzmeister 
unterstützt, dagegen von York und wohl auch von Monck hart angegriffen — war: da der 
Handel eine Lebensbedingung Hollands sei, da die Versorgung seiner Marine von diesem 
Handel abhinge und da, wie die Erfahrung gelehrt, nichts das Volk mehr erbittert hatte, 
als die Schädigung des Handels, so würde man sich englischerseits auf den Kreuzerkrieg 
beschränken können. Die Holländer würden durch diesen wirksam genug gedemütigt 
werden, während England nicht wie bisher durch die Ausrüstung großer Flotten 
erschöpft würde. Da der Gedanke, nur einen Kreuzerzug zu führen, zu allen Zeiten 
seine Vertreter gefunden hat, werde ich bei den strategischen Betrachtungen am Schluß 
des Krieges darauf zurückkommen, nachdem wir die Folgen der Maßnahmen England» 
kennen gelernt haben. 

Infolge dieses Beschlusses blieben nun auch mit dem Eintritt des Früh- 
jahrs die meisten Schiffe und darunter gerade die schwersten aufgelegt, und 
es wurden für den Sommerdienst nur schwache Geschwader kleinerer Schlacht- 
schiffe und leichterer Fahrzeuge in Dienst gestellt. Sonst waren natürlich 
Hollands Rüstungen in England wohl bekannt sowie auch, daß man dort 



1667. England führt Kreuzerkrieg, Holland greift die Themse an. 201 

etwas gegen einen der größeren Häfen plane. Es wurde deshalb schon im 
März der Befehl gegeben, die Befestigungen von Portsmouth und Harwich, 
namentlich aber die an den wichtigsten Stellen der Themse, zu verstärken, 
hier die außer Dienst gestellten Schiffe soweit wie möglich den Fluß hinauf- 
zuführen, Vorbereitungen zum Sperren des Fahrwassers zu treffen und ge- 
nügend Brander bereit zu halten. Der König imd der Herzog von York hatten 
die notwendigen Maßregeln in der Themse persönhch an Ort und Stelle an- 
geordnet. Zu aUen diesen Arbeiten war Zeit genug. Zwar scheint de Witts 
Plan schon viel früher fertig gewesen zu sein, der Vertrag mit Ludwig XIV. 
sich schon im besonderen auf einen Angriff der Themse bezogen zu haben, 
aber man war noch nicht bereit. Ein lang andauernder, im Mai noch einmal 
einsetzender harter Winter hatte die Mobilmachung verzögert. Obgleich 
also der Angriff nicht unerwartet kam, Weiren doch die Vorbereitungen zur 
Verteidigung in England arg vernachlässigt. Albemarle, der bei Chatham kom- 
mandierte, als der Angriff erfolgte, beklagte sich später bitter darüber, daß 
die Anordnungen durchgängig nur lässig oder gar nicht ausgeführt seien. 

Nach englischen QueUen sollen zu dieser Vernachlässigung besonders zwei Um- 
stände Anlaß gegeben haben: die Holländer hätten in den Friedensverhandlungen erklärt, 
sie rüsteten schon ab, und die Aufmerksamkeit der Engländer sei durch eine andere 
Diversion von der größeren Expedition abgezogen. Im April unternahm nämlich der 
Leutnantadmiral van Ghent, von der Begleitung eines Konvois bis zum Norden 
Schottlands zurückkehrend, einen Vorstoß gegenLeith, um die dort liegenden 
Schiffe, besonders Freibeuter, zu zerstören ; es wurden dabei nur einige wertlose Prisen 
gemacht und Bumtisland ohne größeren Erfolg bombardiert. 

Diese Gründe können jedoch eine derartige Sorglosigkeit nicht entschuldigen, man 
wird sowohl gewußt haben, daß Holland weiter rüstete, als auch daß Ghents Geschwader 
keineswegs die ganze Streitmacht des Feindes war. Die Nachlässigkeit ist wohl der 
seit Karls Thronbesteigung einreißenden Oberflächlichkeit im Dienstbetriebe zuzu- 
schreiben ; selbst der Herzog von York, der sonst Interesse und Verständnis für Marine- 
fragen hatte, soll seinen Dienst etwas oberflächlich getan haben. 

De Witt war auch hierüber wieder gut unterrichtet und beeilte mit 
Ruyters Unterstützung die Abfahrt der Expedition, obgleich die ganze Streit- 
macht der Niederlande noch nicht versammelt war. Das ganze bedeutende 
Kontingent Seelands und auch der größere Teil von dem Frieslands fehlte, 
sie waren noch nicht fertig. Uneinigkeiten zwischen den Provinzen, das 
Parteiwesen in der Republik, Trotz gegen de Witts Machtstellung, waren 
daran schuld. Seeland war wie die Landprovinzen des Seekrieges müde; 
als Gründe wurden angegeben- Mangel an Geld und Leuten, die Gefahr des 
Vordringens der Franzosen usw. 

So bestand Ruyters Flotte nur aus 64 Kriegsschiffen zu 32 — 84 
Kanonen, 20 kleineren Fahrzeugen, 15 Brandem mit 3330 Kanonen und 
17 416 Mann,*) hinzutraten einige Transporter mit Landsoldaten; Vor- und 
Nachhut führten die Leutnantadmirale' van Ghent (Amsterdam), van Nes 



♦) Nähere Angaben de Jonge, Teü I, Beüage XXXVI und „Leben Ruyt' 
Seite 423. 



ers" 



19» 



292 I^er zweite englisch-hoUändische Krieg 1665 — 1667. 

(Maas). Für Einschiffung zahlreicher Lotsen, die die Themse kannten, war 
gesorgt, 2 oder 3 Engländer befanden sich darunter; bei den Unternehmungen 
gegen die Themse in den beiden Vorjahren waren Lotungen vorgenommen 
und auch sonst hatte man sich nach MögUchkeit Kenntnis des Fahrwassers 
verschafft. 

RuytersOrder war : Soweit wie möglich die Themse hinauf zugehen ; 
Schiffe, Magazine, Befestigungen zu zerstören und dem Feinde in jeder Be- 
ziehung Abbruch zu tun ; die Art der Ausführung war dem eigenen Ermessen 
anheimgestellt. Als Deputierter der Generalstaaten befand sich nur 
CornelisdeWitt, Bruder des Ratspensionärs, für die Provinz Holland 
an Bord; Friesland und Seeland hatten keinen Vertreter gestellt, scheinbar 
zur größten Zufriedenheit des leitenden Staatsmannes. Die Flotte ging 
am 13. Juni von Schooneveld, wo sie noch einige Tage auf das Kontingent 
Seelands gewartet hatte, in See, ritt am 15. vor der Themse einen Südwest- 
Sturm ab und lief am 17. in den Kings-channel ein. 

Am 18. Juni gab R u y t e r die hier kurz mitgeteilte Disposition 
aus: „Die Hauptflotte bleibt vor der Themsemündung als Rückhalt liegen. 
Eine Flottenabteüung geht den Fluß hinauf und vernichtet die bei Gravesend 
und Tübury (the Hope) liegenden Schiffe — etwa 20 Westindienfahrer unter 
Bedeckung von 10 — 12 Kriegsschiffen zu 30 — 40 Kanonen — . Dann kommt 
sie zurück, geht in den Medway, nimmt Sheerness und zerstört die Schiffe 
und Arsenale in diesem Nebenfluß." Die zu detachierende Abteilung 
wurde van Ghent, unter ihm Vizeadmiral de Liefde, unterstellt imd 
bestand aus: 2 Schiffen zu 60, 6 zu 50, 4 zu 40 — 45, 5 zu 32 — 36 Kanonen; 
5 Advisj achten sowie fast allen kleinen Fahrzeugen und Brandem. Die Lan- 
dungstruppen wurden auf die Kriegsschiffe verteilt, leider waren mehrere 
Transporter während des Sturmes von der Flotte abgekommen; C. de Witt 
schloß sich der Expedition an. Der erste Teü der Aufgabe gelang infolge 
ungünstiger Windverhältnisse nicht, der zweite und Hauptteü aber, die 
Forcier ung des Medway, wurde ein großer Erfolg.*) 

Früh morgens am 19. Juni ging Ghent mit der Flut stromauf, kam 
jedoch wegen ungünstigen und dabei flauen Windes und wegen der später einsetzenden 
Ebbe nur bis etwa zwischen Leigh und Gravesend und mußte hier ankern ; die englischen 
Schiffe gewannen hierdurch Zeit, sich noch weiter stromaufwärts in Sicherheit zu bringen. 
R u y t e r war mit der Flotte bis zum Mittelgrunde gegangen ; er detachierte Schiffe in 
alle Fahrwasser und bestimmte noch 10 größere Schiffe zur Unterstützung für das 
Unternehmen gegen den Medway. 

Am 20. morgens kam Ghent von dem verfehlten Unternehmen zurück und wandte 
sich gegen Sheerness. Drei Schiffe bombardierten das Fort, 800 Mann unter Oberst 
D o 1 1 m a n , einem englischen Republikaner, landeten. Ein ernster Widerstand wurde 
bei dem schlechten Zustande der Befestigung nicht geleistet, die Besatzung zog ab und 

♦) Wir besitzen zahlreiche Beschreibungen dieses Unternehmens in den älteren 
Quellen und neueren Werken, die in Clowes, Teil II, Seite 293, aufgeführt sind. Ich 
habe von diesen bei meiner Schilderung dieselben wie zu den vorhergehenden Schlachten 
benutzt. Man findet wieder in Clowes, de Jonge und „Ruyters Leben" eine genaue 
Schilderung, im „Vie de Tromp" die Berichte usw. 



Ruyter in der Themse, 17. — 23. Juni 1667. 293 

"besetzte später eine Schanze bei Gillingham ; auch ein kleines Kriegsschiff und 2 Brander, 
die bei Sheemess gelegen, hatten Anker gekappt und waren den Medway hinaufgegangen. 
Die Holländer machten die Geschütze und die Befestigung unbrauchbar und räumten 
oder zerstörten die Magazine; sie glaubten aber die Stelluag mit ihrer geringen Zahl 
Soldaten nicht halten zu können. An demselben Tage wurde auch noch das Fahrwasser 
des Medway durch leichte Schiffe ausgelotet. 

Das Erscheinen der Holländer in der Themse und die Einnahme von Sheemess 
hatten London natürUch in größte Aufregung versetzt. M o n c k eilte mit Truppen 
nach Chat ham, woer, wie schon gesagt, wenig gemacht fand. Er tat nun sein mög- 
lichstes, eine feste Stellung zu schaffen, obgleich er kaum Arbeitskräfte bekam, die 



Ruyter im Medway, 20. — 23. Juni 1667. 

halbe Bevölkerung, selbst ein Teil der Arsenalbeamten, war geflohen. Er ließ eine schon 
längst vorbereitete, aber nicht in Gebrauch genommene Sperrkette oberhalb Gillingham 
liehen, deckte sie durch zwei kleine Batterien und legte ein Kriegsschiff, die „Unity", 
davor. Sodann verstärkte er die Befestigungen von Upnor-Castle und verankerte die 
vorhandenen schweren Schiffe, etwa 17, oberhalb der Kette auf dem ganzen Revier 
in Verteidigungsstellung; auch ordnete er das Versenken von Schiffen an, was aber in 
der Eile weder durchweg noch richtig ausgeführt wurde, wie es auch nicht mehr möglich 
war, frühere Unterlassungssünden noch gut zu machen, z. B. die Verstärkung der un- 
genügenden Armierung der Batterien, 

Am 21, Juni unternahmen die Holländer noch nichts. Der Grund bierfür ist 
nirgend zu ersehen. Vielleicht geschah es, um Ruyter abzuwarten, der auf ausdrück- 
Uchen Wunsch C, de WHts weiter stromauf segelte und schheßlich mit einigen seiner 
Schiffe bis Queenborough kam. Am 22. Juni 7 Uhr segelte G h e n t den Medway 



294 ^^ zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

hinauf. Die Spitze der Vorhut, geführt vom Kapitän Tobias, begann ein Feuergefecht 
mit der befestigten Stellung an der Kette, das jedoch nicht recht vorwärts kommen 
wollte. Da erbot sich Kapitän van Brakel, mit dem Schiff „Vrede*' und 2 Brandem 
vorzugehen. Er enterte die „Unity", und der eine Brander sprengte die Kette. Ver- 
schiedene kleine Schiffe und Brander segelten nun durch; Brakel bestieg ein kleineres 
Fahrzeug, enterte das nächste große englische Schiff und brachte dann, auf sein Schiff 
zurückgekehrt, die kleinen Kettenbatterien zum Schweigen. 

Mittlerweile kommen immer mehr Holländer unter Ghents und Liefdes persönlicher 
Führung heran. Mit Schiffen und Fahrzeugen, mit ausgesetzten Booten wird die erste 
englische Stellung genommen; die Batterien am Lande werden durch Landungsabtei- 
lungen zerstört, von 5 großen hier postierten Schlachtschiffen werden 4 verbrannt, 
der „Royal Charles" (100 Kanonen) wird genommen. Dieses stolze englische Schiff 
wurde als Trophäe nach Holland geführt; Monck hatte angeordnet, es weiter stromauf 
zu bringen, aus Nachlässigkeit oder Mangel an Hilfsmitteln war dies aber nicht geschehen. 
Der Kampf, zu dessen Ausläufern auch Ruyter auf einem kleinen Fahrzeuge heran- 
gekommen war, wurde abends abgebrochen, weil bei fallendem Wasser viele Holländer 
festkamen. Die Szene auf deifi Kampfplatz wird als furchtbar geschildert: „Der Fluß 
voll von fahrenden Schiffen, Booten und brennenden Trümmern; ununterbrochenes 
Geschütz- und Gewehrfeuer, und doch übertönt vom Klagen der Verwundeten ; Trom- 
petengeschmetter, Trommelschlag und Hurraruf der Holländer nach jedem Erfolge; 
über allem dunkler Pulverrauch und erleuchtet von den Flammen und dem Blitzen 
der Feuerwaffen." Am 23. Juni wurde das Vemichtungswerk fortgesetzt. Mit 4 Schlacht- 
schiffen, einigen Jachten und den Brandem wurden die drei bei Upnor liegenden Eng- 
länder angegriffen. Die Befestigungen hier unter Major Scott und die gegenüber- 
liegenden unter Vizeadmiral S p r a g g e , der in Sheerness kommandiert hatte, kämpften 
tapfer, konnten aber das Verbrennen der Schiffe durch Brander und Boote nicht hindern ; 
Ruyter und die anderen Admirale leiteten von Booten aus das Gefecht, an dem sich 
in dem engen Gewässer von größeren Schiffen ja nur wenige beteiligen konnten. 

Mit diesem Erfolge begnügten sich die Holländer, sie hielten es nicht für rat- 
sam, den Fluß noch weiter hinaufzugehen. Das Fahrwasser wurde immer enger und 
schwieriger, Schiffe waren versenkt und der Fluß an beiden Seiten mit Batterien und 
Truppen besetzt, die Brander bis auf zwei verbraucht. So waren die übrigen englischen 
Schiffe und die Arsenale bei Chatham gerettet. 

Immerhin hatte man 2 Schiffe genommen und 6 oder 7 verbrannt, fast alle diese 
waren bisherige Admiralschif fe ; die Engländer selbst hatten außerdem einige versenkt. 
Erinnert muß daran werden, daß die Schiffe im Medway nur halb aurmiert und bemannt, 
einige sogar ganz aufgelegt waren; man hatte diese mit Soldaten besetzt. Auch der 
Mannschaftsverlust der Engländer muß bedeutend gewesen sein, während die Holländer 
nur etwa 150 Tote und Verwundete hatten. 

Am 24. Juni ging die holländische Flotte in die Themse zurück. 

Als die holländische Flotte nach der Durchführung dieses Unternehmens 
am 24. Jimi wieder auf der Themse selbst und in der Mündung des Medway 
lag, wurde sie verstärkt durch einige friesische Schiffe und durch einen Teil 
des seeländer Kontingents unter Leutnantadmiral Bankers, so daß sie nun 
gegen 80 Kriegsschiffe stark und auch wieder im Besitz einiger Brander war. 
Hiervon wurde gleich ein Geschwader unter Ghent nach dem Norden Schott- 
lands detachiert, um heimkehrende Indienfahrer zu begleiten. Ruyter 
büeb mit dem Gros noch einige Tage liegen, ging dann aber auch stromab- 
wärts, imi sich nicht Branderangriffen in dem engen Revier auszusetzen, 
und übernahm eine strenge Blockade der Themse. Er selbst lag 



Ruyter in und vor der Themse» Sommer 1667. 295 

vor dem Fluß, ein Geschwader kreuzte zwischen Harwich und den Hoofden, 
«in anderes zwischen Harwich und der Themse. 

Das Erscheinen in der Themse imd die Waffentat im Medway waren von 
-der größten moralischen Wirkung in England, selbst aus London waren 
Einwohner geflohen; von dieser Zeit soll sich die zuweilen übertrieben auf- 
tretende Furcht eines Angriffs auf London herschreiben. Die zxmehmende 
Neigung zum Frieden zeigte sich sofort in den Verhandlungen zu Breda, 
<iie Blockade der Themse trug weiter dazu bei. Diese war so wirkungsvoll, 
daß die Preise von Kohlen und anderen Materialien in London bis auf das 
Zehnfache des sonst übUchen Satzes stiegen. Die Generalstaaten begnügten 
sich jedoch damit nicht, sondern ordneten weitere Untemehmtmgen an, 
um immer mehr Druck zur Beschletmigung der Friedensunterhandlungen 
auszuüben. Vielleicht hoffte man auch immer noch auf eine wirkhche Unter- 
stützimg durch die Franzosen; wäre sie erfolgt, so würde England wohl 
aufs tiefste gedemütigt worden sein. Aber die französische Flotte lag ruhig 
in Brest und die jetzt noch bis zum Friedensschluß von den Holländern 
ins Werk gesetzten weiteren Unternehmungen hatten keine anderen Erfolge 
als die fortgesetzte Blockade der Themse und die Alarmierung der englischen 
Küste; sie seien deshalb nur kurz erwähnt. Ruyter erhielt d6n Befehl, 
nochmals in die Themse einzudringen. Er verfuhr ähnüch wie 
früher und kam mit einem Geschwader leichter Schiffe an der Spitze am 
6. Juli bis unterhalb Gravesend. Hier hörte er von auslaufenden flämischen 
Schiffen, daß in Woolwich eine größere Zahl Kriegsschiffe und 15 Brander 
bereit lägen, daß das Fahrwasser bis auf eine schmale Rinne gesperrt 
sei — für größere Schiffe nur im Schlepp zu passieren — und daß die 
Ufer bei Gravesend mit starken Batterien und zahlreichen Truppen be- 
setzt wären. 

Bemerkenswert ist, daß diese flämischen Schiffe Truppen abgeholt hatten, die 
für Spanien geworben waren, obgleich sich England in einer so traurigen Lage befand 
und obgleich Karl II. doch, wie wir erwähnt, mit Ludwig XIV. in Unterhandlung 
zuungunsten Spaniens stand. 

Der Admiral gab deshalb diesen Plan auf und ging wieder vor die Themse 
zurück. Er beabsichtigte nun, Harwich und die dort liegenden Schiffe 
zu Wasser und zu Lande anzugreifen; seit kurzem hatte er eine Ver- 
stärkung von 8 Kompagnien zu Landungsuntemehmungen erhalten. Aber 
auch dieser Anschlag am 12. Juli mißglückte. Eine Flottenabteilung war 
bestimmt, das die Stadt deckende Fort zu bombardieren, eine zweite, in 
den Hafen einzudringen; beide erreichten ihren Zweck nicht. Infolge un- 
günstiger Windverhältnisse tmd ungenügender Kenntnis des außerdem 
gesperrten Fahrwassers konnte die eine nicht nahe genug heran, die andere 
nicht hinein. Da so der Landangriff nicht von der Flotte unterstützt werden 
konnte, wurde er zweimal abgeschlagen und die gelandeten Truppen, gegen 
2000 Mann, wurden dann von englischen Entsatztruppen zur Einschiffung 
gezwungen; alles ging nicht ohne beträchtliche Verluste ab. 



296 Der zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

R u y t e r teilte nun auf Befehl seine Flotte. Ein Geschwader 
untervanNes setzte die Blockade der Themse fort. Auch dieses unter- 
nahm nochmals einen Vorstoß in die Themse. Am 2. August ging 
van Nes wieder bis Gravesend und fand dort Schiffe unter S p r a g g e vor. 
Beim Angriff wichen sie zurück ; es wurde ein Hauptkampf nur von Brandem 
ausgefochten, deren die Engländer 11, die Holländer 6 oder 7 verloren; die 
Befestigungen setzten dann dem Vordringen ein Ziel. Die Holländer gingen 
bis zum Nore zurück und nahmen hier eine Kampfaufstellung zu Anker ein.; 
Spragge folgte, ohne sich in ein ernstliches Gefecht einzulassen. Der hol- 
ländische Admiral hielt es aber doch für geboten, die Themse ganz zu ver- 
lassen, als am 5. August etwa 20 Schiffe von Harwich aus zu Spragge stießen 
und er ernstlich angegriffen wurde; das holländische Geschwader würde 
an diesem Tage in großer Gefahr gewesen sein, wenn die verschiedenen eng- 
lischen AbteUungen von der Themse, Harwich und dem Medway aus ein- 
mütiger operiert und wenn besonders die Brander ihre Pflicht besser getan 
hätten. Van Nes vollführte seinen Rückzug durch das enge Fahrwasser 
müitärisch und namentlich seemännisch bei Gegenwind musterhaft; es ist 
dieses jener Fall, der früher bereits als ein Meisterstück holländischer See- 
mannschaft erwähnt wurde (vgl. Seite 263). Die Blockade der Themse blieb 
dann ohne weitere Zwischenfälle bis zur Ratifizierung des Friedens in Kraft. 

Ruyter führte den Rest der Flotte. Seine Aufgabe war, 
durch Beunruhigung der feindlichen Küste einen Druck 
auszuüben und zu versuchen, verschiedene starke Konvois abzufangen, deren 
Rückkehr man erfahren hatte. Er kreuzte ständig im Kanal, namentlich 
im Westen und bei den Scillys. Erkundungsfahrten wurden bis dicht vor 
die Häfen von Portsmouth, Dartmouth, Torbay, Plymouth und Foway 
(Comwall) vorgenommen; auf einer der Scillys wurde gelandet, aber nur 
um Vieh wegzunehmen. Nach den alten Quellen scheinen diese Erkundungen 
nur den Zweck gehabt zu haben, eine Vereinigung der englischen Seestreit- 
kräfte zu hindern und die Konvois zu suchen; von diesen hörte man immer 
wieder, ohne sie jedoch auf See anzutreffen. Am 8. August erfuhr Ru3^er 
vor Plymouth durch einen Parlamentär den Friedensschluß, am 13. erhielt 
er dienstlich die Bestätigung und am 31. die Nachricht von der Ratifizierung. 
Da jedoch nach den Bedingungen der Frieden erst am 5. September in Nordsee 
und Kanal, im Atlantik bis zum Kap Vincent gar erst am 5. Oktober (von 
dort bis zur Linie am 2. November, auf der ganzen Erde am 24. April 1668) 
in Kraft trat, hatte er Befehl, bis zu diesem letzten Termin am Eingange des 
Kanals zu kreuzen. Wegen schlechten Wetters und Krankheit an Bord hielt 
er sich aber bald den heimischen Häfen näher und Uef am 10. Oktober ein. 

Der Frieden zu Breda, 21. Juü 1667 geschlossen und am 24. August 
ratifiziert, ist für das siegreiche Holland kaum ein günstiger zu nennen : Eng- 
land behielt die genommene Kolonie Neuniederland (Neuyork), Holland 
bekam das englische Surinam, obgleich es kurze Zeit nach der holländischen 
Besetzung durch englische Schiffe zurückerobert war. Holland mußte aber 



Frieden zu Breda 1667. Bemerkenswertes zum Kriege. 207 

das „Flaggenrecht" weiter anerkennen (vgl. Seite 229 und Seite 189, 191). 
Nur mit Beziehung auf die Navigationsakte erlangte Holland einen wesent- 
lichen Vorteil: das Verbot, mit seinen Schiffen keine außerholländischen 
AVaren einzuführen, sollte nicht mehr für deutsche Produkte gelten, die 
Holland auf der Achse oder auf dem Rhein bezogen hatte. Dieser materielle 
Vorteil tröstete wohl manche in dem ideellen Schmerz über das Flaggenrecht. 
In dem Frieden mit Frankreich gab dieses an England die genommenen 
westindischen Inseln zurück, dagegen wurde seine Oberhoheit in Acadia 
(vgl. Seite 85 und Seite 89) anerkannt. 

Bemerkenswertes beim zweiten Kriege. Bei der Betrachtung der Streit- 
mittel ist gezeigt worden (Seite 254 ff.), daß die Marinen der Gegner große 
Fortschritte seit dem ersten Kriege gemacht hatten. Kauffahrer wurden nur 
noch in ganz geringem Maße verwendet, die Schiffe waren leistungsfähiger 
und gleichmäßiger und das Personal besser geworden. Besonders hatte 
Holland in diesen Hinsichten Fortschritte gemacht, ohne indes England 
zu erreichen. 

Beim Manövrieren vor und während der Schlachten um die Luvstellung, 
besonders aber wenn sie nach günstig verlaufenen Gefechten verfolgen wollen, 
sind die Holländer im Nachteil; auch der oft hervortretende Mangel an Ordnung 
in ihrer Flotte ist zum Teil eine Folge der schlechteren Schiffe. Die Überlegenheit 
der englischen Artillerie tritt weniger zutage; öfters können die Engländer 
ihre schwerste Batterie nicht gebrauchen, da deren Pforten noch zu nahe über 
Wasser liegen; einige Male jedoch leiden die Holländer mehr durch die weiter- 
tragenden und stärkeren Kaliber des Feindes. Eine weit größere Rolle spielt 
die Schwäche des holländischen Personals. Der Mangel an Subordination, an 
militärischer Treue, Einsicht und Erziehung bei den Kommandanten und Dienst- 
graden zeitigt die schlimmsten Folgen : In bedrängter Lage, bei außergewöhn- 
lichen Vorfällen verlieren selbst Führer von Flaggschiffen den Kopf, manövrieren 
falsch, ja fliehen sogar; die sonst mutigen Taten Tromps sind doch auch Zeichen 
fehlender Disziplin. Die Unordnung in den Gefechtslinien ist vor allem der 
mangelnden Einsicht, zuweüen sogar dem bösen Willen der Schiffsführer 
zuzuschreiben. 

Wie weit diese Vorwürfe auch die Mannschaft treffen, ist nicht sicher festzustellen. 
Doch erzählt z. B. eineQuelle („Leben Ruyters**, Seite 394): Als Rujrter nach der Schlacht 
von Northforeland und den beiden heftigen Rückzugsgefechten auf seinem Schiffe die 
Verluste feststeUte, fand man nur 38 Tote und 30 Schwerverwundete bei rund 500 
Mann Besatzung. Während des Gefechts waren ihm weit größere Verluste gemeldet, 
weil „in der Hitze des Kampfes und während der größten Not viele sich hier und da ver- 
stecket und aus großer Angst weggekrochen waren, die nun, durch den Hunger getrieben, 
wieder hervorkamen". Und dies war Ruyters Schiff! 

Wo R u y t e r in Person war, war das Verhalten des Personals schon besser 
und wenn es sich später weiter hob, so ist dies seinem Einflüsse zu verdanken. Es 
wird mehrfach hervorgehoben, daß er jede Gelegenheit benutzte, belehrend und 
ermahnend auf seine Untergebenen einzuwirken. In den englischen Flotten 
konunen Verstöße ähnhcher Art um diese Zeit noch nicht vor. Daß in Eng- 



298 I^r zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

land unter der neuen Regierung die Cromwellsche Zucht xmd Pflichttreue 
schwindet, bemerken wir zuerst bei den Behörden am Lande : die Ausrüstung 
der Flotten läßt mehrfach zu wünschen übrig; im Jahre 1667 sind die Befehle 
zur Sichenmg der Küsten nur nachlässig ausgeführt worden. Bei beiden spielte 
allerdings wohl auch der Geldmangel mit. 

Bei der Besprechimg der Streitmittel ist femer auf den Fortschritt in 
der Taktik hingewiesen; die Schlachten zeigen dies deutlich. Die „Kiel- 
linie beim Winde" ist die Normalgefechtsformation geworden; wir finden sie 
in allen Gefechten auf beiden Seiten. Zwar gilt noch immer die Luvstellung 
als die unbedingt vorteilhaftere, aber es wrd doch fast ebensoviel Wert darauf 
gelegt, in guter, enggeschlossener Linie an den Feind zu kommen und diese 
dauernd zu erhalten; beide Flotten sehen gelegentlich ganz davon ab, die 
LuvsteUtmg zu gewinnen. 

Besonders bei den Engländern wird auf die Erhaltung der Formation 
gesehen, ihre Gefechtsinstruktionen zielen gerade hierauf hin. Ihre Kiellinie 
scheint auch schon gut aus Einzelschiffen gebildet zu sein. Wenn bei ihnen 
am ersten Tage der Viertageschlacht die Schiffe der Nachhut nicht so eng 
auf- und in sich geschlossen waren, so war dies bei der großen Zahl der Schiffe 
erklärlich. Das Verbessern der Entfernungen der Fahrzeuge voneinander 
muß bei einer so langen Linie von Segelschiffen leicht zum Lockern in der 
Nachhut führen, ganz abgesehen davon, daß um diese Zeit das Schiffsmaterial 
nicht so gleichmäßig war wie später. 

Das vorzügliche Festhalten der Ordnung hat sicher zu den Erfolgen der 
Engländer — sei es zum Siege, sei es zu nachhaltendem Widerstände ^gegen 
Übermacht — in erster Linie beigetragen. Die Holländer waren auch hierin 
noch nicht so weit; oft standen Schiffe in Lee der Gefechtslinie oder segelten 
in mehreren Linien nebeneinander und hinderten sich so gegenseitig im Feuer 
oder trieben auch im Gefecht zusammen. 

Zwei Erklärungen für die oftmalige mangelhafte Ordnxmg sind bereits 
gegeben worden: die mindere Güte der Schiffe, die Schwächen der Schiffs- 
führer. Die holländische Flotte wurde aber auch weniger daraufhin angeleitet. 
Die englische Gefechtsinstruktion verlangte von den Schiffen „Liniehalten 
mit dem Flottenchef" imd hatte stets die „Verwendung der ganzen Flotte" 
im Auge. Die holländischen Vorschriften weisen mehr auf das „Zusammen- 
halten der Unterabteilungen miter sich" hin und seherl noch die „Verwendung 
der einzelnen Geschwader" im Gefecht vor. Die holländischen Schiffe hielten 
sich unter diesen Umständen zu ihrem nächsten Vorgesetzten, und dies führte 
— besonders bei der Anwesenheit so vieler Flaggoffiziere — unwillkürlich zur 
Büdung von Gruppen wie früher; in diesen war man geneigt, die Richtung 
in der ganzen Flotte außer acht zu lassen, im Gefecht eigenmächtiger zu handeln, 
ja sogar bei Ausfall des Gruppenführers den Kampf ganz zu verlassen. Der 
Gruppenkampf lag den Holländern scheinbar noch näher. Wir finden in den 
Schlachten einige kennzeichnende Fälle für die verschiedene Auffassung der 
Pflichten der Unterabteilungen gegenüber der Flottenleitung: Am 4. August 



Fortschritte in der Taktik. Die Kiellinie beim Winde. 



299 



1666 schlägt die englische Vorhut die holländische aus dem Felde, folgt ihr 
aber nicht, sondern bleibt beim Flottenchef und greift in dessen Kampf ein. 
Demgegenüber steht das eigenmächtige Verhalten Tromps an demselben Tage 
und am 12. Juni 1666 tmd ebenso auch der Fall des Admirals van Nes am 14. Juni 
1666, wo er mit 14 Schiffen 4 englische Fahrzeuge abdrängt imd verfolgt imd 
so seine Hauptflotte sehr schwächt. 

Die vorzügliche Ordnung der Engländer l>ei Lowestoft habe ich schon erwähnt. 
Der Franzose de Guiche, KriegsfreiwiUiger bei Ruyter an Bord, sagt über die Viertage- 
schJacht: „Man konnte nichts Schöneres sehen, ala die prachtvolle Ordnung der Eng- 
länder auf See. Niemals gab es eine geradere Linie, als die von ihren Schiffen gebildete. 
So vereinigen sie ihr gesamtes Feuer auf jeden, der sich ihnen nähert. Sie fechten wie 
eine Linie Kavallerie, die von einer bestimmten Regel geleitet wird und nur darauf 
bedacht ist, den Feind ziuückzuwerfen ; die Holländer dagegen gehen wie eine Kavallerie 
vor, deren einzelne Abteilungen ihren Platz verlassen und getrennt zum Angriff kommen." 

Immerhin war aber auch in der holländischen Flotte schon mehr Ordnung 
als früher, besonders seit Ruyter führte. Und auch sonst sehen wir Fortschritte 
in der Taktik: Versuche, luigünstige Lagen und Fehler des Feindes auszu- 
nutzen. Hierher gehört vor allem der Angriff M o n c k s am ersten Tage der 
Viertageschlacht, durch den er einen Teil des Feindes anfangs allein engagiert 
und fast außer Gefecht setzt; doch in jeder Schlacht finden wir planmäßig 
angelegte Manöver, um an einer Stelle mit Übermacht aufzutreten, auch Tromps 
Eigenmächtigkeiten hatten nur diesen Zweck. Das stete Bestreben R u y t e r s, 
die Gefechte entfernt von Sauden in zimi Manövrieren freiem Wasser zu führen, 
muß man auch als taktische Maßregel ansehen. Durch derartige Manöver tmd 
das Bestreben, die Formation zu erhalten, ist der Charakter der Schlacht ein 
anderer geworden; die Taktik ist nicht mehr damit erschöpft, die Rotten 
aneinanderzuführen und dann den Kampf in der Melee entscheiden zu lassen. 
Gerade die '„Viertageschlacht" wird von eüizelnen Schriftstellern als der 
Übergang von älteren Methoden zu einer neuen Taktik 

angesehen. 

Mit Beziehung hierauf sagt Chaband-Arnault (Revue maritime usw. 1885 ; hier 
kürzer zusammengefaßt): „Mehr wie irgend eine andere Schlacht bezeichnet gerade 
diese einen Übergang. Zum ersten Male sehen wir bestimmte Pläne und können die 
Hauptbeweg^ngen der kämpfenden Flotten danach verfolgen. Wir fühlen, daß jeder 
General nur sein Geschwader in der Hand hat und daß auch der Oberbefehlshaber 
über die Unterabteilungen nach seinem Belieben verfügt. (Wir sagen wohl besser: 
wenigstens dahin strebt.) Der Admiral hält die Luvseite noch für einen Vorteil, aber 
sie ist nicht mehr die Hauptsache — das einzige — , womit er sich beschäftigt. Er 
trachtet vor allem danach, seine Flotte in guter Ordnung und geschlossen zu halten, 
um während der Schlacht nach einheitUchem Plane zu leiten. . . . Als bei Northforeland 
später große Zwischenräume zwischen den Geschwadern sich bildeten und sich die 
Nachhut sogar ganz von der Mitte trennte, beklagte Ruyter diesen Fehler als die Haupt- 
ursache der Niederlage.'' 

Infolge des besseren Zusammenhaltens der Streitkräfte während der 
Schlacht tritt mm auch die taktische Ausnutzung des Sieges mehr hervor; 
wir finden schärfere Verfolgungen als früher und dadurch hervorgenifene 
Rückzugsgefechte. 



300 Der zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

Endlich muß in taktischer Beziehung noch auf die Verwendung der Spezial- 
Waffen hingewiesen werden. Der zweite englisch-holländische Krieg ist die 
Blütezeit der B r a n d e r ; gerade die zunehmende Ordnung war ihrer Ver- 
wendung zunächst günstig (vgl. Seite 188). Sie spielen in den Schlachten 
und bei den Unternehmungen in feindlichen Gewässern eine große Rolle; 
Sclilachten werden vermieden, Unternehmungen abgebrochen wegen Mangels 
an Brandem oder wegen Stärke des Gegners in dieser Waffe. Auch bei den 
anderen Schiffen beginnt eine Trennung sich zu vollziehen, nicht mehr sind 
wie zur Zeit der ausgesprochenen Gruppentaktik alle Schiffe gleich gut im 
Kampfe zu verwerten. Das Schlachtschiff geht zwar im allgemeinen noch 
hinimter bis zu 40 Kanonen, aber kleinere imd doch immer noch mit einer 
gewissen Gefechtskraft, 26 — ^36 Kanonen, werden jetzt mehr zu besonderen 
Zwecken gebraucht: Zur Bedeckung von Brandem im Gefecht und bei An- 
griffen feindlicher Schiffe in Häfen usw., zu regelrecht angesetztem Erkundungs- 
dienst, zur Unterstützung beschädigter Schlachtschiffe. Auf solche Spe- 
zialschiffe haben besonders die Holländer Wert gelegt ; sie sind mit ihren 
zu diesem Zweck gebauten „Fregatten" hierin überlegen; bei ihnen wenigstens 
stehen Schiffe dieser Größe nicht mehr in der Schlachtlinie. 

Über Strategie.*) Auch dieser zweite Krieg war ein reiner Seekrieg. Zwar 
war es Karl II. gelimgen, in dem Bischof von Münster einen Bundesgenossen 
zu Lande zu finden, doch wurde dessen Angriff von Holland schnell abge- 
schlagen. 

Der Bischof von Münster — ein ehrgeiziger, unruhiger und ausschwei- 
fender Prälat — stellte für Hilfsgelder, die England ihm bot, in Eüe ein Heer von 20 000 
Mann auf und fiel in Holland ein. Da die regierende Partei hier das Landheer vernach- 
lässigt hatte, konnte selbst diesem Gesindel kaum Widerstand geleistet werden. Die Ver- 
heerungen des Feindes erregten besonders in den Landprovinzen großen Schrecken und 
Zorn gegen die Regierung und stärkten so die Partei der Oranier. Da aber gerade dies 
Ludwig XIV. nicht genehm war, stellte er ein Hilfskorps von 6000 Mann ; zu diesem nahm 
man 12000 Mann von Braunschweig-Lüneburg in Sold. Dem Bischof, der nach der 
ersten Zahlung von Karl II. kein Geld mehr erhielt, liefen viele Soldaten davon, um so mehr 
da es sich jetzt nicht mehr um Plündern, sondern um Fechten handelte. Er wurde nun 
ohne Mühe zurückgetrieben und schloß, auch von Brandenburg bedroht, April 1666 
gern Frieden. 

Dieser Krieg unterscheidet sich aber wesenthch von dem ersten. Die 
Holländer hatten eingesehen, daß sie nicht gleichzeitig ihren Handel schützen 
und um die Herrschaft auf dem Meere kämpfen konnten. Bei einem Kampf 
lun Durchführung des Handels waren sie im Nachteil, da der ihrige inmier 
noch weit größer und wegen seiner Straßen leichter anzugreifen war. Sie ver- 
boten deshalb Handel und Fischerei (bis gegen Ende 1666) imd trugen den 

♦) Colombs Disposition für Kapitel III, in dem dieser Krieg besprochen wird: 
Der schwächere Gegner hat die Unmöglichkeit erkannt, gleichzeitig den Handel zu 
schützen und um die Seeherrschaft zu kämpfen ; er verbietet das Auslaufen der Handels- 
schiffe. Von beiden Seiten richtet man den Angriff auf die Seestreitkräfte. Wenn 
die Seeherrschaft errungen ist, erfolgen Angriffe auf die Schiffe in den Häfen, auch 
Landungstruppen werden eingeschifft. — Wir folgen wieder dieser Disposition. 



über Strategie in diesem Kriege. Der Kriegsschauplatz. 



301 




302 I^ zweite englisch-holländische Kri^ 1665 — 1667. 

dadurch hervorgerufenen Schaden freiwillig, um einem größeren Verlust und 
der damit noch verbundenen Bereicherung des Gegners vorzubeugen; außer- 
dem stand nun das ganze seemännische Personal des Landes der Kriegsflotte 
zur Verfügung. So wurde im zweiten Kriege von beiden Seiten lun die See- 
herrschaft gekämpft, bis England im dritten Jahre zu seinem Verderben davon 
abging. Während im ersten Kriege vier große Schlachten um Konvois ge- 
schlagen wurden, finden wir im zweiten den Kampf um den Handel nur als 
kleinen Krieg nebenherlaufend ; die Schlachtflotten beteiligten sich daran nur, 
wenn sich eine besonders günstige Gelegenheit bot, den feindlichen Handel 
empfindlich zu schädigen. Von Anfang an werden von beiden Seiten mächtige 
Stöße auf die feindlichen Seestreitkräfte geführt. Erst wenn eine der Parteien 
die Seeherrschaft errungen hat, geht sie zu größeren Unternehmungen gegen 
den feindlichen Handel oder gegen das feindliche Land vor; Holland versucht 
das letztere mit Erfolg, als England freiwillig auf die Seeherrschaft verzichtet hat. 
In beiden Staaten ist das Bestreben, dem Feinde mit dem ersten Schlage 
zuvorzukommen, so groß, daß ihre Flotten, ohne genügend schlagfertig zu sein, 
zum Angriff vorgehen. Die Engländer gehen 1665 zuerst in See, um, wie in 
dem letzten Abschnitte des ersten Krieges, den jetzt beginnenden gleich an 
die feindliche Küste zu tragen und schon die Vereinigung der feindlichen Flotte 
zu hindern. Die noch unvollständig ausgerüsteten Schiffe sind aber unter 
ungünstigen Wetterverhältnissen nicht imstande, eine längere Blockade durch- 
zuführen, und müssen, bald durch Sturm beschädigt, zur Ausbesserung nach 
einem Heimathafen zurückkehren. Wohl wäre dies ein günstiger Zeitpunkt 
zum Vorgehen der nun vereinigten holländischen Streitkräfte gewesen, aber 
der Chef der Flotte hielt auch diese für noch nicht genügend bereit. Trotzdem, 
wird er von seiner Regierung gedrängt und geht in See. Zwar wirft ihm der 
Zufall eine reiche Beute — den für den Gegner wertvollen Hamburger Konvoi 
mit Kriegsmaterial — in den Weg, als er aber, durch das ihm ausgesprochene 
Mißtrauensvotum gekränkt, unter ungünstigen Verhältnissen die erste Schlacht 
anninmit, um unter allen Umständen zu fechten, erleidet er die schwere Nieder- 
lage (Lowestoft, I3t Juni), die die See den Engländern völlig preisgab. 

Mahan (Teil I, Seite loi ) sagt hierzu : „Es scheint, daß Wassenaer sehr bestimmten 
Befehl hatte, zu fechten; die einem Höchstkommandierenden zustehende Vollmacht» 
nach eigenem Ermessen zu handeln, war ihm nicht erteilt. Diese Art, sich in die Be- 
fugnisse des Kommandierenden im Felde oder zur See einzumischen, ist eine der ge- 
wöhnlichsten Versuchungen, denen Regierungen unterliegen; sie ist immer verhäng- 
nisvoll." Mahan führt noch zwei bedeutsame Beispiele dieser Art aus der späteren 
Seekriegsgeschichte an. 

Die Engländer versuchen nun, ihren Erfolg strategisch auszunutzen, aber 
nicht in der richtigen Weise. Abgesehen von dem Nutzen einer Blockade 
überhaupt war es mögHch, das zurückkehrende Geschwader Ruyters und den 
großen Konvoi abzufangen. Anstatt hierzu die Gesamtkräfte an der feind- 
heben Küste zu halten, werden sie zersphttert. Die feindüche Flotte vereinigt 
sich wieder, und beide Objekte entgehen den Engländern; durch Zufall aber 
erbeuten sie trotzdem einige Schiffe. Im weiteren Verlauf muß England sogar 



über Strategie. Rückblick auf den Krieg. 303 

infolge der Pest dem Gegner das Meer überlassen, aber auch dieser wird durch 
Krankheit auf der Flotte verhindert, größeren Nutzen daraus zu ziehen. Be- 
merkenswert ist, daß Ruyter (d. h. wohl auf Anregung des Staatsmannes 
de Witt) schon jetzt ein großes Unternehmen gegen die Themse ins Auge gefaßt 
zu haben scheint. Der Winter bringt die übliche Pause im Kriege, doch rüsten 
beide Staaten für das nächste Jahr; England namentlich, nachdem ihm auch 
von Frankreich und Dänemark der Krieg erklärt ist. 

Im Jahre 1666 sind es die Holländer, die zuerst den Feind suchen; Eng- 
land macht vor dem Zusammenstoß den. großen Fehler der Detachierung 
Ruprechts. Die enghsche Flotte war der holländischen etwa gleich, sie befand 
sich ihr und dem auch nicht zu unterschätzenden französischen Geschwader 
gegenüber in einer inneren Stellung. Es wäre also das einzig Richtige gewesen, 
sich auf die Holländer zu werfen, ehe deren Verbündete eintreffen konnten; 
unter Umständen auch mit der ganzen Macht den Franzosen entgegenzugehen. 
Es ist aber nicht zu entschuldigen, die an sich schon schwächere Kraft zu 
teilen und so zu teüen, daß man dem nächsten und stärksten Feinde bedeutend 
unterlegen gegenüberstand. Es ist dies immer falsch, besonders zur See, wo 
höhere Gewalten — wie Nebel oder Sturm — leichter als zu Lande das Heran- 
kommen des zweiten Feindes aufhalten können. 

Mahan (Teü I, Seite iio) sagt hierzu: „Eine Lage wie die der englischen Flotte, 
in der sie von zwei Seiten bedroht war, bietet eine große Versuchung für den Befehlshaber. 
Man ist sehr leicht geneigt, seine Kräfte zu teilen und beiden Feinden entgegenzugehen, 
wie Karl es tat. Wenn man jedoch nicht eine erdrückende Übermacht hat, ist diea 
stets ein Fehler, da man beide Teile der Gefahr aussetzt, getrennt geschlagen zu werden. 
I>ies trifft auch hier zu. Die beiden ersten Tage der Viertageschlacht waren verhängnis- 
voll für die größere englische Division unter Monck, die gezwungen wurde, sich auf 
Ruprecht zurückzuziehen; wahrscheinhch rettete nur seine sehr gelegen kommende 
Rückkehr die englische Flotte vor schweren Verlusten oder zum mindesten vor der 
Einschließung in ihre Häfen. Einen ähnhchen Fehler des englischen Admirals Com- 
Wallis vor Traf algar bezeichnete Napoleon als ein hervorragendes Beispiel von Dummheit ! 
Die Lehre bleibt zu allen Zeiten gleich richtig." 

Die Folge dieses Fehlers war denn auch die Niederlage in der Viertage- 
schlacht. Monck mußte sich dann auf Ruprecht zurückziehen, und daß 
die Verluste nicht noch weit größer wurden, ist wohl nur dem rechtzeitigen 
Wiedererscheinen Ruprechts und der überlegenen Taktik der Engländer 
zu verdanken. Was wäre aber geschehen, wenn Ruprecht gleichzeitig in 
ähnhcher Weise durch die Franzosen auf Monck zurückgeworfen wäre ? 

Holland beeüt sich, seinen Sieg zu verfolgen, und plant wieder einen Stoß 
in das Herz des Feindes, ein Eindringen in die Themse. Aber man hat Hüfs- 
queUen und Energie des Gegners unterschätzt; als die holländische Flotte 
bereit ist und zunächst noch durch ungünstige Winde etwas aufgehalten^ 
vor der Themse erscheint, tritt ihr auch die enghsche wieder schlagfertig ent- 
gegen. Die Schlacht von Northforeland wird infolge der alten Schwächen der 
Holländer eine vöUige Niederlage dieser. Die Engländer benützen jetzt die 
augenblickliche Seeherrschaft dazu, dem Feinde in dem Vlie großen Schaden 



304 ^er zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. 

zuzufügen. Es ist nicht klar, weshalb sich die Engländer hiermit begnügten ; 
Andeutungen in alten Quellen lassen annehmen, daß die inrnier weiter zu- 
nehmende Nachlässigkeit im Verwaltungsbetriebe die nach jeder Schlacht 
notwendige Instandsetzung der Flotte und ihre Erhaltung in gutem Zustande 
hinderte. 

Die Kriegführung wird jetzt überhaupt auf beiden Seiten lau. Als Ruyter 
am 5. September wieder ausläuft und die englische Flotte ilun folgt, kommt 
es zu keinem Zusanunenstoß. Jeder der Gegner behauptet, der andere Teil 
habe ein Gefecht vermieden und Wetterverhältnisse seien hindernd gewesen, 
aber keiner hat einen Kampf emsthch gesucht. Der Wunsch, sich vor einer 
Schlacht erst mit den Franzosen zu vereinigen, auf der einen Seite und das 
Gefühl der Schwäche (Mangel an Brandem und „other deficiencies"*) auf der 
anderen sind mutmaßlich die wahren Gründe gewesen; vielleicht haben auch 
schon Friedensaussichten sowie der auf beiden Flotten herrschende schlechte 
Gesundheitszustand dazu beigetragen. Die Franzosen hielt Zaghaftigkeit 
oder böser Wille zurück. Die Engländer gingen zuerst in ihre Gewässer, die 
Holländer hielten noch einige Zeit die See, um Druck auf den Fortgang der 
Friedensverhandlungen auszuüben, aber schon Anfang Oktober trat die Winter- 
ruhe ein. 

Das Jahr 1667 bietet ein ganz neues Büd. Wir haben gehört, daß und 
weshalb Karl IL den Kampf mit Flotten völlig aufgab. Die damit verbxmdene 
Freigabe der See ermöglicht nun de Witt mid Ruyter, ihren Lieblingsplan, 
einen Stoß in das Herz des Feindes, auszuführen; die UnvoUkommenheit 
der Maßnahmen zur Abwehr ist ihnen bekaimt, das Fahrwasser ist 
nach Möglichkeit genau erforscht. Das mit Tatkraft durchgefülu^e 
Unternehmen in Themse und Medway und gegen die ganze Küste überhaupt 
hätte bei Verwendimg stärkerer Mittel noch weit verhängnisvoller für England 
werden können. Immerhin war der dem Feinde zugefügte Schaden groß und 
vor allem bewirkte der moralische Eindruck der Waffentat, daß England mm 
emsthch den Frieden suchte; die weitere Blockade der Themse, die beständige 
Bedrohung der Küsten beschleunigten die Verhandlungen. Auch diese späteren 
Untern ehmimgen waren für Holland nur möglich, weU keine große schlag- 
fertige englische Flotte vorhanden war. Sie wurden wohl nicht schärfer durch- 
geführt, um nicht zu viel mehr aufs Spiel zu setzen; man hatte seinen Zweck 
erreicht. 

Der Besitz dei Seeherrschaft hat den Krieg ent- 
schieden. Der Kampf um diese ist nicht bis zu Ende geführt worden; 
so lange darum gefochten wurde, standen die Aussichten zienüich gleich, der 
Erfolg war bis dahin bald auf der einen, bald auf der andern Seite. Entscheidend 
zuungunsten Englands war der falsche Gedanke Karls IL, die Niederwerfung 
des Gegners allein im Kreuzerkriege erreichen zu können. 

Mahan läßt sich (Teü I, Seite 126 — 132) über den mlUtärisoheii Wert des Kreoier- 
krleges folgendermaßen aus (im Auszüge wiedergegeben) : „Der Kreuzerkrieg — commerce 

♦) Colomb, Seite 58. 



über den Wert des Kreuzerkrieges. Angriffe auf das feindliche Land. 305 

destroying; guerre de course — hat stets Veriockendes, wenn Sparsamkeit beobachtet 
-werden soll. Er braucht nur schnelle Kreuzer und man kann auch darin noch durch 
Ausgabe von Kaperbriefen dem Staate weitere Erleichterung schaffen. Trotzdem 
kann man durch ihn dem Gegner großen Schaden zufügen, der fremden Regierung 
bedeutende Verlegenheiten bereiten, ihre Bevölkerung ins Elend bringen. 

Aber der Kreuzerkrieg bedarf Stützpunkte: Heimatshäfen, Häfen in entfernten 
Besitzungen oder eine mächtige Kriegsflotte. Besitzt er nur Stützpunkte in Häfen, 
so kann er sich nur auf kurze Entfernungen herauswagen. Auch so kann diese Krieg- 
führung zwar vielen Schaden tun, aber sie verwundet nur, sie tötet nicht; ja man darf 
wohl sagen, sie veranlaßt nur unnütze Leiden. Es leiden nur gewisse Klassen der Be- 
völkerung: Nicht die Wegnahme einzelner Schiffe oder Convois, seien es wenige oder 
viele, bringt die Zahlungsfähigkeit einer Nation in Gefahr, sondern der Besitz der 
Macht, die die feindliche Flotte (besder wohl „Flagge") von der See verjagt und dem 
feindlichen Handel die Küsten schließt; dann erst leiden die Regiei*ung und die Nation 
im ganzen. Führt der eine Gegner den Kreuzerkrieg ohne, der andere aber mit 
Unterstützung einer starken Flotte, so kann dieser weit mehr erreichen, selbst wenn 
er genötigt ist, auf den Schutz seines Handels zu verzichten'*. 

Zur Bekräftigung dieser Sätze führt Mahan kurz die Kriege an, in denen der 
Kreuzerkrieg eine hervorragende Rolle gespielt hat. Über die Kriege unseres Abschnittes 
sagt er in dieser Hinsicht: „Nicht die englische Politik von 1667, sondern die mächtigen 
Flotten Cromwells im ersten Kriege, durch die die Holländer in ihre Häfen eingeschlossen 
wurden, ließen Gras in den Straßen Amsterdams wachsen und führten den Frieden herbei. 
Wenn auch sein Handel durch Unterbrechung und Preisgabe schwer litt, so war Holland 
im zweiten Kriege doch imstande, mächtige Flotten zu halten, und zwang mit ihnen 
endlich den Gegner zum Frieden, als dieser nur Kreuzerkrieg führte. Auch den dritten 
Krieg konnte Holland trotz Verlust im Handel gegen England und Frankreich ausfechten. 
In dem Kriege 1689 — 1697 litt England unter dem Kreuzerkriege ganz ungemein, weil 
Frankreich auch große Kriegsflotten in See hatte. Als 1702 — 17 12 Louis XIV, sich 
wegen Geldmangels auf den Kreuzerkrieg beschränken mußte, wurden zwar ungeheuer 
viele englische Schiffe genommen, aber das Land und auch besonders die handeltrei- 
benden Kreise gediehen trotzdem weiter ; die enghschen Flotten hatten zwar den Handel 
preisgegeben, nahmen aber Gibraltar und Minorca und wirkten auch sonst weit wesent- 
licher auf den Verlauf des Krieges ein." — Die Beispiele werden bis in die neueste Zeit 
(Sezessionskrieg) fortgesetzt. 

Blicken wir nun noclimals auf die Angriffe gegen das feind- 
liche Land zurück. Sie werden strategisch richtig nur ins Werk gesetzt, 
wenn man die Seeherrschaft besitzt. Sie werden taktisch wohl überlegt aus- 
geführt: das Gros der Flotte liegt in freierem Wasser als Stützpunkt und um 
den Rücken freizuhalten, ein Geschwader aus leichteren Schiffen wird mit 
Brandem vorgeschickt. Der erste Angriff gilt der Zerstönmg feindlicher 
Schiffe, dann folgt die Landung. Das erste wird also für das Wichtigere und 
auch das zweite nur als ein Mittel zu weiterer Zerstörung feindlichen Eigen- 
tums betrachtet; ein Festsetzen in Feindesland für größere Unternehmungen 
scheint nie beabsichtigt zu sein. 

Genau wie oben angedeutet, verläuft die einzige derartige englische Ex- 
pedition im Vlie, zu der Landung stehen nur ganz geringe Kräfte zur Ver- 
fügung; nahezu so spielt sich die Holländische in Themse und Medway ab. 
Hier mißlingt der erste Angriff auf die Schiffe in der Themse, dann wird Sheemess 
genommen, da man sonst an die Fahrzeuge im Medway nicht herankommen 

Rittmeyer, Seekriege. 20 



3o6 ^^ zweite englisch-holländische Krieg 1665 — 1667. Rückblick. 

konnte. Zu einem dauernden Festsetzen ^^ürden die Truppen auch hier nicht 
genügt haben, selbst wenn alle dafür bestimmten zur Stelle gewesen wären; 
höchstens hätte man dann wahrscheinlich Chatham und die dort liegenden Schiffe 
auch vom Lande her angreifen und so einen größeren Erfolg erzielen können. 
Die früheren und späteren Versuche gegen die Themse waren nicht zu einer 
größeren Invasion ausgerüstet, und endlich wurde auch, wie die geringe Zahl 
der Landungstruppen zeigt, der Landangriff auf Harwich nur unternommen, 
um leichter und sicherer die Schiffe im Hafen zu vernichten. Wie gesagt, 
handelte es sich in diesem Kriege bei derartigen Unternehmungen nur darum, 
den Feind durch einen kurzen Schlag zu schädigen, nicht den Krieg in sein 
Land zu tragen ; wollte